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Ein Pfeil vom Himmel

Gilbert Keith Chesterton: Ein Pfeil vom Himmel - Kapitel 6
Quellenangabe
typenarrative
authorGilbert Keith Chesterton
titleEin Pfeil vom Himmel
publisherWegweiser-Verlag G.m.b.H.
translatorDora Sophie Kellner
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
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Das Wunder in der Mondstraße

Die Anlage der Mondstraße war ebenso romantisch gedacht wie ihr Name – und was sich dort ereignete, war in seiner Art romantisch genug. Man hatte in ihr das echte Element von Gemüt zum Ausdruck bringen wollen, das sich neben allem Handelsgeist historisch und fast als Wappenabzeichen in allen älteren Städten an der Ostküste Amerikas behauptet hat. Ursprünglich eine gerundete Häuserreihe mit klassischer Architektur, trug sie die Atmosphäre des 18. Jahrhunderts zur Schau, einer Zeit, in der Männer wie Washington und Jefferson um so bessere Republikaner schienen, weil sie Aristokraten waren. Reisende, die nach ihrer Meinung von der Stadt gefragt wurden, mußten besonders darauf eingehen, wie ihnen die Mondstraße gefiel. Gerade die Gegensätze, die jene ursprüngliche Harmonie störten, waren schuld daran, daß sich die Straße so lange erhalten hatte. Durch die letzten Fenster an einem Ende oder Horn der Straße sah man auf eine parkähnliche Anlage mit Bäumen und Hecken, steif wie ein Garten des Rokoko – gleich um die Ecke jedoch blickten die Fenster derselben Zimmer auf die blinde, abstoßende Feuermauer eines riesigen Lagerhauses, das zu irgendeinem häßlichen Industrieunternehmen gehörte. An diesem Ende waren die Häuser der Mondstraße nach dem eintönigen Muster der amerikanischen Hotels umgebaut worden; obwohl niedriger als das Lagerhaus, hätte man sie in Europa schon als Wolkenkratzer bezeichnet. Aber der Säulengang, der sich vorn an sämtlichen Häusern der Straße entlang zog, trug eine graue und verwitterte Stattlichkeit zur Schau, als gingen die Geister der Väter der Republik noch jetzt darin spazieren. Innen jedoch waren die Räume mit dem modernsten New-Yorker Komfort ausgestattet, besonders in dem letzten Hause, das zwischen der Feuermauer der Fabrik und dem gepflegten Garten lag. Es enthielt eine Reihe abgeschlossener Hotelwohnungen, die aus Wohn- und Schlafzimmer und Baderaum bestanden und einander so ähnlich waren wie die Zellen eines Bienenstocks.

In einer dieser Wohnungen saß der berühmte Warren Wynd an seinem Schreibtisch und ordnete Briefschaften, wobei er mit erstaunlicher Schnelligkeit und Exaktheit Befehle erteilte. Er war ein sehr kleiner Mann mit schütterem grauem Haar und einem Spitzbart, dem Anschein nach zart, aber feurig und energisch. Seine Augen waren herrlich – strahlender als Sterne und stärker als Magnete – wer sie je gesehen, konnte sie nicht so leicht vergessen. Und er hatte auch tatsächlich in seinem Beruf als Reformator und Organisator an vielen wohltätigen Anstalten bewiesen, daß er Augen im Kopf hatte. Man erzählte sich alle möglichen Geschichten und Legenden über die wunderbare Schnelligkeit, mit der er sich ein richtiges Urteil bildete, besonders über den Charakter eines Menschen. Wie man behauptete, hatte er sich die Gattin, die ihm so lange Zeit bei seinen Hilfsaktionen beigestanden war, aus einem ganzen Regiment von Frauen in Uniform herausgesucht, das bei einer offiziellen Gelegenheit vorbeidefiliert war – Pfadfinderinnen sagten die einen, weibliche Polizisten die anderen. Und bekannt war auch noch eine andere Geschichte. Eines Tages hatten ihn drei Landstreicher um ein Almosen angesprochen – alle drei gleich zerlumpt, verwahrlost und schmutzig und nicht voneinander zu unterscheiden. Ohne einen Augenblick zu zögern, hatte er den einen einem Krankenhaus zugewiesen, das sich mit der Heilung eines bestimmten nervösen Leidens befaßte, dem zweiten eine Empfehlung für ein Alkoholikerheim mitgegeben und den dritten mit einem schönen Gehalt als seinen eigenen Privatsekretär angestellt, welche Stellung er noch viele Jahre ausfüllte. Unvermeidlich waren natürlich die Anekdoten, wie er sich bei der Unterredung mit berühmten Personen wie Henry Ford und Mrs. Asquith benommen hatte, und eines stand jedenfalls fest: er war nicht der Mann, sich von irgendwelchen Persönlichkeiten einschüchtern zu lassen. Auch jetzt fuhr er ruhig fort, in seinen Wirbelwind von Papieren Ordnung zu bringen, obwohl er einem Mann von nicht geringerer Bedeutung gegenübersaß.

Silas T. Vandam, der Milliardär und Ölmagnat, war ein magerer Mensch mit einem langen gelben Gesicht und blauschwarzem Haar, was beides im Augenblick an ihm weniger auffiel und unheimlicher wirkte, weil sein Profil und seine Gestalt sich dunkel von dem Fenster und der weißen Feuermauer draußen abhoben. Er trug einen eleganten Wintermantel mit Pelzverbrämung, der bis oben hinauf zugeknöpft war. Wynds angeregtes Gesicht und seine leuchtenden Augen dagegen wurden von dem zweiten Fenster, das auf den Garten sah, voll beleuchtet – er schien stark interessiert, aber nicht durch den Milliardär. Sein Kammerdiener oder Faktotum, ein großer, kräftiger Mann mit schlichtem blonden Haar stand hinter dem Schreibtisch seines Herrn und hielt einen Stoß Briefe, während sein Privatsekretär, ein adretter, rothaariger junger Mann mit schlauem Gesicht schon die Türklinke in der Hand hatte, als erriete er die Absicht oder gehorchte einem Wink seines Chefs. Das Zimmer war nicht nur ordentlich, sondern kahl, ja fast leer; denn mit seiner bekannten Gründlichkeit hatte Wynd das Apartement darüber ganz gemietet und daraus eine Art Archiv oder Bodenraum gemacht, wo seine sämtlichen Papiere und Besitztümer in Kisten und verschnürten Paketen aufbewahrt wurden. »Geben Sie das dem Buchhalter, Wilson,« sagte er zu dem Diener, der die Papiere hielt, »und dann bringen Sie mir von oben die Broschüre über die Nachtlokale in Minneapolis; sie muß in dem Paket sein, auf dem »G« steht. Ich muß sie in einer halben Stunde haben, vorher bitte ich mich nicht zu stören. Ja, Mr. Vandam, Ihr Vorschlag klingt vielversprechend – aber ich kann mich erst endgültig entscheiden, wenn ich den Bericht gelesen habe. Ich dürfte ihn morgen nachmittag bekommen, dann rufe ich Sie sofort an. Ich bedaure sehr, Ihnen jetzt noch nichts Entscheidendes sagen zu können.«

Vandam schien zu fühlen, daß man ihn auf höfliche Art verabschiede – sein bleiches, düsteres Gesicht zeigte, daß diese Tatsache auf ihn ironisch wirkte.

»Na, dann werde ich wohl gehen müssen«, sagte er.

»Vielen Dank für Ihren Besuch«, erwiderte Wynd höflich. »Sie sind doch nicht böse, wenn ich Sie nicht hinausbegleite? Ich muß hier sofort etwas erledigen, Fenner,« setzte er zum Sekretär gewandt hinzu, »begleiten Sie Mr. Vandam zu seinem Auto und kommen Sie erst nach einer halben Stunde wieder. Ich muß hier allein eine Sache durcharbeiten; nachher werde ich Sie brauchen.«

Die drei Männer gingen zusammen in den Korridor hinaus und machten die Tür hinter sich zu. Der große Diener Wilson ging zur Treppe, die hinaufführte, und die andern beiden nach der entgegengesetzten Seite, wo der Aufzug sich befand – denn Wynds Wohnung lag im vierzehnten Stockwerk des Hauses. Sie waren noch in nächster Nähe der geschlossenen Türe, als sie eine imposante, ja majestätische Gestalt gewahr wurden, die sich ihnen näherte.

Der Mann war sehr groß und breitschultrig; seine Größe fiel noch mehr dadurch auf, daß er ganz in Weiß war oder in Hellgrau, das wie Weiß wirkte; dazu trug er einen breiten weißen Panama und einen fast ebenso breiten und ebenso weißen Heiligenschein von weißem Haar. In dieser Aureole wirkte sein Gesicht stark und schön wie das eines römischen Imperators, bis auf einen knabenhaften, fast kindischen Zug, der sich besonders in den hellen Augen und einem beseligten Lächeln ausdrückte.

»Ist Mr. Warren Wynd zu Hause?« fragte er lebhaft und freundlich.

»Mr. Warren Wynd ist beschäftigt«, sagte Fenner. »Er darf auf keinen Fall gestört werden. Ich bin sein Sekretär und werde gern bestellen was Sie wünschen.«

»Mr. Warren Wynd ist für den Papst und gekrönte Häupter auch nicht zu sprechen«, sagte der Ölmagnat mit saurem Humor. »Mr. Warren Wynd ist sehr eigen. Ich bin da 'reingegangen, um ihm unter gewissen Bedingungen 20 000 Dollar zukommen zu lassen, und er hat mir gesagt, daß ich später wiederkommen soll, wie ein Botenjunge.«

»Ein Junge sein ist was sehr Schönes«, sagte der Fremde, »und eine Botschaft bringen noch schöner; und ich habe eine für ihn, die er einfach hören muß. Es ist eine Botschaft aus dem großen, guten Lande im Westen, wo der echte Amerikaner im Werden begriffen ist, während ihr anderen alle schnarcht. Sagen Sie ihm mal eben, daß Art Alboin aus Oklahoma hergekommen ist, um ihn zu bekehren.«

»Ich sage Ihnen doch, daß er nicht zu sprechen ist«, erwiderte der Sekretär mit Schärfe. »Er hat Befehl gegeben, ihn eine halbe Stunde lang nicht zu stören.«

»Ihr Leute hier im Osten laßt euch nicht gerne stören«, sagte der lebhafte Alboin. »Ich sage euch aber, daß im Westen ein starker Sturm braust, der euch doch stören wird. Er rechnet sich aus, wieviel Geld die und wieviel jene olle staubige Religion kriegen soll – aber ich sage euch, jede Verteilung, die die große neue geistige Bewegung in Texas und Oklahoma vergißt, vergißt die Religion der Zukunft.«

»Mit den Religionen der Zukunft bin ich fertig«, sagte der Milliardär verächtlich. »Sie sind räudig wie Hunde. Spiritisten mit Fäden an allen Tischen und allen Tamburinen – die Unsichtbaren, die mir einreden wollten, daß sie nach Belieben verschwinden können und auch verschwunden sind – und hunderttausend Dollar ans meiner Tasche mit. Nein, von jetzt an glaube ich nur das, was ich mit Augen sehe. Wahrscheinlich nennt man das einen Atheisten.«

»Nein, Sie verstehen mich gar nicht«, sagte der Herr aus Oklahoma beinahe eifrig. »Ich bin sicher ein ebenso großer Atheist wie Sie. In unserer Bewegung gibt es keinen übernatürlichen und abergläubischen Quatsch – nur reine Wissenschaft. Die einzige richtige Wissenschaft ist die Lehre von der Gesundheit – und die einzige richtige Gesundheit beruht auf dem Atmen. Füllen Sie Ihre Lungen mit der freien Luft der Steppe, und Sie können alle alten Städte hier im Osten ins Meer pusten. Sie können alle großen Männer wegpusten wie Federdaunen. Und das machen wir eben zu Hause: wir atmen. Wir beten nicht – wir atmen.«

»Ja, vermutlich atmen Sie«, sagte der Sekretär mit erloschener Stimme. Sein gewecktes, intelligentes Gesicht konnte kaum seine Müdigkeit verbergen. Er hatte jedoch den beiden Vorträgen mit bewunderungswürdiger Geduld und Höflichkeit zugehört.

»Nichts übernatürliches,« fuhr Alboin fort, »nur die einzige natürliche Tatsache, die hinter allem Aberglauben steht. Wozu brauchten die alten Juden einen Gott, als um dem Menschen den Lebensodem einzublasen? Das besorgen wir in Oklahoma selber. Was bedeutet der Ausdruck ›Spiritus‹? Es ist griechisch und heißt Atemübung. Leben, Fortschritt, Prophezeiung, alles beruht auf dem Atmen.«

»Na, ich bin jedenfalls froh, daß Sie mit dem alten Götterglauben aufgeräumt haben«, sagte Vandam.

Das weiße, angespannte Gesicht des Sekretärs zeigte einen Zug, der von einer sonderbaren Verbitterung zu sprechen schien.

»Ich nicht«, sagte er. »Ich weiß bloß, daß es keinen Gott gibt. Wie es scheint, macht Ihnen der Atheismus Spaß – vielleicht glauben Sie also nur, was Sie gern glauben möchten. Ich aber wollte bei Gott, daß es einen Gott gäbe – und es gibt keinen. Mein Pech.«

Plötzlich, ohne daß sich ein Geräusch oder eine Bewegung ereignet hätte, wurden sie sich bewußt, daß die Gruppe Menschen, die vor Wynds Türe stand, in aller Stille auf vier Personen angewachsen war. Keiner der so eifrig Disputierenden hätte sagen können, wie lange der Vierte dastand; jedenfalls sah es aus, als warte er voll Respekt, ja Schüchternheit auf die Gelegenheit, etwas Dringendes vorzubringen. Nervös und überreizt wie sie waren, schien es ihnen jedoch, als sei er wie ein Pilz leise und plötzlich aus dem Boden gewachsen. Und so sah er auch aus, wie ein großer schwarzer Pilz, denn er war sehr untersetzt und sein geistlicher schwarzer und breiter Hut beschattete ihn völlig. Vielleicht wäre die Ähnlichkeit noch größer gewesen, hätten die Pilze die Gewohnheit, abgenutzte und unförmliche Regenschirme zu tragen. Der Sekretär Fenner wunderte sich doppelt, einen Priester zu erkennen – aber als der Priester unter dem runden Hut ein rundes Gesicht emporhob und nach Mr. Warren Wynd fragte, gab er den gewöhnlichen abschlägigen Bescheid noch kurz angebundener als zuvor. Der Priester ließ sich jedoch nicht abschrecken.

»Ich möchte Mr. Wynd wirklich gerne sehen«, sagte er. »Es klingt so sonderbar – aber ich möchte ihn nur sehen. Ich möchte ihn gar nicht sprechen. Ich möchte sehen, ob er da ist und ob man ihn noch sehen kann.«

»Ich sage Ihnen doch, daß er da ist«, erwiderte Fenner gereizt. »Was soll das heißen: Sie wollen sehen, ob man ihn sehen kann? Natürlich ist er da – wir sind erst vor fünf Minuten von ihm fort, und seither sind wir immer vor der Türe gestanden.«

»Nun, ich möchte sehen, wie es ihm geht«, sagte der Priester.

»Warum?« fragte der Sekretär erbittert.

»Weil ich ernste, ich möchte sagen traurige Gründe habe,« erwiderte der Geistliche, »an seinem Wohlergehen zu zweifeln.«

»Allmächtiger!« rief Vandam wütend aus, »schon wieder ein neuer Aberglaube!«

»Ich sehe, daß ich meine Gründe anführen muß«, bemerkte der kleine Geistliche ernst. »Vermutlich werden Sie mich nicht einmal durch einen Türspalt sehen lassen, bevor ich Ihnen die ganze Geschichte erzähle.«

Er schwieg einen Augenblick nachdenklich und fuhr dann fort, ohne die erstaunten Gesichter zu beachten. »Ich ging gerade draußen auf der Straße vorbei, als ich einen sehr zerlumpten Mann sah, der von der Ecke am äußeren Ende der Straße hergelaufen kam. Er raste mir auf dem Pflaster entgegen und wies mir eine große, derbknochige Gestalt und ein Gesicht, das ich kannte. Es war das Gesicht eines verwilderten Iren, dem ich einmal geholfen habe – den Namen werde ich nicht nennen. Als er mich erblickte, wankte er, rief mich beim Namen und sagte: »Himmlischer Vater, es ist der Pater Brown – Sie sind der einzige Mensch, dessen Gesicht mich heute erschrecken kann.« Ich verstand, was er meinte – er hatte irgend etwas angestellt, und ich glaube, daß ihn mein Gesicht nicht einmal so sehr erschreckt haben kann, denn er erzählte mir bald die ganze Geschichte. Eine höchst sonderbare Geschichte allerdings. Er fragte mich, ob ich Warren Wynd persönlich kenne und ich verneinte es, obgleich ich wußte, daß er hier oben eine Wohnung hat. Er sagte darauf: »Das ist ein Mensch, der sich für einen Heiligen Gottes hält. Wenn er aber wüßte, wie ich über ihn denke, würde er sich aufhängen.« Ich fragte, ob er Wynd etwas getan habe, und seine Antwort war recht merkwürdig. Er sagte: »Ich habe einen Revolver genommen und ihn weder mit Schrot noch mit einer Kugel, wohl aber mit einem Fluche geladen.« Soweit ich ihn verstand, hatte er nichts weiter getan, als daß er in die kleine Sackgasse zwischen dem Lagerhaus und diesem Gebäude gegangen war, einen nur mit Pulver geladenen Revolver in der Hand, und ihn gegen die Wand abgefeuert hatte, als ob er damit das Haus habe niederschießen wollen. »Aber während ich das tat,« sagte er, »habe ich ihm mit dem schwersten aller Flüche geflucht. Gottes Gerechtigkeit sollte ihn ereilen und ihn am Kopfe, die Rache der Hölle aber an den Füßen fassen, und wie Judas sollte er auseinandergerissen werden, auf daß die Erde ihn nicht mehr kenne.« Was ich dem armen Wahnsinnigen noch gesagt habe, gehört nicht hierher – er ging beruhigt fort und ich begab mich an die Rückwand des Gebäudes, um nachzusehen. Und da lag wahrhaftig am Fuße dieser Mauer ein altmodischer, rostiger Revolver; ich verstehe genug von diesen Dingen, um zu wissen, daß er nur mit etwas Pulver geladen worden war; auf der Mauer sah man die schwarzen Pulverspuren und sogar die Stelle, wo der Lauf sich abgedrückt hatte, aber keine noch so kleine Vertiefung durch eine Kugel. Er hat keine Spuren der Zerstörung hinterlassen, ja überhaupt keine Spuren außer diesen schwarzen Zeichen und den schwarzen Flüchen, die er gegen den Himmel schleuderte. Und deshalb bin ich hierhergekommen, um Warren Wynd zu sehen und mich zu überzeugen, daß es ihm gut geht.«

Fenner lachte. »Da kann ich Sie leicht beruhigen. Ich versichere Sie, daß er durchaus wohl ist; vor ein paar Minuten, als wir ihn verließen, schrieb er an seinem Schreibtisch. Er war allein in der Wohnung; die Entfernung von der Straße beträgt dreißig Meter, und sein Zimmer ist so gelegen, daß ihn kein Schuß erreicht haben würde, selbst angenommen, Ihr Freund hätte nicht nur Pulver verschossen. Außer dieser Türe gibt es keinen Eingang zur Wohnung, und wir stehen die ganze Zeit hier.«

»Trotzdem,« sagte der Priester ernst, »möchte ich gerne einen Blick hineintun.«

»Es geht aber nicht«, gab der andere zurück. »Sie werden mir doch um Himmelswillen nicht sagen, daß Sie auf den Fluch etwas geben.«

»Sie vergessen,« sagte der Milliardär mit leichtem Hohn, »daß Seine Hochwürden sich nur mit Flüchen und Segen abgeben. Sagen Sie, lieber Herr, wenn er zur Hölle verflucht worden ist, warum segnen Sie ihn nicht, bis er wieder zurückkommt? Was nutzen Ihre Segenssprüche, wenn Sie nicht imstande sind, den Fluch eines Irländers zu entkräften?«

»Das ist alles Blödsinn«, sagte Fenner. »Ich will nicht beleidigend werden. Der ganze Quatsch paßt vielleicht sehr gut in Klöster und Grabgewölbe und so weiter. Aber durch eine geschlossene Tür in einem amerikanischen Hotel kommen keine Gespenster durch.«

»Aber Menschen können diese Tür öffnen,« sagte der Priester geduldig, »sogar in einem amerikanischen Hotel. Und mir scheint es das einfachste, sie zu öffnen.«

»So einfach, daß es mich meine Stelle kosten würde«, antwortete der Sekretär. »Warren Wynd liebt das gar nicht, wenn seine Sekretäre auf jedes Märchen hereinfallen, an das Sie vielleicht glauben.«

»Ich glaube vermutlich an viele Dinge,« erwiderte der Priester ernst, »an die Sie nicht glauben. Aber es würde zu lange dauern, wenn ich das erklären und Ihnen beweisen wollte, warum ich recht habe. Dagegen dauert es nur zwei Sekunden, die Tür zu öffnen und mir zu beweisen, daß ich im Unrecht bin.«

Irgend etwas an diesem Ausdruck schien dem unsteten und ruhelosen Geist des Mannes aus dem Westen zu entsprechen.

»Ich möchte Ihnen verteufelt gern beweisen, daß Sie unrecht haben«, sagte Alboin. Er ging schnell an ihnen vorbei, öffnete die Türe und blickte hinein. Auf den ersten Blick sahen sie Wynds leeren Sessel. Ein zweiter Blick zeigte, daß auch das Zimmer leer war. Fenner schien elektrisch belebt. Er stürzte an ihnen vorbei ins Zimmer.

»Er ist im Schlafzimmer,« sagte er kurz, »er muß dort sein.«

Während er im Innenraum verschwand, standen die anderen da und starrten das leere Zimmer an. Die strenge Einfachheit der Ausstattung, von der wir bereits gesprochen haben, wirkte auf sie wie eine Herausforderung. In diesem Zimmer konnte man nicht einmal eine Maus verstecken, geschweige einen Menschen. Es gab weder Vorhänge noch – was in Amerika selten ist – eingebaute Schränke. Selbst das Pult war nur ein einfacher Tisch mit einer flachen Schublade und aufgeklappter Platte. Die Stühle waren harte und gradlehnige Gerippe. Einen Augenblick später kam der Sekretär wieder durch die andere Tür zum Vorschein. Er hatte die beiden Innenräume durchsucht. In seinen Augen stand eine gespannte Frage zu lesen und sein Mund selbständig zu arbeiten, als er fragte: »Hier ist er wohl nicht herausgekommen?«

Die anderen schienen es nicht einmal nötig zu finden, diese verneinende Frage nochmals zu verneinen. Ihr Verstand befand sich vor einem Hindernis, das ebenso undurchdringlich war wie die blinde Feuermauer des Lagerhauses, die durch das gegenüberliegende Fenster hereinsah und langsam ihre Farbe von Weiß zu Grau veränderte, während mit dem sinkenden Nachmittag die Dämmerung hereinbrach. Vandam ging an die Fensterbrüstung, über die er sich vor einer halben Stunde gelehnt hatte, und sah durch das offene Fenster hinaus. Es waren weder Röhren noch Feuerleitern vorhanden, kein Gesims und keine Ausbuchtung, nichts, worauf der Fuß sich halten konnte – das Gebäude fiel senkrecht zur Straße hinab, und auch nach oben hin konnte man auf der Mauer, die sich noch viele Stockwerke hoch erhob, nicht das geringste erblicken. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite war noch weniger zu sehen – da gab es nichts als die ermüdende Fläche der weißgetünchten Mauer. Er spähte nach unten, als erwarte er, den verschwundenen Philantropen als Selbstmörderleiche auf dem Pflaster liegen zu sehen. Er sah aber nichts als einen kleinen dunklen Gegenstand, der, obwohl durch die Entfernung verkleinert, sehr wohl der Revolver sein konnte, den der Priester dort gefunden hatte. Inzwischen war Fenner an das andere Fenster getreten, das in einer ebenso glatten und unzugänglichen Wand lag, aber statt auf eine Seitenstraße auf eine kleine Anlage hinuntersah. Eine Gruppe von Bäumen unterbrach zwar hier die Aussicht auf den Erdboden, aber sie reichten an dem riesigen von Menschenhänden erbauten Felsen nur in geringer Höhe hinauf. Beide wandten sich ins Zimmer zurück und sahen sich an. Die Dämmerung wuchs zusehends, und der letzte Glimmer des Tageslichts auf den glänzenden Flächen der Tische und Pulte wurde immer grauer. Wie vom Zwielicht gereizt, berührte Fenner den Schalter, und die Szene wurde plötzlich von der erschreckenden Deutlichkeit der elektrischen Beleuchtung erhellt.

»Wie Sie eben sagten,« meinte Vandam grimmig, »hätte ihn ein Schuß von da unten nicht erreichen können, selbst wenn der Revolver geladen war. Aber selbst wenn ihn die Kugel erreicht hätte, wäre er doch nicht wie eine Blase geplatzt!«

Der Sekretär, der noch bleicher war als sonst, blickte verärgert auf das krankhaft gelbe Gesicht des Milliardärs.

»Wie kommen Sie auf diese trübsinnigen Gedanken? Weshalb reden Sie von Blasen und Kugeln? Warum soll er denn nicht am Leben sein?«

»Ja gewiß«, erwiderte Vandam fließend. »Wenn Sie mir sagen, wo er ist, werde ich Ihnen auch erzählen, wie er hingekommen sein kann.«

Nach einer Pause erwiderte der Sekretär trotzig: »Sie haben vermutlich recht. Wir sind hier gerade in die Sache hineingeraten, von der wir vorhin sprachen. Das wäre doch sonderbar, wenn Sie oder ich zugeben müßten, daß Flüche wirklich etwas zu bedeuten haben. Aber wer hätte Wynd hier oben etwas anhaben können?«

Mr. Alboin aus Oklahoma stand mit gespreizten Beinen mitten im Zimmer. Sein weißer flaumiger Heiligenschein und seine runden Augen strahlten Erstaunen aus. An diesem Punkt des Gespräches sagte er unvermittelt, mit der herausplatzenden Frechheit eines enfant terrible:

»Sie konnten ihn wohl nicht recht riechen, wie, Mr. Vandam?«

Vandams langes Gesicht schien noch länger und düsterer zu werden, während er mit einem Lächeln ruhig antwortete:

»Da wir von merkwürdigen Zufällen reden, waren Sie es, glaube ich, der vorhin sagte, daß ein Wind vom Westen her unsere großen Männer wegblasen würde wie Federdaunen.«

»Ja, gesagt habe ich es wohl,« sagte der Mann aus dem Westen offenherzig; »aber trotzdem begreife ich nicht, wie zum Teufel es möglich war?«

Das Schweigen wurde durch Fenner gebrochen, der plötzlich, ja fast heftig ausrief: »Über die ganze Sache läßt sich nur eins sagen: sie ist nicht passiert. Sie kann nicht passiert sein.«

»O doch,« bemerkte Pater Brown aus seiner Ecke, »sie ist allerdings passiert.«

Alle fuhren zusammen, denn sie hatten wirklich ganz den unscheinbaren kleinen Priester vergessen, der sie zuerst veranlaßt hatte, die Türe zu öffnen. Zugleich mit der Erinnerung überkam sie ein jäher Stimmungswechsel. Plötzlich fiel es ihnen ein, daß sie ihn als abergläubischen Träumer abgelehnt hatten, weil er auf genau das angespielt hatte, was sie seither mit Augen sehen mußten.

»Donnerwetter nochmal!« rief der impulsive Mann aus dem Westen, als ginge die Zunge mit ihm durch. »Vielleicht ist doch noch was dran.«

»Ich kann nicht leugnen,« sagte Fenner und runzelte die Stirn, »daß die Annahme von Hochwürden scheinbar wohl begründet war. Ich weiß nicht, ob er uns noch etwas zu sagen hat.«

»Er könnte uns vielleicht sagen,« meinte Vandam ironisch, »was zum Teufel wir jetzt tun sollen?«

Der Priester schien die Verantwortung bescheiden aber selbstverständlich aufzunehmen. »Ich kann nichts sagen,« bemerkte er, »als daß wir zuerst die Leitung verständigen und dann nachsehen müssen, ob der Mann mit dem Revolver nicht noch andere Spuren hinterlassen hat. Er ist am anderen Ende der Straße verschwunden, bei dem kleinen Garten; dort sind Sitzplätze, wo sich Landstreicher gern aufhalten.«

Eine ziemliche Zeit verstrich mit direkten Besprechungen, die mit der Hotelleitung, und indirekten, die mit der Polizei geführt wurden, und so war es fast Nacht, als sie die runde klassische Kurve der Straße betraten. Sie sah so kahl und hohl aus wie der Mond, nach dem sie benannt war, und der Mond selbst stieg leuchtend aber gespenstisch hinter den schwarzen Baumkronen hervor, als sie an der Anlage um die Ecke bogen. Die Nacht verschleierte manches, was sonst nur städtisch und künstlich aussah, und als sie im Schatten der Bäume untertauchten, hatten sie das sonderbare Gefühl, plötzlich viele hundert Meilen von ihrer Heimat fortgereist zu sein. Sie gingen ein Weilchen schweigend dahin, bis Alboin, der wirklich etwas Elementares an sich hatte, plötzlich ausbrach.

»Ich geb's auf«, rief er; »ich bin geschlagen. Ich hätte nie geglaubt, daß ich mich mit solchen Dingen befassen würde – aber was soll man tun, wenn die Dinge sich an einen herandrängeln? Verzeihen Sie, Pater Brown – ich gebe klein bei, was Sie und Ihre Ammenmärchen betrifft. Von jetzt an stehe ich auf Seite der Ammenmärchen. Und Sie, Mr. Vandam, Sie haben selbst gesagt, daß Sie ein Atheist sind und nur glauben, was Sie sehen. Nun, was haben Sie gesehen? Oder vielmehr, was haben Sie nicht gesehen?«

»Ich weiß«, nickte Vandam trübselig.

»Ach, zum Teil ist es nur der Mond und die Bäume, die uns auf die Nerven fallen«, meinte Fenner hartnäckig. »Bäume sehen im Mondlicht immer sonderbar aus, wenn ihre Zweige an ihnen herumkriechen. Da, sehen Sie mal –«

»Ja«, sagte Pater Brown. Er war stillgestanden und betrachtete den Mond durch ein Geflecht von Bäumen. »Das da oben ist ein sehr sonderbarer Ast.«

Als er wieder sprach, sagte er bloß:

»Ich dachte, es sei ein gebrochener Ast.«

Aber in seiner Stimme klang ein Zittern mit, das seine Begleiter grundlos erschauern machte. Da oben hing wirklich etwas, das wie ein toter Ast aussah, schlaff an dem Baum herab, der sich schwarz vom Monde abhob; aber es war kein toter Ast. Als sie nahe genug herankamen, um es zu erkennen, sprang Fenner mit einem lauten Fluch zur Seite. Dann lief er näher heran und löste einen Strick von dem Hals eines kleinen dunklen Körpers mit hängenden Strähnen von grauem Haar, der vom Ast baumelte. Trotzdem wußte er, daß der Körper ein Leichnam war, bevor es ihm gelang, ihn vom Baume abzunehmen. Ein langer Strick war mehrmals um die Zweige gewunden, und nur ein kurzes Stück davon verband die Gabel des Astes mit dem Körper. Ein großer Gartenbottich war einige Meter weit unter den Füßen fortgerollt, wie der Schemel, den Selbstmörder im letzten Augenblick mit den Füßen fortstoßen.

»O Gott«, sagte Alboin, und es klang halb wie ein Gebet und halb wie ein Fluch. »Was sagte der Mann? ›Wenn er wüßte, würde er sich aufhängen.‹ Nicht wahr, das hat er doch gesagt, Pater Brown?«

»Ja«, sagte der Priester.

»Na,« flüsterte Vandam mit hohler Stimme, »ich hab's mir nie träumen lassen, daß ich nochmal so etwas denken würde. Aber was soll man dazu sagen, als daß der Fluch gewirkt hat?«

Fenner stand da, die Hände vor dem Gesicht, und der Priester legte ihm die Hand auf den Arm und fragte sanft: »Hatten Sie ihn gern?«

Der Sekretär ließ die Hände sinken. Sein weißes Gesicht sah unter dem Mond totenbleich aus.

»Ich habe ihn gehaßt wie die Hölle,« sagte er, »und wenn er an einem Fluch gestorben ist, kann es ebensogut meiner sein.«

Die Hand des Priesters drückte seinen Arm stärker, und Pater Brown sagte mit einer Eindringlichkeit, die er bisher nicht gezeigt hatte:

»Bitte trösten Sie sich, er ist keineswegs auf diese Art gestorben.«

Wenige Tage später erhielt Pater Brown einen sehr höflichen Brief, der Silas T. Vandam unterschrieben war und ihn aufforderte, zu einer gegebenen Zeit sich in den Räumen einzufinden, aus denen der Tote verschwunden war, um die nötigen Schritte zur Feststellung dieses wunderbaren Ereignisses vorzunehmen. Das Ereignis selbst war bereits in den Zeitungen aufgetaucht und wurde überall von den feurigen Anhängern des Okkultismus mit Begeisterung aufgegriffen. Pater Brown sah grelle Plakate mit den Worten: »Selbstmörder verschwindet« und »Philanthrop erhängt sich wegen Fluch«, als er die Mondstraße betrat und die Stiege zum Aufzug hinaufging. Er fand die kleine Gruppe so vor, wie er sie verlassen hatte, nämlich Vandam, Alboin und den Sekretär – aber in ihrem Ton ihm gegenüber lag neue Achtung und selbst Ehrfurcht. Sie standen an Wynds Schreibtisch, auf dem ein großer Papierbogen und Schreibmaterialien lagen, und wandten sich um, ihn zu begrüßen.

»Pater Brown,« sagte der Sprecher – es war der weißhaarige Mann aus dem Westen, den die Verantwortung etwas gesetzter gemacht hatte, »wir haben Sie hergebeten, um Ihnen erstens einmal unsere Entschuldigungen und unseren Dank auszusprechen. Wir sehen ein, daß Sie es waren, der zuerst die geistige Manifestation als solche erkannte. Wir waren alle hartgesottene Skeptiker; aber jetzt begreifen wir, daß man diese harte Schale durchbrechen muß, um die großen Dinge jener anderen Welt zu erfassen. Diesen Standpunkt vertreten Sie; Sie vertreten die übernatürliche Erklärung der Dinge, und wir müssen uns Ihnen unterordnen. Und zweitens fühlen wir, daß dieses Dokument hier ohne Ihre Unterschrift unvollständig wäre. Wir teilen darin die genauen Tatsachen der Gesellschaft zur Erforschung der psychischen Phänomene mit, weil die Zeitungsmeldungen sozusagen nicht genau stimmen. Wir führen an, wie der Fluch auf der Straße ausgesprochen wurde; wie derselbe Mensch, der in diesem Zimmer eingeschlossen war wie in einer versiegelten Kiste, durch den Fluch sofort zu Luft aufgelöst, auf unausdenkbare Weise wieder verkörpert und als Selbstmörder an einen Galgen gehängt wurde. Und da Sie der erste waren, der an das Wunder geglaubt hat, sind wir alle der Meinung, daß Sie auch als erster unterschreiben müssen.«

»Nein, danke«, sagte Pater Brown verlegen. »Das möchte ich nicht gern.«

»Sie meinen, Sie möchten nicht als erster zeichnen?«

»Ich meine, daß ich überhaupt nicht gerne zeichnen möchte«, sagte Pater Brown bescheiden. »Wissen Sie, ein Mann in meiner Stellung darf wirklich nicht über Wunder Witze machen.«

»Aber Sie haben doch selber gesagt, daß es ein Wunder ist?« fragte Alboin mit weit aufgerissenen Augen.

»Das tut mir aber sehr leid«, sagte Pater Brown. »Mir scheint, hier liegt ein kleiner Irrtum vor. Ich glaube nicht gesagt zu haben, daß es ein Wunder ist. Ich habe nur gesagt, daß etwas passieren könnte. Und darauf bemerkten Sie dann, es könnte ohne ein Wunder nicht passieren. Dann passierte es doch. Und deshalb sagten Sie, es sei ein Wunder. Aber ich habe von Anfang bis zu Ende nicht ein Wort von Wundern oder Magie oder Ähnlichem gesprochen.«

»Aber ich habe doch gemeint, daß Sie an Wunder glauben?« unterbrach der Sekretär.

»Ja«, sagte Pater Brown. »Ich glaube an Wunder. Ich glaube auch daran, daß es menschenfressende Tiger gibt, aber ich bilde mir nicht ein, sie überall zu sehen. Wenn ich Wunder brauche, weiß ich, wo sie zu finden sind.«

»Ich begreife nicht, wie Sie diese Haltung einnehmen können, Pater Brown«, sagte Vandam eifrig. »Das klingt so engherzig – und Sie machen doch keinen engherzigen Eindruck, wenn Sie auch ein Pfaffe sind. Sehen Sie nicht, daß ein Wunder wie dieses da endgültig allem Materialismus den Garaus machen muß? Es wird der ganzen Welt in Riesendruck verkünden, was geistige Kräfte ausrichten können und schon ausgerichtet haben. Sie werden dem Glauben einen Dienst leisten, wie er ihm von keinem Priester je geleistet wurde.«

Der kleine Priester hatte sich aufgerichtet und schien trotz seiner untersetzten Figur auf seltsame Weise in unbewußte und unpersönliche Würde gekleidet. »Nun,« sagte er, »Sie werden mir gewiß nicht zumuten wollen, daß ich dem Glauben durch etwas diene, was ich als Lüge erkannt habe. Ich weiß nicht genau, was Sie mit dieser Phrase meinen – und Sie vermutlich auch nicht, wenn ich ganz ehrlich sein soll. Vielleicht kann man dem Glauben dienen, indem man lügt – Gott aber sicherlich nicht. Und da Sie so hartnäckig immer wieder darauf zurückkommen, was ich glaube, wäre es da so gefehlt, wenn Sie endlich eine Ahnung davon bekämen, was das eigentlich ist?«

»Ich glaube, ich verstehe Sie nicht ganz«, bemerkte der Millionär neugierig.

»Das glaube ich auch«, erwiderte Pater Brown einfach. »Sie sagen, übersinnliche Kräfte hätten es begangen. Welche übersinnlichen Kräfte? Sie glauben doch nicht, daß die heiligen Engel ihn genommen und an einem Baum im Garten aufgehängt haben, nicht wahr, nein? Und was die gefallenen Engel betrifft – nein, nein und nochmals nein. Die Menschen, die das verbrochen haben, taten etwas sehr Böses, aber sie begnügten sich mit ihrer eigenen Bosheit – sie waren nicht so böse, sich mit übersinnlichen Kräften einzulassen. Der Satanismus ist mir nicht unbekannt, leider – ich war gezwungen, mich mit ihm abzugeben und weiß, wie er ist, wie er fast immer ist. Er ist stolz und verschlagen. Er liebt es, sich als überlegen aufzuspielen, die Unschuldigen mit halbverstandenen Dingen zu erschrecken, kleine Kinder zu ängstigen. Darum hat er solch eine Vorliebe für Mysterien und Einweihungen und geheime Gesellschaften und so weiter. Seine Augen sind nach innen gerichtet, und so erhaben und ernst er auch aussehen mag, so verbirgt er doch immer ein kleines, wahnsinniges Lächeln.« Er erzitterte, wie von einem eisigen Luftzug getroffen. »Lassen wir sie beiseite – hiermit haben sie nichts zu tun, das können Sie mir glauben. Meinen Sie, daß dieser arme, verwilderte Ire, der rasend durch die Straße lief, die Hälfte ausschwatzte, als er mein Gesicht erblickte, und dann ausriß aus Angst, noch mehr zu verraten – glauben Sie, daß Satan ihm Geheimnisse anvertraut? Ich will zugeben, daß er an einem Komplott beteiligt war, vermutlich mit zwei anderen, die schlechter waren als er – aber trotzdem befand er sich nur in einem furchtbaren Zornausbruch, als er den Revolver und den Fluch losließ.«

»Was in aller Welt soll denn das bedeuten?« fragte Vandam. »Das Abschießen einer Kinderpistole und eines lächerlichen Fluches hätte die Tat, die geschah, nicht veranlassen können, wenn nicht ein Wunder im Spiel war – es konnte Wynd nicht wie eine Fee zum Verschwinden bringen und ihn eine Meile weiter mit einem Strick um den Hals wieder auftauchen lassen.«

»Nein, das nicht,« sagte Brown scharf, »aber was sonst?«

»Ich kann noch immer nicht folgen«, erwiderte der Millionär ernst.

»Ich frage Sie, was konnte es tun«, wiederholte der Priester, zum erstenmal mit einer Bewegung, die an Gereiztheit grenzte. »Sie wiederholen immer wieder, daß ein blinder Schuß weder das noch jenes zur Folge haben konnte, daß er allein nicht genüge, um den Mord zu verursachen oder ein Wunder hervorzubringen. Aber es fällt Ihnen nicht ein, sich zu fragen, was wirklich die Folge sein könnte. Was würde Ihnen geschehen, wenn ein Irrer sich's einfallen ließe, eine Waffe ohne Sinn und Verstand gerade unter ihrem Fenster loszubrennen? Was würde zu allererst passieren?«

Vandam sah nachdenklich aus. »Ich glaube, ich würde zuerst aus dem Fenster schauen«, sagte er.

»Ja,« erwiderte der Priester, »Sie würden aus dem Fenster schauen. Das ist die ganze Geschichte. Es ist eine traurige Geschichte, aber sie ist vorbei – und schließlich gab es mildernde Umstände.«

»Wieso konnte er aber zu Schaden kommen, bloß weil er aus dem Fenster sah?« fragte Alboin. »Er ist nicht hinausgefallen, sonst hätte man ihn in der Gasse gefunden.«

»Nein«, erwiderte Pater Brown mit leiser Stimme. »Er fiel nicht – er stieg empor.« In seiner Stimme klang es wie vom Läuten eines Gongs, schwer und schicksalshaft. Aber er fuhr ruhig fort:

»Er stieg empor – aber nicht auf Flügeln; nicht auf den Fittichen der heiligen oder der gefallenen Engel. Er stieg am Ende eines Strickes empor, so wie Sie ihn im Garten sahen – eine Schlinge wurde ihm über den Kopf geworfen, sowie er ihn zum Fenster hinausstreckte. Erinnern Sie sich nicht an Wilson, seinen großen Diener, einen Menschen von Riesenkräften, während Wynd so klein und leicht war wie ein Spatz? Ging Wilson nicht hinauf, um eine Broschüre zu holen, in ein Zimmer voll Akten und Gepäck, das mit Metern und Metern Strick verschnürt war? Hat man Wilson seit jenem Tage gesehen? Ich glaube kaum.«

»Wollen Sie sagen,« fragte der Sekretär, »daß Wilson ihn einfach aus seinem eigenen Fenster herauszog, wie eine Forelle an der Angelschnur?«

»Ja – und ihn dann aus dem zweiten Fenster in den Park hinunterließ, wo der dritte Komplize ihn an einen Baum band. Vergessen Sie nicht, daß die Gasse immer leer war – daß die Mauer gegenüber keine Fenster hat – daß alles fünf Minuten, nachdem der Ire mit seiner Pistole das Zeichen gegeben hatte, vollkommen vorüber war. Natürlich waren drei Leute beteiligt – können Sie wohl erraten, wer sie waren?«

Sie starrten alle auf das schmucklose viereckige Fenster und die Mauer dahinter, und keiner antwortete.

»Übrigens«, fuhr Pater Brown fort, »mache ich Ihnen keinen Vorwurf daraus, daß Sie so schnell auf übernatürliche Kräfte schlossen. Der Grund dafür ist ganz einfach. Sie verschworen sich alle, hartgesottene Materialisten zu sein – und in Wirklichkeit balancierten Sie alle gerade an der Kante des Glaubens – irgendeines Glaubens. Viele Tausende balancieren heute so – aber es ist kein Vergnügen, auf dieser scharfen, unbequemen Kante zu sitzen. Man kommt nicht zur Ruhe, bevor man an etwas glaubt – deshalb hat Mr. Vandam sich alle neuen Religionen so genau angesehen, deshalb zitiert Mr. Alboin die Heilige Schrift als Beleg für seine Religion der neuen Atemübungen und murrt Mr. Fenner über denselben Gott, den er leugnet. Es ist etwas ganz Natürliches, nur an das Übersinnliche zu glauben. Natürliche Ursachen anzunehmen, kommt den Menschen nie natürlich vor. Aber obwohl es nur des leisesten Anstoßes bedurfte, um Sie über die Kante in den Glauben an das Übernatürliche zu kippen, waren diese Dinge in Wahrheit die einzig natürlichen. Sie waren nicht nur natürlich, sie waren sogar unnatürlich einfach. Ich glaube, daß es noch nie eine so einfache Geschichte gegeben hat.«

Fenner lachte und runzelte dann die Brauen. »Eins verstehe ich aber nicht«, sagte er. »Wenn Wilson es getan hat – wieso hat Wynd einen solchen Menschen als vertrauten Diener aufgenommen? Wieso wurde er von einem Menschen umgebracht, den er jahrelang täglich gesehen hatte? Er war berühmt wegen seines Scharfblicks und seines klaren Urteils über Menschen.«

Pater Brown schlug mit seinem Regenschirm auf den Boden auf, mit einer Heftigkeit, die man selten an ihm sah.

»Jawohl«, erwiderte er fast zornig. »Deshalb wurde er ja gerade getötet. Gerade deswegen. Er wurde getötet, weil er über Menschen urteilte und sie richtete.«

Sie starrten ihn alle an, aber er fuhr fort, als wäre niemand zugegen:

»Was ist der Mensch, irgendein Mensch, daß er ein Richter sein darf über Menschen?« fragte er.

»Die drei Leute waren die Landstreicher, die einst vor ihm standen und geschwinde nach rechts und links verschickt wurden – als hätten sie keinen Anspruch auf den Mantel der Höflichkeit, auf langsames Wachsen der Vertrautheit, auf freien Willen in der Wahl ihrer Freunde. Zwanzig Jahre waren nicht imstande, die Erbitterung über die abgrundtiefe Beleidigung zu erschöpfen, die er ihnen antat, als er sich vermaß, sie in einem Augenblick zu durchschauen.«

»Ja,« sagte der Sekretär, »ich verstehe jetzt – und ich weiß jetzt auch, wieso Sie – so vieles verstehen –«

»Hol' mich der Teufel, ob ich das verstehe«, rief der stürmische Herr aus dem Westen lärmend aus. »Dieser Wilson und der Ire sind in meinen Augen nur zwei Halsabschneider, die ihren Wohltäter ermordet haben. In meiner Moral – mag sie nun eine Religion sein oder nicht – habe ich keinen Platz für solche schwarzen und blutigen Mörder.«

»Sicher war er ein blutiger und schwarzer Mörder«, sagte Fenner ruhig. »Ich will ihn auch nicht verteidigen. Aber ich denke, daß Pater Brown für alle Menschen beten muß, sogar für einen Menschen wie –«

»Ja«, stimmte Pater Brown ihm zu. »Ich muß für alle Menschen beten, sogar für einen Menschen wie Warren Wynd.«

 


 

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