Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Edward Bellamy >

Ein Rückblick aus dem Jahre 2000 auf 1887

Edward Bellamy: Ein Rückblick aus dem Jahre 2000 auf 1887 - Kapitel 19
Quellenangabe
typefiction
authorEdward Bellamy
titleEin Rückblick aus dem Jahre 2000 auf 1887
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
editorGeorg von Gizycki
year1890
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20071005
projectid973f0b56
Schließen

Navigation:

Siebzehntes Kapitel.

Ich fand den Geschäftsgang in dem Warenhause ganz so interessant, wie ich es nach Ediths Beschreibung erwartet hatte. Zu dem Satze, daß eine vollkommene Organisation der Arbeit den Erfolg derselben auf wunderbare Weise vervielfältigt, bot sich mir hier eine so bemerkenswerte Illustration dar, daß ich geradezu in Enthusiasmus geriet. Das Warenlager erschien mir wie eine ungeheure Mühle, in deren Rumpf die Waren in ganzen Wagen- und Schiffsladungen beständig hineingeschüttet werden, um an dem anderen Ende in Paketen von einigen Pfund oder Gramm, einigen Ellen oder Centimetern, einigen Ankern oder Litern wieder hervorzukommen, entsprechend den Bedürfnissen von einer halben Million Menschen. Ich beschrieb dem Dr. Leete, wie zu meiner Zeit der Verkauf von Waren vor sich ging, und er rechnete mir auf Grund meiner Angaben vor, welch' erstaunliche Ersparnisse durch das neue System erzielt würden.

Auf dem Heimwege sagte ich: »Wenn ich das heute Gesehene mit dem zusammenhalte, was Sie mir erzählt haben, und was ich unter Fräulein Leetes Führung im Bazare erfahren habe, glaube ich einen ziemlich klaren Begriff von Ihrem Verteilungssystem gewonnen zu haben, und ich begreife jetzt, wie dasselbe jeden Zwischenhandel durch Mittelspersonen entbehrlich macht. Aber ich möchte gern auch etwas mehr über das System erfahren, nach welchem diese Waren produziert werden. Sie haben mir im allgemeinen erklärt, auf welche Weise Ihr Arbeiterheer ausgehoben und organisiert wird, aber wer leitet dessen Thätigkeit? Wer hat die höchste Entscheidung darüber zu treffen, was in jeder Abteilung gethan werden soll, damit von Allem eine ausreichende Quantität erzeugt und doch keine Arbeit verschwendet wird? Das scheint mir eine wunderbar verwickelte und schwierige Aufgabe zu sein, zu deren Lösung ganz ungewöhnliche Fähigkeiten erforderlich sind.«

»Scheint Ihnen das wirklich so?« antwortete Dr. Leete. »Ich versichere Sie, daß dies keineswegs der Fall ist. Im Gegenteil, das System ist so einfach und stützt sich auf so klare und leicht durchzuführende Grundsätze, daß die Beamten in Washington, die mit dieser Arbeit betraut sind, nichts weiter als durchschnittliche Fähigkeiten zu besitzen brauchen, um ihre Aufgabe zur vollen Zufriedenheit der Nation zu erledigen. Die Maschine, welche sie leiten, ist allerdings ungeheuer groß, aber sie ist so logisch in ihren Prinzipien, so klar und einfach in ihrer Handhabung, daß sie fast von selbst geht und nur ein Narr sie in Unordnung bringen könnte. Sie werden mir zustimmen, wenn ich Ihnen die Sache in wenigen Worten erkläre. Da Sie von dem Gange des Verteilungsverfahrens ja schon eine ziemlich gute Vorstellung haben, wollen wir von diesem ausgehen. Schon zu Ihrer Zeit konnten die Statistiker Ihnen sagen, wie viele Ellen Baumwollenstoffe, Sammet und Wollenzeuge, wie viele Tonnen Mehl, Kartoffeln und Butter, wie viele Paar Schuhe, Hüte und Sonnenschirme die Nation in einem Jahre konsumierte. Da die Produktion in Privathänden war und man auf keine Weise eine Statistik für die tatsächliche Verteilung des Konsums herstellen konnte, so waren diese Berechnungen allerdings nicht genau, aber doch annähernd richtig. Jetzt aber, wo jede Stecknadel gebucht wird, die in irgend einem Warenlager der Nation zur Ausgabe gelangt, sind natürlich die Zahlen, die den Verbrauch für eine Woche, einen Monat, ein Jahr angeben, und die am Ende eines jeden solchen Zeitabschnittes dem Verteilungsamte zugestellt werden, völlig genau. Auf diese Zahlen gründen sich, unter Berücksichtigung der üblichen Schwankungen und der Möglichkeit des Eintrittes besonderer, die Nachfrage beeinflussender Ereignisse, die betreffenden Voranschläge für das kommende Jahr. Wenn diese Anschläge, die der Sicherheit wegen einen gewissen Spielraum lassen, von der Generalverwaltung angenommen worden sind, haben die Verteilungsämter mit der Sache nichts weiter zu thun, bis die Waren bei ihnen eingeliefert werden. Ich sprach davon, daß die Voranschläge für ein ganzes Jahr im voraus aufgestellt werden; in Wirklichkeit aber wird ein Voranschlag für eine so lange Frist nur für die großen Massenartikel aufgestellt, bei denen auf eine stetige und dauernde Nachfrage gerechnet werden kann. Bei weitaus den meisten Erzeugnissen der kleineren Gewerbe pflegt der Geschmack zu wechseln, und es kommt bei denselben häufig auf die allerneueste Mode an. Bei Waren dieser Art hält sich die Produktion lediglich auf der Höhe des jeweiligen Verbrauches, und das Verteilungsamt liefert in kurzen Zwischenräumen die nötigen Mitteilungen, welche auf dem Stande der Nachfrage im Verlaufe je einer Woche beruhen.

»Das ganze Gebiet der Güter erzeugenden und zum Gebrauch fertigstellenden Gewerbe ist nun in zehn große Berufsgenossenschaften eingeteilt, von denen jede eine Anzahl verwandter Betriebe umfaßt. Innerhalb derselben wird wiederum jedes einzelne Gewerbe durch ein besonderes Betriebsamt vertreten, welches seinerseits eine vollständige Übersicht über die einzelnen Betriebe, die Anzahl der beschäftigten Personen, über die gegenwärtige Produktion und über die Mittel, diese letztere zu steigern, besitzt. Die von der Generalverwaltung genehmigten Voranschläge der Verteilungsämter werden als Arbeitsaufträge an die zehn großen Berufsgenossenschaften gesandt, welche dieselben dann an die einzelnen, die besonderen Gewerbe repräsentierenden Betriebsämter verteilen, und diese lassen von ihren Leuten die Arbeiten ausführen. Jedes Betriebsamt ist für die ihm zuerteilte Aufgabe verantwortlich, und seine Thätigkeit wird durch die betreffende Berufsgenossenschaft und die Generalverwaltung kontrolliert; auch nimmt kein Verteilungsamt eine Warenlieferung an, ohne sich selbst von der Beschaffenheit derselben überzeugt zu haben. Ja, selbst wenn sich erst in der Hand des Konsumenten eine Ware als fehlerhaft erweist, kann, vermöge unserer Produktionseinrichtungen, der Fehler bis zu demjenigen Arbeiter zurückverfolgt werden, welcher mit der Herstellung des speciellen Stückes betraut gewesen war. Die Herstellung der für den tatsächlichen Verbrauch der Nation notwendigen Gegenstände nimmt natürlich keineswegs die gesamten Arbeitskräfte in Anspruch. Nachdem die erforderlichen Mannschaften den verschiedenen Industrien zugewiesen worden sind, bleibt noch Arbeitskraft genug zu anderer Verwendung übrig, und diese ist dazu bestimmt, festes Kapital zu schaffen, wie Gebäude, Maschinen, gewerbliche Anlagen und so weiter.«

»Ein Punkt fällt mir ein,« sagte ich, »der, scheint mir, Grund zur Unzufriedenheit geben könnte. Wie kann man, da Privatunternehmungen ausgeschlossen sind, mit irgendwelcher Sicherheit darauf rechnen, daß bei der Güterproduktion auch die Wünsche kleiner Minoritäten berücksichtigt werden, die eine besondere Neigung für diesen oder jenen Artikel haben, der einen irgend erheblichen anderweitigen Absatz nicht verspricht? Jeden Augenblick kann eine amtliche Verfügung sie der Möglichkeit berauben, ihre individuellen Bedürfnisse zu befriedigen, bloß weil die Mehrheit ihren Geschmack nicht teilt!«

»Das würde in der That Tyrannei sein,« erwiderte Dr. Leete, »und Sie können ganz sicher sein, daß dergleichen bei uns nicht vorkommt, denen die Freiheit ebenso teuer ist, wie die Gleichheit und Brüderlichkeit. Wenn Sie erst unsere Wirtschaftsordnung besser kennen, dann werden Sie sehen, daß unsere Beamten nicht nur dem Namen nach, sondern auch in der That die Geschäftsführer und Diener des Volkes sind. Die Verwaltung hat nicht die Macht, die Herstellung irgend eines Artikels zu verhindern, für welchen noch Nachfrage vorhanden ist. Gesetzt, die Nachfrage nach einem Gegenstande sänke derartig, daß die Herstellung desselben sehr kostspielig würde, dann muß natürlich der Preis entsprechend erhöht werden; aber so lange der Konsument bereit ist, denselben zu zahlen, nimmt die Produktion ihren Fortgang. Wenn ferner eine bisher nicht produzierte Ware verlangt wird, und die Behörde im Zweifel ist, ob im gegebenen Falle wirklich eine Nachfrage bestehe, so kann dieselbe durch einen Antrag, in welchem ein bestimmter Absatz verbürgt wird, zur Herstellung des gewünschten Artikels angehalten werden. Eine Verwaltung oder eine Majorität, welche es unternehmen wollte, dem Volke oder einer Minorität vorzuschreiben, was sie essen, was sie trinken oder wie sie sich kleiden solle, wie das zu Ihrer Zeit in Amerika, glaube ich, vorkam, würde in der That als ein seltsamer Anachronismus angesehen werden. Sie hatten vielleicht Gründe, diese Beschränkungen der persönlichen Freiheit zu dulden, wir aber würden sie für unerträglich halten. Ich freue mich, daß Sie diesen Punkt berührt haben, denn er hat mir die Gelegenheit gegeben, Ihnen zu zeigen, wie viel direkter und erfolgreicher die Einwirkung ist, welche heutzutage der einzelne Bürger auf die Produktion ausübt, als dies zu ihrer Zeit der Fall war, wo die sogenannte Privatinitiative herrschte, welche man wohl richtiger eine Initiative der Kapitalisten hätte nennen können, da der gewöhnliche Bürger wenig genug darüber zu bestimmen hatte.«

»Sie sprachen vorhin,« sagte ich, »von einer Preiserhöhung für kostbare Artikel. Wie können überhaupt Preise festgesetzt werden in einem Lande, wo es keinen Wettbewerb zwischen Käufern oder Verkäufern giebt?«

»Es geschieht ganz so, wie bei Ihnen,« erwiderte Dr. Leete. »Sie denken, das bedarf der Erklärung?« setzte er hinzu, als ich ihn etwas ungläubig anblickte. »Aber die Erklärung kann ich Ihnen in aller Kürze geben. Die Kosten der Arbeit, welche zur Herstellung eines Gegenstandes erforderlich war, wurden zu Ihrer Zeit als die natürliche Grundlage für den Preis desselben angesehen: und ebenso geschieht es auch bei uns. Damals waren es die Lohnunterschiede, welche den Unterschied in der Preislage verursachten; heute, wo die Unterhaltskosten aller Arbeiter die nämlichen sind, ist es der Unterschied in der Zahl der Stunden, welche in den verschiedenen Gewerbsarten für je einen Arbeitstag gerechnet werden. Die Kosten einer Arbeitsleistung in einem Gewerbe, welches so schwierig ist, daß, um Freiwillige anzuziehen, die Arbeitsstunden auf vier am Tage festgesetzt worden sind, sind doppelt so hoch, als in einem Gewerbe, wo die Arbeiter acht Stunden arbeiten. Das Ergebnis ist, wie Sie sehen, hinsichtlich der Kosten einer solchen Arbeitsleistung das gleiche, wie wenn dem Manne, der vier Stunden gearbeitet hatte, unter Ihrem System der doppelte Lohn gezahlt worden wäre, den die anderen erhielten. Wendet man diese Berechnung auf die sämtlichen Arbeitsleistungen an, welche zur Herstellung eines Artikels erforderlich sind, so erhält man dessen relativen Preis, das heißt seinen Preis im Verhältnisse zu anderen Erzeugnissen. Bei einigen Warengattungen kommt neben den Produktions- und Transportkosten noch die Seltenheit des verarbeiteten Stoffes bei der Preisbildung mit in Betracht. Dieser Faktor spielt natürlich bei den großen, für den Lebensunterhalt überall erforderlichen Massengütern, von denen stets ein überreichlicher Bestand beschafft werden kann, keine Rolle. Von diesen wird immer ein reichbemessener Vorrat aufgespeichert, aus welchem alle Schwankungen, welche durch erhöhten Bedarf oder geringeres Produktionsergebnis entstehen könnten, ausgeglichen werden, und das läßt sich meistens auch dann noch erreichen, wenn wirkliche Mißernten eintreten. Die Preise dieser Massengüter sinken von Jahr zu Jahr; selten, wenn überhaupt je, steigen sie einmal. Dagegen giebt es andere Gattungen von Artikeln, bei denen fortdauernd, und noch andere, bei denen zeitweise die Nachfrage nicht völlig befriedigt werden kann. In diese Kategorie gehören zum Beispiel frische Fische und Produkte der Milchwirtschaft, in jene dagegen Waren, zu deren Herstellung es einer hohen Kunstfertigkeit oder besonders seltener Materialien bedarf. Alles, was hier geschehen kann, besteht darin, daß man die Unzuträglichkeiten auszugleichen sucht, welche aus der zeitweiligen Knappheit der betreffenden Gütergattungen entstehen könnten. Dies geschieht dadurch, daß man zeitweilig die Preise erhöht, wenn die Knappheit nur eine zeitweilige ist, oder sie überhaupt hoch stellt, wenn sie eine dauernde ist. Zu Ihrer Zeit bedeuteten hohe Preise, daß nur der Reiche sich den Genuß der betreffenden Dinge erlauben konnte: heutzutage aber, wo Alle die gleichen Mittel besitzen, ist die Wirkung lediglich die, daß nur diejenigen sich einen teuren Gegenstand kaufen werden, denen derselbe in ganz besonderem Grade begehrenswert erscheint. Wie jeder Geschäftsmann, so findet natürlich auch die Nation sich gelegentlich mit einigen Resten von Warenvorräten belastet, für welche sich Abnehmer nicht finden wollen, weil sie durch den Wechsel der Mode, durch Witterungsverhältnisse oder andere Ursachen an Wert verloren haben. Solche Waren müssen dann, ganz wie es ein Geschäftsmann zu Ihrer Zeit oft that, mit Verlust verkauft und der Ausfall muß den Geschäftskosten zugeschrieben werden. Da es jedoch so viele Abnehmer giebt, denen die Waren zu gleicher Zeit angeboten werden können, so ist es in der Regel nicht schwierig, sie mit nur geringem Verluste los zu werden. – Ich habe Ihnen nun einen allgemeinen Überblick über unser Produktions- und unser Verteilungsverfahren gegeben. Finden Sie es jetzt noch so kompliziert, wie Sie gedacht hatten?«

Ich gab zu, daß nichts einfacher sein könnte.

»Ich sage gewiß die Wahrheit,« bemerkte Dr. Leete, »wenn ich behaupte, daß die Leiter irgend eines der Myriaden von Privatunternehmungen Ihrer Zeit, der mit rastloser Wachsamkeit die Schwankungen des Marktes, die Machinationen seiner Konkurrenten, die Zahlungsfähigkeit seiner Schuldner verfolgen mußte, eine weit schwierigere Aufgabe hatten, als die Männer in Washington, welche heutzutage die Produktion der ganzen Nation leiten. Alles dies, mein verehrter Freund, beweist uns, wie viel leichter es ist, wenn man seine Sache richtig anfängt, als wenn man sie am verkehrten Ende angreift. Es ist leichter für einen General, von einem Luftballon aus bei vollständiger Übersicht über das Schlachtfeld eine Million Streiter zum Siege zu führen, als für einen Unteroffizier, mit seiner Sektion in einem Dickicht zu manövrieren.«

»Der General dieser Armee, welche die Blüte der Nation in sich vereinigt, muß gewiß,« sagte ich, »der erste Mann im Lande sein, mächtiger als selbst der Präsident der Vereinigten Staaten.«

»Er ist der Präsident der Vereinigten Staaten,« erwiderte Dr. Leete, »oder genauer, die wichtigste Funktion des Präsidentenamtes ist die Führerschaft des Arbeiterheeres.«

»Auf welche Weise wird der Präsident gewählt?« fragte ich.

»Als ich Ihnen beschrieb, wie stark bei allen Graden des Arbeiterheeres das Motiv des Wetteifers sich geltend mache,« erwiderte Dr. Leete, »da habe ich Ihnen bereits erklärt, wie diejenigen, welche sich besondere Verdienste erwerben, durch drei Unterstufen hindurch zum Range eines Offiziers emporsteigen und dann innerhalb dieses Ranges wiederum vom Lieutenant zum Hauptmann oder ›Vormann‹, und endlich zum ›Obermeister‹ und damit zum Range eines Obersten emporsteigen. Sodann – bei einigen der größeren Gewerbe erst nach einer Zwischenstufe – kommt der General eines Einzelgewerbes, unter dessen unmittelbarer Oberleitung alle Arbeiten dieses letzteren ausgeführt werden. Dieser Offizier steht an der Spitze des Betriebsamtes, unter welchem seine Gewerbsgenossen arbeiten, und ist der Hauptverwaltung für die Arbeiten dieser letzteren verantwortlich. Der General, welcher an der Spitze eines Gewerbes steht, hat eine glänzende Stellung, die den Ehrgeiz der meisten Menschen voll befriedigt; aber über seiner Rangstufe – die nach der Ihnen geläufigen militärischen Analogie etwa mit der eines Brigade- oder Divisionsgenerals zu vergleichen ist – steht diejenige des Chefs einer der zehn großen Berufsgenossenschaften, deren jede sich aus verwandten Gewerben zusammensetzt. Die Befehlshaber dieser zehn großen Abteilungen der Arbeiterarmee kann etwa mit Ihren kommandierenden Generalen eines Armeecorps verglichen werden, da jeder von ihnen etwa ein Dutzend Generale, die einzelnen Gewerben vorstehen, unter sich hat. Über diesen zehn Großwürdenträgern, welche zugleich sein Ministerium bilden, steht der Höchstkommandierende, der Präsident der Vereinigten Staaten.

»Der Höchstkommandierende der Arbeiterarmee muß vom einfachen Arbeiter aufwärts alle Rangstufen durchlaufen haben. Wir wollen sehen, wie das geschieht. Ich habe Ihnen schon gesagt, daß lediglich durch vortreffliche Leistungen als Arbeiter jemand durch die einfachen Grade aufsteigen und zur Bewerbung um eine Offizierstelle zugelassen werden kann. Vom Lieutenant avanciert er bis zum Obersten oder Obermeister durch Ernennung von oben herab, wobei jedoch nur diejenigen als Bewerber zugelassen werden, welche die besten Zeugnisse aufweisen können. Der General eines Gewerbes vollzieht die Ernennungen für die Rangstufen unter ihm, aber er selbst wird nicht ernannt, sondern durch Stimmenmehrheit gewählt.«

»Gewählt!« rief ich aus. »Wird dadurch nicht die Disciplin unter den Gewerbegenossen zerstört, indem die Bewerber gegeneinander intriguieren, um die Arbeiter, deren Vorgesetzte sie sind, für sich zu gewinnen?«

»So würde es zweifellos kommen,« erwiderte Dr. Leete, »wenn die Arbeiter das Stimmrecht auszuüben hätten oder irgendwie bei der Wahl hineinreden dürften. Aber das ist nicht der Fall. Gerade hier bewährt sich eine Besonderheit unseres Systems. Der General, der ein Einzelgewerbe leiten soll, wird aus der Zahl der Obermeister durch die Stimmen der Ehrenmitglieder des betreffenden Gewerbes gewählt, das heißt derjenigen, die ihre Zeit in dem Gewerbe abgedient und ihre Entlassung erhalten haben. Sie wissen, daß wir mit fünfundvierzig Jahren aus dem Arbeiterheere ausscheiden und den Rest unseres Lebens unserer Vervollkommnung oder Erholung widmen. Dabei bleiben wir aber natürlich mit den Körperschaften, denen wir während unserer Dienstzeit angehörten, durch mächtige Bande verknüpft. Die Freundschaften, die wir damals schlossen, dauern bis an unser Lebensende. Wir werden Ehrenmitglieder unserer früheren Gewerbe und wachen mit lebhaftem und eifersüchtigem Interesse darüber, daß dieselben auch in den Händen der jüngeren Generation gedeihen und ihren guten Ruf bewahren. In den Klubs, in denen sich die »alten Herren« zu geselligen Zwecken zusammenfinden, ist keine Art von Unterhaltung so häufig, wie Gespräche über diese Angelegenheiten; und die jungen Bewerber um die Leitung eines Gewerbes müssen schon recht Tüchtiges leisten, wenn sie vor der Kritik der alten Garde bestehen wollen. Diesem Verhältnis trägt die Nation Rechnung, indem sie den Ehrenmitgliedern eines jeden Gewerbes die Wahl des Generals desselben überträgt; und ich möchte behaupten, daß keine frühere gesellschaftliche Organisation jemals einen Wahlkörper aufweisen konnte, dessen Mitglieder eine so absolute Unparteilichkeit, eine so genaue Kenntnis hinsichtlich der besonderen Fähigkeiten und Leistungen der Bewerber, ein solches Interesse an einem möglichst guten Ergebnisse der Wahl und endlich eine so vollkommene Freiheit von selbstsüchtigen Beweggründen besessen hätten und demgemäß so vollkommen der ihnen obliegenden Aufgabe gewachsen gewesen wären.

»Jeder von den zehn kommandierenden Generalen oder Leitern der Berufsgenossenschaften wird selbst aus der Zahl der Generale derjenigen Einzelgewerbe gewählt, aus denen sich die Berufsgenossenschaft zusammensetzt. Wähler sind die Ehrenmitglieder der sämtlichen, in der Berufsgenossenschaft vereinigten Gewerbe. Natürlich strebt jedes Einzelgewerbe danach, seinem eigenen General die Mehrheit zu verschaffen; aber in keiner Berufsgenossenschaft hat ein Einzelgewerbe jemals auch nur annähernd so viele Stimmen, daß es einen Bewerber durchbringen könnte, der nicht der Mehrheit der übrigen Gewerbe genehm wäre. Ich kann Ihnen die Versicherung geben, daß es bei diesen Wahlen recht lebhaft zugeht.«

»Der Präsident,« sagte ich, »wird wohl aus der Zahl der zehn Leiter der großen Berufsgenossenschaften gewählt?«

»Ganz recht; aber diese Chefs können erst dann für die Präsidentschaft kandidieren, wenn sie eine Reihe von Jahren außer Amt und Würden gewesen sind. Selten gelangt jemand vor seinem vierzigsten Jahre durch alle Rangstufen hindurch zur Leitung einer Berufsgenossenschaft, und am Schlusse seiner fünfjährigen Amtsführung in dieser Stellung ist er gewöhnlich fünfundvierzig Jahre alt. Ist er älter, so behält er sein Amt doch über dieses Lebensjahr hinaus bis zum Ablaufe der Amtsperiode; ist er bei Niederlegung desselben noch jünger als fünfundvierzig Jahre, so ist er doch vom fernern Dienste im Arbeiterheere befreit. Es würde sich nicht empfehlen, ihn wieder in Reih und Glied zurückkehren zu lassen. Die Zwischenzeit bis zu seiner Kandidatur für die Präsidentschaft soll ihn voll und ganz an den Gedanken gewöhnen, daß er nun wieder zu der großen Masse der Nation als solcher gehört, und daß er jetzt seine Interessen mehr mit denen des gesamten Volkes als mit denen des Arbeiterheeres zu identifizieren hat. Ferner erwartet man von ihm, daß er diese Zeit dazu verwenden werde, die gesamten Produktionsbedingungen auch der übrigen Berufsgenossenschaften zu studieren, anstatt sich bloß um diejenigen zu kümmern, deren Vorstand er war. Aus der Zahl der früheren Leiter der großen Berufsgenossenschaften, soweit dieselben derzeit wählbar geworden sind, wird der Präsident durch die Stimmen aller derjenigen Mitglieder der Nation gewählt, welche nicht der Arbeiterarmee angehören.«

»Die Armee darf bei der Präsidentenwahl nicht mitstimmen?« »Gewiß nicht! Das würde für die Disciplin gefährlich sein, welche der Präsident, als Vertreter der Nation in ihrer Gesamtheit, aufrechtzuerhalten berufen ist. Seine rechte Hand ist hierbei das Inspektorat, in unserm System eine sehr wichtige Behörde, vor deren Forum alle Klagen oder Berichte über Mangelhaftigkeit der Waren, Grobheit oder Untüchtigkeit der Offiziere und Übelstände aller Art kommen, die im öffentlichen Dienste zu Tage getreten sind. Das Inspektorat wartet jedoch nicht ab, bis Klage erhoben wird. Nicht nur wacht es über alle Gerüchte hinsichtlich eines Fehlers im Dienste und prüft dieselben, sondern es ist seine Aufgabe, durch systematische und beständige Beaufsichtigung jeder Abteilung des Heeres Fehler zu entdecken, die noch niemand sonst bemerkt hat. Der Präsident ist gewöhnlich zur Zeit seiner Wahl nicht weit von seinem fünfundvierzigsten Jahre, und seine Amtsperiode ist eine fünfjährige; er macht also von der Regel, welche für das fünfundvierzigste Lebensjahr den Eintritt in den Ruhestand vorschreibt, eine ehrenvolle Ausnahme. Am Ende seiner Amtszeit wird ein Nationalkongreß berufen, der seinen Rechenschaftsbericht entgegennimmt und denselben genehmigt oder verwirft. Wenn ersteres der Fall ist, so pflegt der Kongreß ihn auf weitere fünf Jahre zum Repräsentanten der Nation für den internationalen Bundesrat zu wählen. Der Kongreß prüft auch, wie ich gleich hinzufügen will, die Rechenschaftsberichte der zurücktretenden Leiter der Berufsgenossenschaften, und derjenige, dem hierbei Mißbilligung über sein Verhalten ausgesprochen wird, würde dadurch seine Wählbarkeit für den Präsidentenposten verlieren. Aber es ist in der That selten, daß die Nation Veranlassung hat, gegen ihre höheren Beamten andere Gefühle als die der Dankbarkeit, auszusprechen. Was ihre Befähigung anbetrifft, so ist die Thatsache, daß sie durch erfolgreiche Lösung mannigfaltiger und schwieriger Aufgaben sich von der untersten Stufe zu ihrer hohen Stellung emporgeschwungen haben, Beweis genug für eine ungewöhnliche Begabung; und was ihre Ehrenhaftigkeit anbelangt, so sorgt schon unsere Staatseinrichtung dafür, daß sie kein anderes Motiv für ihr Verhalten haben können als das, die Achtung ihrer Mitbürger zu gewinnen. Korruption ist ausgeschlossen in einer staatlichen Gesellschaft, wo es weder Armut giebt, die bestochen werden kann, noch Reichtum, der zu bestechen vermag, und wo durch die Art und Weise, wie man die höheren Stellen besetzt, Demagogentum und Stellenjägerei unmöglich gemacht werden.«

»Eins habe ich noch nicht recht verstanden,« sagte ich. »Sind auch diejenigen, welche sich einer Kunst oder Wissenschaft gewidmet haben, für das Amt eines Präsidenten wählbar? und wenn dies der Fall ist, in welchem Rangverhältnisse stehen sie zu denjenigen, die sich lediglich den gewerblichen Berufsarten zugewendet haben?«

»Sie rangieren überhaupt nicht mit ihnen,« erwiderte Dr. Leete. »Die Mitglieder der technischen Professionen, wie Ingenieure und Architekten, haben ihren Rang innerhalb der übrigen, mit konstruktiven Aufgaben beschäftigten Gewerbe; dagegen gehören die übrigen Vertreter der Künste und Wissenschaften, die Ärzte, die Lehrer und diejenigen Künstler und Schriftsteller, denen der Dienst im Arbeiterheere erlassen worden ist, überhaupt nicht zu diesem. Aus eben diesem Grunde haben sie wohl eine Stimme bei der Präsidentenwahl, sind aber selbst nicht wählbar zu diesem Amte. Da eine der wesentlichsten Pflichten des Präsidenten die Kontrole und Disciplin des Arbeiterheeres betrifft, so ist es unerläßlich, daß der Präsident alle Grade desselben durchgemacht hat, damit er seinem Geschäfte gewachsen ist.«

»Das ist sehr vernünftig,« sagte ich. »Aber wenn Ärzte und Lehrer nicht genug vom Gewerbe verstehen, um Präsident zu werden, so kann, sollte man meinen, auch der Präsident nicht genug von Medizin und Erziehung verstehen, um in diesen Gebieten die Leitung zu übernehmen.«

»Das thut er auch nicht,« war die Antwort. »Abgesehen davon, daß er im allgemeinen dafür verantwortlich ist, daß die bestehenden Gesetze allen Klassen gegenüber zur Anwendung kommen, hat der Präsident weder mit den Medizinal- noch mit den Erziehungsbehörden etwas zu thun. Vielmehr stehen diese letzteren unter einem, aus ihrer Mitte gewählten Kollegium von Dekanen, in welchem dem Präsidenten nur der ständige Vorsitz mit entscheidender Stimme zukommt. Diese Dekane, welche natürlich dem Kongresse verantwortlich sind, werden durch die Ehrenmitglieder der Lehrer-, beziehungsweise der Ärzte-Genossenschaften, also durch die in den Ruhestand getretenen Lehrer und Ärzte des Landes, gewählt.«

»Wissen Sie,« sagte ich, »daß diese Methode, die Vorstandsmitglieder durch die früheren Mitglieder einer Genossenschaft wählen zu lassen, nur im Großen die Anwendung eines Verfahrens ist, welches im Kleinen vielfach auf unseren Hochschulen für die Wahl der Vorgesetzten der Alumnen üblich war?«

»Hatten Sie wirklich eine ähnliche Einrichtung?« rief Dr. Leete lebhaft aus. »Das ist etwas ganz Neues für mich und, wie ich glaube, auch für die meisten von uns, und ist zugleich von hohem Interesse. Man hat viel darüber gestritten, woher dieser Gedanke gekommen sei, und wir hatten uns eingebildet, daß hier einmal wirklich etwas Neues unter der Sonne zum Vorschein gekommen sei. Ei, ei! also in Ihren Hochschulen! Das ist in der That interessant. Sie müssen mir mehr davon erzählen.«

»Es ist aber wirklich,« erwiderte ich, »sehr wenig mehr zu berichten, als was ich Ihnen bereits gesagt habe. Wenn wir zwar den Keim dieser Ihrer Einrichtung hatten, so war es doch eben nur ein Keim.«

 << Kapitel 18  Kapitel 20 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.