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Jakob Julius David: Ein Poet? - Kapitel 3
Quellenangabe
typenovelette
booktitleNovellen
authorJakob Julius David
year1995
publisherResidenz Verlag
addressSalzburg und Wien
isbn3-7017-0943-2
titleEin Poet?
pages61-95
created19991010
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Jetzt aber war es schlimm. Ans Wirtshaus habe ich mich nicht gewöhnen können. Ja, so lange ich manchmal, als Fest, hingekommen bin, da war's schön. Aber jetzt und täglich! Mir war so traurig, und da hat sich keiner darum gekümmert. Sie lärmten und zechten, als wäre nicht einer da, der nicht lustig ist. Und das tut wehe. Verwandte habe ich keine und mit vierundzwanzig Jahren so als Waisenknabe herumlaufen und jedem sein Elend vorweinen, das ist doch komisch.

Es hat aber im selben Haus, überm Gang, eine Witwe mit einer Tochter gewohnt. Ich habe das Mädchen manchmal gesehen; sie hat so was Helles an sich gehabt, daß es mir gefiel. Wir haben auch verkehrt, wie Nachbarsleute das müssen. Da kann eines den Schlüssel zur Wasserleitung nicht finden oder es braucht den zum Boden, der gerade bei der anderen Partei ist, kurz, es gibt schon immer Anlaß. Meine Mutter hat die beiden ganz gut können leiden und manchmal von ihnen gesprochen, und besonders hat sie das Mädchen gelobt. Und das hieß etwas; sie hat mit Lob sehr gespart. Weil ich aber meine Wohnung nicht beibehalten wollte – sie war mir zu groß und für mich allein auch zu teuer – so steh' ich einmal im Haustor und schau' mir die Zettel an, damit ich nicht aus dem Hause fort muß, in dem ich mich so wohl gefühlt hatte. Und da hängt richtig einer, ganz orthographisch geschrieben, daß ein besserer Herr ein schönes Zimmer, allenfalls mit ganzer Verpflegung, bei gebildeter Familie haben könne. Es waren wirklich meine Nachbarsleute; ich tummele mich wieder hinauf, und wir machen's in aller Schnelligkeit ab. Sie waren auch in Trauer; der Sohn war ihnen gestorben. Ich habe sein Zimmer übernommen und bald mit ihnen gelebt, ganz wie wenn wir uns nahe stünden.

Sie waren stille Leute, und sie haben also zu mir gepaßt. Besonders das Mädchen, die Helene; die war wie ein Schrat, wie so ein kleines Hausgeistchen, das alles tut und nur nicht will, daß man's dabei sieht oder darum lobt. Den ganzen Tag hat sie gearbeitet, und es war eine Freude, ihr zuzusehen, wenn sie gestickt hat. Unglaublich schnell war sie dabei; und im Haus ist nichts geblieben. Ich hab's bald heraus gehabt, daß sie die Arbeiten dann verkauft hat. So, und mit dem, was ich gezahlt habe, ist es im Hause ganz schön und glatt zusammen gegangen. Ich wenigstens hätt' mir's nie besser gewünscht, und«, er seufzte tief, »ich wollte nur, ich hätt' es noch einmal so gut im Leben, wie ich's damals gehabt. Wenn ich etwas fertig geschrieben hatte und ich las es vor, dann hat sie hübsch und achtsam zugehört. Kurz, ich konnte sie nicht mehr wegdenken aus meinem Leben, und...«

»Und so haben sie dich eingefangen«, ergänzte Fritz Grätzer roh und rücksichtslos.

Bernhofer sah ihn zornig an. »Eingefangen! Das ist ein häßliches und ich möchte fast sagen ein gemeines Wort. Aber du hast es nicht so gemeint, nicht wahr? Das Glück, das sie mit mir gemacht hat! Ein hübsches Mädchen und gebildet und eine Sparmeisterin – und was war ich? Ich hab' meine Dekrete gehabt und meine Zeugnisse – verhungern können wir damit; nicht den Stempel, der darauf klebt, haben sie mir noch getragen. Sie hätte leicht einen Besseren finden können. Aber – sie hat mich eben auch gern gehabt.«

»Du hast eines vergessen, Bernhofer. Du hattest Vermögen.«

Der andere wurde unruhig, begann zu stottern und nach Worten zu suchen: »Vermögen! Sie hat doch auch etwas gehabt! Nicht viel, aber immerhin, die Bettlerin war sie nicht, o nein, das ist sie nicht gewesen, die man vielleicht nur aus Mitleiden heiraten muß. Aber du willst mir weh tun; sonst nichts willst du mir tun, nur weh. Alle Leute haben's auf mich. Warum? Bin ich zuviel auf der Welt? Ich hab' dir nichts getan. Und wenn ich mir jetzt denke: sie sitzt zu Hause und härmt sich und hat vielleicht nichts zum Brot, und ich tue mir da gütlich und schlemme Punsch – dann muß sie sich noch solches nachsagen lassen, dann könnt' ich mich an mir vergreifen. Ja, das könnt' ich!« Und ganz unvermittelt und hart ließ er den Kopf auf die Tischplatte aufschlagen und stöhnte dabei: »Ich fürcht' mich, nach Haus zu gehen; ich fürcht' mich, bei Gott! vorm Nachhausgehen. O! das ist ein Leben!«

»Um Gotteswillen! Du wirst doch keine Szene machen?« flüsterte ihm Grätzer zu.

Bernhofer sah ihn mit roten, schwimmenden Augen an. »Nein«, antwortete er und lächelte, »ich weiß auch noch, was sich gehört. Man macht an öffentlichen Orten keine Szenen. Man benimmt sich ordentlich und läßt seine Sorgen und seine Hunde draußen. Aber – gehen wir?«

Mit eigentümlichen und streitenden Empfindungen hatte Fritz Grätzer der Erzählung des Verkommenden gehorcht. Der tat ihm aufrichtig leid; aber das stieß in ihm die Überzeugung nicht um, daß es eigentlich auf der Welt kein Unglück gebe; daß zumeist dasjenige, was man so nennt, nichts als die Folge von Unverstand und Übereilung sei. Mehr: ihm weckte das Elend des Genossen selbst einen dumpfen und unbestimmten Kitzel; er sah, wie schlimm es einem gehen konnte, und somit auch, wie gut es ihm geworden war, der nun in behaglichen Verhältnissen lebte und eine schöne Zukunft vor sich hatte. Auch war er begierig, noch mehr zu vernehmen; das waren Bruchstücke, und über das Entscheidende, darüber, wie es eigentlich so weit gekommen war, gaben sie keinen Aufschluß. Aber er wollte nicht fragen. Jede Frage schließt eine gewisse Verpflichtung ein, und auf dem Heimwege mochte noch manches aus der gequälten Seele Bernhofers sich losreißen. So zahlte er denn seine Zeche, und Bernhofer schaute ihm neugierig und hoffend zu. Als sich aber Grätzer ruhig anzukleiden begann, da wallte etwas wie Haß in dem armen Teufel auf. Wollte der sich bitten lassen? Nein, die Freude sollte er nicht haben! Und so suchte er denn sein weniges Geld zusammen. Es reichte gerade; und als sich Grätzer umwendete und, wie sich besinnend, sagte: »Die Zigaretten...« da wehrte er mit zitternder Hand und bebenden Lippen ab: »Nein, nein, alles!«

Es ist vielleicht das zur Nachtzeit düsterste Stück der Ringstraße von Wien, dem vorüber die beiden nach Hause schritten. Ihnen zur Rechten lag verworren und schwarz die Fläche des Stadtparkes mit dem gedehnten und eintönigen Gegitter davor; ihnen zur Linken ragten, nunmehr eine graue und wenig gegliederte Masse, die stolzen Paläste des Parkrings. Ab und zu durchbrach ihre Reihen eine Gasse, um ins Geheime zu verrinnen. Dann am Eingange zum dritten Bezirke vorbei; vom Bahndamm, der dorten die Straße überspannt, klang ein dumpfes Brausen und ein fernes Klirren herüber, so unbestimmt, daß man nicht wußte, war es ein Nachtgeräusch, das der Wind da herantrug, oder wälzte sich wirklich ein Zug ins Weite.

Ab und zu begegnete ihnen ein Nachtschwärmer; dann kam das traurige Exerzierfeld vor der Franz-Josefs-Kaserne, das einen Eindruck ungeheurer Größe machte; dahinter massig und drohend, mit Terrassen, mit Freitreppen, mit Vorsprüngen, in denen sich die Finsternis eingehaust hatte, der riesenhafte Bau selber. Endlich und heller die Aspernbrücke mit den Schild haltenden Löwen davor und dem Strom, der sehr seicht und unruhig dahinfloß und von dessen Fläche Eisschollen weißlich heraufblinkten. Hier blieb Bernhofer stehen und deutete auf das Gewässer: »Hier hab' ich meinen ersten Bericht gefunden. Ich wollte, ich hätt's nie. Aber es war ein schöner Fall, und alle Blätter brachten die Geschichte ganz so, wie ich sie niedergeschrieben, und ich war damals auch glücklich und meinte, nun wär' ich endlich auf etwas gestoßen, wovon ich und mein Weib leben könnten. Zumeist ihretwegen freute ich mich so; ich hätt' es so gern gehabt, wenn ihr endlich bessere Zeiten gekommen wären!«

»Ja, aber wie seid ihr dann so heruntergekommen, wenn ihr doch Vermögen hattet? Schlechte Wirtschaft, was?«

»Wie? Das ist doch ganz einfach! Wenn's so reicht, daß es eben nur so lange ausgeht, als nichts geschieht, dann kann es einmal nicht ausgehen. Denn etwas geschieht immer – das ist ja eben das Leben. Da ist meine Schwiegermutter gestorben; ihre Pension hat aufgehört, ihre Krankheit gekostet, und der erste Gulden, den man vom Kapital nimmt, der reißt den zweiten mit, und so geht's weiter. Dann ist kein Halten mehr. Sie ist auch zur rechten Zeit fort; sie hat uns noch glücklich, so glücklich gesehen, daß ich sagen muß: ich und für mich bereu's keine Stunde, daß ich geheiratet habe. Dann sind Kinder gekommen; sie sind fort, Gottlob, sie sind fort! Aber, was die kosten, was die kosten! Und wenn man sie dann doch nicht behalten kann – das tut doppelt weh! Und die Frau war mir lange krank nach dem zweiten, und ich habe da das Herz nicht, zu sparen, wenn es vielleicht ums Leben geht. Und man sieht so langsam, wie man sich aufißt, ganz unmerklich, und kann berechnen, wie lang das noch vorhalten wird, was man noch besitzt: Monate, Wochen, Tage. Und man sucht nach einer Stellung oder nur nach Stunden und gibt wieder Geld aus: für Inserate, für Vermittler; denn man wird dumm, man verliert den Kopf, wenn man das Elend so kommen sieht, so langsam, so Schritt für Schritt, immer näher, immer näher. Und auf einmal steht's vor einem und starrt einem ins Gesicht: voll, ruhig und mit gläsernen Augen. Ah!« Er schrie auf in Pein.

»Und dann kömmt's, daß man auf der Straße steht. Der Wind pfeift um einen, als wär' man ihn gewöhnt von Jugend auf. Und wenn du dann einen Erwerb suchst und die Leute merken, daß du darauf anstehst, so tun sie rein, als wenn sie Gnaden austeilten, wenn sie dich überhaupt einen Kreuzer verdienen lassen, und drücken und zwacken dich, daß du schreien möchtest. Und anfangs war ich noch stolz und hatte so mein Gefühl, daß ich immer noch besser sei als die, welche so an mir herumhudelten. Aber – man wird irr an allem, man wird froh mit allem, was sich nur findet, man duckt sich in alles, nur damit einem nicht das Stückchen Brot wieder aus der Hand fällt, das man kaum gefunden hat. O! sie bekommen einen schon klein, man wehre sich, so stark man nur immer will, und wann sie das erst haben, was sie wollten, dann lassen sie's einen schon spüren. Duck' unter, und gib das letzte bißchen Selbstvertrauen auf und leist' besseres als früher, oder laß dich schuhriegeln, wenn du was von uns willst«, immer schlug das Erinnern an die Kränkung durch, die er kaum erduldet, »und vergiß, was war und was du wolltest. Aber – vielleicht, wenn ich erst tot bin, wird man doch einsehen, ich hätte es besser verdient und leicht höheres leisten können, als die alle, die auf mich so herabgesehen haben. Vielleicht, vielleicht! Und das drückt auf mich und nimmt mir die Besinnung und macht mich so vergessen und krank, wie ich bin, und wenn ich nichts tauge, ich bin nicht mehr schuld daran.«

Es war unbehaglich für Fritz Grätzer, so neben dem verstörten Menschen zu stehen, der unablässig in das Dringen und Treiben der Schollen hinabsah, und er wandte sich ab und schritt schneller. Bernhofer aber ging neben ihm und sprach weiter, Hülle nach Hülle von seiner zerrütteten Seele reißend, im dunkeln, doch übermächtigen Gefühl, einem, und sei es auch dem teilnahmlosesten Menschen, müsse er die tiefen und ungezählten Wunden zeigen, aus denen sein Leben Tropfen um Tropfen, sickernd, doch ungehemmt, verrieselte:

»Ohnedies, es geht mir so immer im Kopfe herum: mit einem Selbstmorde habe ich meine Tätigkeit als Journalist eingeleitet. Das hat etwas zu bedeuten. Das war nicht umsonst so. Aber mein Weib! Und ich weiß bestimmt: sie ist noch wach und stickt noch fort, bis ich nach Hause komme, damit sie doch nach ihren Kräften etwas verdient. Und dann lügt sie mir vor: sie kann nicht schlafen, ehe sie mich nicht zu Hause weiß; und sie klagt nicht und sie weint nicht und sie spricht nichts über unser Elend. Und das halt' ich nicht aus und das vertrag' ich nicht; denn das geht gegen die Natur. Obendrein – sie ist noch stolz auf mich; und wie das sein kann, bei so viel Herzeleid, in das ich sie gebracht hab', und wie sie immer noch achtgeben mag auf mich, daß ich nicht gar zu heruntergekommen ausschau', das ist mir wieder ein Rätsel. Und wie das alles endigen wird und was dann wird, das beschäftigt mich immer. Dann sollen mir meine Notizen geraten! Und dann soll ich nicht immer irgend etwas vergessen! Zu viel im Kopf und zu viel im Herzen; und nicht einmal den Mut zu einer Aussprache, wenn die, welche eigentlich noch mehr leidet, als ich, nicht einmal murrt! Tät's sie nur einmal und ich wüßte, was geschehen muß. Wär' ich nur fromm! Sie ist's, und ich glaube, das hilft ihr in vielem. Aber ich bin's nicht; ich war's nie, und wie könnt' ich's jetzt sein?«

Grätzer hatte das Empfinden, etwas sagen zu müssen: »Daß sich doch auch niemand findet, der sich deiner annimmt!«

»Und du? Der du dich immer deiner hohen Verbindungen rühmst und mir gegenüber den alten Freund spielst, tust du's denn? Würdest du denn nur ein Wort für mich sprechen?« schoß es durch Bernhofers Kopf. Aber er war kein Freund von Vorwürfen: »Es tut's eben keiner. Und wozu?« antwortete er einfach und ergeben.

Sie machten Halt. Fritz Grätzer zog die Glocke am Haustor. »Gute Nacht; man muß nicht gleich verzagen«, sprach er mit seiner wohlgeölten und etwas näselnden Stimme und verschwand hastig im Flur. Drinnen mäßigte er seine Schritte und stieg langsam die breiten und bequemen Stufen empor, die ins zweite Stockwerk und zu seiner Wohnung führten. Halbwegs oben blieb er stehen und schwankte sogar eine kurze Weile, ob er nicht doch umkehren solle. Ein Gedanke zog ihm durch die Brust: so wie Bernhofer eben zu ihm gesprochen, so redet nur ein Verzweifelnder, einer, der mit dem Leben abgeschlossen hat und es noch einmal überschaut. Aber – er schlug sich das aus dem Sinn. Was konnte er denn, selbst im schlimmsten Falle, noch tun? Wer weiß, wo der schon war, und endlich: in wenigen Stunden mußte man ja näheres erfahren haben. Wozu also sich unnütz aufregen und in Auslagen stürzen? Und so setzte er seinen Weg gemächlich fort.

Auf der Straße aber weilte noch immer Bernhofer. Eine dumpfe Betäubung hatte ihn nach den Aufregungen der letzten Stunden überkommen. Er sah sich um und fand sich in einer fremden Gegend; die Nacht narrte ihn, und durch ein Winkelwerk von Gassen fühlte er sich beirrt. Und mühsam und suchend strebte er dem Strome zu. Er war weit von seiner Behausung und mußte doch heimkehren, so sehr er sich davor gefürchtet, Mit ungleichen, aber raschen und fördernden Tritten ging er längs des Wassers und sah auf das Eis, das sich manchmal staute. Dann knirschten die Blöcke vernehmlich, rieben sich aneinander, ehe sie sich nach einer Weile wieder mit leisem, mahlendem Geräusche weiter schoben. Ihn zog ihr Spiel übermächtig an. Dazu fielen Lichtstreifen in die dunkle Flut, liefen über die schneebedeckten Böschungen und teilten das Gewässer in schwarze, hellgesäumte Felder; wechselnd leuchteten die Schollen fast farbig auf, wenn sie so ins Licht trieben und abwärts weiter trifteten. Er blieb einmal sogar stehen, um dies Spiel besser zu beschauen. Plötzlich wandte er sich; ihm war ein Schauer durch die Seele gelaufen, zuckend, unwiderstehlich. Ihm fiel der Aberglaube ein: wem das grundlos geschieht, der ist in diesem Augenblicke über sein Grab geschritten. Aber nein – den Tod nicht. Ein schwarzer Gedanke, der bis dahin im tiefsten Grunde seiner Seele in sich gekauert gewesen, erhob sich machtvoll und überschattete Bernhofers ganzes Sein...

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