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Ein Mönchsleben aus der empfindsamen Zeit - Band 2

Franz Xaver Bronner: Ein Mönchsleben aus der empfindsamen Zeit - Band 2 - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
authorFranz Xaver Bronner
titleEin Mönchsleben aus der empfindsamen Zeit - Band 2
publisherVerlag Robert Lutz
seriesZweite Auflage
volumeBand 2
editorOskar Lang
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Siebzehntes Kapitel:

Wieder in Zürich.

Geßnersches Haus – Landvogt Landolt – Besuche – Geßners Monument – Neue Wohnung, der Oberhof – Moralische Gefahren – Ausgabe der Fischergedichte – Frankreich das gelobte Land – Nächste Vorbereitungen zur Abreise dorthin – Korrespondenz mit dem Bischof von Colmar.

Mein erster Gang war zum Hause meines Wohltäters Salomon Geßner. Als ich mich demselben näherte, ging dessen Sohn, mein Freund Heinrich, eben über die Straße, grüßte mich sogleich mit inniger Freude und führte mich zu seiner lieben Mutter. Die geistvolle Frau empfing mich mit einnehmender Güte und Herzlichkeit, aber unsre erste Unterhaltung blieb nicht ohne Tränen, denn wir empfanden alle zu tief, daß der Unvergeßliche fehlte, der sonst die Seele unsres Kreises gewesen war. Gerührt sprachen wir von dem Abscheiden des Edeln, und ich horchte begierig auf bei der Erzählung seiner letzten Stunden. Einfach wie sein Leben und sanft war sein Ende. Möchte uns dein seliger Geist in diesen Augenblicken umschwebt haben, Dichter der Unschuld und der Natur! Nach mancherlei Erörterungen über mein Vorhaben, nach Frankreich zu gehen, Maschinen zu bauen usw., sondierten meine Lieben auch, nicht ohne Schonung und Vorsicht, was mich doch eigentlich zur neuen Flucht bewogen habe, und konnten ihre Besorgnis nicht ganz bergen, es möchte im Falle irgendeines Vergehens, das auch nur in den Augen der Geistlichkeit ein solches wäre, etwa noch ein Steckbrief nachkommen. Es schien ihnen ein Stein vom Herzen zu fallen, als ich so ganz unbefangen und furchtlos beteuerte, mich habe keine Art irgendeines Vergehens, sondern die wohlüberlegte Betrachtung, daß ich besser tue, wenn ich künftig nach meiner Überzeugung handeln und dem geistlichen Stande entsagen würde, zur Entweichung bewogen. Beinahe schien es mir, sie nähmen einigen Anstand, meinem Vorgeben sogleich völligen Glauben beizumessen. Sie sagten, in der Voraussetzung, man könnte mir vonseiten der Geistlichkeit nachjagen, hätten sie mir einen Zufluchtsort aufgefunden: mein alter Gönner, Herr Landvogt Landolt, der nicht weit von der Stadt ein Landgut bewohne, sei bereit, mich als Gast aufzunehmen, bis der Sturm versauset hätte. Sie hielten es für's beste, wenn ich einige Tage still und ruhig auf dem Lande zubrächte, indessen müßte es sich zeigen, ob ich einige Verfolgung zu besorgen hätte oder nicht. Ich machte es ihnen begreiflich, daß mir nun wahrscheinlich kein Steckbrief mehr nachkommen würde, weil schon zu viele Zeit verflossen, meine Aufführung untadelhaft gewesen sei und die Hoffnung der Geistlichkeit, mir in Zürich beizukommen, höchst gering sein dürfte. Als ich aber merkte, daß sie es doch gern sähen, wenn ich ein paar Tage auf dem Lande zubrächte, bis wegen meines Aufenthaltes alles in Ordnung wäre, so ging ich mit Herrn Heinrich sogleich um sechs Uhr zu Herrn Landolt und ward von ihm sehr höflich empfangen, er kam mir vor das Haus entgegen und sang mir schon von ferne ein Liedchen zu, das ich bei meinem ersten Aufenthalt in Zürich öfters gesungen hatte. Es lag viel Güte in dieser Art des Empfangs, sie heiterte mich auf und stimmte meine Schüchternheit unwiderstehlich in einen traulichen Ton unbefangener Offenheit um. Mit derbem, geradem Biedersinne und zuvorkommender Gastfreundschaft wies er mir ein Zimmer an, zeigte mir seine Gemälde, unter andern einen vortrefflichen Mondschein, wo Soldaten an einer alten Mauer um ein Wachtfeuer stehen, und führte mich auf seinen Rebhügel und rings in seinem Gute umher, das ans romantische Sihltal grenzt, welches ich immer so sehr liebte. Dann mußte ich ihm von meinen Schicksalen und Aussichten erzählen, und er machte mich dagegen mit der Lebensart bekannt, die er hier als Landmann führte. Seine Haushälterin, eine rasche, treue und sehr tätige Frau, ward mir durch ihre Einfälle und die richtigen Urteile merkwürdig, welche sie über die schwierigsten Gegenstände der Volksreligion und alltägliche Lebensregeln äußerte. Herr Landvogt sorgte für die Erziehung ihrer siebzehnjährigen Tochter mit aller möglichen Sorgfalt und hatte es über sich genommen, das Herz des Mädchens als ein treuer Vater und Lehrer zur Tugend zu bilden. Sie mußte eben rechnen lernen und mit ihm Gellerts Fabeln durchlesen, an deren Sittenlehre er die ganze Moral nach und nach ankettete. Für mich war es etwas sehr Rührendes, den ernsten Mann mit dem raschen Offizierstone und der reinsten Gutherzigkeit neben dem Mädchen sitzen und Unterricht erteilen zu sehen. Sein Charakter schien mir ganz Original zu sein.

Mit diesem Manne voll natürlichen Scharfsinns lebte ich nun unter einem Dache und befand mich in seiner Gesellschaft sehr wohl. Sogleich sandte er seine Haushälterin herum, um mir eine Wohnung aufzusuchen. Sie kam erst spät zurück, ohne eine gefunden zu haben, denn überall verlangte man, ich sollte sie wenigstens auf ein Jahr mieten, und ich wollte nur ein paar Monate in Zürich bleiben. Die Sonne war schon lange hinabgesunken; wir saßen da, ruhig plaudernd und das Abendessen erwartend. Auf einmal öffnete sich die Tür und meine lieben Freunde Erni und Wolf traten herein, fielen mir nacheinander um den Hals, küßten und drückten mich mit so unverstellter Freude und Herzlichkeit, daß ich mich der Tränen nicht enthalten konnte und nun erst recht lebhaft mein Glück fühlte, wieder unter guten Menschen zu sein. Von Geßner ward ihnen meine Ankunft erst spät am Abend gemeldet, und sie hatten nichts Angelegneres, als mich geschwind noch zu sehen. O, wie erquickte ein so freundschaftliches Betragen mein Herz! Als ich auf mein Zimmer kam, dankte ich Gott vor dem Schlafengehen recht innig, daß er mich in so liebevolle Gesellschaft geführt hatte.

Der 25. Juli war Besuchen gewidmet. Nachdem ich beinahe alle meine Bekannten gegrüßt hatte, aß ich, um freier zu sein, im Wirtshause zu Mittag. Nach Tische ging ich zu Geßners Monument auf den Schützenplatz, ganz allein, um mich meinen Empfindungen ungestört überlassen zu können. Ich traf den hübschen Spaziergang um vieles verschönert an, die Ehrensäule gefiel mir und die wohl gewählte Aufschrift rührte mein Herz. Ich dachte mit neuer Lebhaftigkeit an die Einfachheit und Güte des großen Mannes und konnte mich über seinen Verlust der Tränen nicht enthalten. Wer mich gesehen hätte, würde geglaubt haben, ich schluchze an seinem Grabe. Ja, lieber Freund, so rief ich mehr als einmal aus,

»Billig verehrt die Nachwelt des Dichters Aschenkrug,
von altem Efeu umschlungen, den die Musen
sich geweihet haben, die Welt Unschuld und Tugend
zu lehren!«

So hieß die Aufschrift. Ich führte den Tod Abels, aus dem sie genommen ist, eben in der kleinen Sackausgabe bei mir, zog ihn hervor, suchte die Stelle und las weiter: »Sein Ruhm lebt noch, gleich jugendlich, wenn die Trophäe des Eroberers im Staube modert und das prächtige Grabmal des unrühmlichen Fürsten jetzt in einer Wüste vielleicht, im wilden Dorngebüsche zerstreut liegt, mit grauem Moos bedeckt, auf dem nur selten der verirrte Wanderer ruht. Zwar diese Größe zu erreichen, hat die Natur nur wenigen vergönnt; ihr nachzueifern ist rühmliches Bestreben.« O, welche Wirkung machten nun diese Worte auf mich! Ich sah das Monument mit nassen Blicken an und sagte zu mir mit erhöhten Gefühlen: »O, wie schön ist's, ein solches Denkmal verdient zu haben! Aber wie wahr sangst du, lieber Verklärter: diese Größe zu erreichen, hat die Natur nur wenigen vergönnt! Sei es! du sangst auch – ihr nachzueifern ist rühmliches Bestreben.« Dies war schon lange das meinige. O, möchte es mir gelingen, sie schön und richtig zu schildern! Dein Geist Umwege mich, seliger Freund, wenn ich, mit süßen Gefühlen erfüllt, durch die Fluren wandle und für empfängliche Herzen meine schönern Phantasien auf's Papier gieße. Hier an deinem Denkmal gelob' ich's der Gottheit von neuem an: ich will mich immer enger an die Tugend anschließen und das Gute, das ich besinge, treulich in Ausübung bringen! So ging ich innig gerührt, ermuntert und bessergesinnt von dannen.

Abends besuchte ich das Handlungskontor der Orellischen Buchhandlung, grüßte meine lieben alten Bekannten und ward mit lautem Jubel empfangen. Man zeigte mir sogleich mein Gepäck, das bereits vollständig angekommen war und wohlverwahrt in den Gewölben stand. Herr Erni, mein dienstfertiger Freund, versäumte nichts, um mir bei jeder Gelegenheit durch seine freundschaftliche Tätigkeit zu nützen; er hatte indes auch eine Wohnung aufgefunden und führte mich hin, um die kleine Interimsresidenz in Augenschein zu nehmen. Ich erblickte ein gewöhnliches Landhaus, der Oberhof genannt, mit einem hübschen Garten und schönen Gütern dabei, in einer sehr reizenden Gegend, auf der so geheißenen Platte zwischen der Stadt und dem Dorf Fluntern; man sagte mir, das Gut gehöre einem Junker Escher, Offizier in holländischen Diensten, und werde nun von einem ehrlichen Pächter bewohnt, der die Güter baue und Wein schenke. Der letzte Punkt wollte mir nicht gefallen, denn mir sauste schon der Lärm um die Ohren, den der Wein gewöhnlich in Schenken anrichtet. Allein in der Eile war kein bessres Unterkommen zu finden. Der Pächter, ein etwas bejahrter, aber noch ganz kraftvoller Mann, derb und schlicht in seinen Äußerungen, mit einer ziemlich jungen Frau und fünf Kindern, drängten sich um meinen Führer und mich her, nahmen den neuen Kostgänger in Augenschein, zeigten uns meine künftige Wohnung und kapitulierten wegen des Tischgeldes und der Miete. Mein Vorschlag lautete, ich wollte mit Ablauf jeder Woche bezahlen, damit die Zahlung mir leichter würde und die Hausleute wegen meiner Redlichkeit nie in Sorgen stehen müßten. Sie waren es zufrieden und stellten mir frei, ob ich ein hübsches Zimmer oder eine sehr schmucklose Kammer, beide mit einer sehr schönen Aussicht, zum Aufenthalte wählen wollte, erinnerten aber, ich müßte mich bequemen, jeden Sonntag, wenn Trinkgäste kämen, meine Sachen aus dem angebotenen Zimmer wegzubringen und dasselbe auf einen Abend den Gästen abzutreten. Dies konnte mir unmöglich gefallen. Ich wählte also die Kammer. Mit zuvorkommender Güte bewarb sich Herr Ratsherr Füßli sogleich bei den Herren Obervögten für mich um die Erlaubnis, hier sitzen zu dürfen, und erhielt sie. Schon den 26. liess ich ein paar Verschläge, in denen ich einiges weißes Zeug und die nötigen Bücher wußte, in den Oberhof bringen, packte mein Bett aus und richtete mich so bequem ein, als ich es für meinen kurzen Aufenthalt nötig glaubte.

Den 27. Juli, morgens, nahm ich unter Gefühlen der Dankbarkeit und Hochachtung von Herrn Landvogt Landolt Abschied und bezog meine neue Wohnung. Nach meiner Gewohnheit warf ich mich, sobald ich allein war, auf die Knie und betete um Schutz und Beistand.

Als ich in der Frühe erwachte, erleuchtete das schöne Morgenrot meine Kammer, ich stand auf, im Herzen jubelnd und lief in den Garten. O, wie entzückte mich die Pracht der Gegend! Wie oft setzte ich mich auf den leeren Brunnentrog im Baumgarten und bestrich mit meinen Blicken die schönen Hügel umher! Bald stieg ich auf den nahen Zürich- oder Geiszberg, drängte mich singend durch den Wald und weidete mich an hübschen Aussichten auf den See und das Limmattal hinab, bald streckte ich mich, wenn der Tau verdunstet war, ins Gras an irgendeinem kleinen Abhange unter Obstbäumen oder in den Reben und phantasierte, bald saß ich mit Schreibmaterialien in der Hasellaube und setzte Idyllen und Erzählungen auf. Mein Wunsch, mit wenigem glücklich zu sein, ging da in Erfüllung, und ich brachte meinen Grundsatz, mir so wenig Bedürfnisse als möglich zu machen, treulich in Ausübung. Nur selten trank ich ein Glas Wein; mit dem Pächter und seinen Leuten ging ich zu Tische und ließ mir besonders das Gemüse trefflich schmecken. Das dünkte mich ökonomisch und philosophisch zugleich. Meine Munterkeit erwachte völlig wieder, die ganze Tischzeit über gab es immer etwas zu scherzen, die fünf Kinder des Pächters mit ihren Launen, kleinen Streichen und barocken Einfällen usw. lieferten immer Stoff genug zum Lachen. Ich hätte mit Herrn Statthalters niedlicher Tafel mein ländliches Mahl gewiß nimmer vertauscht. Wie erheiterte mich's, nun den ganzen Tag nach Belieben im Grünen umherziehen zu dürfen und statt der abgeschmackten Aktenstöße ein schönes Buch neben mir liegen zu sehen! Ich betrachtete diese glücklichen Tage der Unabhängigkeit als eine Kurzeit für Leib und Seele und fühlte es recht deutlich, daß sich meine Gesundheit immer mehr befestigte. An Regentagen war das Violinspielen mein Zeitvertreib; ich suchte die herrschenden Gefühle meines Herzens in Tönen auszudrücken und geigte mich bald in heitre, bald in wehmütige Stimmung. An angenehmer Gesellschaft fehlte es mir nie. Hatte ich mich satt gelesen oder müde gegangen oder genug phantasiert, so brauchte es nur einen Wink, und eine ganze Schar Kinder sammelte sich um mich, dann mußte ich ihnen von dem und dem Vogel, von Insekten, die sie eben sahen, von den Blumen usw. erzählen oder ihnen ein kleines Unternehmen ausführen helfen, zu dem sie meiner Kräfte oder meines Schutzes bedurften, oder einen Streit schlichten, den sie angefangen hatten; kurz, ich war ihr Lehrer, Nothelfer und Richter. Hänschen, das jüngste Söhnchen des Pächters, ein schöner Knabe zwischen zwei und drei Jahren, hing ganz besonders an mir. Fast immer saß oder trippelte er an meiner Seite, tändelte mit Blumen oder klopfte mit meinem Hammer; wir hatten stündlich allerlei Geschäfte miteinander abzutun. Wenn ich nicht zugegen war, so suchte er mich allenthalben und rief an jeder Rasenstelle, wo wir sonst zu sitzen pflegten, mit lauter Stimme sein Bonni! Ich war recht vergnügt bei dem Spiele.

Wollte ich mir eine bessre Unterhaltung verschaffen, so besuchte ich meine Freunde in der Stadt, die Witwe Geßner mit ihren Söhnen, Herrn Ratsherrn (nun Obmann) Füßli, die Herren Zunftmeister Bürkli, Professoren Steinbrüchel und Hottinger, Landvogt Landolt und Junker Stadtschultheiß Reinhard usw. Von allen ward ich immer sehr gütig aufgenommen. Junker Reinhard zeichnete sich, so wie bei meiner ersten Anwesenheit, durch besondere Güte aus. Mit einer Schonung, die meinem Herzen sehr wohl tat und der sicherste Beweis eines seinen Gefühls ist, kam er selbst in den Oberhof, erkundigte sich leise, ob ich keiner Hilfe bedürfe, und erbot sich, mir im Erforderungsfalle einstweilen Unterhalt zu verschaffen.

Wo ich immer hinkam, traf ich freundliche Gesichter an; wer mich ehemals gekannt hatte, schien sich zu freuen, daß ich den Priesterfesseln zum zweiten Male glücklich entschlüpft war. Welch ein Abstand gegen die finstern oder herrischen Mienen meiner geistlichen Obern in Augsburg! Wie wohl tat es mir, nach einem so langen Aufenthalte bei Männern, die mir nicht trauten und denen ich nicht traute, nun wieder unter wohlwollenden Herzen zu wandeln! Dort wäre ich gern ein Einsiedler geworden, hier hielt ich mich am liebsten an Menschen. Konrad Gehner, der ältere Bruder meines Freundes Heinrich, ein hoffnungsvoller junger Künstler, der seines Vaters reinen Sinn für schöne Natur mit der Geschicklichkeit, Pferde in jeder, auch der schwierigsten Stellung malerisch darzustellen, vereinigt, dabei eine so aufrichtige, grade und arglose Seele, daß ich noch nie eine redlichere kannte, mehrte mein Vergnügen im Geßnerschen Hause nicht wenig. Da er während meines ersten Aufenthalts in Zürich auf Reisen war, so lernte ich ihn erst jetzt persönlich kennen und gewann ihn herzlich lieb. Bald nach meiner Ankunft reiste er nach Bündten, um dort eine romantische Gegend aufzunehmen und nach der Natur zu malen. Ich mußte nun, bis Konrad wiederkam, dessen Stelle einnehmen, in Heinrichs Zimmer schlafen, mit der Frau Ratsherrin essen und ganz so leben, als wenn ich zu ihrer Familie gehörte. Sie hatte eben ein Sommerlogis in einer angenehmen Gegend am Wühlenbache gemietet, und ich nahm teil an ihrer Landlust, ihren Spaziergängen und Unterhaltungen. Durch die Besuche, welche sie erhielt, ward ich mit mehreren sehr interessanten Menschen bekannt, namentlich mit Herrn Matthisson und seiner liebenswürdigen Frau, mit der Frau v. Berlepsch, Herrn Prof. Vogt aus Mainz u. a. m.

Durch öftern Umgang mit Frauenzimmern von Bildung, Geschmack und wahrer Herzensgüte lebte allmählich in meiner Seele ein Ideal weiblicher Vollkommenheit auf, das mir bei meinen Träumereien und Ausflügen in die Idyllenwelt immer mit frischen Reizen entgegentrat und in der Folge meinem Herzen keinen geringen moralischen Vorteil gewährte, indem es mich vor jeder unwürdigen Neigung zu minder edlen weiblichen Wesen behütete.

Ich hatte in meiner Lage dieses moralische Hilfsmittel eben sehr nötig, denn niemals, deucht mich jetzt, war ich in so großer Gefahr, zur Liederlichkeit mich hinzuneigen, als in diesem Zeitpunkte. Mehr als einmal drohte mein Charakter völlig umzuschlagen. Der Aufenthalt in einem öffentlichen Schenkhause brachte mich sehr oft mit Gästen zusammen, denen Enthaltsamkeit nichts minder als eine Tugend und jeder Genuß ein herrlicher Sieg schien. Die äußere Artigkeit der Personen zog mich Unbefangenen nicht selten in ihre Kreise, größtenteils merkte ich zu spät, daß hier nichts Edles, Liebenswürdiges zu finden sei, und saß dann neben den Weibern oder Mädchen, als wenn mein Geist nicht zu Hause wäre, bis ich einen Vorwand fand, wegzuschleichen. Meine Schüchternheit schien den meisten Blödigkeit zu sein, offenbar stand man in dem Wahne, daß ich Aufmunterung bedürfe, um kühner und freier zu werden. Man ließ mir's mehr als einmal merken und nahm sich wohl gar die Mühe, mir diese Wohltat zu erzeigen. Aber ich fühlte das Unwürdige eines solchen Betragens zu lebhaft, um dann nicht noch scheuer zu werden. Zuweilen fügte es sich auch, daß angesehene Personen in kleinen oder größern Gesellschaften im Oberhof einsprachen, um Obst oder Milch zu genießen. Sie spazierten dann gern im Garten und vernahmen jeden Ton, wenn ich in meiner Kammer sang oder auf der Violine phantasierte. Man erkundigte sich um den Musiker, der hier wohnte, und die Hausfrau säumte nicht, mir's zu hinterbringen, was man gefragt und gesprochen hatte. So ward ich fast jedesmal aufmerksam auf die vornehmen Gäste, schlich mich wie von ungefähr in den Garten, ward gemeiniglich angehalten und über mein Spiel oder meinen Gesang zur Rede gestellt. Das verwickelte mich in Gespräche, und ich plauderte mit den Damen so heiter und fröhlich, als es eben meine Unerfahrenheit und Blödigkeit zuließ.

An einem schwülen Abend scherzte ich einst mit dem kleinen Hänschen im Grünen umher, da traten wieder zwei angesehene schöne Frauen in den Garten und fragten nach der Wirtin, die eben in den Reben bei der Arbeit war. Sie hatten schon einmal den Oberhof mit größerer Gesellschaft besucht, ich war aber unter den übrigen auf sie nicht besonders aufmerksam gewesen. Jetzt lief ich geschwinde hin, holte die Hausfrau herbei und half ihr mit Freuden bei der Bedienung so schöner Gäste. Sie setzten sich in die Taxuslaube, verzehrten ihre Milch und hatten soviel zu fragen, daß ich nicht daran denken konnte, wegzugehen, wenn ich auch gewollt hätte. Ich fühlte aber keine Lust, aus einer so angenehmen Gesellschaft fortzueilen. In der heitersten Laune erzählte ich ihnen meine Flucht, um deren Umstände sie mich gefragt hatten. Meine Idyllen waren ihnen nicht unbekannt. Sie wollten wissen, welche Lebensart ich im Oberhof führe und fingen an, mich über die Gefahren eines solchen Aufenthaltes zu necken. Im Eifer des Gespräches war ich lange vor ihnen gestanden, die schönere der beiden Frauen legte jetzt den Löffel weg, klopfte mit flacher Hand auf die Bank und verlangte hiermit, ich sollte mich an ihre Seite setzen. Schüchtern tat ich's, hielt mich aber immer mit einer gewissen Ehrfurcht in einiger Entfernung. Sie lächelten, und die Schöne flüsterte der andern ins Ohr: »Der blöde Schäfer!« so vernehmlich, ich hätte taub sein müssen, um es nicht zu verstehen. Und die andre erwiderte: »Der bedarf noch vieler Aufmunterung!« Ich schämte mich meiner Furchtsamkeit und verlor darüber vollends den kleinen Rest meiner Dreistigkeit. Die Dame rückte näher zu mir, indem sie sagte: »Sie sind ja noch wirklich wie ein Klosternovize, ich muß schon zu Ihnen kommen.« Ich nahm mich zusammen und sagte: »Denken Sie nur, daß ein solches Glück für mich eine Seltenheit ist!« Sie: »Ei, wer weiß, ob Sie in andrer Gesellschaft nicht kühner sind? Idyllendichter haben heißes Blut, für Sie ist der Oberhof ein gefährlicher Platz!« Ich war nun im Zuge galant zu sein und erwiderte: »Ganz gewiß, wenn alle Tage solche Gesellschaft käme.« Die andre Dame sprach scherzend: »Wie mutwillig! Merkst du nun? er erwacht.« Man plauderte fort, und ich merkte wohl, daß den Damen mitunter auch eine feine Zweideutigkeit entschlüpfte. Kaum konnte ich's begreifen, wie ein so schöner Mund dergleichen Ausdrücke vorbringen mochte. Meine hübsche Nachbarin legte ihre Rechte auf meine Hand, die mir im Schoße lag, und fragte mit freundlicher Miene: »Sagen Sie mir einmal, wie müßte denn das Mädchen aussehen, das Ihnen gefährlich wäre?« Ich hatte die Schalkheit, sie genau ins Auge zu fassen und jeden ihrer Züge herzurechnen. Sie lächelte und drückte meine Hand, ich die ihrige. Die andre Frau stand auf und ging aus der Laube, indem sie scherzend sagte: »Es dünkt mich, Sie werden ziemlich vertraut, hier bin ich also eine überflüssige Person.« Dies setzte mich in neue Verlegenheit. Aber die Zurückgebliebene behielt meine Hand und sagte scherzend: »Lassen Sie die Neidische nur gehen. Wir wollen wohl allein miteinander zurecht kommen.« Es wurde mir doch ein wenig heiß, und die Unterhaltung stockte. Sie sah mich überaus freundlich an, und meine Verwirrung nahm zu. Ich hätte nicht gern dumm ausgesehen, und das Frauenzimmer war schön und meine Sinnlichkeit schwieg auch nicht. »Was ist Ihnen?« fragte sie mit zärtlicher Stimme, »fürchten Sie mich denn?« – »Ach nein!« stammelte ich und wagte es zum Beweise mehr als einmal, und zwar etwas ungestüm, ihre Hand zu küssen. Mein Herz aber sagte laut: »Ja, ich fürchte sie.« Die Dame sprach: »Sehen Sie, ungestümer Küsser, wenn ich Ihnen böse werden wollte, so mühte ich's jetzt werden. Aber bin ich's denn?« hiermit drückte sie mir wieder recht vertraulich die Hand. Ich fragte mich: »Soll ich sie küssen?« Und zweifelte und tat es nicht. Es lag für mich in ihrem Wesen etwas Zurückstoßendes, ihre zu große Vertraulichkeit erfüllte mich von neuem mit einer Art Scheu, und es war, als rufe mir jemand in die Ohren: »Laß das, sie ist eine Kokette!« Indessen wanderte die andre Frau den Gang wieder herauf und rief schon von ferne: »Darf ich näher kommen?« Meine Vertrauliche zog sich etwas zurück, ließ meine Hand fahren und rief schon der Kommenden zu: »Du hättest immer zugegen sein dürfen, wir führten uns auf wie die Unschuld selbst, das kannst du glauben!« Scherzend setzte sich die andre zu der schönen Dame, und sie flüsterten einander nicht ohne Lachen in die Ohren, was ich nicht verstehen konnte. Mit dem Tone der Freundlichkeit wechselte nun leiser Spott, und es fing mir allmählich an, in dieser Gesellschaft nicht länger zu gefallen. Auch Zweideutigkeiten kamen wieder zum Vorschein, und meine Vermutung, daß die beiden Frauen keine von den tugendhaftesten sein möchten, erhielt dadurch neues Gewicht. Die Kinder des Pächters waren indes in Uneinigkeiten geraten, und mein Hänschen weinte. Unter dem Vorwande, Frieden zu stiften, ging ich aus der Laube, verweilte bei den Kindern, stand nachdenkend unter den Bäumen und konnte das Betragen der Damen gar nicht mit der Sittsamkeit reimen, die ein Hauptzug meines Ideals war. »Es sind ein paar Koketten!« sagte ich endlich herzhaft, »laß sie sitzen! Mögen sie doch von dir denken, was sie wollen!« Dann führte ich die Kinder weit hinauf an den Reben und kam nicht mehr in die Laube. Mehr als einmal stand ich zwar im Begriffe, zu den schönen Frauen wieder hinzugehen, aber der Gedanke: »Sie haben dich nur zum Narren!« hielt mich jedesmal wieder zurück.

Am folgenden Morgen ging ich durch die Gassen der Stadt. Unvermutet rief mir jemand zu, ich blickte empor, und – sieh da! die schöne Frau von gestern lag im offenen Fenster ihres Hauses, wünschte mir einen guten Tag, fragte, ob ich dringende Geschäfte hätte, und verlangte, sobald sie mein Nein vernahm, ich sollte ein wenig hinaufkommen. Der Kaffee stand auf dem Tische, sie hieß mich gütig neben sich auf das Sofa sitzen, nahm freundlich Platz an meiner Seite und machte mir leise, ich möchte fast sagen zärtliche Vorwürfe über mein gestriges Wegbleiben aus der Laube. »Was taten wir Ihnen denn zu Leide, daß Sie sich wegstahlen, ohne Abschied zu nehmen?« fragte sie mit einer Stimme, der man's anmerken konnte, daß sie erwartete, ich würde nun durch doppelte Freundlichkeit den Mangel an Aufmerksamkeit vergüten, durch den ich sie gestern beleidigt hatte. Ich war auch zu sehr von ihrer Artigkeit überrascht, als daß ich etwas andres, als eine Entschuldigung meines Betragens hätte vorbringen können. »Sie sind auch gar zu schüchtern,« sagte sie, »wir hätten Sie gestern gern noch länger um uns gehabt, und doch flohen Sie; es schien, Sie fürchteten uns.« Ich: »Ich bin kein unterhaltender Gesellschafter und wollte Ihnen nicht gern noch mehr Langeweile machen.« Sie: »Das taten Sie nicht. Sie waren ja recht munter; wir sahen Sie nachher lustig und frei, wie ein Reh, mit den Kindern in der Wiese hüpfen.« Ich: »Mit Kindern scherze ich wohl gern.« Sie: »Warum nicht auch mit Erwachsenen?« Ich schwieg. Sie fuhr fort: »Ihr ganzes Wesen zeugt von Mißtrauen gegen sich selbst, ein junger Mann von Ihrer Gattung sollte doch mehr Zuversicht hegen. – Ach, wie sitzen Sie da? so gezwungen, so bange? Kommen Sie näher, ich vergifte Sie nicht!« Sie streckte die Linke aus, ergriff mich traulich beim Arme, zog mich zu sich und rückte selbst ganz nahe an meine Seite. Ihr Gewand wärmte meine Füße. In leichter Morgenkleidung saß sie neben mir und schenkte mir die Tasse voll, das nachlässig umgeworfene Halstuch machte sich bei ihren Bewegungen verräterisch los und beschäftigte sie mehr als einmal, um es mit anscheinender Eile wieder in Ordnung zu legen. Aber mich kühlte die Erinnerung an ihr gestriges Flüstern von Mutmachen und Aufmunterung und an die Zweideutigkeiten von Zeit zu Zeit wieder ab. Unstet glitt mein Blick an ihr hinunter und vor mir nieder und wagte es kaum auf ihr zu ruhen. Sie sprach, indem ihre Rechte wieder die meinige ergriff: »Ach, Sie sind ja so blöde, als hätten Sie noch nie ein Mädchen geküßt! Aber das ist unmöglich! Wie könnte ein Dichter ohne Kuß bleiben? Gestehen Sie, hatten Sie noch nie eine Geliebte?« Ich: »Freilich, ein recht unschuldiges Mädchen.« Sie: »So erzählen Sie mir etwas davon!« Ich erzählte von Minchen, froh, ein ergiebiges Thema gefunden zu haben, und seufzte am Ende: »Und doch – auch sie konnte mich eine Zeitlang vergessen!« Sie erkundigte sich mit besonderer Wißbegierde, ob ich oft allein zu Minchen gekommen sei, und als ich das Gegenteil beteuerte, schlang sie gleichsam in traulicher Vergeßlichkeit ihre Linke um meine Hüften und sagte: »Guter Bronner! Ihre ganze Glückseligkeit bestand ja mehr in der Phantasie, als in der Wirklichkeit. Sie hätten öfters zu Minchen kommen und vertrauter sein sollen. Der Eindruck einiger Küsse, o – der verfliegt wie ein Traum!« Ich (im Eifer ihre Hand drückend): »Bei mir nicht, ach wie süß war's!« Sie: »Lieber Schwärmer! Süßer als dieser Kuß?« Hiermit umwand ihre Linke meinen Hals, und ihre Lippen brannten mir auf der Wange. Dann sprach sie: »Laß sehen! Können Sie es besser?« Betroffen bog ich mich weg, stammelte in meiner Einfalt: »Ich kenne Sie ja noch kaum!« und entzog mich der Schlinge ihres Armes. Lachend sprang sie auf und sagte: »Sie sind ein Kind! Wer wird auch so wunderlich sein?« Sie schien verdrießlich zu werden. Bange stand ich nun auch auf und stotterte: »Vergeben Sie! Das Übermaß Ihrer Güte hat mich ganz bestürzt!« Sie starrte mich einige Augenblicke an, horchte auf ein Rauschen, das im Nebenzimmer sich hören ließ, besann sich und sagte: »Sie haben recht, wir müssen erst näher bekannt werden! – Wissen Sie Rat? Im Oberhofe gibt es allerlei vortreffliches Obst, erkundigen Sie sich um die Preise des besten und bringen Sie mir Nachricht!« Ich versprach's und ging mit dem festen Entschlusse, nicht wieder zu kommen, davon. Ich mied von nun an das Haus der Schnellvertrauten wie einen Sirenenaufenthalt. Auch sie rief mich nie mehr zu sich und schien mich sorgfältig zu vermeiden.

So gelang es mir diesmal und noch öfters, z. B. als ein Mädchen nachts einigemal an meiner Kammertür pochte und eingelassen zu werden verlangte, dergleichen kleine Abenteuer siegreich zu bestehen. Allein bei allem dem ließ doch die Strenge meiner Grundsätze allmählich etwas nach, und der Abscheu vor Verirrungen mit lockern Mädchen nahm um so mehr ab, je mehr ich von dergleichen Handlungen nur im Scherze, gleichsam als von leichtfertigen Spielen jugendlicher Lebhaftigkeit sprechen hörte, und je länger das verführerische Beispiel mancher Trinkgäste beiderlei Geschlechts auf meine Sinnlichkeit wirkte. In diesen gefährlichen Tagen kam mir glücklicherweise Nacheiferung zuhilfe. Es fügte sich, daß mehrere weibliche Gäste, Bauernmädchen und Weiber, die zur Aushilfe gedungen waren, einige Tage lang im Oberhofe übernachteten. Weil in meiner Kammer eine ledige Bettstatt stand und ich neben derselben in meinem eigenen Bette schlief, so ersuchte mich die Hauswirtin, ich möchte, solange die fremden Arbeiterinnen im Hause wären, dem Knechte erlauben, nachts die ledige Schlafstelle einzunehmen. Gern verstand ich mich dazu, denn der Jüngling war ein hübsch gebildeter, wohlgesitteter Mensch, den ich liebte. Schlafgesellen werden leicht vertraut, sie erblicken einander hinter den Gardinen, und der Nimbus des Respekts verschwindet leicht beim Anschauen des Mannes im Nachtkleid. Ich machte den Jüngling noch überdas durch allerlei Erzählungen aus meinem Leben treuherzig, und er vertraute mir das Geheimnis seiner Liebe zu einem artigen Landmädchen, das ihn oft zu besuchen kam, mit einer Umständlichkeit an, die mir lehrreich ward. Die Gesinnungen, die er bei dieser Gelegenheit ganz unbefangen äußerte, waren so untadelhaft, seine Liebe erschien so rein, sein Betragen gegen seine Geliebte so keusch und sein Umgang so unschuldig, daß ich gerührt ausrufen und mir sagen mußte: »Welch ein edles Herz! Sieh diesen Jüngling an, ohne feinere Erziehung, ohne Bildung durch Lektüre und Unterricht! wie schön handelt er gegen sein Mädchen! wie schont er ihrer Unschuld und Sittsamkeit! O, wie ist es entzückend, auch nur von einer so unentweihten Verbindung zu hören! Welch ein Abstand zwischen seiner und der sittenlosen Aufführung niedrig denkender Burschen im Umgange mit ihren Nymphen! Und du möchtest jemals von der Strenge deiner Grundsätze nachlassen? du könntest dich hinneigen, ein so unedles Betragen dir leicht verzeihlich zu finden? Unmöglich! Dein Beispiel, guter Jüngling, soll mich stärken; ich will mich nie zur Wollust hinreißen lassen!« Mit einer Art Ehrfurcht betrachtete ich den braven jungen Mann und begegnete ihm stets wie einem Freunde. Fort und fort durfte er nun in meiner Kammer schlafen.

Was mich vorzüglich in Zürich zurückhielt, war die Ausgabe meiner Gedichte, welche meine Gönner und Freunde in der Orellischen Buchhandlung unter dem doppelten Titel: F. X. Bronners Schriften oder Neue Fischergedichte, in zwei Bändchen, zu besorgen sich anheischig machten. Mit allem Fleiße führte ich die Feile und versuchte ihnen, so gut es mir möglich war, einen gewissen Grad von Vollendung zu geben. Allein der Erfolg hat gezeigt, daß ich besser getan hätte, sie zu lassen, wie sie waren, da ich sie aus voller Empfindung aufs Papier goß, denn die Rezensenten führten ausdrücklich diejenigen als die bessern an, in denen ich nichts geändert hatte. Das beste an der ganzen Sache war – das hübsche Honorar, welches mir die Orellische Buchhandlung in lauter schönen Louisd'or dafür auszahlen ließ.

Schon den 2. August 1793 tat ich den ersten Schritt, um mir Eingang in Frankreich zu verschaffen. Ich schrieb an Herrn Thaddäus Dereser nach Straßburg und bat ihn, mir Anleitung zu geben, wie ich am besten zu meinem Zwecke gelangen könnte. Er mißbilligte mein Vorhaben unverhohlen, riet mir aber doch, wenn ich durchaus darauf bestehen wollte, als Geistlicher in Frankreich aufzutreten und mich deshalb an den Bischof des Oberrheins zu wenden.

Ich sah wohl ein, daß ich anfangs, bis ich mir ein anderes Auskommen verschafft hätte, große Vorteile aus dem Amte eines Volksschullehrers ziehen könnte, das mit einer nicht unansehnlichen Besoldung begleitet war. Mein Begriff von den Pflichten eines geschworenen Geistlichen hatte sich zugleich so geformt, daß ich glaubte, ich würde mit meinen Pfarrkindern in einem so freien Lande, wo die Geistesfesseln mit frischem Eifer eben erst zerbrochen wurden, recht wohl auskommen, wenn ich eingezogen und moralisch gut lebte und ihnen Wahrheit und Tugend nach meiner besten Überzeugung lehrte. Gegen Vorurteile wollte ich nicht geradezu Sturm laufen, sondern eines um das andre allmählich einschlafen lassen, andre durch richtigere Grundsätze verdrängen und so, ohne irgendeines zu nennen, sie sämtlich untergraben. Heilig schwur ich mir's zu, die Gemeinde, deren Seelsorge ich übernehmen müßte, selbstdenken zu lehren, so daß sie nie mehr eines Pfaffen, wohl aber eines treuen Lehrers bedürfte. Dabei hoffte ich Muße genug zu finden, meinen Studien nachzuhängen und nach und nach meine Fabrikationsmaschinen in Gang zu bringen. So nahe an der Schweiz wäre ich besonders deshalb gern angestellt worden, damit ich bei den drohenden Fortschritten der Östreicher im Elsaß oder bei andern Gefahren mich im Notfalle sogleich über die Grenze retten und in Zürich wieder Sicherheit und Unterkommen finden könnte.

Ich hatte mich bereits um den Namen des Bischofs von Kolmar erkundigt; er hieß Arbogast Martin. Aber ich wollte nichts übereilen, sondern vorher die Ausgabe meiner Schriften besorgen. Erst nach einigen Wochen schrieb ich an den Bischof, sagte im Eingange des Briefes, daß ich die französische Revolution als einen glücklichen Schritt betrachte, welchen das Menschengeschlecht auf eine höhere Stufe der Erziehung tue, und äußerte meinen Wunsch, entweder als beeidigter Seelsorger oder als Erzieher das Glück zu verdienen, Bürger von Frankreich zu werden. Damit er aber wüßte, was er an mir hätte, erzählte ich ihm in einem sehr gedrängten Abriß meine Lebensgeschichte, machte ihn mit meinen Fähigkeiten und Kenntnissen, zwar nicht ruhmredig, aber auch nicht allzu bescheiden, bekannt und fragte an, ob er mich wohl brauchen könnte. »Anfragen,« so fuhr ich fort, »muß ich deswegen, ehe ich komme, weil ich nun, nachdem die Nationalversammlung ein Dekret gegen die Auswärtigen erlassen hat, in der Ungewißheit schwebe, ob es sich nicht auch auf alle fremden Geistlichen erstreckt. Man erinnere sich, daß eben damals der Eintritt in Frankreich allen Auswärtigen bei Todesstrafe verboten ward. Freilich denke ich, das letzte Dekret werde jenes edle und schöne Dekret nicht aufheben, welches allen Verehrern der Freiheit Zuflucht und Sicherheit in Frankreich verspricht. – Finden Sie mich zu guten Zwecken brauchbar, so bin ich bereit, Ihren Winken zu folgen. Nur bitte ich, mich vorläufig zu unterrichten, ob ich mich durch den Gesandten in der Schweiz oder anderswo mit den nötigen Pässen versehen lassen müsse.«

Den 9. November traf die Antwort ein. Der Bischof versprach, mich sogleich anzustellen, wenn ich vor ihm erscheinen würde, trieb mich an, bald zu kommen, beruhigte mich über meine Besorgnisse und beteuerte ausdrücklich, daß mich das gegen die Fremden erlassene Dekret gar nicht angehe. Er riet mir übrigens, ich sollte in Zürich einen gemeinen Paß nehmen, mit demselben könnte ich ganz sicher nach Mülhausen gehen, von dort aus stünde mir dann der Weg ungehindert nach Kolmar offen.

Nun hatte ich ja, was ich wollte. Voll Freude lief ich zu meinen Freunden, wies ihnen den Brief und machte Anstalten, schleunig meine Geschäfte zu beendigen und an den Ort meiner Bestimmung abzureisen. Nach und nach war die Hitze meines Eifers durch Einwendungen und Bedenklichkeiten mehrerer kluger Leute, unter denen sich besonders Herr Zunftmeister Bürkli und seine Frau auszeichneten, in etwas abgekühlt, in meinem Herzen stiegen allerlei Zweifel auf, die ich nicht zu heben wußte, und ich entschloß mich, vom Bischofe vorerst ihre Lösung zu verlangen. Meine Anfragen waren folgende: »Ist wirklich aller öffentlicher Gottesdienst in Frankreich untersagt? Werden die Geistlichen nicht mehr vom Staate besoldet? Muß vielleicht jede Gemeinde ihren Pfarrer aus ihren eigenen Mitteln bezahlen?« Unterm 15. Christmonat erhielt ich ein zweites Antwortschreiben des Bischofs, in welchem er mir einen Verweis gab, daß ich so ungläubig sei und allerlei Bedenklichkeiten Raum gebe. Ernstlich drang er in mich, ich sollte bald erscheinen. Dann fuhr er wörtlich fort: »Wer immer vorgibt, als wäre weder Bischof noch Pfarrer mehr in Frankreich, der hat ganz unrichtige Vorstellungen von allem dem, was seither bei uns vorgefallen. Machen Sie dieses in meinem Namen kundbar. Noch alle würdigen Pfarrer und andre öffentliche geistliche Beamte stehen an ihren Plätzen und werden auch immerfort daran stehen bleiben. Der Bischof ist freilich nicht für sich allein, sondern ihm liegt noch die Aufsicht über alle Pfarrer und untergeordnete Geistlichkeit ob, welche man also in ihrem sittlichen und politischen Dasein unaufhörlich zu erhalten gesinnt ist. Kurz, jeder Priester, welcher Willens ist, sich seinem Stande gemäß und würdig aufzuführen, wird allhier auf dem französischen Boden, des göttlichen Verheißes zufolge, ein mehr als ehrliches Stück Brot und hinlänglichen Unterhalt finden.«

Die Worte: des göttlichen Verheißes zufolge, wollten mir nicht recht gefallen, noch weniger die Unterschrift: Arbogast Martin, Bischof des Oberrheinischen Departements.

Das Kreuzchen voraus hatte ich im ersten Briefe für ein unbedeutendes Zeichen gehalten. Nun sah ich es hier wiederholt angebracht. Ich mußte also auf den Gedanken geraten, Martin wollte mir hiermit seinen bischöflichen Segen erteilen. Meine hohe Meinung von der hellen Denkungsart der französischen Bischöfe sank hiermit tief herab, und ich konnte es kaum über mich gewinnen, das Kreuzchen als eine bloße Zeremoniensache anzusehen. Aber die Gutherzigkeit, die im übrigen aus dem Briefe hervorblickte, beruhigte mich wieder. Indessen drangen die Österreicher immer tiefer ins Elsaß ein. Mir war dabei nicht ganz wohl zumute, denn ich fürchtete, wenn auch ich in ihre Hände fiele, das Schicksal der Mainzer Patrioten. Allein das Vertrauen auf die Tapferkeit der Franken, die Betrachtung der Lage des Elsaßes, welche keinem eindringenden Feinde günstig ist, und die in meiner Brust aufkeimende Entschlossenheit, beim Anrücken der Deutschen mit meiner Gemeinde – landeinwärts zu fliehen usw., machten, daß ich fest auf dem einmal gefaßten Vorsatz beharrte. Getrost ging ich nach Baden und bat den französischen Gesandten um einen Paß nach Kolmar. Vergebens! Was ich immer anführte, half nichts. Ein Sekretär hatte mich lange geduldig angehört und Punkt vor Punkt widerlegt. Am Ende kam ein rascherer Sekretär und jagte mich mit der Äußerung fort: »Wozu fremde Priester in Frankreich? Es sind der einheimischen zuviele! das geistliche Wesen ist aufgehoben; Ihr Bischof kann also keine Gewalt mehr ausüben. Sie sind ein Deutscher; das Dekret des Konvents gegen die Fremden ist bekannt. Wir können Ihnen keinen Paß geben, ohne uns selbst großem Verdruß auszusetzen.« Was konnte ich dagegen einwenden? Ich mußte traurig ohne Paß abziehen. Mein Gang nach Hause war keiner der frohesten.

Allein ich tröstete mich doch allmählich mit folgenden Gedanken: »Alle diese Bedenklichkeiten hab' ich dem Bischofe schon vorgetragen, er widersprach aber ausdrücklich der Behauptung, als wäre weder Pfarrer noch Bischof mehr in Frankreich. Wahrscheinlich muß jede Gemeinde ihren Geistlichen selbst besolden, das wird alles sein. Die Sekretäre sind lustige junge Männer, die den Geistlichen gram sind, wie du selbst. Nur der Umstand, daß du ein Deutscher bist, hindert sie mit Grunde, dir einen Paß zu erteilen; das übrige war Spott.«

Ich hielt mich an die Briefe des Bischofs und packte herzhaft zusammen.

Ein paar Tage, ehe ich abreisen wollte, lud mich Herr Zunftmeister Bürkli noch einmal zu Tische, und seine Frau machte mir mit aller Lebhaftigkeit wohlwollender Sorgfalt dringende Vorstellungen, erzählte eine Menge herzempörender Revolutionsszenen von Wortbrüchigkeit und kaltblütiger Grausamkeit gegen Unschuldige und prophezeite mir, als eine wahre Pythia, soviele Gefahren und Widerwärtigkeiten, wenn ich ginge, daß ich meinem Entschlusse beinahe ungetreu geworden wäre. Ich wankte schon. Allein als ich nach Hause kam, glaubte ich, übertriebene Besorgnisse und falsche, von Ausgewanderten ihr aufgeheftete Nachrichten in ihrem Vortrage wahrzunehmen. Den Bischof konnte ich wohl für einen Andächtler und Schwachsinnigen, aber nicht für einen boshaften oder hinterlistigen Mann halten, seine Briefe waren zu einfach, zu gerade und ungekünstelt. Die schrecklichsten Verfolgungen hatten, wie ich bemerkt haben wollte, nur solche Personen getroffen, die eine Rolle zu spielen versuchten. Ich nahm mir also vor, keine zu spielen und mich immer so stille als möglich zu halten, damit ich unbemerkt und ungekränkt zwischen der ehrgeizigen, habsüchtigen und wollüstigen Menge mich durchwinden möchte.

Herr Heinrich Füßli, der Sohn, der sich mir in der Orellischen Buchhandlung durch manche Gefälligkeit bekannt machte, hatte mich noch kurz vor meiner Abreise zu Herrn Zunftpfleger Schultheß in die Limmatburg geführt, um mir dort das berühmte Naturalienkabinett des Chorherrn Johann Geßner zu zeigen. Beide Herren hatten mit einem Bruder des Herrn Schultheß dies Kabinett nebst der trefflichen Bibliothek des Verstorbenen an sich gekauft und äußerten den Wunsch, ein vollständiges Verzeichnis aller darin befindlichen Sachen zu haben. Herr Füßli glaubte, ich besäße hierzu die nötigen Fähigkeiten und machte mir den Antrag, den Katalog zu verfassen. Herr Schultheß bot mir gütig seinen Tisch nebst einer annehmlichen Löhnung an und schilderte mir die herrschende Verfahrungsart in Frankreich mit so zurückstoßenden Zügen, daß ich Mühe genug hatte, meine zuversichtliche Behauptung, ich würde durch Nachgiebigkeit und Zurückgezogenheit jedem Anstoße ausweichen und mich mit allen, selbst den lieblosesten Menschen friedlich vertragen, auch nur einigermaßen mit etwas haltbaren Gründen zu unterstützen. Ich war aber von der Richtigkeit meiner Meinung, daß niemand einem andern Leids zufüge, außer, wenn ihm der andre im Wege stehe, so fest überzeugt, daß ich mich, ungeachtet der zahlreichen und wichtigen Einwendungen dagegen, aus dieser Verschanzung gar nicht herausschlagen lassen wollte. Unsre Debatten hierüber, die wir bei Tische nicht ohne Hitze führten, endigten damit, daß ich aller Vorstellungen ungeachtet fest auf meinem Entschlüsse beharrte und Herr Pfleger Schultheß mir das menschenfreundliche Anerbieten machte: »Wenn ich das Unglück haben sollte, in Frankreich, statt des gehofften Unterkommens, nur Gefahr und Verfolgung zu finden, so möchte ich guten Mutes nach Zürich zurückkommen und den Katalog über das Geßnersche Kabinett verfassen: auf seinen Tisch und einen angemessenen Lohn dürfte ich auf diesen Fall zählen.« Die Geradheit und biedere Denkungsart dieses Herrn bürgten mir dafür, daß es mit seinem Anerbieten ernstlich gemeint sei. Nicht ohne dankbare Empfindung schied ich von ihm. Mutiger schickte ich mich nun zur Reise an, denn ich wußte, wenn es mir nicht wohlginge, eine Zuflucht in der Not.

Die Alliierten hielten damals noch das Projekt, Frankreich auszuhungern, für ausführbar. Man sprach soviel von Not und einreißendem Mangel im Elsaß, daß ich glaubte, ich müßte mich wegen sicherer Gewinnung der nötigen Lebensmittel ganz besonders vorsehen. Was tat ich, um über diesen Punkt nie in Verlegenheit zu kommen? Man lache oder lache nicht! Ich kaufte mir mehrere Kräuter- und Kochbücher zum Studieren und dachte, bei einigen bereits erworbenen botanischen Kenntnissen könne es mir mit solchen Hilfsmitteln nicht schwer werden, alle Pflanzen richtig zu erkennen und im Falle einer Hungersnot zu meinem Gebrauche aufzusuchen. Es lag noch kein Schnee. O, wie freute ich mich, wenn ich im Gehen an der Straße von ungefähr die eßbare Pflanze erblickte, von der ich eben Bryants Beschreibung las! Den Winter hoffte ich noch wohl mit städtischer, obschon kärglicher Kost im Oberelsaß hinzubringen, »und kommt der Frühling,« dachte ich, »und die Lebensmittel werden gar zu teuer und rar, so nimmst du deinen Bryant und Geßner, läufst aufs Feld und in den Wald und holst dir Kräuter die Hülle und Fülle, vielleicht kannst du damit noch manchem armen Hungrigen aus der Not helfen.« Ich glaubte, alles wohl vorbereitet zu haben, und holte um 5 Schilling einen gemeinen gedruckten Paß aus der Kanzlei. Meine schönen Louisd'ors verbarg ich, sorgfältig eingewickelt, im Uhrtäschchen, packte meine Sachen im Oberhofe zusammen und steckte am Ende sogar den Rest des Bindfadenknäuels durch ein Loch in das Unterfutter meines Rockes und die Packnadel in mein Zahnstocher-Büchschen. »Man weiß oft nicht,« so sagte ich, »wie man auf der Reise so etwas brauchen kann!« Wirklich wird man in der Folge sehen, daß von diesem kleinen, an sich unbedeutenden Umstande meine Rettung größtenteils abhing.

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