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Ein Rückblick aus dem Jahre 2000 auf 1887

Edward Bellamy: Ein Rückblick aus dem Jahre 2000 auf 1887 - Kapitel 17
Quellenangabe
typefiction
authorEdward Bellamy
titleEin Rückblick aus dem Jahre 2000 auf 1887
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
editorGeorg von Gizycki
year1890
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20071005
projectid973f0b56
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Fünfzehntes Kapitel.

Im Laufe unserer Besichtigungstour kamen wir auch in die Bibliothek und konnten der Versuchung nicht widerstehen, uns in den luxuriösen Ledersesseln auszuruhen, mit denen sie ausgestattet war. Wir ließen uns in einer der von Bücherregalen umgebenen Nischen nieder und plauderten«.Ich kann die herrliche Freiheit nicht genug rühmen, die in den öffentlichen Bibliotheken des zwanzigsten Jahrhunderts vorherrscht, im Gegensatze zu der unerträglichen Verwaltung dieser Institute im neunzehnten, in welchem die Bücher eifersüchtig dem Volke entzogen wurden und nur durch Aufwand vieler Zeit und unter Umständlichkeiten zu erlangen waren, die geradezu darauf berechnet schienen, jegliche Neigung für Litteratur zu unterdrücken. »Edith sagt mir,« begann Frau Leete, »daß Sie den ganzen Morgen in der Bibliothek gewesen sind. Glauben Sie mir, daß ich Sie für den Beneidenswertesten der Sterblichen halte, Herr West.«

»Ich möchte gern wissen warum,« antwortete ich.

»Weil Ihnen die Bücher der letzten hundert Jahre neu sein müssen,« erwiderte sie. »Sie werden so viele hochinteressante Bücher zu lesen haben, daß Ihnen während der nächsten fünf Jahre kaum Zeit zum Essen bleiben wird. Ach, was würde ich alles darum geben, wenn ich Berrians Novellen noch nicht gelesen hätte.«

»Oder die von Nesmyth,« fügte Edith hinzu.

»Jawohl, oder ›Oates Gedichte‹ oder ›Vergangenheit und Gegenwart‹ oder ›Im Anfang‹ oder, – o ich könnte ein Dutzend Bücher nennen, von welchen jedes ein Jahr des Lebens wert ist,« rief Frau Leete enthusiastisch aus.

»Ich schließe daraus, daß dieses Jahrhundert sich litterarisch ausgezeichnet hat.«

»Ja,« antwortete Dr. Leete. »Es war ein Zeitalter von beispiellosem geistigen Glanze. Wahrscheinlich hat die menschliche Gesellschaft niemals zuvor eine moralische und materielle Entwicklung durchgemacht, die so gewaltig in ihrem Umfange und so kurz in der Zeit ihrer Verwirklichung gewesen wäre, wie die aus der alten Ordnung zur neuen im Anfange dieses Jahrhunderts. Als die Menschen die Größe des Glückes, welches ihnen zugefallen war, zu begreifen anfingen und fanden, daß die Umwälzung, welche sie durchgemacht hatten, nicht nur eitle Verbesserung ihrer Lage im Einzelnen, sondern eine Erhebung des Menschengeschlechts zu einer höheren Stufe der Existenz war, die einen unbegrenzten Fortschritt in Aussicht stellte, da wurde ihr Geist in all seinen Fähigkeiten so angespornt, daß der Anbruch der mittelalterlichen Renaissance nur eine schwache Vorstellung davon geben kann. Es folgte eine Periode mechanischer Erfindungen, wissenschaftlicher Entdeckungen, einer Schöpferkraft in den Künsten, in der Musik, in der Litteratur, womit nichts in irgend einem früheren Zeitalter der Welt zu vergleichen ist.

»Da wir gerade über Litteratur sprechen, so möchte ich fragen,« sagte ich, »wie denn jetzt die Bücher veröffentlicht werden. Geschieht das auch durch die Nation?«

»Gewiß.«

»Aber wie richten Sie das ein? Publiziert die Regierung alles, was geschrieben wird, aus öffentliche Kosten, oder behält sie sich das Recht der Censur vor und läßt nur das im Drucke erscheinen, was sie billigt?«

»Weder das Eine, noch das Andere. Die Behörde für Drucksachen hat keine Censurgewalt. Sie ist verpflichtet, alles zu drucken, was ihr vorgelegt wird, aber sie thut es nur unter der Bedingung, daß der Verfasser die ersten Kosten aus seinem Kredit trägt. Er muß für das Vorrecht, öffentlich gehört zu werden, bezahlen, und wenn jemand etwas zu berichten hat, das des Anhörens wert ist, so meinen wir, daß er gern dazu bereit sein wird. Wenn natürlich die Einkommen ungleich wären, wie es in den früheren Zeiten der Fall war, so würde dieses Gesetz nur dem Reichen erlauben, Schriftsteller zu werden; nun aber, da alle Bürger gleichgestellt sind, dient es einfach als ein Maßstab für die Stärke der Motive eines Schriftstellers. Die Kosten der Auflage eines Buches von gewöhnlichem Umfange können aus dem Kredit eines Jahres durch Sparsamkeit und einige Entbehrungen gedeckt werden. Wenn ein Buch publiziert ist, wird es von der Nation zum Verkaufe ausgestellt.«

»Der Verfasser, würde ich annehmen, erhält einen Prozentsatz vom Verkauf, wie bei uns geschah,« bemerkte ich. »Nicht gerade genau wie bei Ihnen,« erwiderte Dr. Leete; »aber immerhin in gewisser Weise. Der Preis eines Buches wird durch die Kosten seiner Publikation und den Prozentsatz für den Autor bestimmt. Der Verfasser bestimmt die Höhe dieses Prozentsatzes. Wenn er diesen zu hoch ansetzt, ist es natürlich sein eigner Schaden, denn das Buch findet dann keine Abnehmer. Der Betrag, den dieser Prozentsatz bringt, wird dem Verfasser gut geschrieben, und er selbst wird von jedem anderen Dienste, den er der Nation zu leisten verpflichtet ist, für so lange beurlaubt, als dieser Betrag zu seinem Unterhalte hinreicht.

»Wenn sein Buch nur einigermaßen erfolgreich ist, so kann er dadurch einen Urlaub für mehrere Monate, ja für ein, zwei oder drei Jahre gewinnen; und wenn er in der Zwischenzeit andere erfolgreiche Werke hervorbringt, so wird seine Dienstfreiheit so lange ausgedehnt, als der Verkauf seiner Bücher ihn dazu berechtigt. Ein vielgelesener Autor ist im stande, durch seine Feder während seiner ganzen Dienstzeit seinen Unterhalt zu gewinnen; und der Grad der schriftstellerischen Befähigung eines Autors, wie er durch die öffentliche Meinung festgesetzt wird, ist so das Maß der ihm gebotenen Gelegenheit, seine Zeit der litterarischen Thätigkeit zu widmen. In dieser Hinsicht weicht das Endergebnis unseres Systems von dem des Ihrigen nicht sehr ab; aber es bestehen zwei wichtige Unterschiede. Erstens giebt die allgemeine Höhe der Bildung dem Volksurteile über den wirklichen Wert einer schriftstellerischen Leistung heutzutage eine entscheidende Bedeutung, wie sie dem Ihrer Tage nicht im mindesten zukommen konnte. Zweitens giebt es heute kein Bevorzugungssystem irgend welcher Art, welches der Anerkennung des wahren Verdienstes im Wege stehen könnte. Jedem Verfasser ist genau dieselbe Gelegenheit gegeben, sein Werk dem Publikum vorzulegen. Den Klagen der Schriftsteller Ihrer Zeit nach zu urteilen, würde eine solche absolute Gleichheit von ihnen sehr geschätzt worden sein.« »In der Anerkennung des Verdienstes auf anderen Gebieten, in welchen die natürliche Begabung das Entscheidende ist, wie in der Musik, Malerei, Skulptur, technischen Erfindung, folgen Sie wohl,« sagte ich, »einem gleichen Prinzip?«

»Ja,« erwiderte er, »obgleich ein Unterschied in den Einzelheiten stattfindet. In der Kunst zum Beispiel ist das Volk, wie in der Litteratur, der alleinige Richter. Es stimmt ab über die Aufnahme von Statuen und Gemälden in die öffentlichen Gebäude, und sein günstiges Urteil bringt dem Künstler den Erlaß anderer Arbeiten und erlaubt ihm, sich seiner Kunst ganz hinzugeben. Durch Kopien seiner Arbeit, die verkauft werden, erhält er dieselben Vorteile, die der Verfasser von dem Verkauf seiner Bücher erhält. In all den Fächern, in welchen angeborne Begabung in Betracht kommt, ist der Plan, den man verfolgt, derselbe: nämlich allen Bewerbern ein freies Feld zu eröffnen und, sobald außerordentliches Talent sich zeigt, dasselbe von allen Fesseln zu befreien und ihm freien Lauf zu lassen. Die Befreiung von andern Diensten ist in allen diesen Fällen nicht als ein Geschenk oder eine Belohnung zu betrachten, sondern als ein Mittel, mehr und höher geartete Dienstleistungen zu erlangen. Wir haben natürlich verschiedene Institute für Wissenschaft, Litteratur und Kunst, deren Mitgliedschaft hochgeschätzt und nur den berühmten Männern angetragen wird. Die höchste aller Ehrenbezeugungen der Nation, höher selbst als die der Präsidentschaft, deren Erlangung ja nur durch gesunden Verstand und treue Pflichterfüllung bedingt wird, ist das rote Band, welches durch Volksabstimmung den großen Autoren, Künstlern, Ingenieuren, Ärzten und Erfindern des Zeitalters zuerkannt wird. Nicht über hundert tragen es zu gleicher Zeit, obgleich jeder befähigte junge Mann im Lande zahllose Nächte schlaflos verbringt, träumend von jener Ehre. Selbst mir ging es nicht anders.«

»Als ob Mama und ich mehr von dir gehalten hätten, wenn du es bekommen hättest,« rief Edith aus; »aber natürlich will ich damit nicht sagen, daß es zu besitzen, nicht sehr schön wäre.«

»Du, meine Liebe, hattest keine Wahl,« erwiderte Dr. Leete. »Du mußtest deinen Vater nehmen, wie du ihn fandest, und dir das Beste aus ihm machen; aber was deine Mutter da anbetrifft, so würde sie mich nie genommen haben, hätte ich ihr nicht versichert, daß ich das rote oder wenigstens das blaue Band erringen müßte.«

Frau Leetes einzige Antwort darauf war ein Lächeln.

»Wie verhält es sich mit den Zeitschriften und Zeitungen?« fragte ich. »Ich will nicht leugnen, daß Ihr System des Buchverlages vor dem unsrigen beträchtliche Vorzüge voraus hat, sowohl in seiner Tendenz, die wahren Talente zu ermutigen, als auch, was ebenso wichtig ist, solche Leute zu entmutigen, die nur elende Skribenten werden könnten. Aber ich sehe nicht ein, wie dasselbe auch auf Magazine und Zeitungen Anwendung finden kann. Man kann wohl jemanden zwingen, für die Veröffentlichung eines Buches zu zahlen, weil eine solche Ausgabe nur einmal vorkommt; niemand jedoch würde im stande sein, die Kosten für die Veröffentlichung einer täglich erscheinenden Zeitung aufzubringen. Das zu thun, erforderte die tiefen Taschen unsrer Privatkapitalisten, und es erschöpfte sogar oft selbst diese, ehe sich das Unternehmen bezahlt machte. Wenn Sie überhaupt Zeitungen haben, so müssen diese, denke ich mir, durch die Regierung auf allgemeine Kosten veröffentlicht werden, mit einem von der Regierung angestellten Redakteur, der die Meinung der Regierung wiedergiebt. Wenn ihr System nun so vollkommen ist, daß nie das Geringste in der Leitung der öffentlichen Angelegenheiten zu tadeln ist, so mag eine solche Einrichtung gut sein; ist dies jedoch nicht der Fall, so muß, sollte ich meinen, der Mangel eines unabhängigen, nicht amtlichen Organs für den Ausdruck der öffentlichen Meinung höchst unglückliche Folgen haben. Gestehen Sie es nur, Herr Doktor, daß die freie Presse mit allem, was sie enthielt, etwas recht Gutes in dem alten System war, als das Kapital sich in Privathänden befand, und daß Sie den Verlust dieses Gutes von dem Gewinn, den Sie in anderer Hinsicht gehabt haben, in Abzug bringen müssen.«

»Ich bedauere,« erwiderte Dr. Leete lachend, »daß ich Ihnen auch diesen Trost nicht lassen kann. Zunächst, Herr West, ist die periodische Presse keineswegs das einzige und, wie es uns scheint, auch nicht das beste Mittel, öffentliche Angelegenheiten mit Ernst zu besprechen. Uns erscheint das Urteil Ihrer Zeitungen über solche Gegenstände im allgemeinen unreif und leichtfertig sowohl wie stark durch Vorurteile und Bitterkeit gefärbt. Sofern man sie für den Ausdruck der öffentlichen Meinung hält, geben sie eine ungünstige Vorstellung von der Intelligenz des Volkes; während, sofern sie die öffentliche Meinung selbst geschaffen haben mögen, die Nation nicht zu beglückwünschen war. Wenn heutzutage ein Bürger in Bezug auf irgend eine öffentliche Angelegenheit einen ernsthaften Einfluß auf die öffentliche Meinung auszuüben wünscht, so giebt er ein Buch oder eine Broschüre heraus, die wie andere Bücher verlegt werden. Es geschieht dies aber nicht darum, weil uns Zeitungen oder Zeitschriften fehlten, oder weil sie der absolutesten Freiheit ermangelten. Die Tagespresse ist so organisiert, daß sie die öffentliche Meinung in weit vollkommnerer Weise zum Ausdruck bringt, als dies zu Ihrer Zeit der Fall sein konnte, wo das Kapital sie kontrollierte und sie in erster Linie als Geldgeschäft, und erst in zweiter Linie als Mundstück für das Volk dienen ließ.«

»Aber,« sagte ich, »wenn die Regierung eine Zeitung auf öffentliche Kosten druckt, so muß sie doch notwendig deren Tendenz kontrollieren? Wer anders ernennt die Redakteure als die Regierung?«

»Die Regierung zahlt weder die Ausgaben einer Zeitung, noch ernennt sie deren Redakteure, noch übt sie den geringsten Einfluß auf ihre Tendenz aus,« erwiderte Dr. Leete. »Die Leute, welche die Zeitung lesen, tragen die Kosten des Blattes, wählen ihren Redakteur, und entlassen ihn, wenn er ihnen nicht zusagt. Sie werden, denke ich, schwerlich sagen, daß solch eine Presse nicht ein freies Organ der öffentlichen Meinung ist.«

»Entschieden nicht,« erwiderte ich, »aber wie ist das ausführbar?«

»Nichts kann einfacher sein. Gesetzt, einige meiner Nachbarn und ich selbst wünschen eine Zeitung zu haben, die unsere Ansichten wiedergiebt und im besondern das Interesse unseres Ortes, unseres Gewerbes oder Berufes im Auge hat, so sammeln wir Unterschriften, bis wir so viel Teilnehmer haben, daß ihr jährlicher Beitrag die Kosten der Zeitung deckt, welche geringer oder größer ausfallen, je nach der Zahl der Teilnehmer. Der Subskriptionsbeitrag eines jeden wird von dessen Kredit abgezogen, und demnach kann die Nation bei der Herausgabe der Zeitung niemals einen Verlust erleiden, wie es ja auch sein muß, da sie lediglich das Amt eines Verlegers übernimmt, der keine Wahl hat, die verlangte Leistung abzulehnen. Die Subskribenten erwählen alsdann jemanden zum Redakteur, der, wenn er das Amt annimmt, während der Zeit dieser seiner Obliegenheit von anderen Diensten entbunden wird. Anstatt ihm einen Gehalt zu zahlen, wie zu Ihrer Zeit, zahlen die Subskribenten der Nation eine dem Preise für seinen Unterhalt gleichkommende Entschädigung dafür, daß sie ihn dem allgemeinen Dienste entziehen. Er leitet die Zeitung gerade wie es die Redakteure Ihrer Zeit thaten, nur daß er sich nicht finanziellen Rücksichten zu unterwerfen, noch die Interessen des privaten Kapitals dem öffentlichen Wohle gegenüber zu verteidigen hat. Am Ende des ersten Jahres erwählen die Subskribenten entweder den früheren Redakteur für das kommende Jahr wieder, oder besetzen seine Stelle mit einem anderen. Ein tüchtiger Redakteur behält natürlich seine Stelle fortwährend. Wenn die Subskriptionsliste größer wird und dadurch die Einnahmen der Zeitung sich steigern, so wird dieselbe dadurch vervollkommnet, daß bessere Mitarbeiter geworben werden, gerade so, wie dies zu Ihrer Zeit geschah.«

»Wie werden die Mitarbeiter belohnt, da sie doch nicht mit Geld bezahlt werden können?«

»Der Redakteur kommt mit ihnen über den Preis ihrer Ware überein. Der Betrag wird von dem garantierten Kredit der Zeitung auf ihren individuellen Kredit übertragen, und dem Mitarbeiter wird für einen Zeitraum Dienstbefreiung gewährt, welcher dem ihm zugeschriebenen Betrage entspricht, gerade so wie anderen Autoren. Bei Zeitschriften befolgen wir dasselbe System. Diejenigen, bei welchen der Prospekt einer neuen Zeitschrift Interesse erregt, zeichnen einen Beitrag, welcher ausreicht, um dieselbe ein Jahr lang erscheinen zu lassen, erwählen einen Redakteur, der seine Mitarbeiter, ganz wie in dem andern Falle, bezahlt; während, wie sich von selbst versteht, die Staatsdruckerei die nötige Arbeitskraft und das nötige Material für die Veröffentlichung besorgt. Wenn die Dienste eines Redakteurs nicht mehr gewünscht werden und er das Anrecht auf freie Verwendung seiner Zeit nicht durch andere litterarische Arbeiten erringen kann, so tritt er einfach wieder in die industrielle Armee zurück. Ich sollte noch hinzufügen, daß, obgleich gewöhnlich ein Redakteur für ein volles Jahr gewählt wird und in der Regel Jahre lang im Dienste bleibt, dennoch dafür gesorgt ist, daß die Subskribenten ihn sofort entlassen können, wenn er den Ton der Zeitung plötzlich ändern und dieselbe nicht mehr im Sinne seiner Auftraggeber leiten sollte.«

Als die Damen sich an jenem Abende zurückzogen, brachte mir Edith ein Buch und sagte:

»Wenn Sie heut nicht bald einschlafen sollten, Herr West, so würde es Sie vielleicht interessieren, diese Erzählung Berrians anzusehen. Sie wird für sein Meisterwert gehalten und wird Ihnen wenigstens eine Vorstellung davon geben, wie die Erzählungen heutzutage sind.«

Ich blieb in meinem Zimmer die ganze Nacht auf, bis der Morgen dämmerte und las »Penthesilea,« und legte das Buch nicht aus der Hand, bis ich es ausgelesen hatte. Möge keiner der Bewunderer des großen Romanschriftstellers des zwanzigsten Jahrhunderts es mir übelnehmen, wenn ich sage, daß beim erstmaligen Lesen, was am meisten auf mich Eindruck machte, nicht das war, was in dem Buche stand, sondern gerade das, was ausgelassen war. Die Schriftsteller meiner Zeit würden die Aufgabe, Ziegelsteine ohne Stroh herzustellen, leicht gefunden haben, verglichen mit der, einen Roman zu schreiben, in welchem alle Wirkungen, die aus dem Gegensatze des Reichtums zur Armut, der Bildung zur Unwissenheit, der Rohheit zur feinen Sitte, des hohen zum niedrigen Stande entspringen, ausgeschlossen, von welchem alle Motive, deren Ursprung socialer Stolz und Ehrgeiz, der Wunsch reicher oder die Furcht ärmer zu werden, nebst der gemeinen Sorge irgend welcher Art um seiner selbst oder anderer willen verbannt sein sollte, ein Roman, in welchem in der That Liebe im Überfluss sein sollte, aber Liebe, die ungehemmt ist durch künstliche Schranken, die durch Verschiedenheiten der Stellung und des Besitzes geschaffen sind, da sie kein anderes Gesetz kennt, als das des Herzens. Die Lektüre von »Penthesilea« nützte mir mehr, einen allgemeinen Eindruck von dem gesellschaftlichen Zustande des zwanzigsten Jahrhunderts zu gewinnen, als die längsten Erklärungen es vermocht hätten. Dr. Leetes Berichte waren allerdings, was die thatsächlichen Verhältnisse anbetraf, sehr eingehend; aber sie hatten auf meinen Geist nur eine Reihe abgesonderter Eindrücke gemacht, welche in Zusammenhang zu bringen mir bisher nur sehr unvollkommen gelungen war. Berrian stellte sie mir zu einem Bilde zusammen.

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