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Jakob Julius David: Ein Poet? - Kapitel 4
Quellenangabe
typenovelette
booktitleNovellen
authorJakob Julius David
year1995
publisherResidenz Verlag
addressSalzburg und Wien
isbn3-7017-0943-2
titleEin Poet?
pages61-95
created19991010
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Er sah nach der Uhr – einer wertvollen, altertümlichen Uhr, die er sich bisher erhalten hatte, die das letzte Erbstück seiner Eltern war, das sich noch in seinen Händen fand. Sonderbar; ihm kam's dabei, daß sein Weib sie verkaufen könne, wofern er etwa – er deutete sich's so – unversehens stürbe. Denn es war eigen, und es befremdete ihn, wie sich ihm alle seine Gedanken plötzlich auf den Tod bezogen. Und inmitten dieser Erwägungen, so unklar, daß sie nur, ein unfaßliches Schattenspiel, durch sein vom Punsch und von Erinnerungen an seine Leiden erhitztes Gehirn huschten, kam ihm ein Zorn über sich selbst, daß er seine Seele und sein Grämen vor solch einem windigen Gesellen ausgeschüttet hatte, den er nicht mochte, noch je gemocht. Warum nur? Er betraf sich plötzlich auf einem Grunde, der seine Wangen mit starker Schamröte färbte. Nein, das war doch nicht möglich... Er konnte nicht so tief gesunken sein, sein Geheimstes einem ihm widerwärtigen Menschen zu offenbaren, nur damit ihn der – zechfrei halte. Es war widersinnig, toll; und dennoch preßte er die Stirne in beide Hände, als könne er so das Hämmern in seinen Schläfen niederzwingen, dennoch keuchte er und rang nach Luft. Und ein Haß gegen jenen, vor dem er sich nutzlos so ungeheuerlich erniedrigt, und gegen sich selbst wachte in ihm auf. Dazu aber schnob ein herber Wind, der sich kaum aufgemacht, stromabwärts und stetig ihm entgegen. Der fegte die Nebel fort; man sah weithin die lichterhellen Bogen der Brücken über die finstere Donau gespannt; er sah Dirnen, die aus einem Bezirke in den anderen wechselten, – ihm fiel, er wußte nicht wie, das Jägerwort ein. Eine davon trat ihm hart und frech in den Weg, schaute ihm unter den Hut, lachte und wendete sich mit einem kurzen Pfiff. Sonst war ihm eine solche Begegnung immer ein Ekel gewesen; an jenem Tage war er weich und wehleidig. Immer den Fluß aufwärts ging er; noch an zwei Brücken vorbei; einer anderen Kaserne vorüber, deren roter Ziegelbau mit seinen Zinnen und Türmchen phantastisch in das Dunkel stach. Die hohen Häuser jenseits des Donaukanals waren verschwunden, man sah fast kein Gebäude mehr. Dann kamen Holzplätze nach Holzplatz; ihr scharfer Geruch füllte die Luft. Endlich war er zu Hause; er trat, bevor er die Stiege erklomm, in den Hofraum und lugte aufwärts. Turmhoch überm Pflaster wachte noch ein Licht. Er sah dazu auf und seufzte.

Müde, aber ohne Spur von Schläfrigkeit kam er oben an. Im Vorzimmer legt er vorsichtig die Schuhe ab, um die Leute nicht zu wecken, von denen sie ein Zimmer zur Untermiete hatten. Sein Weib war noch wach; sie kam ihm bis zur Tür entgegen, und sie begrüßte ihn mit einem Kusse, wie ihn Gewohnheit in der Maske der Herzlichkeit gibt und empfängt. Das Bett war aufgemacht und sauber und wohlgehalten; auch ein Ruhebett war schon für die Nacht hergerichtet. Aber die Stube war sehr kahl; man roch den schweren Dunst der Petroleumlampe, die möglichst tief niedergedreht worden war. Der Raum erschien groß, so wenig er eigentlich für zweie genügen mochte; ein Schönheitssinn, der allenthalben an der Unzulänglichkeit seiner Mittel krankte, hatte an seinen Wänden und an den Fenstern herum geschmückt. Er setzte sich an den Tisch, und sie stellte wortlos einen Teller mit etwas Essen vor ihn hin. Der Stickrahmen mit einer fast fertigen Arbeit lag auf ihrem Schoß; schweigend sah sie ihm zu. Ihm aber war, als glömme ein unruhiges, hungriges Licht in ihren Augen, die sonst sehr schön, still und braun waren. Sie hatte sich's schon zur Nachtruhe bequem gemacht; in allem, wie sie sich benahm, war Ruhe, eine gewisse Sicherheit und Anmut, aber auch eine lasse Müdigkeit, die schlecht zu ihren gewellten, glänzenden und eigenwilligen Haaren und der unversieglichen Lebenslust paßte, die auf dem Grunde ihrer Augen schlief und träumte. Er schob mit einer fast heftigen Geberde den Teller von sich. »Ich mag nicht mehr. Hast du schon gegessen?«

Sie lächelte unmerklich und wurde viel hübscher dabei, gewann einen Abglanz ihrer Jugend wieder: »Natürlich! Ich konnte doch nicht warten! Weiß ich denn, wann du in die Wolfsaugasse kömmst?«

»Und du hast bis jetzt gestickt?«

»Nicht immer. Ich muß freilich dazusehen, daß ich etwas verdiene. Aber dazwischen hab' ich gelesen. Auch in deinen Sachen, Josef!«

»Nun, haben sie dir gefallen?«

Sie sah ihn ruhig und schlicht an: »Du weißt ja – ich hab' sie lieb. Und es ist etwas darin, was mir so ans Herz greift. So ein Dämmern, so ein Klingen; ich hab's gern. Mich ergreift's, es ist mir so, wie der Zug der Wolken; jetzt haben sie Form und, sieht man zu, so haben sie wieder keine. Und ich weiß auch: Dein Herz hängt an den Sachen und ist in ihnen. Dein gutes Herz, das sich ausklagt.«

»Ausklagt – und kein Ohr hört darauf«, stöhnte er tonlos.

»Man wird's schon noch. Nur Geduld!«

»Das glaubst du selber nicht mehr«, kam's jäh zurück.

Sie zuckte zusammen, blinzelte zu ihm hinüber, und Tränen schossen ihr in die Augen: »Aber, Josef!«

»Ja, du glaubst es nicht mehr. Ich glaub's nicht mehr. Aber – wir belügen uns. Es geht uns so schlecht, daß wir Komödie mit uns spielen, damit wir nicht gar zu sehr haltlos sind und nicht völlig an einander verzagen. Aber das hilft nichts, und es geht nicht mehr. Wir haben kein Vertrauen mehr...«

Sie sah ihn entsetzt an: »Aber das wäre ja schrecklich. Du hast wieder nichts gefunden heute? Es ist dir wieder schlecht gegangen?«

»Wie immer«, antwortete er bitter, »und so wird's fortgehen. Bis zum Ende...«

»Aber, Josef... Man muß... Man muß doch...«

Ihm gefiel seine Unerbittlichkeit. »Man muß wahr sein und die Augen offen halten...«

Sie fuhr sich mit dem Handrücken über die Stirne: »Man muß auch an Gott denken. Freilich, mir kömmt vor, er hat uns vergessen oder ich bin ihm unleidlich geworden, weil ich gar zu oft und gar zu inständig komme. Aber ich kann's kaum mehr erwarten, daß es besser wird, ich kann nicht, ich kann nicht!«

Da war's! Die Klage, die er zu hören gewünscht, da quoll sie heiß und ungestüm aus ihrem Tiefsten! Sie aber fuhr fort:

»Und bekämst du nur eine Stelle! Und wär's die kleinste, nur als Schreiber! Ich hätte nie gedacht, daß ich so etwas wünschen müßte, niemals! Ich war zu stolz auf dich...«

»Du warst?«

»Ach, ich weiß nicht, was ich rede. Aber ich bin's noch. Wie wollt' ich sparen! Wie alles zu Rat halten! Ich war nie leichtsinnig, und ich möchte weiter sticken und so auch beisteuern. Und du bliebest auch nicht so klein, wie du anfangen möchtest; ein Mann, der so viel gelernt hat! Nur daß man etwas Gewisses hätte; daß man nicht so leben müßte: fällt wer vom Dach, wenn du vorbeigehst, oder hörst du's zuerst, wenn sonst wo ein Unglück geschieht? Es ist so schrecklich, eigentlich nur vom Schlechten leben zu sollen, was auf der Welt geschieht. Und es ist so traurig, immer rückwärts gehen, ohne vorwärts zu kommen, auch nur einmal, auch nur einen Schritt. Ich sterbe daran, Josef, ich hab' den Tod davon. Ich werde wahnsinnig vor solchen Gedanken! Und ich bin so gar viel allein; und ich mag die Leute nicht, bei denen wir wohnen, daß ich bei ihnen meine Ansprache hätte.«

»Und du hast noch vorhin anders gesprochen...«

»Weil ich nicht denken will, das soll immer so sein. Ich will nicht. Eher...«

Er stand auf und trat ans Fenster: »So nahe dem Himmel, und man sieht keinen Stern!« raunte er.

Sie stellte sich neben ihn. »Worüber denkst du nach?« Sie sprachen ganz leise, und es lag etwas furchtbar Verstörendes und Aufreizendes in diesem Austausch von Worten, so hingehaucht und abgerissen, als graute den beiden vor sich selber und vor den Gedanken, denen sie Laut gaben.

»Über das Letzte.«

»Und was ist das Letzte?«

Er bog sich zu ihr, sein heißer Atem hauchte ihr ins Ohr: »Der Tod...«

»Um Jesus und alle Barmherzigkeit! Josef!«

Seine Hand lag an ihrer Hüfte: »Ja! Wir können nicht zusammen leben. Mein Revolver hat sechs Schüsse. Willst du mit mir sterben, Leni?«

Sie taumelte von ihm fort; mit weitaufgerissenen Augen. Auf das Bett setzte sie sich und faltete ganz rührend die Hände: »Nein, nein, Josef...«

»Und warum nicht? Ist's nicht besser?«

»Nein, nein! Ich tu's nicht. Ich will nicht noch ums andere Leben kommen, nachdem ich um das gekommen bin.«

»Durch mich, Leni?«

»Hab' ich so was gesagt? Nein, nein, ich tu's nicht. Ich bin zu jung dazu. Und bin ich denn so verloren? Es kann besser werden. Ich könnt' mich schon noch fortbringen, allein. Ich könnt' am End' in Dienst gehn. Und ich kann ja manches. Nur etwas Geld, wenn ich's hätte. Nur so viel, daß ich den Zins für eine Zeit hätte und mir eine gute Nähmaschine kaufen könnte, und nicht aufs Abzahlen, daß man sich nicht erholen kann. Und da soll ich sterben? Nein, nein, ich tu's nicht!«

So sehr verstörte sie der Gedanke an den Tod durch eigene Hand, daß sie fast schrie. Er fühlte, wie sie sich nach zehnjähriger Gemeinschaft von ihm loslöste und trennte in diesem entscheidenden Augenblick. Er kniete vor ihr nieder und umschlang sie fast leidenschaftlich: »Gute Nacht, Leni!« Sie streichelte ihm den Kopf, der in ihrem Schoße lag, fuhr ihm durch das Haar: »Nicht wahr, Pepi, nein, nein!«

Die Lampe war erloschen. Nur von den beschneiten Dächern drang noch ein fahles Blinklicht in die Stube. Auf seinem Ruhebette lag Josef Bernhofer und starrte in das Dunkel und nach seinem Weibe hinüber. Das konnte offenbar keinen rechten Schlaf finden, kehrte sich häufig um und flüsterte im halben Schlummer. Er verhielt sich ganz regungslos und dachte viel und verworren. Manchmal nickte er ein: dann schrak er nach einem Weilchen immer wieder in jähem Entsetzen auf, das noch lange in ihm nachzitterte, bis ihn eine Müdigkeit übermannte für Augenblicke. So verging der Rest der Nacht. In der ersten, bangen Frühe erhob er sich. Sein Weib hörte ihn im Zimmer herumrumoren, dann einen Stuhl an den Tisch rücken. Er wollte also arbeiten, und sie war längst gewöhnt, sich dabei ganz still zu verhalten; auch konnte sie sich vor Übermüdung kaum regen. Dann fühlte sie einen Kuß auf ihrer Stirne und hörte die Türe gehen. Es schien ihr, als bleibe er zu lange fort, der sonst niemals vor dem Frühstück ausgegangen war, und sie erhob sich und sah sich um. Auf dem Tische fanden sich einige Briefe, schon in ihren Umschlägen und mit der Aufschrift versehen. Sie sprang auf, Verstörung im Blick und in der Seele. Da sah sie seine Uhr, von der er sich noch nie getrennt, auf ihrem Platze hängen. Ihr Herzschlag setzte aus; sie stieß einen gellenden Schrei aus und stürzte in Ohnmacht zu Boden...

Es war um die zweite Stunde nach Mittag. Dr. Wortmann hatte eben seine Arbeit für das Abendblatt vollendet und freute sich nun der hellen Sonne, die über dem Ring lag und die einen angenehmen Spaziergang vor Tische verhieß. Da brachte ihm der Diener einen Brief. Eine fremde Frau, die sehr verweint, aber sonst noch jung und hübsch aussehe, habe ihn abgegeben. Er öffnete ihn mißtrauisch, ein loses Blatt fiel heraus. Und nun las er:

 
»Hochverehrter Herr Doktor!

Es ist meine Absicht nicht bei weitem, Euer Wohlgeboren Zeit lange und in unnützlicher Weise in Anspruch zu nehmen. Es ist nur mein Wille, Ihnen meinen besten und ehrlichsten Dank für den großen Dienst, den Sie mir gestern zu Nacht erwiesen, geziemend abzutragen. Ich war ein verzagter Mensch geworden; so sehr, daß ich nicht einmal den Mut mehr aufzubringen vermochte, den Kelch der Leiden mit einem kräftigen Zug zu leeren, sondern ihn Tropfen um Tropfen leerte. Nun und durch verschiedene Umstände fand ich ihn; ich klammere mich nicht mehr an ein trauriges, man könnte fast sagen, an ein gänzlich zerstörtes Leben, nicht mehr an einen Beruf, für den ich keinerlei Begabung zu besitzen fürchten muß. Heute schließe ich ab, und zur Stunde, wenn dies vor Ihre Augen kommt, bin ich nicht mehr, und mein Weib ist eine gänzlich verlassene und aller Mittel entblößte Waise. Ich habe, wie Sie in Ihrem Scharfsinn, obzwar ich meinen Ehering als verkauft nicht mehr trug, dennoch richtig erkannten, ein solches besessen. Ich habe das Vertrauen, sie werde sich allein leichter in der Welt fortbringen als mit mir, und hoffe nun von Euer Wohlgeboren Güte, daß Sie ihr entweder durch Ihre vielvermögende Empfehlung bei der Konkordia, oder vielleicht im Wege einer Sammlung unter Euer Wohlgeboren Kollegen und durch Überweisung dessen, was mir noch an Honorar zusteht, einigermaßen dazu behilflich sein werden, daß sie sich eine Nähmaschine kaufen könne, mit der sie sich das Notwendigste, etwa nur die Notdurft des Lebens erwerben zu können hofft. Wer streng ist, ist auch gut. Dies ist meine Hoffnung, und mit diesem Troste verharrt und stirbt

Ihr unglücklich gewesener

Josef Bernhofer.«
 

In starker Bewegung hatte Dr. Wortmann diese Zeilen gelesen. Nun nahm er die zweite Zuschrift auf. In aller Form einer Notiz stand darauf:

 

»(Selbstmord.) Heute morgen wurde im Prater nächst der Krieau der Leichnam eines etwa vierzigjährigen Mannes gefunden. Der Unglückliche, der sich durch einen Revolverschuß in die rechte Schläfe getötet hatte, wurde durch die bei ihm vorgefundenen Papiere als der Dr. phil. Josef Bernhofer, der zuletzt ab und zu als Berichterstatter bei hiesigen Journalen Verwendung gefunden hatte, agnosziert. Nahrungssorgen und die Furcht vor der Zukunft mögen den verheirateten Mann in den Tod getrieben haben.«

 

Mit dem Rotstift in der Hand durchflog er diesen Bericht, der so klar war, wie der Brief verworren gewesen. Dann warf er ihn fast zornig hin: »Es ist schrecklich – jetzt, wo der Mensch schreiben kann, jetzt erschießt er sich«, nahm einen Bogen Papier und schrieb überlegend: »Für die Witwe des« – er strich das »des«, »für die Frau von« – auch das gefiel ihm nicht, endlich: »für die Witwe unseres armen Kollegen Josef Bernhofer«, und zeichnete sich als erster und mit einem ansehnlichen Betrage ein.

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