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Ein Nickel

Heinz Tovote: Ein Nickel - Kapitel 1
Quellenangabe
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typenarrative
authorHeinz Tovote
booktitleNeuland
titleEin Nickel
publisherAlfred Schall, Königliche Hofbuchhandlung
printrunZweite Auflage
editorCäsar Flaischlen
year1895
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20090416
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Heinz Tovote

Ein Nickel

Eine ganz harmlose Geschichte

»Eine – h – Zehnpfennig – h – Marke – h!«

Ein kleines neunjähriges Mädchen im braunen, vielfach geflickten Kleidchen, mit blonden, durch ein schwarzes fettiges Band in einer Flechte zusammen gehaltenen Haaren, steht vor dem Postschalter und holt tief Atem, als sie den Satz endlich herausgekriegt hat. Der Beamte hat sie erst mit einem barschen Na! anfahren müssen.

Ihre schmutzigen Finger drehen krampfhaft das Fünfzigpfennigstück herum, das dabei schon ganz warm geworden ist.

Sie nimmt die Marke und die vier Nickel von dem Schalterbrett. Der Postbeamte hat das Fenster wieder zugeschoben. Dann faßt sie ihr kleines dreijähriges Brüderchen bei der Hand und zieht es mit hinaus auf die Straße.

Unter den vier Zehnpfennigen ist eine neue blanke Münze, ein Nickel, glänzend wie Silber. Er ist frisch aus der Münze gekommen, und das Kind zeigt das schimmernde Stück dem Bruder, der seine Hände danach ausstreckt und gierig ausruft: »haben! ... haben!«

Aber sie schüttelt den Kopf, hebt ihn auf den Arm, und klettert mit ihm die vier steilen Treppen des Hinterhauses hinauf, wo die Mutter eifrig beim Plätten ist, so daß eine stickige, dumpfe Luft in der niederen Stube mit ihren kahlen Wänden herrscht.

»Ach, Muttchen, schenk mich den blanken Jroschen.«

»Erst steckste den Brief in 'en Kasten. Laß Karlchen man hier.«

»Kriej' ich den Jroschen – ja? Ich dhun auch in de Sparbüchsen.«

»Da hast'en – du Giere! Nu aber mach'!«

Sie nimmt den Brief und den Nickel und läuft die Treppen hinunter, immer die letzten drei Tritte hinunterspringend.

Sie hat den Brief in den Kasten gesteckt, und ist einen Augenblick versucht, als sie an einem Chokoladeautomaten vorüberkommt, sich ein Packet zu kaufen.

Doch da thut ihr der blanke Nickel leid, und sie läuft weiter.

Den ganzen Tag hat sie ihn in Händen. Einmal ist er verschwunden, und sie fängt an zu heulen. Dann findet sie ihn in der Kleidertasche, wo er sich verkrochen hatte.

Am Abend wird er in die Sparbüchse gesteckt. Und nun ist er vorläufig vergessen. –

Acht Tage später sucht die Mutter nach kleinem Gelde und öffnet die blecherne Sparbüchse, die ein Schilderhaus darstellt, vor dem ein Soldat Wache steht.

»Ach Mutter, mein blanker Jroschen,« jammert das Kind, und guckt in das Häuschen.

»Is er das? – Der is ja janich mehr blank!«

Das Geldstück ist blind geworden, weil das Kind es den ganzen Tag in seinen schmutzigen, schweißigen Händen gehabt und so weggelegt hatte.

Und ohne weiter zu klagen, läuft sie zum Kaufmann und bezahlt damit ein Pfund Salz. Es ist ja jetzt ein Nickel wie jeder andere.

*

Der Nickel liegt mit hundert Leidensgefährten in der Schieblade des Tresens. Er ist nur noch ein ganz klein wenig glänzender als seine Brüder.

Im Laden steht der Kaufmann und ein siebzehnjähriger Lehrling mit struppigen, roten Borstenhaaren und großen, vom Frost aufgesprungenen Händen. Als der Herr den Laden verläßt, taucht gleich eine dieser großen, blauroten Hände mit den schwarzrissigen Fingerspitzen in die Schieblade, und blitzschnell ist der Nickel in der dunklen Tasche des Lehrlings, wo er schon einige vorfindet und zwar in Gesellschaft von einem verrosteten Messer, einem Stummel Wachslicht und zwei Schlüsseln, gegen die er laut klirrt, weil es ihm in der dunklen Behausung nicht gefällt. Und er setzt das Klirren so lange fort, bis der Kaufmann aufmerksam wird.

»Was haben Sie denn da in der Tasche?«

»Oh nichts – gar nichts!«

»Was? Nichts? Zeigen Sie einmal her. Aha, dachte ich es mir doch. Also gestohlen wird hier. Na warte, Bürschchen!«

Eine Stunde später ist der Vater des Lehrlings da, ein alter braver Schuster, der vom Himmel bis zur Erde fleht, daß sein Junge nicht der Polizei ausgeliefert wird.

Dieses Mal soll es noch so hingehen.

Der alte, etwas bucklige Schuster sieht durch seine große Brille den armen Nickel so verdächtig an, als ob es Gift sei, das gute Geld.

Bis zum Abend bleibt das Geldstück auf dem Tische liegen, dann streicht es der Kaufmann ein, und eine halbe Stunde später ist der Nickel in einem Cigarrengeschäfte, während der Kaufmann sich über die dafür erstandene Cigarre ärgert, die nicht brennen will, und sich als ein völlig ungenießbares Kraut erweist.

*

Der Nickel hat nicht lange Ruhe bei Löser und Wolf. Zehn Minuten später schon ist er in der Hand eines Herrn, der ihn beim Wechseln erhält und dessen Dame draußen inzwischen wartet.

»Veilchen, schöne Veilchen! Rosen, mein Herr! Ein Bouquetchen für die Dame? Schöne Rosen!«

»Geben Sie mal eins her.«

»Dreißig Pfennig das Sträußchen.«

Das Blumenmädchen auf der Friedrichstraße, mit ihrem abgehärmten Gesichte, das Hunderte von Pockennarben schmücken, überreicht der jungen Dame, die sich etwas fern von ihr hält, die Veilchen und legt das Geld, unter dem der Nickel ist, in die kleine Holzschachtel, die in dem Moose, mit dem der breite Bastkorb ausgepolstert ist, ruht.

Dann geht sie in die Französische Straße und füllt sich an dem Droschkenhalteplatz am Brunnen ihre kleine, rote Blechkanne mit Wasser, um die Blumen zu bespritzen.

Sie hat nur noch drei Bouquets. Und sie setzt sich auf die Steine vor ein Schaufenster. Eine Kollegin hockt sich zu ihr, und sie zählen ihr Geld.

Ein alter Mann kommt mit einem Korbe voll Blumen, der Vater, der zu dieser Zeit neuen Vorrat bringt. Er nimmt den Korb und einen Teil des Geldes mit.

*

Eigentlich ist er schon ein bißchen angeduselt.

Das gehört zu seinen Gewohnheiten, von denen er niemals abweicht. Den Hut, der einmal braun gewesen sein kann, hat er im Nacken sitzen. Es sieht aus, als ob der Hut sowohl wie die Schultern des Rockes mit Moos überdeckt seien.

In der Linken schlenkert er den leeren Korb.

Nun bleibt er vor einer Destille stehen, schwankt ein paarmal nach vorn, um sich jedesmal mit einem gewaltsamen Ruck wieder emporzurecken, legt den Zeigefinger an die Nase, als ob die Sache noch der Überlegung bedürfe, und folgt dann willenlos seinen Beinen, die nach vorwärts schlenkern, gerade in die Thür der Schnapsbudike hinein.

Er setzt sich an den weißgescheuerten Holztisch, auf dem allerhand nasse Kringe von großen Weißen, Bier- und Schnapsgläsern sich abzeichnen, mit Streichhölzern, Cigarrenstummeln und Käserinden untermischt.

Dann sucht er in seiner Tasche, findet den Nickel, der ganz bleigrau aussieht, dreht ihn im Lichte ein paarmal hin und her und legt ihn mit gewichtigem Nachdrucke auf den Tisch, mitten in ein kleines Meer umgeschütteten Bieres.

Dann setzt er mit zitternden Fingern das große Glas Nordhäuser an den Mund und stürzt die Hälfte hinunter.

*

Der Nickel hat sich in eine Ecke des aus grünangestrichenen Gazedrahts gefertigten Geldkorbes verkrochen, und hier bleibt er liegen, bis am Abend Kasse gemacht wird, und er nun die Nacht über in einem Häuschen mit neuen Genossen, neben vielen anderen gleich hohen, sauber rangierten Geldrollen zubringt.

Am anderen Morgen nehmen die fettigen Finger der Wirtin die Rolle, und er wird nach der Markthalle getragen, wo er in die noch fettigeren Finger einer Fleischersfrau gerät, die ihn in ihre große lederne Geldtasche steckt und dieser dann noch einen derben Schlag mit der flachen Hand versetzt, als wollte sie sagen: das liebe Geld.

Ein zierliches, blondes Dienstmädchen mit einem schmalen Gesicht und einer hohen schwächlichen Stimme, die wie das Summen einer Biene zu den brutalen Rachentönen der Fleischersfrau klingt, erhält mit ihrem Pfund Filet den Nickel, den sie in einem zierlichen Portemonnaie in der kleinen Tasche der steifgestärkten, blendendweißen Latzschürze heimträgt, indem sie den Mittel- und Zeigefinger der linken Hand kokett in das Täschchen gesteckt hat und den Ellenbogen recht spitz nach außen streckt, während sie am anderen Arme den kleinen weißen Marktkorb tragt.

In Hause muß sie der gnädigen Frau genau vorrechnen und das Geld wieder abliefern, das in eine Schieblade zu dem übrigen Wirtschaftsgelde eingeschlossen wird.

Zuvor aber nimmt die gnädige Frau ein Paar kleine Münzen zu sich und steckt sie in ihr Geldtäschchen. Es ist gut, wenn man für den Fall kleines Geld hat.

*

Die Vormittagssonne liegt über der Stadt. Das Grün der Bäume scheint noch einmal so licht als sonst.

Eine Equipage kommt unter den Linden vom Brandenburgerthore her.

Die gnädige Frau in ihrem hellen, theerosengelben Kleide lehnt vornehm in dem dunkelblauen Fond des Wagens. Sie hat einen Besuch gemacht.

Jetzt will sie bei Gerson eine neue Robe besehen, deren Schnitt ihr so sehr gerühmt ist, sie soll entzückend sein, geradezu entzückend.

Aber zuvor giebt sie dem Kutscher einen Wink, und der Wagen hält an der Friedrichstraßen-Ecke bei Kranzler. Die gnädige Frau eilt die drei Stufen hinauf in die Konditorei und kauft ein halbes Pfund gebrannte Mandeln. Sie schwärmt für gebrannte Mandeln.

Man kann ihr das Zehnmarkstück nicht gleich wechseln. Die gnädige Frau pflegt nie anders zu zahlen; jetzt aber sieht sie sich gezwungen, das Geld abzuzählen. Es ist sehr unangenehm.

Und ihre Finger entnehmen ihrer Geldbörse unter anderen Münzen auch den Nickel.

Dann sitzt sie wieder im Wagen; ein wenig heimlich schiebt sie eine Mandel nach der anderen zwischen ihre roten Lippen, und die kleinen scharfen Zähne knuppern lustig drauf los.

Mit ihren schlanken, weißen Fingern sucht sie die bräunlichen Zuckermandeln aus, nachdem sie eben erst den Nickel damit angefaßt hat, der gestern der Rocktasche eines Bezechten entnommen wurde, um einen fuseligen Nordhäuser damit zu bezahlen.

*

Am Nachmittag kommt der Nickel in die Hände eines alten Herrn, der seit zehn Jahren täglich auf der schmalen Terrasse vor Kranzler seinen Kaffee trinkt, und der ebenso regelmäßig am Abend zum Bier geht, und den Nickel so zum Pschorr bringt, wo ihn um Mitternacht ein Student, der mit Freunden dort lustig gezecht hat, auf sein letztes Zweimarkstück mit noch einem kleinen Zwanzigpfennigstück herauskriegt, das er dem Kellner als Trinkgeld hinschiebt, nachdem er anfangs versucht war, ihm alles zu geben.

Jetzt steckt er den Nickel ein, sein ganzes Vermögen. Hoffentlich kommt morgen von zu Hause Geld, sonst giebt es ja auch gute Freunde – die nur leider selbst nicht viel haben.

Vor dem Lokal trennt man sich. Er allein geht nach Norden. Das Café Bauer schimmert verlockend. Aber ach, mit zehn Pfennig ist nichts zu wollen.

– Ein paar Heiße, Herr Doktor!

Er schüttelt den Kopf und sieht den Mann mit seiner weißen Schürze und dem weißen Blechkasten, in dem die warmen Würste brodeln, verdächtig an. Um diese Jahreszeit Wurst, brrr –

Die Friedrichstraße entlang zieht ein Obsthändler seinen Wagen mit Apfelsinen, Weintrauben, Äpfeln und Birnen. Das kann ihn noch weniger locken.

Er geht weiter durch die blau-weißen Fluten des elektrischen Lichtes des Centralhotels, des Franziskaners, des Café Monopol bis zur Spree, zur Weidendammerbrücke. Oben auf der Brücke bleibt er stehen und sieht hinunter auf das schwarze leblos scheinende Wasser, auf den großen Personendampfer, die riesigen Schlepper und die vielen Obst- und Sandzillen, die an den Seiten verankert liegen.

Über die Stadtbahnbrücke fährt ein Zug, die Lichter schieben sich vorüber wie in einer Laterna magica, und der Zug verschwindet in dem Bogen des Friedrichstraßen-Bahnhofs, – Er sieht ihm nach und geht weiter.

– Kauft – Streich – höl – zer! ...

Eine weinerlich klagende Singstimme neben ihm.

Ein alter Mann mit grauzotteligem Barte, einen kleinen Kasten mit Streichholzschachteln an einem Riemen vor der Brust tragend, humpelt auf zwei Krücken an ihn heran.

– Kauft – Streich – höl – zer! ...

Er zieht jeden Vokal singend aus.

Der Student sieht ihn einen Augenblick an, dann greift er in die Tasche und giebt dem Manne seine ganze Habe, sein Letztes, den Nickel; und ohne die dargereichte Schachtel zu nehmen, geht er in die Nacht hinein, vor sich hinpfeifend, den Hut schief gerückt. –

Der Alte will das Geldstück in seiner Brusttasche verbergen, als ein junger Bursche von zwanzig Jahren vor ihn tritt, einer jener Nichtsthuer, die des Nachts die Straßen unsicher machen.

Er ist angetrunken und faßt den Alten am Arm und lallt, er solle ihm Geld geben, er müsse sich ein Nordlicht kaufen.

Der Alte weigert sich, dem Menschen, seinem Sohne, der ihn täglich so auszuplündern pflegt, den Nickel zu geben, den er fest umkrampft hält.

Der rohe, betrunkene Bursche sucht ihm das Geld zu entreißen. Sie kommen ins Ringen, da gleitet dem alten Mann die Krücke aus, er stürzt und schlägt mit dem Hinterkopfe gegen das eiserne Geländer, tief aufächzend.

Menschen kommen, der Bursche macht sich aus dem Staube, während jene den Gestürzten umstehen. Ein Wächter kommt dazu, und nach wenigen Minuten bringt man den Blutenden auf die Sanitätswache.

Als der Arzt den offenbaren Schädelbruch genauer konstatieren will, sieht er, daß es mit seiner Kunst hier zu spät ist, und er läßt dem Toten für heute seine Ruhe. –

Der Nickel aber, der die Ursache der Blutschuld gewesen, ist zu Boden gerollt, und durch eine Bretterspalte der Brücke mit einem kleinen Plumps in die Spree gefallen, wo er im tiefen Schlamme liegen bleibt; vielleicht um bald einem Baggerarbeiter in die Hände zu kommen, oder aber um in späteren Jahrhunderten von einem anderen Geschlechte wieder ausgegraben zu werden und als kostbarer Fund seinen Platz in einem Altertumsmuseum zu erhalten.








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