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Ein Rückblick aus dem Jahre 2000 auf 1887

Edward Bellamy: Ein Rückblick aus dem Jahre 2000 auf 1887 - Kapitel 23
Quellenangabe
typefiction
authorEdward Bellamy
titleEin Rückblick aus dem Jahre 2000 auf 1887
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
editorGeorg von Gizycki
year1890
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20071005
projectid973f0b56
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Einundzwanzigstes Kapitel.

Dr. Leete hatte mir vorgeschlagen, den folgenden Morgen zur Besichtigung der Schulen und höheren Lehranstalten der Stadt zu verwenden. Er wollte dabei versuchen, mir einen Begriff von dem Erziehungswesen des zwanzigsten Jahrhunderts beizubringen.

»Sie werden sehen,« sagte er, als wir uns nach dem Frühstück aufmachten, »daß sich unsere Erziehungsmethode in vielen wichtigen Punkten von der Ihrigen unterscheidet. Aber der Hauptunterschied liegt darin, daß heutzutage Allen die gleiche Gelegenheit zu höherer Bildung gewährt wird, deren sich in Ihren Tagen nur ein verschwindend kleiner Teil der Bevölkerung erfreute. Wir würden glauben, daß das, was wir hinsichtlich des physischen Wohles der Menschheit für die Gleichheit gethan haben, nicht der Rede wert sei, wenn wir nicht auch in der Erziehung diese Gleichheit hätten gewahren können.«

»Die Kosten müssen sehr groß sein,« sagte ich.

»Wenn sie das halbe Einkommen der Nation verschlängen, so würde niemand darüber murren,« erwiderte Dr. Leete; »ja selbst dann nicht, wenn sie Alles in Anspruch nähmen und uns nur magere Hungerkost übrig ließen. Aber in Wirklichkeit kostet die Erziehung von zehntausend jungen Leuten nicht zehnmal, ja nicht einmal fünfmal so viel, wie die von tausend. Der Grundsatz, daß alle Unternehmungen, die in großem Maßstabe betrieben werden, verhältnismäßig billiger sind, als diejenigen, die sich in kleinen Verhältnissen bewegen, findet auch auf die Erziehung Anwendung.«

»Eine gelehrte Bildung war zu meiner Zeit sehr teuer,« sagte ich.

»Wenn unsere Geschichtsschreiber recht berichten,« antwortete Dr. Leete, »so war es weniger das Lernen auf den Hochschulen, was so teuer war, als die Zerstreuungen und der Aufwand, der dort getrieben wurde! Die wirklichen Ausgaben für Unterrichtszwecke waren sehr niedrig und würden noch niedriger gewesen sein, wenn die Pflege der Wissenschaft eine allgemeinere gewesen wäre. Der höhere Schulunterricht ist heutzutage nicht kostspieliger als der niedere, da alle Lehrenden, gleich den anderen Arbeitern, den nämlichen Lebensunterhalt beziehen. Wir haben zu dem gewöhnlichen, auf dem allgemeinen obligatorischen Schulbesuch beruhenden System, wie es vor hundert Jahren in Massachusetts bestand, einfach ein halbes Dutzend höherer Klassen hinzugefügt, in denen unsere Jugend bis zum Alter von einundzwanzig Jahren erzogen wird. Hier erhalten unsere jungen Leute dasjenige, was Sie die »Erziehung eines Gentleman« zu nennen pflegten, und sie werden nicht mehr mit vierzehn oder fünfzehn Jahren in die Welt hinausgestoßen mit einer Ausstattung, die nur in einiger Fertigkeit im Lesen, Schreiben und in den vier Spezies besteht.«

»Abgesehen von den direkten Kosten dieser, zu der bei uns üblichen Erziehungszeit hinzugefügten Jahre,« erwiderte ich, »würden wir geglaubt haben, die betreffende Zeit den gewerblichen Unternehmungen nicht entziehen zu dürfen. Knaben aus der ärmeren Klasse traten gewöhnlich mit dem sechzehnten Jahre oder noch jünger in Arbeit und hatten mit dem zwanzigsten ihre Profession erlernt.«

»Wir würden Ihnen nicht zugeben, daß Sie auf diese Weise auch nur rücksichtlich der Menge der hergestellten Produkte einen Vorsprung vor uns gehabt haben,« erwiderte Dr. Leete. »Die größere Ergiebigkeit, die als Folge einer sorgfältigen Erziehung sich bei jeglicher Arbeit einstellt und höchstens bei den gröbsten Beschäftigungen ausbleiben könnte, bringt schnell die Zeit wieder ein, die an den Erwerb der höheren Bildung gewendet werden mußte.«

»Wir würden auch gefürchtet haben, daß eine höhere Erziehung, wie sie vielleicht für den Gelehrtenstand von Nutzen ist, die Leute abgeneigt gemacht haben würde, sich mit groben körperlichen Arbeiten abzugeben.«

»Dergleichen Wirkung hatte, wie ich gelesen habe, die höhere Bildung zu Ihrer Zeit,« erwiderte der Doktor; »und das war kein Wunder: denn wer sich durch seiner Hände Arbeit den Lebensunterhalt erwarb, gehörte zu der rohen und ungebildeten Menge. Jetzt haben wir eine niedrigstehende Volksklasse überhaupt nicht mehr. Damals waren solche Befürchtungen ganz gerechtfertigt, und es kam noch hinzu, daß alle, die eine höhere Bildung erhielten, selbstverständlich für einen höheren Berufszweig oder für müßiges Wohlleben bestimmt waren. Hatte nun jemand, der weder reich war, noch den bevorzugten Ständen angehörte, eine solche Erziehung genossen, so wurde angenommen, daß er seinen Lebenszweck verfehlt oder Schiffbruch gelitten habe, und sein höherer Bildungsgrad galt eher als ein Kennzeichen der Inferiorität denn als ein solches der Überlegenheit. Heutzutage aber, wo die beste Erziehung für notwendig erachtet wird, um jedermann, ohne Rücksicht auf den von ihm zu erwählenden Beruf, einfach für das Leben tüchtig zu machen, läßt der Besitz einer höheren Bildung einen Schluß, wie Sie ihn zogen, nicht mehr zu.«

»Bei alledem,« sagte ich, »kann auch die vortrefflichste Erziehung die natürliche Trägheit und den Mangel geistiger Gaben nicht beseitigen. Wenn nicht heutzutage die durchschnittliche menschliche Begabung auf einer weit höheren Stufe steht, als zu meiner Zeit, so muß bei einem großen Teile der Bevölkerung eine, höhere Ziele verfolgende Erziehung nahezu als weggeworfene Mühe erscheinen. Wir hielten dafür, daß ein gewisser Grad von Empfänglichkeit für erziehliche Einwirkungen erforderlich sei, um den Unterricht lohnend zu machen, gerade so, wie der Boden eine gewisse natürliche Fruchtbarkeit haben muß, um die Kosten seiner Bestellung wieder einzutragen.«

»O,« sagte Dr. Leete, »ich freue mich, daß Sie gerade dieses Beispiel gewählt haben; denn es ist dasjenige, welches auch ich gebrauchen möchte, um den Gesichtspunkt, den wir Neueren bei der Erziehung im Auge haben, recht klar zu stellen. Sie sagen, daß ein Stück Land, welches so armselig ist, daß seine Erzeugnisse die Bearbeitungskosten nicht decken, auch nicht angebaut wird. Nichtsdestoweniger ist manches Fleckchen Erde, dessen Bebauung sich nicht durch die zu erwartenden Erzeugnisse lohnte, sowohl in Ihren Tagen als auch zu unserer Zeit in Kultur genommen worden. Ich meine die Gärten, Parks und Rasenplätze, überhaupt Landflächen, die so gelegen sind, daß sie, wenn man sie mit Unkraut und Dornen hätte bewachsen lassen, das Auge der Anwohner beleidigt und sie auch anderweitig beeinträchtigt haben würden. Man kultiviert deshalb dergleichen Plätze; und wenn sie auch an Produkten nur einen geringen Ertrag geben, so giebt es doch kaum ein Stück Land, dessen Bearbeitung sich, in einem weiteren Sinne gesprochen, besser lohnen könnte. Ebenso ist es mit den Männern und Frauen, mit denen wir in geselligem Verkehr stehen, deren Sprache stets in unseren Ohren widertönt, deren Betragen auf unser Wohlbehagen in mannigfaltiger Weise von Einfluß ist, – welche in der That ebensosehr zu unseren Lebensbedingungen gehören, wie die Luft, in der wir atmen, oder die Elemente, von denen unsere Existenz abhängt. Wenn wir nun wirklich nicht im stande wären jedermann eine vollendete Erziehung zu gewähren, so sollten wir lieber die gröbsten und stumpfsinnigsten, als die vortrefflichsten Naturen auswählen, um ihnen die bestmöglichste Erziehung angedeihen zu lassen. Wer von Natur gute Anlagen besitzt, der kann weit besser ohne Erziehung auskommen, als der minder glücklich Begabte.

»Wir würden – um ein in Ihren Tagen oft gehörtes Wort zu gebrauchen – das Leben nicht für lebenswert halten, wenn wir gleich den wenigen Gebildeten zu Ihrer Zeit gezwungen wären, umgeben von einer unwissenden, groben, rohen Bevölkerung zu leben. Ist ein Mann, wenn er nur selbst wohl parfümiert ist, gern bereit, sich unter eine übelriechende Menge zu mischen? Könnte er mehr als eine höchst beschränkte Befriedigung genießen, wenn er zwar in einem Palaste wohnt, aber sämtliche Fenster auf stinkende Höfe hinausgehen? Und doch war genau das die Lage derjenigen, die zu Ihrer Zeit an Bildung und feinem Benehmen die ersten waren. Ich weiß es, daß die Armen und Unwissenden die Reichen und Gebildeten damals beneideten; aber uns scheint es, daß die Letzteren, welche inmitten solcher Unsauberkeit und Rohheit leben mußten, wenig besser daran waren, als die ersteren. Der Gebildete Ihrer Zeit glich einem Menschen, der bis an den Hals in einem widrigen Moraste steckt und sich mit einem Riechfläschchen tröstet. Sie sehen jetzt vielleicht, wie wir diese Frage der allgemeinen höheren Bildung auffassen. Nichts ist so wichtig für einen jeden, als einsichtige und gesittete Menschen zu Nachbarn zu haben. Nichts daher, was die Nation für uns thun kann, wird unser eigenes Glück so sehr erhöhen, als wenn sie unsere Nachbarn zu gebildeten Bürgern macht. Unterlaßt sie dies, so wird der Wert unserer eigenen Bildung auf die Hälfte zurückgeführt und das erworbene feinere Gefühl zu einer Quelle der Unlust.

»Wenn, wie es bei Ihnen geschah, einigen die höchste Bildung gewährt und die Masse des Volkes gänzlich ungebildet gelassen wird, so wird dadurch die Kluft zwischen denselben so vertieft, daß sie fast verschiedenen Arten von Wesen anzugehören scheinen, die kein Mittel besitzen, miteinander zu verkehren. Was könnte unmenschlicher sein, als diese Folge einer Beschränkung der Bildung auf nur einige! Die allgemeine und gleichmäßige Ausbildung läßt allerdings die Unterschiede der Begabung in eben dem Umfange bestehen, wie ein Naturzustand sie zeigen würde; aber das Niveau der am wenigsten Begabten wird durch sie gewaltig erhöht. Die Rohheit ist beseitigt. Alle haben eine Ahnung von den Wissenschaften, ein Verständnis für geistige Dinge und Bewunderung für die noch höhere Bildung, die sie selbst nicht zu erringen vermochten. In verschiedenem, aber alle doch in gewissem Grade sind sie fähig, die Freuden und Anregungen einer verfeinerten Geselligkeit zu genießen und selbst dazu beizutragen. Woraus bestand die gebildete Gesellschaft des neunzehnten Jahrhunderts anders, als aus wenigen, mikroskopisch kleinen Oasen in einer ungeheuren Wüste? Die Zahl der Individuen, die eines geistigen Interesses und eines verfeinerten Verkehrs fähig waren, pflegte im Verhältnis zur Gesamtheit ihrer Zeitgenossen so unendlich klein zu sein, daß sie in einer allgemeinen Angabe des Zustandes der damaligen Menschheit kaum Erwähnung verdiente. Eine einzige Generation der heutigen Welt stellt mehr geistiges Leben dar, als fünf Jahrhunderte der Vergangenheit.

»Es giebt,« fuhr Dr. Leete fort, »noch einen anderen Punkt, den ich bei der Angabe der Gründe, weshalb man jetzt nichts minderes als die völlige Allgemeinheit der besten Erziehung und Bildung dulden würde, erwähnen sollte: das Interesse des kommenden Geschlechts, gebildete Eltern zu haben. Um die Sache ganz kurz auszudrücken: es giebt drei Grundlagen, auf denen unser Erziehungssystem ruht: erstens das Recht eines jeden Menschen auf die vollständigste Erziehung, welche die Nation ihm gewähren kann, und zwar um seiner selbst willen, als eine notwendige Bedingung seines Glückes; zweitens das Recht seiner Mitbürger auf seine Erziehung, als eine notwendige Bedingung, daß sie an seiner Gesellschaft Freude haben; und drittens das Recht der Ungeborenen, daß ihnen einsichtige und gebildete Eltern verbürgt werden.«

Ich will nicht im einzelnen schildern, was ich an jenem Tage in den Schulen gesehen habe. Da ich in meinem früheren Leben für Erziehungsfragen nur ein geringes Interesse hatte, so könnte ich nur wenige bemerkenswerte Vergleiche anstellen. Nächst der Thatsache, daß der höhere sowohl wie der niedere Unterricht Allen zugänglich war, fiel mir am meisten die hervorragende Stelle auf, welche die leibliche Ausbildung einnahm, und die Thatsache, daß bei der Rangordnung der jungen Leute die Fortschritte in den gymnastischen Leistungen ebensowohl wie die in den Wissenschaften berücksichtigt wurden.

»Die Unterrichtsverwaltung,« erklärte Dr. Leete, »ist für den Körper der ihr anvertrauten Jugend ebenso verantwortlich, wie für deren Geist. Die höchstmögliche, leibliche sowohl als geistige Entwicklung eines Jeden ist das doppelte Ziel unseres Schulkursus, der vom sechsten bis zum einundzwanzigsten Jahre dauert.«

Die prächtige Gesundheit der Schuljugend machte einen großen Eindruck auf mich. Meine früheren Beobachtungen nicht nur hinsichtlich der bemerkenswerten äußeren Eigenschaften der Familie meines Wirtes, sondern auch hinsichtlich der Leute, die ich auf meinen Spaziergängen gesehen, hatten mich bereits auf den Gedanken gebracht, daß sich seit meiner Zeit so etwas wie eine allgemeine Vervollkommnung der physischen Verfassung des Menschengeschlechts vollzogen haben müsse; und als ich jetzt diese starken Burschen und frischen, kräftigen Mädchen mit den jungen Leuten verglich, die ich in den Schulen des neunzehnten Jahrhunderts gesehen hatte, konnte ich mich nicht enthalten, meine Gedanken dem Dr. Leete mitzuteilen. Mit großem Interesse hörte er mir zu.

»Ihr Zeugnis in dieser Sache,« erklärte er, »ist unschätzbar. Wir glauben, daß eine solche Vervollkommnung, wie Sie sie erwähnen, stattgefunden hat; aber das konnte bei uns natürlich nur eine theoretische Annahme sein. Infolge Ihrer einzigartigen Stellung können Sie allein in der heutigen Welt über diese Sache mit Autorität reden. Ihr Urteil, das kann ich Ihnen versichern, wird, wenn Sie es öffentlich aussprechen, großes Aufsehen erregen. Es würde übrigens gewiß seltsam sein, wenn das Menschengeschlecht keine Verbesserung zeigte. Zu Ihrer Zeit entartete der Reichtum die eine Klasse durch geistigen und körperlichen Müßiggang, während die Armut die Lebenskraft der Massen durch übermäßige Arbeit, schlechte Nahrung und ungesunde Wohnungen untergrub. Die Arbeit, die von den Kindern verlangt, und die Last, die den Frauen auferlegt wurde, zehrten an den Quellen des Lebens. Anstatt dieser bösen Lage ausgesetzt zu sein, erfreuen sich heute Alle der günstigsten Lebensbedingungen: die Jugend wird sorgsam ernährt und achtsam behütet; die Arbeit, welche von Allen verlangt wird, ist auf die Periode der größten körperlichen Kraft beschränkt und überschreitet nie das Maß. Die Sorge um den eigenen Lebensunterhalt und um den der Familie, die Anspannung eines unablässigen Kampfes um die Existenz – alle diese Einflüsse, welche einst so viel dazu beitrugen, Geist und Körper der Männer und Frauen zu Grunde zu richten, kennt man nicht mehr. Gewiß mußte eitle Vervollkommnung der Gattung einer solchen Veränderung folgen. Daß in gewissen bestimmten Hinsichten ein Fortschritt stattgefunden hat, wissen wir in der That. Der Wahnsinn zum Beispiel, der im neunzehnten Jahrhundert ein so schrecklich häufiges Erzeugnis Ihrer wahnsinnigen Lebensweise war, ist fast gänzlich verschwunden, und mit ihm sein Gegenstück, der Selbstmord.«

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