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Ein Präludium Chopins

Leo Lvovich Tolstoi: Ein Präludium Chopins - Kapitel 1
Quellenangabe
typenovelette
authorLeo Tolstoi Sohn
titleEin Präludium Chopins
publisherHugo Steinitz Verlag
translatorWilhelm Thal
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
projectid9953652b
created20070410
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I.

Die Gräfin Truboff gab eine Tanzgesellschaft. Es war ein Abschiedsball, den sie ihrer drei erwachsenen Nichten wegen veranstaltet hatte, die am nächsten Tage auf ihre Güter reisten.

Den ganzen Winter über hatte ihre Schwester, die Fürstin Baretzki mit ihren Töchtern in Moskau gelebt, den ganzen Winter über hatte sie diese in die Gesellschaft geführt; sie empfing ihretwegen sogar alle zwei Tage und machte dabei starke Ausgaben, trotzdem hatte sie nicht das gewünschte Resultat erzielt.

Jetzt, da sie kurz vor der Abreise standen, war wohl nichts mehr zu hoffen.

In Moskau hatten sich noch weniger Freier gefunden, als da hinten in ihrer Provinz. Eigentlich gab es wohl einige »richtige« junge Leute mit Namen, Stellung und Vermögen; doch sich ihrer zu bemächtigen, war nicht leicht. Die einen waren leichtfertig, liebten das Vergnügen und dachten sehr wenig an die Ehe; die andern, die wieder zu ernst waren, erschienen wenig in der Gesellschaft. Manchmal stellte sich wohl, wie die Fürstin Baretzki oft bemerkt hatte, ein Freier ein, der Antrag sollte eben gemacht werden, doch plötzlich machte der Bewerber, ohne daß man wußte warum, rechts um kehrt und verschwand. Das waren die Studenten, die in der Moskauer Gesellschaft als Kavaliere dienten.

Von diesen fand man so viel wie man wollte. Sie konnten sowohl tanzen, wie auch einen Ball arrangieren, sie machten den Moskauer Damen den Hof und gaben ihren Herzen Beschäftigung, sie allein brachten Leben in die sogenannte Gesellschaft von Moskau.

Doch waren das Freier? Konnte die Fürstin Baretzki so wenig ernsthafte junge Leute, die die Milch ihrer Amme noch ganz frisch auf den Lippen trugen, die keine Erfahrung, keine Stellung und meistens auch kein Vermögen besaßen, ihren Töchtern zu Männern geben?

Die Gräfin Truboff war mit ihrer Schwester in dieser Frage nicht einer Meinung. Sie hatte ihr mehr als einmal zu verstehen gegeben, daß man die Studenten, und im allgemeinen die jungen Leute überhaupt, nicht verachten dürfe; man kann von ihnen eine solidere und aufrichtigere Zuneigung für ihre zukünftigen Frauen erwarten, als von Seiten der Männer, die bereits gelebt und viel gesehen haben, daher dürfte man ihren Annäherungsversuchen an die jungen Mädchen keine Hindernisse entgegenstellen, weil daraus nur Gutes entstehen kann. Zur Unterstützung ihrer Behauptung führte die Gräfin mehrere ihr bekannte Beispiele glücklicher Ehen an, in denen die Gatten noch sehr jung waren, kleine Studenten, denen nach ihrem Lieblingsausdruck kaum die Flügel gewachsen waren. Doch die Prinzessin schenkte den Worten ihrer Schwester nur sehr geringe Aufmerksamkeit. Da die Sorge um die Heirat ihrer Töchter sie seit etwa zehn Jahren beständig quälte, so war sie der Sache überdrüssig, und ihr einziger Traum war es, sie so schnell wie möglich unter die Haube zu bringen; doch dazu stellte sie sich natürlich vollgiltige Freier vor, mit einer besseren Stellung, als der eines Studenten.

Das Ideal des Gatten, den sie für ihre Töchter erträumte, war irgend ein junger Adelsmarschall, wie sie einige kannte, ein junger und reicher Gutsbesitzer oder Bezirkschef; in der Stadt wünschte sie einen für besondere Missionen bestimmten Beamten oder einen Militär, natürlich mit Vermögen. Doch je ungeduldiger sie sich in dieser Hinsicht zeigte, je aufgeregter sie war, je mehr Komplimente sie machte, wo es erforderlich war, sich liebenswürdig und zuvorkommend zeigte, jeden, der nicht der Bräutigam ihrer Träume sein konnte, (was sie übrigens am wenigsten fürchtete), kühl behandelte, um so weniger hatte sie Erfolg und um so grausamer schien das Schicksal ihrer zu spotten, indem es ihr ihre Töchter auf dem Halse ließ.

Ein ausgezeichneter Freier, der Graf Wostitz, ein früherer Militär und sehr reicher Mann, der erste Cavalier von Moskau, hatte sich sterblich in Manjoa, die zweite der kleinen Prinzessinnen verliebt, war dann aber, Gott weiß warum, kühler geworden. Die älteste, Anna, die dreiunddreißig Jahre zählte, fast eine Schönheit, eine intelligente Dame, die eine treffliche Gattin abgeben mußte, schien sich mit Schubnisky, einem Junggesellen von dreiundvierzig Jahren mit vollständig kahlem Kopfe sehr gut zu verstehen; doch dieser war plötzlich in sein Dorf abgereist, ohne auch nur Abschied von ihnen zu nehmen.

Die Jüngste, Sonitschka, kokettierte immer mit den Studenten, die sie den ganzen Winter hindurch unaufhörlich umschwärmten. Der Adelsmarschall aus dem Distrikt B. machte ihr ebenfalls eifrig den Hof und wäre bereit gewesen, sie zu heiraten. Doch Sonitschka spöttelte beständig über seine große Nase und sagte, er sehe dem Don Quixote ähnlich. Sie fühlte sich mehr zu den jungen, noch bartlosen Studenten hingezogen.

»Ja gewiß, Sonitschka kann noch warten. Es ist noch zu früh, sich ihretwegen Sorgen zu machen; mit ihrer Lebhaftigkeit wird sie schon einen guten Mann zu finden wissen; doch wie ist es mit einem für Manitschka und für Anna!«

So dachte die Fürstin Baretzki oft und namentlich jetzt, da sie am Eingange des großen Salons neben der Hausfrau, ihrer Schwester und andern ehrwürdigen Damen von Moskau saß, die einen Halbkreis hinter ihr bildeten. Parfümiert und aufgeputzt, ihren Fächer in der Hand, mit welkem Halse, schamlos dekolletiert, mit falschen Zähnen im Munde und falschen Haaren auf dem Kopfe, bewunderten sie ihre Töchter und ihre Söhne, die in dem prächtigen, glänzend erleuchteten Salon der Gräfin Truboff vor ihnen tanzten. Ihre Männer hatten sich in die abgelegenen Zimmer zurückgezogen, saßen an den Spieltischen und interessierten sich sehr wenig für den Tanz.

Man hatte eben die vierte und letzte Quadrille beendet. Die Soirée war in vollem Gange, es war die letzte der Saison. Am anderen Tage, nach der Abfahrt der Fürstin Baretzki und ihrer Töchter, wird es in der Gesellschaft stiller und ruhiger zugehen. Dann werden die letzten drei Tage der Osterwoche kommen, und die besten Tänzer werden anfangen, sich für ihre Examina vorzubereiten.

Fast alle, die auf dieser Soirée zugegen waren, kannten diese Umstände; daher nutzten auch die meisten die letzte Gelegenheit aus, und überließen sich dem Tanze mit großer Lebhaftigkeit.

»Ah!« murmelte die Fürstin Baretzki bewegt, als sie die hohe Gestalt des Grafen Wostitz bemerkte, der im Augenblick an der Eingangsthür des Salons erschienen war, seinen Claque unter dem Arm und sein goldenes Lorgnon auf der Nase – »ganz plötzlich ist er gekommen! Wer weiß! Ehen werden im Himmel geschlossen. Manchmal gewinnt man auf den letzten Schlag. Das ist auch ein Roulette. Aber diese Manja! mein Gott, wie dumm, wie unverzeihlich dumm! Sie sagt jetzt, es liege ihr nichts besonderes mehr daran sich zu verheiraten; vor fünf Jahren hätte ihr viel mehr daran gelegen. Er war ganz und gar verliebt, und sie läßt ihn sich aus den Händen entwischen. Nur ein bischen mehr Wärme! Wie er ihr zu Anfang des Winters den Hof machte!«

Der Graf Wostitz durchflog, ein Lächeln auf den Lippen, mit seinen kleinen kurzsichtigen Augen den Saal und begrüßte die Hausfrau.

»Große Runde!« rief der Tanzarrangeur mit voller Stimme.

Es war Bjelikoff, ein großer blonder Student, ein Modephilologe mit weißen Rockaufschlägen, doch im Grunde nach dem, was man von ihm erzählte, ein einfacher und ausgezeichneter junger Mann. Er stand bereits in seinem vierten Jahre und besaß Vermögen; daher behandelten ihn die moskowitischen Mamas nicht mit derselben Verachtung wie die anderen Studenten. Wenig trennte ihn von der Stellung eines »wirklichen« Freiers, und man fühlte das wohl an der Würde und Leichtigkeit, mit der er auftrat. Gewöhnlich hören die Studenten in den letzten Semestern fast vollständig auf die Gesellschaft zu besuchen und auf Soiréen zu tanzen. Bjelikoff befolgte diese Regel nicht, und man wußte ihm in der Gesellschaft Dank, besonders die Hausfrauen. »Tournez!« fuhr er fort. »Moulinet! Stringkoff! Stringkoff! was machst du denn, Väterchen? Du irrst dich, Väterchen, die Damen drehen sich noch weiter!« rief er mit gebieterischer und ärgerlicher Stimme. »Double Chaîne à gauche! und mehr Zug, mehr Leben, wenn ich bitten darf!«

Seine Stimme entwickelte sich mächtig, ließ, die Rs nach französischer Manier schnarren, und sein ganzer Körper bewegte sich taktmäßig mit der Musik.

Alle übrigen Tänzer zeigten sonst ebenfalls ziemlichen Eifer. Die Gesichter waren hochrot, der Schweiß floß von den Stirnen, und die Paare erschienen und verschwanden eins nach dem andern.

Nach der Kette ließ Bjelikoff eine so verzwickte Figur ausführen, daß es unmöglich erschien, aus derselben herauszukommen.

Alle Tänzer hatten sich zu einem Haufen vereinigt. Kriukoff, einer der jüngsten Studenten, von kleiner Gestalt, aber stark und untersetzt, mit außerordentlich simplem Gesichtsausdruck, mit fast kindlichem Gesicht, tanzte mit der jüngsten der drei Prinzessinnen; er fühlte, daß man ihn so stieß, daß er eng an seine Tänzerin gedrückt wurde. Seine Knieen preßten sich an ihre Beine und seine Brust drückte die ihrige. Der Arrangeur machte die möglichsten Anstrengungen, um die Figur zu entwirren. Mit weit aufgerissenen Augen sich den Schweiß vom Gesicht trocknend, zog er seine Tänzerin, die älteste der Prinzessinnen, deren verwelktes Gesicht mit wohlwollender Traurigkeit lächelte, still schweigend hinter sich her.

»Na, wie wird er sich denn da herauswickeln?« sagte Kriukoff zu seiner Tänzerin, der ganz glücklich war, sich so nahe bei ihr zu fühlen und dort so lange wie möglich zu bleiben wünschte. »Sie sind müde?«

»Nein,« erwiederte die Prinzessin Sonitschka. Sie war wie Quecksilber, sprang im Takt auf dem Platze hin und her und schaukelte die Hand ihres Tänzers, die sie sanft in die ihre preßte. Ihr kleines, rundes Gesicht strahlte von Glück.

»Werden Sie uns auf dem Lande besuchen?« fuhr sie mit halblauter Stimme fort, ohne ihn anzusehen, kaum die Lippen öffnend. »Kommen Sie sicher. Hören Sie?«

»Ihre Mutter hat mich nicht eingeladen,« sagte Kriukoff so leise, daß die andern es nicht hören konnten.

»Ich lade Sie ein und Mama ladet Sie ebenfalls ein; ich werde es ihr sagen.«

»Dank,« versetzte Kriukoff.

Und als er noch immer die Berührung dieses jungen und zarten Körpers spürte, der neben dem seinen zitterte, verlor er vollständig den Kopf. Als er ihr so bewegliches, beständig den Ausdruck wechselndes Gesicht mit seiner Stumpfnase, seinen dunklen und glänzenden Augen betrachtete, dieses Gesicht, das alle häßlich fanden, sah er darin so viel Leben, Jugend und Kraft, daß er die Augen davon nicht abzuwenden vermochte. Er konnte nicht umhin, Sonitschka zu bewundern und beständig an sie zu denken.

Er war in sie verliebt, schon seit vier Monaten verzweifelt verliebt. Er ahnte es seit langer Zeit, seit sie eines Abends nach den Patriarchen-Sümpfen Schlittschuhlaufen gegangen waren. Doch jetzt, da er wußte, daß sie morgen abreiste, daß er sie vielleicht zum letzten Male sah, daß er vielleicht ihre kleine Hand zum letzten Male in der seinen hielt, da fühlte er sich von einem Gefühle der Wut und Verzweiflung erfaßt, und tiefe Traurigkeit schlich sich in sein Herz.

»Warum? aber warum denn?« fragte er sich, und verstand nicht recht, warum sie nicht immer bei ihm bleiben konnte, da sie sich doch liebten, und alle Andern es ganz klar sahen.

»Zum Walzer, wenn's beliebt,« kommandierte der Arrangeur mit leiser Stimme, denn er konnte nicht mehr schreien. Er wollte auf diese Weise die letzte Quadrille entwirren und zu Ende führen. Die Gruppen trennten sich. Der Klavierspieler begann sofort den bekannten Walzer von Waldteufel, der dem Zigeunerliede: »Ich bin so fröhlich bei dir!« entlehnt ist. Kriukoff umfaßte die feine Taille seiner Tänzerin und stürzte mit ihr kopfüber durch den Saal. Ihre kleine Hand stützte sich auf seine Schulter, und ihr heißer Atem streifte sein Gesicht. So tanzte er zwei Walzertouren und führte als letzter, – als alle schon auf ihren Plätzen saßen – Sonitschka zu ihrem Stuhl zurück.

»Aus! ich bin müde!« sagte sie, eine Locke zurechtrückend, die ihr auf die Augen fiel, während sie den kleinen Kopf schüttelte.

Er setzte sich neben sie und sagte: »So reisen Sie also morgen? Und weshalb? Reisen Sie nicht; bleiben Sie!«

»Aber wie?«

Ein leichtes Lächeln huschte über ihr Gesicht, während ihre junge Brust sich unter einem häufigen Atem hob, und ihre Augen einen Blick mitleidiger Traurigkeit auf die seinen warfen.

Er sah in diesem Augenblick, daß sie gern bereit war, ihm ihr ganzes Wesen zu schenken und ihr Leben für die Ewigkeit mit dem seinigen zu vereinigen.

»Sieh' nur deine jüngste Tochter an,« flüsterte die Gräfin Truboff ihrer Schwester in diesem Augenblick zu, »sie lieben sich.«

»Mag sein,« versetzte diese, mit zusammengezogenen Brauen verächtlich lächelnd, »ich bringe sie ja morgen fort. Dieser Fürst Kriukoff, sein Vater, hat ja wohl keinen Pfennig, nicht wahr?«

»Das habe ich gehört« fuhr die Gräfin fort, »doch du bist wirklich unverbesserlich in deinen Ansichten. Siehst du, es ist doch ein ausgezeichneter junger Mann, musikalisch, sehr sympathisch und benimmt sich vortrefflich.«

»Vielleicht – aber dann um so schlimmer.«

»Ich beklage Sonitschka,« sagte die Gräfin gefühlvoll (sie hatte keine Kinder und verstand und kannte infolgedessen die Jugend weit besser als die andern) »alle diese Vorkommnisse lassen stets einen alten Groll zurück.«

»Das wird vorübergehen. Solche Geschichten passieren in dem Alter zwanzig Mal. Und was willst du? Willst du sie verheiraten?« Und die Prinzessin drehte sich um, während sie mit der Hand eine Bewegung machte, als wäre es nicht der Mühe wert gewesen, von solchen Bagatellen zu sprechen! Gewiß war ihr nie der Gedanke gekommen, es könne ernsthaft von einer Ehe zwischen Sonitschka und diesem zwanzigjährigen jungen Mann ohne Vermögen, der in diesem Winter mit ihren Töchtern getanzt und wie die andern Studenten in ihrem Hause verkehrt hatte, die Rede sein.

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