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Ein Mönchsleben aus der empfindsamen Zeit - Band 2

Franz Xaver Bronner: Ein Mönchsleben aus der empfindsamen Zeit - Band 2 - Kapitel 1
Quellenangabe
typefiction
authorFranz Xaver Bronner
titleEin Mönchsleben aus der empfindsamen Zeit - Band 2
publisherVerlag Robert Lutz
seriesZweite Auflage
volumeBand 2
editorOskar Lang
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Elftes Kapitel:

Reise und Empfang in Augsburg.

Antritt meiner Reise nach Augsburg – Vorfälle in Konstanz – Ein Wiedersehen – Fernerer Verlauf der Reise – Ankunft in Augsburg – Empfang bei de Haiden – Lossprechung vom Bann und die geistlichen Exerzitien – Eine unvermutete Zusammenkunft – Betragen und erste Beschäftigung – Die ersten Autorfreuden und -leiden – Schlechte Aussichten – Jesuitismus und geheime Gesellschaften – Zurückgezogenheit – Aufmunterung durch Geßner.

Am Freitag, den 14. Juli 1786 lieferte ich einen Koffer, den ich gekauft und mit meinen wenigen Kleidern und Büchern bepackt hatte, zum Konstanzer Boten, besuchte noch einmal den Herrn Ratsherrn Geßner, um bei ihm und seiner ganzen Familie, besonders bei Heinrich, meinen Abschied zu wiederholen, beurlaubte mich ebenso bei Herrn Amtmann Heidegger und meinen übrigen Freunden in der Orellischen Buchhandlung, dann bei meinen Kostleuten, die mir unter Tränen allen Segen auf die Reise wünschten, und ging zur Kronenpforte, um den Boten mit seiner Kutsche zu erwarten. Als ich dort auf der Bank saß, kam Herr Rittmeister von Orell, den ich oft im Geßnerschen Hause gesehen und als einen echten Biedermann kennen gelernt hatte, von einem Spaziergange zum Tor herein, schritt freundlich auf mich zu, wünschte mir voll Rührung und Wohlwollen Glück zu meinem mißlichen Vorhaben und gab mir mit nassen Augen den Abschiedskuß. Auch diesen edlen Mann sah ich zum letztenmal! Ein wohlgewachsenes Frauenzimmer mit einem Knaben saß neben mir auf der Bank und wartete ebenso wie ich, bis der Wagen ankommen würde. Ein Geistlicher, ihr Bruder, hatte sie bis unter die Pforte begleitet. Bald kam auch ein dicker, lustiger Kaufmann von Genf, der aus demselben Grunde unter der Pforte verweilte und, sobald er erfuhr, daß die hübsche Frau seine Reisegefährtin sein würde, sich spaßend und mit auffallender Zudringlichkeit an sie machte und, weil sie nicht Französisch verstand, mit umschlingendem Arme und andern Geberden sie von seiner Zuneigung zu überzeugen bemühte, so daß die gute Frau und der Geistliche mich einstimmig baten, ich möchte doch sogleich beim Einsteigen neben ihr Platz nehmen, um der allzu kühnen Freundlichkeit des Genfers Schranken zu setzen. Dies geschah. Die Ernsthaftigkeit, mit der ich mich dabei benahm, brachte ihn auf den Gedanken, ich müßte wohl der Mann der jungen Frau sein, und wir waren noch nicht lange gefahren, so tat er seine Vermutung durch eine Frage kund. Die Frau war schalkhaft genug, ihn auf seiner Meinung zu lassen, und ich drückte ihr zum Beweise unsrer langen Bekanntschaft vertraulich die Hand. Dies gab Anlaß zu einer lustigen Farce, die wir bis nach Frauenfeld spielten, und in die sich sogar der muntre Knabe bald fand, der mich einmal ums andre »Vater« nannte. Der Genfer machte den Liebhaber, ich den Eifersüchtigen und unsre Schöne die furchtsame, verlegene Gattin. Meine Rolle verschaffte mir die Freiheit, stets vertraulich mit ihr zu plaudern, ihre Hände zu drücken, sie zärtlich anzublicken und wohl gar die Rechte um sie zu schlingen, und wir hatten keine Langeweile beisammen. Sie bat mich, einige Umstände meines Lebens zu erzählen und nahm lebhaften Anteil an meinem Schicksal. Wir verfielen nur zu bald in einen etwas zärtlichen Ton. Eben tändelte sie mit einem Büchlein, das Lavaters Sammlung merkwürdiger Denksprüche war und sagte, sie wollte mir einen Denkspruch aufschlagen, der genau zu meinen Umständen paßte. Begierig erwartete ich, was sie wählen würde. Sie bot mir mit der einen Hand das Büchlein hin und deutete mit dem Zeigefinger der andern auf einen Spruch, indes eine Träne in ihrem Auge glänzte. Der Spruch hieß: dulden und missen. Ach, wie ward mir da so weich um's Herz! Unwillkürlich zog ich sie an mich.

Wirklich hielt uns der Wirt in Frauenfeld für Eheleute und erst, als man uns beiden ebendasselbe Schlafzimmer anwies, gestanden wir, daß unsre Ehe nur ein lustiges Vorgeben war. Zur Strafe führte mich der Wirt in ein Zimmer, wo kein andres Bett stand als ein solches, das nur eine ziemlich abgeschabte wollene Decke hatte. Wider Vermuten fing es mich morgens unter dem leichten Flanelle zu frieren an, so daß ich vor Tagesanbruch erwachte und von einem schmerzhaften Bauchgrimmen geplagt ward, das sich erst nach dem Frühstücken verlor. Zu Pfyn, einem Dorfe an der Thur, wo wir in einer Fähre über den stark angeschwollenen Fluß nicht ohne Gefahr gesetzt wurden, mußte ich mich, leider! von meiner schönen Reisegefährtin trennen, weil sie sich seitwärts ins Land wandte, um einen Pfarrer, ihren Freund, zu besuchen. Ich hätte sie lieber bis nach Augsburg begleitet, denn unsre Seelen schienen, beim ersten Anblicke schon, miteinander bekannt zu sein.

Still und wie verstimmt spazierten nun der Genfer und ich, meistens zu Fuße, neben der Kutsche her. Beim Goldenen Adler in Konstanz, wo zugleich die Reichspost war, stiegen wir ab. Ich ließ mir ein Zimmerchen geben, weil mir der Wirt sagte, der Postwagen nach Augsburg würde erst am Dienstag abgehen. Seine Neugierde ruhte auch nicht, bis er mir alle meine Geheimnisse abgelockt hatte. Sobald er wußte, daß ich ein flüchtiger Mönch sei und nun im Begriffe stehe, mich selbst in die Hände der Geistlichkeit zu überliefern, machte er große Augen und war redlich genug, mich wohlmeinend zu warnen, ich sollte ja vorsichtig zu Werke gehen. Selbst dann noch, als ich ihm meine Briefschaften vorzeigte, schüttelte er den Kopf und blieb bei seiner vorigen dringenden Ermahnung. Er setzte mich wirklich in einige Verlegenheit, und ich besann mich ernstlich, ob ich nicht nach Zürich umkehren sollte. Allein ich fühlte, daß ich mich schämen müßte, keinen bessern Grund meiner Rückkehr als diesen angeben zu können und entschloß mich von neuem, den Versuch, mich vor de Haiden zu stellen, kühnlich, jedoch mit der äußersten Vorsicht zu wagen. Am Sonntage, den 16. Juli besuchte ich den Dom, mehr um eine hübsche Musik zu hören, als dem Gottesdienste beizuwohnen. Allein anstatt des erwarteten Vergnügens hörte ich nichts als einen elenden Choral und das gewöhnliche Psalmengeschrei, so daß ich nach wenigen Minuten die Kirche mit Widerwillen verließ. Als ich aus der Kirchentür trat, kam mir ein junger blasser Mensch entgegen, der mich scharf ins Auge faßte, auf mich zulief und freudig: »Willkommen, Bronner!« rief. Es war ein junger Maler, der in Eichstädt mein Nachbar gewesen war, mich damals mit Beihilfe eines Fernrohrs, das er am Fenster befestigte, nach dem Leben abgemalt hatte, wie ich im offenen Gartenhause schrieb und dichtete, und der nun in einem Domherrenhofe in Konstanz wohnte und sein Brot mit Ausübung seiner Kunst verdiente. Er nahm mich sogleich mit, zeigte mir seine Gemälde und rühmte sich eines reichlichen Erwerbs. Mit Ekel sah ich die häßlichen Bilder an; es waren größtenteils Dosengemälde, welche die unsittlichsten Szenen Zwischen Kapuzinern und Nonnen und dergl. roh genug vorstellten. Mit sichtbarem Bedauern sagte ich ihm, »es tue mir leid, daß er sich nicht viel mehr geübt hätte, in der Kunst bessre Fortschritte zu machen, und daß er das schönre Feuer seiner Phantasie unter so niedrigen Bildern erlöschen ließe.« Erst war er ein wenig betroffen, faßte sich aber sogleich wieder und erwiderte mit Bitterkeit: »Sie hätten ein Mönch bleiben sollen, da Sie doch so mönchisch denken! Warum suchten Sie die Freiheit, wenn Sie ein Grauen vor Mädchen haben? Gar recht, daß Sie nach Augsburg gehen, Sie sind ein Skrupulant und ängstlich genug für einen Pfaffen. Adieu! wir taugen nicht zusammen!« »Sie haben recht!« antwortete ich, »wir taugen nicht zusammen, und unsre Begriffe von Freiheit und Lust sind so verschieden als wir selbst.« Er öffnete die Tür und ließ mich allein die Treppe und die Pforte suchen. »Ach!« seufzte ich auf dem Wege, »wie übel bin ich daran, wie wenig Achtung werd' ich genießen, wie wenig Nutzen stiften, wenn mich jedermann, meiner Flucht wegen, unter die Zahl so niederträchtiger, lockerer, verdorbener Menschen rechnet, wie dieser Maler tat! Unmöglich hätte er mir so häßliches Zeug vorweisen können, wenn er nicht eine schlechte Meinung von mir gefaßt hätte. Und aus welchem Grunde konnte er eine solche Meinung fassen?« Die leider nicht unbegründete Furcht, mich der Entweichung halber überall mißkannt zu sehen, malte mir meinen künftigen Zustand als Volkslehrer mit so schwarzen Farben vor, daß ich auch aus diesem Grunde mich von neuem besann, ob ich nicht in die Schweiz zurückreisen sollte. Allein ich hoffte, meine gute Aufführung würde mich bald über alle dergleichen üble Meinungen der Leute erheben und den Flecken, der meinem guten Namen ankleben möchte, auslöschen.

Ich erinnerte mich, daß im nahen Kloster Kreuzlingen ein regulierter Chorherr lebe, der mit mir in Neuburg studiert und in Nebenstunden meinen Bruder instruiert hatte. »Den mußt du doch besuchen!« dachte ich, »die Art, wie er dich empfängt, kann dich vielleicht belehren, wie man dich in Augsburg empfangen wird und mit welchen Augen die Mönche überhaupt dich ansehen werden.« Nachmittags ging ich also nach Kreuzlingen; der Chorherr empfing mich freundlicher, als ich erwartet hatte, führte mich erst zur Musik in die Vesper und dann in ein Gastzimmer, um mir Wein vorzusetzen. »Wie es doch komme,« fragte er mich jetzt, »daß ich in einem weltlichen Aufzuge erscheine, da er doch vernommen habe, ich sei ein Benediktiner geworden?« Sowie ich ihm nun meine Geschichte erzählte, rückte er mit seinem Stuhle weiter von mir weg, betrachtete mich aus weiten Augen und ward ängstlicher in seiner Unterhaltung. Die Loszählung von Ordensgelübden schien ihm eine unmögliche Sache, und er prophezeite mir unverhohlen, »in Augsburg würde mir erklärt werden, man habe mich nur deswegen davon losgezählt, damit ich meinem gefährlichen Aufenthalte bei Unkatholischen und dem ewigen Verderben entrissen werden möchte; da dies nun geschehen sei, so könne man mir nicht bergen, daß ich wieder ins Kloster zurücktreten müsse. Von der Strafe des Kerkers meinte er, würde ich zwar befreit bleiben, aber der Strafe der allgemeinen Verachtung würde ich gewiß nicht entgehen! Jedoch sollte ich, um des Heils meiner Seele willen, die verdienten Folgen meines sündlichen Schrittes geduldig ertragen und Gottes Barmherzigkeit durch ein stetes Bußleben zu gewinnen suchen.« »Du hast für deinen Vorwitz teuer bezahlt!« dachte ich, nahm Abschied von dem guten aufrichtigen Manne und wälzte, indes ich nach Konstanz zurücktrabte, allerlei Gedanken im Kopfe herum. »Wie wäre es, wenn der Mönch recht hätte?« fragte ich mich selbst. Aber die Briefe von de Haiden, die Bulle Roms und das Vikariatsdekret von Augsburg beruhigten mich wieder. »Und sollte dich wirklich das angedrohte Schicksal treffen,« sagte ich, »so weißt du den Weg in die Schweiz hoffentlich zum zweitenmal zu finden, denn einsperren dürfen sie dich doch nicht!«

In diesen Gedanken ging ich vor die Stadt hinaus, um den See und die schönen Gegenden um ihn her zu besehen. Überall gefiel es mir ausnehmend wohl. Aber als ich auf einer Ebene, gegen Gottlieben zu, mich umsah und einen Vorübergehenden fragte, was es zu bedeuten habe, daß eine so große Strecke Landes mit Ringmauern eingefaßt sei, und mir derselbe antwortete, daß dies ehemals die Stadtmauern waren, da konnte ich nicht umhin, den Verfall einer so ansehnlichen Stadt zu bedauern und den durch Untätigkeit zerstörenden Mönchsgeist zu verwünschen. Ebenderselbe Mann zeigte mir auch einen Platz, auf welchem der redliche Hus, nachdem ihn der wortbrüchige Sigismund in die Hände der aufgebrachten Geistlichkeit überliefert hatte, verbrannt worden sein sollte. Mit Ehrfurcht und unter Gefühlen eines heiligen Schauers betrachtete ich den Ort, wo ein standhafter Bekenner der Wahrheit seinen Geist als Held unter Martern dem Himmel wieder gegeben hatte, und stellte mir mit Abscheu die Schadenfreude und das Frohlocken des betrogenen Pöbels vor, der um den Scheiterhaufen des vermeintlichen Ketzers her seine religiöse Freude über den Untergang des würdigsten Mannes bezeigte. Die ganze Stelle war beinahe von allem Grase entblößt, und mein Cicerone säumte nicht, mir dies als ein offenbares Wunder anzupreisen. »Freund!« erwiderte ich ihm, «solch ein Wunder kann jeder Eurer Geistlichen wirken, wenn er jährlich etlichemal mit seinen Taschen voll Salz hierher spaziert und dasselbe auf das Erdreich streut.« Der Mann schaute mir starr ins Gesicht und sagte: »Ich merke schon, Er ist auch ein Lutheraner oder gar ein Kalvinist. Leb' Er wohl und sorg' Er noch beizeiten, daß Ihn der Schwarze nicht auch hinbringt, wo Hus immer und ewig brennen und braten muß!« Da ging er, schüttelte den Kopf und ließ mich stehen. Wäre meine Stimmung nicht eben zu traurig und mein Herz weniger gerührt gewesen, so hätte ich sicherlich laut auflachen müssen, aber so blieb es bei einem mitleidigen Lächeln.

Der Wirt schien mich wirklich lieb gewonnen zu haben und unterließ nichts, mich aufzuheitern. Wenn er sah, daß ich abends nach Tische niemand hatte, mit dem ich sprechen konnte, weil fast alle Gäste Französisch sprachen, so setzte er sich neben mich und kürzte mir die Zeit durch freundliches Geplauder. Bei diesem Anlasse fühlte ich recht das Bedürfnis, Französisch reden zu können und nahm mir ernstlich vor, sobald ich Gelegenheit fände, einen Sprachmeister zu halten, um die französische Sprache von Grund aus zu lernen.

Als ich am Dienstage abreisen sollte, forderte mir der Wirt für alle Verpflegung, die ich reichlich in seinem Hause genossen hatte, nur eine geringe Summe ab, gab mir Unterricht, wie ich mich auf der Reise im Postwagen zu benehmen habe, um am wohlfeilsten durchzukommen und versprach, meinen Koffer, obschon er etwas mehr als 50 Pfunde wog, unentgeltlich nach Augsburg zu liefern.

Beim Frühstücke saß er, unter freundlichem Geschwätze, neben mir und wollte mich nicht gehen lassen, als ich aufzubrechen und an Bord des Postschiffes zu gehen im Begriffe stand. »Ich bin ja Posthalter und muß wissen, wenn das Schiff abgeht,« sagte er, »bleiben Sie ruhig hier, bis ich Sie mahne!« Ich blieb, bis er mich mahnte, aber als ich an die Lände kam, stieß das Postschiff bereits vom Land, und die Schiffer ließen mich, so sehr ich bat und lärmte, nicht mehr an Bord kommen. Lachend spotteten sie meiner und hießen mich ein eigenes Schiff mieten, in Meersburg würde ich sie wohl antreffen. Etwas aufgebracht ging ich zum Adler zurück; der ehrliche Wirt bedauerte mich, wußte mir aber nichts Bessres zu raten, als schleunigst über die Halbinsel, auf welcher das Kloster Petershausen steht, nach dem Dörfchen Stad zu gehen, dort ein Schiffchen zu mieten und nach Meersburg zu fahren. Ungesäumt folgte ich seinem Rate, ging durch ein sehr fruchtbares Gelände nach einem schöngelegenen Weiler Loretto mit einer Kapelle, die auf der angenehmsten Höhe liegt, und von da zum Dörfchen Stad hinab. Eben langte mit mir eine Karawane Wallfahrer, die von Einsiedeln kamen, am Ufer an; für einen Gulden durfte ich einsteigen, und das Schiffchen stieß vom Lande.

Scharf blies der Wind von Überlingen her und neigte das Fahrzeug so stark auf die Seite, daß die Wellen hereinschlugen. Alle Bänke, auf denen die Reisenden saßen, mußten an die linke in die Höhe gehobene Seite des Schiffes gesetzt werden, um das Gleichgewicht einigermaßen herzustellen. Einige der Schiffenden schrien, so oft eine starke Welle über Bord schlug: »Jesus, Maria und Joseph!« Die andern brummten ihren Rosenkranz, erhoben ihre Stimmen stärker oder verstummten, wenn ein neuer Windstoß kam, die Schiffleute fluchten über die Furchtsamen, riefen einander zu Hilfe, schöpften das Wasser hinaus, wollten das Segel einreffen, konnten damit lange nicht zustande kommen und beruhigten sich endlich in etwas, als sie es in eine Lage gebracht hatten, in welcher der Windstrom weniger darauf wirken konnte. Sowie wir dem Gestade näher kamen, legte sich der Wind, und wir landeten glücklich und noch etwas früher als das Postschiff bei Meersburg.

Als ich in das Wirtshaus zum Bären trat, staunte mich ein junger Mensch an, der eben mit einem Mädchen geschäkert hatte, und lief mit offenen Armen auf mich zu. Es war ebenderselbe, der zu Neuburg in der Oper, als Mädchen gekleidet, hinter den Kulissen dem größern Studenten auf dem Schoße gesessen hatte. Nach einigen Erörterungen zeigte es sich, daß er als Musikant in den schwäbischen Klöstern umherziehe und nun in Verlegenheit sei, wo er endlich ein bestimmtes Unterkommen finden möge. Ich wußte dem armen Menschen, der übrigens ganz lustig war, so wenig zu helfen als mir selbst, und wir schieden unter gegenseitigen Wünschen für unser Wohl voneinander.

Über Markdorf fuhr dann der Postwagen nach Ravensburg. Es war ein lieblicher Anblick, rechtshin im angenehmsten Tale das schöne Kloster Weißenau, von der Abendsonne vergoldet, glänzen zu sehen. In der Dämmerung reisten wir durch den Markt Altorf nahe bei der Reichsprälatur Weingarten und kamen, indes der Schlaf mich übermannte, nach Wolfegg, wo wir mitten in der Nacht in einem Wirtshaus einsprachen und unter Fluchen und Murren der aufgestörten Wirtsleute Kaffee tranken. Als der Tag anbrach, rollte unser Wagen an einem Walde auf der Leutkircher Heide vorüber; es dünkte mich überaus lieblich, die aufgehende Sonne in dieser einsamen Gegend bei Lerchengesang zu betrachten, und ich labte mich recht an den kleinen Nebelgruppen, die zerstreut auf der Ebene lagen und an dem Funkeln der Bäche, die sich von Süden heranschlängelten.

In Leutkirch nahmen wir ein Frühstück, indes der Postkondukteur von Lindau und der unsrige von Konstanz ihre Fracht auf einen Wagen packten. Dann fuhren wir, von der Morgensonne beglänzt, nicht fern vom Fuße des weit sichtbaren und schönen Schlosses Zeil zwischen Wiesen und fruchtbaren Feldern hin und langten mittags in Memmingen an.

Abends um vier Uhr kamen wir nach Mindelheim, einem kleinen bayrischen Städtchen. Im Wirtshause, wo wir einsprachen, fand ich einen jungen, halbtrunkenen Offizier und vernahm, daß man ihn Herrn Baron R. nannte. Er war einer derjenigen beiden Freiherren, an denen ich im Seminar zu Neuburg vergebens alle meine Erziehungskunst verschwendet hatte, bis mich eine tüchtige Ohrfeige, die ich austeilte, von meiner Plage erlöste. Er faßte mich ins Auge und schien sich zu besinnen, daß er meine Gesichtszüge schon irgendwo erblickt haben müßte, aber ins klare, so glaubte ich, konnte er mit seinem Gedächtnisse nicht kommen. Er ging beiseite, um den Wirt zu ermuntern, daß er mich um meinen Stand und Namen fragen möchte, allein ich war mutwillig genug, allen seinen Fragen entweder auszuweichen oder sie mit einer lustigen Antwort abzufertigen. Ohne mich zu erkennen, begleitete mich der Offizier an den Postwagen und sagte, als ich einstieg und Abschied von ihm nahm: »Ihr Gesicht ist mir bekannt, es mag sein, woher es will!« »Leben Sie wohl, Herr Baron,« erwiderte ich, »vielleicht erinnern Sie sich noch mit Widerwillen Bronners, Ihres Instruktors in Neuburg!« – »O, schade, daß Sie mir das nicht früher sagten!« rief er, aber der Postwagen rollte davon.

Die Nacht brach ein, und wir hatten einen Wald vor uns, von dem man uns schon im Wirtshause nichts Gutes gesagt hatte. Der Kondukteur teilte Pistolen unter uns aus und sprach: »Es ist noch nicht lange, daß ich in diesem Walde von Räubern angegriffen ward, wir haben uns durchgeschlagen. Auch jetzt hat man Spuren, daß es nicht ganz sicher zu reisen ist. Hören Sie im Walde pfeifen, so bitte ich die Frauenzimmer, sich niederzubücken, denn die Schüsse, welche etwa fallen könnten, gehen dann über ihren Köpfen hinweg; die Männer aber ersuche ich, die Hahnen zu spannen und jeden, der dem Wagen näher kommt, niederzuschießen. Der Postillon hat Befehl, so schnell zu fahren, als er vermag. Seien Sie also wachsam, stille und auf guter Hut!« Diese Anrede wischte alle Schläfrigkeit aus unsern Augen: jeder horchte still und aufmerksam zu. Bald hörten wir pfeifen, da und dort im Walde, wie anzeigend und antwortend. Die Hahnen wurden gespannt, die Frauenzimmer bückten sich zitternd und ächzend nieder, und der Postillon fuhr im Galopp davon. Glücklich kamen wir aus dem Walde, ohne daß uns ein Haar gekrümmt ward.

In Schwabmünchingen ließen wir uns Erfrischungen geben, so spät es auch in der Nacht war, und schliefen ein paar Stunden. Als die erste Morgenröte am Himmel erschien, fuhren wir die Hochstraße hinab durch schöne Dörfer, an der Grenze einer unabsehbaren Ebene, zu deren Linken wir das Wertachtal mit den Gewinden des Flusses und weiterhin auf schönen Hügeln die Schlösser Straßberg und Wellenburg im Auge hatten. Es war mir sonderbar zumute, als wir durch die schöne Allee von Göggingen uns der Stadt Augsburg nahten, die sich vor unsern Augen weit umher verbreitete. »O Gott!« seufzte ich, »lenke hier alles zu meinem Besten! Rette mich aus allen Gefahren, gib mir Klugheit und Geduld und laß mich nicht zum schlechten, nicht zum unglücklichen Menschen werden!« Eine gewisse Beklemmung und eine unüberwindliche Ängstlichkeit bemächtigten sich meiner, als wir etwa morgens um 8 Uhr durch die Tore fuhren.

Kaum war ich bei dem Posthause aus dem Wagen gestiegen, so bot sich ein Lastträger, der schon bereitstand, zu meinen Diensten an. Ich vertraute meinen kleinen Koffer seinen Schultern und bat ihn, mich in einen nahen guten Gasthof zu führen. Er führte mich zum Goldenen Lamme, wo mir auf meine Bitte sogleich ein Zimmerchen angewiesen ward. Hier überlegte ich noch einmal, wie ich mein Vorhaben am klügsten ausführen sollte. Weil ich dachte, im Gewebe meines ferneren Schicksals könnte manches vom ersten Eindruck abhängen, so ließ ich den Friseur rufen und ersuchte ihn, mein Haar, das zu lang war, erst zu schneiden, so daß ich einem Weltpriester ähnlich sehe, und mich dann zu frisieren. Ein Lohnlakai, den ich anfangs für einen ordentlichen Bedienten im Gasthofe hielt, stand dabei, als ich dem bestäubten Jüngling meinen Auftrag gab. Kaum war ich noch aus der Puderwolke herausgetreten, so stellte sich der Lohnlakai vertraulich neben mich, half mir meine Kleider in Ordnung bringen und knüpfte an das, was er gehört hatte, ein forschendes Gespräch an. Zuerst eröffnete er mir sein Befremden darüber, daß ich erst wie ein Reisender vom Bürgerstande erschienen sei und mich nun plötzlich in einen Geistlichen umformen ließe. Dies führte zu Erörterungen, die ihm bald begreiflich machten, daß ich ein entlaufener Mönch sei, der von den Geistlichen Räten hierhergelockt wurde, und nun im Begriffe stehe, sich gutherzig vor ihnen zu stellen. Er schüttelte den Kopf und meinte, ich hätte etwas sehr Gefährliches unternommen und könnte kaum genug auf meiner Hut sein. Seine Ängstlichkeit gewann ihm mein Zutrauen mehr, als wenn er leichtsinnig mein Vorhaben gebilligt hätte. Ich fragte ihm allerlei Umständchen, meinen Gönner de Haiden betreffend, ab und er gab mir, wie ich nachher bemerkte, auf jede Frage sehr aufrichtigen Bescheid. Dennoch hielt ich es damals, da ich ihn noch nicht hinlänglich kannte, für unbesonnen, mich ihm gänzlich anzuvertrauen. Nachdem ich zu Mittag gespeist und alles wohl überlegt hatte, ging ich in die Klettische Buchhandlung, an die mich meine Gönner in Zürich auf jeden Fall empfohlen hatten und traf mit dem Handlungsdiener, der sich meiner sogleich aufrichtig annahm, die Abrede, er sollte ungesäumt eine Postchaise vor dem Laden auffahren lassen und mir jetzt einen unbekannten Lastträger mitgeben, der, von mir angeführt, meinen Koffer aus dem Gasthofe abholen und in den Laden der Handlung bringen möchte. Ich ging mit dem Träger Zum Goldenen Lamme, sagte dem Wirte, »meine Geschäfte hätten glücklich begonnen und ich stehe im Begriffe, mich in einem Privathause einzuquartieren.« Als wir uns der Klettischen Buchhandlung wieder näherten, stand die Postchaise schon bereit, und ich befahl dem Lastträger, meinen Koffer darauf festzubinden. Nach diesen Vorbereitungen ließ ich mich in das Haus des Tabakfabrikanten Pruners führen, wo de Haiden wohnte, mit dem Vorsatze, beim geringsten Anschein von Falschheit oder Nachstellung alle diejenigen, die mich etwa aufhalten oder gefangen nehmen wollten, flink und kräftig zu Boden zu werfen, davonzueilen, in die Postchaise zu springen und zu demjenigen Tore hinauszufahren, durch welches der Weg nach Füssen und weiter nach Tirol führt, um durch die dortigen Gebirge unbemerkt wieder in die Schweiz zu wandern und meine Verfolger, die mich gewiß nicht auf diesem Wege suchen würden, irre zu machen. Ich merkte mir die Gasse, durch die ich gehen mußte, recht wohl, damit ich sie im Notfalle nicht verfehlen möchte. Ebenso prägte ich meinem Gedächtnisse die Treppen und Ausgänge des Hauses, in das ich trat, sehr genau ein und sah mich wohl um, ehe ich den Klöppel an der Tür des Gemaches zog, das de Haiden der Aufschrift zufolge bewohnte.

Auf mein Klopfen kam ein Bedienter hervor, der eben nicht von starkem Gliederbau war, denn deshalb nahm ich ihn sogleich in Augenschein. Kaum hörte er meinen Namen, so lächelte er freundlich und lief in das Zimmer seines Herrn. De Haiden kam mir voll Freuden entgegen, hieß mich herzlich willkommen und führte mich mit dem Ausdrucke ungeheuchelten Wohlwollens in sein Zimmer. »Gut!« sagte er, »recht gut, daß Sie da sind! Fast verzweifelte ich, ob Sie auch kommen würden! Sie waren gar zu mißtrauisch. Aber bald sollen Sie überzeugt werden, daß Sie es mit einem ehrlichen Manne zu tun hatten, und daß Sie nun der heiligen Hermandad ganz und gar nicht in die Hände gefallen sind, wie Sie immer zu fürchten schienen! Bald sollen Sie sehen, daß ich Ihr aufrichtiger Freund bin!« In diesem Tone sprach und fragte er noch vieles und wiederholte mündlich jedes seiner schriftlichen Versprechen, so daß nach und nach alle meine Besorgnisse verschwanden. Am meisten tat er sich darauf zugute, daß er es war, der mich zur Wiederkehr bewogen hatte. »Schon lange,« fuhr er fort, »hab' ich Ihnen einen angenehmen Kost- und Wohnort bereitet; Ihr Freund C. Sch., mit dem Sie bereits in Korrespondenz standen, soll Ihr Hausherr sein! Er wohnt mit mir unter einem Dache, sein Gemach stößt an das meinige. Diese Nähe soll uns alle drei inniger zusammenketten, wie ich hoffe! Auch wohnt ein Weltpriester bei ihm, mit Namen Clemens Bader, ein junger geschickter Mann aus München, der hier beim Geistlichen Rate als Akzessist angestellt ist; vielleicht tut es Ihrem Herzen wohl, sich näher an ihn anschließen zu können! Kommen Sie nur!« Da führte er mich zu Herrn C. S., der mich gleichfalls mit sichtbarer Freude empfing und mir sogleich meinen Aufenthalt in seinem Bibliothekzimmer anwies. Es war mir freilich sehr unangenehm, gerade bei demjenigen Manne wohnen zu müssen, gegen den ich wegen seines Fanatismusses und seiner Verbindung mit Jesuiten und Rosenkreuzern eine unüberwindliche Abneigung hatte. Allein ich mußte mich in mein Schicksal fügen und zu einem unangenehmen Spiele willig oder unwillig eine freundliche Miene machen.

Unter dem Vorwande, mich einiger Aufträge zu entledigen, ging ich dann in die Klettische Buchhandlung, schickte den Postillon, der sich mit Auszahlung des halben Preises und eines Trinkgeldes befriedigen ließ, nach Hause und ließ den Koffer in meine Wohnung bringen. Als ich in das Zimmer meines Hausherrn trat, fand ich eine wohlgewachsene Frau, die sich dahin als in einen Freiungsort (Asyl) geflüchtet hatte, weil man besorgte, ihr Mann würde sie als Giftmischerin einstecken lassen. Sie war eine lutherische Wirtin, die sich sehr über die Impotenz und üble Begegnung ihres Wirtes beklagte und alle Lust bezeigte, zum katholischen Glauben überzutreten, der ihr, meinem Bedanken nach, wenigstens insofern seligmachend schien, als er sie von ihrem verhaßten Ehegatten befreien und mit einem geliebten jungen Domherrnbedienten verbinden sollte. Die geistlichen Religionseiferer, denen an der Bekehrung einer so schönen Seele gelegen war, gingen unablässig ab und zu und sparten ihre salbungsvollen Zusprüche nicht. Ich fand mich auf einmal wie in eine andre Welt versetzt und wußte nicht, wie ich mich bei dieser ganzen Szene benehmen sollte, die so viel Widerliches für mich hatte. Herr Bader entriß mich endlich der Verlegenheit, indem er mich auf sein Zimmer führte und mir seinen artigen Büchervorrat wies.

Abends besuchte ich noch den P. Bayrer, der mich mehr kalt als freundlich empfing und deutlich merken ließ, wie sehr es ihn verdroß, daß ich nicht mehr Vertrauen auf ihn gesetzt hatte. Sein Benehmen war so zurückstoßend, daß ich's nur noch ein einzigmal über mich gewinnen konnte, ihn zu besuchen.

Die Ermüdung vom nächtlichen Fahren machte, daß ich ruhig und lange schlief. Als ich erwachte und mich ringsher mit Bücherschränken umgeben sah, erwachte zugleich ein angenehmes Gefühl in meiner Seele, das von der Hoffnung belebt ward, unter dieser Menge von Schriftstellern wenigstens einige, die für mich genießbar wären, zu finden und durch sie nützlichen Unterricht zu erhalten. Ich betrachtete das Zimmer und die Lage, in der ich mich befand, als eine Schule, die zu meiner fernern Bildung beitragen sollte, und betete zu Gott, »er möchte, wie bisher, mein gnädiger Führer sein, damit alles, was ich zu erdulden hätte, zu meiner Besserung und Belehrung gereiche!« Am liebsten kettete ich damals meine Bitten an das Vater unser und meinte durch dieses Hilfsmittel alle meine Bedürfnisse nach einer gewissen Ordnung leicht und ungezwungen darlegen zu können. Zwar glaubte ich nicht, daß eine besondere Kraft in dieser Formel liege, aber ich hatte doch Achtung davor, weil sie ein weiser Mann, der einst die größten Wahrheiten lehrte und allen Nachrichten zufolge selbst tugendhaft lebte, als ein Beispiel eines echten Gebets seinen Jüngern angepriesen hatte, und weil es mir so leicht ward, an diese Formel, die mir von Jugend auf geläufig war, jedes meiner Anliegen anzureihen.

Kaum vernahm man meine Bewegungen im Nebenzimmer, so kam mein Hausherr und führte mich in die schön geschmückte Hauskapelle des Herrn Provikars, in der ein ziemlich prächtiger Altar mit einem überaus reizenden Marienbilde stand. Herr Provikar sagte mir: »es sei notwendig, daß ich zuerst pro foro externo (vor der Welt) von dem geistlichen Banne losgesprochen werde, in den ich wegen meiner Abtrünnigkeit vom Mönchsstande verfallen sei.« Dann kleidete er sich in das Meßgewand, setzte sich am Altare hin, hieß mich niederknien und den 30. Psalm mit ihm in abwechselnden Versen sprechen. Hätte er sich strenge an das Ritual des Bistums Augsburg gehalten, so wäre ich indessen von ihm mit einer Rute oder Geißel auf die entblößten Schultern und den Rücken gestrichen worden. Allein dies unterließ er. Am Ende des Psalms erhob er sich und sprach die Absolution. Dann schlug er ein Kreuz über mich, und ich war des Kirchenbannes entledigt, so daß mich niemand mehr als einen Exkommunizierten scheuen oder vermeiden durfte. Aber das galt nur pro foro exteriori; pro foro interiori (im Gewissen) blieb ich gebunden, bis ich gebeichtet haben würde. Hierauf las er die Messe, der meine Hausleute und ich beiwohnten. Es durchkreuzten mich sonderbare Empfindungen, die nichts weniger als angenehm waren, da ich mich dergleichen Zeremonien, auf die ich gar keinen Wert legte, so hingeben mußte. Doch war ich im Grunde noch einigermaßen froh, daß ich so leichten Kaufes davonkam. Ich hatte immer gefürchtet, es würde wohl gar ein Glaubensbekenntnis von mir gefordert werden, und es war mir ein schrecklicher Gedanke, mich feierlich und eidesmäßig zu Grundsätzen bekennen zu müssen, die ich größtenteils für falsch hielt. Meine ganze Seele bebte vor diesem Betruge zurück. Die erste Frage also, die ich vorbrachte, als de Haiden mir von der Lossprechung vom Banne Meldung tat, war diese: »Ich bin der katholischen Religion niemals ungetreu geworden, muß ich vielleicht doch das Glaubensbekenntnis ablegen?« »Ganz und gar nicht,« erwiderte er, »Sie sind ja kein Abtrünniger vom Glauben, sondern nur vom Orden.« Ein Stein fiel mir vom Herzen, hätte er ein Bekenntnis von mir gefordert, so wäre ich ohne weiteres aufgebrochen und hätte, ohne meinen Koffer in Sicherheit bringen zu können, Augsburg wieder verlassen.

Nachmittags mußte ich mir eine Tonsur scheren lassen, man gab mir ein Brevier, der Schneider nahm mir das Maß zu einem Talar und Mantel, und Herr Provikar war so gütig, mir die Schande zu ersparen, vom bischöflichen Vikariatspedell wie ein geistlicher Verbrecher durch die Stadt geführt zu werden. Er selbst begleitete mich ins Karmelitenkloster, wo er bereits Anstalten zu meinem Empfange getroffen hatte, denn hier sollte ich die vom Papste auferlegte Buße verrichten, nämlich die zehntägigen geistlichen Exerzitien machen. Der Pater Prior führte uns ins Refektorium, wo uns zum Einstande vom besten Bier vorgesetzt ward, und Herr Provikar empfahl mich diesem Obern so gut, daß man mich wirklich als seinen Günstling und als einen werten Gast immer mit Achtung behandelte. Dem Gebrauch zufolge wurde mir ein Exerzitienmeister zugewiesen, unter dessen Aufsicht und Anleitung ich meine geistlichen Übungen vornehmen sollte. Auf de Haidens Verlangen übernahm diesen Auftrag der Pater Alexander, ein bejahrter Mann von feinen Sitten und vielen Kenntnissen, aus ungarischem Adel entsprossen, welcher bereits die ansehnlichsten Ämter in seinem Orden bekleidet hatte, ein Feind der Jesuiten war, jetzt die Kirchengeschichte von Fleury in lateinischer Sprache fortsetzte und erst vor kurzem ein paar Bände gegen die Jesuiten geschrieben hatte. Er führte mich in eine artige Zelle, wo ich einer lieblichen Aussicht in den sehr geräumigen Klostergarten genießen konnte. Eine Menge zahmer Finken flog auf ein Zeichen, das er ihnen gab, in Scharen herbei; die einen hüpften auf das Fenstergesimse, die andern auf den Boden der Zelle, einige auf die Tische und wieder einige haschten in die Luft gestreute Brosamen im Fluge weg. Sie wurden bald auch mit mir vertraut und aßen Brosamen aus meiner Hand. Ihr vertrauliches Spiel verschaffte mir, wenn ich mich in der Folge müde gelesen hatte, manches Vergnügen und war mir sogleich beim ersten Anblick eine Erquickung. Pater Alexander unterredete sich mit mir, wie ich es mit meinen geistlichen Übungen halten wollte, und zeigte sich als einen sehr diskreten Mann. »Morgen ist das Fest der heil. Magdalena,« sagte er, sobald wir die Zelle betraten, »sie war eine große Büßerin! Ahmen Sie ihr nach, und bestreben Sie sich, mit Gott ausgesöhnt und ein tugendhafter Mann zu werden!« Ich hatte mir schon während der Reise vorgenommen, die Dekade der Exerzitien zur Prüfung und strengen Revision meiner religiösen Grundsätze anzuwenden und auf diese Weise für mich eine leere Zeremoniensache moralisch nützlich zu machen. Zu diesem Ende forderte ich nichts von dem Pater Exerzitienmeister als eine Bibel. Er brachte sie mir und schien sich zu freuen, daß ich kein andres als dieses Buch verlangte. Seine Direktion schränkte sich gänzlich darauf ein, daß er mich täglich einigemal besuchte, mich durch Billigung meines stillen Betragens und des Eifers, mit dem ich die heilige Schrift las, ermunterte und mich jedesmal nach dem Mittagessen, zur Aufheiterung, in die zahlreiche und im Fache der Geschichte sehr wohl bestellte Klosterbibliothek führte, mir die bequeme Einrichtung und die meisten Merkwürdigkeiten derselben wies und überhaupt sich bemühte, seinem Büßenden manche angenehme Stunde zu machen. In Speis und Trank ließ mir der Pater Prior nichts abgehen, man überhäufte mich vielmehr mit guten Fastenspeisen, Fischen und Gebackenem, so daß ich die Fleischkost gar leicht vermißte, und reichte mir täglich dreimal einen Krug des besten Biers; ich wäre berauscht worden, wenn ich ihn auch nur einmal ganz ausgetrunken hätte.

Am Jakobitage, den 25. Juli, forderte mich P. Alexander zum Beichten auf. »Es ist nicht recht,« sagte er treuherzig, »daß Sie so lange zögern, sich mit Gott durch ein aufrichtiges Bekenntnis Ihrer Sünden auszusöhnen.« Ich beichtete ihm also, obschon ich weder Neigung dazu hatte, noch mich zu diesem Bekenntnis für verbunden hielt und zeigte ihm meine Fehler, zwar nicht ängstlich, aber doch offenherzig an, so daß er den Zustand meines Herzens so ziemlich erkennen konnte; nur von meinen religiösen Zweifeln und Grundsätzen schwieg ich, teils hielt ich es für unrecht, ihn zu belügen, teils hatte ich keine so schweren Verbrechen auf meiner Seele, daß ich eine Verräterei hätte fürchten dürfen, teils hielt ich meine Zweifel nicht nur für keine Sünden, sondern glaubte verdienstlich gehandelt zu haben, als ich meine jugendlich nachgebeteten Glaubenslehren nach bestem Wissen und Gewissen musterte. Aber es lief doch nicht ohne Falschheit ab, denn ich sagte zu mir selbst: »Er wird nicht glauben, daß du aufrichtig gebeichtet hast, wenn du dich nicht auch wegen Unterlassung des Brevierbetens, wegen des Fleischessens an Fasttagen, wegen Vernachlässigung der Beichte und Messe und dergl. während deines Aufenthaltes in einem unkatholischen Lande anklagst.« Ich klagte mich also dieser Sünden an, ohne sie für Sünden zu halten, denn mir waren Brevier, Fasttage, Beichte und Messe usw. weiter nichts als unverbindliche, ja größtenteils unweise Priestersatzungen. Nun ward ich auch pro foro interiori von der Exkommunikation und meinen Sünden völlig losgesprochen. Freilich fragte der Beichtvater, als ich mit meinem Bekenntnisse zu Ende war, mit einiger Verwunderung, ob ich mich über alle Fehler angeklagt hätte? Und ich antwortete, ich hätte ihm alles gesagt, was ich für nötig fände zu sagen; allein er schien mit meinem ganzen Benehmen nicht sehr zufrieden. Es lag gewiß in meinen Äußerungen etwas, das meine Zurückhaltung verriet.

Am 26. Juli, als am Geburtstage meines Minchens, mußte ich zum erstenmal wieder in der Karmeliterkirche Messe lesen. Kaum vermochte ich mich sogleich wieder in die unzähligen Zeremonien zu finden, und ich las eine sehr lange Messe. Zum Teil geschah dies auch darum, weil ich während des sogenannten Memento, da der Priester für die Lebendigen beten soll, mich in rührenden Gedanken an Minchen verlor und allmählich durch Rückerinnerung an unsre reine Liebe und die unselige Trennung derselben in eine so zärtliche Gemütsstimmung versetzt ward, daß mir helle Tränen über die Wangen liefen. P. Alexander bemerkte dies auf einem Nebenchörchen, von welchem er mir ins Angesicht sehen konnte, und hielt meine Zähren für eine Wirkung der Buße und herzlicher Reue, so daß er mir, bald nachdem ich wieder in die mir angewiesene Zelle kam, sein Wohlgefallen über mein andächtiges Betragen ausdrücklich bezeigte.

Als Herr Provikar abends, den 31. Juli, um mich abzuholen, im Kloster erschien, entließ mich P. Alexander mit vielen Lobsprüchen und gab mir ein schriftliches Zeugnis meines Wohlverhaltens mit, das ich nach genommener Abschrift ans bischöfliche Generalvikariat ablieferte.

Ganz unbefangen trat ich den 31. Juli 1786 mit Herrn Provikar in sein Zimmer und dachte an nichts weniger, als daß ich hier meinen Herrn Prälaten mit dem P. Beda finden würde. Beim Anblick seines entflohenen Ordenssohnes war er wenigstens so sehr als ich selbst bestürzt und schien sich anfangs noch weniger fassen zu können als ich. Beide standen wir eine geraume Weile in stummer Verschlossenheit. Endlich nahte ich mich ihm mit gerührtem Herzen, küßte wie ehemals seine Hand und sagte bittend: »Können Sie mir verzeihen, gnädiger Herr?« »Ach! Pater Bonifacius!« erwiderte er, »ich bin froh, daß Sie nur wieder in einem katholischen Lande sind. 0, warum setzten Sie sich so großen Gefahren aus? Warum hatten Sie so wenig Zutrauen zu mir? Wenn ich nur das geringste von Ihrem Mißvergnügen gewußt hätte, so würde ich ihm gänzlich abgeholfen haben.«

Ich. Was ich immer gesagt hätte, gnädiger Herr, wäre damals vergebens gewesen, denn Sie hätten doch nie geglaubt, daß ich zu solch einem verzweifelten Unternehmen fähig wäre. Höchstens würden meine Äußerungen dazu gedient haben, mich enger eingeschlossen zu halten.

Er. Wenn Sie es versucht hätten, Sie würden das Gegenteil erfahren haben.

Ich. Es war mir gar nicht möglich, da ich keinen glücklichen Erfolg davon, aber wohl Verschlimmerung meines Zustandes vorhersehen konnte.

Er. Sie sind auch gar zu einbilderisch! Noch jetzt, wenn Sie mit mir zurückkehren wollen, soll Ihnen nicht nur kein Leid widerfahren, sondern ich werde alles mögliche tun, um Sie zufrieden zu stellen.

Ich. Ich erkenne Ihre Güte, gnädiger Herr, aber ich kann nicht zurückkehren. Es schmerzt mich sehr, Ihnen dies auch mündlich sagen zu müssen. Aber ich weiß, nach dem Schritte, den ich gewagt habe, könnt' ich's im Kloster noch weniger aushalten, als vorher.

Er. Sie wollen also Ihre Entlassung? Bedenken Sie wohl, was Sie fordern! Sie vertauschen ein sichres Unterkommen gegen Ungewißheit.

Ich. Ich hab' es bedacht und bitte Sie, mich zu entlassen.

Er. Pater Beda! übergeben Sie ihm den Dimissionsbrief.

Dieser zog ihn aus seiner Brieftasche, reichte mir ihn dar und sprach: »Ihre Mitbrüder haben das Herzeleid und die Schande, die Sie ihnen machten, nicht um Sie verdient! Aber ich sehe, Sie haben einen verstockten Sinn, sonst hätte Sie die Güte des gnädigen Herrn gerührt! Ich bin froh, einen solchen Menschen nicht mehr zum Mitbruder zu haben!« »Euer Hochwürden,« sagte ich, »sind mein Lehrer gewesen, dieser Umstand hält mich ab, Ihre harte Rede durch eine härtere zu erwidern.« Dann wandte ich mich an meinen Prälaten: »Ich danke Ihnen, gnädiger Herr, für diesen Entlassungsbrief und für alle Wohltaten, die Sie mir jemals erzeigt haben! Es schmerzt mich, Ihnen nicht durch Erfüllung Ihrer Wünsche danken zu können und Ihnen Verdruß gemacht zu haben. Dächten alle Klosterleute wie Sie, so wollte ich Ihnen diese Schrift augenblicklich zurückgeben! Aber – Sie hörten es selbst, sogar mein ehemaliger Freund begegnet mir mit Bitterkeit!«

Der Prälat nahm jetzt das Wort: »Damit Sie sehen, Pater Bonifacius, daß ich keinen Groll gegen Sie im Herzen trage und auch noch jetzt für Ihr Wohlergehen besorgt bin, so habe ich, auf das Vorwort des Herrn Provikars, Ihnen bei meinem Konvent, das Sie so sehr beleidigt haben, den erforderlichen Titulus mensae ausgewirkt. Er mag Ihnen zum Unterpfand dienen, daß der heil. Ordensvater Benedikt seine Söhne nie gänzlich verstößt, und daß Sie, wenn Sie das Unglück verfolgen sollte, Ihre Zuflucht wieder unter seinen Schutz nehmen dürfen. Ich bin jede Stunde bereit, Sie wieder unter meine Ordensbrüder zu zählen!« »Gnädiger Herr!« erwiderte ich mit nassen Augen, «diese auffallende Güte beschämt mich! Es tut mir wehe, sie mit nichts erwidern zu können!«

Er. Sie können es ja! Lieber Ungetreuer! Kommen Sie wieder mit mir!

Ich. Ach! gnädiger Herr, das kann ich nicht!

Ohne die beißende Rede des Paters Beda, die mich einigermaßen verstimmte, hätte mich gewiß diese Treuherzigkeit inniger gerührt, und wer weiß, zu was ich dann fähig gewesen wäre? Mit sichtbarem Schmerz übergab mir nun der Prälat das Dokument, indem er nicht ohne merkliche Empfindlichkeit sprach: »Ich sehe, Sie sind unbeweglich. Aber es wird Sie in kurzem tausendmal gereuen! Empfangen Sie diese Schrift und stellen Sie mir dagegen einen Revers aus, daß Sie von nun an keine Forderung an das Kloster mehr machen wollen. Wir haben auf diesen Fall einen Aufsatz entworfen; fertigen Sie ihn in gehöriger Form aus!« Ich las den Aufsatz, der von Bedas Hand geschrieben war, und zeigte ihn mit einem Winke, ob ich auch so ganz trauen dürfte, dem Herrn Provikar. Dieser verlangte, es sollte in den Revers die Klausel eingeschaltet werden: »Alles dieses unbeschadet des Rechtes, das mir der Titulus mensae an das Kloster gibt«, denn er besorgte vielleicht nicht ohne Grund, der Herr Prälat möchte durch den verlangten Revers sein Versprechen, daß mich das Kloster im Falle der Unfähigkeit, mein Brot zu erwerben, versorgen wollte (welches der eigentliche Inhalt jedes Tituli mensae ist) auf eine verdeckte Weise unwirksam machen. Ich schrieb also mit diesem Beisatze den Revers ab und überreichte ihn gesiegelt dem Herrn Prälaten, worauf mich de Haiden sogleich entließ, um sich mit den beiden Klosterherren allein zu unterhalten.

Als ich den andern Tag auf Herrn Provikars Ermahnung zu den Buchhändlern Rieger kam, wo mein Herr Prälat sein Absteigequartier genommen hatte, um demselben meine Aufwartung zu machen, traf ich ihn am Spieltische, wurde frostig empfangen, mußte von P. Beda ein paar beißende Reden anhören und zog mich bald wieder zurück.

Nach einigen Tagen brachte mir der Schneider einen neuen Talar und Mantel von seinem schwarzem Zeug, ohne mir eine Bezahlung abzufordern. Er sagte mir vielmehr, das bischöfliche Siegelamt würde alles bezahlen. Aber das weite, um mich herschwimmende Kleid wollte mir seiner Form wegen nicht gefallen, und ich hätte lieber ein geringeres getragen, das dem Leibe näher angepaßt und wie zur Tätigkeit gemacht gewesen wäre.

Etwa am 2. August kam der Herr Statthalter des Erzbischofs von Trier, Freiherr von Ungelter, von Dillingen nach Augsburg, und Herr Provikar nahm sich in eigner Person die Mühe, mich demselben vorzustellen. Er empfing mich mit seiner gewöhnlichen, etwas zurückschreckenden Miene, die Ansehen und Würde ausdrücken sollte, im veilchenblauen Talar, mit goldenem Kreuze auf der Brust, den Insignien seiner bischöflichen Gewalt, fragte mich um allerlei Umstände meines Lebens, versicherte mich seiner Gewogenheit, hieß mich öfters abends um fünf Uhr wieder kommen, um ihn zu besuchen und entließ mich in Gnaden. Ich stand schüchtern vor ihm, benahm mich in meinem ganzen Wesen etwas links und schwächte sichtbar den Eindruck von Festigkeit und Wut, den ihm mein schriftliches Benehmen von meinem Charakter beigebracht hatte. Er ließ dies ganz deutlich merken, indem er halblaut zum Herrn Provikar sprach: »Wer sollte glauben, daß dieser furchtsame Mann eine so kühne Feder führte?«

Von nun an war ich ganz mir selbst überlassen. Ich schrieb am 3. August meinem Freunde Heinrich Geßner nach Zürich: »Eine Art Heimweh quält mich hier. Man läßt mir zwar, was das Äußerliche betrifft, bisher noch nichts abgehen, aber an Freuden des Herzens, Freund, bin ich arm, sehr arm. Vielleicht ist's noch Angewohnheit, was mich so wunderlich anekelt, was mich so sehr befremdet, vielleicht lerne ich mich noch besser darein schicken. Während der Reise war ich gar nicht wohl, saß traurig und stumm in einem Winkel des Postwagens und sann und dichtete und ersann und erdichtete nichts, wenn Sie nicht das für etwas halten wollen, daß ich mir vornahm, eine Klugheitslehre in Fabeln zu schreiben, worin ich alle jetzt gewöhnlichen Klugheitsregeln, die ich mir aus Tatsachen abstrahieren kann, satirisch zu behandeln vorhabe.« Wirklich fing ich an, einige dergleichen satirische Fabeln auszuarbeiten. Aber ich fühlte bald, daß sie mir nicht ganz gelingen wollten und gab deshalb mein Vorhaben auf.

Herr Ratsherr Geßner schrieb mir unterm 18. August: »Ihre Idee, gewisse Sätze und Bemerkungen, die Ihnen am Herzen liegen, in Fabeln einzukleiden, gefällt mir sehr. Dieses Fach ist für Sie, es fordert Simplizität in Erfindung und Ausdruck, und wenn man's beleben will, naiven Witz ... Lesen Sie zuerst von Fabeln das Beste, ohne sich eigentlich ein Muster zu wählen, nach den Alten den la Fontaine, Hagedorn, Lichtwer usw.

»Ihre Fischergedichte sind längst schon der Presse übergeben; ich glaube, man wird Ihnen bald ein Exemplar übersenden können; mit der Ausgabe werden Sie vermutlich zufrieden sein, möchten Sie Ursache haben, es auch mit dem zu sein, was ich auf Ihre Erlaubnis dabei getan habe!

»Sie dürfen also mit froher Ruhe Ihr zukünftiges Schicksal erwarten ....; überspannen Sie nicht Ihre Wünsche und Pläne! Was Ihnen noch düster scheint, wird heiter werden. Sehen Sie zu, daß Sie durch ein zu feines Gefühl nicht leiden, wir alle müssen Sachen und Menschen ertragen; sie sind nie ganz gut und sehr selten ganz böse. Die Zärtlichkeit, mit der Sie an Zürich und an Ihre hiesigen Freunde zurückdenken, ist uns allen sehr schätzbar. Wenn von uns etwas zu Ihrem Vorteile geschehen kann, so braucht es nur einen Wink von Ihnen ...«

O, wie viele Freude machte mir dieser Brief! Ich konnte mich lange nicht satt daran lesen. Zugleich erhielt ich samt einem Schreiben des Herrn Amtmanns Heidegger die ersten gedruckten Bogen meiner Fischergedichte. Mit einer überaus angenehmen Empfindung sah ich mein erstes literarisches Kind in einem so schönen Gewande erscheinen. Ich hüpfte hoch auf vor Freude und labte mich lange nur an seiner äußerlichen Zierlichkeit. Als ich aber die Vorrede Geßners zu lesen begann, da wurde mir ordentlich enge ums Herz, und ich fühlte meine Wangen glühen; die vielen Lobsprüche beschämten mich, so sehr sie mich auch freuten, und ich dachte, kein Mensch würde ihm glauben, vielmehr müßte jedermann denken, die Freundschaft hätte ihn verleitet, die Ausdrücke zu überspannen. Bei der Stelle aber, wo er sagte, meine Gemälde schienen ihm zuweilen an kleinen Umständchen zu reich, er habe ausstreichen wollen, aber sie doch die meisten Male stehen lassen, konnte ich mich nicht enthalten, auszurufen: »Ach, hätte der Edle doch ausgestrichen, da er einmal soviel an mir tun wollte!« Im ganzen freute es mich unaussprechlich, daß er sich gewürdigt hatte, was ich niemals hoffen durfte, meine Versuche der Welt so gütig zu empfehlen. In meinem nächsten Briefe an ihn wußte ich meinen Dank nicht lebhaft genug auszudrücken.

Sobald ich vollständige Exemplare erhielt, brachte ich dem Herrn Statthalter von Ungelter eines, doch mit der Vorsicht, daß ich ein Blättchen darein legte, auf welchem etwa folgendes stand: »Möchten die Züge von Tugend und Edelmut, von denen ich singe, die etwas freiern Gemälde dieses Büchleins in Schatten setzen!« Denn ich wußte wohl, daß er über das Wort Mädchen schon große Augen machen würde. Was mußte er erst denken, wenn er an die Küsse kam? Er wollte eben in den Reisewagen steigen, als ich ihm mein schöngebundenes Büchlein überreichte; er nahm es beim ersten Anblick sehr gnädig auf und schrieb mir von Dillingen einen Brief, der in allgemeinen Ausdrücken mich seiner Gewogenheit versicherte.

Sobald er aber nach Augsburg zurückkam, machte er mir heftige Vorwürfe, daß ich ein so unzüchtiges Werk geschrieben hätte, riet mir, deswegen Gott täglich um Verzeihung zu bitten und niemals aufzuhören, für dieses Ärgernis strenge Buße zu tun und bald durch die Herausgabe einer heiligern Schrift meinen Fehler zu vergüten. Er konnte mir auch nicht bergen, daß er nötig finde, mich einer längern Prüfung aus eben diesem Grunde zu unterwerfen. Zwar blieb er noch immer, wie anfangs dabei, ich sollte mit Anfang November nach Dillingen kommen, dort im ehemaligen Jesuitenkollegium wohnen, ein eigenes Zimmerchen nahe bei der Bibliothek beziehen, als Unterbibliothekar anstehen, einige Zeit lang die Geschichte studieren und im folgenden Schuljahre als Lehrer derselben an der Universität auftreten. Allein es dünkte mich immer, es sei mit dem ganzen Projekt kein rechter Ernst, und wirklich erfuhr ich nur zu bald, daß mich diesmal mein Vorgefühl nicht getäuscht hatte.

Andre Exemplare meiner Fischeridyllen schickte ich nach Donauwörth und Eichstädt, auch eins an Minchen, ein zweites an meinen Prälaten und ein drittes an P. Beda.

Nach ein paar Monaten schrieb mir Beda selbst, dankte mir für das überschickte Exemplar und hechelte die Erstlinge meiner Schriftstellerei ziemlich unsanft und beißend durch. Dies verdroß mich so sehr, daß ich schwach genug war, ihm mit Bitterkeit und wenigstens ebenso beißend zu antworten; mein jugendlicher Autorstolz ergoß sich in beleidigenden Ausdrücken kleinlicher Empfindlichkeit, so daß ich mich bei kälterm Blute noch bis jetzt meines offenbar kindischen Benehmens herzlich schämen muß. –

Ich war noch nicht lange in Augsburg, als Herr von Lütgendorf mit einem großen Aerostaten die Luft beschiffen wollte und sich mit außerordentlicher Feierlichkeit dem Volke dieses Schauspiel zu geben anschickte.

Die Begierde, den Luftballon steigen zu sehen, hatte eine außerordentliche Menge Fremder nach Augsburg gelockt. Unter andern waren auch die Professoren Sailer und Weber dahin gekommen und pflegten bald mit Herrn Provikar, bald mit meinem Hausherrn Critolaus und andern Herren in Augsburg vertraulichen Umgang. Critolaus machte, seiner Geschäfte wegen als Rechtsfreund verschiedener Parteien, mehrmals kleine und größere Reisen, und ich bemerkte, daß ihm Sailer bei solchen Anlässen mündlich oder schriftlich öfters einige Aufträge oder Anweisungen gab. Daß Critolaus noch immer Freimaurer sei und zwar vom sogenannten alten System, und daß er in Augsburg das Amt eines Meisters vom Stuhl bekleide, verhehlte er mir gar nicht, sondern nahm sich vielmehr bei jeder Gelegenheit die Mühe, mich für den damals herausgekommenen Hirtenbrief an die Freimaurer des alten Systems, eine Art Rosenkreuzer, für das Buch: Des erreurs et de la vérité, wovon er mir des ehrlichen Claudius Übersetzung mitteilte, und sogar für ein Büchlein Jakob Böhmes, dessen Titel ich vergessen habe, überhaupt aber für alles Mystische einzunehmen und mir auf Spaziergängen und, wo es immer schicklich war, nach seiner Art vorzudemonstrieren, daß Gott Eines und Alles sei oder einem Zirkel gleiche, dessen Mittelpunkt überall, der Umkreis aber nirgends existiere, daß der Mensch aus drei Wesen bestehe, nämlich aus Geist, Seele und Leib, daß ein tausendjähriges Reich, in welchem die Seligen regieren und glücklich leben werden, statthaben müsse und dergl. Öfters behauptete er, wir beide sollten gewiß noch Brüder werden, so sehr ich mich auch dagegen sträubte, seine Behauptungen bestritt und beteuerte, daß ich niemals mehr in eine geheime Gesellschaft treten würde. Es konnte ihm nicht entgehen, daß ich eine unüberwindliche Abneigung gegen alle Mystik und ein sichtbares Mißtrauen gegen alle geheime Wissenschaft im Herzen nährte; dennoch ließ er mir so lange keine Ruhe, bis ich endlich aufgebracht und in derbem Tone erklärte: »Ich wolle mich durchaus nicht mehr am Gängelbande geheimer Obern, vielleicht gar versteckter Jesuiten, führen lassen.« Von dieser Zeit an unterließ er zwar, mich mit positiven Zumutungen anzugehen, teilte mir aber doch hin und wieder noch eine Freimaurernachricht oder eine Logenliste mit, in der Absicht, wie es mich dünkte, um das Interesse, das ich an dergleichen Dingen zu nehmen schien, wenigstens nicht völlig erkalten zu lassen. Einst als ich zum Essen ins gemeinschaftliche Zimmer kam, fand ich auf dem Fenstergesimse einen offenen Briefumschlag von Sailers Hand an Critolaus, in welchem nichts eingeschlossen war als ein gedruckter Bogen Papier mit zerstreuten kleinen Punkten unter den Buchstaben. Ich dachte, Sailer habe meinem Hausherrn diesen Bogen wahrscheinlich darum geschickt, damit dieser das mangelhafte Exemplar eines Buches ergänzen könnte. Die Tintenpünktchen hielt ich für Makeln, die ihren Ursprung vielleicht der Unachtsamkeit zu danken hätten, mit welcher der Bogen auf ein neubeschriebenes Blatt gelegt worden wäre. Eben las ich aus Langerweile einige gedruckte Seiten davon, da trat mein Hausherr ins Zimmer, riß mir entrüstet das Blatt aus den Händen und fragte zankend, »was ich mich in seine Geheimnisse zu mischen hätte?« Ich wußte nicht sogleich, was er damit sagen wollte, zeigte lächelnd auf den gedruckten Bogen und sprach: »Er werde mir doch keine gedruckten Geheimnisse vorenthalten wollen?« Mit forschenden Blicken sah er mir starr in die Augen, nahm den Druckbogen und ging davon. Dieser Vorfall erweckte mein Nachdenken, und ich konnte mich des Argwohns nicht erwehren, die Punkte unter den gedruckten Buchstaben möchten Chiffern gewesen sein, deren Wert und Bedeutung durch die Anzahl der dazwischenstehenden Buchstaben bestimmt werden müßte. Allein die Gelegenheit zu dechiffrieren war vorüber, und ich konnte das Blatt nicht wieder zu Gesichte bekommen.

Mein Hausherr betrug sich übrigens als ein überaus frommer Katholik, besuchte die Kirche sehr ordentlich, ließ alle Sonn- und Festtage eine Stelle des Evangeliums über Tisch lesen, kommentierte darüber, kam manchmal in eine Art Extase und diente mir zuweilen sogar am Altare, wenn ich Messe las. Seine Hausfrau war noch viel andächtiger und eine fromme erklärte Verehrerin der Jesuiten, Dominikaner und Franziskaner. Beide behandelten mich übrigens so, daß ich die Sorgfalt, mit der sie mir die kleinen Bedürfnisse des täglichen Lebens herbeischafften, niemals vergessen werde, und daß ich ohne die Furcht, in eine geheime Gesellschaft zu geraten, wahrscheinlich in eine nähere freundschaftliche Verbindung mit ihnen getreten wäre. Aber da ich den Umgang des Mannes mit Goldmachern, Rosenkreuzern und Jesuiten sah, so konnte ich mich unmöglich in ganz enge Vertraulichkeit mit ihm einlassen, ohne meine Selbständigkeit in Gefahr zu setzen und allmählich in geheime Pläne verwickelt zu werden, vor denen ich gerechten Abscheu hatte.

De Haiden, so wenig er sonst von abergläubischen Dingen zu halten schien, pries dennoch die physische Sympathie an, erzählte von Erfahrungen, die er darüber gemacht hätte, z. B. von Wolfssaiten, mit denen er, sobald sie auf eine Geige gespannt und gestrichen wurden, alle Schafssaiten ohne weiteres Zutun absprengte, und dergl. Er, Pater Beda, Ruosch in Öttingen, Sailer, Gabler in Wemdingen u. a. m. standen in einer sehr engen Verbindung. Sie bestellten sich bald nach Donauwörth, bald nach Dillingen, bald nach Augsburg, um ihre vertraulichen Zusammenkünfte zu halten.

Als ich einst zu der Frau Frings kam, wohin Herr Provikar immer zu Tische ging, unterhielt mich die Tochter derselben, die Freundin des Herrn Provikars, von allerlei gesellschaftlichen Scherzen und kleinen Ereignissen, die ihr im Umgange mit Herrn Sailer, Weber, Beda und Mahr Vergnügen gemacht hatten und ließ sich unter anderm verlauten: »Vor Ihnen darf ich schon offenherziger reden, Sie gehören doch auch zur Harmonie.« Ich ward aufmerksamer, lächelte ein wenig, sagte aber kein Wort, um meine Unwissenheit nicht zu verraten. Dennoch mochte etwas in meinem Gesichte sein, was bei der unvorsichtigen Mademoiselle Zweifel erregte, sie stutzte ein wenig und fragte: »Sie kennen doch unsern vertrauten Zirkel, die Harmonie? Machen Sie nur nicht den Unwissenden! Ich gehöre auch dazu, wie noch manches andre Frauenzimmer.« Ich nahm die Miene an, als wollte ich mich nicht gern als Mitglied zu erkennen geben und tat noch ein paar Fragen an sie, welche von meiner absichtlichen Verleugnung zeugen sollten. Allein ich konnte nichts aus ihr herauslocken, das mir ein näheres Licht über diese geheime Gesellschaft gegeben hätte. Nur das gestand sie, »daß Herr Provikar viele Papiere bewahre, welche auf dieselbe Bezug hätten, und daß schon manche solche Schrift sich zwischen Akten und Musikalien versteckt und verloren haben würde, wenn sie sich nicht die Mühe genommen hätte, die Blätter sorgfältig auseinander zu lesen.« Herr Provikar trat ins Zimmer, strafte die Demoiselle, sobald er merkte, wovon die Rede war, sogleich mit ernsten Winken und fing von andern Dingen zu sprechen an.

Diese und noch andre kleine Anzeigen, deren ich mich jetzt nicht mehr so deutlich erinnern kann, brachten in mir die Überzeugung hervor, daß meistens geheime Jesuiten und Rosenkreuzer oder wie sich die Herren sonst nennen mochten, mich umlagerten, und daß ich nie zu sehr auf meiner Hut sein könnte. Wie hätte bei diesen Umständen mein Umgang ganz unbefangen, meine Seele nicht verschlossen und meine Unterhaltung nicht etwas ängstlich sein sollen? Nur zu bald fühlte ich das Bedürfnis gesellschaftlicher Mitteilung mit doppelter Lebhaftigkeit.

Unter den Katholiken kannte ich niemand, mit dem ich gerne Freundschaft gemacht hätte, nur mit einigen evangelischen Lehrern am Gymnasium zu St. Anna wäre ich gern in engerer Bekanntschaft gestanden. Aber sie zeigten mir zu große Anhänglichkeit an Sailer und Konsorten, mit denen sie viel Umgang pflegten, so daß ich immer einige Scheu empfand; zugleich hätte ich mich der Gefahr ausgesetzt, von intoleranten, erzkatholischen Schreiern als ein Ketzerfreund angefeindet und unterdrückt zu werden. Herr Statthalter von Ungelter bezeigte mir einst deswegen, weil ich den öftern Umgang mit Lutheranern vermied, viel Beifall und versprach mir deshalb von neuem seine Gewogenheit. Was würde erfolgt sein, wenn das Gegenteil stattgefunden hätte? – In Ermangelung offenherziger Unterhaltung suchte ich also durch abwechselndes Studium der Philosophie und Geschichte die Langeweile zu entfernen und lief an den Bächen und Flüssen bei Augsburg fleißig spazieren. Doch hatte mich die Laune zum Dichten fast ganz verlassen. Nur zu einem größern Gedichte, der erste Krieg, machte ich den Plan und sandte ihn an meinen Freund Heinrich Geßner nach Zürich mit der Bitte, er möchte ihn seinem Herrn Vater vorzeigen und dessen Urteil darüber erforschen.

Da ich in einem andern Briefe an Herrn Ratsherrn Geßner die Furcht geäußert hatte, meine Idyllen möchten weder Abgang noch Gnade vor den Rezensenten finden, so tröstete er mich darüber in einem baldigen Antwortschreiben. Was darin seine freundschaftliche Güte zuviel sagt, mag jeder Unbefangene leicht davon abrechnen. Er schrieb: »Ihre Idyllen haben hier allgemeinen Beifall erhalten. Noch immer schweigen die deutschen Journale, sie werden doch einmal etwas sagen müssen. Sie können es ruhig und mit gutem Gewissen erwarten; wenn sie billig sind, so können sie Ihnen Lob und Beifall nicht versagen, oder ich muß meinen ganzen Kopf verloren haben.« Zugleich kündigte er mir an, daß eine Übersetzung meiner Idyllen ins Italienische in Vorbereitung sei.

Ob mich ein solcher Brief nicht zehnfach für alle die schmerzlichen Vorwürfe des Herrn von Ungelter schadlos halten mußte?

Meine freundschaftlich gesinnten Herren Verleger schickten mir auch auf meine Äußerung, daß ich Mangel an Büchern hätte, eine Menge ihrer Verlagsartikel unentgeltlich zu, von denen sie wußten, daß ich einmal Lust bezeigt hatte, sie zu besitzen. Durch ihre Freigebigkeit und den Ankauf einiger klassischen Schriften vermehrte sich mein kleiner Büchervorrat so sehr, daß ich bei meiner Abreise nach Dillingen einen ganzen Verschlag samt einem großen Koffer damit füllen konnte.

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