Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Franz Xaver Bronner >

Ein Mönchsleben aus der empfindsamen Zeit - Band 2

Franz Xaver Bronner: Ein Mönchsleben aus der empfindsamen Zeit - Band 2 - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
authorFranz Xaver Bronner
titleEin Mönchsleben aus der empfindsamen Zeit - Band 2
publisherVerlag Robert Lutz
seriesZweite Auflage
volumeBand 2
editorOskar Lang
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectidca540ad1
created20061029
Schließen

Navigation:

Dreizehntes Kapitel:

Kanzleigeschäfte und Liebschaften.

Anfang des neuen Aufenthaltes in Augsburg – Fräulein Josepha – Eine Visitation – Züge meiner Lebensnot – Die Einsiedelei – Ein Traum, Einladungen Augsburg zu verlassen – Geßners Tod – Klagen über meine Obern – Aufgegebenes Vorhaben zu fliehen – Besuch bei Minchen – Akzeß zur bischöflichen Vikariats-Kanzlei – Das Benefizium – Die Habilitation – Lenchen – Lisette und die Versuchung – Lenore, eine Liebschaft – Das Fernrohr – Lenorens Bruder und ihr erster Liebhaber – Liebhaber um Liebhaber.

Sobald wir abends in der Dompropstei zu Augsburg aus dem Wagen gestiegen waren, wurde ein Bedienter abgeschickt, der den Herrn Kanonikus Löhler herbeiholen mußte. Ein artiger, etwas untersetzter, aber wohlgebildeter Mann erschien, begrüßte mich freundlich und übernahm mich aus den Händen des Herrn Statthalters als seinen neuen Hausgenossen. Sein einnehmendes Betragen gewann ihm sogleich mein Herz und ich sah im Gewölke, das mein künftiges Schicksal umhüllte, wenigstens eine lichte Stelle, das Glück nämlich, einen freundlichen Hausherrn zu haben. Schon auf dem Wege hatte mir der Herr Statthalter gesagt, ich sollte von nun an täglich an seiner Tafel speisen, er möchte in Augsburg anwesend sein oder nicht. Herzlich erschrak ich über dies Anerbieten und fühlte sogleich, daß ich dadurch ganz und gar von ihm abhängig werden und in eine wahrscheinlich drückende Sklaverei geraten würde. In der Hoffnung, daß ich mich vielleicht noch loswickeln könnte, erwiderte ich: »Unmöglich kann ich's Euer Exzellenz verhehlen, daß es mich schmerzen würde, unverdientes Brot zu genießen; wenn es Ihnen Ernst ist, für mein Glück zu sorgen, so machen Sie mir Gelegenheit, mein Brot zu verdienen!« »Das sollen Sie auch,« antwortete er, »ich gebe Ihnen die Kost nicht umsonst, Sie sind von nun an der Schneider, der meinen Geistesgeburten ein artiges Kleid umhängen und mir täglich als Assistent zur Messe dienen soll. Wenn Sie mir diese Dienste erweisen und sich hin und wieder als Sekretär gebrauchen lassen, so verdienen Sie die Kost mehr als hinlänglich, denn ich müßte doch immer jemanden haben, der mir dies leistete und allerlei Aufsätze ins reine schriebe!« »Mit Dank erkenn' ich Ihr gnädiges Wohlwollen,« so wandte ich ein, »aber die Kost ist nicht das einzige Bedürfnis, das man hat; täglich brauche ich auch einiges Geld, teils um mir andre kleinere oder größere Erfordernisse zu schaffen. Wenn Sie nicht machen, daß ich ein Ämtchen mit hinlänglicher Besoldung erhalte, wie Sie mir bereits zu versprechen die Güte hatten, so darf ich nicht hoffen, zufrieden leben zu können.« »Sorgen Sie um nichts,« versetzte er lächelnd, »die wenigen Bedürfnisse, die Sie haben, sollen alle befriedigt werden, mein Hausmeister muß Ihnen machen lassen, was Sie immer nötig finden, Sie dürfen mir's nur sagen!« »Eben das Sagen ist schwer,« erwiderte ich etwas schüchtern, »und ich muß es gestehen, mein Leben lang hab' ich das Bitten gescheut.« »So will ich's Ihnen noch leichter machen,« sprach er, »Sie dürfen es nur meinem Hausmeister melden, wenn Sie etwas wollen, ich werde ihm Befehl geben, Ihnen alles auf meine Rechnung zu verschaffen. Er ist zwar ein etwas rauher Mann und (ich muß es Ihnen nur zum voraus sagen, damit Sie etwa nicht befremdet oder erschreckt werden) er knickert zuweilen gar zu sehr und hat mir erst vor ein paar Tagen einen Brief geschrieben, in dem er sich sehr darüber beschwert, daß ich ihm einen neuen Kostgänger mitbringen wolle. Es ist, wie wenn er eifersüchtig wäre, daß jetzt noch ein andrer Geistlicher neben ihm an meiner Tafel speisen soll. Aber lassen Sie ihn trotzige Gesichter machen, so lange er will, und halten Sie sich an mich! Kommt Zeit, kommt Rat! Wird eine Stelle ledig, so werd' ich Sie nicht vergessen.«

Wirklich empfing mich der Hausmeister, Priester Michael Kratzer, ein Exjesuite und Sailers Freund, mit stürmischen Mienen und ließ es mich sogleich im ersten Augenblick empfinden, daß es schwer halten würde, alles, was ich nötig hätte, von ihm zu erbetteln.

Als wir zu Tische gingen, zeigte sich auch die Schwester des Herrn Statthalters, ein altes Fräulein, welches gerade das Gegenteil von dem war, was man schön und artig heißt. Mit einem kupferigen Gesichte, einem Höcker auf dem Rücken, einem nur um eine Kleinigkeit zu kurzen Beine, einem großen Schnurrbarte von Tabak und einem Anzug, der sie beinahe so dick als lang machte, vereinigte sie bald die Reize eines gnädigen Lächelns, bald die hohen Mienen des Adels, als wollte sie jedermann sagen: »Respekt vor der Würde meiner Geburt!« Ihr Herr Bruder zeigte mir an, in seiner Abwesenheit würde ich künftig mit Fräulein Josepha und Herrn Kratzer speisen und empfahl mich in einem ziemlich scherzhaften Tone der Gewogenheit seiner Schwester. Weil sie mich mit herablassender Freundlichkeit bewillkommnete, so ließ ich mich durch ihre Gestalt nicht ganz abschrecken, ihr so höflich als ich konnte zu begegnen, und sie schien große Freude daran zu haben, daß sie jemand mit Achtung behandelte.

Nachts führte mich mein neuer Hausherr, Kanonikus Löhle, mit sich in seine Wohnung, wies mir im dritten Stockwert ein artiges, mit den nötigsten Möbeln und einem Bette versehenes Zimmerchen samt einer Nebenkammer an, sprach mir Mut ein, mich in meine neue Lage zu schicken und äußerte sich, er hoffe, ich werde nicht lange ohne ein Amt bleiben, denn Herr Dompropst sei gewiß mein aufrichtiger und mächtiger Gönner.

Als er mich verlassen hatte, warf ich mich auf die Knie und betete, Gott möchte auch auf dieser neuen Laufbahn mein Helfer und Führer sein, und schlief vergnügt bis an den Morgen.

Als ich erwachte und ans Fenster trat, fand ich mich durch die freie Aussicht gegen Süden in geräumige Obst- und Gemüsegärten angenehm überrascht. Jetzt hüpften zwar nur Finken, Emmerlinge und Sperlinge durch die entblätterten Zweige, aber ich versprach mir in der wärmeren Jahreszeit kein geringes Vergnügen davon, über blühende oder fruchtreiche Bäume hin ins Grüne sehen zu können und vom Morgenliede der Vögel aus leichten Träumen geweckt zu werden. Meine Erwartung betrog mich auch nicht. Ich stieg manchmal heitrer aus dem Bette, weil mich die Grasmücken aus dem Schlummer gesungen hatten.

Täglich kam nun frühmorgens ein Bedienter, welcher mir die Zeit anzeigte, zu welcher ich in der Kirche erscheinen sollte, um dem Herrn Statthalter zu assistieren. Wenn keine besondere Feierlichkeit vorfiel, so war dieser Dienst in einer starken Stunde vorüber. Aber sehr oft hielt den Herrn Statthalter ein dringendes Geschäft oder ein unvorhergesehenes Hindernis länger als gewöhnlich zu Hause auf, oder er hatte Kindern die Firmung zu erteilen oder Glocken, Kelche und Geistliche zu weihen. Dann dauerte es oft bis zur Mittagsstunde, ehe wir nach Hause kamen. Sein Predigen verlängerte dergleichen religiöse Verrichtungen manchmal um die Hälfte, und es fügte sich ein paarmal, daß mir teils der Dunst, teils die unbequeme einförmige Stellung des Leibes auf kalten Pflastersteinen, teils die Ungeduld, die mich beim Anhören so sinnloser Reden usw. heimlich quälte, eine Übelkeit zuzog, so daß man mich wegschleppen mußte, wenn ich nicht hinsinken sollte. Nach einem solchen Zufalle sagte mir einst Herr Statthalter: »Es scheint, meine Predigten gefallen Ihnen so gut, daß Sie davon ohnmächtig werden.« Ich war überrascht und blieb stumm.

Eins der unangenehmsten Geschäfte war mir der Kirchendienst bei den Weihen junger Geistlichen. Da mußte ich den gutherzigen Jünglingen die Dalmatiken, Stolen, Manipeln usw. anziehen, sie bei jeder Zeremonie in die rechte Positur bringen, ihre Hände nach der geheimnisvollen Priestersalbung mit einem Tüchlein zusammenbinden, ihre Meßgewänder zurechthängen, ihnen die Meßgebete im Missale zeigen und dergl. mehr. Alles sollte mit einer gewissen andächtigen Amtsmiene und mit einem Anschein von Wichtigkeit verrichtet werden, indes ich die Zeremonien lieber ganz abgebracht und für das erklärt hätte, was sie sind, für Künsteleien der Hierarchie.

Wenn der Herr Statthalter seine Messe gelesen hatte, so sollte auch ich die meinige lesen. Allein ich las nur, wenn ich mußte, das heißt an Sonn- und Feiertagen und an andern Tagen der Woche, an denen man mich dazu erbeten oder bestellt hatte. Zu St. Peter in Augsburg müssen wöchentlich einige Stiftungsmessen gelesen werden, die man aus eigens dazu bestimmten Einkünften bezahlt. Weil ich gewöhnlich den Mesner und die Ministranten mit einem guten Trinkgeld belohnte, so trug man mir die Messen zu lesen an. Erst bedachte ich mich, ob ich mich wohl dazu verstehen sollte. Doch die Betrachtungen, daß ich ebensogut, als jeder Priester, Messe lesen könnte und müßte, daß man das Geld für ebendieselbe Zeremonie einem andern geben würde, wenn ich es nicht verdienen wollte, und daß niemand ein Schaden zuginge, wenn ich es annähme, bewogen mich, die Messen nach Verlangen zu lesen und mir dadurch ein kleines jährliches Einkommen von etwa 50 Gulden zu verdienen. Sonst, wenn ich füglich ausweichen konnte, vermied ich es, Messen um Geld zu lesen.

Die Zeit von der Messe an bis zum Mittag konnte ich entweder auf meine eigenen Studien verwenden, oder ich mußte (was sehr oft geschah) für Herrn Dompropst allerlei Aufsätze teils verfertigen, teils ausbessern. Bald gab er mir Visitationsprotokolle zum Kopieren, bald mußte ich sogenannte Visitationskarten (weitläufige geistliche Zusprüche und Rügen) jetzt lateinisch, jetzt deutsch konzipieren, je nachdem er in Manns- oder Frauenklöstern visitiert hatte, bald trug er mir auf, ein Fastenpatent zu verfassen oder eine geistliche Anrede bei Klosterwahlen zu schreiben und mehr dergl. Gar oft entwarf er eine Skizze, nach der ich arbeiten sollte. Anfangs hielt ich es für notwendig, in jeden Period, in dem ich keinen Sinn fand, Sinn zu bringen oder, wenn die ganze Anlage nichts taugte, sie so lange zu drehen, bis sie genießbarer würde. Allein da kam ich übel an: meine gutgemeinten Verbesserungen fanden fast niemals Beifall, und ich mußte den Aufsatz drei- bis viermal umändern und immer von neuem wieder ins reine schreiben, ehe er einigermaßen gefallen wollte. Nach und nach merkte ich, daß ich am besten wegkäme, wenn ich mir am wenigsten Mühe gäbe, meine Sache gut zu machen. Ich hielt mich so nahe als möglich an die Ausdrücke der mir vorgezeichneten Skizze, ließ mystischen Unsinn Unsinn sein und wischte größtenteils nur die auffallendsten Fehler wider die Sprachlehre, Wortfügung und den regelmäßigen Periodenbau weg, und so erntete ich sicher und leicht den Beifall meines Meisters ein, der dann nicht unterließ, die neue Arbeit dem Herrn Hausmeister zur Prüfung zu übergeben, sie ein paar alten Damen und seiner Fräulein Schwester zur Erbauung vorzulesen und mich als seinen literarischen Hof- und Leibschneider anzurühmen.

Man kann denken, wie schwer es mir werden mußte, allerlei dergleichen Schriften nach Grundsätzen zu verfassen, die oft geradezu mit meiner Überzeugung im Widerspruch lagen, und wie sehr es mich anekelte, sinnlose oder ganz unwahre Behauptungen als Wahrheiten vorzutragen. Nur die Visitationskarten verfertigte ich zuweilen mit einigem Vergnügen, weil es mir wohl tat, diesem oder jenem stolzen Prälaten eine derbe Strafpredigt halten und die Lieblosigkeit und unordentliche Lebensart seiner Mönche, die ich aus Erfahrung so gut kannte, nach aller Strenge rügen zu dürfen. Bei solchen Anlässen unterließ ich gewiß nicht, meine Kenntnisse vom Klosterwesen zu benutzen und die Geheimnisse mönchischer Heuchelei und verborgener Ausgelassenheit zu enthüllen. Aber Herr Statthalter strich die treffendsten Stellen gar oft weg, weil er sich fürchtete, irgend jemandem wehe zu tun.

Einigemal nahm er mich als Aktuar zur Visitation in ein Nonnenkloster mit. Es dünkte mich lustig, alle die kleinlichen, nichtsbedeutenden Klagen der Nonnen zu protokollieren, ihre bald kindischen, bald neidischen Äußerungen anzuhören und den brennenden Eifer zu beobachten, mit dem sie nach Kleinigkeiten strebten. Ich ward böse, wenn sich kreischende Alte herausnahmen, mit Bitterkeit und im Tone andächtiger Sittenrichterinnen über ihre jungen Mitschwestern loszuziehen, ihre natürliche Munterkeit als Frechheit zu verklagen und den unbefangenen Kindern den ohnehin so sehr beschränkten Lebensgenuß noch mehr zu vergällen. Dann fühlte ich recht, daß der Geist des Hochmuts, der Unvertragsamkeit und der Tadelsucht, der so gern in bejahrte Menschen fährt, die schmerzlichste Geißel jeder Gesellschaft und der Störer allen Vergnügens ist. Manchmal, wenn eine stille, leidende Seele aus matten Augen, die sich kaum zu erheben wagten, hervorschaute und doch nicht ein einziger leiser Klageton den blassen Lippen entschlüpfte, indes doch ihr ganzes Wehmut verratendes Wesen die Grausamen anzuklagen schien, die sie in diese unnatürliche Einsamkeit verbannt hatten, ergriff Mitleid und Rührung mein Herz, und ich wünschte, die Hinwelkende retten zu können. Nach der Visitation hatte der Herr Statthalter den Oberinnen gewöhnlich noch besondere Ermahnungen und Räte zu erteilen, und ich durfte die Zellen der Nonnen besuchen. Die jüngern, fröhlichen Kinder umringten mich, zogen mich in ihre reinlichen Kämmerchen, zeigten mir ihre geschmückten Kasten voll schneeweißer Leinwand, mit Blumen und Flittern besteckt und mit Zuckerwerk ausgestopft, die bunten Täfelchen an der Wand und den Bräutigam Jesus im schöngestickten Kinderröckchen, mit Haaren wie Flachs und mit Rosenwangen wie gemalte Pfirsiche. Öfters, wenn die guten Mädchen wegliefen, um bis zu meiner Ankunft auch ihre Zellen in Ordnung zubringen, und ich dann auf Augenblicke mich mit einer hübschen Nonne allein fand, faßte sie mich zärtlich ins Auge und drückte mir feurig die Hand, als wenn sie Küsse forderte, aber in eben dem Augenblick hüpfte schon wieder eine Mitschwester herein, gerade als wollte jede ihre Gespielin hüten und durchaus nicht zugeben, daß eine mehr als die andre begünstigt würde.

Wenn ich ein Fastenpatent oder eine geistliche Rede geschneidert hatte, so verlangte Fräulein Josepha fast immer, ich sollte ihr den handschriftlichen Aufsatz ihres Herrn Bruders bringen, denn in diesem hoffte sie, würde noch der Geist der Andacht echt und unverfälscht wehen. Was meine Feder hinzugetan hatte, das hielt sie für lutherisches Machwerk. Anfangs stand ich zwar, meiner schüchternen Höflichkeit wegen, bei ihr in gutem Kredit, allein ein Zufall brachte mich bald um ihre vorteilhafte Meinung. Sie hatte mich gebeten, ich möchte ihr abends bei Tische etwas vorlesen. Ich gehorchte sogleich und blätterte in Gellerts Fabeln, die ich eben in der Tasche trug, um eine Fabel zu finden, die nichts Verliebtes enthielte, denn sie hatte mir schon gesagt, daß sie dies so sehr hasse als Tod und Sünde. Mir fiel die Widersprecherin auf. Geduldig horchte sie mir zu, bis zu den Worten:

So wie dem welschen Hahn, dem man was Rotes zeigt,
Der Zorn den Augenblick in Nas' und Lefzen steigt, usw.
So schießt Ismenen auch, da dies ihr Liebster spricht,
Das Blut den Augenblick in ihr sonst blaß Gesicht.

Auf einmal platzte der Hausmeister, der bisher das Lachen mühsam verhalten hatte, unaufhaltsam los, das gnädige Fräulein erhob sich vom Stuhle, sagte mir aufgebracht, sie könne solche Kindereien nicht hören und schleppte sich in ihr Nebenzimmer. Treuherzig hielt ich der Güte meines Schriftstellers eine Schutzrede und konnte kaum fassen, wie es zuginge, daß er gar keinen Beifall fände. Denn ich wußte noch nicht, daß der Herr Kratzer schon oft mit dem Fräulein in Zwist und Zank geraten war und sie mit einem Truthahn verglichen hatte. Um das Maß der Beleidigung voll zu machen, nahm mir Kratzer das Buch aus der Hand und las mit lauter Stimme, langsam und pathetisch, Gellerts Fabel die Betschwester her. Im Sturm von Unmut trabte das Fräulein wieder aus der Kammer und gebot mir, »das Buch einzustecken und in Zukunft nie wieder eine so weltliche Scharteke mitzubringen; wenn ich ihr etwas vorlesen wollte, so möchte ich nur die Bibel zur Hand nehmen.« Ich steckte meinen Gellert in die Tasche und brachte am folgenden Abend Luthers Übersetzung des Alten Testamentes mit mir, ein Duodezbändchen, das ich in meinen kleinen Koffer gepackt hatte, der mit mir von Dillingen angelangt war. Da ich erst einen großen Verschlag mit meinen Büchern von daher erwartete, so konnte ich keine katholische Übersetzung mitbringen. Ich dachte ihr etwas Unterhaltendes vorzulesen und geriet an die Geschichte Daniels mit dem Drachen. Als ich am besten daran war, fing der Hausmeister wieder zu lachen an und setzte mich von neuem in Verlegenheit, denn mir war gar nicht eingefallen, daß er Daniels Drachen und ein böses Weib in einem Begriffe vereinigen könnte. Das Fräulein verstand ihn sogleich, riß mir meine Bibel aus der Hand, besah den Titel, fand Luthers Namen darauf, warf das Buch von sich, wie wenn sie eine Natter gefaßt hätte, und sprach mit aufbrausender Hitze: »Ich möchte mir's vergehen lassen, sie zu verführen, sie wollte durchaus keine lutherischen Schriften weder lesen noch vorlesen hören, und ich sollte mich nicht mehr unterfangen, ihr mit meinen gottlosen Büchern beschwerlich zu fallen.« Es war mir unmöglich, diesmal das Lachen zu unterdrücken; sie ward dadurch noch mehr aufgebracht und lief vom Tische weg. Sobald ihr Herr Bruder nach Hause kam, klagte sie mich an. Aber er lachte über ihre Empfindlichkeit, zog ihre Beschwerden in Scherz und gab mir einen leisen Wink, künftig ihrer Schwachheit zu schonen.

Es hielt jedoch schwer, mit dem Fräulein in gutem Vernehmen zu stehen, obwohl ich mich selten in einen Wortwechsel mit ihr einließ. Wenn mir von ungefähr im Gespräche ein Wort, wie Kindbett oder Beschneidung, entfiel, so ärgerte sie sich höchlich über die grobe Unverschämtheit, daß ich durch solche Ausdrücke ihre keuschen Ohren zu beleidigen wagte, wollte mit einem so unflätigen Menschen nicht mehr an einem Tische speisen und eilte aus dem Zimmer, sobald sie bereits satt genug war, um dies Opfer ohne Unbequemlichkeit ihrer englischen Reinigkeit bringen zu können. Sogar bei ihrem Bruder verklagte sie mich, als hätte ich Zoten geredet, und er hätte ihr geglaubt, wäre der Hausmeister nicht Zeuge meiner Unschuld gewesen. Denn Herr Dompropst, obschon er ihre schwachen Seiten kannte, war doch in hohem Grade für sie eingenommen und ließ sich vom Schimmer ihrer Heiligkeit blenden. Sie hatte aber auch seinen Charakter überaus gut studiert, wußte ihn so geschickt bei seiner Schwäche zu fassen und ihre Absichten so schlau mit einem Anstrich von Gottseligkeit zu verkleistern, daß es mich wundern sollte, wenn ihre Schwätzereien ganz ohne Wirkung geblieben wären. Täglich führte sie dreizehn Gebetbücher, die wir sehr oft zählten, auf einmal in der Tasche, unter denen sogar eins in Quarto war, mit dem Titel: Bedrängnis Christi. Wenn sie dies letzte in der Kirche vor sich nahm, so winselte, murmelte und schluchzte sie so herzzerbrechend, daß niemand neben ihr knien mochte.

Wenn Herr Dompropst in Augsburg war und wir mit ihm an einer Tafel speisten, fielen alle Ungezogenheiten weg; niemand durfte zanken, und aller Unwille verstummte. Nach dem Abendessen mußte Herr Hausmeister gewöhnlich Stellen aus einem geistlichen Buche vorlesen, das er selbst wählen durfte, oder man unterhielt sich in ungezwungener Art.

Unsre Gespräche handelten dann meistens von Schriften, die wir gelesen, von Beobachtungen, die wir im Laufe des Tages gemacht hatten, oder von Vorschlägen, die wir nach unsern Einsichten zum Besten der Menschheit zu tun wußten. Oft debattierten wir lange und ausführlich über allerlei praktische Sätze. Oft scherzten wir in bescheidnem Tone über lächerliche Einrichtungen und die neuesten wunderlichen Vorfälle. Manchmal neckten wir auch unser gnädiges Fräulein, wenn ihre Weisheit über einen Gegenstand, den sie kaum zur Hälfte begriff, abzusprechen wagte. Zwischen ihr und mir hatte stets ein scherzhafter Kampf statt; sie beschuldigte mich der Ketzerei und Freidenkerei, und ich bezichtigte sie frommer Tücken und klosterfräulicher Schlauheit, was sie durchaus nicht an sich kommen lassen wollte.

Die vielen Geschäfte des Herrn Statthalters und die steten Besuche machten, daß man selten zur bestimmten Stunde zur Tafel gehen konnte; es fügte sich oft, daß wir von 12 Uhr bis nachmittags 3 Uhr warten mußten, ehe wir eine Suppe erhielten. Im Sommer fiel mir dies weniger beschwerlich als im Winter, denn zur wärmern Jahreszeit konnte ich im Garten spazieren oder in einem sonnigen Winkel sitzend dichten; aber solange es kalt war, mußte ich entweder im Bedientenzimmer hinter dem Ofen meine Zuflucht suchen oder, um allein zu sein, mich in das temperierte aber finstre Gewölbe sperren, wo der Gärtner seine Lorbeerbäume aufbewahrte. Das erste hatte die Unbequemlichkeit, daß ich mit den Lakaien und ihren Manieren zu vertraut wurde, das andre machte mir des Dunstes halber Kopfweh und forderte, daß ich am Tage ein Licht anzündete. Dennoch wählte ich sehr oft das letztere, um ungehindert träumen oder schreiben zu können.

Meine einzige Ergötzung fand ich im Spazierengehen und im Genusse der schönen Natur. In Mantel und Talar gekleidet, mit einem großen, runden Hut auf dem Kopfe und ein paar Hündchen hinter mir her, zog ich durch die Stadt und erregte bald, ohne daß ich's vermutete, die Aufmerksamkeit der Leute. »Wer ist doch der junge Geistliche mit den beiden Hunden,« fragten sie einander, »der im schwarzen Mantel, mit einem großen Hute bedeckt, wie ein Zauberer durch die Stadt schleicht?« »Das ist des Statthalters Handlanger«, antworteten die andern. Lange wußte ich nicht, was man von mir urteilte, bis es die Bedienten in der Dompropstei mir lachend hinterbrachten. Aber da ich bei meiner Obrigkeit täglich und zwar im langen schwarzen Kleide erscheinen mußte, so hätte ich mit dem Umkleiden zu viele Zeit verloren und entschloß mich, im geistlichen Staatsrocke spazieren zu gehen. Dabei genoß ich noch die Bequemlichkeit, an meinen liebsten Plätzchen, deren ich immer einige hatte, den weiten Mantel ins Gras breiten und mich recht angenehm darauf hinstrecken zu können. Den runden großen Hut hätte ich durchaus um keinen andern vertauscht, weil er mich beschattete, vor Regen beschützte und meine Blicke schärfte. Die beiden Hündchen gehörten in die Dompropstei; ich tat unserm Fräulein einen Gefallen, wenn ich ihr braunes Pudelchen mitnahm, und ich ließ die Hündchen selbst gern mit mir laufen, weil es mir Vergnügen machte, daß sie so sichtbar sich freuten und mich so munter umhüpften. Oft ging ich ins Gebüsche am Lech, um zu baden, warf meine Kleider von mir und trug die beiden Hündchen, unter jedem Arme eins, mitten in den Strom. Es war lustig, die Geschicklichkeit zu bemerken, mit der sie ruderten und die Ängstlichkeit, mit der sie mir gleichsam zuhilfe schwammen, wenn ich mich eine Weile untertauchte.

Auf dergleichen Spaziergängen entstanden die meisten meiner spätern Gedichte, denen meistens eine Szene zugrunde liegt, die ich wenigstens zum Teile wirklich gespielt habe. Nie war mir in Augsburg so wohl, als wenn ich in der Gegend des sogenannten Pfannenstiels auf meinem ausgebreiteten Mantel saß und dichtete. Einst geriet mir Löwes Handbuch der Kräuterkunde in die Hände und erweckte in mir eine so große Lust, ein Kräuterkenner zu werden, daß ich anfing, manche Stunde mit Aufsuchen verschiedener Pflanzen und mit Erforschung ihrer Kennzeichen zu vertändeln. Öfters machte ich mir Vorwürfe darüber, daß ich damit manche schöne Zeit verlöre. Allein ich hatte unrecht und bin nun überzeugt, daß keine Übung des Geistes unnütz ist, und daß ich ohne diesen Forschungstrieb nie weitere Fortschritte in der Naturgeschichte gemacht und in der Folge ein Hilfsmittel meines Unterhaltes weniger gehabt hätte. Das Vergnügen im Grünen war aber auch meine einzige Glückseligkeit. Denn übrigens mangelte mir beinahe alles, was zur Bequemlichkeit des Lebens gehört, sogar die Aussicht, daß es bald besser mit mir werden sollte. Denn es zeigte sich von Tag zu Tag mehr, daß Herr Dompropst mich nicht so bald zu einem Amte befördern würde, welches mich von ihm unabhängig machen könnte. Oft hatte ich keinen Gulden mehr in der Tasche und mußte fürchten, auch sehr kleine tägliche Ausgaben nicht mehr bestreiten zu können. Dieser Mangel und der Druck, unter dem ich lebte, machten meinen Zustand sehr traurig.

In diesem Zeitpunkt erschien ein alter Eremit, Frater Anton Hänle, in der Dompropstei. Er bewohnte auf dem ziemlich hohen Wankenberge bei Nesselwang im Algäu eine wohlgebaute Klause, bei der eine Wallfahrtskirche stand. Schon der Vater des Herrn Dompropsts, als er noch Pfleger zu Nesselwang war, und seine ganze Familie hatten den Bruder Anton liebgewonnen. Also ward er als ein guter Bekannter und Freund empfangen. Bei Tische malte er mir die schöne Lage seiner Einsiedelei so schön vor, und Herr Dompropst stimmte so herzlich in das Lob dieser angenehmen Gegenden mit ein, daß mir der Wunsch entfuhr, ich möchte dort wohnen. Nach Tische nahm mich der Klausner beiseite und sagte: »Er sehe mir an, daß ich hier nicht ganz vergnügt sei; wenn es mir Ernst wäre, so könnte er mich versichern, daß mich auf seinem Berge gewiß das glücklichste Leben erwarten würde; er hätte schon längst gewünscht, einen Geistlichen zu haben, die Leute würden uns dann mit Geschenken überhäufen: ich dürfte nur täglich Messe lesen, so würden uns die Bäuerinnen mehr zuschleppen, als wir beide bedürften; zudem stünde es uns frei, den Garten bei der Klause nach Wohlgefallen zu erweitern und im Walde so viel Holz, als wir immer nötig hätten, zu fällen.« Wirklich schien mir das Anerbieten nicht verwerflich zu sein. Wir gingen täglich in den Kreuzgang im Dom, um dort ungestört und unbehorcht die Sache näher überlegen zu können, und wurden eins, ich sollte in meiner weltpriesterlichen Kleidung den obern Teil der Einsiedelei bewohnen (denn zu der häßlichen Klausnerkutte wollte ich mich nicht verstehen), täglich Messe lesen, den Garten besorgen und das Holz herbeischaffen helfen. Dafür wollte er mir kochen, die Zelle rein halten und auf der Sammlung für einen Wintervorrat sorgen. Meine Phantasie malte mir die schönsten Aussichten vor, auf einmal war ich unabhängig, hatte einen guten, alten Vater zum Gespielen und fand alle mögliche Gelegenheit, meinem Hange zum Dichten und Philosophieren ungestört zu folgen. Schon machte ich Pläne meiner Tagesordnung und wählte schon die Gegenstände meiner literarischen Beschäftigungen. Als wir alles, sogar bis auf das Fortbringen meiner Bücher, ausgesonnen hatten, eröffneten wir unser Vorhaben dem Herrn Dompropst. Aber er lachte laut auf und sagte: »Wo denken Sie doch hin, daß Sie ein Eremit werden wollen?« Ich stutzte ein wenig, fing aber sogleich an, meinen jetzigen Zustand mit dem künftigen in Kontrast zu stellen, und wußte im Feuer der Empfindung meine Lage als Einsiedler so reizend und beneidenswert darzustellen, daß er wirklich in die Worte ausbrach: »Ich glaube wirklich, Sie könnten dort glücklich sein. Aber lassen Sie sich dergleichen schwärmerische Gedanken vergehen! Sie sind zu etwas Besserm fähig und müssen hierbleiben und der Welt nützen!« Ich wußte allerlei einzuwenden und mein Altvater unterstützte mich treulich, aber Herr Statthalter schlug am Ende unsre Versuche, ihn zu überreden, damit nieder, daß er sagte: »Machet nicht viel Worte! ich lasse den jungen Schwärmer durchaus nicht fort von hier, und wenn er ohne meinen Willen davonzieht, wie er mir drohet, so weiß ich Mittel, den neuen Anachoreten mit Gewalt wieder hierher zu bringen.« Zugleich versprach er mir zu wiederholten Malen eine baldige Versorgung. Gegen meine Neigung mußte ich also dem schönen Projekte entsagen.

Meinen Züricher Freunden gab ich von Zeit zu Zeit Nachricht von dem Schicksale, mit welchem ich zu kämpfen hatte. Ihre Briefe munterten mich lange zur Geduld auf und sprachen mir Mut ein, noch eine Weile auszuharren.

In der Nacht vom 14. bis zum 15. Hornung 1788 machte ein Traum sonderbaren Eindruck auf meine Seele, so daß ich ihn beim Erwachen aufschrieb. Jetzt hab' ich das Blättchen vor mir. Es deuchte mich, ich liege einsam in einem luftigen Gebäude, das auf hölzernen Pfeilern ruhte, bloß einen Lehmboden und gar keine Seitenwände hatte, angekettet in einem ärmlichen Bette. Ein Offizier, der die Bischöflich-Augsburgische Uniform, weiß mit roten Aufschlägen und weißmetallenen Knöpfen, trug, brachte mir, seinem Gefangenen, von Zeit zu Zeit nicht ganz unfreundlich Äpfel an mein Lager. Anfangs aß ich zwar ein wenig von diesen Früchten, aber eine bedenkliche Miene des Gebers machte, daß ich zu besorgen anfing, sie seien vergiftet. Doch der Gedanke: ›Das Gift ist vielleicht noch nicht stark genug, um dir zu schaden, weil du nicht viel davon genossen hast‹, richtete mich wieder ein wenig auf. Da die Luft sehr kalt durch die offene Hütte hinzog, so bat ich den Offizier, der öfters ab- und zuging und mir dem Anscheine nach ziemlich gelinde begegnete, er möchte mich doch nicht über Nacht in diesem kalten Aufenthalte angekettet lassen. Allein er gab mir gute Worte, ohne meine Bande zu lösen. In seiner Abwesenheit suchte ich die eine Kette abzudrehen. Die Gelenke bogen sich leicht und ich sah die Möglichkeit zu entfliehen. Aber ich mochte doch meine Fesseln nicht sogleich ganz zerbrechen, denn die Besorgnis, bei dieser Arbeit von meinem Gefangenenwärter überrascht, vor der Zeit entdeckt und dann noch strenger bewacht zu werden, schreckte mich ab, überdas sagte ich mir selbst zuweilen: ›Dein Zustand ist doch nicht völlig unerträglich, du hast hier wenigstens ein Bett, in das du dich wickeln kannst, um gegen die Kälte gesichert zu sein.‹ Allein in die Länge stieg meine Ungeduld auf einen so hohen Grad, daß ich mich nicht enthalten konnte, einigen Vorübergehenden meine Not zu klagen und sie um Hilfe anzuflehen. Der Offizier wurde herbeigerufen und sollte mir die Fesseln abnehmen. Aber indem er sich niederbückte, als wollte er mit einem Schlüsselchen das Schloß eröffnen, stach er mich dafür mit einem scharfen Meißel in den Fuß, so daß das Blut häufig herausfloß. Ich fürchtete, er möchte im Sinne haben, mich mit einem vergifteten Werkzeuge zu morden und rief die Umstehenden um Hilfe an. Nun ward ich zwar losgemacht zankte aber so unartig mit dem Offizier und sagte ihm soviel Bitteres, daß ich mir sogleich, nachdem es geschehen war, stille Vorwürfe darüber machte und mir selbst meiner unbegrenzten Heftigkeit wegen Verweise gab. Frei wanderte ich nun davon.

Dieser Traum, dessen erste Hälfte so ganz bildliche Vorstellung meiner wahren Lage war, wollte mir lange nicht aus dem Sinne. Beinahe hätte ich ihn für eine Vorbedeutung und Ermahnung zur Flucht gehalten. Aber die Vernunft machte wichtige Einwendungen dagegen: ›Abergläubischer!‹ sagte ich mir, ›bist du schwach genug, in einer so wichtigen Angelegenheit deines Lebens von einem Traume, von einem eitlen Spiele der Phantasie dich bestimmen zu lassen? Ist es nicht Schande, das, was von der Neigung deines Herzens zum abermaligen Entweichen, von deinen Überlegungen, die du bereits hierüber anstelltest, offenbar herrührt, für eine Vorbedeutung zu halten? Schlage dir solche elende Grillen aus dem Sinne und handle vernünftig! ‹ Ich hatte mir selbst hierüber gut predigen. Aber die schwärmerische Wirkung des Traumes erneuerte sich doch in der Folge zum öftern wieder.

Unterm 28. Hornung 1788 erhielt ich aus den Händen eines Handlungsbedienten in einer Augsburgischen Buchhandlung einen Brief von Zürich folgenden Inhalts: ›Sie haben Geßnern und mir so viel gesagt, daß ich Ihnen als Freund rate, dem Spaße ein Ende zu machen. Sie sollen uns noch finden, wie wir gewesen sind! Als Freunde wollen wir solange für Sie sorgen, bis sich eine bessre Aussicht zeigt. Folgen Sie meinem Rate! Wenn Sie wollen, so ist der Einhändiger dieses Briefes gebeten, Ihnen 5 Carolins Reisegeld zu geben. Gehen Sie dem Memminger Postwagen ein paar Stationen vor, dann treffen Sie ihn und kommen über Lindau und St. Gallen zu uns.‹

Dieses Schreiben wirkte in meiner Stimmung außerordentlich auf mein Herz. Wäre der Traum nicht gewesen, so hätte ich mich wahrscheinlich sogleich zur Flucht entschlossen. Aber nun dachte ich: ›In diesen Augenblicken, da dein Gemüt nicht ganz unbefangen ist, sollst du einen so wichtigen Entschluß gar nicht fassen, wenn du dir nicht dein Leben lang vorwerfen willst, du habest dich durch Aberglauben dahinreißen lassen.‹ Dieser Gedanke, die Rücksicht auf meinen alten Vater und die Hoffnung, schließlich doch eine angemessene Stelle zu erhalten, hielten mich ab, die vorgeschlagene Reise nach Zürich anzutreten und bewogen mich, meinen Freunden unter vielen Dankesbezeigungen abzuschreiben.

Den 14. März fand ich zu Hause zwei Briefe aus Zürich. Mit froher Wißbegierde erbrach ich sie und las – ach – Nachrichten vom Tode meines vortrefflichsten Freundes Sal. Geßner. Anfangs wollte ich beinahe meinen Augen nicht trauen. Aber als ich weiter las, da fielen mir die Briefe aus der Hand, ich konnte nicht fortfahren, ein nie gefühlter Schmerz zerriß mein Herz, und ich mußte laut aufweinen. Bald legte ich den Kopf auf mein Pult und winselte, bald lief ich im Zimmer auf und ab, schlug mich vor die Stirne und rechnete mir klagend meinen ganzen unersetzlichen Verlust vor. Lange konnte ich mich nicht fassen und das Lesen der Briefe vollenden. So oft ich fortfahren wollte, geriet ich wieder an eine rührende Stelle; ein neuer Erguß des Schmerzes unterbrach mich wieder, und Tränen verdunkelten meine Blicke. »Fassen Sie Mut, Lieber!« so schrieb mir Heinrich, »ich bin's überzeugt, auch für Sie eine schreckliche Nachricht! Mein Vater, Ihr Freund, Ihr – mein Alles ist von uns getrennt, – ist tot! Schon ruht seine Hülle in der kühlen Erde. Standhaft, Bester! Zuerst lesen Sie, dann preisen Sie mit mir die Güte der Vorsehung!« Hierauf beschrieb er mir die Geschichte des tödlichen Schlagflusses und die letzten Stunden des Edlen. »Sonntags, abends um fünf Uhr,« so hieß es unter anderm, »entschlief er sanft und ruhig und fühlte keinen Schmerz; noch in der letzten Stunde, auch im Tode, lächelte Seelenruhe auf seinem Antlitz. Wir sahen in seinem Leben so wie im Tode den größten Teil seiner innigsten Wünsche in Erfüllung gehen. Können wir der Vorsehung genug danken?« Alles war so rührend, alles mit so schönen Trostgedanken durchweht, die mein Herz für Wehmut nur empfindlicher machten, daß meine Tränen nicht aufhören wollten zu fließen. Ich ließ mich entschuldigen und erschien an demselben Tage nicht bei Tische in der Dompropstei. Erst am andern Morgen, als ich etwas ruhiger war, wagte ich es, mich wieder öffentlich zu zeigen. Aber beim geringsten Anlasse erwachte mein Schmerz von neuem und meine Wangen wurden naß. Als ich meinen Verlust dem Herrn Statthalter klagte, nahm er so wenig Anteil daran, daß ich auf den Gedanken geriet, es könnte ihm wohl gar ein heimliches Vergnügen machen. Denn er wünschte immer, ich möchte in Zürich keine Freunde mehr haben. In der schönen Natur suchte ich Trost, wanderte einige Tage an Bächen und Hecken umher und verfertigte die gereimte Elegie, Klagen bei S. Geßners Tode.

Im zweiten Schreiben, das ich erhielt, berief sich Herr Amtmann Heidegger auf Heinrichs Brief, sprach mir Trost ein, widerlegte meine letzten Einwendungen wegen der Entweichung von Augsburg und ermahnte mich, doch einen Ort zu verlassen, wo Bigotterie, Jesuitismus, Ränke und Kabalen aller Art herrschen, und dorthin zu eilen, wo wahre Freundschaft voll wahrer Sehnsucht mir die offenen Arme entgegenstrecke. Ich antwortete mit Gegengründen, vor allem mit Zweifeln an einem mir zusagenden Einkommen usw. usw.

Meine Züricher Freunde wiederholten indes so oft ihre Vorstellungen und legten mir neue Gründe zur Flucht vor, welche von der Unzuverlässigkeit meiner gegenwärtigen Obern und der Möglichkeit, mich bei der Handlungssozietät in Zürich zu beschäftigen, hergenommen waren, daß ich endlich nachzugeben beschloß und das Reisegeld, welches mir die oben erwähnte Augsburgische Buchhandlung ausbezahlen sollte, wirklich in Empfang nahm. Ganz in der Stille ließ ich mir einen Reiserock machen und fing an, alles, was ich mitnehmen wollte, in den großen Koffer zu packen, den ich bereits während meines ersten Aufenthaltes in Augsburg gekauft und nun immer in meinem Zimmer stehen hatte. Da Herr Statthalter den 23. Mai nach Koblenz abreisen wollte, und mein Hausherr, sowie die Hauserin morgens zu einer bestimmten Stunde in die Kirche gingen, durfte ich hoffen, den Koffer unbemerkt fortliefern zu können, wenn ich ihn zu rechter Zeit von ein paar Lastträgern abholen ließe, denn das innere Pfaffengäßchen, in welchem wir wohnten, besteht nur aus einer Reihe Häuser, die noch dazu ziemlich weit voneinander abgesondert sind, so daß die Nachbarn nicht so leicht beobachten können, was bei andern Türen, als den ihrigen, vorgeht. Herrn de Haiden, den ich etwas von meiner Unzufriedenheit merken ließ, bat ich um Erlaubnis, in Abwesenheit des Herrn Dompropstes meine Freunde in Donauwörth auf einige Tage besuchen zu dürfen. Er sagte mir furchtsam Urlaub zu, und ich hätte hiermit den schönsten Anlaß gehabt, mich eine kurze Zeitlang, ohne Aufsehen zu erregen, von Augsburg zu entfernen und unbemerkt nach der Schweiz zu gehen. Allein am Pfingstmontage, vormittags um 11 Uhr, als ich eben meine Zimmer wohl verschlossen hatte, um beim Einpacken nicht überrascht zu werden, klopfte unversehens jemand an der Tür; ich glaubte, die Hauserin komme, um das Bett zu machen, denn ich vernahm ihre Stimme. Ich räumte also geschwind meine Sachen so gut zusammen, als ich in der Eile konnte. Wie staunte ich, als ich die Tür öffnete, und mir mein lieber Vater mit aller Freude des Wiedersehens entgegentrat! Kaum wußte ich mich zu fassen. So sehr es mich freute, ihn zu umarmen, so sehr fand sich mein Herz darüber betroffen, daß er eben in dem Augenblicke kam, da ich mich zum Entfliehen bereitete. Einer meiner ersten Gedanken nach dem Bewillkommnungskusse war: ›0, mein Vater! wenn du wüßtest, welcher Schmerz dir bevorsteht!‹ Zugleich empfand ich einen Vorgeschmack dieses Schmerzes. Als er mir gesagt hatte, daß er dem Verlangen nicht widerstehen konnte, in den schönen Pfingstfeiertagen eine Wallfahrt zum heiligen Kreuze in Augsburg und zu mir zu machen, und daß er von guten Bekannten wohlbehalten hierherbegleitet worden sei, war meine angelegenste Sorge, wie ich ihn mit guter Manier vorbereiten wollte, daß ihn meine neue Reise in die Schweiz nicht zu sehr kränken möchte. Nachdem wir unsre Herzen über allerlei häusliche Umstände und Familienangelegenheiten ausgeleert hatten, stellte ich ihm vor, daß ich hier nicht nur keine Mittel besäße, um ihm so gut, als ich wünschte, in seiner Armut helfen zu können, sondern daß ich selbst darben müßte und kaum einige Hoffnung hätte, daß sich mein Zustand bald verbessern würde. Mit Bedauern vernahm er meine Klagen und meinte, ich sollte versuchen, an einem andern Orte unterzukommen. Die Notwendigkeit, mich von Augsburg zu entfernen, schien er also einzusehen. Ich rückte allgemach mit dem Lobe jener wohltätigen Schweizer hervor, die ihm vor einem Jahre 24 fl. geschickt hatten, und sagte, daß ich mich oft in ihre Gesellschaft zurücksehnte. Alles das billigte er von Herzen. Endlich gestand ich, daß ich im Sinne hätte, diese meine Schweizerfreunde wieder zu sehen und in einigen Tagen nach Zürich zu reisen. So gut ich ihn vorbereitet zu haben glaubte, so fing er nun doch zu bitten an, ich möchte ihm dies Herzeleid nicht antun. Als ich aber auf meinem Vorsatze bestand und ihm die Notwendigkeit, Augsburg zu verlassen von neuem dringend vorstellte, machte er Miene, sich auf seine Knie niederzulassen. Ich fiel ihm mit nassen Augen um den Hals und setzte ihn wieder auf den Stuhl, aber er beteuerte, er würde nicht aufhören, mich zu bitten, bis ich verspräche, daß ich in einem katholischen Lande bleiben wolle. Ich sagte alles mögliche, um ihn zu beruhigen und ihm meine Flucht weniger anstößig darzustellen, aber er hörte nicht auf, in mich zu dringen und zuletzt gar mit Kundmachung meines Vorhabens zu drohen, bis ich ihm versprach, wenigstens so lange noch in Augsburg zu bleiben, bis alle, auch die geringste Aussicht, meine Zufriedenheit und mein Unterkommen zu finden, verschwunden wäre. Wenn ich ihn mit Hoffnungen von Hilfe und Beisteuern, die ich ihm von Zürich aus schicken würde, zu trösten oder zu bestechen versuchte, so sprach er: »0 Sohn! lieber Hunger leiden, als Sie in einem lutherischen Lande wissen!« Ich sah endlich deutlich ein, daß alle Einwendungen, Gründe und Vorstellungen gegen seine religiösen Begriffe nichts vermochten, und ergab mich insofern, daß ich noch eine Weile auszuharren versprach. Ich packte also meine Sachen wieder aus, gab den andern Tag das Reisegeld zurück und berichtete die ganze Geschichte an meine Freunde in Zürich. Ehe ich aber das Geld wieder hintrug, ging ich zu Herrn de Haiden, leitete das Gespräch so, daß er fühlen müßte, ich könne nicht anders als unzufrieden mit meinem Zustande sein und gestand ihm unverhohlen, daß ich wenig Lust hätte, mich länger unter diesem Drucke und in solcher Dürftigkeit hinzuschleppen. »Meine Freunde in Zürich,« sagte ich dann, »haben mich noch so wenig vergessen, daß sie mich gewiß mit offenen Armen empfangen werden, sobald ich meine Zuflucht wieder zu ihnen nehme. Und ich muß es Ihnen bekennen, kaum vermag ich die Versuchung zu besiegen und an einem Orte auszuharren, wo ich so künstlich behandelt werde, denn ich merke, man hält mich hier nur mit kahlen Worten hin und denkt gar nicht daran, die mir so heilig getanen Versprechen zu erfüllen. Wie sehr ich Ursache habe, unzufrieden zu sein, ist Ihnen am besten bekannt, und ich glaube nicht, daß Sie sich wundern werden, wenn ich Ihnen im Vertrauen sage, ich sei bereits auf alle Fälle mit Reisekleidern und Geld versehen.« Die Wirkung meiner Rede war, daß er mich bat, keinen allzu raschen Entschluß zu fassen, noch eine Zeitlang Geduld zu haben und wenigstens Herrn Statthalters Verwendung für mich zu Koblenz abzuwarten. Nach einiger Weigerung versprach ich dies, zog mein Reisegeld aus der Tasche, zeigte es ihm vor und sagte: »Hier sehen Sie, wie weit es gekommen ist, aber ich will sogleich hingehen und es noch einmal zurückgeben. Ich hoffe, da ich mich auf Ihr Wort verlasse, es nicht von neuem holen zu müssen.« Hiermit ging ich weg. De Haiden gab sogleich dem Herrn Statthalter von meinen Äußerungen Nachricht, man rief mich zu ihm, er befahl mir, in meinem Reisekleide zu erscheinen, denn er mochte noch zweifeln, ob ich mich wirklich damit versehen hätte. Ich kam, er stutzte und fragte, was mich bewegen könnte, auf eine zweite Flucht zu denken, hörte meine unverstellten Klagen mit Geduld an, versprach ihnen abzuhelfen, erkundigte sich, was mich das neue Reisekleid gekostet hätte, zahlte mir die Summe sogleich bar aus und gab mir noch dazu einen Überschuß, um bis zu seiner Rückkunft von Koblenz damit ausreichen zu können. Zugleich erhielt ich den Auftrag, eine Bittschrift an den Kurfürsten um eine Versorgung aufzusetzen. Herr de Haiden begleitete sie mit einem überaus vorteilhaften Gutachten, das ich selber zu lesen erhielt, und Herr Statthalter versprach mir noch einmal, als er seine Reise antrat, das kräftigste Vorwort und die eifrigste Verwendung beim Kurfürsten. »Betrügen mich die Herren auch diesmal,« so schrieb ich nach Zürich, »abgeredetermaßen, so wissen Sie, daß ich über kurz oder lang den Mut habe, es ihnen vorzurücken, sowie ich auch diesmal ihre vielen eiteln Versprechen und künstlichen Vorspiegelungen unbefangen rügte. Sorgen Sie nicht, daß ich diese Kühnheit teuer werde bezahlen müssen! Ich möchte gern, daß man mir auffallendes Unrecht täte; so könnte ich mit jedermanns Beifall einen Schritt wagen, zu dem ich schon lange geneigt, aber verschiedener Ursachen halber noch nicht völlig entschlossen bin. Loszukommen hoffe ich immer. Aber noch zurzeit will ich, hauptsächlich meines betagten Vaters wegen, noch eine Weile ausharren und indessen ein philosophisch-poetisches Sujet bearbeiten, damit ich einst beim Antritte meines neuen Standes etwas haben möge, was mir Geld verschaffen und mich vor Not, Sie aber vor Überlast sichern kann.«

Anfangs gab ich freilich nur vor, ich wollte meine Freunde in Donauwörth besuchen, damit ich einen gültigen Vorwand hätte, ohne Aufsehen zu erregen einige Tage lang von Augsburg abwesend zu sein. Allein nun erhielt ich einen Brief von meinem Freunde, in welchem er mir schrieb: »Michael (so nannten wir nämlich Minchen, wenn wir nicht merken lassen wollten, von wem wir sprachen), Michael ist Ihnen immer gut, war dieser Tage bei mir und lebt von *** (dem Mönche, der mich eifersüchtig gemacht hatte) ganz getrennt. Dieser geistreiche Mann ökonomisiert nun glücklich und fruchtbar und hat mehrere Gehilfen. Michael zeichnete sich ungemein aus, er sollte mit ökonomisieren, man machte Vorstellungen, selbst N. (Minchens Mann) suchte ihn zu bereden, aber Michael erschien doch nicht und gab mir die Zusicherung, in Ewigkeit nicht zu erscheinen. Zugleich sagte er, neulich habe er dem N. solche Dinge entdeckt, daß man gewiß nicht ferner in ihn dringe, mitzukommen. Diese Berichtigungen mögen Ihnen indessen genug sein, um Sie zu befriedigen. – Ich hätte Ihnen noch vieles zu sagen, aber durch Briefe geht es nicht an, wir müssen auf eine mündliche Unterredung bedacht sein.« O wie sehr ward ich gerührt, als ich dies Zeugnis von Minchens Rechtschaffenheit las! Alle Empfindungen der Reue und Liebe erwachten in meinem Herzen, und hundertmal rief ich aus: »Ach, edles Weib! Wie war's möglich, dich zu verkennen?« Tränen liefen mir über die Wangen, und meine ganze Seele schwebte dankend und um jeden Segen für Minchen flehend zum Himmel. »Ich will hin,« sagte ich, »will sie um Verzeihung bitten und sehen, ob ich ihre Achtung nicht wieder gewinnen kann.« Aber allerlei Hindernisse kamen dazwischen, bald schien de Haiden zu besorgen, ich möchte nicht wieder kommen, wenn er mich gehen ließe, und wußte mich mit dringenden Arbeiten, die doch im Grunde gewiß nicht dringend waren, zu überhäufen; bald verzögerte eine anhaltende ungünstige Witterung meine Reise, so daß ich erst in der Ernte so glücklich war, dieselbe wirklich antreten zu können. Mit zehn bis zwölf Gulden, meiner ganzen Barschaft, in der Tasche ging ich zu Fuße eine Strecke Weges, aber bald hörte ich den Postwagen hinter mir herrollen, setzte mich hinein und fuhr bis nach Ochsesheim. Dort mußte der Wagen zurückbleiben, denn der lange Regen hatte die Donau so angeschwellt, daß sie gleich einem See die ganze Ebene überschwemmte. Man setzte mich auf eines der Kutschenpferde, ich hielt mich tapfer an der Mähne fest und trottete durch das seichte Wasser dem Postknecht nach. Es war mir sonderbar zumute, als nachmittags um drei Uhr das prächtige Klostergebäude so glänzend vor mir lag und allerlei mir wohlbekannte Gegenstände und die Stadt selbst immer näher rückten und Minchens Haus. Nicht ferne von der Brücke nahm uns ein Schiff auf. Vom Kopf bis zum Fuße betrachteten mich die Fischer, sahen einander wie fragend an und schwiegen doch. Als ich ans Land stieg, flüsterten sie einander zu: »War das nicht der Pater Bonifacius?« Ich lächelte vor mich hin und ging meines Weges. Stärker schlug mein Herz, als ich durch das Tor schritt, aber noch stärker schlug es, als ich in das väterliche Haus meines Minchens trat. Ihre Mutter staunte mich einen Augenblick an, tat einen lauten Schrei und lief mir mit unverkennbarer Herzensfreude entgegen. »Ist's möglich?« hieß es, »sind Sie es auch?« Dann ward ich in meinem neuen Aufzuge um und um betrachtet, bewillkommnet und ausgefragt. Eine Nachbarsmagd mußte sogleich den Vater herbeiholen und Minchen mit ihrem Manne. Minchen kam zuerst an. Ihr Auge strahlte, ihre Hand bebte, als sie die meinige drückte; wir wollten reden und konnten nicht. Ich zog sie mit umschlingenden Armen an mich und stammelte nach langem Bestreben: »O Minchen, können Sie mir verzeihen?« »Ach!« antwortete sie leise und zärtlich, »muß ich nicht selbst bitten? die Schuld war meine. Ich kam wirklich in Gefahr.« Wie beschämt barg sie ihr Antlitz an meiner Seite. Tränen benetzten unsre Wangen. Es waren überaus süße Augenblicke. Nun traten ihr Vater und ihr Mann herein und grüßten mich mit dem lebhaftesten Ausbruch der Freude. Dann mußte ich neben Minchen sitzend erzählen, welche Schicksale mich betroffen hatten, und jedes bestrebte sich, mir dagegen das Interessanteste von seinen Angelegenheiten mitzuteilen. Abends um halb acht Uhr schieden wir innig vergnügt voneinander, und Minchens Vater begleitete mich zu meinem Freunde, der in einem schönen, zwei Stunden entlegenen Dorfe Pfarrer war. Meine Geliebte mit ihrem Manne wollte den andern Tag nachkommen. Der Mond schien hell, es war angenehm, durch den Wald zu wandern. Aber das trügende Halblicht verstaltete die kleinen Wahrzeichen an den Holzwegen so sehr, daß mein Begleiter den Weg verlor und wir uns erst nach langem Umherirren aus dem Dickicht fanden. Es war schon spät in der Nacht, als wir in .... anlangten. Aber noch sahen wir, nicht ohne Verwunderung, alle Fenster im Pfarrhofe beleuchtet und hielten Rat, woher das rühren möchte. »Ist etwa eine Diebesbande eingebrochen?« sagte Minchens Vater. »Ach nein!« erwiderte ich, »ich höre zu fröhliche Töne und sehe auch keine Schildwache.« Als wir ins Haus traten, fanden wir einen Haufen Landleute, welche guter Dinge waren, rings um einen Tisch saßen und den Erntekranz feierten. Der Pfarrer war bereits zu Bette gegangen, nur Malchen, Minchens Schwester, welche sein Hauswesen in Ordnung hielt, lief uns entgegen, hieß uns mit der herzlichsten Freude willkommen und lärmte sogleich an dem Schlafzimmer des Pfarrers: »Stehen Sie auf, Herr Vetter!« rief sie immer, »geschwind stehen Sie auf! Es ist jemand da – ich soll's nicht sagen! – Ihr bester Freund ist da!« Halbangekleidet eilte er nun aus dem Zimmer und fiel mir um den Hals. O, wie küßten und zerdrückten wir uns! Um einen Tisch gelagert, den Malchen mit allerlei Erfrischungen besetzte, gossen wir dann unsre Herzen aus. Es strömte uns so reichlich vom Munde, wie wenn ein lang eingedämmter Bach endlich über die Schranken tritt. Erst als der Tag graute, suchten wir noch für ein paar Stündchen die Ruhe im Bette. Morgens um sechs Uhr gingen wir Minchen und ihrem Manne halben Weges entgegen. Unter einem schönen Baume, zu oberst am Abhang einer Waldwiese, saßen wir auf bemoosten Steinen und hüteten mit unsern Augen die Spitze der gegenüberstehenden Anhöhe, wo wir zum erstenmal die beiden Erwarteten zu Gesichte bekommen sollten. Endlich sah ich sie mit meinem Fernrohre anlangen und konnte mich nicht enthalten, ihnen entgegenzulaufen. Flink war ich im Tale und die Hälfte der Anhöhe hinauf. Minchen lohnte mich mit antwortender Freude, und ihr Mann überließ sie scherzend meinem Arme. Als wir zur Stelle gelangten, wo mein Freund und Minchens Vater uns erwarteten, gingen die Männer in eifrigen Gesprächen vor uns her und ich folgte ihnen mit meiner Teuren in der Entfernung einiger Schritte nach. Es war überaus angenehm, zwischen Blumen und Gesträuchen, im Schatten hoher Bäume nach langer Trennung an der Seite der Geliebten zu wandeln. O, wie viel hatten wir uns zu sagen! wie froh waren wir, ungehindert unsre ganze Seele entfalten zu können. Bald lenkte sich das Gespräch auf das Mißverständnis unsrer Trennung. »O, lieber Freund,« sagte sie unter anderm, »du hattest wohl Ursache, eifersüchtig zu sein; ich glaubte nicht, daß sich ein Geistlicher soweit vergessen könnte; du warst immer so gut! Aber der andre – ach, mit Abscheu ward ich gewahr, daß ich mich betrogen hatte. Mit Freuden denk ich immer an deine Liebe, aber an des Paters Betragen kann ich nie ohne Widerwillen denken. O, wie schmerzte es mich, daß du mich mißkennen mußtest! Es ist gut, daß du nicht weißt, wieviel es mir Kummer machte, deine Freundschaft samt deiner Achtung verloren zu haben. Aber sieh, seitdem bringt mich niemand mehr zu diesem Manne, und ich komme gewiß nicht wieder in diese Gefahr!« Wie wohl tat das meinem Herzen! Wie süß schmeichelte es allen meinen Gefühlen! Ich konnte nicht anders, ich mußte das liebe Weib an meine Brust drücken und ihr von neuem meine ganze Hochachtung und Liebe zusichern. Ein froher Tag schwand uns hin. Süßes Geschwätze, Scherz und Spaziergänge beflügelten die Stunden. Mein Freund und Malchen boten alles auf, um uns Freude zu machen. Nach dem Abendessen saßen wir bis nach Mitternacht beisammen. Endlich als man, einen kurzen Schlaf zu suchen, zu Bette ging, traf mich das Los, in einem Kämmerchen zu liegen, wovon eine Seitenmauer an das Zimmer stieß, in welchem Minchen schlafen sollte. Von ihrem Vater und Gatten begleitet, hatten wir unsre beiden Geliebten, nicht ohne zu seufzen, an ihre Betten geführt, die ihnen in den zwei Alkoven des nahen Zimmers bereitet waren, kamen wie sinnend zurück und verloren uns von neuem in traulichen Gesprächen. Sehr spät trennten wir uns, um ein wenig auszurasten. Aber als ich in mein Schlafzimmerchen kam und mein Minchen so nahe wußte, da wollte kein Schlummer meine Augenlider schließen. Tausend Gedanken wälzten sich in meinem Gehirne umher. Jeden Atemzug Minchens glaubte ich zu hören. »Ach, sie liegt dir so nahe,« dachte ich, »und doch – o, hüte dein Herz, daß ihm kein unedler Wunsch entfliegt! Gott, wie viel Seligkeit muß ich missen! Nie darf ich Gatte sein, nie Vater! versagt sind mir die süßesten Freuden des Lebens.« So verlor ich mich in schmerzlichen Vorstellungen. Mein Kopfkissen wurde benetzt, mein Gram ward zum kläglichen Laute; meine Sinnlichkeit sehnte sich nach einem Gute, nach welchem Vernunft und Religion mir das Sehnen verboten. Ich kämpfte und siegte und konnte doch lange des Kampfes nicht ledig werden. »Wie leicht wär' es jetzt,« sagte ich einmal zu mir selbst, »das schöne Weib in seinem Kämmerchen zu überraschen! Wie leicht ließen sich die beiden Türen unbemerkt öffnen! Malchen schläft gewiß tief! Aber – wohin verirr' ich mich! Welche Einfälle erlaub' ich mir! O, ich müßte mich verabscheuen, wenn ich die Edle zu einer schändlichen Handlung verleiten könnte! Die Vorwürfe meines eigenen Herzens müßten mich unsinnig machen! Minchen würde mich hassen, nach einer solchen Tat, wenn sie sich auch im Sturme der Leidenschaft einige Augenblicke vergäße! Und ach, wie könnte sie ihre Pflichten jemals vergessen, die Tugendhafte? Erinnere dich deines Nebenbuhlers und wiederhole dir die Worte, mit denen sie über seine Unart sich beschwerte! Sagte sie nicht: an des Paters Betragen kann ich nie ohne Widerwillen denken? Und sie sollte an dich jemals mit Widerwillen denken? 0 nein, edles Weib! Du sollst, wie von jeher, mit Freuden an mich denken! Ich will nicht wünschen, was ich nicht darf, will mir nie einen unedlen Gedanken erlauben, will – dulden und missen.« So kämpfte, weinte und siegte ich wechselweise und warf mich im Bette umher, bis der Tag anbrach. Sehr frühe sprang ich aus den Federn, lief ins Grüne hinaus und versuchte durch die Harmonie der Natur wieder Harmonie in meine müde, verstimmte Seele zu bringen. Es geriet mir einigermaßen, und der Mesner rief mich bald zum Messelesen in die Kirche, so daß ich genugsam zerstreut und allmählich durch Erhebung des Herzens wieder gestärkt ward. Denn ich unterließ nicht, während des sogenannten Memento Gott um Hilfe anzurufen. Beruhigt trat ich wieder in den Pfarrhof. Aber dennoch streifte Minchen, als sie mich beim Frühstücken traf, mit forschenden Blicken über mich hin und sagte: »Sie sehen etwas verstört aus, lieber Freund! Schliefen Sie vielleicht nicht gut? Ich glaubte einmal Ihre Stimme zu hören.« »Ich habe schlimme Träume gehabt,« sagte ich und drückte ihre Hand, »nun bin ich froh, daß ich wieder erwacht bin!« Sie blickte mir zärtlich in die Augen und schwieg. Es ward eine Chaise mit ein Paar Pferden bespannt, Minchen und ihr Mann fuhren nach einem freundlichen Abschied ihrer Heimat zu, und ihr Vater und ich, von dem Pfarrer eine Strecke begleitet, traten zu Fuße den Weg nach Donauwörth an. Mit innigster Rührung erneuerten wir, mein treuer Freund und ich, auf einer blumigen Waldwiese unsern Bund und schieden unter den aufrichtigsten Segenswünschen voneinander. Ach, seitdem sah ich den Redlichen nicht mehr! – Als ich gegen neun Uhr mit Minchens Vater in seinem Hause eintraf, erwartete uns Minchen bereits. Weil sie wußte, daß ich noch an ebendemselben Tage nach Augsburg wollte, so hatte man mir ein niedliches Essen zurecht gemacht, wir setzten uns traulich um den Tisch her und hielten ein wahres Liebesmahl miteinander. Wohl und weh war es mir, als ich Abschied von den Guten nahm. Mit nassen Augen küßte ich alle, – auch mein tugendhaftes Minchen, und riß mich behende los. Wunderlich stürmten Gedanken und Empfindungen durch mich hin. Kaum weiß ich, wie ich vors Tor kam. Mit Sehnsucht und tausend Wünschen für das Wohl meiner Lieben sah ich oft nach der Stadt zurück. Sehr müde langte ich abends vor zehn Uhr in Augsburg wieder an und stellte mich am andern Morgen bei Herrn Provikar de Haiden, der mich mit Sehnsucht erwartet und schon angefangen hatte, zu fürchten, ich möchte etwa gar nimmer kommen.

Er hätte mich wahrscheinlich die kleine Reise gar nicht antreten lassen, wenn nicht bereits in der Mitte des Heumonats ein mir günstiges Dekret von Koblenz eingelaufen wäre. Obwohl dasselbe mir keine großen Vorteile gewährte, so glaubte er doch, es würde hinreichend sein, um mich für ein paar Jahre zu beruhigen. Das Dekret ward von einem Briefe des Herrn Statthalters begleitet und berichtete mir, Serenissimus habe mir den Kanzleiakzeß mit 150 fl. Gehalt gnädigst zugesagt. Ich bekenne offenherzig, daß ich bei Durchlesung des Dekrets mehr Mißvergnügen als Freude empfand, teils weil die Summe weit unter meiner Erwartung war, teils weil ich meine Hoffnung, dem Statthalter nicht mehr lästig sein zu dürfen, scheitern sah, teils weil ich nie die geringste Lust fühlte, ein ewiger Schreiber zu bleiben, wozu mich doch ohne fernere Aussicht das Dekret zu bestimmen schien.

»Mein künftiges Schicksal,« so antwortete ich Herrn von Ungelter, »ließe sich nun, wie mich deucht, ohne prophetische Brille so ziemlich genau voraussehen. Ich werde einige Jahre lang mit geringem Gehalt ein erbärmlicher Kanzleiakzessist, der eigentlich wenig mehr als gesunde Finger nötig hat, bleiben müssen, und sollte ich auch eines Kopfes bedürfen, so muß dies bei Arbeiten sein, die man sonst von Kanzleiakzessisten zu fordern nicht gewohnt ist. Während dieser Zeit verliere ich die besten Jahre, lerne nichts weiter als Schreiberschlendrian, muß mich mit Geschäften abgeben, die mir gewiß nicht die angenehmsten sind; diese Geschäfte bringen mir weder Ehre noch Aussicht auf glücklichere Tage, ich sehe mich zu ewiger Sklavenarbeit bestimmt. Darüber komme ich zu Jahren, in denen man nicht mehr imstande ist, etwas zu unternehmen, wo jeder andre Herr, dem man nicht seine ersten Kräfte gewidmet hat, Bedenken trägt, einen müdegearbeiteten Kanzleioffizianten, der noch dazu seine Vorurteile mitbringt, in Dienste zu nehmen. Also muß ich dann harren, man mag mit mir anfangen, was man will. Ein schlimmer Zustand, besonders auf einer Stelle, die für mich gar keine Reize hat! Kurz,« so äußerte ich mich endlich weiter, »auf diesem Wege gelange ich nie zur Zufriedenheit. Kein Wunder also, wenn ich beizeiten der Kanzlei zu entwischen suche, sobald sich ein Nebenweg findet. Diese Betrachtung enthält zugleich die Gründe, welche mich bewogen, Eure Exzellenz in meinem letzten Briefe mit soviel Vorliebe um Beförderung auf ein ländliches Benefizium zu bitten, nichts von dem zu sagen, daß ich einen armen Vater habe, dem ich gern bessre Tage machte, wenn mich nicht das Schicksal verdammt hätte, gerade zu der Zeit selbst dürftig zu sein, da ich eine geistliche Pfründe am nötigsten hätte, um seiner Dürftigkeit abzuhelfen.«

Wegen des Benefiziums oder der Frühmesserstelle in Zusam-Altheim, von der in Herrn von Ungelters Briefe Meldung geschieht, hatte ich ihm folgendes geschrieben: »Der Frühmesser zu Zusam-Altheim starb, Herr Hausmeister sagte mir, der Domkapitelsche Syndikus Schmid habe die Pfründe zu vergeben, ich sollte darum anhalten, vielleicht gelinge es mir, das Jawort zu erhalten. Ich tat es, allein Herr Syndikus hatte sie bereits einem Exjesuiten Hitzler, der von Pfalzbayern eine Pension von 300 fl. genießt, versprochen. Die Idee beherrschte mich, als Frühmesser mit wenigem vergnügt zu leben, nach Herzenslust zu studieren und mich endlich einmal einer Wissenschaft, die meinem Stande angemessen wäre (ich meinte die Philosophie), ganz widmen zu können, ohne befürchten zu müssen, von derselbigen ebenso, wie ehemals von der Mathematik und dann von den schönen Wissenschaften, hinweggerissen zu werden, kurz eine idealische Aussicht in Gefilde voll literarischer Muße und Zufriedenheit hatte in mir ein so lebhaftes Verlangen nach dieser geringen Stelle erregt, daß ich die Nachricht, sie sei schon vergeben, nicht ohne Schmerzen anhören konnte. Doch nur, was sein soll, schickt sich wohl. Ich tröste mich damit, die Vorsehung und ihr Werkzeug, Euer Exzellenz, haben mit mir etwas andres vor. Ich opfere also meinen Sinn, der ein ländliches Benefizium jeder andern Stelle vorziehen würde, gern Ihrem Gutdünken auf. Vielleicht bringen Sie mir von Koblenz eine gute Versorgung mit oder Sie kommen doch geneigter zurück, mir auf dem Lande eine kleine Pfründe, deren Besitz immer mein liebster Wunsch ist, zu erteilen.«

Als er von Koblenz zurückkam, stellte er mich in Gegenwart des Herrn Domdechants, Freiherrn v. Reischach, wegen meiner Vorliebe für ein Benefizium zur Rede. Ich legte beiden meine Gründe so kurz und deutlich dar, als ich eben konnte, und Herr von Reischach sagte mit seiner raschen Art: »Haben Sie nur Geduld! Man kann die Leute nicht totschlagen, daß sie Ihnen Platz machen! Wenn einmal ein Benefizium ledig wird, das ich zu vergeben habe, sollen Sie es unfehlbar erhalten. Dort hinten, nicht weit vom Pfaffengäßchen, wo Sie wohnen, sitzt ein alter, schwächlicher Benefiziat, sobald dieser in den Himmel wandert, können Sie an seine Stelle treten. Die Pfründe trägt zwar jährlich nur 24 Schaf Getreide, hat aber ein eigenes Haus nebst einem artigen Gärtchen, und wenn Sie sich anheischig machen, nebenbei im Domkapitelschen Archiv zu arbeiten, so dürfen Sie das auch nicht umsonst tun. Verlassen Sie sich auf mein Wort! Ich will Sie nicht vergessen, Sie sollen ein Benefizium haben!«

Von dieser Zeit an lud mich Herr von Reischach hin und wieder zu Tische, wiederholte jedesmal sein Versprechen und ermahnte mich, die Habilitation zu geistlichen Benefizien bald in Rom zu erholen, damit ich im Erledigungsfalle sogleich eintreten könnte. Wie getrost war ich seitdem! Mit welcher Empfindung sah ich nun das Benefiziathaus an! Es stand in einer Entfernung von etwa 100 Schritten dem Zimmer, das ich bewohnte, gerade gegenüber; Bäume nahmen es in kühlen Schatten, ein Gärtchen breitete sich an seinen Seiten aus. Ich fühlte bereits das Vergnügen zum voraus, das ich in diesem Aufenthalt der Ruhe genießen könnte, und machte schon Pläne, welches Zimmerchen mein Vater, den ich zu mir nehmen wollte, und welches ich bewohnen sollte, in welche Ecke ich eine Laube pflanzen, wo ich Rosenstauden anbringen, wie ich die Rasensitze verteilen würde usw. Von nun an ward an keine zweite Flucht gedacht.

Meine nächste Sorge war jetzt von Rom ad beneficia habilitiert oder für fähig zum Genusse geistlicher Pfründen erklärt zu werden. Da keinem austretenden Mönche (der ungeachtet der erhaltenen Lossprechung von den Gelübden dennoch stets Priester bleiben muß) damit gedient ist, sich ohne Pfründe oder ohne ein geistliches Amt brotlos in der Welt herumtreiben zu dürfen, so ist jeder gezwungen, die Habilitation, manchmal mit großen Kosten in Rom zu erkaufen. De Haiden hatte mir zwar schriftlich versprochen, so wie ich in Augsburg ankommen würde, sollte dieselbe für mich zu Rom impetriert werden. Allein ich habe schon oben gesagt, daß man mich unter allerlei Vorwand hinzuhalten suchte. Um dergleichen Ränken und Einwendungen auf einmal ein Ende zu machen, entschloß ich mich, alle möglichen Versuche zu wagen, um die Habilitation gratis von Rom zu erhalten.

Zuerst wandte ich mich an meinen ehemaligen Exerzitienmeister, Pater Alexander, den ich seither (um das Ansehen zu haben, als ginge ich zur Beichte) von Zeit zu Zeit auf seinem Zimmer besucht hatte. Bald kam von Rom die Antwort, man sollte sich vorläufig erkundigen, ob der arme Bittsteller auch imstande sei, 127 Scudi zu bezahlen, denn dies sei der geringste Preis, um den er die Habilitation, und zwar nur ex gratia, erhalten könnte. Da ich nun keine 127 Scudi im Vermögen hatte und überhaupt nicht gern Geld für römische Papiere ausgeben mochte, so ließ ich's dabei bewenden und beschloß, mein Heil bei dem neuen Nuntius Zoglio in München zu versuchen, erhielt aber unverweilt auf meine Bittschrift den Bescheid: Er sei mit den hierzu nötigen Fakultäten nicht versehen, ich sollte mich unmittelbar nach Rom wenden. Allein da ich wußte, daß in dieser heiligen Stadt kein Agent einen Schritt umsonst tut, so dachte ich, es würde das beste sein, mich erst nach der Reihe an alle Nuntien Deutschlands zu wenden und setzte eine dritte, sehr demütige Bittschrift an den Nuntius Pacca in Köln auf, in welcher ich sehr kläglich meine vergeblichen Versuche erzählte, und der ich überdies ein Begleitschreiben von de Haiden beifügte. Getrost ließ ich nun meine Schriften nach Köln abgehen und wartete drei Monate lang, bis endlich eine Antwort erfolgte. Sie hieß: der Herr Nuntius finde, nachdem er alles wohl erwogen habe, keine Ursache mehr, mir in meinem Gesuche behilflich zu sein, besonders darum, weil das Bistum Augsburg nicht zur Kölner Nuntiatur gehöre.

In großem Ärger darüber erzählte ich dem Herrn Statthalter von meinem Mißgeschicke. Er schien meine Klagen mit einigem Bedauern anzuhören und sagte endlich: Ich sollte ihm selbst eine Bittschrift anvertrauen, er wolle sie dem bischöflichen Agenten in Rom übersenden und demselben meine Sache empfehlen. »Nun, dachte ich, wirst du endlich gewiß zu deinem Zwecke gelangen!« Sogleich lief ich nach Hause, setzte die Supplike auf, schrieb sie ins reine, brauchte die Vorsicht, derselben ein Zeugnis meiner Armut und eine Abschrift der Saekularisation beizufügen und überreichte alles dem Herrn Statthalter. Mehrere Monate lang harrte ich geduldig auf die Ankunft der verlangten Urkunde, Herr Statthalter belebte von Zeit zu Zeit meine Hoffnung, die allmählich zu wanken begann. Der alte Benefiziat, von dem ich oben sprach, ward indessen sehr krank. Deswegen bestürmte ich Herrn Statthalter noch mehr mit Bitten. Nach einigen Tagen endlich, als ich ihn von neuem wieder sehr dringend um sein Vorwort gebeten hatte, rief er mich nach Tische in sein Kabinett, hielt einen Brief in der Hand und sprach: »Ihre Sache in Rom hat keinen guten Gang genommen, es tut mir leid! Aber der Papst ist ein Feind aller ausgesprungenen Mönche und will nichts von Ihrem Gesuche hören. Sehen Sie, was der Agent schreibt! »Der heilige Vater ist eben bei übler Laune gewesen, als ich meinen Vortrag für den Priester Bronner wagte, und antwortete mir: All diese abtrünnigen Mönche sind entweder Narren oder Schurken.« Ein verbissenes Lächeln saß um Herrn Statthalters Mund, als er dieses, nachlässig in den Brief schauend, mir vorlas. Aufgebracht über diese grobe Beschimpfung, erwiderte ich: »Wenn der Papst so gesprochen hat, so sprach er gewiß nicht ex cathedra und bewies wenigstens an mir, daß er nicht infallibel ist. Aber ich Zweifle, ob ein solches Wort jemals aus seinem Munde kam, und – glaube den Erfinder zu kennen: er mag das selber sein, was er mich nennt!« Scharf faßte ich ihn ins Auge, aber er ließ mich Buonfigliolis, des Agenten, Schreiben doch nicht einsehen und suchte mich durch bessre Worte zu beruhigen. Am Ende sagte ich dreist und kühn, indem ich mit dem Fuß auf den Boden stampfte: »Nun ist es beschlossen, ich muß die Habilitation haben, und wenn sich ganz Augsburg und alle römischen Agenten gegen mich verschworen hätten!« Er lächelte meiner Ohnmacht und ließ mich gehen. Zu Hause sprach ich zu mir selbst: »Um Geld ist den Römern alles feil! Wage einmal dein vierteljähriges Einkommen von 50 fl. daran, so bist du des vergeblichen Bettelns los und dein verstellter Gönner ist beschämt!« Sogleich setzte ich eine Bittschrift an den Nuntius Zoglio auf, erzählte ihm die bisherigen Vorgänge und teilte ihm mit, daß ich bei meiner Armut nur 50 fl. für die Dienste seines Sekretärs aufwenden könnte. Richtig, schon nach ein paar Tagen hatte ich eine Antwort im Hause, welche nicht vom Nuntius, sondern von seinem Sekretär unterzeichnet war und mich benachrichtigte, daß man sich meiner annehme und die Sache für mich in Rom betreiben wolle. Sogleich ging ich mit dem Briefe zum Herrn Statthalter und verkündigte ihm meine Freude. Aber ich sah deutlich in seinen Mienen, daß ihn diese Nachricht mehr bestürzte als ergötzte. Am Ende erbot er sich, er wolle meine 50 fl. bei seiner nächsten Reise mit sich nach München nehmen und mir dafür die Habilitation zurückbringen. Allein ich fürchtete, er möchte mir entweder ein neues Hindernis in den Weg legen oder die Habilitation in seinen Händen behalten, damit er mich verhindern könnte, mich ihrer im Auslande zur Erhaltung einer Pfründe zu bedienen. Sogleich schrieb ich also an den Sekretär des Nuntius, schickte ihm 52 fl., um mit den überflüssigen 2 fl. ihm seine kleinen Auslagen zu vergüten, und bat ihn, die Habilitation unmittelbar an mich zu senden. Den 6. April hatte ich endlich die langersehnte Urkunde in Händen und durfte nach Herzenslust über das großgeschriebene »Gratis« lachen, das ganz unten am Blatte paradierte. Nun konnte ich jedes einfache Benefizium, es mochte mit der Seelsorge verbunden oder nicht verbunden sein, annehmen und hatte auf einmal die Fähigkeit erlangt, vom Erbgut der Kirche zu zehren, sobald sich ein Großer finden würde, der mir eine Stelle an St. Peters Tische anzuweisen die Güte hätte. Wäre der alte kranke Benefiziat, dessen Pfründe mir Herr Domdechant versprochen hatte, nicht zusehends wieder zu mehreren Kräften gekommen, sobald ich die Habilitation erhalten hatte, so wäre wahrscheinlich mein Wunsch, Benefiziat zu sein, ein eigenes Haus und ein Gärtchen zu haben, bald in Erfüllung gegangen. Allein der Greis lebte indes wieder auf und genoß des schönen Frühlings wenigstens so gern als ich. Noch lange mußte ich mich mit Hoffnungen trösten.

Bald nach meiner Ankunft in Augsburg führte mich der Zufall in ein Haus, wohin mich in der Folge die Bekanntschaft mit dem Hausherrn und meine Geschäfte sehr oft riefen. Dieser Herr hatte ein armes Mädchen zur Verpflegung angenommen, das nach einiger Zeit an der Lungenschwindsucht sehr erkrankte. Weil das Mädchen sehr vollblühend aussah und niemand ihren wahren Zustand erriet, vermutete man anfangs, ihr Übelbefinden möchte zum Teil Verstellung sein. Selbst der Arzt bestärkte die Leute in diesem lieblosen Wahne. Wirklich erholte die Waise sich zusehends wieder, erkrankte aber bald von neuem und kam dann von neuem wieder zu Kräften. Dieser abwechselnde Zustand dauerte länger als ein Jahr, bis endlich die Ärzte entschieden, der Kranken sei nicht mehr zu helfen. Eben der Wechsel ihrer Gesundheitsumstände verursachte, daß sie vorzüglich von den Mägden im Hause als eine Betrügerin, die durch falsches Vorgeben nur ihre Bequemlichkeit suchte, angefeindet wurde. Auch verlor sich dies Vorurteil gegen sie erst auf ihrem Sterbebette. Der zweifelhafte Charakter des Mädchens, das Verlangen des Hausherrn, ich möchte ihre Sitten etwas näher beobachten, und meine eigene Begierde, über ihre Aufrichtigkeit und Verstellung ins klare zu kommen, bestimmten mich, sie öfters an ihrem Krankenbette zu besuchen. Freundlich setzte ich mich an ihr Lager, erzählte ihr allerlei Geschichten, las ihr angenehme Stellen aus Büchern vor und ließ ihr zum Zeitvertreib verschiedene unterhaltende Schriften zurück. Sichtbar gewann ich dadurch ihr Herz, eine schnelle Röte flog auf ihre Wangen, so oft ich in ihr Zimmer trat, sie erhob sich mit den heitersten Blicken in ihrem Bettchen und streckte mir schon von weitem die Hand zum Gruße entgegen. Ihr Charakter hatte etwas Frommes, Kindliches, Unschuldiges und Stilles, und ich merkte bald, daß sie keiner Verstellung fähig und im Ernste krank sei. Ich hatte aber zu wenig medizinische Kenntnisse, um entscheiden zu können, welche Krankheit eigentlich ihr Befinden so umschlägig mache. Dennoch teilte ich meine Bemerkungen dem Hausherrn mit, der sie dann gegen alle Bedrückungen der Dienerschaft eifrig in Schutz nahm. Wenn ich der Kranken eine besondere Freude machen wollte, so pflückte ich im Garten einen hübschen Blumenstrauß und legte ihn auf ihr Bett; man kann nicht glauben, mit welchem Entzücken sie ein solches Geschenk annahm und mit welcher Wollust sie den Duft der Blumen in sich sog. Ihr ganzes Wesen, das sich bei solchen Gelegenheiten doppelt zu beleben schien, dankte mir mit einem so unverstellten Ausdruck von Entzücken, daß ich gern alle Gartenbeete ihres Schmuckes beraubt hätte, um dem guten Kinde dieses Vergnügen recht oft zu machen. Einst als ich ihr eben einen Blumenkranz brachte, ergriff sie meine Hand mit einer Zärtlichkeit, die mir an ihr ganz fremd war, und drückte sie mit einer Innigkeit an Mund und Wangen, die mich überraschen mußte. Ihren Augen entfielen einige Tränen, und ich wußte mich nicht sogleich zu fassen. »Lenchen, was machst du?« fragte ich erstaunt, »was ist dir?« Sie ließ meine Hand nicht los, drückte sie noch immer an ihre Wange und sprach: »Ach, Sie sind doch der einzige, der mich nicht mißkennt, der es gut mit mir meint! O, wie dank' ich Ihnen!« »Gutes Kind,« erwiderte ich gerührt, »deine Freude ist mir der schönste Dank! Aber laß den trüben Gedanken nicht aufkommen, daß dich alle mißkennen! Glaube mir, der Hausherr schätzt dich und hat dich lieb, wie ein Vater.« Ihre Seele hing von dieser Stunde an mit unverstellter Zuneigung an mir. Sie erholte sich wieder ein wenig und versäumte keine Gelegenheit, mir kleine Gefälligkeiten zu erweisen. Von neuem begann der Wechsel von Übelbefinden und Wohlsein. Ihr Ende nahte. Sterbend drückte sie mir noch einmal die Hand und schien mit gedörrten Lippen etwas stammeln zu wollen. O, welche Wehmut ergriff mich da! Bald ertränkte die Krankheit ihr Herz, und ihr frommer Geist entflog. Gute Waise! Dein Leichnam sank wenigstens nicht in die Grube, ohne daß dir eine Träne floß. –

Mein Betragen gegen Lenchen hatte mir, ohne daß ich es wußte, die Zuneigung eines andern jungen Mädchens gewonnen, welches als Wärterin gewöhnlich zugegen war, wenn ich ans Krankenbett trat. Einst hätte sich Lenchen beinahe mit derselben entzweit, weil ihr Lisette, als ich einen Augenblick weggegangen war, eine Rose genommen und vor ihren Busen gesteckt hatte. Ich kam eben dazu, und Lenchen klagte mir mit kindischem Ernst ihren Verlust. Lisette nannte sie eine Wunderliche und gab ihr die Blume nicht wieder. Ich mußte lachen, ging in den Garten, holte andre Rosen und brachte sie den Mädchen ins Zimmer: »Nehmt hin,« sagte ich, »teilt und lernt mir friedlich sein!« Und sie teilten lächelnd die Blumen auf Lenchens Bett! Als die Waise begraben war, traf ich einst Lisetten allein im Zimmer der Herrschaft. Wir plauderten eine Weile von gleichgültigen Dingen. Endlich fielen wir auch auf die Verblichene. Lisette seufzte und sprach mit niedergeschlagenen Augen: »Ach! wenn ich Ihnen nur halb so lieb wäre, als das gute Lenchen!« Ich stutzte, besann mich ein wenig und antwortete, sie wäre mir immer wert gewesen und würde es gewiß so lange bleiben, als ich Achtung für sie haben könnte. Ich wüßte sehr wohl, daß sie ein gutes Herz und viele gute Eigenschaften besäße, und es sei mir recht lieb, daß sie auf meine Freundschaft einigen Wert legte. So oft ich von nun an ins Haus kam, war sie ausnehmend freundlich und erwies mir alle mögliche Aufmerksamkeit. Um ihre Freundlichkeit einigermaßen zu belohnen, gab ich ihr ein hübsches Gebetbuch, das sie einst bei mir gesehen und mit Wärme gelobt hatte. Sie freute sich sehr meines Geschenkes und zeigte es mir immer mit einer frohen Geberde, wenn sie es in der Kirche an mir vorübertrug. Lange lebten wir so in einem nicht unangenehmen Austausche gegenseitigen Wohlwollens, das sich in freundlichen Blicken und Worten äußerte. Nur selten ergriff ich ihre Hand, um sie zu drücken. Einmal, als ich es eben beim Abschiede mit merklicher Wärme getan hatte, drückte sie meine Rechte feurig mit beiden Händen, drückte sie an ihre Wange, zog mich an den Stuhl, auf dem sie saß, und legte mit einem lebhaften Ausdrucke von Zärtlichkeit in Blicken und Geberden ihr Haupt an meine Brust. Ich konnte mich nicht enthalten, diese Zärtlichkeit zu erwidern, neigte mich hinab und küßte ihre Wange. »Ach, was machen Sie?« rief sie nun aus, »das müssen wir ja beichten! Küssen ist eine Sünde!« »Armes Kind!« sagte ich und konnte mich des Lächelns nicht enthalten, »nimmt denn Ihre Keuschheit Schaden durch einen solchen Kuß? Oder gegen welches Gebot verfehlte ich mich wohl? Aber sorgen Sie nicht! Wenn Sie so ängstlich sind, so will ich Sie nimmer in Verlegenheit setzen!« »Ach!« erwiderte sie ganz naiv, »wenn das Küssen keine Sünde wäre! wenn ich das gewiß wüßte, so möchte ich mich wohl einmal an Ihnen satt küssen! Aber ich kann Ihrer Versicherung nicht trauen! O, gehen Sie nun, gehen Sie! Verlassen Sie mich!« Ihr ganzes Angesicht brannte wie das Morgenrot, als ihr diese Worte entfuhren, ihre Hand schob mich leise von sich, ihre Augen waren schamhaft abgewandt. Ich fühlte Begierden in mir entstehen, die nichts minder als edel waren. Unschlüssig stand ich ein Weilchen. Nur die Gedanken: »Noch ist sie ein schuldloses Mädchen und Magd im Hause deines Freundes«, konnten mich zurückschrecken. Seufzend riß ich mich los und eilte tiefsinnig ins Grüne hinaus. »Wie oft soll ich mich noch geliebt sehen und doch nicht genießen?« Dieser Einfall drängte sich mir immer von neuem auf. Wenn ich mich durch die Betrachtung des Unrechts, ein noch unverdorbenes Mädchen zu mißbrauchen, oder durch einen Blick auf die möglichen Folgen eines Fehltrittes von dieser Art zum mutigen Vorsatze, meine Hitze zu mäßigen, gestärkt hatte, so riß manchmal die Sinnlichkeit im nächsten Augenblicke meinen ganzen schönen Gedankenbau wieder ein, und ich überraschte mich über Plänen, des willigen Mädchens recht ungestört und gefahrlos zu genießen. Bald merkte ich, daß Vermeidung des Alleinseins mit Lisetten mein einziges sicheres Rettungsmittel wäre, und entschloß mich, der Gelegenheit sorgfältig auszuweichen. Aber ich führte mein Vorhaben nicht immer mit Standhaftigkeit aus und ließ mich von der Leidenschaft mehr als einmal hinreißen, zu einer Stunde in ihr Zimmer zu treten, wo ich vermuten konnte, sie würde allein sein. Mein Verdienst war es also nicht, wenn unsre Bekanntschaft unschuldig blieb. Aber durch eine sonderbare Fügung der Umstände, für die ich nachmals der Vorsehung oft dankte, traf ich sie entweder wider Vermuten in Gesellschaft einer Gespielin oder so verstimmt und mit dringenden Geschäften überhäuft an, daß an die Befriedigung meines sträflichen Verlangens gar nicht zu denken war. Ich machte mir dann freilich Vorwürfe über meinen Wankelmut, aber wirklich mußte ich diese Vorwürfe mehr als einmal wiederholen. Manchmal fühlte ich auch, daß die heftigen Begierden, welche in der Entfernung von ihr die Phantasie entzündet hatte, in ihrer Gegenwart, beim Anblicke ihrer Unschuld und Unbefangenheit, völlig wieder schwiegen und bessern Gefühlen Platz machten. Eine Ebbe und Flut von wollüstigem Verlangen und bessern Vorsätzen wechselten in meinem Herzen ab. Nun erschien ein neuer Diener im Hause. Nach ein paar Wochen glaubte ich an dem Mädchen etwas Freieres in ihren Blicken zu bemerken. Sonst war sie sittsam und schüchtern gewesen, und aus ihren meisten Äußerungen hatten leise Züge jungfräulicher Zurückhaltung hervorgeleuchtet. Welcher Ursache ich diese Veränderung beizumessen hätte, fiel mir nicht sogleich ein. Aber ihr vertrautes Spaßen mit dem Diener brachte mich bald auf die rechte Spur. Doch dachte ich nicht, daß sie bereits etwas mehr als ein Küßfest gefeiert hätten. Zu eben der Zeit fügte es sich, daß Lisette von ihrer Herrschaft einer Botschaft wegen eilig auf mein Zimmer geschickt wurde. Indem ich sie traulich bei der Hand ergriff, sagte ich in scherzhaftem Tone: »Lieschen, ich merke wohl, daß mich ein andrer abgelöst hat!« »Ach,« erwiderte sie mit einem Feuer, das ich nie an ihr bemerkt hatte, »wenn Sie heiraten dürften, so wollte ich nie einen andern lieben als Sie.« Da umschlang sie mit beiden Armen meinen Hals, überhäufte mich mit brennenden Küssen, sah mich eine Weile zärtlich an und ließ sich wie ermattet auf einen Stuhl nieder, der zunächst an meinem Bette stand. Das Wollüstige, das sich in ihrem ganzen Benehmen verriet, überraschte mich und brachte mich schnell zum Nachdenken. »Ist das Mädchen etwa schon verführt?« dachte ich. Ihr Schäkern mit dem Bedienten fiel mir ein. Eifersucht stahl sich in meinen Busen. Etwas Kaltes und Zurückhaltendes schlich sich merklich in mein Betragen und kühlte auch des Mädchens Hitze schnell ab. Sie schützte vor, daß sie nach Hause eilen müßte, und verließ mich geschwind mit einem Blicke voll Mißvergnügens. Bestürzt, mit aufglimmender Glut des schmerzlichsten Argwohns im Herzen, folgte ich ihr in meines Freundes Wohnung und nahm mir unterwegs vor, es koste was es wolle, der Wahrheit oder Unwahrheit meiner Vermutung auf den Grund zu sehen. Vor allem suchte ich die Stunde ausfindig zu machen, in welcher der Diener unbemerkt zu Lieschen schleichen könnte. Mehrere Umstände zeigten an, daß es gewöhnlich dann geschehe, wenn die Herrschaft bei Tische sitze. An einem Herbstabend, als eben ein dicker Nebel alle Gegenstände mit tieferm Dunkel umhüllte, schleppte ich so stille als möglich, eine Leiter, die ich in der Nähe wußte, an Lieschens Kammerfenster, stellte mich in einen abgelegenen Winkel, aus welchem ich die Treppe beobachten konnte, welche der Diener zu steigen hatte, um zu dem Mädchen zu gelangen, und harrte geduldig, was erfolgen würde. Bald sah ich den Diener vorsichtig umherschauend hinaufschleichen. Mit klopfendem Herzen lief ich zur Leiter, stieg leise hinauf und blickte durch eine Lücke zwischen den Fenstervorhängen, die gezogen waren, neugierig hinein. Da saßen die beiden Vertrauten auf dem Bette, schwelgten in Küssen und noch etwas mehr. In meinem Herzen brannte es, mein ganzer Körper zitterte, eine Stange der Leiter war etwas verkrümmt und lag nicht ganz fest an der Wand an, sie zitterte mit und brachte ein Klopfen hervor, das selbst die Entzückten aufmerksam machte. Sie fuhren auf, der Diener lief ans Fenster, ich sprang, noch ehe er mich erblicken konnte, von der Leiter, warf sie um und lief mit ihr im Nebel davon. Es war eine überaus unangenehme Empfindung, die ich nun hatte, so oft ich das Mädchen erblickte. Unmöglich konnte ich mich entschließen, jemals wieder, ohne die höchste Not, auch nur das geringste Wörtchen mit ihr zu reden. Die Eifersucht ließ mich jedoch nicht ruhen, bis ich die Geheimnisse der Verliebten vollständig entdeckt hatte. Um inne zu werden, ob sie auch nächtliche Zusammenkünfte hielten, ersann ich folgendes Mittel: ich hatte bemerkt, daß der Diener abends immer in Filzschuhen umherging, wahrscheinlich, um leiser schleichen zu können. Aufmerksam lauschte ich also, bis ich einmal Gelegenheit fand, ohne von jemandem bemerkt zu werden, seine Filzschuhe unten mit Öl bestreichen zu können. Den andern Tag sah ich seine Tritte, mit öl bezeichnet, deutlich bis zum Bette des Mädchens. »Soll ich die Treulose bestrafen?« fragte ich mich selbst voll Unmut, Eifersucht und Nachgier, »soll ich meinem Freunde entdecken, was in seinem Hause vorgeht? Lisette hätte zwar keine Schonung verdient, aber nein! Ich will sie nur mit Verachtung bestrafen!« Gegen den Diener erlaubte ich mir keine andre Rache, als daß ich einst in seiner Gegenwart die List, die ich gebraucht hatte, um hinter seine Tücken zu kommen, dem Hausherrn, meinem Freunde, erzählte, gerade so, als wenn die Sache anderswo vorgefallen wäre. Der Schuldige stand wie auf Kohlen, wagte kein Auge zu erheben und erwartete alle Augenblicke, verraten zu werden. Allein ich ließ es dabei bewenden, daß ich den Herrn in allgemeinen Ausdrücken warnte, ein wachsames Auge auf die Bekanntschaft seiner männlichen Bedienten mit dem weiblichen Gesinde zu haben. Zu dieser Warnung hielt ich mich der Ehre seines Hauses wegen verpflichtet. Meinem Vorsatze, mich nie durch Angabe der Schuldigen zu rächen, aber auch nie mehr ein Wort mit Lieschen zu verlieren, blieb ich mehrere Jahre lang höchst getreu. Das letzte brachte Lieschen und ihren Liebhaber so sehr gegen mich auf, daß sie sich von Zeit zu Zeit sogar Lügen erlaubten, um mich bei ihrer Herrschaft anzuschwärzen und um die Gunst derselben zu bringen. Allein das Vertrauen meines Freundes, der mir immer alle neuen Beschuldigungen sogleich offenherzig entdeckte, setzte mich in den Stand, jede derselben ohne Mühe zu zerstäuben und ihren Untergrund handgreiflich darzulegen. Destomehr gewann mein Vorsatz, mich nicht zu rächen und zu schweigen, an Festigkeit, und ich verließ Augsburg, ohne ihn gebrochen zu haben. Es fiel zwar auf, daß ich mit dem Mädchen, dem ich ehemals im Scherz zuweilen eine Schmeichelei gesagt hatte, nun gar kein Wörtchen sprach, und man fragte mich öfters um die Veranlassung dazu. Aber ich wich einer genaueren Erläuterung immer mit der Antwort aus, die ich in scherzhaftem Tone vorbrachte: »ich hätte geheime Gründe, die nicht mitteilbar wären.« Im Spaße riet man dann wohl gar, ich müßte gewiß einen Korb von dem Mädchen bekommen haben.

Die Gefahr, unedel an Lisetten zu handeln, entsprang größtenteils aus dem Umstande, daß ich zwar wegen ihres Äußern und ihrer Hingegebenheit Neigung für sie empfand, aber wegen ihrer übrigen Gaben nur wenig Achtung für sie hegen konnte. Es war eins von den gewöhnlichen Geschöpfen, die nur da zu sein scheinen, um die Sinnlichkeit eines Mannes zu reizen, ohne sein Herz zu interessieren. Je öfter und ernster ich nach einem gefährlichen Besuche in mein Inneres blickte, desto lebhafter fühlte ich die Notwendigkeit, eine so ganz sinnliche Neigung zu unterdrücken. Ich fiel auf den Gedanken, sie durch eine bessre Liebe zu verdrängen. Die Rückerinnerungen an Minchens unschuldige Zärtlichkeit, an das schöne Fräulein in Dillingen und sogar an das arme Lenchen regten in mir ohnehin eine stille, anhaltende Sehnsucht auf, von neuem in so reinen seligen Gefühlen zu schwärmen. Ich versuchte, die Bilder dieser liebenswürdigen Wesen mit den hellsten Farben meiner Phantasie recht lebendig auszumalen. So oft mir dies gelang, schwiegen die niedrigen Begierden. Hätte die Hoffnung, jemals wieder an ihrer Seite durch zärtlichen Umgang glücklich sein zu dürfen, meinen Bildern Haltung und Konsistenz verliehen, so glaube ich nicht, daß mir Lisette ferner gefährlich gewesen wäre. Aber nur zu bald merkte ich, daß auch die lebhaftesten Gemälde der Einbildungskraft kaum vermögend sind, die Eindrücke zu verdunkeln, welche eine sichtbare und fühlbare reizende Gestalt auf die Sinnlichkeit macht. Zugleich suchte ich überall das liebliche Mädchen, das durch Unschuld des Lebens und Vorzüge des Geistes meine Hochschätzung und Zärtlichkeit verdienen und mich durch eine edlere Liebe beseligen könnte. Allein wo sollte ich das Mädchen finden? Dergleichen edle Wesen sind große Seltenheiten. »Und wenn ich es fände, würde es mich auch lieben? Dies Glück wäre noch eine größere Seltenheit!« dachte ich und suchte umsonst hin und her.

Ein geschickter junger Mann, den ich schon in Dillingen so genau kannte, daß er mir alle Liebesbriefchen seines Mädchens zu lesen gab, besuchte mich öfters auf meinem Zimmer und ging mit mir aufs Feld spazieren. Wenn ich an einem Busche saß und dichtete, so bemächtigte er sich gern meines Fernrohrs, bestieg eine nahe Anhöhe und genoß dort der Aussicht über einen Garten hin nach dem Landhause einer adeligen Herrschaft, bei der seine Geliebte als Kammerjungfer in Stellung stand. Stundenlang konnte er lauschen und dem antwortenden Mädchen zuwinken. Die Briefe, die ich gelesen hatte, zeugten von dem Witze und der Herzlichkeit Lenorens. Sie hatte sich nicht wenig durch Lektüre gebildet und wußte sehr artig zu schreiben. So fein und munter sie übrigens war, so zärtlich und aufrichtig hing sie doch an ihrem Jüngling. Zuweilen nahm ich selbst das Fernrohr zur Hand und beobachtete das Mädchen. Ihr Antlitz war ein schönes Oval, lilienweiß, mit einem schwachen Anhauch lieblicher Rosenröte, von lichtbraunen Haaren umwallt und von großen, dunkelbraunen Augen belebt, ihr Wuchs schlank, kaum mittelmäßig hoch mit einem schön gebildeten Busen und schmächtiger Taille. So hatte sie Reize genug, um meinen Augen nicht ganz gleichgültig zu bleiben. So oft ich sie erblickte, saß sie am Nährahmen oder am Fenster mit irgendeiner weiblichen Arbeit beschäftigt und plauderte mit ihrer Gespielin oder trillerte ein Lied, so daß der liebliche Ton über den Garten herüber bis zu meinen Ohren drang. Dies gab mir einen hohen Begriff von ihrer Arbeitsamkeit und vermittels derselben eine sehr vorteilhafte Meinung von ihrer guten Gemütsart. Überdas grüßte sie mich immer sehr freundlich, wenn mich ihr das Ungefähr auf dem Wege entgegenführte. Denn ihr Geliebter hatte ihr längst vertraut, daß ich sein guter Freund sei, vor dem er keine Geheimnisse habe. Lenore kam wöchentlich einmal in das Haus einer Bekannten, der sie von ihren Herzensangelegenheiten erzählte. Diese Bekannte hatte aber längst ein Auge auf Lenorens Geliebten, erwartete eine hübsche Morgengabe und die Anwartschaft auf ein einträgliches Ämtchen für ihren künftigen Mann, war nicht übel gebildet und wußte ihre Sache, selbst durch Lenorens unvorsichtige Beihilfe, so gut zu machen, daß der betörte Jüngling seine erste Geliebte vernachlässigte und sich gänzlich der neuen Eroberin hingab. Da sah ich Lenoren oft traurig im Garten ihrer Herrschaft umherirren, mit klagenden Geberden ihren Zustand ausdrücken und in Lauben oder an Rainen sitzend, wehmütige leise Lieder singen. Wie hätte ich dies ohne Mitleid ansehen können? Nur eins wollte mir in ihrem Betragen nicht gefallen: sie klagte lauter und geberdete sich trauriger, wenn sie merkte, daß ich in der Nähe sei. Überhaupt schloß ich aus allerlei kleinen Zügen, es müßte etwas Listiges und Kokettes in ihrem Charakter liegen. Wäre diese Bemerkung nicht gewesen, so hätte ich mich ohne Zurückhaltung, mit vollem Zutrauen, der Liebe des schönen Mädchens ergeben. Allein so blieb mir bei aller Neigung, die mich zu ihr hinzog, doch noch manche Besorgnis im Herzen zurück. Die Vorzüge ihres Geistes und Körpers und mein Bedürfnis zu lieben, das eben wegen meines bedenklichen Verhältnisses mit Lisetten sehr laut sprach, reizten mich zwar, das schöne Kind manchmal halbe Tage lang mit meinem Fernrohr unbemerkt zu belauschen, aber ich konnte es doch lange nicht über mich gewinnen, ihr von meiner Neigung etwas merken zu lassen. Nach langem Besinnen wagte ich's endlich, ein Liedchen, das ich gedichtet hatte, mit etwas verstellter Handschrift abzuschreiben, einen Kiesel darein zu wickeln und, als Lenore nahe an der Gartenmauer, hinter der ich stand, einsam vorüberwandelte, es ihr nahe vor die Füße zu werfen. Welche Verwirrung bemächtigte sich meiner, als es geschehen war! Scham, Furcht, Hoffnung und Freude durchbebten mich, als ich zwischen den Häuptern der Spalierbäume hin das Mädchen erblickte, wie sie wundernd das rollende Papierchen aufhob, es bedächtig entfaltete und in eine Laube schlich, um es ungestört zu lesen. Mich hatte sie nicht entdeckt. An einem schönen Morgen der nächsten Tage hatte ich von meiner Höhe herab Lorchen wieder belauscht und warf ihr abends folgende Verschen zu:

Mir wollte heut ein gut Geschick
Frühmorgens Freude machen;
Ich sah, o süßer Augenblick!
Schön Liebchen beim Erwachen.

Kein böser Fischbeinharnisch barg den Wuchs,
der mich entzückte.
Nur schade, daß so kurz und karg
Ihr Anschaun mich erquickte!

Doch – hätt' ich Augen wie ein Luchs
Und sah sie immer stehen,
Ich würd' an ihrem schlanken Wuchs
Gewiß nie satt mich sehen!

Geschwind hob sie das Blättchen mit dem eingewickelten Steinchen auf, hüpfte zur Gartentür, öffnete sie schnell und überraschte mich auf der Höhe an der Mauer. »Ha! so sind Sie es wirklich?« sagte sie etwas ängstlich aber doch freundlich und trat mir ein wenig entgegen, »ich dachte gleich, die Verschen könnten nicht wohl von einem andern herrühren als von Ihnen, dem Freunde meines Freundes. O, nehmen Sie geschwind dies Briefchen und geben Sie mir bald Antwort!« Bestürzt und verwirrt war ich ihr entgegengegangen, nahm den Brief und sah sie flink und schüchtern in den Garten zurückhüpfen. Sie schrieb:

Hochwürdiger Herr!

Als mir mein Freund noch gut war, erzählte er mir öfters, daß Sie der Besitzer so schöner Bücher seien, und ich wünschte lange vergebens, von Ihnen einige zu erhalten. Denn meinem N. getraute ich nichts zu sagen, weil er mich immer schmähte, so oft er mich lesen sah. Aber nun freue ich mich recht sehr, Sie selbst darum bitten zu können. Lesen ist das einzige, was mich noch aufrecht erhält und mein Schicksal ein wenig vergessen macht. Schon eine geraume Zeit herrscht eine schreckliche Unruhe in meinem Innern. Keinen Freund, keinen einzigen Menschen hab ich, dem ich es anvertrauen darf, um nicht zum Gespötte der Leute zu werden. Sie besitzen ein edles Herz, das weiß ich, aber ach, wie schmerzlich würde es mir sein, wenn Sie etwa durch dieses Schreiben beleidigt werden sollten! O, ich bitte Sie, verübeln Sie mir's nicht, nehmen Sie Anteil und gönnen Sie mir, daß ich Ihnen alles schreibe, was mir auf dem Herzen liegt.

Mein N. war mir gut – o Gott! noch mehr als gut, und nun verläßt er mich und raubt mir meine Ruhe, die ich ohne ihn zeitlebens nicht mehr finden werde. Was mich aber am meisten schmerzt, ist, daß ich nicht einmal die Ursache weiß, warum er mich verläßt. Fast zwei Jahre war ich glücklich und ich zweifelte oft, ob es jemanden gäbe, der glücklicher wäre als ich. Und jetzt – ach wie ist alles um mich her so öde! – Ich traute seinen Versicherungen, glaubte nicht, daß es möglich wäre, so hintergangen zu werden. Aber nun muß ich es wohl glauben, daß ich ein betrogenes Mädchen bin. Deswegen wünsche ich, vor jedem Menschen mich verbergen zu können, und mir ist nichts angenehmer, als allein im Garten zu spazieren und mich ungestört an die verflossenen glücklichen Augenblicke zu erinnern, zu seufzen und den stummen Bäumen meine Leiden zu klagen. Mitleiden finde ich bei ihnen ebensoviel als bei Menschen. Schwermut befiel mich heute, als mir der alte Hausbediente sagte, N. sei krank.

Vergeben Sie mir! Mein Herz war zu voll, es fühlt sich nun erleichtert, da es sich ausgegossen hat. Ich weiß, daß N. Ihr sehr guter Freund ist und ich zweifle nicht, er wird Ihnen die Ursache seines jetzigen Betragens gegen mich entdeckt haben. Oder hat er niemals etwas von mir gesprochen? Ich bitte Sie, machen Sie mir's doch durch etliche Zeilen zu wissen!

Lenore.

N. S. Solange ich atme, verlange ich keine Liebeserklärungen mehr. Mein N. machte mir Beteuerungen ohne Zahl, und nun – wohin sind sie verschwunden? Ach, die zärtlich liebenden Jünglinge! Sie leiden viel den Mädchen zuliebe – ihrer Aussage nach – sie weinen sogar! Aber mir kommen diese Tränen vor, wie Krokodilstränen. Nur so lange weinen sie, bis sie ein Mädchen im Garne haben, bis dessen Ruhe dahin ist – dann verlassen sie dasselbe. Ich habe eine zu schmerzliche Erfahrung gemacht, als daß ich wieder trauen könnte!

Dies war der Inhalt des Briefes. Wie sehr fand ich mich in meiner Erwartung betrogen! Ich hoffte, sie wenigstens einigermaßen zu interessieren, aber da waren es meine Bücher und vorzüglich die Hoffnung, ich könnte vielleicht ihren Ungetreuen, meinen Freund, noch einmal in ihre Arme zurückführen, was sie zum Schreiben bewog. Offenbar sollte die Nachschrift für mich ein verdecktes Körbchen sein, und der ganze Brief hatte etwas Gezwungenes und Verkünsteltes an sich, das mir ganz und gar nicht behagen konnte. Dennoch suchte ich ihr, so gut ich konnte, gefällig zu sein, und erzählte meinem Freunde, ich hätte Lenoren belauscht, wie sie ihr Leid ziemlich laut im Garten klagte. Wörtlich mischte ich die Ausdrücke ihres Briefes in meine Erzählung und bemühte mich, die Ursache ihrer Trennung auszuforschen. Allein ich konnte nichts herausbringen als die Äußerung: »Lenore ließ mir gar nichts mehr zu wünschen übrig, sie war allzu zärtlich und ganz ohne Rückhalt hingegeben. Ich hätte sie, wie ich wollte, mißbrauchen können.« Aufrichtig schrieb ich ihr dies, packte ein unterhaltendes Buch und meine Antwort zusammen und warf ihr das Buch über die Gartenmauer zu, als sie nach ein paar Tagen wieder einsam daran vorüberging. Sie winkte mir ihren Dank zu, steckte das Päckchen in die Tasche und eilte in ihr Zimmerchen. Bald sah ich sie mit meinem Briefe beschäftigt. Beinahe die Hälfte einiger folgenden Nächte brachte sie mit Lesen des übersandten Buches und mit Schreiben hin. Nach wenigen Tagen bemerkte sie mich wieder auf der Anhöhe am Garten, kam unter die Tür, winkte mir zu und übergab mir geschwinde ein Päckchen. Es enthielt das ihr geliehene Buch und einen Brief, in welchem sie mir dankte und ihr Erstaunen kundgab, daß ich von den Gesinnungen meines Freundes nicht Bescheid wissen sollte.

Ich hatte sie in einem Briefe gebeten, mir meine Liedchen wieder zurückzusenden, weil ich befürchtete, sie möchte mich verraten. Aber sie weigerte sich sehr, es zu tun, beteuerte mir, sie wollte dieselben als einen teuren Schatz sorgfältig aufbewahren und werde mich, der ich nun ihr einziger Freund sei, gewiß nicht verraten, sondern mit der aufrichtigsten Herzlichkeit verehren. Ich sollte sie doch nicht verlassen, sie in ihrem Zustande mit meiner Gewogenheit und durch Übersendung schöner Bücher trösten und nicht zweifeln, daß sie mich immer hochschätzen und als ihren wahren Wohltäter betrachten würde. Als ich aber auf meiner Bitte bestand, schickte sie mir wirklich Lieder und Briefe vollständig zurück, wußte aber in einem sehr kunstlos aussehenden Schreiben so artig über ihren Verlust und mein Mißtrauen zu klagen und bewachte von nun an die Anhöhe, auf der ich sie belauschte, so sorgfältig mit ihren Blicken, daß ich ihr nur selten entging und meine Neigung, die anfangs sehr abgekühlt wurde, allmählich wiederum wärmer zu werden begann. Ich lieh ihr nach und nach alle Vorzüge des Geistes und Herzens, die ich ihr nur irgend ohne offenbaren Widerspruch mit meinen Bemerkungen leihen konnte. Nur Aufrichtigkeit und Natürlichkeit konnte ich ihr nicht beilegen. Dennoch hoffte ich, sie würde sich bei näherer Bekanntschaft offener und ungekünstelter betragen. Durch eine sonderbare Selbsttäuschung schien sie mir täglich liebenswürdiger. Oft erwartete sie mich an der Gartentür, drückte mir gütig die Hände und erwiderte fast jedes freundliche Wort, das ich ihr sagte, mit ebenso freundlichen Reden. Sobald sie mich auf der Höhe sah, winkte sie mir traulich zu oder kam wohl gar in den Garten und sang eine schmeichelhafte Strophe, so wie sie aus irgendeinem Liede auf meinen Zustand paßte. Ich fing von neuem an, ihr kleine Verse zuzuwerfen, mit denen sie immer sehr zufrieden war. Manchmal küßte sie dieselben vor meinen Augen und steckte sie in ihren Busen. Einst hatte sie einen starken Husten und kam doch abends spät, sobald sie mich auf meiner Warte entdeckte, in den Garten, obschon die Herbstluft bereits etwas rauh zu wehen begann. Ich warf ihr den andern Tag ein Verschen zu, in dem ich mich scherzhaft nach ihrem Husten erkundigte.

Kaum hatte sie das Blättchen gelesen, so spähte sie im Garten umher, ob nirgends ein Lauscher wäre, öffnete die Tür und fing an, die Wegerichkölbchen für ihr Kanarienvögelchen außen an der Mauer zu pflücken. Ich pflückte geschwind, soviel ich deren finden konnte, und bot sie ihr dar. Sie dankte mir mit einer Sittsamkeit und Verschämtheit, die sie noch reizender machte. Niemand war in der Gegend. Es dämmerte.

Ein freundlicher Blick von ihrer Seite, der mich schnell überlief, machte mir Mut ihr rundes Händchen zu ergreifen. Entzückt drückte ich es an meinen Mund. »O, könnt ich's sagen, wie wert du mir bist!« stammelte ich und schlang bald meinen Arm um sie. »Könnt' ich's erklären, wie lieb ich dich habe!« Dann drückte ich sie innigst an mein Herz. Sanft widerstrebend bog sie ihr schönes Gesicht hinweg, aber meine Lippen folgten ihr, und ich küßte sie auf die hocherrötenden Wangen. Mit sanfter Gewalt wand sie sich schließlich aus meinen Armen, sah mich unbeschreiblich freundlich an und floh in den Garten.

Von dieser Zeit an war ich ein sehr fleißiger Beobachter auf dem Hügel hinter dem Gesträuche. Ich schlug mir einen Pfahl in die Erde, schraubte mein Fernrohr darauf und belauschte oft stundenlang das holde Kind. Bald versuchte ich etwas zu dichten, bald sah ich wieder durch das Fernrohr. Hätte nicht hin und wieder der Anstrich von kokettem Wesen, das sich durch manchen kleinen Zug verriet und dessen Bemerkung sich wider Willen mir aufdrang, meine Wärme abgekühlt, so hätte meine Neigung für Lenoren noch schnellere und größere Fortschritte gemacht. Allein ich bemerkte, daß sie, sobald ihr mein Fernrohr zwischen den Zweigen entgegenglänzte, auf einmal eine sanftere Miene annahm, fleißiger strickte oder nähte, mehr Munterkeit affektierte, manchmal die Augen zum Himmel erhob und seufzte, ans Fenster trat und zärtliche Liedchen sang, in den Garten ging und im Grase sitzend mit mancher Pantomime Romane las und sich dabei immer stellte, als wüßte sie nichts von meiner Gegenwart, indes doch ihr Auge gar oft unter den Haubenspitzen hervor ganz insgeheim nach meinem Fernrohr schielte. Ich steckte zuweilen ein schwarzes Rohr von Kartendeckel über das glänzende Messing und zog mich tiefer ins Gebüsch zurück, da war sie flugs natürlicher und ungekünstelter, affektierte weder Empfindung noch Wehmut noch besonderen Fleiß und hüpfte ganz unbefangen im Grünen umher. Dergleichen Züge ließen das Mißtrauen nie ganz aus meiner Seele verschwinden, und ich hielt mich immer in einiger Entfernung.

Als ich nach einiger Zeit wieder auf den Hügel kam und mein Fernrohr auf den eingeschlagenen Pflock geschraubt hatte, bemerkte ich ein Päckchen, das an Lenorens Fenster gelehnt war, mit einer großen, sehr leserlichen Aufschrift an mich. Lenorens Auge schien mich von Zeit zu Zeit auf dem Hügel zu suchen. Kaum hatte sie mich erblickt, so eilte sie in den Garten, öffnete leise die Tür, winkte mir zu, überreichte mir mit einem traulichen Händedruck das Päckchen, sagte mit flehender Stimme: »O helfen Sie meinem armen Bruder!« und zog sich geschwinde wieder in den Garten zurück. Neugierig öffnete ich das Päckchen hinter dem Gesträuche, fand eine Bittschrift darin, mit Dokumenten belegt und dabei ein Briefchen von Lenoren, in welchem sie mich bat, ich möchte ihrem Bruder in seinem Gesuche durch ein Vorwort behilflich sein. Mein Vorwort war im Grunde sehr unbedeutend, aber ich sann nach, ob ich ihm nicht durch Nebenumstände einige Kraft beilegen könnte. Bald gelang es mir, durch Abwägung verschiedener Charakterzüge meiner Obern ein kleines, sehr einfaches Plänchen zu erfinden, dem Bruder meiner Freundin mit Erfolg zu dienen. Meine ganze List bestand darin, daß ich genau die rechte Stimmung jeder obrigkeitlichen Person, von welcher diese Gnadensache abhing, geduldig abzuwarten beschloß, daß ich dann mit dem unbefangensten Gleichmut einem nach dem andern meines Freundes Anliegen vortrug und die Einwendungen, die man machen könnte, schon zum voraus überdachte, um sie lösen zu können, sobald sie vorgetragen würden. Es geriet mir in der Ausführung nicht übel, und der Bittsteller erhielt, was er suchte. Ich hatte sogar das Vergnügen, die Expedition zu besorgen und das Dokument Lenoren übergeben zu dürfen. Es war mir, als wenn ich einen großen Sieg errungen hätte, als ich mit meinem Päckchen den Hügel am Garten bestieg. Sobald ich des Mädchens Blicke auf mich zielen sah, streckte ich das weiße Papier aus den Gesträuchen empor und winkte ihr, an die Gartentür zu kommen. Nicht lange, so erschien sie an der Tür. Geschwind drückte ich ihr das Päckchen in die Hand und sagte: »Sie werden finden, es ist alles gut gegangen!« Sie steckte es zu sich, drückte mir mit feurigem Danke die Hände und zog sich unter zärtlichen Blicken in den Garten zurück. Ihre Herrschaft hatte die Aussicht gerade auf die Tür, deswegen durften wir dort nie lange verweilen, ohne uns selbst zu verraten. Wenn sie mir ein Buch oder einen Brief abnahm, so zog sie immer die Gartentür ein wenig hinter sich zu, um ungesehen das Empfangene in die Tasche zu stecken.

Von nun an stand ich bei Lenorens Eltern und Brüdern in nicht geringer Achtung. Sie zogen mich beinahe in allen ihren Angelegenheiten zu Rate. Ich mußte sie in ihrem Hause besuchen, und Lenore versäumte nicht, mich dort mit der einnehmendsten Freundlichkeit zu empfangen und zu unterhalten. Gewöhnlich setzte sich die ganze Familie um einen Tisch, und jedes trug mir alles Merkwürdige vor, was es zu sagen hatte. Lenore ließ sich nicht von meiner Seite, schmeichelte mir sehr oft, indem sie sich glücklich pries, an mir einen so guten, aufrichtigen Freund gefunden zu haben, und sah mir alle Minuten sehr zärtlich in die Augen. Aber es war etwas Gezwungenes in ihrem Betragen, das mir nie ganz gefallen konnte. Genau wußte sie die Zeit, wann ich zur Kirche gehen würde, und legte es immer darauf an, daß sie mir, hübsch geschmückt, auf dem Wege begegnen möchte. Nur selten mißlang es ihr. Und sie grüßte mich allezeit überaus freundlich. Ich will's nicht leugnen, diese Aufmerksamkeit tat meinem Herzen sehr wohl, und auch meine Eitelkeit fand ihre Rechnung dabei, daß ich von einem so schönen Kinde geachtet würde.

Einst an einem Sonntage, da sie meine Anwesenheit kaum vermuten konnte, lauschte ich im Gebüsche auf der Höhe und sah einen Jüngling bei Lenoren im Zimmer, mit dem sie sehr vertraut scherzte. Geschwind steckte ich ein schwarzes Rohr über mein Perspektiv, damit mich der Glanz des Messings im Sonnenschein nicht verraten möchte. Es klopfte mir ängstlich in der Brust. Ich brannte, zu beobachten, was ich nicht zu sehen wünschte. »Sind denn alle Mädchen treulos?« sagte ich entrüstet. Sie saß auf einem Stuhle, er stand neben ihr, die Linke um ihren Hals geschlungen, ihr Haupt ruhte an seiner Brust. Sie blickte lächelnd zu ihm empor. Er neigte sich hinab, sie zu küssen. O, ich hätte erblinden mögen, und doch konnte ich nicht wegsehen! Jetzt stand sie vom Stuhle auf und wiegte sich im Arme des Geliebten tiefer ins Dunkel des Zimmers hin. Ich sah, wie sie sich herzten und küßten und dann verschwanden. Ach, wie viele schmerzliche Empfindungen durchkreuzten sich da in meinem Herzen! Ich riß das Fernrohr vom Pflocke und lief davon. Am Ufer des Lechstroms irrte ich umher. Lange dachte ich nichts Deutliches, düstere Phantasien jagten sich durch meinen Kopf. Bald fühlte ich die Qual, mich in meiner guten Meinung von Lenoren betrogen zu haben, bald sagte ich: »Der ist ein Tor, der mit ernster Neigung an einem Mädchen hängt, flüchtig ist dies Geschlecht, sein Sinn ist unstet wie Wellen! Sie sind nur zum Scherze und Genusse da! Man muß mit ihnen spielen und ihrer lachen! Achten kann sie nur, wer sie nicht kennt« usw. Hätte mir in dieser Stimmung die Gelegenheit ein Mädchen zugeführt, so hätte ich sein Zutrauen aus einer Art Rachsucht sicher mißbraucht, und wäre mir Lisettens Verbindung mit dem Bedienten nicht schon bekannt gewesen, so würde ihr Niedersinken am Bette gewiß seine Wirkung nicht verfehlt haben. Im Grunde war mein Zustand widernatürlich und schmerzlich, und ich fühlte, daß ein Vorrat süßer Empfindungen vergebens in meinem Herzen schlummerte, ohne Hoffnung, sie jemals durch Erwiderung geweckt und erhöhet zu sehen! Ich mied nun lange den gewohnten Kirchenweg, um Lenoren nicht etwa zu begegnen. Ein paarmal trafen wir einander doch von ungefähr auf dem Wege an, und sie grüßte mich, so kalt ich auch war, mit der artigsten Höflichkeit.

Ihr Bruder, dem ich den obenerwähnten Dienst erwiesen hatte, langte endlich in Augsburg an, kam in meine Wohnung und lud mich ein, ihn in seinem Hause zu besuchen. Er war ein junger Mann von Kenntnissen, voll Lebhaftigkeit, Tätigkeit und geraden Sinnes und hatte bereits viel in der Welt geduldet. Wäre er nicht Lenorens Bruder gewesen, so hätte ich ihn beim ersten Anblick liebgewonnen, aber meine Unzufriedenheit mit seiner Schwester äußerte sich auch in meiner Zurückhaltung gegen ihn, so daß er sich unverhohlen über die Kälte beklagte, mit der ich seine wärmsten Freundschaftsbezeigungen erwiderte. »Wir müssen näher miteinander bekannt werden,« sagte er, »wollen Sie mir nicht erlauben, Sie öfters zu besuchen? Schützen Sie nicht Ihre vielen Geschäfte vor! Wenn Sie mir nicht erlauben, zu Ihnen zu kommen, so glaube ich, Sie verachten mich.« Er kam also und ich sah mich gezwungen, seinen Besuch zu erwidern. Ich glaubte, meine Stunde so gut gewählt zu haben, daß mich seine Schwester gewiß nicht treffen sollte. Aber kaum hatte ich die Glocke an seiner Wohnung gezogen, so hüpfte mir Lenore mit ganz unbefangenem Jubel entgegen und rief voll Freuden aus: »O schön, daß ich Sie endlich wieder in unserm Hause sehe! Schon lange wünschte ich, einmal recht lange mit Ihnen zu reden, nun will ich mich gewiß satt plaudern! Ich habe Ihnen gar viel zu sagen!« »Ich desto weniger«, dachte ich. Meine Verwirrung fiel ihr auf, sie maß dieselbe meiner Schüchternheit bei und nahm mein düsteres Schweigen und die strafenden Blicke für Ziererei und geistliche Amtsmienen. Herzlich, aber mit gemäßigter Freude hießen mich ihre Eltern und ihr Bruder willkommen. Man setzte sich wieder um den Tisch her und begann allerlei Gespräche. Lenore drängte sich, wie ehemals, an meine Seite. Ich blieb gleichgültig. Sie ergriff meine Hand und wollte sie drücken, aber ich zog sie nachlässig zurück. Sie sah mir forschend und lächelnd in die Augen, ich blickte sie ruhig und ernsthaft an. Bald merkte ich, daß sie ein wenig aus ihrer Fassung komme. Stiller und nachdenkender saß sie von nun an neben mir. Ich unterhielt mich mit ihrem Bruder und ließ sie sitzen. Ein andrer Besuchender trat herein; als er wieder Abschied nahm, begleitete ihn beinahe die ganze Gesellschaft an die Treppe, nur Lenore blieb bei mir. »Was haben Sie doch auf dem Herzen?« fragte sie geschwind mit anscheinender Ängstlichkeit, »ich sehe, Sie zürnen!« – »Gar nicht,« erwiderte ich mit angenommenem Gleichmut, »vielmehr bin ich sehr zufrieden, daß Sie auch mir so liebreich begegnen, da Sie doch mehr als einen zärtlichen Verehrer zählen.« Sie: »Ich verstehe Sie nicht.« Ich: »Wenn Sie wüßten, daß ich Ihnen neulich zusah, als Sie Ihren Liebling herzten und küßten, so wäre es leicht, mich zu verstehen.« Sie errötete und schien nicht sogleich Worte zu finden. Bald zeigte sich Trotz, bald Scham auf ihrem Angesicht. »Sie dürfen ja doch nicht heiraten,« sagte sie endlich, »und – ich will es Ihnen nur gestehen – derjenige, den Sie sahen, ist mein erster Jugendfreund, mein erster Geliebter. Er kam von Wien und hat mich hier auf seiner Durchreise besucht, aufrichtig gesprochen, er ist mir sehr lieb!« Die Gesellschaft war indessen zurückgekommen. Lenorens Offenherzigkeit hatte mich indessen wieder etwas ausgesöhnt, und ich begegnete ihr mit mehr Höflichkeit als vorher. Aber wenn ich ihr auch alles vergeben wollte, so konnte ich ihr nun dennoch die Listigkeit nicht vergeben, mit der sie, durch meinen Beistand, den Jüngling, ihren Zweiten Geliebten, in ihre Arme zurückzulocken gesucht hatte, nachdem sie ihn von ihrer Freundin erobert sah. Als wir während der Unterhaltung Gelegenheit fanden, allein miteinander zu sprechen, bezeigte ich ihr mein Mißfallen über ihr Betragen und beschuldigte sie, daß sie sich dadurch an dem ersten Liebhaber als untreu und am zweiten als eine schlaue Künstlerin (Betrügerin wollte ich nicht sagen) bewiesen habe. Zu ihrer Entschuldigung antwortete sie: »Der erste war lange Zeit in der Ferne und ließ nichts von sich hören, der andre warb um meine Zuneigung, und ich habe sie ihm aufrichtig geschenkt, bis er mich verließ. Hätte ich wohl den ersten abweisen können, da er nun voll Treue und Liebe zurückkam? Es wäre mir leid, wenn ich deswegen Ihre Freundschaft verloren hätte und gerade in dem Augenblicke, da ich ihrer am meisten bedarf. Denn mein alter Freier hat sich von neuem an meine Eltern gewandt und will sich nicht abweisen lassen. Sie finden die Partie der schönen Bedingungen und des Geldes wegen nicht geradezu so verwerflich und lächerlich als ich und quälen mich nun, ich solle mein Jawort geben oder ihm wenigstens Hoffnung machen, bis ich einen festen Entschluß gefaßt habe. Allein es ist unmöglich, ich kann ihm keine Hoffnung machen und bin in Gefahr, darüber die Gunst meiner Eltern zu verlieren, wenn Sie nicht, als Freund der Familie, ins Mittel treten und mich aus dieser Verlegenheit retten.« Sie bat dann so schmeichelhaft und dringend, daß ich ihr ausdrücklich zusagte, ich wollte versuchen, ihre Eltern auf andre Gedanken zu bringen. Ich tat es wirklich beim nächsten Anlasse, so gut ich's verstand, und fand die Sache weit leichter, als ich vermutet hatte, da Lenorens Mutter sogleich bei der ersten Vorstellung von der ehelichen Unzufriedenheit, die aus der Ungleichheit des Alters entspringt, auf meine Seite trat und die Hartnäckigkeit des kalkulierenden Vaters bekämpfen half. Das Mädchen dankte mir mit der herzlichsten Freude für meine Verwendung und bat mich, ohne Umschweif, ihr den Absagebrief an den alten Freier aufzusetzen, denn sie fürchtete, von ihr geschrieben, möchte er zu herbe werden. Allein ich überließ ihrem Witze das schöne Stück Arbeit und kam weder aufgebracht, noch verliebt, aber wohl abgekühlt, von diesem Besuche zurück. Lenore beobachtete nach wie vor die Stunde, da ich zur Kirche ging, und grüßte mich auf dem Wege so liebreich und unbefangen, als wenn gar nichts vorgefallen wäre. Allein ich kam nur selten mehr auf den Hügel, um sie bei ihren Geschäften zu belauschen. Entschuldigen konnte ich sie, aber hochschätzen nicht mehr. Das einzige, was noch einige Gemeinschaft zwischen uns erhielt, war, daß sie von Zeit zu Zeit ein unterhaltendes Buch zum Lesen bei mir abholen ließ.

Nach einigen Monaten kam Collin, der Sohn eines Domkapitelschen Offizianten, in der Nachbarschaft Lenorens zu wohnen. Da er ein Liebhaber der schönen Wissenschaften war, einige Jahre studiert hatte und ganz artige geometrische Zeichnungen verfertigte, so suchte er bald meine Bekanntschaft und erwarb sich meinen Beifall um so leichter, da ihm sehr artige Sitten, nicht wenig Verstand und ein nicht gemeiner Forschungsgeist eigen waren, und ich seinen Vater als einen rechtschaffenen Mann schon lange in Affektion genommen hatte. Nicht lange, so wirkten Lenorens Reize, ohne daß ich es wußte, auch auf ihn mit voller Macht, und er ließ die Gelegenheit, sie täglich im nahen Garten zu sehen, nicht unbenutzt. Die Gärten seines Vaters und der Herrschaft, bei welcher Lenore diente, trennte nur ein niedriges Mäuerchen, und Collin konnte, auf einem Schemel stehend, zwischen den Häuptern der Spalierbäume hindurch, stundenlang unbemerkt und ungestört mit seiner Geliebten kosen und scherzen. Anfangs blieb es beim Necken und Scherzen, aber bald wurde der Ton ihrer Abendgespräche inniger und ihre Bekanntschaft zur Liebesangelegenheit. Warum Lenore, beinahe so oft ich den Hügel bestieg, in einer Laube am Mäuerchen oder hinter gewissen Bohnenstöcken verschwand, konnte ich eine geraume Zeit nicht begreifen, endlich kam ich bei einem einsamen Morgenspaziergang sehr frühe auf die Anhöhe und bemerkte, daß hinter Gesträuchen empor öfters kleine Steinchen und Staub zu Lenorens Kammerfenster hinaufflogen. Den Täter sah ich nicht, Laub und Zweige verbargen ihn. Die Sonne fing eben an, die Wände des Hauses zu vergolden und rötlich auf den Fenstern zu glänzen. Da trat Lenore, nur leicht in Leinwand gehüllt und nachlässig mit einem Röckchen umgürtet, ans hohe Fenster, öffnete es mit der einen Hand, indes sie mit der andern sich den Schlaf aus den Angen rieb, und neigte sich hinaus, Morgengrüße winkend und lispelnd. Dann holte sie einen Knäuel Zwirn herbei, ließ einen langen Faden an der Wand hinabsinken und zog lachend einen schönen Blumenstrauß daran empor. Lange flüsterten sie und der Überbringer einander freundliche Wörtchen entgegen. Endlich küßte sie ihre Hand, indem sie ihm etliche Küsse zuwarf, und verließ das Fenster. Als Collin zwischen den Gesträuchen über das Mäuerchen zurückstieg, konnte ich ihn deutlich erkennen. Nun war es mir klar, warum Lenore so oft in die Laube am Mäuerchen ging und so oft hinter den Bohnen verschwand. Collin besuchte mich noch ebenso fleißig wie vorher. Einst ging ihm der Mund von seinem Mädchen über, und ich nahm Anlaß, mit ihm über die Himmelfahrt seiner Sträuße zu scherzen. Da staunte er und rief: »Können Sie sich denn unsichtbar machen, daß Sie alles so genau wissen?« Lachend erzählte ich ihm, was ich beobachtet hatte, und gestand ihm, daß auch mir Lenore nicht gleichgültig gewesen sei. »Nun müssen Sie alles wissen!« rief er freudig aus, »ich wünschte schon lange einen Vertrauten zu haben, aber die Furcht, verraten zu werden, verschloß mir den Mund (er schnalzte mit den Fingern). Gottlob, jetzt hab' ich doch auch einen Freund, mit dem ich ohne Scheu von meinem Mädchen schwatzen darf!« Dann erzählte er mir ausführlich, wie er Lenoren oft im Garten belauscht, ihren Gesang vernommen und ihren Frohsinn bewundert hatte, wie er sie dann bei einer Nachbarin sah, von ihrem Witz entzückt ward und jede Gelegenheit aufsuchte, ihre Zuneigung zu gewinnen, wie es ihm gelang, ihr in der Laube am Mäuerchen sein Herz zu entdecken und nach und nach ihre Teilnahme auf sich zu ziehen, kurz – er ward nicht müde, mir die Entstehung seiner Liebe und ihre Fortschritte zu enthüllen, und ich mußte ihn anhören, es mochte mir behagen oder nicht. Doch ich bedurfte hierzu nicht vieler Geduld, denn die Angelegenheiten einer Person, die uns einmal teuer war, haben immer etwas Anziehendes für uns. Von nun an kam Collin unter allerlei Vorwänden viel öfter als ehemals zu mir und säumte nie, mir seine Geschichte der vorigen Tage mitzuteilen. Als er zum erstenmal wieder erschien, brachte er mir ein Briefchen von Lenore mit. Sie schrieb: »Um des Himmels willen! Sollten Sie mich denn wirklich neulich in der Frühe gesehen haben .... in diesem garstigen Aufzug? Ich würde mich zu Tode schämen und wünschte, daß das Sträußchen am Stocke geblieben wäre. Ich ward so in meiner Ruhe gestört und habe fast, zum Fenster hinaus, die Augen noch nicht recht öffnen können. Aber um Vergebung! Dies ist ja sonst Ihre Stunde zum Aufstehen gar nicht, warum denn eben damals? – Aber das böse Fernrohr! Daß es auch alles so gut malen muß! Collin erzählte mir gestern ein langes und breites davon. Kurz, weiß ich's einmal, daß ich so frühe belauscht werde, so will ich das Sträußchenheraufziehen wohl bleiben lassen oder doch nicht so garstig erscheinen. Bleiben Sie mein Freund, so wie ich bleibe Ihre Freundin!«

Collin wußte das angenehme Plätzchen nicht weit vom Ufer des Lechs, wo zwei Bäche zusammenfließen und wohin ich nun gewöhnlich ging, wenn ich dichten wollte. Einsam saß ich dort zwischen Gesträuchen, von Weidenbäumen beschattet, auf dem Zirkel meines ausgebreiteten Mantels; eine frische Quelle sprudelte in einer nahen Vertiefung hervor, gar bequem meinen Durst zu löschen, eine kleine Höhlung unter dem Damme, vor welcher Bachminzen und junge Schilfrohre standen, diente mir zum Kellerchen, wo ich ein Fläschchen Wein und ein Trinkglas verborgen hielt, wenn ich mir einmal recht Wohl sein lassen wollte, öfters überraschte mich Collin mit Lenoren am Arme bei meiner Quelle, dann setzten wir das Mädchen mitten auf den Mantel und lagerten uns rechts und links an ihrer Seite. Zuweilen gab er mir zum voraus einen Wink, daß sie abends kommen würden, dann steckte ich ein paar Flaschen guten Wein in die Taschen, nahm Brot und Gläser in einem Tüchlein mit und trug den kleinen Vorrat unter dem Mantel an den Lech hinaus. Wenn sie dann kamen, holte ich die Flaschen aus dem kühlen Quellwasser im Kellerchen, und wir tranken auf dem Mantel sitzend und freuten uns inniger als bei dem prächtigsten Mahle.

Einst kam Lenorens erster Geliebter wieder nach Augsburg und besuchte sie zu eben der Zeit, da sie mit Collin spazieren gehen sollte. Sie geriet in Verlegenheit, konnte die Freude, ihren ersten Liebling zu sehen, nicht verbergen, und wollte doch auch den jetzigen nicht beleidigen. Das Spazierengehen ward aber eingestellt, und Collin merkte bald, daß er der weniger Begünstigte sei. Traurig zog er sich zurück und schlich zu mir, um seine Klagen auszuschütten. Lenore schien wirklich, solange der Reisende da war, ihren Nachbar vergessen zu haben, und der Vernachlässigte wußte sich vor Schmerz über seinen Verlust kaum zu fassen. Kein Trost haftete in seinem Herzen. Endlich merkte Lenore, daß ihr Günstling noch ein andres Mädchen außer ihr ebenso fleißig, wo nicht fleißiger als sie, besuche, und die Eifersucht erwachte in ihrem Busen. Zwar bemühte sie sich mehr als einmal, den Ungetreuen wieder ganz allein an sich zu fesseln, aber er spottete ihrer und besuchte sie nicht einmal zum Abschied, als er zum zweitenmal auf Reisen ging. Treuer liebte Collin, noch immer seufzte er nach Lenorens Liebe und wandte alles an, sie wieder zu gewinnen. Folgender Brief Lenorens an mich zeigt die Wendung an, welche diese Geschichte nahm:

»Zu sehr bin ich von Ihrer Güte überzeugt, als daß ich Zweifeln sollte, daß nicht auch ich meine Zuflucht, wie Collin, zu Ihnen nehmen darf, wenn Sie mich anders des Fehlers wegen, den ich an Collin beging, nicht hassen. Ich gestehe es aufrichtig, ich habe den Edelsten beleidigt, aber (ich beteure es Ihnen hoch) nicht aus bösem Herzen. Ich sah, daß seine Liebe zu mir immer heftiger, unzertrennlicher wurde, und bei mir – o! – Kurz ich konnte ihn nicht so lieben, wie er mich, und Sonntagsabends kam mir der fatale Gedanke, es ihm zu sagen. Aber, o Gott! wie erschrak ich, als ich ihn in solcher Bestürzung sah! Das hätte ich mir nie vorgestellt! Er weinte, schluchzte, sagte, daß er der unglücklichste Mensch auf der Welt wäre. ... Sie wissen, welch ein bedauernswürdiges Gefühl ich habe. So oft ich ihn ansehe, kann ich mich der Tränen nicht enthalten, bei jedem Blick blutet mein Herz. O, ich kannte seinen Wert nur halb! Ich bitte Sie, sagen Sie ihm, daß ich ihn liebe, wie noch nie und (wenn ihm dies seine Ruhe wiedergeben kann), daß ich nichts so sehnlich wünsche, als die Seinige zu werden. In seinen Armen will ich dann das Glück aller häuslichen Freuden doppelt schmecken. Ich bitte Sie, teuerster Freund, sagen Sie es ihm, o sagen Sie ihm noch mehr! Denn an meinem Briefe werden Sie erkennen, wie es in meinem Kopfe und Herzen aussieht!«

Ehe ich dem guten Jüngling den Brief zu lesen gab, warnte ich ihn, auf seiner Hut zu sein, und forschte ihn aus, ob er denn die vorige Verschmähung verschmerzen und ganz vergessen könnte. Er meinte wirklich, das Andenken der Verachtung, mit welcher ihm Lenore bis an den Abend, da sie ihm ihre Liebe förmlich aufkündigte, begegnet war, würde nie ganz aus seiner Seele weichen. Als ich ihn gegen einen allzu raschen Entschluß genug vorbereitet zu haben glaubte, zeigte ich ihm Lenorens Schreiben. Tränen liefen dem guten Jüngling über die Wangen, er nahm geschwind Abschied und eilte voll Feuers zu Lenoren. In der Laube am Mäuerchen schlossen sie ein festeres Bündnis als vormals. Ihre Besuche bei mir setzten sie von Zeit zu Zeit fort und vertrauten mir ihre Geheimnisse.

 << Kapitel 2  Kapitel 4 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.