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Ein Mönchsleben aus der empfindsamen Zeit

Franz Xaver Bronner: Ein Mönchsleben aus der empfindsamen Zeit - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
authorFranz Xaver Bronner
titleEin Mönchsleben aus der empfindsamen Zeit
volumeErster Band
editorOskar Lang
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectida7a1e231
created20061022
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Sechstes Kapitel:

Der Pater Bonifacius.

Die Profession – Erste Verstimmung – Mönchische Sittlichkeit – Mathematische und philosophische Studien – Liebe zu den Wissenschaften ist verfemt – Die Visitation – Gedichte, Landlust – Das Perpetuum mobile – Versuch zu fliegen – Musikalische Uebungen – Die Theologie – Pater Beda – Die Grasmücke – Der Mönch liebt – Andacht eines Liebenden – Der erste Kuß – Die Aderlässe – Das Studium der Moral – Die Einladung – Eine Heirat – Vorboten des neuen Heidentums – Subdiakonat und Vorbereitung zur Reise nach Eichstädt.

Als das Ende des Noviziats und die Zeit der Ordensprofession, da wir die drei klösterlichen Gelübde feierlich in der Kirche ablegen sollten, allmählich heranrückte, erklärte uns der Novizenmeister weitläufig, was wir unter Armut, Keuschheit und Gehorsam zu verstehen hätten, pries die heilige Profession als eine zweite Taufe an, die uns aller Sünde entledigen würde, und trug jedem von uns auf, die Gäste schriftlich anzuzeigen, die er aus der Zahl seiner Verwandten zu diesem Feste einzuladen wünschte, damit man deshalb die nötigen Verfügungen treffen könnte. Ich wollte niemanden zu Gast bitten als meine Eltern, meine Großmutter, die aber nicht erschien, meinen Taufpaten und den Herrn Stadtpfarrer von Höchstädt. Aber der Prälat befahl mir, auch noch den Herrn Stadtsyndikus mit seiner Familie, den er längst schon kannte und lieb hatte, einzuladen. Bald darauf traten wir in die dreitägigen geistlichen Exerzitien und schrieben, als sie zu Ende gingen, die uns erst jetzt vorgelegte Professionsformel, jeder mit eigener Hand ab, die uns wörtlich und ausdrücklich zu nichts anderm verpflichtete, als zum Gehorsam gegen den Prälaten, der Regel des heil. Benedikts gemäß. Von der Keuschheit geschah in der ganzen Formel nicht die geringste Meldung, aber der Novizenmeister erklärte uns, daß das Gelübde der Keuschheit, sowie jenes der Armut, schon darin verborgen liege. Diese Auslegung wollte mir nicht recht zu Kopfe, und ich äußerte mein Bedenken; ich glaubte nämlich, in einer so wichtigen Angelegenheit dürfte unter den Worten, die man vorbrächte, nicht mehr und nicht minder verstanden werden, als was sie ausdrücklich anzeigten. Er nahm mich aber beiseite und riet mir, nicht länger zu grübeln, sondern die Formel geradezu in dem Sinne abzulesen, den die Worte enthielten. Dies beruhigte mich, und ich dachte, es würde mir nicht schwer sein, die Klostergelübde zu halten, da sie eigentlich nur forderten, den Ordensobern zu gehorsamen, nichts anders zu besitzen, als was dieselben mir gestatten würden, und mit dem schönen Geschlechte keinen andern Umgang zu haben, als den sie und die allgemeine Moralität mir nicht verbieten dürften. Freilich kostete mich der letzte Umstand, demzufolge ich auf das Glück der Ehe für immer Verzicht tun sollte, manchen Seufzer; allein teils wußte ich eigentlich noch nicht recht, wie vielen süßen Menschenfreuden ich dadurch entsagte, teils entdeckte ich nirgends eine Aussicht auf eine bessere Versorgung, die mir irgendein liebes Geschöpf zu ehelichen vergönnt hätte; ich entschloß mich also, nicht ohne Kampf, die Gelübde abzulegen.

Den 19. Oktober 1777 brachte der Novizenmeister vier zusammengerollte Zettelchen in unser gemeinschaftliches Zimmer und sagte, daß jedes einen Ordensnamen enthielte: der Prälat befehle, jeder sollte nach Belieben ein Zettelchen wählen und dann den Namen tragen, den er darin finden würde. Sie seien folgende: Amand, Cölestin, Placidus und Bonifacius. Man hatte mit Fleiß alle Namen vermieden, die ein R enthalten, weil man aus langer Erfahrung wissen wollte, daß Religiosen, in deren Namen ein R sei, gewöhnlich mißraten. Nun wünschte jeder von uns, den schönsten Namen zu erhalten; ich selbst, wenn ich frei hätte wählen dürfen, würde aus einer sonderbaren Vorliebe Amand gewählt haben. Aber Bonifacius wollte durchaus keiner heißen, weil ein vor kurzem gestorbener roher Laienbruder so geheißen hatte und dieser Name so leicht in Fazi, Malefazi usw. verdorben werden konnte. Nur ich war Großsprecher genug, zu sagen: »Meinetwegen nennet mich Mummolus (ein wirklicher Benediktiner-Heiliger) oder wie ihr wollt.« Ein andrer nahm mich sogleich beim Worte: »Willst du den Namen, den du ziehen wirst, mit dem meinigen vertauschen, wenn ich den Zettel Bonifacius bekomme?« »Ganz gern!« antwortete ich. Man zog, und ich ergriff wirklich selbst den Namen Bonifacius. »Es ist gut,« sagte der, welcher mir den Tausch angetragen hatte, »daß gerade Bronner diesen Namen erhielt; ihn bringt er nicht in die Verlegenheit, geneckt und als würdiger Nachfolger des Laienbruders verspottet zu werden, er kann ihn mit Ehren tragen« usw. Diese Rede, die meinem geheimen Stolze so sehr schmeichelte, goß wieder Ruhe in mein Herz, das mit dem mir zugefallenen Namen wirklich nicht recht zufrieden sein wollte.

Bald darauf führte man uns zum Altar, vor dem der Prälat im Kirchenornate nebst seinen Diakonen und Meßdienern, dann der ganze Konvent, welcher zu beiden Seiten des Altars ein paar finstere Linien formierte, und etwas weiter zurück in rotbekleideten Kirchenstühlen unsere zu dieser Feierlichkeit gebetenen Gäste, Eltern und Verwandten uns erwarteten. Das Hochamt begann mit feierlicher Musik; sobald es aber bis zur Aufopferung des Brots und Weines gekommen war, unterbrach es der Prälat, setzte sich, mit Inful und Stab geschmückt, mitten auf die oberste Stufe des Altares, wohin man ihm zu diesem Ende einen prächtigen Kirchensessel gestellt hatte; jeder von uns vier Novizen mußte dann, der Reihe nach, vor ihm hinknien, seine geschriebene Professionsformel vernehmlich ablesen und eigenhändig als Opfer auf den Altar legen. Man zog uns nun das faltenreiche Chorkleid, Flocke genannt, über die übrigen Mönchskleider an, bedeckte uns das Haupt mit der Kaputze und nähte dieselbe jedem vor dem Angesicht und zwar so enge zu, daß wir kaum hervorschauen und nur schwer den Weg zum Munde finden konnten. Dies sollte die Einnähung der Toten vorstellen und anzeigen, daß wir nun der Welt völlig abgestorben seien. Aus eben diesem Grunde mußten wir uns sogleich nach dieser neuen Einkleidung an den Stufen des Altares auf's Angesicht zur Erde werfen, man bedeckte uns insgesamt mit einem Totentuche, stellte 6 Totenkerzen umher, wie man bei einer Bahre zu tun pflegt, und sang in traurigem Choralton Totengesänge über uns, so daß sich von unsern Eltern kaum jemand der Tränen enthalten konnte. Sobald uns wieder aufzustehen erlaubt ward, führte man jeden von einem Religiosen zum andern, um den brüderlichen Friedenskuß zu empfangen. Aber schon hier erschreckte mich mancher kalte, finstre oder gar unfreundliche Blick und verriet mir, daß ich fehlgerechnet hatte, indem ich von allen meinen Mitbrüdern die Meinung hegte, sie seien gut für mich gesinnt. Nachdem wir aus den Händen des Prälaten das Abendmahl empfangen hatten und der Gottesdienst geendigt war, führte man jeden von uns mit der vernähten Kaputze in seine Zelle, wo wir in heiliger Einsamkeit frommen Betrachtungen obliegen und den ganzen Tag allein mit Gott zubringen sollten. Nur ein Klosterdiener brachte jedem, stillschweigend, ein sparsames Essen. Aber gegen Abend schlichen heimlich andre Diener mit vollen Schüsseln in unsere Zellen und brachten uns von den Leckereien der Tafel mehr, als wir genießen konnten. Unsre Eltern und Verwandten zu sehen oder zu sprechen, war weder vor Ablegung der Gelübde, noch an diesem Tage erlaubt. Das erste dieser Verbote schien deswegen gegeben zu sein, weil man besorgen mochte, der Umgang mit Eltern und andern Weltlichen könnte jungen, veränderlichen Herzen etwa Veranlassung werden, zu wanken oder den gefaßten Entschluß wieder umzustimmen; das zweite gehörte von jeher zur Zeremonie der Profession, von der man aus guten Gründen nicht abgehen wollte. Wir mußten in unserm neuen Chorkleide, auf Stühlen ruhend, sogar die Nacht hinbringen. Erst den andern Tag, um 7 Uhr, als der Prälat Messe las, trennte er vor dem Altare unsre zusammengenähten Kaputzen mit einiger Feierlichkeit auf und gestattete uns Neuerstandenen, am Umgange mit Menschen wieder teilzunehmen.

Sogleich nach dieser Zeremonie gehen die Eltern jedes jungen Professus, wie er nun heißt, mit ihrem Sohne einzeln zum Herrn Prälaten in die Abtei, danken ihm und erwarten seine Befehle und Ermahnungen. Als die Reihe an mich und die Meinigen kam, empfing uns der Prälat auffallend spröde und sagte unter andern Dingen: »Der Frater Xaver hat sich allzufrei und mutwillig aufgeführt; dies steht einem Religiosen gar nicht an; ich hoffe, der Frater Bonifacius wird diese Fehler verbessern.« Stille und geduldig hätte ich diese Korrektion angenommen, wenn sie mir unter vier Augen gegeben worden wäre; aber öffentliche Beschämung konnte ich nie ertragen, und so oft mich ein Oberer sein Ansehen auf eine solche Art fühlen lassen wollte, hatte er an mir gewiß einen kühnen Widersprecher. Auch diesmal wurmte mir der gegebene Verweis allzusehr im Innern, als daß ich gänzlich zu schweigen vermochte. »Gnädiger Herr!« sagte ich mit bescheidenem aber doch etwas bitterm Tone: »Wenn Sie schon länger soviel an meiner Aufführung zu rügen fanden, so wäre es, meinem Bedünken nach, besser gewesen, mir es früher zu sagen, damit ich mich früher hätte bessern oder einen andern Entschluß fassen können.« »Frater!« erwiderte er, mit zorniger Majestät, »das ist keine Art, mit seinem Obern zu sprechen! Ich sehe, er bedarf der Zucht noch mehr, als ich geglaubt habe.« Dann ermahnte er meine Eltern, daß sie mich auf bessere Wege zu leiten versuchen sollten. Meine Mutter nahm sich die Freiheit zu fragen, worin denn eigentlich meine Hauptfehler bestünden, mußte sich aber mit der kurzen Anzeige, daß ich im Noviziate zu locker gelebt hätte, und mit einer schnellen Verabschiedung abspeisen lassen. Diese Szene griff meiner Mutter so sehr ans Herz, daß sie, sobald wir allein in ihrem Gastzimmer waren, in lautes Wehklagen und bittere Tränen ausbrach und nun selbst bereute, mich zum Klosterstande überredet zu haben. Ich leistete ihr treulich Gesellschaft und wiederholte immer: »Ach, nun bin ich gefangen, und schon der erste Tag beginnt mit neuen Leiden! Warum rügte man meine Lustigkeit, wenn sie doch über die Schranken ging, nicht im Noviziat, nicht im Augenblicke, da ich fehlte? warum erst jetzt, da ich gefangen bin? und so beschämend, so öffentlich?«

Dieser Vorfall verstimmte mich für lange Zeit. Unlustig saß ich an der Tafel, mißmutig und ohne Teilnahme sah ich den Pfänderspielen und andern kleinen Lustbarkeiten zu. Meine Eltern und andre ernsthafte Leute hatten sich abends, da es ihnen im großen Saale zu bunt herging, in ein Gastzimmer zurückgezogen, um sich ungestört freundschaftlichen Gesprächen zu überlassen. Aber allmählich sammelten sich mehrere Gäste um uns, die jüngern Religiosen, die nicht wissen mochten, daß dies Zimmer schon besetzt sei, führten Mädchen und Weiber herein, stutzten zwar anfangs, nahmen aber doch bald Platz um eine große Tafel her und fingen zum Spaße an, Waden zu messen. Die Mädchen mußten, auf einem Stuhle sitzend, den Fuß auf den Tisch legen und so die Peripherie ihrer Waden nehmen lassen. Wollten sie nicht, so ergriff sie ein Mönch ohne weiteres beim Beine und zerrte es empor. Sie unterhielten sich auch lange mit dem sogenannten Schuhsuchen, einem Spiele, wo Mädchen und Mönche in einem bunten Kreise auf dem Boden saßen, einen Schuh unter ihren aufgestellten Beinen unsichtbar herumboten und den Suchenden raten ließen, wo sich der Schuh jederzeit befinde. Natürlich gab es da nicht immer die züchtigsten Situationen und eine Aufführung, die nicht nur die Grazien, sondern selbst alle Anständigkeit beleidigte, so daß sich die ernstern Gäste höchlich daran ärgerten und laut über das unsittliche und freche Betragen der jungen Religiosen murrten. »Mutter!« sagte ich bitter, »das sind die Lieblinge des Prälaten! Wäre ich je so lustig gewesen, wie die, so würde mich der heutige Verweis nicht schmerzen, aber auf diese Art werde ich mich nie lustig machen, davor kannst du sicher sein!« »O Sohn!« antwortete sie mit Wehmut, »ich bedaure dich, daß du unter so ungezogene schlimme Menschen geraten bist! Sind das Geistliche, die sich zum Gelübde der Keuschheit bekennen? O pfui!« Da gingen wir in ein andres, anstoßendes Zimmer; aber nicht lange unterhielten wir uns dort in traulichen Gesprächen, so riß ein Mönch ein junges Mädchen zur Tür herein, stutzte, als er uns erblickte, und zog schnell wieder davon. Weinend schieden am folgenden Tage meine Mutter und ich voneinander.

Einer meiner sehnlichsten Wünsche ging bald in Erfüllung: P. Beda gab das Priorat auf und ward zu unserm Lehrer ernannt. Dieser Mann, der sich durch eigene Geisteskraft über Tausende seines Standes emporgeschwungen und sich selbst zu einem aufgeklärten und achtungswürdigen Gelehrten gebildet hatte, war schon allgemein durch mehrere seiner Schriften bekannt geworden. Der Frater Candidus hatte mir bereits mehrere kleine Aufsätze von ihm, teils gedruckt, teils im Manuskripte, zu lesen gegeben und mir dadurch eine so große Hochachtung seiner Talente eingeflößt, daß ich den glücklichen Tag kaum erwarten konnte, an dem ich mich unter seine Schüler zum erstenmal zählen dürfte.

Er begann seinen Unterricht mit der Mathematik, ausdrücklich in der Absicht, unsere Köpfe dadurch zur Gründlichkeit zu gewöhnen und uns allmählich richtig denken zu lehren.

Dabei kam es mir sehr gut zustatten, daß ich bereits die Arithmetik und Algebra, bis zur Auflösung der Probleme des zweiten Grades, aus Liebhaberei studiert und begriffen hatte, ohne diese Vorübung hätte ich viel einholen müssen, um mit meinen übrigen Mitschülern, die alle bereits in den Jesuitenschulen Logik, Metaphysik und Mathematik studiert hatten, gleichen Schritt zu halten. Wir wurden alle zu Fleiß und Tätigkeit hingerissen und munterten durch Nacheiferung täglich einander noch mehr auf. Aber das viele Chorgehen wollte uns kaum hinlängliche Zeit übrig lassen, um unsern Durst nach geometrischen Kenntnissen einigermaßen zu stillen. Wir vernahmen aber, daß in vorigen Zeiten die studierenden Fratres manchmal die Vergünstigung erhalten hatten, aus der Prim (einem Chorgesang, der morgens von sechs bis sieben Uhr währt) wegbleiben und die dadurch gewonnene Zeit zum Studieren verwenden zu dürfen. Deshalb baten wir unsern Pater Professor, er möchte uns durch seine Fürsprache bei dem Prälaten ebendieselbe Erlaubnis auswirken. Er gewährte uns, was wir baten, und es ward gestattet, daß an Werktagen immer einer aus der Prim ausbleiben dürfte.

Es ist aber in Klöstern Herkommens und wie eine Art Erbsünde, daß alle diejenigen, welche vom Chore wegbleiben dürfen, beneidet werden, weil jeder, so hoch er auch vor andern das Gegenteil beteuert, im Grunde den Chor doch nur mit Widerwillen besucht und es allzeit für eine Wohltat hält, von diesem beschwerlichen, unsinnigen und langweiligen Lob Gottes los zu kommen.

Überdas war dem P. Beda im Priorate ein Mann von der jüngern Partei nachgefolgt, welcher längst schon, wie ein echter Separatist, heimliche pietistische Winkelversammlungen mit andächtigen Mädchen und andern Religiosen seines Gelichters in einem Turme der Stadtmauer am Klostergarten gehalten und sich durchaus in den Geruch der Heiligkeit bei den guten Bewohnern von Donauwörth und der umliegenden Gegend bringen wollte. Er geißelte und kasteite anfangs so strenge, daß es ihm jedermann so gut als den frommen Leuten ansehen mußte, vor deren affektierter Blässe ein Weiser seine Jünger warnt, redete nur von geistlichen Dingen, unterhielt einen andächtigen Briefwechsel und schrieb asketische Werkchen. Allein, als doch der Ruhm seiner Heiligkeit sich nicht so recht nach Wunsch verbreiten wollte und wegen des vielen Burgundertrinkens im Turme und der schnellen Verheiratung seiner angeworbenen Bräute des Lamms ein Widerschein von Lächerlichkeit auf ihn fiel, zog er sich in seine anachoretische Dunkelheit zurück, versäumte aber, als er zum Prior ernannt ward, keine Gelegenheit, allem eitlen weltlichen Wissen recht gewissenhaft entgegenzuarbeiten.

Kaum hatte dieser Eiferer vernommen, daß täglich einer von uns aus der Prim wegbleiben dürfte, so eilte er zum Prälaten, stellte demselben vor, daß er ohnehin Mangel an genugsamen Stimmen im Chore hätte und unmöglich gestatten könnte, daß die Fratres unter dem Vorwande des Studierens das Lob Gottes durch ihre Abwesenheit schwächten, und ruhte nicht, bis der Prälat seine Erlaubnis wieder zurücknahm. Aufgebracht über dieses Betragen gingen wir Fratres miteinander zu Rate und wurden einig, unsre Bitte noch einmal und zwar schriftlich an den Prälaten zu bringen und darin alles zu sagen, was wir zu unserm Zwecke dienlich erachten würden. Ich mußte mich also hinsetzen und, weil ich einen hübschen Buchstaben schrieb, alles dasjenige lateinisch zu Papier bringen, was wir unsrer Meinung nach gegen das Verfahren des Priors einzuwenden hatten. Da niemand ohne Erlaubnis des Priors aus der Klausur treten durfte, schlich ich mich des Morgens heimlich in die Abtei, überreichte unsere Schrift und begleitete sie mit mündlichen Bitten und Vorstellungen nach meinem besten Vermögen. Freundlich entließ mich der Prälat. Aber sogleich nach der Prim ward ich wieder zu ihm gerufen, strenge examiniert, ob nicht unser Lehrer selbst die Schrift verfaßt habe, mit Drohungen und Versprechen bestürmt, die Wahrheit zu sagen, und als ich immer standhaft behauptete, daß wir selbst die Verfasser wären, mit Unwillen als ein hartnäckiger Lügner entlassen. Einige satirische Züge und die gefeilte Sprache mochten unsre Obern auf die Gedanken gebracht haben, daß unser Professor mit uns unter einer Decke liege. Sobald dem Prior von meinem Unternehmen etwas zu Ohren kam, befahl er mir zur Buße, den Wein ein paar Tage lang zu karieren. Von der Erlaubnis, aus der Prim wegbleiben zu dürfen, war bald gar keine Rede mehr. Eine solche Behandlung und die selbstsüchtigen Klagen des Priors und seiner Konsorten, daß wir jungen Fratres es darauf anlegten, ihnen über den Kopf zu wachsen, anstatt uns abzuschrecken, fachten unsern Eifer vielmehr auf einen hohen Grad an. Wir wollten ihnen beweisen, daß sie nicht imstande wären, jemanden im Fortschreiten zu bessern Kenntnissen aufzuhalten, und ließen uns weder Schlaf noch Mühe reuen, diesen Zweck zu erreichen. Ein großes Hindernis war uns im Winter der Mangel an geheizten Zellen; denn im gemeinschaftlichen Wohnzimmer störte uns doch immer mancherlei Unruhe. Die Wirkung dieser Unbequemlichkeit auf unsre Studien soviel als möglich zu vereiteln, schlichen Frater Cölestin und ich abends nach der Komplet (dem letzten Chore), wenn die übrigen alle zu Bette gingen, in das noch warme Museum, saßen, eifrig mit mathematischen Studien beschäftigt, an unsern Pulten, rechneten und zeichneten unsre Figuren, jeder für sich, ohne ein Wort zu reden, und suchten uns täglich mehr Fertigkeit in der Geometrie zu erwerben. Lange entgingen wir der Bemerkung des Priors; allmählich aber fiel es ihm doch auf, daß er niemals die Schlüssel an unsern Zellen stecken sehe. Er suchte uns von dieser Stunde an in allen Winkeln, wo er vermutete, daß sich Religiosen zu Trinkgelagen versammeln könnten, wir hörten und sahen ihn manchmal umherschleichen und spähen. Nur dort, wo wir waren, mochte er uns nicht suchen. Zwar hörten wir ihn öfters an die wohlverschlossene Türe schleichen, horchen und an der Schnalle klappen, aber die hohe Stille im Zimmer bewies ihm stets, es müsse leer sein. Endlich überraschte er uns doch, öffnete mit dem Hauptschlüssel die Tür, fand uns an unsern Pulten stille beschäftigt, gab uns aber dessenungeachtet einen Verweis, als wäre das Silentium von uns gebrochen worden, maß unsern Versicherungen, daß wir stillschweigend gearbeitet hätten, nicht den geringsten Glauben bei und jagte uns drohend zu Bette. Den andern Tag verbot er uns scharf, nach der Komplet jemals wieder ins Museum zu gehen. Wenn wir nun abends dasselbe verließen, setzten wir gewöhnlich eine gefundene Maske, die einen Eselskopf vorstellte, von innen zunächst an die Tür auf die Mündung eines blechernen Sprachrohres, so daß der Langohr dem Prior freundlich zunicken mußte, sobald er die Tür, um wieder nachzusehen, öffnen würde. Wir blieben aber in unsern kalten Zellen, wickelten alte Kleider um unsre Füße, um sie vor der Kälte zu schützen, und studierten unbekümmert fort. Aber man bemerkte das Licht an unsern Fenstern und gebot, mit dem Schlage halb neun Uhr sollten jederzeit alle Lichter in den Zellen der Fratrum ausgelöscht sein; man sprach so etwas von Feuersgefahr, von Beraubung des Schlafes, vom Krankwerden und von Schläfrigkeit in der Frühmette. Wir kehrten uns aber wenig an dieses Verbot, das nur vom Prior und seinen Obskuranten kam, verließen uns auf die Appellation an den Prälaten und studierten in unsern Zellen nach halb neun Uhr wie zuvor. Da rief uns der Prior, als er bald darauf Kapitel hielt, beide in die Mitte hervor, gebot uns, daß wir unsre Culpam sagen (Schuld bekennen) sollten und hielt eine lange Strafrede über den Text: »Sie sind ihrer Beschäftigungen (Studien) wegen des Fluches wert geworden« (Psalm 13, 1). Demütig und so tief als möglich gebückt, mußten wir, ein halbes Stündchen lang, vor dem ganzen Konvent in der Mitte draußen stehen, uns mit Schimpf übergießen lassen und zuletzt dem Prior noch obendrein nach Mönchsgebrauch für die liebreiche Ermahnung danken. Im Weggehen aus dem Kapitel bezeigten uns freilich einige der Bessern ihr Mitleid; aber auf andern Gesichtern lächelte höhnische Schadenfreude.

Überzeugt, daß man uns nur vom Studieren abhalten wollte, und daß sich einige verdorbene Seelen fürchteten, wir möchten zuviel lernen, erfand ich ein ganz einfaches Mittel, ohne ihr Wissen nachts studieren zu können. Ich nagelte ein altes Waschbecken von Eisenblech mit breitem Rande an die Wand bei meinem Bette, schwatzte dem Koch einen Hafen ab, schlug in den Boden desselben ein kleines Loch zum Ausgang des Rauches, in die Seite aber ein größeres und stürzte ihn über die Lampe, so daß nur ein runder Kreis von Helle durch das größere Seitenloch auf mein Bett herabfiel und übrigens meine ganze Zelle unbeleuchtet blieb. Ohne bemerkt zu werden, ohne zu frieren und ohne Feuersgefahr konnte ich also in meinem Bette sitzend nach Herzenslust auf einer schwarzen Schiefertafel mit dem Griffel Figuren zeichnen und rechnen. Als ich mich einst bei einem günstigen Anlasse, unter Beistimmung meiner Mitbrüder, vor dem Prälaten über die Verfolgung von seiten des Priors zwar in ehrfurchtsvollen, schonenden Ausdrücken, aber doch mit Herzählung aller über uns verfügten Strafen, eindringlich beschwerte, schüttelte der Prälat bedenklich den Kopf und befahl sogleich, daß man von nun an auch unsre Zellen heizen sollte, eine Gemächlichkeit, nach der wir schon längst vergebens gestrebt hatten.

Als uns die Hitze des Sommers und der Staub vom Neubau, der in Angriff genommen worden war, aus dem Museum vertrieb, hielt unser Lehrer seine Vorlesungen in der Bibliothek, wo es kühl und stille war. In unserm neuen Hörsaale durften wir zwar die Bücher nicht durchsuchen oder mit uns wegschleppen; allein es ergab sich doch manche Gelegenheit, meine Wißbegierde zu sättigen und manche interessante Schrift unter dem vorhängenden Skapulier in die Zelle zu bringen. Denn was ich einmal unter dem Skapulier verborgen hatte, das brachte keine Gewalt mehr heraus. Sowie ich ein Buch aus dem Gestelle zog und seinen Inhalt anziehend fand, las ich nun alles durcheinander, bald Kirchengeschichte, historische Schriften, alte und neue Geschichte, Goldonis Schauspiele, Cooks Reisen, Voltaires allgemeine Weltgeschichte; bald Homer, Wielands Diogenes, Musarion, den goldenen Spiegel usw.

In eben diesem Jahre lernte ich auch zuerst, was es mit einer bischöflichen Visitation für eine Beschaffenheit habe. Die Partei der Alten oder derjenigen, welche bei der sehr stürmischen Wahl sich gegen den neuerwählten Prälaten erklärt hatten und mit der Regierung desselben noch immer nicht zufrieden waren, hatte unter der Hand allerlei Klagepunkte an das bischöfliche Generalvikariat in Augsburg gebracht und es durchgesetzt, daß ein bischöflicher Visitator nach Donauwörth geschickt ward, der die Beschwerden der Religiosen und den Zustand des Klosters untersuchen sollte. Es traf sich aber durch kluge Verwendung des Prälaten und seiner Freunde im geistlichen Rate, daß – zum großen Verdrusse der Kläger – ein Freund des Prälaten mit Namen de Haiden zum Kommissar ernannt ward, der ihnen schon bei der Wahl so sehr zuwider gehandelt hatte. Einst am Abend traten ein paar Mönche in meine Zelle: »Denke doch, Bruder, die Schande!« sagten sie, »kaum sind ein paar Jahre verstrichen, so ist schon wieder eine Visitation da; wir haben den Kommissar de Haiden gesehen. Was wird man in unsrer Nachbarschaft sagen? Die Leute müssen ja glauben, unser Kloster sei ein Sammelplatz von verdorbenen Menschen! Das haben gewiß unsre Alten angeschürt. Aber, Bruder, sei kein Narr, hilf den Kerlen nicht siegen und verrate nichts. Wenn du über etwas klagen oder auch nur anzeigen würdest, dies und jenes sei nicht ganz in der Ordnung, so würden wir nur noch enger eingeschränkt werden.« »Sorget nicht, Brüder!« antwortete ich, »daß ich etwas verraten möchte! Wir wollen vielmehr einmütig bedacht sein, unsern Alten, die nur aus Haß und Schadenfreude diese Schande über uns gebracht haben, die Lust zu vertreiben, sobald wieder eine Visitation zu erzwingen. Von ihren Unarten wollen wir reden.« Als sie fort waren, dachte ich: »Vielleicht gelingt mir bei dieser Gelegenheit der Versuch, für meine Mitprofessen und mich mehr Zeit zum Studieren zu erbitten.« Ich sann hin und her, wie ich am besten zu meinem Zwecke gelangen könnte und war entschlossen, den Visitator durch aufrichtige Erzählung unsrer Umstände für die Sache zu gewinnen. Allein mein Vorhaben blieb unausgeführt. Warum, wird sogleich deutlich werden. Am folgenden Tage ward der Konvent in einen Saal bei der Abtei gerufen, der Herr Kommissar kündigte feierlich seine Sendung und den Zweck derselben durch Ablesung des bischöflichen Kommissions-Dekrets und eine kurze Rede an, ließ die Mönche auseinandergehen und vernahm, indem er bei den jüngsten anfing, einen nach dem andern zum Protokoll. Bald traf die Reihe auch mich. Offenherzig beantwortete ich alle Fragen, die er an mich tat; denn sie waren so unverfänglich, daß ich gar nichts Arges vermuten konnte. Unter anderm sagte er: »Ich hoffe, ihr werdet euren Studien fleißig obliegen und niemals vergessen, daß ein braver Religiose noch etwas mehr zu leisten hat, als im Chore zu singen und die Tagordnung zu halten. Ihr sollet Männer von Kenntnissen und Volkslehrer werden. Sagen Sie mir aufrichtig, Frater Bonifacius, wie sieht es unter euch in dieser Absicht aus? Sind Sie Liebhaber einer bessern Lektüre? Was lesen Sie? Wie beschäftigen Sie sich?«

»Ha! nun ist der rechte Punkt berührt,« dachte ich und war flugs mit der Antwort da: »Wir studierenden Fratres möchten uns gern mit allem Eifer den Wissenschaften widmen, es ist nur schade, daß es der Pater Prior mit seiner Partei offenbar darauf anlegt, uns alle Lust zum Studieren zu benehmen. Der Herr Prälat z. B. hatte bereits erlaubt, daß täglich ein andrer von uns aus der Prim wegbleiben dürfte, aber der Pater Prior machte alles rückgängig und gab dem Frater Cölestin und mir sogar öffentlich im Kapitel einen Verweis, weil wir abends nach der Komplet in unsern Zellen studierten. Aber da wir sahen, daß es einigen Herren, deren Wünsche eben nicht die redlichsten und besten sein mögen, gar lieb wäre, wenn wir uns durch Faulheit und Untätigkeit, die man von jeher den Mönchen schuld gab, auszeichnen würden, so bestreben wir uns nur desto eifriger, etwas zu lernen, und werden nicht müde, bei aller Einschränkung uns mit der Lektüre besserer Schriften abzugeben.« Hier setzte mir der Herr Visitator durch nähere Fragen sehr freundlich und schmeichelhaft zu, meine Eitelkeit verleitete mich immer weiter zum Plaudern, und ich rezitierte ihm eine ganze Litanei von Autoren und Büchertiteln her, die ich alle gelesen hatte. Ein leises Lächeln saß in den Winkeln seines Mundes. Ich hielt es für das Lächeln des Wohlgefallens. Er ließ das meiste, was ich schwatzte, zu Protokoll nehmen und überraschte mich erst, als ich ganz ausgeredet hatte, mit einer strengen Amtsmiene und einem noch strengeren Verweise. »Was?« sagte er, »ihr jungen Religiosen könnet die Zeit mit der Lektüre einer solchen Menge deutscher Schriften verderben und habt doch das Herz, zu klagen, daß euch die Zeit zum Studieren mangle? Würdet ihr die vielen Stunden, die ihr mit dem Lesen bloß unterhaltender Bücher verliert, auf Erlernung eurer Hauptwissenschaft verwenden, so hättet ihr nicht nötig, dergleichen unstatthafte Klagen zu führen. Sie, Frater Bonifacius, lesen offenbar zuviel und zu verschiedenes Zeug durcheinander« usw. Einige Wochen nach der geendigten Visitation kam der Visitator wieder von Augsburg an, ließ eine lange bischöfliche Verordnung (Visitationskarte) feierlich ablesen, teilte denjenigen, die etwas Wichtiges verbrochen hatten, eigene schriftliche Verweise aus und bedachte uns Fratres unsrer Lektüre halber mit einer ganz besondern, der Visitationskarte einverleibten strengen Rüge. Übrigens bewahrheitete sich auch hier der Spruch unsrer alten Landpfarrer: Was heißt Visitare? Es bleibt, wie es ware.

Zu dieser Zeit dichtete ich Schäferspiele und Fischeridyllen, wozu mich die Gegenstände hinrissen, die ich immer von meinem Zellenfenster aus vor Augen hatte. Nachdem ich mich bei Leerung des Armariums mit einem großen Perspektiv versehen hatte, hielt ich gewöhnlich an Vakanztagen, nachmittags von eins bis zwei Uhr, eine ordentliche Beobachtungsstunde, bestrich mit meinem Sehrohr die ganze schöne Gegend umher und verweilte bei den interessanten Gegenständen, die oft ein liebendes Pärchen im Busche, zuweilen gar ein badendes Mädchen, sehr oft aber Fischer an ihrer Arbeit waren. Meinen Hang zur Fischeridylle vermehrte noch der Umstand, daß der Prälat die wohltätige Einrichtung getroffen hatte, jährlich den ganzen Konvent, einen Teil im Frühling, den andern im Herbste, acht Tage lang auf dem sogenannten Muttenhofe, einem adeligen Gute, welches das Kloster an sich gekauft hatte, bei Wemdingen die Freuden des Landlebens genießen zu lassen. Der Hof liegt in einer reizenden Ebene, ist ringsherum mit einem breiten, wasserreichen Graben eingefaßt, der sich gegen Westen in einen großen, fischreichen Teich erweitert, auf dessen Uferwällen große Eichen und schöne Vogelbeerbäume prangten. Den ganzen Tag schiffte ich dort entweder auf dem Teiche umher oder lag im Kahne und machte meine poetischen Bemerkungen oder lief mit dem Prälaten in den bayrischen Wäldern und Feldern auf der Jagd umher, nicht, als wenn ich je ein Gewehr abgebrannt hätte, sondern nur weil wir jüngern Mönche die Stelle der Hunde und Treiber ersetzen mußten. Wir und der lustige Kammerdiener machten uns diese an sich ermüdenden, aber uns doch ergötzenden Wanderungen zu nutzen, genossen und beobachteten alles, was die Wälder und Wiesen Anziehendes haben, setzten uns oft an ein liebliches Plätzchen im Busche, um allerlei Geschichten zu erzählen, und ließen die Jäger, den Prälaten und Konsorten lange auf ihre respektive Hunde und Treiber warten.

Soweit ich Zurückdenken kann, liebte ich in meinem Studieren immer einige Abwechslung; jetzt gab ich mich mit Dichten, ein andermal mit mathematischen und mechanischen Beschäftigungen ab. So verzweifelte ich, ungeachtet aller mir schon mißlungenen Versuche auch in diesem Jahre nicht, endlich doch ein Perpetuum mobile zustande zu bringen. Als mir einst in der Bibliothek von ungefähr Schotts Technica curiosa in die Hände geriet, in der beim Durchblättern mir sogleich eine ähnliche Maschine auffiel, glaubte ich endlich, was ich schon so lange suchte, glücklich gefunden zu haben und eilte, die angebliche Bewegung ohne Ende, so gut es gehen wollte, sogleich in Holz zu schnitzen. Natürlich, daß es mir nicht gelang! Allein anstatt den Grund des Fehlschlagens meiner Versuche in der Unmöglichkeit der Sache selbst aufzusuchen, maß ich es immer nur meiner Ungeschicklichkeit und dem Mangel an hinreichenden Werkzeugen bei. Die Anstrengung indes, mit der ich über die Erfindung einer ähnlichen Maschine unermüdet nachsann, machte mich mit überaus vielen mechanischen Einrichtungen und Vorteilen bekannt, die mir sonst wahrscheinlich für immer unbekannt geblieben wären. So erhellt auch aus diesem Zuge, daß Übung der Seelenkräfte niemals ganz unfruchtbar bleibt.

Ich vertiefte mich nun in die Mechanik so sehr, daß ich, anstatt das Perpetuum mobile zu machen, nun auf ein andres, beinahe ebenso unmögliches Unternehmen verfiel und in der Stille gar den Versuch wagte, eine Fliegmaschine zu verfertigen. Zum voraus dachte ich schon, wie schön es sein würde, wenn ich zum Kloster hinausfliegen und über Tal und Hügel gleich einem Vogel hinschweben könnte. Überhaupt stellte mir die Phantasie, so oft ich etwas Mechanisches unternahm, gewöhnlich den Gebrauch der Maschine und ihren weitausgebreiteten Nutzen vorläufig so schmeichelhaft vor Augen, daß ich kaum erwarten konnte, bis der Versuch gemacht war. Ich fand in einem Winkel auf dem Kirchendache ein leichtes, viereckiges Gestell, das man wahrscheinlich einmal gebraucht hatte, um darin einen Maurer am Seile bis zum Kirchengewölbe emporzuziehen, damit er die Wände reinigen und das Nötige ausbessern könnte. Vier dünne, mannshohe Säulen waren mit Querleisten wohl zusammengefügt, so daß zwischen ihnen gerade ein Mensch auf einem Brettchen zum Stehen Raum genug hatte. An den beiden Säulen rechts, und ebenso an denjenigen zur linken Hand, befestigte ich beinahe wagerecht eine Walze, an jeder Walze eine Stange etwa acht Fuß lang, und an jeder Stange ein paar viereckige, sehr leichte Rahmen, alle etwa sechs Fuß lang und anderthalb Fuß breit, über die ich Stücke von alten grünen Bettvorhängen genagelt hatte. Jeder Rahmen hing in zwei Gewinden an seiner Stange, einer dem andern gegenüber, so daß ein Paar sich abwärts zusammenneigen und wieder öffnen konnte, wie etwa die beiden Deckel eines Buches. Parallel mit den Walzen hatte ich an jede Stange ein paar Querleisten genagelt, damit sich die Rahmen, wenn sie sich am weitesten öffnen würden, nicht über die Horizontallinie erheben möchten. Zwei Rahmen an einer Stange gestalteten also einen drei Fuß breiten Flügel, der sich, wenn er in die Höhe bewegt wurde, schloß, in der Absicht, damit sein Schwung nicht durch den Widerstand der Luft gehemmt würde, der aber, wenn ich ihn schnell und kraftvoll niederdrückte, durch angebrachte Hebel sich öffnete, viel Luft fassen konnte und mich samt der Maschine emporreißen sollte. Aus der Bewegung der Fische im Fischbehälter und der Vögel in der Luft hatte ich abgenommen, daß sie die Flossen und Flügel nach ihrer ganzen Breite schwangen, um sich fortzustoßen, aber mit dem dünnern Teile ihrer Flügel und Flossen Luft und Wasser durchschnitten, um dann einen neuen Schlag zu wagen. Die Bewegung dieser Flügel veranstaltete ich durch eine ganz einfache Maschine, die etwas vom bekannten Storchschnabel hatte, so, daß ich mit Armen und Beinen zugleich alle mögliche Kraft anwenden konnte, um die Flügel niederzuschlagen und wieder zu heben. Denn ich begriff wohl, daß es unmöglich sein würde, mit den Armen allein die gehörige Stärke des Schlages hervorzubringen. Den beiden Walzen, an denen die Flügel befestigt waren, hatte ich deswegen eine etwas schiefe Richtung gegeben, damit die Maschine durch den Flügelschwung nicht nur gehoben, sondern auch fortgestoßen werden möchte. Alle angewandte Kraft konzentrierte sich rechts und links auf zwei Stäbe, die mitten an den langen Stangen befestigt waren.

Teilweise schleppte ich diese Maschine abends, wenn es finster ward, heimlich in den Klostergarten und verbarg sie in einem Turme der Stadtmauer hinter Bohnenstecken und allerlei Gartengerät. Nach der Komplet, wenn niemand mehr in den Garten kam, schlich ich hinaus, setzte die Teile zusammen und wagte auf einer freien Stelle beim Kegelplatze, wo keine Bäume standen, meinen ersten Versuch. Erst ruderte ich nur schwach, merkte aber bald, daß die Maschine so nicht von der Stelle wollte. Dann schlug ich stärker und warf mich samt der Maschine ziemlich unsanft um, denn ich hatte die Beine mit Riemen an die Maschine geschnallt, damit mir die Füße, durch deren Stampfen die Bewegung verstärkt werden mußte, nicht abgleiten möchten. Es war eine lästige Arbeit, mich loszuschnallen und alles wieder aufzurichten. »Aber sogar die Vögel,« sagte ich mir, »denen doch die Natur selbst Flügel gab, müssen das Fliegen erst durch längere Übung lernen, du darfst also nicht verzagen, sollte es auch lange nicht gelingen.« Geduldig wagte ich einen neuen Versuch, fühlte mich ein wenig emporgehoben, fiel aber von neuem nur desto unsanfter um, und wiederholte das so lange, bis endlich ein Flügel brach und ich mit halbgequetschten Gliedern die Lust zu fernern Versuchen für diesmal verlor. Verdrießlich schleppte ich den beschädigten Flügel wieder auf meine Zelle, besserte was zerbrochen war aus, und machte nach ein paar Tagen nachts wieder eine Probe. Damit ich nicht immer umschlagen möchte, setzte ich die Maschine an einen Pfahl und fing an zu rudern. Aber alles, was ich auch mit der höchsten Anstrengung zuwege bringen konnte, war, daß ich mich bei jedem Schlage etwa einen Fuß hoch von der Erde emporschwang und indes ich die Flügel zu neuem Schlage erhob, immer wieder niederfiel. Dies brachte mich auf den Gedanken, durch mechanische Kräfte allein möchte es unmöglich sein, zu fliegen, weil ich keinen Mechanismus erfinden konnte, der die Schläge vervielfältigt hätte, ohne der Kraft zu schaden.

Als nachher die Aeronautik und die Luftballons so viel Aufsehen machten, geriet ich oft auf den Einfall, meine Maschine mit einem Aerostaten zu kombinieren. Ich glaube, wenn dabei noch ein Steuer angebracht würde, die Flügel nicht nur nach einer Richtung, sondern wenigstens nach allen Strahlen eines Sextanten beweglich wären, und übrigens auch Rücksicht auf Windströme genommen würde, so möchte damit ein Flug nach Willkür, ohne eben dem Winde ganz gehorchen zu müssen, wohl möglich sein. Hätte ich Muße und Geld genug gehabt, so wäre der Versuch wahrscheinlich schon lange gewagt. –

In der Musik, besonders im Violinspielen, übte ich mich dieses Jahr vorzüglich, denn der Prälat hatte mir eine vortreffliche Geige von Maussiell geschenkt, die sein Kammerdiener, ein guter Musikus aber übler Wirtschafter für sich gekauft und bei seiner Verabschiedung zurückgelassen hatte. Meinen Bruder und ein paar andre Singknaben unterrichtete ich täglich nach Tische im Geigen und blies zuweilen abends bei einer kleinen Tafelmusik die Klarinette. Um mich selbst, wenn ich Lieder sang, akkompagnieren zu können, lernte ich auch die Mandoline spielen und erreichte bald meinen Zweck.

So floß mir unter verschiedenen Beschäftigungen, Zerstreuungen und Lesereien, wie im vorigen Jahre, die Zeit unvermerkt hin, und die heilige Theologie begrüßte mich mit ihrem steifen Ernste.

Pater Beda lehrte uns in diesem Schuljahre die Theologie. Vorläufig diktierte er uns eine von ihm verfaßte sogenannte Demonstratio Evangelica in lateinischer Sprache. Sie enthielt die bündigsten Beweise für die Wahrheit des Christentums. Dieser Einleitung folgte eine ebenfalls diktierte Demonstratio Catholica, oder Beweisgründe für die Wahrheit der katholischen Religion, die der Lehrer nach seinen eigenen Grundsätzen abgefaßt, aber, selbst schon meinem damaligem Gefühle nach, nicht auf so feste Gründe gebaut hatte, als seine Demonstratio Evangelica. Ich vermißte in dieser das Lichtvolle, Ungezwungene und Einleuchtende, das ich in jener zu finden glaubte. Alles drehte sich um die Behauptungen: »Die Bibel enthält eine göttliche Offenbarung; aber sie enthält nicht alle geoffenbarten Wahrheiten: mehrere derselben sind durch mündliche Überlieferung auf uns gekommen, dieser müssen wir ebensoviel Glauben beimessen, als dem geschriebenen Worte Gottes; denn selbst einige Schriften des Neuen Bundes sind aus Überlieferungen (Erzählungen der Apostel) entstanden. Manches, sowohl in der Bibel als der Tradition, blieb dennoch dunkel und unbestimmt; natürlich entstanden also Zweifel. In dergleichen Fällen versammelten sich bei den ersten sowie bei den spätern Christen die Ältesten und Bischöfe, erklärten, verglichen und entschieden mit Wahrheitsliebe, was streitig war, so, wie sie es entweder von Jesus unmittelbar oder mittelbar aus dem Munde seiner Jünger oder der Nachfolger dieser Jünger bis auf uns wußten. Weil Jesus versprochen hat, da, wo sich mehrere in seinem Namen versammeln würden, mitten unter ihnen zu sein, und da es, auch bloß menschlich zu reden, nicht denkbar ist, daß sich eine Menge der angesehensten und redlichsten Männer, nur um Lügen zu sagen, vereinigen sollten, so sind die Konzilien als unfehlbare Glaubensrichter zu betrachten« usw. Des Zweifels, es könnte sich doch wohl bei aller Ehrlichkeit der versammelten Kirchenväter ein Irrtum hier und da in ihre Entscheidungen eingeschlichen haben, sie könnten übel berichtet oder von ihren vorgefaßten Meinungen und Systemen hingerissen worden sein usw., dieses Zweifels konnte ich bei diesem Beweise durchaus nie los werden.

Als nun vollends die eigentliche Theologie vorgetragen ward, staunte ich nicht wenig, für die wichtigsten Sätze manchmal so schwache, zweideutige, schwankende Beweise zu finden. Nach den strengen Forderungen zu urteilen, die in der Einleitung (den prolegomenis Theologiae) an einen tüchtigen Beweisgrund gemacht wurden, dünkte es mich wahrlich, die Theologen behandelten die Menschen wie schlimme Baumeister diejenigen, mit denen sie einen Vertrag geschlossen haben, für einen bestimmten Preis ihnen ein Haus neu, bequem und dauerhaft aufzubauen, wofür sie aber am Ende ein von außen zwar hübsch ins Auge fallendes, jedoch im Grunde geflicktes, unhaltbares, schlecht zusammengeklebtes Gebäude liefern.

Anfangs dachte ich: es wird nicht in allen theologischen Schriften so bodenlos aussehen; unser Lehrbuch mag eben nicht das beste sein! Begierig durchstöberte und verglich ich nun allerlei Schriftsteller über die gleichen Sätze und fand bei jedem fast dieselben Behauptungen, eben dieselben seichten Gründe und wenig Trost, so daß ich höchst unruhig ward und mir nimmer zu helfen wußte. Jeder Traktat, so wie er erläutert wurde, gebar in mir neue Zweifel über die Trinität, Gottheit Christi, Engel, Teufel, Erbsünde usw., in denen ich mich, wie der Fisch in den Netzen, immer tiefer verwickelte, ohne einen Ausweg zu sehen. Einst hatte ich, um Trost zu finden, Basedows praktische Philosophie zur Hand genommen, aber statt meine Bedenken über die Ewigkeit der Höllenstrafen gehoben zu sehen, vermehrte sich noch die Ungewißheit, in der ich über diesen Punkt schwebte. Denn seine Gründe wußte ich nicht zu widerlegen; und ihm, der an diesen Hauptsatz der katholischen Lehre nicht zu glauben schien, Beifall zu geben, mochte ich aus Furcht, vor Gott ein Ketzer zu werden, nicht wagen. Meine Zweifel dem Lehrer vorzutragen, hielt ich für das beste. Kaum aber hatte ich meine Einwürfe ausgekramt, sie in das gehörige Licht gesetzt und mich nicht sogleich mit seinen ersten Antworten zufrieden gegeben, so fuhr er mit Erbitterung auf, bestand auf der Hinlänglichkeit seiner Antworten und hieß mich reifer darüber nachdenken und künftig nicht so kühne Zweifel hegen. Allein ich konnte den Grund, auf den er baute, unmöglich gelten lassen. Die Behauptung, daß der Mensch, wenn er Gott beleidigt, ein unendliches Wesen zum Strafen reizt, und daß die Strafe sowohl nach der Schwere der Beleidigung als nach der Unendlichkeit des Beleidigten abgewogen werden, hiermit für eine schwere Sünde unendlich sein müsse, schien mir gar nicht Stich zu halten, denn ich dachte, es müßte von einem unendlichen Wesen, das zugleich allgütig gedacht wird, vielmehr auf die Beschränktheit und Endlichkeit des Sünders Rücksicht genommen werden, und nicht einmal ein gütiger König würde seinen Beleidiger, wenn er sich auch noch so gröblich gegen ihn vergangen hätte, sein ganzes Leben hindurch mit glühenden Zangen zwicken lassen.

Jedoch, da ich von Jugend auf gelehrt worden war, daß jeder Zweifel, den man wissentlich gegen irgendeinen, obschon den geringsten Satz der katholischen Lehre hegen würde, eine der schwersten Todsünden sei, für die man vielleicht ewig büßen müßte, so wehrte ich mich gegen dergleichen Einfälle, wie gegen unkeusche Gedanken, und bestrebte mich, ihrer sobald als möglich zu vergessen. Sorgfältig nahm ich dabei das Gebet zu Hilfe und flehte Gott inständig an, er möchte mich doch bewahren, daß ich kein Ketzer würde. Um so kühner verwarf ich aber alles, was ich, einigen Winken des Professors zufolge, nicht zum katholischen System zählen mußte: Wallfahrten, Bruderschaften, Hexereien, Rosenkranz, Heiligsprechungen, neuere Wunderwerke, Teufelsbesitzungen, Selbstpeinigung usw. und wußte mir heimlich nicht wenig mit meiner Aufklärung.

Auf Veranstaltung des bekannten und um die bayrischen Schulen sehr verdienten Kanonikus Braun in München, dem unser Professor Beda, als seinem Freunde, die von ihm verfaßte Schrift: Der erste Schritt zur Wiedervereinigung der Katholiken und Protestanten, zugesandt hatte, erschien dieselbe im Frühling 1780 im öffentlichen Drucke und ward, obschon der Name des Autors mit falschen Anfangsbuchstaben zum Irreführen darauf angezeigt war, doch bald als ein Werk von Pater Beda durch dessen eigenhändiges Herumbieten und unvorsichtiges Geständnis bekannt. Einige Religiösen, die unserm wackren Lehrer längst gram waren, weil ihre scholastisch-gelehrte Obskurität an seine wahren Verdienste nicht hinanreichen konnte, machten sogleich eine sehr gehässige Anzeige davon bei den eifrigen Zionswächtern in Augsburg und denunzierten die erwähnte Schrift als fromme Ohren beleidigend und nach Ketzerei riechend. Es ward eine Untersuchung veranstaltet, deren Resultat so ausfiel, daß der Pater Beda, auf inständiges Ansuchen des Prälaten, zwar bis zum Ende des laufenden Schuljahres lehren, sich aber sorgfältig jeder verdächtigen Äußerung enthalten und für die Zukunft nicht mehr als Lehrer der Theologie angestellt werden sollte. So stille auch der Prälat diese Entscheidung hielt, so konnte sie doch nicht so verborgen bleiben, daß nicht etwas davon unter den Mönchen ruchbar geworden wäre. Man sagte uns, bis diese ganze Angelegenheit ins reine gebracht sein würde, hätte der P. Beda mit Erlaubnis, vielleicht auch wohl auf Anraten des Prälaten, eine Reise unternommen. Allein, wie ich nachher erfuhr, war er von Augsburg aus verurteilt worden, mehrere Tage lang geistliche Exerzitien zu machen und während derselben auf seiner Zelle eingesperrt zu sein. Um dies vor uns zu verbergen, ward das obige Vorgeben ersonnen. Wir, seine Lehrlinge, trauerten indes, wie verlassene Waisen, über die ein böser Vormund schaltet. Gar viele unsrer ältern Mitbrüder betrachteten uns als eine Brut junger Ketzer, die Gelindesten als verführte Irrgläubige. Der Prior drohte laut, daß uns durch ein zweites, viel strengeres Noviziat, als das erste war, der allzu freie Ketzergeist wohl ausgetrieben werden sollte. Jedes Wort, das wir zugunsten unseres Lehrers verloren, ward als ein Zeichen der Verstockung angesehen, und als ich einst wegen einer lieblosen Beschuldigung desselben mit dem Verleumder in einen hitzigen Wortwechsel geriet, mußte ich meinen Eifer zur Strafe mit Wassertrinken bei Tische abkühlen. Damals hatten wir trübe Tage zu durchleben; jeder glaubte das Recht zu haben, uns zu necken und es uns fühlen zu lassen, daß wir nicht viel besser als zur Verdammnis prädestinierte Irrgläubige seien. Als unser Lehrer wieder erschien, empfingen wir ihn mit lautem, unverstelltem Jubel, wie einen Vater, den seine Kinder nach einer langen Abwesenheit begrüßen und sich freuen, ihm endlich klagen zu können, was sie indessen erdulden mußten.

Zu dieser Zeit machte mir eine Grasmücke viel Vergnügen. Ich hatte sie vom Neste weg aufgeatzt, groß gefüttert und so zahm gewöhnt, daß sie mir, so oft ich in meine Zelle trat, mit freundlichem Zwitschern entgegenflatterte, mir auf dem kahlgeschorenen Kopf oder auf der Schulter wie plaudernd saß, und wenn ich schrieb, auf meiner Hand ruhend, leise sang. Lange lebte ich mit dem kleinen, vertraulichen Vögelchen wie mit einem wohlbekannten Hausfreunde, liebkoste es stündlich und speiste es täglich aus meiner Hand mit Ameiseneiern und Mehlwürmchen. Einst, als ich aus der Prim zurückkam, flog es mir nicht wie sonst entgegen, ich suchte es überall vergebens und dachte endlich: vielleicht hat es der Prior zum Fenster hinausgejagt. Denn eine Hauptlehre der mönchischen Asketik ist: »Du sollst dein Herz an nichts hängen!« Mißvergnügter brachte ich den Tag hin, es schien mir wahrlich etwas Wichtiges zu fehlen. Den andern Tag, morgens, als ich meinen Wasserkrug ergriff, fand ich endlich das gute Geschöpfchen tot und mit ausgebreiteten Flügeln auf dem Wasser schwimmend. Öfters hatte ich es mit seinem Ebenbilde im Spiegel spielen lassen. Nun traf es den Krug offen an, erblickte sich im Wasserspiegel, flog wahrscheinlich hinein, mit dem Gespielen zu schnäbeln, und fand seinen Tod. Ich gestehe es gern, es war viel Schwachheit, daß ich um mein treues Grasmückchen Tränen vergoß, aber sie flossen reichlich, vielleicht auch darum desto williger, weil wir eben, unsers Lehrers wegen, hilflos unter dem Drucke seufzten.

Bei seiner Zurückkunft sprach P. Beda: »Brüder, ich darf zwar nur noch bis zum Ende dieses Jahres euer Lehrer sein, aber wenn ihr mir versprecht, fleißig zu studieren, so verspreche ich hingegen, euch die ganze Theologie vollends zu dozieren.« Einstimmig und mit Freuden versprachen wir es, und er hielt Wort, so genau als es ihm möglich war. Nur den Tractat de Sacramentis konnte er wegen Mangel der Zeit nicht mehr ganz vollenden.

Ich war noch nicht lange aus dem Noviziate getreten, da ging ich einst nach Tische in den Klostergarten. Unter der Pforte hatte ein Mann, der mit Büchern auf dem Lande umherzog und einen kleinen Handel trieb, seinen Kram auf Brettern ausgelegt. Viele Mönche standen um ihn, blätterten in den Schriften und wählten sich anziehende Broschüren. Unter andern ergriff auch der P. Bibliothekar Siegwarts Klostergeschichte und fragte mich, ob ich glaube, daß das Buch etwas Schönes enthalte? Mir war, als hätte ich dies Werk schon einmal loben gehört, ich riet ihm also dreist, es zu kaufen, denn es enthalte schöne Dinge. Er kaufte es wirklich, aber lange konnte ich es nicht mehr zu Gesicht bekommen, denn er dachte nicht ohne allen Grund, es sei für junge Herzen allzu zärtlich und zu erweichend geschrieben. Sorgfältig hielt er es deshalb in seinem Pulte verborgen; nur einmal gab er es einem seiner Vertrauten aus besonderer Freundschaft zu lesen, aber sein Vertrauter war auch der meinige und konnte mir nicht genug rühmen, wie reizend und rührend dieses Buch geschrieben sei. Auf mein dringendes Bitten lieh er mir's dann, aber nicht länger als auf einen Tag und eine Nacht; sogleich machte ich mich mit einer Art Heißhunger darüber her und ruhte nicht, bis ich es ganz durchlaufen hatte. Nie glaubte ich etwas so Hinreißendes gelesen zu haben, und die lieblichen Szenen, die darin gezeichnet waren, schwebten mir von nun an, ich mochte wachen oder träumen, beständig vor Augen. Ich dachte, es müßte ein Vorschmack des Himmels sein, von einem so liebenswürdigen Geschöpfe wie Therese oder Marianne so rein und herzlich geliebt zu sein. Ein gewisses stilles Sehnen beunruhigte mein Herz, und meine Blicke suchten überall das edle Wesen auf, das fähig wäre, meine zärtlichen Gefühle zu erwidern. Immer, wenn wir in den Garten gingen, war ich gern im Grünen umhergehüpft und unter Bäumen gewandelt, aber jetzt suchte ich am liebsten stille Plätzchen im Grase oder heimliche Rasen im dichtesten Busche der verwilderten Baumschule; dort saß ich, belauschte die Käferchen, die sich im Haine der Gräser liebend verfolgten, horchte dem Liede der Nachtigall oder der Grasmücke so aufmerksam zu, wie vorher nie, schrieb Fragmente meiner Empfindungen und überließ mich meinen Phantasien, die immer umherschwärmten und zu fragen schienen:

»O, die du künftig mich liebst, o, du aus allen erkoren! Sag, wo dein fliehender Fuß ohne mich einsam jetzt irrt!« Manchmal erschreckte mich wohl der ängstliche Gedanke: »Ach, wenn du sie auch findest, so darfst du sie doch nicht lieben, du bist ja ein Mönch!« Aber sogleich war ich mit der Antwort da: »O, meine Liebe soll rein sein, wie die der Engel, und diese kann Gott nicht mißfallen, sie wird mich vielmehr im Guten stärken und mich über alle niedrigen Gefühle erheben.« Oft wagte ich's bei Prozessionen, wenn unser Zug sich langsam durch ganze Reihen blühender Jungfrauen dahinwälzte, unter den Augenwimpern forschend hervorzublinzeln und mit schüchternem, flüchtigem Blicke das Antlitz zu suchen, auf dem jene Herzensgüte und frohe Sittsamkeit ausgedrückt sein würde, die das Ideal in meiner Seele so liebenswürdig machte. War von schönen Mädchen irgendwo die Rede, so horchte ich mit gespanntem Ohre und merkte mir genau die Namen der schönsten. Wenn uns der Prior dann, Paar und Paar, vor die Stadt hinaustrieb, forschte ich im Vorübergehen an den Häusern mit verstohlenem, aber gierigem Blicke, ob ich nicht die gepriesenen Schönheiten sehen und prüfen könnte, ob sie auch so gebildet und gesittet wären, als ich es wünschte. Umsonst war lange mein Forschen.

Erst im Jahre 1780 fügte es sich, daß zwei meiner Mitbrüder, als neugeweihte Priester, mit gewöhnlicher Feierlichkeit ihre erste Messe lasen oder primizierten. Bei dergleichen Anlässen werden von jedem Primizianten seine Verwandten zu Gaste gebeten, und diesmal, hieß es, würde eines der schönsten und eingezogensten Mädchen der Stadt dabei erscheinen. Mit sehnlichem Verlangen erwartete ich also den anberaumten Festtag. Nach geendigtem Gottesdienste läutete man zur Tafel; mein Herz pochte mir, beinahe bebend ging ich in den Speisesaal und suchte mit meinen Blicken das schöne Mädchen auf. O, wie ward ich da entzückt! Ihre schöne Bildung, ihr heiteres Wesen, ihre Munterkeit und holde Sittsamkeit übertrafen bei weitem meine Erwartung. Sie grüßte mich überaus freundlich, als sie an mir vorüberging, um weit oben an der Tafel Platz zu nehmen, weil sie wußte, daß ich ein inniger Freund ihres Verwandten war. Ich vermochte in froher Betroffenheit ihren Gruß kaum mit einigen Worten zu erwidern und beobachtete sie, die ganze Tischzeit über, so oft es unbelauscht geschehen konnte, mit unermüdeter Aufmerksamkeit und immer wachsendem Wohlgefallen. Das sanfte Feuer ihrer schönen Augen, die Rosen ihrer vollblühenden Wangen, der küßliche Mund, das beinahe blonde Haar, ihr ganzer, zwar nicht hoher, aber schön proportionierter Wuchs, noch mehr aber ihr einnehmendes Betragen, ihre Äußerungen voll leichten Witzes und sanften Frohsinns, mit einer zarten, jungfräulichen Stimme und einem Alter von achtzehn Jahren vereint, bezauberten mich ganz. Nach aufgehobener Tafel wünschte ich lange, mit ihr in ein Gespräch verwickelt zu werden, und schlich mich zu diesem Zwecke unablässig, aber wie ohne Absicht, um den zahlreichen Zirkel von Gesellschaftern her, die sie beständig umgaben. Allein das Gedränge um sie und größtenteils meine eigene Schüchternheit vereitelten immer das Gelingen meines Vorhabens. Die Glocke rief mich endlich gar in den Chor, den ich niemals so ungern besuchte als diesmal.

Erst nach der Abendtafel fand ich Gelegenheit, mit meiner Angebeteten zu sprechen. Ich hatte sie immer mit forschenden Augen bewacht. Endlich ließ Frater Gregor, ein guter Klavierspieler und hübscher junger Mann, sein Klavier in das an den Saal grenzende Nebenzimmer bringen, spielte den Frauenzimmern, die ihn aufgefordert hatten, mehrere Sonaten vor und sang abwechselnd mit mir frohe Lieder. Auch mein schönes Mädchen stand mit holder Freundlichkeit dem Frater Gregor zur Seite, den sie wirklich in Affektion genommen zu haben schien. Allmählich zog sich alles in den Saal zu Tanz und Pfänderspielen zurück. Nur Minchen, so will ich künftig meine Liebe nennen – nur sie, Gregor und ich blieben im offenen Nebenzimmer. Daß ich vielleicht eine überzählige, beschwerliche Person spielte, fiel mir damals gar nicht ein. Ihre Rechte nachlässig über Gregors Sessel gelehnt, stand sie da und horchte den muntern Akkorden. Zitternd ergriff ich, nach langem Besinnen, am Ende des Stückes ihr nachlässig hängendes Händchen, küßte es sanft und forschte in ihren Augen, ob sie es auch übelgenommen hätte. »Machen Sie mir nur keine saure Miene,« sagte ich, »der Freund des Vetters darf wohl auch der Freund seiner hübschen Base sein! Und wer kann Sie sehen, ohne Ihr Freund zu werden?« Freundlich lächelte sie und entzog mir ihre Hand nicht. So wurden wir nach und nach in ein weitläufiges Gespräch verwickelt, bei dem uns Gregor treulich Gesellschaft leistete. Aber das Mädchen, so oft sie auch von einem Schwarme Herbeieilender zum Spiele gerufen ward, verließ doch ihren Sitz in unsrer Mitte nicht, schien Anteil an meinem, noch mehr aber an Gregors freundlichem Geplauder zu nehmen, erzählte von mancherlei wichtigen Kleinigkeiten und verließ uns nicht eher, als bis sie von ihren Eltern nachts um zwei Uhr aufgefordert ward, mit ihnen nach Hause zu kehren. Kurz vor dem Abschiede sagte ich ihr: »Ich wüßte wohl aus dem Munde ihres Herrn Vetters, daß sie eine geschickte Briefstellerin wäre; was sie wohl tun würde, wenn ich es einmal wagen sollte, sie wirklich selbst auf die Probe zu stellen?« – Scherzend antwortete sie: »Die Probe sollte mich teuer zu stehen kommen, sie würde alle Kräfte aufbieten, nicht um sich als geschickte Briefstellerin zu zeigen, denn das wäre ihr gewiß unmöglich, sondern um mich für meinen Vorwitz durch recht viel elendes Geschreibe zu bestrafen.« In diesem Zustande empfand ich es doppelt lebhaft, daß ein Freund eine große Wohltat sei! Der Verwandte des Mädchens und ich waren einander schon lange gut; wir saßen fast jeden Abend beisammen, kürzten die Zeit mit traulichem Geschwätze und gossen unsere Klagen jeder in des andern teilnehmendes Herz aus. Schon von Anbeginn unsers Klosterlebens hatten uns gleiche Neigungen und eine gleiche Stimmung der Seelen näher als unsre Mitnovizen vereinigt, und nun machte die Liebe vollends unsre Freundschaft zum engsten unzerreißlichen Bande. So hoch ich seine schöne, ältere Base schätzte, so innig hing sein Herz an ihrer um ein Jahr jüngern Schwester. Nun kaufte ich, sobald ein Savoyard in unserm Kloster erschien, ein kleines Etui, so artig es eben zu haben war, und schrieb etwas Schmeichelhaftes in das Schreibtäfelchen, wog aber die Worte mit vieler Vorsicht so ab, daß ihr Inhalt zwar viel sagte, doch nicht geradezu als eine Liebeserklärung angesehen werden konnte, denn ich wollte mir einen sichern Rückweg offen lassen, wenn das Mädchen meine Gesinnungen nicht so gütig aufnehmen würde, als ich wünschte. Als nun mein Freund eben ein kleines Geschenk für seine Geliebte, die ich Malchen nennen will, in ein Papier packte, bewog ich ihn, demselben auch das meinige an Minchen beizulegen. Von dem Geschriebenen im Schreibtäfelchen wußte er nichts und las nur den gleichgültigen, scherzhaften Zettel, den ich um das Etui gewickelt hatte. Bald erhielt ich zur Antwort ein Billet, das wirklich von der liebsten Hand geschrieben war. Aber als ich es durchlas, was war's? – Ein recht förmliches, aus einem Briefsteller kopiertes Danksagungsschreiben. Geschwinde verfaßte ich wieder einen kleinen Zettel, in dem ich, mutwillig genug, sagte: »Ich besäße eben denselben Briefsteller, den Minchen bei Händen habe; in Zukunft dürfte sie sich nimmer die Mühe nehmen, die Antworten weitläufig nachzuschreiben, sie sollte nur Seitenzahl und Nummer des Briefes auf ein Blättchen setzen, so wüßte ich ja hinlänglich, woran ich wäre. Freilich würde ich ein paar Worte, die aus ihrem Kopfe oder Herzen kämen, höher schätzen, als hundert Briefsteller, allein ich müßte es ihrem Belieben überlassen, welche Einrichtung sie treffen wollte.« Diese Schnurre vergnügte meinen Freund, und er legte seinem nächsten Schreiben an seine Verwandten auch das meinige bei.

Minchen antwortete bald wieder und zwar, ohne sich an ihren Briefsteller zu halten: »Mit den Herrn Bücherkennern sei doch gar nicht auszukommen; sie habe sich gescheut, mit ihrem eigenen Konzept vor mir zu erscheinen und sich deshalb heimlich um einen Wortführer umgesehen, nun merke sie aber, daß sie, statt damit etwas zu gewinnen, vielmehr sich selbst ganz um mein schmeichelhaftes Vorurteil gebracht habe, daß sie artige Briefe schreiben könne. Jedoch, da sie nun einmal verraten sei und sich gedrungen sehe, mir mit diesem Billet wirklich eine Probe ihrer Unerfahrenheit zu liefern, so hoffe sie, ich werde ihren Fehler gütig rügen und sie mit eben der freundschaftlichen Gesinnung, mit der ich ihrem Vetter zugetan sei, ihre Schreibart aufrichtig verbessern lehren.« Der Brief enthielt freilich manchen orthographischen und grammatikalischen Schnitzer, allein ich bemerkte sie kaum, und sein Inhalt war doch in der Tat so artig und die Schreiberin so schön, daß ich nicht satt werden konnte, ihn zu lesen und wieder zu lesen, zu küssen und an mein Herz zu drücken. Weit entfernt, Minchen mit Anzeige irgendeines Schreibfehlers zu schrecken, lobte ich vielmehr die Artigkeit ihres Konzepts, munterte sie auf, zur Übung mich öfters mit einem Briefchen zu beglücken und fügte scherzhaft hinzu: »Wenn ich jemals Fehler entdecken würde, so sollte sie nur versichert sein, daß ich sie strenge zu rügen wüßte.« So entstand ein Briefwechsel unter uns, der von Woche zu Woche immer zärtlicher ward. Der Vater des Mädchens las anfangs jedes Billet fleißig durch, lächelte über den unschuldigen Inhalt und machte gern den Träger, weil er davon viel mehr Nutzen als Schaden für seine Töchter erwarten konnte. »Es ist mir gar lieb,« sagte er öfters, wenn er an Feiertagen uns besuchte und beim Glas Wein auf unsre dringenden Fragen von seinen beiden Töchtern erzählte: »gar lieb ist's mir, daß die Mädchen seit einiger Zeit so gern Briefe schreiben, so bleiben sie mir hübsch zu Hause und lernen dabei etwas Nützliches.«

Von nun an kamen Minchen und ihre Schwester täglich in die Klosterkirche zur Messe meines Freundes, der bereits Priester war. Genau wußte ich, wann sie erscheinen würden, und eilte dann entweder oben auf die Galerie der Kirche oder in ein unbewohntes Zimmer, in welchem durch die dicke Kirchenmauer ein Fensterchen ausgehauen war, durch das man die Betenden ungesehen und ganz nahe beobachten konnte. Wenn es sich fügte, daß eben auch andre Mönche auf den Galerien die Messe anhörten, so rasselten sie manchmal mit ihren gekettelten Rosenkränzen an dem Vordergeländer so laut, daß die Mädchen unten in der Kirche sich umwandten und emporschauten. Bei jedem solchen Gerassel bog ich mich scheu zurück und glaubte, Minchen würde mich hassen, wenn ich während des Gottesdienstes mich so ungezogen betrüge. Sie schaute auch nur selten empor, verrichtete ruhig und mit niedergeschlagenen Augen ihr Gebet und grüßte mich nur im Weggehen, wenn sie zur Kirchentür zurückwandelte, schnell und sittsam mit sanft erhobenem Blick. O, wie ward ich gerührt, wenn ich das schöne Kind so andächtig sah! Nie in meinem Leben hab' ich so oft und so feurig gebetet, als in diesem Zeitraum süßer, reiner Liebe. Nachts schlich ich oft durch die sogenannte Gruft (eine tieferliegende Nebenkapelle) in die Kirche und kniete vor den Altar hin, gerade an das Plätzchen in den Stühlen, wo ich Minchen kniend gesehen hatte, fühlte mich glücklich, dort knien zu können, und überließ mich meinen süßen Gefühlen.

»O Vater aller Wesen!« dies war mein Gebet, »du Geber alles Glückes! Hier knie ich an der heiligen Stelle, wo meines Minchens Andacht geflammt hat! Du hast sie so schön geformt, so liebenswürdig gebildet und siehest mein Herz, daß es rein ist, und sich seiner Triebe nicht vor dir zu schämen hat! O, laß uns durch Liebe glücklich sein! Nie kann ich zwar zu ihrem Besitze gelangen, aber es ist schon Wonne, einem so lieben Geschöpfe auch nur wert zu sein. O, bewahre mein Herz, ihr Herz immer vor jedem sträflichen Verlangen und laß die Reinigkeit unsrer Gefühle nie durch etwas Unedles entweiht, nie durch den törichten Spott andrer, die uns mißverstehen könnten, getrübt werden; mache uns glücklich, himmlischer Vater! mache mein Minchen glücklich, führe sie einem Manne in die Arme, der sie so liebt wie ich. (Oft begannen hier meine Tränen unaufhaltsam zu strömen.) Ach, ohne Mann wird sie doch nicht glücklich! O, lenke du ihr Schicksal, gütigster Vater aller! Lenke auch mein Schicksal nach deiner unendlichen Güte, laß unsre reine, süße Liebe nie, o Vater, laß sie nie ersterben und segne uns, segne uns!« Da überströmte gewöhnlich das Übermaß sich kreuzender süßer und schmerzlicher Empfindungen so sehr mein Herz, daß ich nichts mehr deutlich denken, sondern nur weinen konnte.

Niemals betete ich nun, ohne meines Minchens, zugleich mit meinen Eltern und Wohltätern, und zwar mit der höchsten Innigkeit zu gedenken.

Nach langem Sehnen und vielen mißlungenen Versuchen gelang es meinem Freunde, die Erlaubnis auszuwirken, daß ich ihn auf einen Nachmittagsbesuch zu seinen Verwandten begleiten durfte. Mit dem neuesten Habit bekleidet, voll Erwartung und mit klopfendem Herzen, nahten wir uns der glücklichen Wohnung unsrer Lieben. Ein Freudengeschrei der überraschten Mädchen bewillkommte uns. Beide schienen entzückt zu sein, uns zu sehen. O! wie weit zärtlicher sprachen nun Minchens Augen, als am Primizabend, da ich sie zum erstenmal sah! Mehr als freundlich drückte sie mir die Hand. Wir schlossen einen bunten Kreis um den Tisch her, der Vater setzte sich scherzend zu seiner Gattin, Malchen neben meinen Freund und Minchen an meine Seite. Da wurden Gesundheiten getrunken, von so heißen Wünschen begleitet, als ich noch nie empfunden, viel weniger ausgebracht hatte. Kosend hielt ich Minchens weiche warme Hand und sagte ihr, so gut es vor den übrigen angehen wollte, wie sehr glücklich ich sei. Ihre sanften Blicke voll Güte antworteten auch mir weit zärtlicher, als ich zu hoffen gewagt hatte. Dann erhoben wir uns, und die Mädchen zeigten uns ihre netten Zimmerchen mit den vollen, ausgeschmückten Kästen; mein Freund nahm seinem Malchen spaßend ein glänzendes Spielzeug weg, das sie der hübschen Arbeit wegen noch immer aufbewahrt hatte, sie verfolgte ihn schäkernd und wollte das Spielzeug wieder haben. So blieben Minchen und ich allein im kleinen Zimmer. Mit fragenden, bittenden, feuchten Blicken sah ich sie an, schlang bebend meinen Arm um sie und drückte den ersten Kuß der Liebe auf ihre glühenden Wangen. Sanft bog sie ihr schönes Angesicht ein wenig weg, blickte mich einen Augenblick mit entzückendem Lächeln an und bot mir den duftenden Mund so wunderfreundlich dar, daß ich wonnetrunken meine Lippen auf die ihrigen drückte, von ihrem süßen, warmen Gegendrucke bezaubert, Atem und Leben vergaß und mit heißer, zuckender Inbrunst die schöne Brust des Mädchens an mein lautschlagendes Herz preßte. Jetzt jagten sich die beiden Schäkernden zurück, und wir begleiteten sie mit näher vertrauten, inniger als vorher verketteten Seelen zur Gesellschaft. Im Gefühle meines Glückes brachte ich den Rest des Besuches heiterer, fröhlicher und aufgelegter zu Scherz und Mutwillen hin, und als ich nach Hause kehrte, hätte ich jeden, der mir begegnete, stolz und mutig fragen mögen: bin ich nicht glücklicher als du?

Aber als nach der Zurückkunft in die Klostermauern der erste Rausch der Freude verflogen war, da fühlte ich nur desto inniger das Drückende meiner Fesseln und die Beschwerlichkeiten eines Standes, der mich verpflichtete, so unaussprechlich süßem Genusse, als der Besitz eines so liebenswürdigen Geschöpfes nach meinem Sinne täglich gewähren mußte, in der Hauptsache zu entsagen. Desto eifriger betete ich. –

Bald darauf schickte mir Minchen eine Aderlaßbinde zum Geschenk, denn sie hatte vernommen, daß wir nächstens die Aderlässe haben würden. Ich hatte noch niemals Blut gelassen und würde auch jetzt nicht daran gedacht haben, es zu tun, wäre die hübsche Binde nicht gewesen. Aber es dünkte mich, es müßte so angenehm sein, sie um den Arm gebunden zu fühlen, daß ich mich nicht enthalten konnte, in das Meditationszimmer, wo der Arzt und die Chirurgen samt den Aderlassern versammelt waren, zu treten und nachzusehen, ob es denn auch zu wagen wäre. Es kam mir so unbedeutend und leicht vor, daß ich die Worte fallen ließ: »Herr Doktor, meinen Sie, es könne mir schaden, wenn ich auch etliche Unzen herauslasse?« »Nichts minder!« erwiderte er, »du bist ohnehin ein vollblütiger Geselle! Nur her da! Wir müssen einmal sehen, was du für Blut hast!« Schnell hüpfte ich zur Tür hinaus, denn mich wandelte nun, da es Ernst werden wollte, einige Furcht an. Der Doktor eilte mir nach zu meiner Zelle und klopfte, bis ich die Tür halb öffnete und gegen seine Zumutung, mir eine Ader schlagen zu lassen, halb furchtsam, halb scherzend protestierte. Da kam eben der Prälat aus der Sakristei von der Messe herauf, näherte sich unvermerkt uns Streitenden und fragte lächelnd, was es da gäbe? »Der Frater Bonifacius,« antwortete der Doktor, »wollte eben zur Ader lassen, aber da wandelte den Hasenfuß plötzlich die Furcht an, er entläuft und will uns nimmer sitzen.« »Marsch da, du Kleiner!« sagte der Prälat, »geh mit dem Doktor, man reißt dir den Kopf nicht ab!« Ich mochte nun protestieren, soviel ich wollte, es sei mein Ernst nicht gewesen, Blut zu lassen, ich bedürft' es auch nicht und habe noch niemals gelassen: kurz, ich mußte dem Doktor folgen und froh sein, daß sie mich meine hübsche Binde geschwind noch in die Tasche stecken ließen. »Da sehen Sie ja, daß es ihm Ernst war,« sagte der Doktor zum Prälaten, »er hat sich wirklich schon mit einer Binde versehen!« »Ei,« dachte ich, »wenn ihr wüßtet, wie wert mir diese Binde ist! Ihr zuliebe folg' ich euch, sonst wollte ich mich so gut verbergen, daß ihr mich gewiß nimmer finden solltet.« Die Ader wurde glücklich geöffnet, man ließ mir etliche Unzen Blut heraus und verband den Arm, sobald man merkte, daß mich eine Übelkeit anwandeln wollte. Mit einem ganz besonderen Wohlgefallen blickte ich meine Binde an und war insgeheim nicht wenig stolz, mit Fug einen Zierat tragen zu dürfen, an den meines Minchens schöne Hände mir zuliebe so viele Mühe verwandt hatten.

Am folgenden Tage führte der Herr Prälat seine Konventualen in das Schlößchen nach Münster, um dort in freier Luft einen fröhlichen Abend zu genießen. Das Flüßchen, die Kessel, strömt daran vorüber und ergießt sich, nicht gar fern davon, in die Donau. Ein Kahn am Ufer lud mich zum Schiffen ein, ich fuhr zwischen Gesträuchen, in denen die Vögel sangen, bis an die Mündung der Kessel, der raschere Donaustrom ergriff mich und riß mich Unvorsichtigen, der ich nicht genug Widerstand leisten konnte, eine Strecke mit sich fort, bis ich an eine Stelle kam, wo sich das Ufer krümmte und eine kleine Bucht gestaltete. Hier glückte es mir Zitterndem, den Kahn aufzuhalten und ihn allmählich wieder mit vieler Mühe ganz nahe am Ufer stromaufwärts zu leiten. Die Anstrengung und starke Bewegung hatte indes meine Aderlaßbinde losgemacht, und das Blut rann mir ganz warm zum Ärmel heraus. Ach, wie herzlich erschrak ich darüber! Schon schwamm mein Kahn wieder eine Strecke abwärts, da erhaschte ich in der Angst eine Staude, die vom Ufer in das Rinnsaal ragte, und zog sie eilig durch den Ring am Hinterteile des Kahnes. So hielt er fest, und ich konnte mein Habit ausziehen und die Binde wieder befestigen. Vorsichtiger meinen Arm schonend, drängte ich nun den Kahn vollends am Ufer hinauf und versuchte lange vergebens, in die Kessel zu schiffen. Als es mir aber endlich gelungen war, band ich mein Fahrzeug an Stauden fest, legte mich müde und matt nach der Länge hin ins hohe Gras am Ufer und ruhte dankend, daß ich dem Unglück entgangen war, eine gute Stunde aus. Sorgfältig wusch ich dann das Blut von meinen Händen, aus meinen Kleidern und vom Kahne, damit nichts die Gefahr verraten möchte, in der ich geschwebt hatte; denn ich mußte fürchten, im Falle mein Wagestück kund würde, strenge dafür gebüßt zu werden. Nur einigen guten Freunden, mit denen ich etwa eine Stunde nach dieser Fahrt auf der Kessel wieder hinabschiffte, sagte ich, daß mir kurz vorher die Ader gesprungen sei, aber ohne ihnen die Veranlassung zu melden, zeigte ihnen meine blutige Binde und ersuchte sie, mir dieselbe von neuem ordentlich umzubinden. In die Nähe des großen Stroms wollte ich mich aber durchaus nimmer wagen. –

Weil Pater Beda nicht mehr unser Lehrer sein durfte, ernannte der Prälat einen andern Pater zum Professor der Moral. Der gute Mann mochte ein wackerer Religiose und etwas mehr sein, als was man einen mittelmäßig gelehrten Kasuisten nennt, aber zum geschickten Lehrer der christlichen Sittenlehre hatte er wenig Anlage. Er las uns vor- und nachmittags eine Stunde lang aus seinen Heften vor und ließ es dabei bewenden. So trieben wir's bis in den Sommer. Da war es nie bequemer zu schlummern, als wenn der Professor seine Lektion im dumpfen schläfrigen Baßtone einförmig herabmurmelte. Solange in seinem Auditorium noch ein offenes Auge war, las er geduldig fort, aber manchmal fügte es sich, daß alle zusammen nickten und schnarchten, wenigstens war das seine oftmalige laute Klage. In die Länge verdroß es ihn so sehr, daß er uns fast in jeder Lektion durch einen heftigen Verweis aus den Träumen aufstörte. Dabei verlor er, wie natürlich, unsanfte Worte, die uns allmählich gegen ihn aufbrachten. Als er einmal gar zu strenge auf uns herabdonnerte, unterredeten wir uns und beschlossen, ihn durch Einwürfe so in die Enge zu treiben, daß es ihm lieb sein sollte, wenn wir wieder schlafen würden, denn wir wußten gar wohl, daß ihm Pater Beda täglich alle Vorlesungen, völlig ausgearbeitet und ins reine geschrieben, übergab, und daß er bei der Sache weiter nichts zu tun hatte, als den Vorleser zu machen. Wir trieben es schließlich so weit, daß ihm die Vorlesungen über Moral entzogen wurden, wir aber den Befehl erhielten, jeder von uns sollte sie für sich allein studieren, um im Herbste 1781 zur Weihe nach Augsburg ziehen zu können.

Mit dem Jahre 1781 ward ein neuer Prior ernannt. Der vorige war ein andächtiger Trinkbruder, dieser von jeher der Hauptspaßmacher des ganzen Konvents gewesen, ebenderselbe, der mit den Mädchen Waden gemessen hatte und übrigens bei jedem lustigen Anlasse den Hanswurst machte. Aber er war ein vertrauter Anhänger des Prälaten und mußte nun, in Ermangelung eines andern Sujets, seine komischen Gesichtszüge zur gravitätischen Amtsmiene eines Priors, willig oder unwillig, zwingen. Kein Wunder, wenn er seine Würde alle Augenblicke vergaß und oft zum Zwischenspiele sich als den alten lustigen Bruder zeigte. Manchmal rief er sowohl mich als andre sogar ins Priorat, zechte mit uns halbe Nächte durch und glaubte, durch dieses Betragen unsre Zuneigung zu gewinnen und sich Anhänger zu machen. Allein statt dessen machte er sich verächtlich und gab uns Gelegenheit, ihn bei unsern kleinen oder größern Übertretungen der Regel, wo er mit seinem Ansehen Ordnung hätte gebieten sollen, ziemlich vertraut und schnöde heimzuweisen. Da mußte er einst den Prälaten auf einer Reise nach München begleiten, dort ward, wie gewöhnlich, alle Tage und Nächte so lange gespielt, bis der Prälat am Spieltische gegen den Morgen zu einschlief; in diesen Umständen aber durfte ihn niemand wecken, wenn er nicht einen derben Zank gewinnen wollte. Da war der lustige Prior einmal mutwillig genug, den Tisch aus der Mitte des Saals wegzunehmen, dem schlafenden Prälaten die Strümpfe auszuziehen und ihn so im Lehnsessel, ungeachtet der kalten Nacht und seines podagrischen Zustandes, verspottet und einsam sitzen zu lassen, bis der Frost ihn wecken würde. Diese Begegnung zog dem Täter die Ungnade des Prälaten zu; er ward zu meiner nicht geringen Zufriedenheit vom Priorate entlassen und spielte bald wieder mit neuer Munterkeit und ohne Zwang den Harlekin im Mönchshabit.

Während seines Priorats aber hatte mein Freund einst sein Malchen samt meinem Minchen und ihren beiden Eltern zu Gaste gebeten. Gern erteilte ihm der Prior die Erlaubnis dazu, denn er kam des Jahrs höchstens dreimal, um zu bitten, daß er seine weiblichen Verwandten zu einem Abendtrunke einladen dürfte. Wenigstens ein Vierteljahr lang hatten wir uns auf diesen glücklichen Tag gefreut. Was wir in unsrer Lage Gutes aufzutreiben wußten, ward in Bereitschaft gehalten. Sie kamen. Ich durfte zwar nicht beim Empfange unter der Pforte sein, weil ich in keiner allgemein gültigen Verbindung mit ihnen stand. Allein ich harrte mit klopfendem Herzen ihrer im Gastzimmer außer der Klausur, wohin man dergleichen Gäste zu führen pflegte. Mit der einnehmendsten Freundlichkeit lief Minchen auf mich zu, drückte mir zärtlich die Hand und ließ mich nicht von ihrer Seite, als wir um den runden Tisch her unsre Plätze wählten. In süßen Gesprächen saßen wir da, die Herzen jedem Eindruck der Freude weit offen und so glücklich, als wir in einem halben Jahre nicht gewesen waren. Plötzlich trat der Konventdiener herein, sagte mir etwas leise ins Ohr: »Frater Bonifacius, Sie sollen sogleich zum Prior kommen, er hat auskundschaftet, daß Sie hier sind, und läßt Sie rufen.« Minchen vernahm die Worte so gut wie ich. Wir wurden blaß. »Ach Minchen, liebes Minchen!« sagte ich, und Tränen stiegen mir in die Augen, »so werd' ich weggerissen von deiner Seite? Und dieser elende Mensch darf unsre besten Freuden stören?« Sie ergriff meine Hand, drückte sie feurig an ihre Brust und zog mich inniger an sich. »Ach, es ist Rache,« sagte sie, »der Prior wollte erst vor kurzem, ich sollte zu ihm auf ein Frühstück kommen und ich kam nicht! O, Sie wissen es, Lieber, ich konnte nicht kommen, ich müßte mich vor mir selbst schämen, wenn ich es könnte!« Tränen schossen ihr in die Augen, ich zürnte, unsre Freunde drängten sich um mich her, fragten allerlei, bedauerten mich, und Minchen folgte mir bis an die Türe, hielt mich fest und wollte mich nicht lassen. Weinend riß ich mich los, eilte in meine Zelle, um erst die Tränen abzutrocknen, aber eine Art Wut ergriff mich, wie rasend vor Schmerz und Wehmut warf ich mich auf mein Bett, biß mit den Zähnen in die Decke, weinte laut und fühlte nichts als meinen Schmerz, nichts als das Unglück, ein Mönch zu sein. Zum Prior ging ich nicht, kaum vermochte ich mit roten Augen in der Vesper zu erscheinen, aber während derselben faßte ich mich zum Teil wieder, machte mein Plänchen und entschloß mich, nach geendigtem Chorgesange sogleich wieder zu Minchen zu gehen, unbemerkt, wenn es sein könnte, oder wenn mich der Prior wieder bemerken würde, ihm alles mögliche Schmerzende und Beschämende zu sagen. Wirklich fügte es sich, daß er mich auf meinem Gange antraf. Aber er sagte kein Wort, ließ mich ziehen und rief mich erst den folgenden Tag ins Priorat, um meine Culpam zu bekennen, daß ich ohne Erlaubnis aus der Klausur getreten sei. Ich antwortete aufgebracht: »Ob er sich noch erinnere, wie oft er mich zu tollen Trinkgelagen außer die Klausur geführt habe? Es wundere mich, wie sich ein solcher Mann herausnehmen könne, mir über etwas Verweise zu geben, das doch viel besser und untadelhafter sei, als dasjenige Betragen, zu dem er mich oft selbst zu ermuntern pflegte, aber ich wisse wohl, daß Eifersucht keinen geringen Anteil an seinem religiösen Eifer habe.« Mit der Anzeige, daß ich mittags zur Buße den Wein karieren sollte, entließ er mich. O, es war doch schade, daß es eben in der Macht eines solchen Mannes stehen mußte, unsre schöne Unterhaltung so schmerzlich unterbrechen zu dürfen. Nach der Vesper traf ich bereits alles verstimmt an, und die Lebhaftigkeit unsrer Gespräche fand sich nicht wieder ein. Wir sagten zwar einander so viel Zärtliches, als wir eben zu sagen wußten, aber bald drückten wir, Minchen und ich einander mit nassen Augen die Hände, bald suchten wir eine Art Ermunterung darin, daß wir bitter genug über den Störer unsrer Freuden spotteten. Manchmal saßen wir tiefsinnig in Gedanken und genossen schweigend unser Gläschen und die Konfitüren. Als ich nach überstandener Buße dem Prior gewöhnlichermaßen dankte, sagte er: »Frater Bonifacius, Sie hätten sehen sollen, daß ich es nicht so böse meinte, es ward mir angezeigt, daß Sie ins Gastzimmer geschlichen seien, wohin doch niemand ohne Erlaubnis gehen soll, ich mußte Sie holen lassen und strafen. Aber als ich Ihnen nach der Vesper allein begegnete, da ließ ich Sie gehen, denn ich sah wohl, daß mit einem Menschen, der in der Wut war, nicht viel anzufangen sein würde.«

Der Briefwechsel zwischen Minchen und mir dauerte ununterbrochen fort. Wenigstens jeden Sonn- und Feiertag brachte ihr Vater einen Brief von ihr und nahm dagegen die meinigen mit sich fort, denn täglich schrieb ich gewiß einen. Oft las sie der Vater, oft las er sie nicht, äußerte aber niemals einige Unzufriedenheit mit ihrem Inhalte. Dichten mochte ich in dieser Zeit nicht, teils weil ich zu sehr mit meinen wirklichen Empfindungen beschäftigt war, teils weil ich nicht hoffte, daß Minchen an meinen Aufsätzen Freude haben würde. Selten reimte ich für sie ein kleines Liedchen und legte es, in Noten gesetzt, meinen Briefen bei. Stoff zum Schreiben hatten wir mehr als zuviel. Jedes kleine Ereignis unsres Lebens interessierte uns gleich einer wichtigen Angelegenheit; jeder erhaltene Brief gebar einen neuen. Der Vater verriet uns manchen kleinen Umstand, aus dem die schlauen Mädchen ein Geheimnis gemacht hatten. Abends, nach der Komplet, schlich ich gewöhnlich in die Zelle meines Freundes. Da unterhielten wir uns mit Erzählungen von unsern Geliebten, lasen einander Stellen aus ihren Briefen vor, taten aber so kostbar damit, daß der eine nur selten den ganzen Inhalt eines Schreibens, welches an den andern gerichtet war, zu hören bekam. Wenn ich dann, etwa um halb zehn Uhr, zu meiner Zelle schlich, führte mich der Weg an dem obern Chor der Kirche vorüber. Da trat ich immer hinein, kniete dem Altare gegenüber, auf dem das Allerheiligste aufbewahrt ward und betete mit Inbrunst für mein Minchen.

Um uns auch in Gesellschaft andrer von unsern Geliebten notdürftig unterhalten zu können, legte mein Freund seinem Malchen den Mannsnamen Anton bei, und ich nannte Minchen Michael. Sie schien mir ja doch ein Engel. Es war uns in diesem Falle gar nicht um den schönsten Laut der Namen zu tun, sondern wir glaubten, je rauher sie klängen, desto besser würden sie unsrer Absicht taugen. Wirklich sprachen wir oft mitten unter den Mönchen sitzend von Michael und Anton, ohne daß jemand auf die Vermutung kam, das Gespräch betreffe unsre lieben Mädchen.

Dieser Rausch der Liebe mochte etwa ein Jahr gedauert haben, da sagte mir einst mein Freund: »Wie würde es dir zu Mut werden, Bruder, wenn du auf einmal vernähmest, dein Minchen sei Braut?« – »Ich würde mich darüber freuen,« antwortete ich behende, »wenn sie nur einem guten Manne zuteil wird! Denn ich habe keinen andern Wunsch, als sie glücklich zu sehen. Ach, mit diesem Gedanken bin ich schon lange vertraut!« – »Du kannst mir glauben,« fuhr er fort, »es ist wirklich so etwas im Werke, nur Minchen wollte das Jawort noch nicht geben. Der um sie wirbt, ist ein junger Witwer, welcher, um den Dienst zu erhalten, vor ein paar Jahren eine etwas ältliche Frau ehelichen mußte und mit ihr immer in einigem Unfrieden lebte. (Da ging mir ein Stich durch's Herz.) Im Wochenbette starb die Frau samt dem letzten Kinde und hinterließ nur einen einzigen bereits dreijährigen Knaben. Der Witwer ist ein hübscher, großer Mann, besitzt schöne Mittel und bekleidet ein ergiebiges Amt. Vor einigen Tagen kam er in Z...'s Haus und warb förmlich um sie. Dem Vater scheinen die gemachten Vorschläge, des Heiratsgutes wegen, und überhaupt der ganze Antrag sehr annehmbar.« Diese Nachrichten erfüllten mich mit Unruhe, ich fühlte meine Brust beklemmt und äußerte alle Augenblicke von neuem meine Besorgnisse, Minchen könnte vielleicht mit dem Manne, der schon einmal in unfriedlicher Ehe gelebt hatte, nicht glücklich sein. Selbst die Stärke seines Körperbaues schien mir eine gültige Ursache zu sein, ihn für einen allzu massiven, dem feingebauten Mädchen nicht anstehenden Bräutigam zu erklären. Kurz, weil ich Minchen dem Freier mißgönnte, fand ich in meinem Sinne allerlei an seiner Person auszusetzen. Die ganze Nacht schlief ich nicht und trieb mich immer mit meinen ohne Zweifel etwas eifersüchtigen Besorgnissen umher.

Am folgenden Tage, der ein Sonntag war, trat Minchens Vater wie gewöhnlich in meine Zelle und überreichte mir einen Brief von seiner Tochter. Seine Blicke schienen diesmal forschender zu sein als sonst, er beobachtete meine Mienen sehr genau, als ich den Brief erbrach und durchlas. Sie schrieb mir:

»Sie finde sich jetzt in einem sehr großen Gedränge, und es falle ihr sehr schmerzlich, mir von so unangenehmen Dingen schreiben zu müssen, aber sie habe doch keinen aufrichtigern Freund als mich und wisse in ihrer Verlegenheit nirgends bessern Rat einzuholen, als bei mir. Wäre ihr nicht aus meinen Briefen bekannt, daß ich auf den Augenblick, da ihr zugemutet werden würde, sich zu verehelichen, schon lange vorbereitet sei, so würde sie es nicht gewagt haben, jetzt ihr Anliegen mir vorzutragen.«

Dann erzählte sie mir, wie N. schon einige Zeit her ihr nachgegangen und vor einigen Tagen in ihrem Hause erschienen sei, um bei ihren Eltern förmlich um sie zu werben. Nun wünsche der Vater, daß die Heirat geschlossen werde, auch die Mutter sei nicht ungeneigt, und man dringe täglich in sie, endlich ihr Jawort von sich zu geben, allein der Mangel an näherer Bekanntschaft mit dem Werbenden und die Besorgnis, er könnte vielleicht auch mit ihr ebenso unfreundlich leben als mit seiner vorigen Frau, usw., halte ihre Zunge noch immer gebunden. Ich sollte ihr doch aufrichtig raten, wie sie sich bei diesen Umständen zu benehmen hätte.

»Ich sehe wohl,« sagte der Vater, als ich mit dem Lesen fertig war, »daß dieser Brief für Sie schmerzliche Neuigkeiten enthält, Sie sind blaß, wie eine Leiche; aber ich hoffe, Sie werden sich fassen und bedenken, daß meine Tochter, wenn sie ihre Versorgung finden soll, doch einmal in den Fall kommen mußte, von dem sie Ihnen schreibt. Ich weiß, Sie wünschen so sehr als ich, daß das gute Mädchen glücklich werde. Sprechen Sie ihr Mut ein! Der Brautwerber ist ein braver Mann, er arbeitet neben mir, ich hatte Gelegenheit genug, ihn genau kennen zu lernen. Seine Unzufriedenheit mit der vorigen Frau stammte größtenteils von dieser her und kam nicht aus seinem eigenen Herzen. Sie war viel älter als er und eifersüchtig und warf ihm täglich vor, er betrage sich nicht so zärtlich, habe eine ganz andre Lebensart an sich und schätze sie weit weniger – als ihr erster Mann. Daher kam das Mißvergnügen. Weil nun bei meiner Tochter dergleichen Anlässe nicht vorhanden sind, so hoffe ich, auch die schlimmen Folgen davon werden nicht statthaben. Der Heiratskontrakt, den er vorschlug, ist für Minchen sehr vorteilhaft, und solche Partien kommen nicht alle Tage. Reden Sie dem Mädchen zu, daß sie den Mann nimmt, Ihnen folgt sie gewiß.«

So schwer es mir auch fiel, so versprach ich doch, zu schreiben. Aber es dünkte mich, dem lieben Mädchen geradezu anzuraten: nimm ihn! hieße ihr wahres Interesse verraten. Ich schrieb unter anderm also: »Prüfen Sie sich selbst, liebstes Minchen, ob Sie die Freundin des Mannes werden können, der nun das Glück seines Lebens mit Ihnen zu teilen wünscht. Fragen Sie sich, ob er würdig ist, Ihr innigster Vertrauter zu werden und Sie selbst nebst Ihrer ganzen Zuneigung zu besitzen. Diese wichtigste Angelegenheit Ihres Lebens ist es wohl wert, daß Sie mit aller Sorgfalt zu Werke gehen. O, Minchen! der Gram würde mich verzehren, wenn ich jemals erfahren sollte, daß Sie unglücklich sind! Aber Sie waren immer ein tugendhaftes, liebenswürdiges Mädchen! Die Vorsehung wird es fügen, daß Sie glücklich werden. Längst wissen Sie, daß ich glaube, im jungfräulichen Stande könne Ihr Glück nie vollständig sein. Ein so gesundes, wohlgebildetes Mädchen, wenn es annehmliche Anträge zum Heiraten erhält, hat auch die süße Pflicht auf sich, Mutter zu werden und schönen Kindern das Leben zu geben. Ach! Es muß unaussprechlich süß sein, so liebe, kleine Geschöpfe ans Herz drücken und sich sagen zu können: sie haben durch mich das Leben erhalten. O, Minchen, welches Entzücken würde mich ergreifen, wenn ich einst so glücklich wäre, Sie als liebende Mutter im Kreise Ihrer Kinder zu überraschen! Wie wollte ich die kleinen Engel, einen nach dem andern, an mein Herz drücken, küssen und mit Freudentränen benetzen und gleich einem liebenden Vater glücklich sein in dem Gedanken: du küssest Minchens Kinder, die schönen Kinder deiner Geliebten!«

Noch viel andres schrieb ich unter reichlich strömenden Zähren und übergab es Minchens Vater, der am Montage, morgens, meinen Brief zu holen wieder auf meine Zelle kam. Unausstehlich lang ward mir die Zeit, bis ich Nachricht erhielt, zu was sich Minchen entschlossen hätte. Tausendmal drängte sich der geheime Wunsch in mein Herz: o, möchte sie den unbekannten Mann abweisen, aber ebenso oft ward er von dem lauter tönenden Wunsche verdrängt: o, möchte sie, da sie doch einmal heiraten muß, durch die Verbindung mit diesem Manne glücklich werden. Jetzt beneidete ich ihn um den Besitz eines so liebenswürdigen Mädchens, empfand meine Verlassenheit doppelt lebhaft, wenn ich sie in seinen Armen dachte und glaubte, ein süßer Traum habe mich eine Weile getäuscht, nur, um mir meinen Zustand beim Erwachen durch das Abstechende noch unerträglicher zu machen. Nie wagte ich's, mit meiner Phantasie einen Blick in die Geheimnisse des Ehebettes zu tun, ohne heftig erschüttert zurückzuschauern und aufkeimenden Neid zu empfinden. Jetzt gab ich mir selbst Verweise, daß ich mich über ein Ereignis grämte, welches doch allein meine Geliebte zu ihrem wahren Wohl leiten könnte. Dann stiegen wieder allerlei Besorgnisse und Zweifel, ob es auch zu ihrem Besten ausschlagen würde, in meiner Phantasie empor; ich erblickte sie weinend und verlassen im einsamen Zimmer oder sah sie wegen Kleinigkeiten unartig behandelt und empfand jedes Leiden, das sie in meiner Vorstellung traf, mit der innigsten Teilnahme. Daß ich diese Zeit über wenig schlief und nachts oft in die Kirche schlich, um dort meine Klagen und Gebete vor Gott auszuschütten, wird jeder, demjenigen zufolge, was ich oben gestand, leicht erraten. So wechselten in meiner Seele Stürme, Sonnenschein und trübe Stunden ab, bis mir am Sonntage Minchens Vater in einem düstern Gange bei der Sakristei entgegenkam, schnell ein Briefchen in meine Hand drückte und stillschweigend wieder davon eilte. Er schien den Anblick meiner Trauer nicht ertragen zu können. Im Briefchen stand etwa folgendes: »Lebe wohl, treuer, geliebter Freund! Mein Jawort ist gegeben! Ach – nie kann ich dich vergessen! Ewig wird dein Andenken meinem Herzen teuer sein! Habe Dank für so viel süße Empfindungen, die du in mir wecktest! Habe Dank für alle deine Liebe! Zürne mir nicht! Vergiß mich nicht und versage mir einst deinen treuen Rat nicht, wenn ich dessen bedarf. Du allein kannst mein Trost sein, wenn ich unglücklich werden sollte.« Kaum hatte ich zu Ende gelesen, so sank ich, übermannt von Wehmut, Liebe und schmerzlichen Gefühlen, wie ohnmächtig an die Wand hin. Erst nach einer guten Weile erholte ich mich wieder und wankte in meine Zelle, um dort ungestört zu weinen.

Lange hatte ich nicht Kraft genug, mich zu fassen. Endlich sagte ich einmal zu mir selbst: »Warum trauerst du? Hast du denn so viel verloren? Sie liebt dich ja noch! Und du darfst sie ja noch ebenso rein, noch ebenso innig lieben, wie vormals; keine unedle Begierde in dir hat je den süßen Gedanken an sie entheiligt, was hindert dich, auch in Zukunft so rein, so uneigennützig zu lieben? Fasse Mut! Nur der Briefwechsel ist dir untersagt! Deine süßen Empfindungen werden zwar nicht mehr durch Minchens schöne Briefe geweckt werden, aber auch der Gedanke an sie und ihre Vorzüge ist herzerhebend und süß. Ermanne dich und lerne dein Schicksal ertragen, lerne dulden und missen.« So ermunterte ich mich allmählich wieder, aber sehr oft bekam ich neue Rückfälle in meine vorige Trauer.

Die Hochzeitfeier nahte sich. Die Brautleute sowohl, als die übrigen Hochzeitgäste, tragen in der Gegend um Donauwörth, wenn sie zur Trauung in die Kirche ziehen, eine Zitrone mit darinstehendem Rosmarinstrauße in der Hand. Sogleich nach der Trauung rief mich, ich weiß nicht mehr, welche vertraute Person aus Minchens Hause unter die Pforte und überreichte mir eine solche Zitrone mit dem Beisatze: »Die Jungfer Braut läßt Sie freundlichst grüßen und überschickt Ihnen den Strauß und die Zitrone, die sie bei der Trauung trug, zum Andenken.« Ich vermochte kaum den Ausbruch meiner von neuem erwachenden schmerzlichen Gefühle zurückzuhalten, dankte geschwinde für das richtige Überbringen des Geschenks und eilte in meine Zelle, um dort, ohne mich vor jemandem schämen zu dürfen, meiner Wehmut Luft zu machen. Den Rosmarin setzte ich dann in einen Blumentopf am Fenster, um ihn einwurzeln zu lassen, pflegte ihn so sorgfältig als möglich und begoß ihn so oft, daß er vielleicht eben deswegen nach vierzehn Tagen zu meinem nicht geringen Leidwesen verdarb. Viele Tage lang hielt ich mich, mit meinem Kummer allein, in der Zelle verschlossen, vermied alle Gesellschaft und kam auch nur selten zu meinem Freunde.

Der lange Kampf widerstrebender Empfindungen in mir wirkte auf meine Gesundheit so merklich, daß es meine Mitbrüder mir endlich ansehen mußten und die Köpfe darüber zusammensteckten. Die Besten entschlossen sich, mich mit List aus meiner Einsamkeit zu locken: Frater Amand klopfte an meine Zelle. Ich öffnete die Tür nur halb, aber er drängte sich schnell zu mir hinein und sagte: »Bonifacius! nimm deine Klarinette und komm ein wenig zum Frater Cölestin herüber, wir möchten gern Musik machen.« Ich sträubte mich eine Weile, aber er ließ mir keine Ruhe, bis ich ging. Wirklich hatten sich in Cölestins Zelle vier Mönche, Liebhaber der Musik, versammelt, um allerlei Stücke zu spielen und wahrscheinlich in der Absicht, mich dadurch aufzuheitern. »Warum gehst du denn gar nicht mehr zu den Leuten?« sagten sie, »höre auf, über dich selbst zu brüten! Komm her da, hilf uns Musik machen und zerstreue dich!« Ich ließ mich bereden, die zweite Klarinette zu blasen. Wir spielten ein sehr rührendes Adagio. Aber kaum war es zu Ende, so sprach Frater Amand: »Wählet lustigere Stücke, sonst wird uns der Frater Bonifacius nicht heiter, er sitzt ja da, als wären ihm Spreuer gesät worden.« Was er damit sagen wollte, wird verständlich werden, wenn man weiß, daß in unsrer Gegend mutwillige Burschen sich manchmal den Spaß machen, vom Hause einer Verlobten bis zur Tür ihres verschmähten Liebhabers Spreuer zu streuen. Diese schmerzhafte Berührung der noch frischen Wunden meines Herzens machte so widrigen Eindruck auf mich, daß mir nun während des Blasens die Zähren unaufhaltsam über die Wangen strömten. Vor Scham und Beklemmung wagte ich's kaum, emporzublicken, aber als ich es einmal wagte, sah ich doch auf den meisten Angesichtern einen Zug von Mitleid schimmern. Dies gewährte mir einigen Trost. Aber es dauerte noch eine geraume Zeit, bis ich mich wieder an den Umgang mit Menschen gewöhnte.

Es mochte etwa ein Monat verstrichen sein, da traf ich einst, als ich zu meinem Freunde in die Zelle trat, Minchens Mann beim Besuche an. Er war ein schöner, stattlicher Mann, mit einem heitern Auge und von offenem Wesen. Es ward mir bei seinem Anblicke gar seltsam zu Mute. Aber je näher ich ihn beobachtete, desto zufriedener schlug mein Herz. »Es ist mir sehr lieb, Frater Bonifacius,« so sagte er, »daß ich Sie kennen lerne, mein Weibchen hat mir schon viel von Ihnen erzählt, ich las sogar einige Ihrer Briefe.« Man denke, wie sehr ich betroffen war! »Sorgen Sie nur nicht,« fuhr er fort, »daß ich deswegen etwa böse auf Sie oder eifersüchtig sein werde: ich weiß gewiß, daß ich eine Jungfrau geheiratet habe, und daß Sie eine gute Zeitlang ihr Schutzengel gewesen sind. Es wird mich sehr freuen, wenn Sie meinem Minchen auch forthin gut bleiben und zugleich mein Freund werden wollen.« Eine so einnehmende Anrede und die Nachrichten, die ich bereits von seinem liebreichen Betragen gegen Minchen erhalten hatte, gewannen ihm vollends mein ganzes Herz. Vergnügter, als ich lange gewesen war, brachte ich an seiner Seite den Abend hin. Und er war gütig genug, mir auf alle meine Fragen von Minchen ausführlichen Bescheid zu geben und uns mit der ganzen Einrichtung seines Hauswesens bekannt zu machen. Bald wurden wir so vertraut, daß er mir sogleich meine Bitte gewährte, am nächsten Sonntag den Abend auf meiner Zelle hinzubringen.

Mit vielen Grüßen beladen, kam er am bestimmten Abend, von Minchens Vater begleitet, und mußte versprechen, am nächsten Feiertag wieder zu kommen. Von nun an wechselten mein Freund und ich miteinander ab, den einen Feiertag hatte er die Gäste, den andern ich zu bewirten. Gern und freigebig befriedigten sie jedesmal uns ungestüme Frager mit Erzählungen von unsern Lieben und brachten denselben unsre kleinen Geschenke und freundschaftlichen Briefchen. Der Vater bestellte die Sachen meines Freundes an Malchen, Minchens Mann die meinigen an seine Frau. Beide überlieferten uns treulich wieder die Antworten. Oft luden sie uns ein, daß wir auch sie in ihren Wohnungen besuchen sollten. Etwa des Jahres dreimal gelang es uns, die Erlaubnis dazu zu erhalten. Ein solcher Tag war uns dann immer ein großes Freudenfest. Bei einem dieser Besuche in Minchens Hause saßen wir einst im bunten Kreise beisammen und waren so herzlich vergnügt, wie man es nur dann sein kann, wenn man seine liebsten Wünsche erfüllt sieht. Minchen saß neben mir, ich hielt ihre Hand in der meinigen, und wir blickten uns zärtlich an. Das bemerkte ihr Mann. Scherzend rief er uns zu: »Ich weiß wohl, daß ihr euch ehemals geküßt habt. Nicht wahr? Auch jetzt hättet ihr Lust dazu? Tut es nur; ich will wegschauen.« Wirklich wandte er sein Angesicht weg. Aber wie konnten wir's wagen? Ich fürchtete beinahe, es möchte etwas Eifersucht in ihm erwacht sein. »Ich sehe schon,« fuhr er fort, »ihr habt den Mut nicht dazu!« Flink hüpfte er auf, umschlang sein Weibchen und setzte sie auf meinen Schoß, indem er sprach: »Heuchelt nicht länger und küßt euch geschwind!« Minchen bot mir lächelnd die rosigen Lippen dar, und ich wagte es, sie schnell zu küssen, nicht ohne Scheu. Er schien sich herzlich zu freuen, sich selbst einen solchen Sieg abgewonnen zu haben. Denn es mochte ihn keine geringe Überwindung kosten, uns dieses Spiel zu erlauben.

Unmittelbar nach Ablegung der Klostergelübde hatte mich der schmerzende Zuspruch des Prälaten, den er mir im Angesichte meiner Eltern gab, von der Lust, mich seiner als einen lustigen Bruder und Zecher zu zeigen, abgeschreckt. Die Übelkeit, die mich morgens in der Mette jedesmal quälte, wenn ich den Abend zuvor mehr als meine gewöhnliche Portion Wein genossen hatte, und das Gefühl, daß es schändlich sei, ein Sklave der Unmäßigkeit zu werden, heilten mich vollends von der gefährlichen Neigung, mich durch den Genuß zu vielen Getränkes in eine behagliche Betäubung zu versetzen. Die Liebe aber machte mich zum abgesagten Feinde von dergleichen Ausschweifungen. Ich fand keinen Geschmack mehr an lärmenden Freuden, an Trinkgelagen oder tollen Spielen, sondern suchte meine Unterhaltung am liebsten im Kreise redlicher Bekannten, bei frohen Gesprächen, im Klostergarten, bei der schönen Natur oder im Anblick der reizenden Gegend von meinem Zellenfenster aus. Um mir im Winter Bewegung zu machen, lief ich nach Tische entweder auf den Kirchenturm oder sägte Holz im Holzgewölbe.

Auf einem dichtbelaubten Walnußbaume im Garten, der zwischen Haselgesträuchen stand und leicht zu ersteigen war, hatte ich mir eine Laube geflochten, wo ich manchmal in süßen Phantasien verloren mehrere Stunden lang saß, die Nachtigallen behorchte oder mit Bleistift Fragmente idyllenartiger Aufsätze schrieb, die ich dann wieder vernichtete oder in Minchens Briefe verflocht. Einst saß ich in meiner Laube und hörte, daß der Pater Prior mit einem andern Mönche die Terrassen, welche an meinem Baume vorüber zum Kegelplatze führten, herabstieg. Ich vernahm, daß sie vom Pater Beda sprachen und horchte etwas aufmerksamer auf ihre Worte. »Die Vorboten des neuen Heidentums müssen mir über Tisch vorgelesen werden,« sagte der Prior, »mag dann der stolze Beda die Nase rümpfen, so viel er will, er soll sein Lob doch mit anhören müssen.« Was ich aus dieser Rede machen sollte, wußte ich nicht, bis ich nach einigen Wochen die Vorboten des neuen Heidentums vom Exjesuiten Weißenbach im Refektorium auf der Kanzel fand und beim flüchtigen Durchblättern des Buches auf eine Stelle stieß, die bittere Ausfälle gegen den Pater Beda und seine Schriften enthielt. Es fügte sich, daß ich, als Frater, eben die Dienste eines abwesenden Paters, welcher der Ordnung gemäß über Tisch hätte lesen sollen, übernehmen mußte, als die anzügliche Stelle gegen den mir so werten Mann abgelesen werden sollte. Der Pater Beda war gegenwärtig. Ruhig las ich bis an die Stelle, deren Inhalt für ihn so beleidigend war. Dann schlug ich das Buch zu, legte es weg, nahm Fleurys Kirchengeschichte von Parode ins Lateinische übersetzt, die sonst vorgelesen wurde, vor mich hin und fing nach einer kleinen Pause lateinisch zu lesen an. Der Prior rief mir zu, ich sollte im deutschen Buche fortfahren. Ich stieg von der Kanzel, trat zu ihm und sagte ihm ehrerbietig: »Das Buch enthalte Anzüglichkeiten gegen meinen ehemaligen Pater Professor, ich könne nicht fortfahren.« »Und ich befehle Ihnen,« erwiderte er aufgebracht, »Sie sollen sogleich fortfahren.« »Herr Pater Prior!« sagte ich gelassen, aber fest, »diesmal gehorsame ich Ihnen nicht! Darüber muß der Herr Prälat entscheiden.« Ich ging auf die Kanzel und las den Fleury vor. Kaum hatte ich nach Tische meine Mahlzeit eingenommen und war, weil mir der Regen das Spazieren im Garten verwehrte, ins Rekreationszimmer zu meinen Mitbrüdern gekommen, so trat der Prior mit stolzen und zornigen Mienen zu mir. »Frater Bonifacius!« sagte er, »hab' ich Ihm nicht befohlen, weiter zu lesen?«

Ich. Ja, Herr Pater Prior! Aber –

Der Prior. Schweig Er, und sag' Er mir, muß der Religiose seinem Obern nicht gehorsamen?

Ich. Allerdings, solange er nichts befiehlt, was offenbar wider die christliche Liebe läuft.

Der Prior. Was, Frater? Er will meine Befehle examinieren? Weiß Er nicht, daß Er am Altare blinden Gehorsam angelobet hat?

Ich. Nie konnte und durfte ich etwas andres angeloben, als was sich mit dem Gesetze der Liebe verträgt. Es heißt in der Schrift: »Man muß Gott mehr gehorchen als den Menschen.«

Der Prior. Hab' ich Ihm etwas befohlen, das Gottes Geboten zuwiderläuft?

Ich. Wenn Sie wußten, daß eben eine Stelle vorgelesen werden sollte, welche für den Pater Beda, der bei Tische saß, beleidigende Sachen enthält, ja.

Der Prior. Hat Er zu entscheiden, ob etwas billig und recht ist, was die Obern für heilsam erachten?

Ich. Das wohl nicht, aber darüber kann und muß ich entscheiden, ob ich etwas Liebloses tun darf. Offenbar aber wär' es lieblos gewesen, eine so beleidigende Stelle, die einen unsrer verdientesten Mitbrüder schmerzen müßte, über Tisch vorzulesen und noch dazu in seiner Gegenwart.

Der Prior. Wenn sich's jeder Untergebene herausnehmen wollte, die Befehle der Obern zu bekritteln, wie Er sich's untersteht, Er kecker Frater, wohin würde es mit dem klösterlichen Gehorsam kommen?

Ich. Dahin, daß keine andern als vernünftige Befehle befolgt würden.

Der Prior. Wie, Er unverschämter Frater! Er will mir noch das Maul anhängen? Er will seinen Obern meistern? und macht mir Vorwürfe, daß ich lieblose Befehle gebe? Ich will Seinen Spruch gegen Ihn wenden: »Man muß Gott mehr gehorchen als den Menschen«, d. h. man muß mehr Rücksicht auf die Liebe Gottes als die Liebe der Menschen nehmen. Pater Beda hat wider die Religion geschrieben, Weißenbach weiset ihn zurecht, so wie er's verdient, und Ihr meint, eine Stelle, die wieder gut machen kann, was Beda in manchen eurer Köpfe verdarb, solle nicht vorgelesen werden, und es laufe wider die christliche Liebe, einen Irrenden zurechtzuweisen? Nein, nein! Die Liebe der Religion, die Liebe Gottes muß siegen über diese verkehrte Liebe der Menschen. Ich befehle Ihm Frater, daß Er morgen diese Stelle deutlich und verständlich vorlese und heute abend bei Tische für seine Unverschämtheit und seinen ausgezeichneten Ungehorsam bei Wasser und Brot auf dem Boden sitze.

Ich. Auf dem Boden sitzen werde ich, das wird mich nicht beschimpfen, weil ich es nicht verdiene. Aber die Stelle lese ich nicht vor.

Der Prior sprach: »Das wollen wir sehen!« trabte in vollem Sturme zur Tür hinaus und eilte in die Abtei, um mich zu verklagen. Sogleich ward ich vorgerufen. Der Prälat stand, von seinen Hofpatribus umringt, im Saale, hielt mir eine derbe Strafpredigt, daß ich mich unterstanden hätte, gegen den Pater Prior einen formalen Ungehorsam zu bezeigen und ihm nachher noch vor allen Anwesenden grob zu begegnen. Kühn und unbefangen erzählte ich den ganzen Hergang der Sache, und der Prälat machte große Augen und fixierte den Prior mit scharfen Blicken. Dieser berief sich auf Zeugen, daß ich behauptet habe, der blinde Gehorsam streite gegen Gottes Gebot, und daß ich ihm Grobheiten gesagt habe. Man rief die Zeugen herbei. Vier redeten sich aus, sie könnten sich der von mir gebrauchten Ausdrücke nicht mehr so genau erinnern. Ein fünfter aber schlug auf seine Brust und beteuerte bei seiner priesterlichen Würde, daß er mich alles dasjenige, dessen mich der Prior bezichtigte, sagen gehört habe. Dies brachte mich vollends auf. »Ich begreife nicht,« sagte ich trotzig, »wie es Ihre priesterliche Würde unmöglich machen sollte, daß Sie ein Lügner sind. Schon öfters haben Sie gelogen, und diesmal logen Sie bei Ihrer priesterlichen Würde.« Der Prälat stutzte. »Frater Bonifacius!« sagte er ernsthaft, »Er zeigt es nun vor meinen eigenen Augen, daß Er ein hitziger, unbesonnener Mensch ist. Weil Er sich unterstanden hat, formaliter Seinem Obern den Gehorsam aufzukünden und ihm unehrerbietig zu begegnen, so soll Er bei Tische nicht nur einmal, sondern drei Tage lang bei Wasser und Brot auf dem Boden sitzen.« »Ich bin stolz auf diese Buße,« erwiderte ich, »denn ich leide, weil ich recht tat.« »Wie, Frater!« rief der Prälat, »Er unterfängt sich, Seiner Obern zu spotten? Nun soll Er nicht nur drei, sondern acht Tage bei Wasser und Brot auf dem Boden sitzen! Ich will Ihn schon mürbe machen! Was gilt's, der Stolz soll Ihm vergehen!« Ich ging und saß drei Tage lang. Am dritten Abend kam des Prälaten Kammerdiener, der sonst mein guter Freund war, auf meine Zelle. »Bonifacius!« sagte er nach manchem Umschweife, »du bist doch gar zu eigensinnig! Warum bittest du den gnädigen Herrn nicht, daß er dir die Buße erläßt? Es verdrießt ihn, glaube mir's!« »Mag's doch,« sagte ich, »es könnte mich wohl mehr verdrießen, daß er mich so behandelte, und kann er mir mit Billigkeit zürnen, wenn ich tue, wie er befohlen hat?« »Sei nicht störrisch und wunderlich,« erwiderte er, »und komm! Er ist jetzt ganz anders berichtet.« »Desto besser!« sprach ich, »so weiß er, was er zu tun hat, ohne daß ich erst bitten darf.« Ich ging nicht mit ihm. Nach ein paar Stunden kam er wieder: »Bonifacius! geh mit!« sagte er, »der gnädige Herr will, du sollst kommen!« »Wenn er's befiehlt,« sagte ich, »so gehe ich.«

»Er ist doch ein eigensinniger Mensch,« fing der Prälat mit lächelnder Miene an, als ich in die Abtei trat, »ich glaube, Er äße ganze Monate lang auf dem Boden, ohne daß ihm sein Starrkopf bräche. Aber diesmal mag's hingehen! Ich erfahre, nachdem ich das Buch gelesen und nähere Erkundigung eingezogen habe, daß Er nicht so unrecht hatte. Aber Seine rasche Art mußte doch gestraft werden; was Ihm zuviel geschah, will ich Ihm auf andern Wegen vergüten. Er soll mit mir zufrieden sein. Zum Anfang nehm' Er für die Unbill, die Er erduldet hat, dies Geschenk und vergeb Er denen, die Ihn beleidigt haben!«

Zähren liefen mir jetzt über die Wangen. »Ich danke Ihnen, gnädiger Herr!« stammelte ich, »für die Güte, mit der Sie mich behandeln! Aber ich bitte, nehmen Sie das Geschenk zurück. Unbilden lassen sich nicht abkaufen, und Sie haben mir keine angetan, nur mein Kläger und sein falscher Zeuge sind daran schuld.« »Kleiner!« erwiderte er, »wenn du den Dukaten nicht nimmst, so glaube ich, du hegest noch Groll gegen mich im Herzen! Nimm ihn und glaube, es ist nur der Anfang von dem, was ich für dich tun werde.« Da nahm ich das Geschenk und erfuhr nun zum erstenmal aus seinem Munde, daß er mich nach Eichstädt schicken wolle, um dort unter der Anleitung des Exjesuiten Pickel, der sich in Ingolstadt als Lehrer der Astronomie usw. großen Ruhm erworben hatte, in der Mathematik vollständigen Unterricht zu erhalten und dann zu Hause als Professor angestellt zu werden. Diese Ankündigung erfüllte mich mit der innigsten Freude, denn ich hatte nun die frohesten Aussichten, meine angelegensten Wünsche erfüllt zu sehen. Mir winkte das glückliche Los, in den Wissenschaften beträchtliche Fortschritte machen zu können, ein paar Jahre der Freiheit und des Umgangs mit bessern Menschen genießen und bei meiner Zurückkunft eine ehrenhafte Stelle, mit welcher die Befreiung von dem lästigen Chorschreien verbunden war, bekleiden zu dürfen. Dies brachte neue Heiterkeit in meine Seele und machte, daß mir alle Geschäfte besser von statten gingen.

Was mir die Zuneigung des Prälaten in einem so ansehnlichen Grade gewonnen hatte, war unter anderm auch ein kleines Singspiel gewesen, das ich verfertigt hatte, als sein fünfzigster Geburtstag gefeiert ward. Der Porträtmaler Degle von Augsburg hatte, wie man mir sagte, ohne Wissen des Prälaten, bloß nach einer genauen Beobachtung desselben in der Kirche, ein Porträt verfertigt, das ihm sehr ähnlich war, und brachte es dem P. Prior des Klosters, der es ihm mit Vergnügen abnahm und den Entschluß faßte, da des Prälaten Geburtstag bald anbrechen sollte, es dann mit einiger Feierlichkeit im Konvente vorzuzeigen. Er berief mich zu sich und trug mir auf, ein kleines Singspiel zu schreiben, das zu seinem Zwecke anwendbar wäre. Gern verstand ich mich dazu und dichtete eine Art Operette, die mit Gesprächen und Gesängen abwechselte. Noch weiß ich, daß ich unter andern auch Genien auftreten ließ, welche sich die guten Taten und die rühmlichern Züge aus dem Leben des Prälaten im Schäfertone erzählten und endlich sein Bild, das ihnen die Liebe, als Mutter erscheinend, auf einem Altare zeigte, mit Blumen krönten. Die allegorischen Personen beweisen schon zur Genüge, welch ein echtes Klosterdrama mein Machwerk war. Kein Wunder, wenn es unter meinen Mitbrüdern Leute gab, die mir mit den schmeichelhaftesten Ausdrücken ihren Beifall bezeigten. Der Frater Gregor, ein sehr geschickter junger Organist, der bereits viel Anlage zu einem guten Komponisten zeigte, setzte meine Verse in Musik; im Rekreationszimmer ward ein kleines Theater errichtet, jeder Singknabe in seiner Rolle geübt und das Stück am bestimmten Tage gegeben. Der Prälat, dem man weiter nichts gesagt hatte, als daß ihm zu Ehren ein kleines Singspiel aufgeführt werden würde, erschien dabei und mußte seine eigene Apotheose mit ansehen.

Aus seinem Charakter leuchtete wirklich viele Herzensgüte hervor. Wenn er durch seine Empfehlungen jemandem helfen konnte, so versäumte er es niemals. Den Mönchen teilte er, freigebiger als seine Vorfahren, am neuen Jahre, in der Fastnacht, bei den Frühlings- und Herbstaderlässen und am Namensfeste eines jeden Geschenke an Geld aus, welche das Jahr hindurch auf den Kopf etwa 15 bis 20 fl. rheinisch betragen mochten. Das empfangene Geld durfte jeder nach Willkür zu wichtigern oder geringern Ausgaben verwenden, aber mehr als einen Gulden sollte keiner bei sich tragen. Was darüber war, mußte den Klostergesetzen gemäß ins Priorat gebracht und dort in das für jeden bestimmte Schublädchen als Depositum hinterlegt werden. Aber der Umstand, daß der Prior, so oft jemand einen Teil seines Depositums wieder abholen wollte, immer zu wissen verlangte, wozu man es zu brauchen gedächte; und die Freiheit, die er sich dann herausnahm, die verlangte Summe, sobald er mit dem angegebenen Zwecke nicht ganz zufrieden war, dem Fordernden zu versagen, waren Ursache, daß die meisten Mönche ihre Gelder, die sie, ohne entdeckt zu werden, verleugnen konnten, größtenteils bei sich behielten und immer nur einen geringen Teil davon als Depositum hinterlegten.

Nie besaß ich eine beträchtliche Summe, höchstens hatte ich 20 bis 25 fl. Das meiste verwandte ich auf Möbel zur Zierde meiner Zelle und auf neue Bücher, die ich von Augsburg kommen ließ.

Immer hatte P. Beda mich lieb gehabt, aber seit dem Vorfalle mit den Vorboten des neuen Heidentums behandelte er mich wie seinen vertrauten Freund. Öfters saßen wir abends nach der Komplet beisammen und unterhielten uns mit interessanten Gesprächen. Einmal versprach er mir sogar, sein geheimstes Religionssystem schriftlich aufzusetzen und es mir zum Lesen mitzuteilen. Treulich hielt er Wort, als ich ihn nach etlichen Tagen wieder besuchte. Aber entweder hatte der Mann wirklich keine höhere Stufe der Aufklärung erstiegen, oder er fürchtete, eine ganz aufrichtige Mitteilung seiner Meinungen könnte ihm einst, wenn wir etwa uneins werden sollten, Verdruß zuziehen, sein System war zwar frei von der gewöhnlichen Albernheit der Lehren von Wallfahrten, Reliquien, Heiligsprechungen, Ablässen usw., aber im ganzen echt katholisch; nur bei der Lehre von der Unfehlbarkeit der Kirche machte er einen Unterschied zwischen den Dogmen, die Christus unmittelbar gelehrt haben soll, und zwischen den Dogmen, die nachher von der Kirche zur Beilegung gefährlicher Religionszwiste als Glaubensartikel aufgenommen wurden. In Absicht der ersten behauptete er die Unfehlbarkeit der Kirche, welche dieselben zu glauben befiehlt, weil sie dadurch nichts andres lehrt, als was Christus selbst ausdrücklich gelehrt hat; in Absicht der andern aber meinte er, die Kirche könnte, sowie das Licht der Vernunft heller leuchten würde, bessre Einsichten erhalten und also auch Abänderungen im Vortrage ihrer nun besser gefaßten Dogmen vornehmen.

Die Aufrichtigkeit dieses gelehrten Mannes kettete mich so sehr an ihn, daß er nach meinem Minchen und Freunde lange den nächsten Platz in meinem Herzen einnahm, und ich achtete ihn so hoch, daß ich, um seine Ehre zu verteidigen, alles, was mir teuer war, gewagt haben würde. Dennoch konnte ich ihn niemals so innig und so von ganzem Herzen lieb haben, wie meinen Busenfreund Placidus, denn er hatte neben vielen trefflichen Eigenschaften doch auch manches Zurückstoßende in seinem Charakter.

Die Ordines Minores oder vier kleinern Weihen hatte uns der Prälat, kraft der ihm mitgeteilten Gewalt, bald nach dem Noviziate mit großem Gepränge in der Klosterkirche erteilt. »Der Frater Bonifacius,« sagte der Prälat einst halb im Scherze, halb im Ernste, als ich in die Abtei trat, zum P. Benno, der eben bei ihm stand, »muß doch vorher das Subdiakonat empfangen, ehe ich ihn nach Eichstädt schicke. Denn hätte er keine der größern Weihen, so möchte ihn etwa die Lust anwandeln, sich vom Orden loszumachen und sein Glück als Weltmann zu versuchen. Aber wir wollen ihn erst zum Subdiakonus machen, dann hat er keine Hoffnung mehr, vom geistlichen Stande loszukommen und muß uns wohl getreu bleiben.«

Meine Mutter und bald nachher mein Bruder Hans Michel besuchten mich noch, ehe ich nach Eichstädt abreiste. Wenn die Mutter kam, ward sie gewöhnlich in das sogenannte Engelzimmer einquartiert, das einst dem Frater Joachim zum Kerker gedient hatte und finster, eng, stark vergittert und ohne Aussicht war. Selten verirrte sich ein Hofpater dahin, um sie flüchtig zu grüßen, und das Essen wurde vom Konventdiener, den ich gewöhnlich dazu erbat, mit ziemlich ökonomischer Sparsamkeit herbeigebracht. Diese Begegnung stach freilich gegen die prächtigen Tafeln, die täglich reichen Spielkameraden des Prälaten und den besuchenden Freunden und Freundinnen der begünstigten sogenannten Hofherren gegeben wurden, gar seltsam ab, besonders wenn ich mich des großen Rühmens erinnerte, welches die Obern von der christlichen Gastfreiheit machten, die der Regel des heil. Benedikts gemäß im Kloster ausgeübt werden sollte, im Grunde aber unnützer Aufwand war, wodurch wahrhaft Dürftige nur selten gesättigt, müßige Prasser aber täglich übersättigt wurden. Wenn mein Vater kam, konnte ich ihn nie überreden, daß er zu Gaste blieb. Er scheute den Umgang mit den schwarzen Herren. Und mein Bruder, der Kantor, war mit der Klostereinrichtung zu gut bekannt, als daß er jemals Lust bekommen hätte, bei Tische zu bleiben. Öfters ritt er von Höchstädt nach Donauwörth, zog sein Pferd in den Stall eines Gasthofs, aß dort zu Mittag und besuchte mich erst nach dem Essen, um in meiner Zelle einen frohen Nachmittag hinzuplaudern. Um 4 Uhr ritt er gewöhnlich wieder nach Höchstädt zurück.

Mit der Abreise nach Eichstädt verzog es sich lange, so daß ich zu fürchten anfing, der Prälat möchte seine Gesinnung geändert haben. Endlich ließ er mich rufen, bestimmte den 2. Januar zur Abreise, gebot, daß mir Reisekleider verfertigt werden sollten, und befahl dem Kammerdiener, einen Koffer auf meine Zelle zu tragen. Ich packte meine nötigsten Sachen ein und nahm sowohl bei Minchen, ihrem Manne und ihren Eltern, die mich in den Weihnachtsfeiertagen auf einen Besuch in ihren Wohnungen eingeladen hatten, als von meinem Freunde und dem Pater Beda zärtlichen Abschied. Alle versprachen wir einander fleißig zu schreiben.

»Lieber Freund!« sagte Beda, als wir noch in der letzten Nacht Hand in Hand auf seinem Bette saßen und mit gerührten Herzen das Versprechen unsrer Freundschaft erneuert hatten, »eins liegt mir noch am Herzen! Laß dich in keine geheime Gesellschaft anwerben; ich sage dir, man wird dir nachstellen, denn in Eichstädt sind allerlei Logen. Es gibt dort Frères penseurs oder denkende Brüder, diese sollten vielmehr tändelnde Brüder heißen, denn sie geben sich bei ihren Zusammenkünften mit dem kindischen Spiele ab, durch annähernde Fragen Gedanken zu erraten. Eine andre Versammlung ist jene der Freimaurer, sie sind aber nur unechte, die ihre Angeworbenen gern um Geld prellen. Eine dritte Gesellschaft kann ich dir nicht nennen, denn soviel ich weiß, gibt sie sich selbst keinen Namen, um weniger verraten zu werden. Diese ist von allen die schlimmste. Ihre Mitglieder sind Gottesleugner, Feinde der bürgerlichen Verfassung und überhaupt die verdorbensten Freidenker, die sich nur mit Religionsgespötte, Zoten und dem Tadel andrer Menschen abgeben. Aber sie verbergen ihre Unart hinter der Larve der Aufklärung, der Vaterlandsliebe und andrer affektierter Tugenden. Ich selbst ward von ihnen betrogen. Du erinnerst dich noch, daß ich einst von München zurückkam und dir mit Entzücken erzählte, daß ich in eine Gesellschaft aufgenommen wäre, bei der nur die besten Köpfe Bayerns Zutritt erhielten. Damals glaubte ich dies, aber ich entdeckte bald, wie sehr ich mich betrogen hatte. Es war eben die Gesellschaft, von der ich dir spreche. Nun hab' ich mich von ihnen förmlich wieder losgesagt. Gedenke dieser meiner Ermahnung! Laß dich nicht anwerben, wenn du mein Freund bleiben willst. Sobald du in diese Gesellschaft trittst, werde ich die Spuren davon wahrnehmen, dann schreib' ich dir nicht mehr, dann werd' ich ebensosehr dein Feind sein, als ich jetzt dein Freund bin.«

»Lieber P. Beda,« sagte ich, »nach einer solchen Warnung hat es keine Gefahr, daß ich mich anwerben lasse, und wenn unsre Freundschaft durch keinen andern Vorfall unterbrochen wird, so währt sie ewig.«

Unter Tränen nahm ich Abschied von meinem Busenfreunde, dem Verwandten Minchens. »Ach, nun hab' ich keine treue Seele mehr,« so klagte er, »der ich meine Gefühle mitteilen könnte, von der ich verstanden würde, wie von dir! Ich bin verlassen und einsam!« Er weinte beinahe den ganzen Neujahrstag und konnte selbst bei Tische die Zähren nicht zurückhalten, so daß er manchem zum Gespötte wurde.

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