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Ein Rückblick aus dem Jahre 2000 auf 1887

Edward Bellamy: Ein Rückblick aus dem Jahre 2000 auf 1887 - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
authorEdward Bellamy
titleEin Rückblick aus dem Jahre 2000 auf 1887
publisherVerlag von Philipp Reclam jun.
editorGeorg von Gizycki
year1890
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20071005
projectid973f0b56
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Neuntes Kapitel.

Dr. Leete und seine Frau waren, als sie jetzt eintraten, augenscheinlich nicht wenig erstaunt, zu erfahren, daß ich diesen Morgen allein in der ganzen Stadt umhergelaufen sei, und waren offenbar angenehm überrascht, mich nach diesem Erlebnisse anscheinend so wenig aufgeregt zu finden.

»Ihre Wanderung muß ja wohl sehr interessant gewesen sein,« sagte Frau Leete, als wir bald darauf bei Tisch saßen. »Sie müssen recht viel Neues gesehen haben.«

»Ich sah sehr wenig, was nicht neu war,« erwiderte ich. »Aber ich denke, was mich mindestens ebenso sehr wie irgend etwas anderes überraschte, war, auf der Washingtonstraße keine Läden und in der Statestraße keine Bankgeschäfte zu finden. Was haben Sie mit den Kaufleuten und den Bankiers gemacht? Vielleicht sie alle aufgehängt, wie die Anarchisten zu meiner Zeit es wünschten?«

»So schlimm ist es nicht geworden,« erwiderte Dr. Leete. »Wir brauchen sie einfach nicht mehr. In der modernen Welt hat ihre Thätigkeit aufgehört.«

»Wer verkauft Ihnen die Sachen, wenn Sie sie kaufen wollen?« fragte ich.

»Es giebt heutzutage weder ein Verkaufen noch ein Kaufen; die Verteilung der Güter wird in anderer Weise bewirkt. Was die Bankiers anbetrifft, so haben wir, da wir kein Geld haben, kein Bedürfnis nach diesen Herren.«

»Fräulein Leete,« sagte ich, indem ich mich an Edith wandte, »ich fürchte, daß Ihr Herr Vater Scherz mit mir treibt. Ich tadle ihn nicht, denn die Versuchung, in welche meine Einfalt ihn führen muß, ist sicher außerordentlich groß. Aber mein Glaube an die möglichen Veränderungen der Gesellschaftsordnung hat wirklich seine Grenzen.«

»Mein Vater denkt gar nicht daran zu scherzen,« versicherte sie mit einem beschwichtigenden Lächeln.

Die Unterhaltung nahm nun eine andere Wendung, – wenn ich mich recht erinnere, lenkte Frau Leete sie auf die weiblichen Moden im neunzehnten Jahrhundert, – und erst nach dem Frühstück, als ich einer Einladung des Doktors auf das Dach des Hauses gefolgt war, welches einer seiner Lieblingsplätze zu sein schien, kam er auf den Gegenstand zurück.

»Sie waren überrascht,« bemerkte er, »als ich sagte, daß wir ohne Geld und Handel auskämen; aber eine kurze Überlegung wird Ihnen zeigen, daß nur darum zu Ihrer Zeit Handel existierte und Geld nötig war, weil die Produktion Privathänden überlassen war, und daß beides folglich jetzt überflüssig ist.«

»Ich sehe nicht sogleich ein, inwiefern das folgt,« erwiderte ich.

»Es ist sehr einfach,« sagte Dr. Leete. »Als unzählige, in keinem Zusammenhange stehende und voneinander unabhängige Personen die verschiedenen, für Leben und Wohlsein nötigen Dinge produzierten, da mußte ein endloser Austausch zwischen den einzelnen Personen stattfinden, damit diese sich mit dem versorgen konnten, was sie wünschten. Dieser Austausch bildete den Handel, und Geld war das notwendige Medium. Aber sobald die Nation der einzige Produzent aller Waren wurde, da hatten die Individuen, um das zu erhalten, was sie brauchten, keinen Austausch mehr nötig. Alles konnte man aus einer Quelle und nichts anderswoher beziehen. Ein System direkter Verteilung aus den nationalen Warenlagern trat an die Stelle des Handels, und zu jenem war das Geld unnötig.«

»Wie geschieht diese Verteilung?« fragte ich.

»Auf die möglichst einfache Weise,« erwiderte Dr. Leete. »Ein Kredit, der seinem Anteil an der jährlichen Produktion des Landes entspricht, wird jedem Bürger am Anfange eines jeden Jahres in der Staatsbuchführung eingeräumt und eine Kreditkarte wird ihm ausgestellt, auf Grund welcher er sich aus den öffentlichen Warenlagern, die es in jeder Gemeinde giebt, das besorgt, was er nur wünscht und wann er es wünscht. Diese Einrichtung beseitigt, wie Sie sehen, vollständig die Notwendigkeit aller Handelsgeschäfte zwischen einzelnen Personen. Vielleicht möchten Sie sehen, wie eine solche Kreditkarte aussieht.«

»Sie bemerken,« fuhr er fort, als ich neugierig das Stück Kartonpapier betrachtete, welches er mir gegeben hatte, »daß diese Karte auf eine gewisse Anzahl Dollars ausgestellt ist. Wir haben das alte Wort behalten, aber nicht die Sache. Der Ausdruck, wie wir ihn brauchen, entspricht nicht einem wirklichen Dinge, sondern dient nur als ein algebraisches Zeichen, um die Werte der verschiedenen Produkte miteinander zu vergleichen. Zu diesem Zwecke ist für alle ein Preis in Dollars und Cents festgesetzt, ganz wie zu Ihrer Zeit. Der Wert der von mir auf Grund dieser Karte entnommenen Gegenstände wird von dem Beamten gebucht, welcher aus diesen Reihen von Vierecken den Preis des von mir Bestellten ausschneidet.«

»Wenn Sie von Ihrem Nachbar etwas zu kaufen wünschten, könnten Sie ihm dann einen Teil Ihres Kredits als Entschädigung übertragen?« fragte ich.

»Zunächst,« erwiderte Dr. Leete, »haben unsre Nachbarn uns nichts zu verkaufen; aber jedenfalls würde unser Kredit nicht übertragbar sein, da er streng persönlich ist. Bevor die Nation auch nur daran denken könnte, irgend eine solche Übertragung, von der Sie reden, anzuerkennen, würde sie verbunden sein, alle Einzelheiten der Verhandlung zu untersuchen, um im stande zu sein, sich von deren völliger Rechtmäßigkeit zu überzeugen. Es würde Grund genug gewesen sein, selbst wenn es keinen anderen gegeben hätte, das Geld abzuschaffen, daß der Besitz desselben kein Beweis des rechtmäßigen Anspruchs auf dasselbe war. In den Händen des Menschen, der es gestohlen oder durch Mord erlangt hatte, war es ebensoviel wert, wie in den Händen desjenigen, der es durch seinen Fleiß erworben. Die Menschen tauschen heutzutage Gaben der Freundschaft untereinander aus; aber Kaufen und Verkaufen gilt für etwas, das unverträglich ist mit dem gegenseitigen Wohlwollen und der Uneigennützigkeit, welche zwischen den Bürgern herrschen sollten, und mit dem Gefühle der Gemeinsamkeit der Interessen, auf welchem unsre Gesellschaftsordnung beruht. Nach unseren Ansichten ist Kaufen und Verkaufen in allen seinen Folgen gesellschaftsfeindlich. Es erzieht zur Selbstsucht auf Kosten anderer; und kein Gemeinwesen, dessen Bürger in einer solchen Schule gebildet worden sind, kann sich über einen sehr niedrigen Grad der Civilisation erheben.«

»Wie nun aber, wenn Sie einmal mehr ausgeben müssen, als Ihre Karte Ihnen zugesteht?« fragte ich.

»Der Betrag ist so reichlich, daß es wahrscheinlicher ist, daß wir ihn bei weitem nicht ausgeben werden,« erwiderte Dr. Leete. »Aber wenn außerordentliche Ausgaben ihn erschöpfen sollten, so können wir einen beschränkten Vorschuß von dem Kredit des nächsten Jahres erhalten, obwohl man diesen Brauch nicht ermutigt und einen großen Abzug macht, um ihm Einhalt zu thun. Natürlich, wenn jemand sich als ein sorgloser Verschwender erweisen sollte, so würde er sein Gehalt monatlich oder wöchentlich erhalten, oder wenn es notwendig wäre, würde es ihm überhaupt nicht gestattet werden, dasselbe zu verwalten.«

»Wenn Sie Ihr Guthaben nicht verbrauchen, so wächst es wohl an?«

»Das ist bis zu einem gewissen Umfange auch gestattet, falls eine besondere Ausgabe zu erwarten ist. Aber wenn nicht das Gegenteil angezeigt wird, so wird angenommen, daß der Bürger, welcher seinen Kredit nicht völlig ausnutzt, keine Gelegenheit dazu gehabt hat, und der Rest wird zu dem allgemeinen Überschuß hinzugeschlagen.«

»Ein solches System ermutigt die Bürger nicht eben zur Sparsamkeit,« sagte ich.

»Das soll es auch nicht,« war die Antwort. »Die Nation ist reich, und sie wünscht nicht, daß man sich irgend welches Gute versage. Zu Ihrer Zeit waren die Menschen genötigt, Geld und Gut aufzuspeichern, um sich gegen künftige Verluste zu schützen und für ihre Kinder zu sorgen. Die Notwendigkeit machte die Sparsamkeit zur Tugend. Aber jetzt würde sie kein solch löbliches Ziel haben, und da sie ihre Nützlichkeit eingebüßt hat, wird sie nicht mehr als eine Tugend angesehen. Niemand sorgt mehr für den kommenden Tag, weder für sich noch für seine Kinder; denn die Nation verbürgt die Ernährung, die Erziehung und den behaglichen Unterhalt eines jeden Bürgers, von der Wiege bis zum Grabe.«

»Das ist eine gar große Bürgschaft!« sagte ich. »Welche Sicherheit besteht, daß der Wert der Arbeit eines Menschen die Nation für ihre Auslagen entschädigen wird? Im ganzen mag die Gesellschaft im stande sein, den Unterhalt aller ihrer Glieder zu beschaffen; aber einige müssen weniger erwerben, als für ihren Unterhalt hinreicht, und andere mehr: und das bringt uns wieder zur Lohnfrage zurück, über welche Sie bisher noch gar nichts gesagt haben. Wenn Sie sich erinnern, war es gerade dieser Punkt, bei dem unsere Unterhaltung gestern abbrach; und ich sage abermals, daß nach meiner Meinung hier ein nationales Industriesystem, wie das Ihrige, seine Hauptschwierigkeit finden muß. Wie, so frage ich nochmals, können Sie in befriedigender Weise die verhältnismäßigen Löhne und Entgelte für die Menge der so verschiedenen und unvergleichbaren Berufsarten feststellen, welche der Dienst der Gesellschaft erfordert? Zu unserer Zeit bestimmte der Marktpreis den Preis aller Arten von Arbeit sowohl als von Gütern. Die Unternehmer bezahlten so wenig und die Arbeiter nahmen so viel, wie sie konnten. Moralisch, das gebe ich zu, war dies kein schönes System; aber es gewährte uns wenigstens eine brauchbare ungefähre Formel zur Entscheidung einer Frage, welche jeden Tag zehntausendmal entschieden werden mußte, wenn die Welt überhaupt vorwärts kommen sollte. Es schien uns kein anderes anwendbares Mittel zu geben.«

»Ja,« erwiderte Dr. Leete, »es war auch das einzige anwendbare Mittel unter einem Systeme, welches das Interesse eines jeden Individuums zu dem jedes andern in Gegensatz brachte; aber es würde erbärmlich gewesen sein, wenn die Menschheit niemals einen bessern Plan hätte ersinnen können; denn der Ihrige war nur die Anwendung der Teufelsmaxime ›Deine Not ist mein Nutzen‹ auf die gegenseitigen Beziehungen der Menschen. Die Belohnung für irgend eine Dienstleistung hing nicht von ihrer Schwierigkeit, Unannehmlichkeit oder Gefahr ab, – denn es scheint, daß in der ganzen Welt die gefährlichste, härteste und widerwärtigste Arbeit von den am schlechtesten bezahlten Klassen geleistet wurde; – sondern lediglich davon, wieviel die, welche den Dienst brauchten, zu geben gezwungen waren.«

»Alles das ist zuzugeben,« sagte ich. »Aber bei allen seinen Mängeln war doch das Verfahren, die Preise nach Angebot und Nachfrage zu regeln, eine praktische Methode; und ich kann mir nicht denken, welchen befriedigenden Ersatz Sie dafür ersonnen haben können. Da der Staat der einzige Unternehmer ist, so giebt es natürlich keinen Arbeitsmarkt oder Marktpreis. Die Löhne aller Art müssen von der Regierung willkürlich festgesetzt werden. Ich kann mir keine verwickeltere und heiklere Aufgabe denken, als diese sein muß, – keine, die, wie immer sie gelöst werden möge, so sicher ist, allgemeine Unzufriedenheit hervorzurufen.«

»Ich bitte um Verzeihung,« erwiderte Dr. Leete, »ich denke, Sie übertreiben die Schwierigkeit. Nehmen Sie an, eine aus verständigen Männern bestehende Behörde wäre damit beauftragt, die Löhne für alle Arten von Gewerben unter einem Systeme festzusetzen, welches, wie das unsrige, bei freier Wahl des Berufes Allen Beschäftigung verbürgt. Sehen Sie nicht, daß, wie ungenügend auch die erste Abschätzung sein möge, die Fehler sich bald von selbst berichtigen würden? Die begünstigten Gewerbe würden zu viele Freiwillige, und die zurückgesetzten zu wenige haben, bis der Fehler verbessert wäre. Aber das bemerke ich nur nebenbei; denn obwohl dieser Plan, denke ich, praktisch genug sein würde, so ist er doch kein Teil unsres Systems.«

»Wie regeln Sie denn nun also die Löhne?« fragte ich noch einmal.

Dr. Leete antwortete erst nach mehreren Augenblicken schweigenden Nachsinnens. »Ich weiß natürlich,« sagte er endlich, »genug von der alten Ordnung der Dinge, um genau zu verstehen, was Sie mit jener Frage meinen; aber die gegenwärtige Ordnung ist in diesem Punkte so ganz anders, daß ich ein wenig verlegen bin, wie ich Ihre Frage am besten beantworte. Sie fragen mich, wie wir die Löhne regeln; ich kann nur erwidern, daß es in der modernen Nationalökonomie keinen Begriff giebt, welcher irgendwie dem entspricht, der zu Ihrer Zeit unter Lohn verstanden wurde.«

»Sie meinen wohl, daß Sie kein Geld haben, worin der Lohn gezahlt wird?« sagte ich. »Aber der dem Arbeiter gewährte Anspruch auf Bezug von Waren aus den öffentlichen Vorräten entspricht dem, was bei uns Lohn war. Wie wird nun die Höhe des Kredits, der den Arbeitern in den verschiedenen Berufszweigen eröffnet wird, bestimmt? Unter welchem Rechtstitel beansprucht der Einzelne seinen besonderen Anteil? Was ist die Grundlage der Verteilung?«

»Sein Rechtstitel,« erwiderte Dr. Leete, »ist sein Menschentum. Sein Anspruch ruht auf der Thatsache, daß er ein Mensch ist.«

»Auf der Thatsache, daß er ein Mensch ist!« wiederholte ich ungläubig. »Sie meinen damit doch nicht etwa, daß alle den gleichen Anteil haben?«

»Ganz sicher.«

Die Leser dieses Buches, welche nie eine andere Einrichtung praktisch kennen gelernt und nur durch geschichtliche Studien davon Kunde haben, daß in früheren Epochen ein ganz anderes System herrschte, können sich unmöglich das an Betäubung grenzende Erstaunen vorstellen, in welches Dr. Leetes einfache Erklärung mich versetzte.

»Sie sehen,« sagte er lächelnd, »es liegt nicht bloß daran, daß wir kein Geld haben, worin wir den Lohn bezahlen können, sondern daß wir, wie ich sagte, überhaupt nichts haben, was Ihrem Begriffe des Lohnes entspricht.«

Inzwischen hatte ich mich hinreichend erholt, um einigen der kritischen Einwände Ausdruck geben zu können, welche mir, dem Manne des neunzehnten Jahrhunderts, gegen diese mich verblüffende Einrichtung zuerst aufstießen. »Manche leisten noch einmal so viel als andere!« rief ich aus. »Sind die geschickten Arbeiter mit einem Systeme zufrieden, das sie mit den mittelmäßigen auf eine Linie stellt?«

»Wir lassen nicht den geringsten Grund übrig, irgendwie über Ungerechtigkeit zu klagen,« erwiderte Dr. Leete, »da wir von allen genau dasselbe Maß der Dienstleistung verlangen.«

»Wie können Sie das, möchte ich gern wissen, da es doch kaum zwei Menschen giebt, deren Kräfte die gleichen sind?«

»Nichts kann einfacher sein,« war Dr. Leetes Erwiderung. »Wir verlangen von jedem, daß er die gleiche Anstrengung macht; das heißt, wir fordern von ihm die beste Leistung, deren er fähig ist.«

»Und angenommen, alle leisten das Beste, was sie können,« antwortete ich, »so wird doch das Arbeitsprodukt des einen noch einmal so groß sein, wie das des andern.«

»Sehr wahr,« erwiderte Dr. Leete; »aber die Größe des Arbeitsproduktes hat gar nichts mit unserer Frage zu thun, die eine Frage des Verdienstes ist. Verdienst ist ein moralischer Begriff, und die Größe des Arbeitsproduktes ein materieller. Es würde eine sonderbare Art von Logik sein, welche eine moralische Frage durch einen materiellen Maßstab zu entscheiden versuchte. Der Grad der Anstrengung allein kommt beim Verdienst in Frage. Alle, welche ihr Bestes leisten, leisten das Gleiche. Die Begabung eines Menschen, so göttlich sie auch sein möge, bestimmt nur das Maß seiner Verpflichtung. Der hochbegabte Mensch, der nicht alles thut, was er kann, wird, ob er auch mehr leiste als der wenig begabte, welcher sein Bestes thut, für einen minder verdienstvollen Arbeiter gehalten als der letztere, und stirbt als Schuldner seiner Mitmenschen. Der Schöpfer stellt den Menschen ihre Aufgaben durch die Fähigkeiten, welche er ihnen verleiht; wir fordern nur deren Erfüllung.«

»Ohne Zweifel ist das eine sehr edle Philosophie,« sagte ich; »nichtsdestoweniger erscheint es hart, daß derjenige, welcher zweimal soviel schafft als ein anderer, gesetzt auch, daß beide ihr Bestes thun, nur denselben Gewinnanteil haben sollte.«

»Erscheint es Ihnen in der That so?« antwortete Dr. Leete. »Mir nun wieder erscheint dies seltsam. Die Art, wie heutzutage die Menschen die Sache auffassen, ist: daß jemand, der mit der gleichen Anstrengung zweimal so viel als ein anderer leisten kann, anstatt dafür belohnt zu werden, bestraft werden sollte, wenn er es nicht thut. Belohntet Ihr wohl im neunzehnten Jahrhundert ein Pferd, weil es eine schwerere Last zog, als eine Ziege? Wir würden es tüchtig peitschen, wenn es das nicht gethan hätte, aus dem Grunde, weil es das hätte thun sollen, da es ja so viel stärker ist. Es ist sonderbar, wie sich die moralischen Maßstäbe ändern.« Der Doktor sagte dies mit einem solchen Zwinkern in seinem Auge, daß ich lachen mußte.

»Ich vermute,« sagte ich, »daß der wahre Grund, weswegen wir die Menschen für ihre Anlagen belohnten, während wir die von Pferden und Ziegen nur als einen Umstand ansehen, welcher die streng von ihnen zu fordernde Leistung festsetzte, der war, daß die Tiere, als vernunftlose Geschöpfe, von Natur das Beste thaten, was sie konnten, während die Menschen nur dadurch dazu bestimmt werden konnten, daß man sie nach der Größe ihrer Leistung belohnte. Das läßt mich fragen, ob Sie nicht, falls sich nicht die menschliche Natur in den hundert Jahren gewaltig verändert hat, derselben Notwendigkeit unterworfen sind.«

»Das sind wir,« erwiderte Dr. Leete. »Ich glaube nicht, daß sich in dieser Hinsicht die menschliche Natur seit Ihrer Zeit irgendwie verändert hat. Sie ist immer noch so beschaffen, daß besondere Reizmittel in der Gestalt von Preisen und zu erringenden Vorteilen erforderlich sind, um beim Durchschnittsmenschen in irgend einer Richtung die höchste Anspannung seiner Kräfte hervorzurufen.«

»Aber welche Antriebe,« fragte ich, »kann ein Mensch haben, die höchsten Anstrengungen zu machen, wenn, wie viel oder wie wenig er auch vollbringen möge, sein Einkommen dasselbe bleibt? Erhabene Charaktere können unter jeder Gesellschaftsordnung durch die Hingabe an das Gemeinwohl bewegt werden; aber hat nicht der Durchschnittsmensch die Neigung, mit seinem Streben nachzulassen, indem er denkt, daß es ja keinen Zweck hat, sich zu bemühen, da alle Anstrengung sein Einkommen doch nicht vermehren und die Unterlassung derselben es nicht vermindern wird?«

»Scheint es Ihnen also wirklich so,« antwortete mein Gefährte, »daß die menschliche Natur für alle anderen Motive außer der Furcht vor Mangel und der Liebe zum Wohlleben unempfindlich ist, so daß Sie erwarten müssen, mit der Sicherheit und Gleichheit des Unterhalts werde jeglicher Antrieb zu Anstrengungen aufhören? Ihre Zeitgenossen glaubten es thatsächlich nicht, ob sie sich gleich eingebildet haben mögen, es zu glauben. Wenn es sich um die höchsten Arten der Anstrengung handelte, um die völlige Selbstaufopferung, dann verließen sie sich auf ganz andere Antriebe. Nicht höherer Lohn, sondern Ehre und die Hoffnung auf die Dankbarkeit der Menschen, Vaterlandsliebe und Pflichtgefühl waren die Motive, welche sie ihren Soldaten zeigten, wenn es sich darum handelte, für sein Volk zu sterben; und nie gab es ein Zeitalter der Welt, wo diese Motive nicht das Beste und Edelste im Menschen hervorriefen. Und nicht nur dies; sondern wenn Sie die Liebe zum Gelde, welche der gewöhnliche Trieb zur Anstrengung in Ihren Tagen war, untersuchen, so werden Sie finden, daß die Furcht vor Mangel und der Wunsch nach Wohlleben nicht die einzigen Motive waren, welche dem Streben nach Gelderwerb zu Grunde lagen. Bei vielen Menschen waren andere Motive weit einflußreicher: das Streben nach Macht, nach gesellschaftlicher Stellung, nach der Ehre, als Mann von Talent und Erfolg zu gelten. So sehen Sie denn, daß, obwohl wir die Armut und die Furcht davor, übermäßigen Luxus und die Hoffnung darauf beseitigt haben, wir den größeren Teil der Motive, die in früheren Zeiten der Liebe zum Gelde zu Grunde lagen, und alle diejenigen, welche die erhabeneren Arten der Thätigkeit beseelten, unberührt gelassen haben. Die roheren Beweggründe, die uns nicht mehr antreiben, sind durch höhere ersetzt worden, welche dem bloßen Lohnarbeiter Ihrer Zeit völlig unbekannt waren. Jetzt, da der Gewerbfleiß jeder Art nicht mehr Selbstdienst, sondern Dienst der Nation ist, wird der Arbeiter, wie zu Ihrer Zeit der Soldat, durch Patriotismus und Liebe zur Menschheit angetrieben. Das Heer der Arbeit ist ein Heer, nicht allein durch seine vollkommene Organisation, sondern auch durch den Opfermut, der seine Glieder beseelt.

»Aber wie Sie die Motive der Vaterlandsliebe durch die Liebe zum Ruhme zu ergänzen pflegten, um die Tapferkeit Ihrer Soldaten anzuspornen, so thun auch wir es. Da unser industrielles System auf dem Prinzip beruht, von einem jeden das gleiche Maß von Anstrengung zu verlangen, nämlich das Beste, was er leisten kann, so werden Sie sehen, daß die Mittel, durch welche wir die Arbeiter antreiben, ihr Bestes zu thun, ein sehr wesentlicher Teil unsres Systems sind. Bei uns ist Eifer im Dienste der Nation der einzige und der sichere Weg zu öffentlicher Anerkennung, socialer Auszeichnung und amtlicher Macht. Der Wert der Dienste eines Menschen für die Gesellschaft bestimmt seinen Rang in derselben. Verglichen mit unseren Mitteln, die Menschen zu eifriger Thätigkeit anzuspornen, halten wir Ihre Methode, sich auf die Wirkung des Anblicks drückender Armut und üppiger Pracht zu verlassen, für ebenso schwach und unsicher, wie sie barbarisch war. Die Gier nach Ehre trieb selbst in Ihrer niedrig gesinnten Zeit anerkanntermaßen die Menschen zu verzweifelteren Anstrengungen an, als es die Liebe zum Gelde vermocht hätte.«

»Es würde mich außerordentlich interessieren,« sagte ich, etwas Näheres über diese socialen Einrichtungen zu erfahren.

»Das System ist natürlich bis ins einzelne ausgearbeitet,« erwiderte der Doktor, »denn es ist die Grundlage der gesamten Organisation unsres Arbeiterheeres; aber einige Worte werden Ihnen eine allgemeine Vorstellung davon geben.«

In diesem Augenblicke wurde unser Gespräch durch das Erscheinen Ediths auf unsrer luftigen Plattform angenehm unterbrochen. Sie war zum Ausgehen angekleidet und war gekommen, um mit ihrem Vater über eine Besorgung zu sprechen, die er ihr aufgetragen hatte.

»Da fällt mir ein, Edith,« rief er, als sie im Begriffe war, uns zu verlassen, »ob es Herrn West nicht interessant sein würde, mit dir den Bazar zu besuchen? Ich habe ihm etwas von unserer Art der Verteilung der Produkte erzählt, und vielleicht würde er sie gern praktisch kennen lernen.«

»Meine Tochter,« fügte er, sich zu mir wendend, hinzu, »ist eine unermüdliche Bazarbesucherin und kann Ihnen von denselben mehr mitteilen, als ich es vermag.«

Der Vorschlag war mir natürlich sehr erfreulich; und da Edith so freundlich war zu sagen, daß ihr meine Begleitung angenehm sein würde, so verließen wir zusammen das Haus.

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