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Jakob Julius David: Ein Poet? - Kapitel 1
Quellenangabe
typenovelette
booktitleNovellen
authorJakob Julius David
year1995
publisherResidenz Verlag
addressSalzburg und Wien
isbn3-7017-0943-2
titleEin Poet?
pages61-95
created19991010
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Jakob Julius David

Ein Poet?

Es war zu Mitte Februar, und es ging auf Mitternacht.

In den stolzen Zeitungspalast nah der Wiener Ringstraße war endlich für kurze Weile ein Schweigen eingekehrt. Das rastlose Leben verstummte, das ihn sonst stoßweise doch heftig bewegt. Aus den Fenstern des zweiten Stockwerkes, in dem sich die Redaktion befindet, brach noch ein einsames Lampenlicht in die Nebel und auf die öde Straße. Auch das erlosch. Die elektrischen Bogenlampen über der Einfahrt gossen ihr weißes, fast schrilles Licht über ein harrendes Zweigespann aus. Auf dem Bocke saß der Kutscher mit nickendem Kopfe und bis zur Unkenntlichkeit eingemummelt, um sich vor dem rastlosen Winde zu schützen, der taumelnd und irre über der Großstadt dahinfuhr. Das Haustor stand offen, aber nur selten huschte jemand hinein oder trat daraus. Wer dieses mußte, der verhielt ein Weilchen schaudernd und kurzatmig, eh' er in die Winternacht mit ihrem wehenden, formlosen und frostigen Brodem sich wagte. Wenige Schritte, und ihn hatte das Dunkel verschlungen.

In der Nachtredaktion selbst brannten noch alle Lampen. Eben war der Metteur mit einem Stück Manuskript fortgegangen; nun stand das Blatt, und die Maschinen feierten, der letzten Nachrichten gewärtig, die ein spätes Telegramm oder ein säumiger Bote noch bringen konnten. In dem ziemlich großen Raume roch es muffig: nach Firniß, nach Öl und nach Druckerschwärze. Nur noch drei Personen waren darin anwesend. Der Nachtredakteur spielte zerstreut mit einer großen Schere; an einem Pulte saß im Frack ein Berichterstatter und feilte an seinem Ballbericht, den er offenbar gar nicht schön und farbig genug herausbekommen konnte. Endlich stand noch ein Mann, zum Fortgehen fertig, an einem Tischchen und überflog die jüngsten Depeschen, welche die Stunde gebracht hatte. Er sah dabei überlegt und überlegen aus, wie er so jedes Wort nach Wert und nach Gewichtigkeit abschätzte. Er war auch mit der letzten zu Ende gekommen; sorgfältig legte er das Blatt nieder und wandte sich zum Gehen. Da pochte es an die Türe: kräftig und dennoch ungleich, wie ängstlich. Der Schreibende sah auf; der Nachtredakteur klappte seine Schere hart zu. Die beiden blickten einander an, lächelten und sprachen in einem Atem: »Also – der Bernhofer«...

Der Eintretende, Josef Bernhofer, blieb an der Schwelle stehen und sah ein Weilchen wie geblendet in das helle Licht. Ein Ausdruck von rührendem Behagen glitt vor der Wärme über sein verhärmtes Gesicht. Er war offenbar sehr kurzsichtig; und wie er so mit blinzelnden Augen säumte und dabei mit den Fingern an den Gläsern seiner verbogenen Brille herumwischte, schaute er verträumt und ärmlich aus, trotz der Sauberkeit seines Anzuges, der dennoch, bis auf die lichten Beinkleider, der Jahreszeit gemäß war. Er hielt sich schlecht, mit vornübergezogenen Schultern; sein Haar war unordentlich, in förmlichen Büscheln ergraut. Den linken Fuß schleppte er ein wenig, aber so, daß es mehr die Folge einer lässigen Angewöhnung, als eines körperlichen Gebrechens erschien. Eine gewisse höfliche Schüchternheit lag über allem, was er begann; man findet sie nicht selten bei Menschen, die nur mit Leuten verkehrt haben, die über ihnen stehen, und die den Umgang mit Höheren doch nicht recht gewöhnen können – etwa bei von Natur bescheidenen Erziehern in adligen Häusern also. Und so näherte er sich dem Nachtredakteur und langte aus der Brusttasche seines Winterrocks sauber gelegt ein blau beschriebenes Blatt Papier: »Ich bin so frei, noch einen Bericht zu bringen. Hoffentlich paßt es. Es ist ein Brand, Herr Doktor.«

»Ein Brand? Steht's jetzt noch dafür? Und hat ihn noch niemand gebracht?«

»Ich hoffe nicht. Es war vor kaum einer Stunde und ein ganz ansehnliches Feuer. Sie mußten mit der Dampfspritze ausrücken, und ein Löschmann wurde nicht unerheblich verletzt. Ich habe mich sehr beeilt, gerade auf dem Heimwege war ich, als die Flammen aufschlugen, und ich habe im Kaffeehause alles aufs gewissenhafteste notiert. Hierher«, er versuchte ein bescheidenes Lächeln, »kam ich allerdings nicht sofort. Ich wußte, daß die Herren hier am längsten offen haben.« Und damit legte er seinen Bericht auf das Pult und machte seine Verbeugung, um sich zu empfehlen.

»Sie, Herr Bernhofer«, hörte er sich plötzlich anrufen.

Er zuckte zusammen, blieb nicht ohne eine gewisse Ängstlichkeit stehen. Der Dritte – Dr. Ferdinand Wortmann seines Namens und erster Leitartikler des Blattes von Beruf – hatte den Bericht aufgenommen, und trat nun damit in der Hand auf Bernhofer zu. Er war ein kleiner Mann, fast einen Kopf kleiner als der andere; aber man begriff in diesem Augenblicke die Scheu Bernhofers vor ihm. Bewußte Kraft stand gegen Müdigkeit. Er sah ungemein klug und sehr heftig aus. Die Brille hatte er hoch auf die Stirne geschoben, und die tiefen Streifen, welche das Gestänge längs der Schläfen eingegraben hatte, leuchteten ganz rot. Seine raschen Augen funkelten, und die sehr schöne und bis auf den Ehering völlig schmucklose Hand fuhr über das kurzgeschorene Haupthaar und glättete am spitzgehaltenen Bart. »Sie, Herr Bernhofer!« rief er dabei noch einmal, und seine Stimme hatte einen hellen und nicht unangenehmen Ton. Die beiden andern aber stießen sich an: »Es gibt etwas...« und lächelten dabei.

»Herr Doktor wünschen?« fragte Bernhofer befangen.

»Sie haben da einen Bericht geliefert, Herr Bernhofer«, es lag eine gänzlich vernichtende Höflichkeit in jeder Silbe, »der ja soweit ganz vortrefflich sein mag. Er geht mich auch eigentlich nichts an, und ich warf nur aus Neugierde und weil ich zufällig da war, einen Blick hinein; das Lokale«, er schüttelte es mit einer entschiedenen Bewegung von seinen Schultern, »das Lokale ist sonst durchaus nicht mein Ressort. Aber – auf eine Kleinigkeit haben Sie in Ihrer, sonst, wie bemerkt, vielleicht vortrefflichen Notiz vergessen – bitte: wo hat's gebrannt, Herr Bernhofer?«

»Aber steht das nicht darin?« stammelte Bernhofer ganz verdutzt... »Bei der Augartenbrücke, natürlich!«

»Erlauben Sie mir die Bemerkung: es ist gar nicht natürlich, daß es just bei der Augartenbrücke gebrannt hat. Und bei allem Scharfsinn, den Sie unseren Redakteuren zuzutrauen das Recht haben – und es ist dessen in der Tat ziemlich viel – Sie dürfen doch nicht verlangen, daß sie das erraten. Also: bei der Augartenbrücke. Gestatten Sie, daß ich das vermerke und Sie an die erste journalistische Regel erinnere: Wo, wann, wie – so geht's in der Welt, wenn's beliebt.«

»Es ist unglaublich, Herr Doktor! Erlauben Sie...« stotterte der andere.

Sein Widersacher winkte mit einer Handbewegung ab: »Nicht wahr, jetzt finden Sie es selber unglaublich. Sie schildern da den Brand, sehr schön, will ich Ihnen zugeben, sehr poetisch und in einer Novelle auch wirklich wirksam. Aber, Herr! Unserem Publikum haben Sie keine Novellen zu erzählen – vorläufig wenigstens nicht, und die zu beurteilen wäre wieder nicht meine Sache. Unsere Leser wünschen alles zu wissen, was sich in der Welt begibt; aber nur die Tatsachen, Herr, merken Sie sich das, nichts als die Tatsachen!«

»Ich will mir's merken«, entgegnete Bernhofer demütig, »und man war auch bisher immer mit meinen Leistungen zufrieden, wie ich denn in Zeiten dringender Arbeit auch von der Redaktion aus verwendet wurde.«

»Man war!« unterbrach ihn Dr. Wortmann fast heftig; »ich weiß nicht, ob man's war. Und was heißt das überhaupt? Das heißt: man hat Ihre Notizen gedruckt, wenn sie brauchbar waren, und, wenn sie nichts taugten, hat man sie fortgeworfen. Gedruckt und mehr oder weniger redigiert; ich will in Ihrem Interesse hoffen, weniger. Aber gibt Ihnen das irgend ein Recht oder einen Anspruch? Durchaus nicht. Bei einer Zeitung gibt es kein: war; da gibt es nur ein: ist! In ihrem eigensten Interesse muß sie das so halten. Verstehen Sie das? Wir leben vom Augenblicke, heißt das, und nur wer ihm auch im Augenblicke gut dienen kann, der darf mit uns leben und ist unser Mann: nur der!«

»Ich verstehe«, antwortete Bernhofer ganz leise. Ein starkes Rot flammte dabei auf seinem Gesichte, und er atmete ruckweise und in Beschämung.

Dr. Wortmann setzte sich und sah langsam und prüfend an ihm auf: »Nicht wahr, Sie machen Verse oder Sie haben doch welche gemacht?«

»Ja!« hauchte der Reporter.

Ein vergnügliches Lächeln lag um den Mund des anderen; man sah, wie sehr er sich seiner Klugheit freute: »Ich habe nur den einen Bericht von Ihnen gelesen, und ich wußt' es sofort. Und nicht wahr: Sie sind verheiratet und zwar schon seit ziemlich langem?«

»Ja!« flüsterte der also Verhörte, »aber woher wissen Herr Doktor...«

Ein seelenvergnügtes Händereiben: »Man hat seine Augen, und man hat seinen Verstand. Eines will ich Ihnen sagen: Sie sind ein unpraktischer Mensch; also machen Sie Verse, und also sind Sie höchst wahrscheinlich verheiratet, und zwar, weil Sie arm sind. Ich weiß auch jetzt schon: Sie möchten mich in diesem Augenblicke am liebsten niederschlagen, und auch ich bin über Sie, den ich kaum kenne, eigentlich zornig. Sie hassen mich, weil ich Ihnen weh tue. Aber ich tu's nur, weil ich's mit Ihnen gut meine; weil Sie mir leid tun in Ihrer Dummheit. Ja wohl, in Ihrer Dummheit!« Er dehnte die Worte, er kostete jede Silbe aus. »Sie haben ein Weib zu Hause in Not und denken an das und vergessen darüber das Wichtigste. Und Sie haben's nicht im Kopfe – und nur dort darf's bei einem Journalisten sitzen. – Sie haben's vielleicht im Herzen. Und das taugt nichts, Herr! Verstehen Sie mich wohl, das taugt nichts, gar nichts!«

Er war in seiner Erregung aufgesprungen, er deutete mit den Händen, seine Stimme überschlug sich und gellte. Und dennoch wirkte er nicht einen Augenblick lang komisch. Dazu war ihm offenbar die Sache zu ernst, die er hier vertreten zu müssen meinte: sein Blatt und sein Beruf; dafür war die Empörung zu ehrlich, die er offenbar vor dieser wie jeder Torheit empfand, die irgendwer auf dieser närrischen Welt beging. Er stellte keine an; gewiß: er hatte nichts in seinem Leben begangen, was er ungeschehen wünschen mußte. Ihm ging's gut, weil er klug war; und weil er dabei doch jedem das Beste gönnte, ereiferte er sich über allen Widersinn. Josef Bernhofer empfand das genau; und vor dieser Erkenntnis schwand ihm der kurze männliche Zorn, der sich in ihm zu heben begonnen; die Röte auf seinen Wangen wich, und er stand völlig fahl und farblos vor dem Zürnenden. Der bemerkte das und wurde weicher.

»Ich sagte Ihnen schon: ich mein' es gut mit Ihnen. Und darum rate ich Ihnen, Herr – nehmen Sie sich zusammen! Oder noch besser: geben Sie das Geschäft auf, wenn Sie können. Sie sind ein gebildeter Mann; beginnen Sie etwas anderes! Sie können sich auch anders forthelfen, besser, menschenwürdiger. Eines, bei dem Sie sich nicht von jedem heruntermachen lassen müssen. Eines, bei dem Sie nur einen Herrn haben. Und nun«, er brach hastig und ruckweise ab, »gute Nacht, meine Herren!« und behende und mit für seine Kleinheit großen Schritten wischte er aus der Stube. Man hörte die Türe zufallen; dann Stille.

Josef Bernhofer stand immer noch auf demselben Flecke und starrte ins Leere. Er war so gänzlich niedergedonnert, daß der Spaß, den die anderen anfangs mit der Geschichte gehabt, bald einem tiefen und ehrlichen Mitleiden wich. Der Nachtredakteur nahm das also schlecht gemachte Blatt, in das Dr. Wortmanns Feder die nötigen Änderungen gemalt, an sich und gab es in recht nachdrücklicher Weise einem Setzerjungen, mit dem Ballbericht, der endlich doch fertig geworden war. Sein »Gute Nacht« klang warm und fast tröstend; bis zur Türe ging er mit Bernhofer und drückte ihm dort noch einmal die Hand. Der Berichterstatter aber nahm rasch seinen Winterrock um und eilte dem Mißhandelten nach. »Er hat's heute auch gar zu arg mit ihm getrieben«, flüsterte er. »Es geht aber auch wirklich zu schlecht mit dem Bernhofer. Er ist ein guter Mensch, er schreibt ein anständiges Deutsch, und er hat früher oft ganz schöne Sachen gehabt, so daß man sehen konnte, wie viel Mühe er sich gibt. Aber er vergißt jetzt immer irgend etwas.« »Ich weiß nicht, was das mit ihm geworden ist«, wurde ihm zur Antwort. »Ich will ihm nach. Ich habe mich heute beinahe vor dem Wortmann gefürchtet. Wie erst er? Und wir wohnen nicht gar weit von einander; ich will also mit ihm gehen.« Der Nachtredakteur nickte und nahm nachdenklicher als sonst seine gewohnte Beschäftigung wieder auf.

Wenige Schritte vom Hause – noch warf das elektrische Licht seinen ungewissen Schein bis dahin – holte Fritz Grätzer seinen alten Schulbekannten ein. Er legte ihm die Hand auf die Schulter, und Bernhofer sah sich verstört und mit ängstlichem Mißtrauen um. Grätzer aber schob halb herablassend und halb gönnerhaft seinen Arm unter den des anderen: »Ich gehe noch ins Kaffeehaus; du kommst doch mit?« Bernhofer schüttelte verneinend den Kopf und hatte doch nicht die Kraft, ihm entschieden zu widersprechen; ärgerte sich über seine Schwäche und hatte hinwider eine geheime Freude über die Einladung. So kamen sie zum Ring, der ganz ausgestorben dalag; nur ein letzter Pferdebahnwagen rollte heimwärts. Das Geklingel seiner Schellen läutete tröstlich durch die Stille, und die blaue Laterne leuchtete hell und freundlich, ehe sie langsam davonzog und verblich. Es roch nach dumpfem Rauch in der Welt, und die Brust war beklemmt davon. So wallend zogen die Schwaden, daß man die gegenüberliegende Häuserreihe kaum mehr sah. Die Gasflammen brannten traurig, summend und mit rötlichem Licht. Man fühlte sich unsicher und ängstlich selbst für die wenigen Schritte. Gespenstig tauchte ab und zu ein rascher Fiaker auf; und so waren sie froh, als sie endlich das Lokal erreicht hatten. Die Helle und die Wärme taten wohl, und Grätzer freute sich seiner Klugheit, daß er den Verstörten nicht allein und nicht unmittelbar hatte heimgehen lassen.

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