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Ein Pfeil vom Himmel

Gilbert Keith Chesterton: Ein Pfeil vom Himmel - Kapitel 7
Quellenangabe
typenarrative
authorGilbert Keith Chesterton
titleEin Pfeil vom Himmel
publisherWegweiser-Verlag G.m.b.H.
translatorDora Sophie Kellner
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
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Das goldene Kreuz

Um einen kleinen Tisch saßen sechs Personen, eine so bunte, zusammengewürfelte Gesellschaft, als hätte jeder einzelne auf derselben einsamen kleinen Insel Schiffbruch erlitten. Jedenfalls waren sie auch vom Meere umgeben – denn in gewissem Sinne war ihre Insel von einer zweiten umschlossen, einem großen, fliegenden Eiland gleich Laputa. Der kleine Tisch war einer von vielen im Speisesaal des Riesenschiffes »Moravia«, das durch die Nacht und die ewige Leere des Atlantischen Ozeans dahineilte. Die Gesellschaft hatte nichts miteinander gemein, als daß alle von Amerika nach England reisten. Zwei zumindest konnten für Berühmtheiten gelten; die anderen waren unbekannte, in einem und dem anderen Fall sogar zweifelhafte Persönlichkeiten.

Der erste war der berühmte Professor Smaill, eine Autorität auf dem Gebiete der spätbyzantinischen Archäologie. Seine Vorlesungen, die er an einer amerikanischen Universität hielt, galten selbst in den maßgebenden europäischen Sitzen der Gelehrsamkeit noch als das letzte Wort in seinem Fache. Seine literarischen Arbeiten waren so sehr von reifem und phantasievollem Verständnis für die Vergangenheit Europas durchdrungen, daß Fremde oft erstaunten, wenn sie ihn mit amerikanischem Akzent reden hörten. Und doch war sein Äußeres typisch amerikanisch; er trug sein blondes Haar lang und von der hohen, viereckigen Stirn zurückgestrichen, und die langen, geraden Gesichtszüge spiegelten in sonderbarer Mischung Zerstreutheit und verhaltene Schnelligkeit, wie ein Löwe, der in Gedanken schon seinen nächsten Sprung erwägt.

Unter den Sechsen befand sich nur eine einzige Dame; freilich stellte sie, wie die Presse oft von ihr sagte, in ihrer Person eine ganze Heerschar vor. Sie wäre mit Freuden darauf eingegangen, an diesem oder einem anderen Tische die Gastgeberin, um nicht zu sagen, die Kaiserin, zu spielen. Es war Lady Diana Wales, die berühmte Reisende in tropischen und anderen Ländern; aber bei Tische wies ihre Erscheinung keine eckigen oder männlichen Züge auf. Sie war eine fast tropische Schönheit, mit einer Fülle von brennendem, schwerem rotem Haar – sie war auffallend gekleidet, wie es in den Modeberichten heißt, aber ihr Gesicht war intelligent und ihre Augen hell und ein wenig vorstehend, wie die Augen der Damen, die bei politischen Versammlungen Fragen stellen.

Die anderen vier Gestalten sahen zuerst in dieser glänzenden Umgebung wie Schatten aus; bei näherem Hinsehen ergaben sich Unterschiede. Einer war ein junger Mann, der als Paul T. Tarrant in der Schiffsliste eingetragen war. Er war ein amerikanischer Typus, besser gesagt, Gegentypus. Jedes Volk hat vermutlich seinen Gegentypus, eine extreme Ausnahme, die nur die nationale Regel bestätigt. Die Amerikaner achten in Wirklichkeit die Arbeit, wie die Europäer den Krieg achten. Sie ist von einem Heiligenschein von Heldentum umgeben, und wer sich von ihr zurückzieht, ist weniger als ein Mann. Der Gegentypus liegt auf der Hand, obwohl er selten vorkommt. Er ist der Geck, das Gigerl – der reiche Müßiggänger, der in so vielen amerikanischen Romanen den Bösewicht abgibt. Paul Tarrant schien nichts zu tun zu haben, als seine Anzüge zu wechseln, was er täglich sechsmal tat; bald erschien er in helleren, bald in dunkleren Schattierungen von entzückendem Lichtgrau, wie die zarten wechselnden Silbertöne der Dämmerung. Im Gegensatz zu den meisten Amerikanern hatte er sich einen sorgfältig gepflegten, kurzen lockigen Bart zugelegt; und im Gegensatz zu den meisten Gecken seines eigenen Typs schien er eher trotzig als protzig. Eigentlich erinnerte sein düsteres Schweigen in etwas an Lord Byron.

*

Die beiden nächsten Reisenden gehörten von Natur zusammen, einfach weil sie beide Engländer waren, die von einer Vortragsreise aus Amerika zurückkehrten. Einer führte den Namen Leonard Smyth und war eine Kreuzung zwischen Dichterling und Journalist; mit schmalem Kopf, hellem Haar und sehr sicherem Auftreten. Der andere mutete an wie sein komischer Gegenspieler, da er kurz und breit war, einen Schnurrbart hatte wie ein Seehund und ebenso stumm war wie der andere gesprächig. Da er einmal wegen Raubes angeklagt war und sich außerdem einen Namen gemacht hatte, weil er eine rumänische Prinzessin in einer Menagerie aus den Pranken eines Jaguars gerettet hatte, war man selbstredend der Ansicht, daß seine Meinung über Gott, Fortschritt, seine eigene Kindheit und die Zukunft der englisch-amerikanischen Beziehungen für die Einwohner von Minneapolis und Omaha von größtem Interesse und Wert sein müßte.

Die sechste und unscheinbarste Gestalt war die eines kleinen englischen Priesters, der sich Brown nannte. Er lauschte den Gesprächen mit Achtung und Aufmerksamkeit und hatte eben den Eindruck gewonnen, daß sie in einer Beziehung etwas sonderbar waren.

»Vermutlich sind Ihre Studien über Byzanz dazu angetan, etwas Licht in die Angelegenheit der Grabstätte zu bringen, die man an der südlichen Küste entdeckt hat?« fragte Leonard Smyth. »Ich glaube, es war bei Brighton – das ist natürlich recht weit von Byzanz. Aber ich glaube, gelesen zu haben, daß die Art der Bestattung oder Einbalsamierung oder sonst etwas byzantinisch war.«

»Studien über Byzanz müssen wirklich für vieles herhalten«, antwortete der Professor trocken. »Da spricht man von Spezialisten – aber ich glaube, nichts auf Erden ist schwerer, als sich zu spezialisieren. Nehmen Sie gleich diesen Fall: wie kann man etwas über Byzanz wissen, bevor man sich mit dem alten Rom vor der byzantinischen Zeit und dem Islam nach derselben völlig vertraut gemacht hat? Die meisten arabischen Künste stammen aus Byzanz. Wenn Sie sich zum Beispiel mit Algebra beschäftigen –«

»Ich denke nicht daran«, rief die Dame entschieden. »Ich habe es nie getan und tue es auch jetzt nicht. Aber für Einbalsamieren interessiere ich mich außerordentlich. Ich war dabei, wissen Sie, wie Gatton die babylonischen Gräber öffnete. Seit der Zeit schwärme ich für Mumien und erhaltene Leichen und so weiter. Bitte, erzählen Sie uns doch mehr von diesem Grab.«

»Gatton war ein interessanter Mensch«, sagte der Professor. »Die ganze Familie war interessant. Der Bruder, der ins Parlament gewählt wurde, war auch bedeutend mehr als ein Durchschnittspolitiker. Ich begriff erst, was die Faszisten eigentlich wollen, nachdem er seine Rede über Italien gehalten hatte.«

»Ja, aber diesmal führt uns doch unsere Reise nicht nach Italien,« fuhr Lady Diana hartnäckig fort, »und ich glaube, daß Sie nach dem kleinen Ort reisen, wo das Grab aufgefunden wurde. Ist es nicht in Sussex?«

»Sussex ist sehr groß«, erwiderte der Professor. »Man kann ziemlich lange darin herumwandern; und es ist auch dafür wie geschaffen. Es ist unglaublich, wie hoch die niedrigen Berge aussehen, wenn man sich mitten drin befindet.«

Eine plötzliche Stille trat ein; dann sagte die Dame:

»Ich will mal ein bißchen auf Deck«, und stand auf. Die Männer taten dasselbe. Nur der Professor verweilte ein wenig, und als letzter verließ der kleine Priester den Tisch, nachdem er seine Serviette sauber zusammengefaltet hatte. Da sie so allein zurückblieben, wandte sich der Professor plötzlich an den andern:

»Worauf, glauben Sie, sollte das Gespräch hinzielen?«

Pater Brown lächelte. »Wenn Sie mich fragen: ich habe mich über eines ein wenig amüsiert. Vielleicht irre ich mich – aber mir schien, daß die Gesellschaft es dreimal versuchte, Sie in ein Gespräch über den einbalsamierten Leichnam in Sussex zu verwickeln. Sie ihrerseits waren mit der größten Höflichkeit bereit, sich zu unterhalten – über Algebra, über die Faszisten und über die Landschaft an der Südküste Englands.«

»Das heißt,« sagte der Professor, »ich war gerne bereit, mich über jeden beliebigen Gesprächsstoff zu unterhalten mit Ausnahme des einen. Sie haben ganz recht.«

Er schwieg einen Augenblick und betrachtete das Tischtuch. Dann blickte er auf und sagte mit der schnellen, impulsiven Art, die an den Sprung des Löwen erinnerte:

»Passen Sie auf, Hochwürden. Ich halte Sie so ungefähr für den anständigsten und klügsten Menschen, den ich kenne.«

Pater Brown war ein typischer Engländer. Wie alle seine Landsleute, konnte ihn ein auf amerikanische Art ohne Umschweife vorgebrachtes Kompliment völlig aus der Fassung bringen. Als Antwort ertönte nur ein unverständliches Murmeln; der Professor fuhr mit denselben ernsten, abgehackten Tönen fort:

»Sehen Sie, bis zu einem bestimmten Punkt ist alles sehr einfach. Ein christliches Grab aus dunklen Zeiten, jedenfalls ein Bischofsgrab, wird unter einer kleinen Kirche in Dulham an der Küste von Sussex aufgefunden. Zufälligerweise verstand der Pfarrer des Ortes etwas von Altertumskunde und brachte mehr heraus, als ich bis heute selbst weiß. Es war das Gerücht verbreitet, daß die Leiche auf eine den Griechen und Ägyptern eigentümliche, aber im Westen – und besonders zu dieser Zeit – unbekannten Weise einbalsamiert war. Aus diesem Grunde dachte der Pfarrer Walters an byzantinische Einflüsse. Er erwähnte aber noch etwas, das mich persönlich weit mehr interessiert.«

Sein langes, ernstes Gesicht schien noch länger und ernster zu werden. Er sah auf das Tischtuch und runzelte die Stirn. Sein langer Zeigefinger schien Muster von Plänen versunkener Städte, ihrer Tempel und Gräber zu zeichnen.

»Deshalb will ich Ihnen – und sonst keinem – jetzt sagen, warum ich über den Gegenstand in größerer Gesellschaft nicht sprechen darf – und warum ich um so vorsichtiger sein muß, je mehr man es darauf anlegt, darüber zu reden. Es ist auch angegeben worden, daß sich im Sarge eine Kette mit einem Kreuz befindet, das ganz gewöhnlich aussieht, aber auf der Hinterseite ein Zeichen trägt, wie es nur noch auf einem einzigen anderen Kreuz vorkommt. Es stammt aus den geheimen Zeichen der allerersten Christen und soll der Zeit angehören, in der Sankt Peter zu Antiochia Bischof war, bevor er nach Rom kam. Sei dem wie immer: ich glaube, daß nur noch ein einziges dieser Art existiert, und das befindet sich in meinem Besitz. Es gibt da auch ein Gerücht von einem Fluch, der daran haftet, doch darum kümmere ich mich nicht. Aber ob es nun einen Fluch gibt oder nicht – jedenfalls gibt es in gewissem Sinne eine Verschwörung, obwohl sie sicherlich nur aus einer einzigen Person besteht.«

»Aus einer einzigen Person?« wiederholte Pater Brown fast mechanisch.

»Aus einem Irrsinnigen, soviel ich weiß«, sagte der Professor. »Die Geschichte ist lang und ziemlich albern. Ich will nur soviel sagen, daß mir einmal jemand eine gleiche Antiquität zur Begutachtung übersandt hat. Er hielt sie für echt und ich für eine Fälschung, und seither ist mir auf hundertfache Weise klar geworden, daß jemand gegen mich intrigiert und sich mir aus Bosheit in den Weg stellt; er bietet bei Auktionen gegen mich, verbreitet Verleumdungen über mich und droht mir manchmal in anonymen Briefen. Ich schließe aus diesen Drohungen, daß er mich wahrscheinlich auch auf dieser Reise verfolgt und versuchen wird, mir die Antiquität zu stehlen oder mir etwas Böses anzutun, weil ich sie besitze. Aber ich habe den Menschen nie gesehen, und es kann also jeder sein, dem ich begegne. Wenn man streng logisch vorgeht, kann es ebensogut einer der Kellner sein, die uns bei Tische bedienen. Oder einer der Reisenden, die mit mir bei Tische sitzen.«

»Ich zum Beispiel«, bemerkte Pater Brown.

»Jeder außer Ihnen«, antwortete der Professor ernst. »Das habe ich eben gemeint: Sie sind der einzige, von dem ich sicher weiß, daß er nicht der Feind ist.«

Pater Brown war wieder verlegen; dann lächelte er und sagte: »Sonderbarerweise bin ich es wirklich nicht. Wir müssen jetzt überlegen, ob wir die Möglichkeit haben, ihn zu entlarven, bevor er – sich unangenehm bemerkbar macht.«

»Wir haben eine Möglichkeit, das herauszubekommen«, sagte der Professor grimmig. »Wenn wir nach Southampton kommen, nehme ich sofort ein Auto, das mich längs der Küste hinbringen soll. Ich wäre Ihnen für Ihre Begleitung sehr dankbar. Natürlich löst sich im übrigen unsere Gesellschaft auf. Wenn einer von ihnen plötzlich in dem kleinen Friedhof an der Küste von Sussex wieder auftaucht, werden wir wissen, wer es ist.«

Der Professor führte sein Programm aus, wenigstens was den Wagen und seinen Fahrgast in Person des Pater Brown betraf. Sie flogen das Ufer entlang, die See auf der einen, die Hügel von Hampshire und Sussex auf der andern Seite; soviel man sehen konnte, verfolgte sie niemand. Als sie sich dem Dorfe Dulham näherten, kam ihnen ein einziger Mensch in den Weg, der allerdings mit der bewußten Sache zu tun hatte; es war ein Journalist, der eben die Kirche besucht hatte und vom Pfarrer höflich durch die neu ausgegrabene Kapelle geführt worden war. Was er sagte und notierte, schien jedoch nicht über eine gewöhnliche Pressenotiz hinauszugehen. Aber vielleicht war Professor Smaill stark phantasiebegabt; jedenfalls konnte er das Gefühl nicht los werden, daß etwas in der Haltung und dem Aussehen des Mannes sonderbar und deprimierend wirkte. Er war hochgewachsen und ärmlich gekleidet, mit großer Hakennase und tiefen Schatten unter den Augen; sein Schnurrbart hing melancholisch herunter. Die Besichtigung der archäologischen Merkwürdigkeiten hatte ihn, wie es schien, nicht erheitert; es machte beinahe den Eindruck, als trachte er, sich so schnell als möglich von dem Anblick zu entfernen. Sie hielten ihn an und stellten ihm eine Frage.

»Man hört von nichts weiter als von dem Fluch,« sagte er; »auf dem Ort soll ein Fluch ruhen; das behauptet der Fremdenführer oder der Pfarrer oder der älteste Bewohner oder sonst eine Autorität; und es kommt mir wahrhaftig so vor. Fluch oder nicht, ich bin froh, daß ich draußen bin.«

»Glauben Sie an Flüche?« fragte Smaill neugierig.

»Ich glaube an gar nichts; ich bin von der Presse,« antwortete die traurige Gestalt; »mein Name ist Boon, von der ›Tagespost‹. Aber irgendwas ist an der Krypta nicht ganz geheuer – und ich kann nicht leugnen, daß es mir kalt über den Rücken gelaufen ist.« Er eilte mit beschleunigten Schritten zum Bahnhof weiter.

»Der Mensch sieht aus wie ein Rabe oder wie eine Krähe«, bemerkte Smaill, während sie sich zum Kirchhof wandten. »Wie geht nur das Sprichwort von dem unheilbringenden Vogel?«

Langsam betraten sie den Kirchhof. Das Auge des amerikanischen Altertumsforschers verweilte mit Freuden an dem eisernen Dach der Pforte und dem undurchdringlichen Riesenwuchs einer Eibe; sie sah aus wie die Nacht selbst, die dem Tage Trotz bietet. Zwischen wogenden Rasenflächen, wo die Grabsteine nach allen Richtungen Winkel bildeten wie Steinflösse, die auf dem grünen Meer schwanken, stieg der Weg an, bis er an den Kamm gelangte, hinter dem die große graue See wie ein Eisenstab lag; bleiche Lichter erglänzten darin wie Stahl. Beinahe zu ihren Füßen verwandelte sich das zähe, verwilderte Gras in ein Büschel Stechpalme und endete in grauem und gelbem Sand; ein bis zwei Fuß von der Stechpalme entfernt, dunkel umrissen gegen die stahlgraue See, stand eine unbewegliche Gestalt. Ohne die dunkelgraue Kleidung hätte man sie fast für die Statue auf einem Grabsockel halten können. Pater Brown kam jedoch sofort etwas an den elegant gekrümmten Schultern und der trotzigen Haltung des kurzen Bartes bekannt vor.

»Nanu;« entfuhr es dem Professor der Altertumskunde, »da haben Sie den Mann – Tarrant, wenn Sie ihn einen Mann nennen wollen. Das haben Sie wohl nicht geglaubt, als ich Ihnen die Sache auf dem Schiff auseinandersetzte, daß wir so schnell eine Antwort auf meine Frage erhalten würden?«

»Ich habe gefürchtet, Sie könnten zu viele Antworten bekommen«, erwiderte Pater Brown.

»Ja, wieso denn?« fragte der Professor, indem er ihm einen Blick über die Schulter zuwarf.

»Ich meine,« antwortete der andere sanft, »daß mir vorkommt, als hörte ich Stimmen hinter der Eibe. Ich glaube nicht, daß Herr Tarrant so einsam ist, wie er aussieht. Oder, wie ich mich ausdrücken möchte, so einsam, wie er aussehen möchte.«

Während sich Tarrant unwirsch umwandte, kam schon die Bestätigung. Eine zweite Stimme, hoch und etwas hart; aber trotzdem weiblicher Natur, sagte mit kunstgerechter Koketterie:

»Woher sollte ich wissen, daß er auch herkommt?«

Professor Smaill verstand, daß diese heitere Bemerkung nicht ihm galt; er mußte also zu seinem Erstaunen darauf schließen, daß noch eine dritte Person zugegen war. Während Lady Diana Wales strahlend und entschlossen wie nur je aus dem Schatten der Eibe trat, bemerkte er mit Ingrimm, daß sie über einen eigenen, lebendigen Schatten verfügte. Die schlanke, schmucke Gestalt des sympathischen Mannes der Feder, Leonhard Smyth, erschien gleich hinter ihrer eigenen grellen Figur; er lächelte und hielt seinen Kopf zur Seite geneigt wie ein Hund.

»Donnerwetter!« murmelte Smaill. »Sie sind alle hier. Oder jedenfalls alle außer dem kleinen Zirkushelden mit dem Seehundsbart.«

Er hörte, wie Pater Brown neben ihm leise lachte. Und wirklich wurde die Lage mit jedem Augenblick lächerlicher. Sie verwandelte sich von Minute zu Minute wie bei einem Kunststück im Theater; während der Professor noch sprach, wurden seine Worte auf ganz komische Weise widerlegt. Der runde Kopf mit dem grotesken schwarzen Halbmond war plötzlich zum Vorschein gekommen; aus einem Loch im Boden, wie es schien. Einen Augenblick später wurde ihnen klar, daß das Loch in Wahrheit eine Grube war und zu einer Leiter führte, die aus dem Innern der Erde zu kommen schien; es war mit einem Wort der Eingang zu dem unterirdischen Schauplatz, den sie sich ansehen wollten. Der kleine Mann hatte als erster den Eingang entdeckt und war schon ein bis zwei Sprossen der Leiter heruntergestiegen, als er nochmals den Kopf heraussteckte, um seine Mitreisenden anzusprechen. Er sah aus wie ein ganz unmöglicher Totengräber in einer »Hamlet«-Parodie. Er sagte nur undeutlich hinter seinem Schnurrbart: »Da unten ist's.« Aber mit Erstaunen begriff die Gesellschaft, daß sie ihn fast noch nie hatten reden hören, obwohl sie eine Woche lang bei den Mahlzeiten an einem Tisch gesessen waren, und daß er, obwohl er für einen englischen Vortragsreisenden galt, mit ziemlich geheimnisvollem ausländischem Akzent sprach.

»Wissen Sie, lieber Herr Professor,« rief Lady Diana mit schneidender Freundlichkeit, »Ihre byzantinische Mumie war zu interessant – wir konnten sie uns nicht entgehen lassen. Ich mußte sie mir ansehen; und dem Herrn da ist es sicher ebenso ergangen. Nun müssen Sie uns aber auch alles erklären.«

»Ich weiß aber keineswegs alles«, erwiderte der Professor ernst, um nicht zu sagen grimmig. »Teilweise weiß ich gar nicht, um was es sich eigentlich handelt. Jedenfalls ist es eigentümlich, daß wir uns alle so bald wieder hier treffen; ich vermute, daß der neuzeitliche Durst nach Wissen keine Grenzen kennt. Aber wenn wir uns alle den Ort ansehen wollen, müssen wir es auf verantwortliche Weise tun und – Sie verzeihen schon – auch unter verantwortlicher Leitung. Wir müssen die Leitung der Ausgrabungen verständigen und vermutlich zumindest unsere Namen in ein Register eintragen.«

Auf diesen Zusammenstoß zwischen der Ungeduld der Dame und dem Mißtrauen des Archäologen folgte etwas wie ein Streit; endlich jedoch siegte der Professor, der auf den Rechten des Pfarrers und der einheimischen Untersuchung bestand. Der kleine Mann mit dem Schnurrbart entstieg unwillig seinem Grabe und erklärte sich schweigend mit einem weniger stürmischen Hinabsteigen einverstanden. Glücklicherweise erschien in diesem Augenblick der Pfarrer selbst – ein grauhaariger, gut aussehender Mann in gebückter Haltung, die durch doppelte Brillen noch unterstrichen wurde; und während er schnell mit dem Professor, als einem halben Kollegen, freundschaftliche Beziehungen anknüpfte, schien er die andern nicht feindlich, sondern nur belustigt zu betrachten.

»Hoffentlich ist keiner von Ihnen abergläubisch«, sagte er liebenswürdig. »Ich muß Ihnen gleich sagen, daß angeblich allerhand üble Vorbedeutungen und Flüche in dieser Angelegenheit über unseren gläubigen Häuptern hängen. Eben habe ich eine lateinische Inschrift entziffert, die wir über dem Eingang zur Kapelle gefunden haben; wie es scheint, sind nicht weniger als drei Flüche im Spiel – ein Fluch für denjenigen, der die heilige Kapelle betritt, ein doppelter Fluch, wenn jemand den Sarg öffnet, und ein dreifacher, falls die goldene Reliquie darin berührt wird. Die beiden ersten Verwünschungen habe ich schon auf mich geladen,« fuhr er lächelnd fort, »aber ich fürchte, daß Sie die erste und harmloseste auch auf sich laden müssen, wenn Sie überhaupt etwas sehen wollen. Nach der Geschichte zu schließen, erfüllen sich die Flüche sehr langsam, nach langen Pausen und bei späteren Gelegenheiten. Vielleicht ist Ihnen das ein Trost –« und Seine Hochwürden Herr Walters lächelte wieder auf seine gebückte und wohlwollende Weise.

»Geschichte,« wiederholte Professor Smaill; »was für eine Geschichte meinen Sie?«

»Es ist eine lange Geschichte mit vielen Variationen wie andere lokale Legenden«, erwiderte der Pfarrer. »Aber jedenfalls stammt sie aus derselben Zeit wie das Grab; ihr Kern geht aus der Inschrift hervor und lautet ungefähr folgendermaßen: Guy de Gisors, ein hiesiger Grundherr aus dem 13. Jahrhundert, hatte sich in ein wunderbares schwarzes Roß verliebt, das einem Abgesandten der Stadt Genua gehörte und diesem, einem weltklugen Kaufmannsfürsten, nur zu einem sehr hohen Preise feil war. Durch Habsucht getrieben, beraubte Guy den Schrein, ja, er tötete sogar den Bischof, der damals hier seinen Sitz hatte. Jedenfalls sprach der Bischof einen Fluch aus. Er sollte sich an jedem erfüllen, der weiter das goldene Kreuz von seiner Ruhestätte im Grabe entfernt hielt oder versuchen würde, es nach seiner Rückkehr wieder zu rauben. Der Adelige hatte sich Gold für das Pferd verschafft, indem er die goldene Reliquie an einen Goldschmied im Orte verkaufte; am ersten Tage jedoch, an dem er das Pferd bestieg, bäumte sich das Tier und warf ihn vor der Kirche ab, so daß er sich den Hals brach. Inzwischen wurde der Goldschmied, der bis dahin reich und glücklich gewesen war, durch eine Reihe von unerklärlichen Zufällen ruiniert und fiel einem jüdischen Geldverleiher in die Hände, der im Orte lebte. Endlich erhängte sich der unglückliche Goldschmied, dem nichts übrigblieb, als zu verhungern, an einem Apfelbaum. Das goldene Kreuz war mit seinem andern Besitztum, mit Haus, Geschäft und Werkzeug schon längst in den Besitz des Wucherers übergegangen. Inzwischen war der Sohn und Erbe des Adligen aus Entsetzen über das Gericht, das über seinen gotteslästerlichen Vater hereingebrochen war, zu einem frommen Diener der Kirche geworden, der ganz im Sinne jener dunklen und strengen Zeiten es für seine Pflicht hielt, Ketzerei und Unglauben unter seinen Vasallen zu bekämpfen. So wurde der Jude, den der zynische Vater geduldet hatte, auf Befehl des Sohnes unbarmherzig verbrannt, so daß er seinerseits für den Besitz der Reliquie büßen mußte; nach diesem dreifachen Gericht wurde sie in das Grab des Bischofs zurückgelegt, und seither hat sie kein Auge gesehen und keine Hand berührt.«

Auf Lady Diana Wales schien die Erzählung einen über Erwarten großen Eindruck zu machen.

»Es läuft einem wirklich kalt den Rücken hinunter,« sagte sie, »wenn man bedenkt, daß wir die ersten sein werden – außer dem Pfarrer natürlich.«

Der Pionier mit dem großen Schnurrbart und dem gebrochenen Englisch stieg schließlich doch nicht auf seiner geliebten Leiter hinunter, die nur von den Arbeitern bei den Ausgrabungen benutzt worden war. Der Geistliche führte sie auf einem Umweg zu einem größeren und bequemeren Eingang, der etwa dreißig Meter entfernt lag, und durch den er eben selbst von seinen unterirdischen Forschungen gekommen war. Hier konnte man über eine sanft geneigte schiefe Ebene hinunter, wo sich außer der wachsenden Dunkelheit keine Schwierigkeiten boten; denn nach kurzer Zeit ging man im Gänsemarsch durch einen Tunnel, der schwarz wie Pech war, und es brauchte mehrere Minuten, bis sich vor ihnen ein Fünkchen Licht zeigte. Einmal während dieser schweigenden Prozession hörte man einen Laut, der wie ein Seufzer klang, man wußte nicht, aus welchem Munde; und einmal ertönte ein Fluchen wie eine gedämpfte Explosion in einer fremden Sprache. Sie betraten ein rundes Zimmer, eine Basilika in einem Kreis von Randbogen; denn die Kapelle war gebaut worden, bevor der erste spitze Bogen der Gotik unsere Zivilisation wie ein Speer durchbohrte. Ein Schimmer von grünlichem Licht zwischen einigen Säulen bezeichnete den Ort, wo sich der zweite Ausgang zur Oberwelt öffnete, und erregte das Gefühl, als befände man sich unter dem Meeresspiegel, was durch einige zufällige und vielleicht phantastische Ähnlichkeiten noch verstärkt wurde. Denn das Hundszahnmuster der Normannen war schwach auf allen Bogen zu erkennen und verlieh ihnen in der kellerartigen Dunkelheit etwas vom Aussehen der Rachen ungeheurer Haifische. Und die dunkle Masse des Grabes selbst, in der Mitte des Raumes, machte mit dem gehobenen Steindeckel beinahe den Eindruck von Kiefern eines Leviathan.

Sei es aus einem Sinn für das Gemäße oder aus Mangel moderner Einrichtungen, jedenfalls hatte der geistliche Forscher für die Erleuchtung der Kapelle nur durch vier hohe Kerzen gesorgt, die in großen Holzleuchtern auf der Erde standen. Nur eine davon brannte, als sie eintraten, und warf einen schwachen Schimmer über die mächtigen architektonischen Formen. Als alle zugegen waren, zündete der Geistliche auch die anderen drei an und Aussehen wie Inhalt des Sarkophags boten sich den Blicken deutlich dar.

*

Aller Augen wandten sich zuerst zu dem Gesicht des Toten, der sich durch so viele Jahrhunderte vermittels einer geheimen östlichen Behandlung den Schein des Lebens bewahrt hatte, eine Behandlung, die, wie es hieß, vom heidnischen Altertum übernommen und in den einfachen Friedhöfen Englands unbekannt war. Der Professor konnte kaum einen Ausruf des Staunens unterdrücken; denn obwohl das Gesicht weiß war wie Wachs, sah es mehr einem Schlafenden ähnlich, der eben erst die Augen geschlossen hatte. Das Gesicht gehörte dem aszetischen, vielleicht sogar dem fanatischen Typus an, mit langgestrecktem Knochenbau; die Gestalt war in einem goldenen Chorrock und in prächtige Gewänder gekleidet; hoch oben auf der Brust, am Halsansatz, glänzte das berühmte Goldkreuz an einer kurzen goldenen Kette, richtiger gesagt, einem Halsband. Der Steinsarg war geöffnet worden, indem man den Deckel am Kopfende gehoben und ihn in dieser Lage durch zwei starke hölzerne Stäbe oder Stangen festgehalten hatte, die oben den Rand der Steintafel stützten und unten in die Ecken des Sarges hinter dem Kopf der Leiche eingezwängt waren. Von den Füßen und dem unteren Teile des Körpers war daher weniger zu sehen; aber das Kerzenlicht fiel voll auf das Gesicht; und im Gegensatz zu seinen toten Elfenbeintönen schien das goldene Kreuz sich wie ein Feuer zu bewegen und zu funkeln.

Professor Smaills hohe Stirn zeigte eine tiefe Denker- oder gar Sorgenfalte, seit der Geistliche die Geschichte des Fluches erzählt hatte. Weibliche Intuition, nicht unbeeinflußt von weiblicher Hysterie, verstand die Bedeutung seiner grübelnden Unbeweglichkeit besser als die Männer um ihn herum. In dem Schweigen der vom Kerzenlicht erhellten Höhle rief Lady Diana plötzlich laut:

»Rühren Sie es nicht an, sage ich Ihnen!«

Aber der Mann hatte schon eine seiner schnellen, löwenartigen Bewegungen ausgeführt und beugte sich über den Körper. Im nächsten Augenblick fuhren alle auf – manche nach vorn, andere nach hinten – aber alle mit einer schrecklichen, duckenden Bewegung, als sei der Himmel im Einstürzen.

Während der Professor einen Finger auf das goldene Kreuz legte, schienen die hölzernen Stützen, die sich unter der Last des aufgestellten Steindeckels leicht bogen, zusammenzuzucken und sich mit einem Ruck aufzurichten. Der Rand des Deckels rutschte von seiner hölzernen Unterlage; in Herz und Magen wurde ihnen allen übel im Gefühl der sausenden Vernichtung, als hätte man sie in einen Abgrund geschleudert. Smaill hatte den Kopf schnell, aber nicht rechtzeitig zurückgezogen; er lag bewußtlos neben dem Sarge, in einer roten Lache von Blut, das aus Kopfhaut oder Hirnschale floß. Der alte Steinsarg war wieder geschlossen, wie seit vielen Jahrhunderten; nur daß ein oder zwei Splitter oder Spähne im Spalt staken und in entsetzlicher Weise an Knochen erinnerten, die ein Riese zerkaut. Der Leviathan hatte mit seinen steinernen Kiefern zugebissen.

Lady Diana betrachtete die Ruine mit Augen, in denen ein elektrischer Glanz wie von Irrsinn funkelte; in der grünlichen Dämmerung sah ihr rotes Haar gegen das bleiche Gesicht scharlachfarben aus. Smyth sah sie an, und seine Kopfhaltung erinnerte noch immer an einen Hund; doch es war der Ausdruck eines Hundes, der nur teilweise versteht, was für eine Katastrophe seinen Herrn betroffen hat. Tarrant und der Ausländer waren in ihrer gewöhnlichen trotzigen Haltung erstarrt; aber ihre Gesichter waren lehmfarben. Der Pfarrer schien ohnmächtig zu sein. Pater Brown kniete neben der hingesunkenen Gestalt des Professors und versuchte dessen Zustand festzustellen.

Unter allgemeinem Erstaunen kam der romantische Müßiggänger Paul Tarrant näher, um ihm zu helfen.

»Am besten tragen wir ihn hinauf«, sagte er. »Vermutlich hat er noch eine schwache Chance.«

»Tot ist er nicht,« erwiderte der Pater leise, »aber es steht recht schlecht; ein Arzt sind Sie wohl nicht?«

»Nein, aber ich habe mir im Laufe der Zeit Verschiedenes angeeignet«, sagte der andere. »Doch lassen wir das. Sie würden sich vermutlich wundern, meinen wahren Beruf zu erfahren.«

»Das glaube ich nicht«, erwiderte der Priester mit leichtem Lächeln. »So gegen Mitte der Überfahrt fiel es mir ein. Sie sind ein Detektiv, der jemand überwacht. Nun, jetzt ist das Kreuz jedenfalls vor Dieben sicher.«

Während sie sprachen, hatte Tarrant die zarte Gestalt des Verunglückten leicht und geschickt aufgenommen und trug sie nun sorgsam zum Ausgang. Er antwortete über die Schulter: »Ja, das Kreuz schon.«

»Sie meinen, daß sonst niemand sicher ist? Denken Sie auch an den Fluch?«

Während der nächsten ein oder zwei Stunden trug Pater Brown sich mit einer Last von grübelnder Unklarheit, die schlimmer war als der Schlag des tragischen Unglücksfalles. Er legte mit Hand an, als das Opfer in den kleinen Gasthof gegenüber der Schenke getragen wurde, fragte den Arzt aus, der die Verletzung als ernsthaft und gefährlich aber nicht unbedingt tödlich bezeichnete, und brachte die Nachricht der kleinen Gesellschaft von Reisenden, die sich im Gastzimmer des Hotels um den Tisch versammelt hatten. Wo immer jedoch er sich hinwandte, ruhte die Wolke des Unverständlichen auf ihm und schien dunkler zu werden, je mehr er überlegte. Das Hauptgeheimnis wurde immer geheimnisvoller, je mehr die Nebenumstände in seinem Geiste sich erhellten. Je deutlicher die einzelnen Figuren in der bunt zusammengewürfelten Gesellschaft sich erklärten, desto unerklärlicher wurde das, was geschehen war. Leonard Smyth war nur hergekommen, weil Lady Diana gekommen war; und Lady Diana war nur gekommen, weil es ihr so paßte. Sie hatten einen oberflächlichen Gesellschaftsflirt angefangen, einen von denen, die um so alberner sind, als er sozusagen auf intellektueller Grundlage beruht. Aber die Dame war nicht nur romantisch, sie war auch abergläubisch, und das schreckliche Ende ihres Abenteuers hatte sie fast krank gemacht. Paul Tarrant war ein Privatdetektiv, der wahrscheinlich im Auftrage einer Frau oder eines Gatten den Flirt beobachtete; vielleicht war er auch hinter dem Fremden mit dem Schnurrbart her, der ganz wie ein lästiger Ausländer aussah. Hatte aber er oder irgendein anderer die Absicht gehabt, die Reliquie zu stehlen, so war diese Absicht endgültig gescheitert. Und aller menschlichen Wahrscheinlichkeit nach war sie entweder an einem unglaublichen Zufall gescheitert oder an dem Dazwischentreten des uralten Fluches.

Einige Augenblicke später wurden seine persönlichen Besorgnisse auf einen Augenblick durch die Nachricht von einem neuen Unglücksfall zerstreut. Als er das Gastzimmer betrat, in dem sich die übrige Gesellschaft versammelt hatte, ersah er sofort aus ihren bleichen Gesichtern, daß sie durch ein späteres Ereignis als die Katastrophe am Grabe tief erschüttert waren. Als er eintrat, sagte Leonard Smyth gerade: »Wann wird das ein Ende nehmen?«

»Es wird nie ein Ende nehmen, sage ich Ihnen«, wiederholte Lady Diana. Sie blickte mit glasigen Augen ins Leere. »Es wird erst enden, wenn wir alle nicht mehr sind. Einen nach dem andern wird uns der Fluch dahinraffen; langsam vielleicht, wie der arme Pfarrer meinte; aber uns alle wird es erreichen, wie es ihn erreicht hat.«

»Was in aller Welt ist geschehen?« fragte Pater Brown.

Zuerst herrschte Schweigen; dann sagte Tarrant mit einer Stimme, die etwas hohl klang: »Herr Walters, der Pfarrer, hat Selbstmord begangen. Wahrscheinlich hat sein Verstand unter dem Schlag gelitten. Aber leider steht die Sache fest. Ich habe selbst seinen schwarzen Hut und Rock auf einem Felsen gefunden, der von der Küste ins Meer hinausragt. Er scheint ins Meer gesprungen zu sein. Er hat allerdings so ausgesehen, als sei er halb irrsinnig geworden, und vielleicht hätten wir uns um ihn kümmern müssen – aber wir mußten uns um so vieles kümmern!«

»Sie hätten gar nichts ausgerichtet«, sagte die Dame; »sehen Sie denn nicht, daß das Verhängnis in einer fürchterlichen Reihenfolge bemessen wird? Der Professor berührte das Kreuz, und er mußte zuerst verschwinden; der Pfarrer hatte das Grab geöffnet – er war der Zweite; wir haben nur die Kapelle betreten, und wir –«

»Still«, sagte Pater Brown mit einer schneidenden Stimme, die er nur selten annahm. »Das muß aufhören.«

Unwillkürlich runzelte er noch immer stark die Brauen, aber seine Augen waren nicht mehr von dem ungelösten Geheimnis bewölkt, sondern leuchteten in einem fast furchtbaren Verstehen.

»Was bin ich für ein Esel gewesen!« murmelte er. »Ich hätte es längst sehen müssen. An der Geschichte von dem Fluch hätte ich es erkennen können.«

»Wollen Sie behaupten,« fragte Tarrant, »daß wir wirklich jetzt an einer Sache sterben können, die sich im 13. Jahrhundert ereignet hat?«

Pater Brown schüttelte den Kopf und sagte mit ruhiger Betonung:

»Ich möchte nicht darüber diskutieren, ob wir an etwas sterben können, das im 13. Jahrhundert passiert ist. Aber das eine steht für mich bombenfest, daß wir nicht an etwas sterben können, was keinesfalls im 13. Jahrhundert passiert ist, ja überhaupt nie und nirgends.«

»Nun,« sagte Tarrant, »es tut wohl, zu hören, daß ein Priester das übernatürliche so skeptisch betrachtet.«

»Keineswegs«, erwiderte der Priester ruhig; »ich zweifle nicht an der übernatürlichen Seite der Sache. Sondern an der natürlichen. Ich befinde mich genau in der Lage des Mannes, der erklärte: Ich kann das Unmögliche glauben, aber nicht das Unwahrscheinliche.«

»Das würden Sie ein Paradoxon nennen, nicht wahr?« fragte der andere.

»Ich würde es gesunden Menschenverstand nennen, wenn man es richtig begreift«, erwiderte Pater Brown. »Es ist viel natürlicher, einer übernatürlichen Erzählung Glauben zu schenken, die von unverständlichen Dingen handelt, als einer natürlichen Geschichte, die zu wohlbekannten Dingen in Widerspruch steht. Wenn Sie mir erzählen, daß der große Gladstone in seiner Todesstunde den Geist Parnells erblickte, werde ich mich wie ein Agnostiker verhalten. Wenn Sie mir aber sagen, daß Gladstone, als er zum erstenmal der Königin Viktoria vorgestellt wurde, in ihrem Salon den Hut auf dem Kopf behielt, ihr auf die Schulter klopfte und ihr eine Zigarre anbot, so werde ich mich nicht wie ein Agnostiker gebärden. Es ist nicht unmöglich, es ist nur unglaublich. Trotzdem bin ich viel überzeugter, daß es nicht passiert ist, als ich sicher bin, daß Parnells Geist nicht erschien; denn es verletzt die Gesetze einer Welt, die ich kenne. Ebenso ist es mir mit der Erzählung vom Fluch ergangen. Nicht der Legende mißtraue ich, sondern der Geschichte.«

Lady Diana hatte sich von ihrer kassandrahaften Erstarrung etwas erholt, und die ewige Neugierde nach Neuem guckte ihr bereits wieder aus den hellen, vorstehenden Augen.

»Was sind Sie doch für ein ulkiger Mensch!« sagte sie. »Warum wollen Sie die Geschichte nicht glauben?«

»Weil es keine Geschichte ist«, antwortete der Priester. »Jedem, der auch nur das Geringste vom Mittelalter weiß, mußte die Erzählung so unwahrscheinlich klingen, wie daß Gladstone der Königin eine Zigarre angeboten hat. Aber wer weiß denn etwas vom Mittelalter? Wissen Sie, was eine Innung war? Haben Sie je von salvo vanagio suo gehört? Ist Ihnen klar, was für Leute die servi regis waren?«

»Nein, natürlich nicht«, erwiderte die Dame ärgerlich. »Was für eine Unmenge lateinische Wörter!«

»Nein, natürlich nicht«, sagte Pater Brown. »Hätte es sich um Tutankhamen und eine Anzahl vertrockneter Afrikaner gehandelt, die, Gott weiß warum, am andern Ende der Welt erhalten geblieben sind; wäre von Babylonien oder China die Rede gewesen oder von einer Rasse, die uns so wenig angeht und so geheimnisvoll ist wie der Mann im Mond, dann hätten Sie aus Ihren Zeitungen jede Kleinigkeit darüber erfahren, bis zur Entdeckung einer Zahnbürste und eines Kragenknopfes. Aber die Leute, die Ihre eigenen Pfarrkirchen gebaut haben, die Ihren eigenen Städten und Gewerben, ja sogar den Straßen, auf denen Sie gehen, ihre Namen gegeben haben – nie ist Ihnen der Gedanke gekommen, irgend etwas über sie in Erfahrung zu bringen. Ich behaupte nicht, daß ich sehr viel weiß, aber genug, um zu begreifen, daß die Geschichte von A bis Z Blödsinn ist. Nie hätte ein Geldverleiher den Laden und das Werkzeug eines Mannes pfänden können. Es ist höchst unwahrscheinlich, daß die Innung ihn nicht vom Untergang gerettet hätte, besonders wenn er von einem Juden zugrunde gerichtet wurde. Die damaligen Menschen hatten ihre eigenen Laster und Tragödien; es kam vor, daß sie Menschen folterten und verbrannten. Aber die Idee eines Menschen, der von Gott und jeder Hoffnung verlassen sich in eine Ecke verkriecht, um zu sterben – einfach, weil niemand an seinem Leben etwas liegt – das ist keine mittelalterliche Idee. Das ist eine Folge unserer Wirtschaftspolitik und unseres Fortschritts. Der Jude konnte auch nicht Vasall eines Grundherrn sein. Die Juden nahmen als Diener des Königs immer eine besondere Stellung ein. Jedenfalls konnte er nicht verbrannt werden, weil er ein Jude war.«

»Das wird immer widerspruchsvoller«, bemerkte Tarrant; »wollen Sie etwa auch leugnen, daß die Juden im Mittelalter verfolgt wurden?«

»Es wird der Wahrheit näherkommen,« sagte Pater Brown, »wenn wir sagen, daß sie die einzigen Leute waren, die im Mittelalter nicht verfolgt wurden. Wenn Sie sich über das Mittelalter lustig machen wollen, können Sie Eindruck machen, indem Sie sagen, daß vielleicht ein armer Christ verbrannt werden konnte, weil er im Homoousion einen Fehler gemacht hatte, während ein reicher Jude öffentlich auf der Straße Christus und die Mutter Gottes verhöhnen durfte. Ja, so sieht die Geschichte aus. Es ist keine mittelalterliche Geschichte, ja nicht einmal eine mittelalterliche Legende. Sie wurde von einem Menschen erfunden, dessen Begriffe aus Romanen und Zeitungen stammen, und höchstwahrscheinlich aus dem Stegreif.«

Die andern schienen durch die historische Abschweifung etwas benommen und ein wenig erstaunt, warum der Priester sie so stark unterstrich und zu einem wichtigen Teil des Rätsels erhob. Tarrant jedoch, dessen Beruf es war, die wichtigen Einzelheiten aus vielen verworrenen Abschweifungen herauszuklauben, war plötzlich aufmerksam geworden. Sein bärtiges Kinn schob sich weiter vor als je, aber seine trotzigen Augen waren ganz lebendig.

»Aha,« sagte er, »aus dem Stegreif erfunden!«

»Das ist vielleicht übertrieben«, erwiderte Pater Brown ruhig. »Ich hätte sagen sollen: sorgloser und improvisierter erfunden als die übrige, ungemein vorsichtig entworfene Intrige. Freilich dachte der Intrigant, daß sich niemand viel um die geschichtlichen Einzelheiten kümmern würde. Und im Ganzen war die Berechnung ja auch ziemlich richtig, so wie seine anderen Berechnungen.«

»Wessen Berechnungen? Was war richtig?« fragte die Dame mit plötzlicher, leidenschaftlicher Ungeduld. »Von wem reden Sie eigentlich? Haben wir nicht genug ausgestanden? Müssen Sie uns noch mit Ihrem ›Er‹ und ›Seine‹ zum Gruseln bringen?«

»Ich spreche von dem Mörder«, sagte Pater Brown.

»Von welchem Mörder?« fragte sie scharf. »Wollen Sie damit sagen, daß der arme Professor ermordet wurde?«

»Nun,« sagte Tarrant, dessen Augen weit geöffnet waren, in seinen Bart hinein, »wir können kaum sagen: ›ermordet‹, denn wir wissen ja noch nicht, ob er sterben muß.«

»Der Mörder hat einen andern getötet,« sagte der Priester ernst, »der nicht Professor Smaill war.«

»Wen hat er denn töten können?« fragte sie.

»Er hat Hochwürden den Pfarrer John Walters von Dulham getötet«, erwiderte Pater Brown mit Präzision. »Er wollte auch nur diese beiden töten, denn sie waren beide im Besitz ganz bestimmter Reliquien von großer Seltenheit. In diesem Punkte war der Mörder ein Monomane.«

»Das klingt alles sehr sonderbar«, brummte Tarrant. »Wir können ja auch gar nicht mit darauf schwören, daß der Pfarrer wirklich tot ist. Wir haben ja seinen Leichnam nicht gesehen.«

»O doch«, sagte Pater Brown.

Eine Stille entstand plötzlich wie der Schlag einer Glocke; eine Stille, in der das unterbewußte Rätselraten, das in der Frau so lebendig und so sicher war, sie fast bis zum Aufschrei erschütterte.

»Gerade den haben Sie gesehen«, fuhr der Priester fort. »Sie haben seinen Leichnam gesehen. Ihn selbst, den Lebenden, haben Sie nicht gesehen; wohl aber seinen Leichnam. Sie haben ihn beim Lichte von vier Kerzen ganz genau angestarrt; nicht nach einem Selbstmord, vom Meere hin- und hergeworfen, sondern prunkvoll aufgebahrt, wie ein Kirchenfürst, in einem Schrein, der vor den Kreuzzügen errichtet wurde.«

»Kurzum,« sagte Tarrant, »Sie fordern uns tatsächlich auf, zu glauben, daß der einbalsamierte Körper die Leiche eines Ermordeten war.«

Einen Augenblick schwieg Pater Brown; dann sagte er, als gehöre es nicht zur Sache:

»Das erste, das mir auffiel, war das Kreuz – oder vielmehr die Schnur, an der das Kreuz hing. Erklärlicherweise war es für die meisten von ihnen nur eine Schnur Perlen und nichts weiter, aber – ebenso erklärlicherweise – schlug das mehr in mein Fach als in Ihres. Wie Sie sich erinnern, lag sie nahe am Kinn; wenige Perlen waren sichtbar, als sei das ganze Halsband nur sehr kurz. Die sichtbaren Perlen waren jedoch in ganz bestimmter Reihenfolge angeordnet; erst eine, dann drei, und so weiter; kurz, ich erkannte auf den ersten Blick den Rosenkranz, einen gewöhnlichen Rosenkranz mit einem Kreuz am Ende. Nun hat aber ein Rosenkranz mindestens fünf mal zehn Perlen, und noch einige darüber; und selbstredend konnte ich nicht begreifen, wo das übrige hingekommen war. Die Kette hätte mehr als zweimal um den Hals des Greises reichen müssen. Damals verstand ich es nicht; erst später fiel mir ein, wo die ganze Länge geblieben war. Sie war mehrmals um das untere Ende der Holzstütze gewickelt worden, die in der Ecke des Sarges eingezwängt stand und den Deckel offen hielt. Und als der arme Smaill nur eben am Kreuze zupfte, zog er die Stütze fort, und der Deckel fiel auf seinen Schädel wie ein steinerner Knüppel.«

»Donnerwetter!« sagte Tarrant, »ich fange an zu glauben, daß Sie recht haben. Eine merkwürdige Sache, wenn es stimmt.«

»Als ich das begriffen hatte,« fuhr Pater Brown fort, »konnte ich mir das übrige recht und schlecht zusammenreimen. Bedenken Sie vor allem, daß vorläufig die Altertumsforschung sich nur darauf erstreckte, die Untersuchung zu gestatten. Der arme alte Walters war ein ehrlicher Forscher und hatte das Grab geöffnet um sich zu überzeugen, ob an der Legende über einbalsamierte Körper etwas Wahres war oder nicht. Alles andere waren bloße Gerüchte, wie sie oft solche Funde zu früh ausschreien oder übertreiben. Tatsächlich sah er, daß der Körper nicht einbalsamiert, sondern längst zu Staub zerfallen war. Als er aber beim Schein seiner einsamen Kerze in der versunkenen Kapelle arbeitete, warf das Kerzenlicht plötzlich einen Schatten, der nicht sein eigener war.«

»Ach!« rief Lady Diana und hielt den Atem an. »Jetzt weiß ich, was Sie meinen. Sie wollen damit sagen, daß wir den Mörder getroffen, mit ihm gesprochen und gescherzt, eine romantische Geschichte angehört und ihn dann ungestraft haben gehen lassen.«

»Wobei er seine geistliche Verkleidung auf dem Felsen zurückließ«, stimmte Pater Brown bei. »Es ist alles schauerlich einfach. Der Mensch kam dem Professor beim Wettlauf zu Kirchhof und Kapelle zuvor – vielleicht gerade während der Professor mit dem melancholischen Journalisten sprach. Er traf den alten Geistlichen am offenen Grabe und tötete ihn. Dann zog er die schwarzen Kleider des Toten an, hüllte den Leichnam in einen alten Chorrock, den man wirklich im Sarge gefunden hatte, und legte ihn in den Sarg, wobei er den Rosenkranz und die Stäbe so herrichtete, wie ich es Ihnen geschildert habe. Nachdem er so die Falle für den zweiten Feind gestellt hatte, ging er wieder ans Tageslicht und begrüßte uns alle mit der liebenswürdigen Herzlichkeit eines Landgeistlichen.«

»Er setzte sich dabei der erheblichen Gefahr aus,« wandte Tarrant ein, »daß jemand Walters vom Sehen kannte.«

»Ich gebe zu, daß er halb verrückt war,« stimmte Brown bei, »aber Sie werden zugeben, daß es sich für ihn gelohnt hat, sich der Gefahr auszusetzen, denn schließlich ist er doch entwischt.«

»Ich gebe zu, daß er großes Glück gehabt hat«, brummte Tarrant. »Wer zum Teufel ist es nun eigentlich gewesen?«

»Wie Sie sagen, hat er großes Glück gehabt,« antwortete Pater Brown, »und nicht zum wenigsten gerade darin. Denn dies eine werden wir wohl nie erfahren.«

Er blickte mit gerunzelten Brauen auf den Tisch und fuhr fort: »Der Mensch hat jahrelang auf der Lauer gelegen und gedroht, aber dabei sorgfältigst das Geheimnis seiner Identität gewahrt; und er wahrt es noch. Wenn jedoch der arme Smaill wieder aufkommt – und ich hoffe es bestimmt – dann werden Sie wohl sicher nochmals von der Sache hören.«

»Wieso? Was wird Professor Smaill tun, glauben Sie?« fragte Lady Diana.

»Ich glaube, zuerst wird er die Detektive wie Spürhunde auf den mordlustigen Teufel hetzen«, sagte Tarrant. »Am liebsten würde ich selbst mein Glück versuchen.«

»Nun,« sagte Pater Brown und lächelte zum erstenmal, statt die Brauen zu runzeln wie bisher, »ich glaube zu wissen, was er eigentlich zu allererst tun müßte.«

»Nämlich?« fragte Lady Diana mit anmutiger Neugier.

»Er sollte Sie alle um Verzeihung bitten«, sagte Pater Brown.

 


 

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