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Ein Mönchsleben aus der empfindsamen Zeit

Franz Xaver Bronner: Ein Mönchsleben aus der empfindsamen Zeit - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
authorFranz Xaver Bronner
titleEin Mönchsleben aus der empfindsamen Zeit
volumeErster Band
editorOskar Lang
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectida7a1e231
created20061022
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Fünftes Kapitel:

Novize in Donauwörth.

Ich soll Mönch werden – Widerwillen gegen den Mönchsstand – Aufnahme und Eintritt ins Kloster – Die ersten geistlichen Exerzitien und die Zelle – Der erste Chor und die Einkleidung – Das Noviziat –Mönchische Lustpartien – Cilicium und Geißel – Die türkische Musik – Maschinen und Beschäftigungen – Bibliothek und Gespenster – Wachsender Geschmack am Klosterleben.

Mein Bruder und ich mochten etwa acht Tage die Freuden des Herbstes genossen, Feld und Wald durchstrichen und mit den übrigen Studenten unsers Vaterlandes an den Zubereitungen zur Aufführung eines Schauspieles teilgenommen haben, als der Herr Stadtpfarrer von Höchstädt, bei dem wir unserm Kostzettel gemäß alle Donnerstage speisen durften, von Donauwörth nach Hause kam, wo er am Festtage, heil. Kreuzerhöhung, im Benediktinerkloster zum heil. Kreuze eine Ehrenpredigt gehalten hatte. Kaum hatten wir ihn begrüßt, so befahl er uns, wir sollten sogleich nach Tische unsre Mutter zu ihm schicken. Mir aber sagte er: »Hörst du, Bronner? Magst du nicht ins Kloster gehen?«

Ich. Nein, Herr Stadtpfarrer! Ich werde ein Weltgeistlicher; der Pater Inspektor versprach mir, er wolle mich nach Heidelberg empfehlen, um dort meine Studien vollenden zu können und dann als Professor anzustehen.

Er. Auch im Kloster sollst du Professor werden. Sieh, ich war zum heil. Kreuz in Donauwörth: da ist nun ein neuer braver Prälat; der macht seinen Geistlichen viel Vergnügen und läßt sie allerlei Lustbarkeiten genießen. Man zelebrierte eben die Aderlässe, als ich da war; o, wie ging es da so fröhlich zu! Täglich fuhr das ganze Konvent auf ein anderes Landgut, um sich dort lustig zu machen. Bei einer solchen Fahrt, da ich neben dem Prälaten im Wagen saß, ging ein Student auf der Straße spazieren, auf den er mich aufmerksam machte und sagte: dieser junge Mann hat 15 Prämien während seiner Studienjahre erhalten; es ist ein vortrefflicher Kopf! O, erwiderte ich stolz, mein Pfarrkind, der größere Bronner, hat wohl etliche zwanzig beisammen. Da sagte mir der Prälat: ich nehme Kandidaten auf; hat er nicht Lust, ins Kloster zu treten? Er dürfte sich nur zeigen, so sollte er aufgenommen sein. Ich antwortete: Ich zweifle, ob er Lust hat; die Jesuiten wollen einen Weltpriester und Professor aus ihm machen, und das steckt ihm schon ziemlich tief im Kopfe; auch besitzen seine Eltern gar kein Vermögen! Was Vermögen! fiel mir der Prälat in die Rede: darauf sehe ich nicht; mein Kloster hat es, Gott Lob, nicht nötig; und fühlt er so große Lust, Professor zu werden, so kann ich wohl Rat schaffen; sobald er das Noviziat überstanden hat, schicke ich ihn auf die Universität nach Salzburg, da kann er seine Studien nach Herzenslust vollenden, und wenn er in mein Kloster zurückkommt, Professor werden. Solche Leute suche ich eben. Schicken Sie mir ihn: sobald er sich zeigt, soll er die Obedienz (einen schriftlichen Schein der Aufnahme) erhalten. Nun sieh, Bronner! das wäre doch kein verwerflicher Antrag. Die Prälatensöhne, wenn sie auf Universitäten geschickt werden, haben Geld wie Steine und dürfen nur verlangen, was sie wollen. Der Mangel ist ihnen nicht nur unbekannt, sondern sie können so groß tun als Freiherren; denn das Kloster schätzt es sich zur Ehre, wenn seine Mitglieder zu glänzen verstehen, und bezahlt gern alles. Und kommen sie nach Haus, so sind sie ausgemachte Herren, dürfen in keinen Chor gehen, genießen besondere Einkünfte und stehen vor allen übrigen im Ansehen.

Ich. O, Herr Stadtpfarrer! Ich empfand immer einen gewissen Abscheu vor diesem Kloster; es ist da alles so unreinlich und finster, und ich weiß, die Mönche sind in Faktionen getrennt, die einander auf den Tod verfolgen; wahrlich, ich habe keine Lust, dahin zu gehen. Wenn es Kaisersheim wäre, dann wollte ich mich schließlich etwas ernstlicher darüber besinnen.

Er. Also wäre dir doch das Klosterleben nicht an sich selbst zuwider? Gut! – Nun wisse! der neue Prälat von Donauwörth läßt das häßliche Gebäude niederreißen und baut es von Grund auf schöner und heller; und die Faktionen haben durch seine Wahl aufgehört. Besinne dich aber vorerst! Ich will dich nicht übereilen.

Wir aßen zu Mittag, und ich verließ ihn mit dem heimlich schon gefaßten Entschlüsse, seinen Antrag standhaft zurückzuweisen. Wider meinen Willen hieß mein Bruder die Mutter zum Herrn Stadtpfarrer kommen. Sie meldete, als sie wieder zu Hause war, kein Wort vom Kloster, und ich glaubte, die Sache sei so gut als abgetan, und es werde ferner keine Rede vom Mönchwerden fallen. Allein am andern Morgen, da sie uns eben ein Frühstück bereitete, rief sie mich ganz vertraulich in die Küche und sagte: «Sieh, Xaver! Du könntest mir jetzt eine rechte Freude machen. Ich weiß, was dir der Herr Stadtpfarrer gesagt hat. Ein großer Stein würde mir vom Herzen fallen, wenn du ihm folgen wolltest. Denn du weißt, wir haben kein Geld, und wirst du ein Weltgeistlicher, so sehe ich nicht ab, wie wir die Kosten auftreiben, um dich viermal zur Weihe zu schicken. Wenn du aber ins Kloster gingest, so wärest du in allem versorgt, ich dürfte mich deinetwegen um nichts mehr kümmern und hätte doch einen geistlichen Sohn, der für mich beten und Messen lesen könnte. Und denke doch, was die Leute sagen würden, wenn sie dich, obschon noch so jung, mit einem Favor (Favohr, so wird es gesprochen, eine Art Hochzeitstrauß) am Arme, aus den schönsten goldenen und silbernen Blumen künstlich bereitet, einherziehen sähen. O, Xaver! Mein Herz würde mir im Leibe hüpfen, wenn du mir so geziert entgegenkämst, wenn du mich so bald die Freude erleben ließest, einen geistlichen Herrn Sohn zu haben. Tue mir doch den Gefallen und gehe nach Donauwörth, du kannst ja noch allemal zurücktreten, wenn es dir gar nicht gefällt; und vielleicht findest du es dort ganz anders, als du jetzt glaubst. Geh doch hin! Wenn's auch sonst keinen Vorteil bringt, so genießest du doch wenigstens drei frohe Tage; denn so lange darf jeder Kandidat auf Kosten seines Klosters zehren.«

In diesem Tone fuhr sie noch lange fort, ich mochte auch einwenden, was ich wollte. Sie hatte den Vortrag des Herrn Pfarrers nur zu gut begriffen. Am Ende gab ich ihren Bitten nach mit dem festen Vorsatze, meine Sachen vor dem Prälaten so ungeschickt zu machen, daß er mich gewiß nicht aufnehmen sollte. Der Herr Stadtpfarrer berichtete sogleich an das Kloster, daß ich kommen würde und erhielt dagegen die ausdrückliche Weisung, mich an den Pater Benno zu senden, der sich meiner in Abwesenheit des Prälaten schon annehmen würde. Bald ganz verstimmt, bald scherzend ging ich am Vorabend Matthäi mit meinem Bruder nach Donauwörth. Es war ein schöner, heitrer Tag. Als wir um einen Hügel herumwanderten und auf einmal das Kloster im Gesichte hatten, ward mir bange und immer bänger, und als ich nicht ferne von dem Stadttore war, fiel mir der Mut so sehr, daß ich mich an eine Hecke setzte und zweifelsvoll überlegte, ob ich auch hingehen sollte oder nicht. Wahrscheinlich wäre ich, wenn mein Bruder mich nicht begleitet hätte, unverrichteter Dinge zurückgegangen und hätte der Mutter die Lüge gesagt: man habe mich nicht aufnehmen wollen. Aber dieser trieb mich immer an: »Komm, Xaver! Du hast es ja der Mutter versprochen und mußt nun doch hingehen.« Jedoch ich zögerte, solange ich konnte. Mehr als anderthalb Stunden weilten wir im Busche. Uns gegenüber spiegelte sich die Abendsonne in einer großen Regenlache, Frösche hüpften zahlreich darin umher, mein Bruder ward dadurch hingelockt, ich folgte ihm, und in der Unschlüssigkeit, ob ich mich dem Kloster nähern sollte oder nicht, war ich ordentlich froh, einige Zeit zu gewinnen. Er wollte Frösche fangen. Wir zogen also Schuhe und Strümpfe aus, wateten in den Sumpf und jagten eine Weile den Flüchtigen nach. Auf einmal kam in einiger Entfernung von uns eine ganze Reihe Benediktiner hinter der Hecke hervor; beschämt griff ich nach meinen abgelegten Kleidungsstücken und entlief ins Gebüsch. Mein Bruder folgte mir. Wir kleideten uns an und schlichen durch manchen Umweg dem Tore zu. Allein da waren schon einige der geistlichen Herren vor uns angelangt, und einer derselben, Maurus Heinleth, der mit mir im Seminar zu Dillingen gelebt hatte, erkannte und grüßte mich sogleich, ein andrer aber sagte: »Ha, ist das der Kandidat? Sahen wir ihn nicht eben im Froschteiche waten?« O, wie beschämt stand ich nun da! Ich mußte mit meinem Bruder die Herren begleiten und ward im Kloster, das ich noch ebenso finster und unreinlich fand, als ich's je gesehen hatte, vom Pater Benno sehr freundlich empfangen, in ein Gastzimmer geführt und sogleich mit Speise und Trank im Überfluß bewirtet. Mehrere Mönche, die ich nachmals als Vertraute des Prälaten kennen lernte, besuchten uns, machten sich lustig und schienen meinen Charakter ausforschen zu wollen. Alle rühmten einstimmig den glücklichen Zustand des Klosters unter dem neugewählten Oberhaupt und malten die Verwirrung unter der vorigen Regierung mit häßlichen Farben.

Den andern Tag morgens brachte mir P. Benno die Nachricht, daß der Herr Prälat nach Hause gekommen sei und gab mir Unterricht, wie ich mich zu benehmen hätte, wenn er mich demselben vorführen würde. Ich sollte mich auf ein Knie niederlassen und meine Bitte um die Aufnahme in lateinischer Sprache vortragen. Die Formel zu wählen, in der ich es tun wollte, ward mir freigestellt. Ich dachte, die kürzeste sei zu meinen Absichten die beste, und hielt es kaum der Mühe wert, mich etwas länger darüber zu besinnen. Gehorsam folgte ich ihm, als er den Weg zur Abtei antrat; aber beim Anblick des zierlichen eisernen Gitterwerks davor und beim Durchwandeln des Vorsaales fing mir doch das Herz immer bänger zu pochen an. Die Tür öffnete sich, der Prälat mit seinem funkelnden Kreuz auf der Brust stand lächelnd mitten in seiner Abtei, Mönche umgaben ihn, und mein Führer hieß mich meine Bitte vortragen. Mit eben dem Gefühle, wie wenn ich auf dem Theater eine Rolle zu spielen hätte, wo mich anfangs zwar immer eine Art ängstlicher Hitze überlief, aber auch schnell wieder verschwand, warf ich mich dem Prälaten zu Füßen und sagte, als er mich freundlich gefragt hatte: Quae est petitio tua? meinen Spruch etwa mit folgenden Worten her: »Reverendissime ac amplissime Domine, Domine Praesul! (Diesen Titel hatte ich aus P. Bennos Unterricht gemerkt.) Supplex pedibus tuis advolutus obsecro, ut me in sacrum ordinem Benedictinum suscipere digneris.« Hochwürdiger, gnädiger Herr Prälat! Fußfällig flehe ich, daß Sie mich in den heiligen Benediktiner-Orden aufzunehmen geruhen. Weniger, glaubte ich, könne man nicht sagen, ohne sich als einen höchst ungeschickten und unwissenden Menschen bloßzugeben. Gar nichts vorzubringen, schien mir auch aus dem Grunde nicht anzugehen, weil ich dann offenbar besser getan hätte, die Abtei nicht zu betreten. Der Prälat stand noch ein Weilchen, wie horchend, als ich bereits geendigt hatte. Aber bald reichte er mir seine Hand zum Küssen dar und hob mich sanft daran empor. »Ich habe das Recht, Kandidaten aufzunehmen,« sagte er freundlich, »meinem Konvent überlassen und wünsche, daß nun der Herr Kandidat seine Petition schriftlich abfasse, damit ich sie meinem Konvente zugleich als Probearbeit überreichen kann. Alle, die um das heilige Ordenskleid anhielten, haben ihre Petition nach den auf diesem Blatte aufgezeichneten Punkten weitläufiger abgefaßt; auch der Herr Kandidat wird sich die Mühe nehmen, ein gleiches zu tun. Dort am Tischchen ist Tinte, Feder und Papier; setz' Er sich hin und schreib Er, was Ihm am besten dünkt.« Zugleich nahm er vom nahen Schreibpult ein beschriebenes Blatt und überreichte es mir. Ich setzte mich an das mir angewiesene Tischchen, las die Punkte durch und schrieb, zwar etwas flüchtig, aber doch mit einigem Fleiße meine kleine Ausarbeitung hin. Denn die liebe Eitelkeit gestattete mir nicht, meinem Plane gemäß, mich ganz unwissend zu stellen. Als ich ihm nach einer halben Stunde mein Blatt überreichte, durchlas er's und nahm es mit mehr Beifall auf, als ich wünschte. Zwar wollte ich nicht als Dummkopf erscheinen, aber seinen Beifall scheute ich doch ebensosehr. Mit einnehmender Freundlichkeit fragte er mich dann über mein Alter, meine Eltern und Studien aus und befahl mir am Ende, ich sollte nun von Zelle zu Zelle, bei allen Herren im Konvent, keinen ausgenommen, mich zeigen und jeden um ein mir günstiges Votum bitten. Morgen würde er Kapitel halten, da würde es entschieden werden, ob ich aufzunehmen sei oder nicht. Aber ich ging bei weitem nicht zu allen Herren und dachte, es sei desto besser, wenn ich wenige Vota erhielte. Den folgenden Tag nach dem Kapitel ließ mich der Prälat rufen, empfing mich heiter lächelnd und sagte: »Herr Kandidat! die Vota sind zu seinem Vorteil ausgefallen, er ist aufgenommen und kann den 14. Oktober zur Einkleidung hier im Kloster erscheinen.« Heftig erschreckte mich diese Rede. Ich wußte nicht, was ich sagen sollte; blaß und stumm stand ich da. Endlich machte ich die Einwendung: »Aber, gnädiger Herr, ich habe bereits eine Rolle in unsrer Vakanzkomödie übernommen, und diese wird erst nach dem 15. Oktober aufgeführt, so frühe kann ich also nicht erscheinen; denn ich darf doch mein Wort nicht brechen und meine Freunde, die Studenten, in so große Verlegenheit setzen.« Ein wenig verdrießlich erwiderte er: »Mache Er nur, daß das Spiel früher gegeben wird.« Ich zuckte die Achseln und sagte: »Überdas liegt mir auch das Schicksal meines Bruders am Herzen. Der P. Inspektor in Neuburg wird ihn nimmer annehmen wollen, wenn ich weggehe. Dann ist der Knabe ohne alle Aussicht und Unterstützung. Und ich denke fast, es sei meine Pflicht, auch für sein Fortkommen zu sorgen. Wenn ich also, ohne mir Vorwürfe machen zu müssen, in den Orden treten soll, so muß ich auch meinen Bruder versorgt wissen. Er kann den Alt singen und ist ein wackerer Student; wollen Sie nicht die Gnade haben, ihn als Singknaben aufzunehmen und ihn mit Wohnung, Kost und Kleidern zu versorgen? Ich höre, es gebe hier auch Gelegenheit, seine Studien fortzusetzen.«

Auf diese Forderung hatte ich längst meine beste Hoffnung gesetzt und mich immer damit getröstet, sie würde mir gewiß nicht zugestanden, und ich also des Klosterlebens mit guter Art los werden.

Allein er sagte: »Wenn's nur das ist, so wollen wir den Knaben probieren (im Singen prüfen) lassen. Wir haben mehrere Singknaben und eben einen Altisten nötig; hält er sich wohl, so will ich ihn gut versorgen.«

O, da entfiel mir aller Mut. »So bin ich denn verdammt, ein Mönch zu werden!« dachte ich und wünschte mich aus den Schlingen loswickeln zu können, in die ich Schwächling mich, leichtsinnig und wankelmütig genug, verstrickt hatte. Mein Bruder ward geprüft, tüchtig gefunden und förmlich als Singknabe angenommen. Ach, da war mir nicht mehr zu helfen, als durch kühne, gerade Weigerung und die deutlichste Erklärung, daß ich keine Lust habe, ins Kloster zu treten. Und dazu hatte ich teils nicht Mut genug, teils fühlte ich das Unanständige zu lebhaft, erst um die Aufnahme zu bitten und dann gleich einem mutwilligen Jungen, der die Leute nur zum besten haben will, mit einem beleidigenden Wankelmut plötzlich zurückzutreten, teils scheute ich auch das Mißfallen meines Herrn Pfarrers und der beiden Eltern. Trostlos überließ ich mich also der Fügung des Geschickes. Der Prälat reichte mir den sogenannten Substanzzettel, eine lange Liste von allem dem, was ein Mönch an Aussteuer und Möbeln ins Kloster bringen soll, und forschte in meinen Mienen, was ich dazu dächte:

»Gnädiger Herr!« sagte ich, »was ich davon aufbringen kann, ist nicht der Meldung wert; denn meine Eltern sind arm. Wenn Sie darauf bestehen, daß ich das alles oder auch nur den vierten Teil davon mitbringen soll, so ist's unmöglich, daß ich komme.«

»Es ist auch nicht so schlimm gemeint,« antwortete er lächelnd, »bringe Er, was Er ohne Beschwerden der Eltern sich anschaffen kann; für das übrige laß Er mich sorgen! Aber versehe Er sich, so gut es gehen will, mit Leinenzeug, denn sonst wird Er immer einigen Mangel daran leiden; weil jeder meiner Religiösen jährlich nicht mehr als zwei neue Hemden erhält. Am 14. Oktober erscheine Er hier mit Seinen Eltern und Seinem Bruder, aber richte Er's so ein, daß Er weder der Erste noch der Letzte in der Reihe der Novizen werde, denn der Erste muß um alles bitten, überall den Abgesandten machen und überall den ersten Verdruß ernten; der Letzte aber muß allerlei kleine Dienste übernehmen, deren die übrigen entledigt sind. Laß Er sich also warnen und wisse Er, so, wie die Kandidaten sich, einer nach dem andern, vor mich stellen, so werden sie auch in der Reihe als Novizen zu stehen kommen. Nun mache Er sich hier noch einige Tage lustig, wenn Er will und lebe Er Wohl.« Da bot er mir die Hand dar, ich küßte sie, dankte ihm und ging sogleich mit meinem Bruder mißmutig nach Höchstädt.

Meine Mutter weinte vor Freuden, sobald ich ihr sagte, daß ich aufgenommen sei, aber als ich mit dem Substanzzettel ganz ernsthaft hervorrückte, da stutzte sie nicht wenig, und alle ihre Freude hatte ein Ende. »Ach, wo soll ich alle die Sachen auftreiben!« rief sie einmal über das anderemal aus. Ich mochte nun zehnmal sagen, der Prälat fordere gar nicht, daß ich auch nur den vierten Teil des Verzeichneten mitbringe, sie war doch in großer Verlegenheit, wie sie es mit meiner Aussteuer halten sollte. »Du weißt viel,« wiederholte sie öfters, »wie man in Klöstern angesehen ist, wenn man mit leeren Händen kommt. Laß du mich nur machen, ich will alles mögliche tun!« Wirklich wußte sie es so einzurichten, daß für mich ein Dutzend Hemden und ebensoviele Schnupftücher und Handtücher zusammengebracht wurden, in Rücksicht unsrer Armut kein geringer Vorrat. Nun gab man mir, dem glücklichen Herrn Hochzeiter, wie man mich nannte, beim Herrn Stadtpfarrer und fast bei jedem meiner etwas wohlhabenden Verwandten ein Freudenmahl und brachte mir wohlklingende Glückwünsche und Gesundheiten aus, so daß ich am Ende, vom Jubel mit hingerissen, einen Teil meines Mißmuts ablegte und leichtsinnig genug dem eitlen Gedanken Raum gab: »Der Mönchsstand sei doch immer ein Ehrenstand; könnten so viele darin leben und glücklich sein, so würde ich's wohl auch können, wenigstens würden mich die Brotsorgen nie plagen« usw. Die Frau Spitalverwalterin und ihr Eheherr, da ich sie am nächsten Donnerstag nach meiner Zurückkunft von Donauwörth, als an meinem gewöhnlichen Kosttage bei ihnen, mit meinem Bruder besuchte, neckten mich lange wegen meiner Jugend, kleinen Statur und meines wenigen Geschickes zum Mönchsstande. Sie war eine hübsche Frau und mochte bereits einigemale bemerkt haben, daß ich nicht ungern nach schönen Angesichtern schielte. Beinahe hätte sie mir das Herz von neuem gebrochen und das Geständnis abgelockt, daß ich nicht aus freier Wahl, sondern meiner Mutter zuliebe und ganz wider meine Neigung ins Kloster gehe. Allein ihr Ton war zu scherzhaft, als daß ich ihn mit einer feierlich ernsten Erklärung füglich hätte unterbrechen können. Am Ende verteidigte ich mich und meinen neuen Stand im Scherze, so gut es gehen wollte, und die artige Frau band mir, mit tiefforschenden Blicken in meine Augen, einen prächtig glänzenden Strauß (Favor) um meinen rechten Rockärmel. Ich weiß nicht, wie mir war, aber ich konnte mich bei diesem Spiele kaum der Tränen enthalten. Sie deutete die Nässe meiner Blicke als das letzte Aufstreben weltlicher Gesinnungen aus und sagte: Ich würde gewiß fröhlicher aufblicken, wenn ich ein weltlicher Hochzeiter wäre. Ein tiefer Seufzer verriet, wie innig mein Herz dieser Bemerkung Beifall gebe. Aber ich hatte nicht Kraft und Selbständigkeit genug, um mich über die äußeren Antriebe, die mich zum Kloster bestimmten, kühn empor zu schwingen. Allzu lenksam gab ich dem Verlangen meiner Mutter und des Herrn Stadtpfarrers nach und opferte in der wichtigsten Angelegenheit meines Lebens meine eigenen Gesinnungen den Wünschen und der Autorität andrer auf, ohne auch nur ein einzigesmal mit Festigkeit und ausdauernder Entschlossenheit meine Abneigung gegen den Mönchsstand an den Tag zu legen.

Nachdem ich im Schauspiel, das wirklich früher gegeben ward, meine Rolle gespielt und einer Reihe sogenannter Letzen (Abschiedsmahle) beigewohnt hatte, brach endlich der 14. Oktober 1776, der fatale Tag meiner Abreise, an. Mein Vater, der sich bisher gar nicht in diese Angelegenheit gemengt hatte, erteilte mir seinen Segen und einen Zuspruch nach seiner Art. »Xaver,« sagte er, »ich hatte immer gehofft, du solltest einst die Stütze unsres Alters werden, aber ich sehe, deine Mutter hat sich etwas andres in den Kopf gesetzt; es sei! Du hast frei gewählt, ich drang dich zu nichts, die Geistlichen haben es gut, sie dürfen für nichts sorgen; ich sage dir's, wenn du es bei einem solchen Wohlleben nicht erleiden kannst, aus dem Noviziat springst und mir wieder zurückkommst, so schlag ich dich, bis du liegen bleibst, du verdienst es dann nicht besser« usw. Am Ende besprengte er mich mit Weihwasser, bezeichnete mir die Stirne mit der Aufschrift des Kreuzes I. N. R. I., segnete mich dreimal und entließ mich mit heiterm Lächeln und stillem Wohlgefallen. Mein Bruder und die Mutter begleiteten mich. Unser Zug ging zu der Schwester meines Taufpaten, wo wir frühstücken sollten. Dieser gute, redliche Mann, Michael Hänle, Floßmeister, ein Verehrer und Guttäter aller Geistlichen, besonders der Bettelmönche, hatte eine viersitzige Kutsche mit seinen Pferden bespannt und erwartete uns, um sein Taufkind ins Kloster zu begleiten; denn es war ihm von jeher eine Herzensfreude, dem Himmel eine Braut oder einen Bräutigam zuzuführen, obschon er den Verdruß bereits erlebt hatte, daß der Sohn seiner Schwester den Augustinerorden verließ und weiß Gott in welchen Teil der Welt entfloh. Nach dem Frühstücke beschenkte mich die gütige Wirtin mit einem schönen Schnupftuche zum Andenken, und wir stiegen in die Kutsche. Als Hochzeiter ließ man mir den Ehrensitz, neben mir nahm meine Mutter Platz, weil der Floßer wußte, daß sie nicht rückwärts fahren könne, und uns gegenüber saßen der Floßer und mein Bruder. Ach, da ward mir angst und bange, bald sah ich aus wie eine Leiche. »Was fehlt dir, Xaver?« fragte meine Mutter. »Es wird mir übel,« stammelte ich. »Wenn der Herr Hochzeiter krank wird,« sagte mein Pate etwas ängstlich, »so dürfen wir nur wieder umkehren, denn einen Kranken wird man nicht einkleiden.« Wir waren nicht weit gereist, so wirkte der genossene Kaffee, das ungewohnte Fahren und mein Widerwillen gegen das Klosterleben, zu dem man mich doch eben hinschleppte, so, daß meine Führer sich untereinander ernstlich berieten, ob sie nicht nach Höchstädt zurückkehren sollten. Dabei verhielt ich mich ganz leidend. Allein meine Mutter entschied, es würde schon wieder besser werden, man sollte nur zufahren. Totenblaß und so schwach, daß ich kaum eine Treppe steigen konnte, brachten sie mich also ins Kloster und führten mich zum Prälaten, der sich über mein kränkliches Aussehen bald beruhigte, nachdem ihm meine Mutter gesagt hatte, daß ich des Fahrens ungewohnt sei und den Kaffee nicht wohl vertragen könnte. »Nun, Herr Kandidat,« sagte dann der Prälat, »Er hat es am besten getroffen und ist der Zweite in der Reihe der Novizen, nur ein einziger ist vor Ihm angelangt.« Dann führte man uns in ein Gastzimmer, und ich schlich mich hinter den Ofen, um recht frei und ungehindert weinen zu können. Dies dauerte, bis ein anderer Kandidat, Herr Königsdorfer, eintraf, vor dem ich mich zu schämen anfing, doch konnte ich nur mit Mühe hinter dem Ofen hervorgelockt werden, und kaum bewog mich der Spott des P. Bernards, der sich über meinen Kleinmut lustig zu machen begann, die schmerzlichen Gefühle meines Herzens mühsam zu verhehlen und allmählich gezwungenen Anteil an der Gesellschaft zu nehmen.

Man forderte mir bald darauf meinen Taufschein ab und fragte zugleich, ob ich auch schon gefirmt sei. Vom letztern wußte ich nichts. Meine Mutter ward darüber zur Rede gestellt, und es fand sich, daß ich das Sakrament der Firmung noch nicht erhalten hatte. Da entspann sich ein ziemlich hitziger Streit zwischen den ältern Religiösen, die mich nicht gern aufgenommen sahen, und zwischen den jüngern, die mich beibehalten wollten. Die ersten behaupteten zu meinem nicht geringen Troste, daß ich das Ordenskleid nicht empfangen könnte, ohne erst gefirmt zu sein; denn es würde schändlich sein, wenn ein Religiose erst noch mit den Kindern gefirmt werden müßte. Die andern sagten, das möge füglich im geheimen geschehen und man könne vielerlei Gelegenheiten dazu finden. Den letztern trat der Prälat bei, und es blieb entschieden, daß ich ungeachtet des Abgangs eines gewöhnlichen Erfordernisses zur Aufnahme, dergleichen die empfangene Firmung ausdrücklich war, dennoch eingekleidet werden sollte. Aber bis es so entschieden ward, fühlte sich meine Mutter in keiner geringen Verlegenheit; denn sie befürchtete, ich würde entweder gänzlich zurückgeschickt werden oder doch, vor meiner Einkleidung noch, dem Weihbischofe von Augsburg nachreisen müssen, von dem man nicht einmal wußte, wo er sich auf seinen Reisen im Bistum Augsburg umher eben aufhielte. Den zweiten Tag brachten wir als Gäste hin.

Am dritten Tage feierte man das Namensfest des Herrn Prälaten Gallus mit großer Tafel und allerlei Lustbarkeiten, die mich meine schmerzliche Lage auf Augenblicke vergessen machten. Nach geendigter Tafel, etwa abends um halb fünf Uhr, übernahm uns der P. Novizenmeister, dem wir in das Konventgebäude folgen mußten, um die ersten geistlichen Exerzitien zu beginnen. Er wies jedem seine Zelle an und gab uns im Noviziatzimmer den ersten Unterricht im Brevierbeten. Ehe wir von unsern Eltern Abschied nahmen, rief mich meine Mutter noch einmal beiseite, führte mir mein vermeintliches Glück und des Vaters Drohungen, falls ich das Kloster wieder verlassen sollte, eindringlich zu Gemüte und bat, ich möchte ihr einen Teil meines Geldes überlassen, das ich nun doch nicht behalten dürfte. Sie wußte, ich hatte von meinen Bekannten und Gönnern noch manches Geldstück zum Andenken erhalten und sollte nun alles dem Novizenmeister einhändigen. Ein alter, gutherziger Religiöse aber, P. Anselm, der Bruder meines Wohltäters, des Bürgermeisters Mayr in Höchstädt, riet mir im Vertrauen, ich möchte ihm mein Geld in Verwahrung geben, denn man bedürfte anfangs doch allerlei Kleinigkeiten, nur eine geringe Summe sollte ich dem Novizenmeister überreichen. Ich teilte also meine kleine Barschaft in drei Teile, etwa fünf Gulden gab ich meiner Mutter, die wirklich meinetwegen ihren geheimen Vorrat fast ganz aufgeopfert hatte; ebensoviel vertraute ich dem P. Anselm an, in der Absicht, wenn es mir im Kloster etwa nicht gefallen würde, ihm das Geld vorläufig unter was immer für einem gültigen Vorwande abzufordern und es dann als ein Reisegeld zu gebrauchen: das übrige, etwa drei Gulden, gab ich dem P. Novizenmeister, der jedem von uns sogleich beim Eintritt in die Zelle die noch übrige Barschaft abnahm. Mit nassen Augen hatte ich meine Mutter verlassen und war meinen neuen Obern so geduldig und beinahe ebenso trübsinnig nachgefolgt als ein junger Verbrecher, den die Aufseher eines Arbeitshauses zum erstenmal in die Zuchtstube führen.

In meiner Zelle, zunächst an der Konventglocke, fand ich ein Bett mit wollenem Bettuch und einer Matratze, einen Tisch mit Schreibzeug, einen alten Kasten mit Schubladen, einen Betschemel nebst einem hölzernen Stuhle und ein paar alten elenden Gemälden, die den Ordensvater Benedikt und seine Schwester Scholastika vorstellten. Die Wände waren vom Rauch bräunlich und der Unrat in den Spalten des Bodens von Mäusen aufgewühlt, die wohl der Hunger sehr quälen mußte. Aber die Aussicht ins Freie war reizend. Über die nahe Stadtmauer hin sank mein Blick am Abhang eines Hügels hinab, auf dessen Stirne das Kloster ruhte. Am Fuße des Hügels schlang sich zwischen sattgrünen Wiesengründen die seichte Wernit hin, die rechts aus einem engen Tale hervorkam, an dessen Eingang ein schönes Landgut, Neideck genannt, jedermann ins Auge glänzte; hinter demselben erhob sich ein Amphitheater schöner Anhöhen, mit Dörfchen oder Äckern oder Wäldern gekrönt; eine Schleuse rauschte von ferne her. Meinem Fenster gerade gegenüber ergoß sich ein Feldbach in die Wernitz und hatte an seinem Ausflusse eine kleine Insel angelegt, die ich mit Vergnügen betrachtete und in Gedanken zu einem größern Aufenthalt umschuf, mit Wesen aus einer Unschuldswelt bevölkert; dann war mir der Fluß das Meer. Dank der Vorsehung für diese rege, wohltätige Phantasie, die mir auch in der traurigsten Situation ein Elysium bauen half, das zwar nur in meinem Kopfe entstand, aber doch die schwarzen Schatten erheiterte, die meine Seele umgaben! Wirklich empfand ich sogleich beim ersten Anblicke dieses Inselchens zu meinem nicht geringen Troste, daß ich wenigstens der süßen Freuden, die mir von jeher die Dichtkunst gewährte, auch hier nicht entbehren würde. Der Feldbach schlängelte sich durch Wiesen her, an deren Grenze gegen die Hügel hin sich ein angenehmes Fischergütchen mit einem kleinen Teiche und schattigen Gärtchen einsam erhob. Etwas weiter zur Linken lag das Dorf Riedlingen, noch mehr links, in der Ebene, der Spindelhof, von dem die Donau bis an die Tore der Stadt herabfloß. Ferne Hügel begrenzten die mannigfaltige Aussicht. Heute schlief ich zum erstenmal in dieser neuen Wohnung, hatte aber von den Mäusen so lauten Besuch, daß meine Ruhe sehr oft unterbrochen ward. Morgens fand ich auch meine Rocktaschen nebst den schönen Schnupftüchern darin mehrmals durchnagt.

Schade, daß wir unsere Zellen nur als Schlafkammern gebrauchen durften und den ganzen Tag im gemeinschaftlichen Noviziatzimmer zubringen mußten. Von dort genossen wir zwar auch eine liebliche Aussicht über die inselförmige Fischervorstadt, das sogenannte Ried, weg, die Donau hinauf und nach Rain ins bayrische Gebiet hin. Allein selten hatten wir da volle Freiheit am Fenster zu stehen und uns am Anblicke der schönen Natur zu erquicken. Denn der Novizenmeister bewachte uns immer, und wir durften unsre Pulte nur in seiner Abwesenheit verlassen.

Unsre geistlichen Exerzitien bestanden darin, daß uns der P. Novizenmeister die Vorzüge unsers neuen Standes zeigte, ihn als den gewissesten und richtigsten Weg zum Himmel, den Benediktinerorden vor andern als den ältesten und vortrefflichsten aller Orden und die Klostergelübde als die unfehlbarsten Mittel, Gott gefällig zu werden, mit mancherlei Rednerkünsten anpries. Treuherzig nahm ich alles, was er uns so ernstlich vorhielt, für wahr an und faßte in meinem Innern den Entschluß, weil ich doch einmal auf eine mir so unerwartete Weise zu dieser Lebensart geführt worden sei, mein möglichstes zu versuchen, um wirklich dem Geiste des heil. Benedikts gemäß zu leben und allmählich die höhern Stufen der Vollkommenheit zu erklimmen. Diesen Entschluß mit meiner Neigung zum Studieren und den schönen Wissenschaften zu vereinigen, schien mir sehr leicht, allein es zeigte sich bald, daß der Mönch mit dem Worte Vollkommenheit einen ganz andern Begriff verbinden müsse, als ich verband, und daß klösterliche Perfektion mit weltlichem Wissen, besonders aber mit der Dichtkunst sich durchaus nicht vertrage.

Am Feste Hedwig, den 17. Oktober, mußten wir, in unsre Studentenmäntel gewickelt, morgens um halb vier Uhr zum erstenmal die Mette oder den Frühchor besuchen. Als wir unsre Chorstühle um fünf Uhr wieder verließen, fragte ich mich selbst: »Wie meinst du? Kannst du dich wohl dazu entschließen, dein ganzes Leben hindurch täglich so im Chor zu schreien?« Deutlich tönte die Antwort: »Nein!« im Innersten meines Herzens. Aber ich tröstete mich damit, daß ich bald ins Ausland zum Studieren verschickt, nach meiner Rückkunft aber als Professor angestellt werden würde und also den Chor nicht immer besuchen dürfte, denn die Professoren sind chorfrei.

Abends nach der Vesper schor der Klosterbarbier uns Kandidaten die Haare des Hauptes an der Haut weg. Jeder schien sich noch einmal zu besinnen, ehe er sich auf den Stuhl setzte, ob er auch fest entschlossen sei, sein Haupt zum Mönchskopfe umformen zu lassen. Im Gefühle der Ohnmacht, mir anders zu helfen, nahm auch ich meinen Sitz auf dem fatalen Stuhle und überließ mich kleinmütig dem Zuge des Schicksals, indes mir das Kratzen des Rasiermessers Tränen aus den Augen trieb. Als nun unsre Scheitel der klösterlichen Zierde der Nacktheit teilhaftig waren, brachten die Diener des Barbiers in großen Schachteln alte Perücken herbei, unter denen wir den neuen Schmuck verhüllen sollten, bis uns der kommende Tag das Recht geben würde, in demselben öffentlich zu erscheinen. Jeder meiner neuen Konsorten griff eilig nach einem der bessern Stücke, um eine weniger lächerliche Figur zu machen. Mir, der Besinnung und alle Aufmerksamkeit verloren zu haben schien, blieb also ein abscheuliches Stück von Perücke übrig, das nicht einmal mehr Locken hatte. Geduldig bedeckte ich mein nacktes Haupt damit und ließ mich nach Belieben auslachen, als wir beim Abendessen und in der Komplet uns in diesem Aufzuge darstellen mußten. Ähnliche Szenen waren den Lachern unter den Mönchen immer ein willkommenes Fest, das ihren Zwerchfellen manche wohltätige Erschütterung verschaffte.

Mit Mantel, Degen und allen unsern Studenteninsignien geschmückt, wurden wir vom Novizenmeister morgens am St. Lukastage den 18. Oktober zum Altare geführt, wo uns der ganze Konvent erwartete. Deutlich vernahm ich im langsamen Vorübergehen an den Haufen herumstehender Zuschauer, wie sie über mich zusammenflüsterten: »O sieh doch, das ist ja noch ein wahrer Bube; wie mag man doch den einkleiden?« Nicht wenig fand ich mich durch diese Äußerung beleidigt, obschon ich von Jugend auf immer der Kleinste in meiner Schule gewesen war, erst vor einem halben Jahre aufgehört hatte, den Alt zu singen und mir das Ordenshabit kaum kurz genug gemacht werden konnte. Nach einigen Choralgesängen entledigte man uns an den Stufen des Altares der »Schande des weltlichen Kleides«, steckte uns in das geweihte Ehrengewand des heiligen Ordens und reichte uns am Ende der Messe das heil. Abendmahl. So waren wir denn wirkliche Novizen. –

Nächst der christlich eifrigen, frühen Eintrichterung des Katechismus weiß ich nichts, das den Geist mehr abzustumpfen und den geraden Menschensinn besser zu verkrüppeln taugt als die gewöhnliche Behandlung der Novizen. Das ewige Chorgeschrei füllt entweder die Köpfe derselben mit Brevierunsinn oder wiegt ihre Seelen, wenn sie daran keinen Geschmack finden, in ein gedankenloses hinbrütendes Staunen ein, das bald zur Gewohnheit und zur Grundlage einer freudenlosen Trägheit und schläfrigen Untätigkeit wird, oder es setzt denjenigen, der es wagt, mit seinen Gedanken anderswohin zu wandern, der steten Gefahr aus, fehlzuschreien und gebüßt zu werden. Das letzte war mein Schicksal. Ich dichtete gewöhnlich, wenn ich im Chore stand, deswegen ward ich sehr oft überrascht, versäumte den rechten Zeitpunkt, Verse oder Psalmen zu intonieren und bewog dadurch meine Mitbrüder, mich für einen Phantasten zu halten, der nie bei sich selbst sei und immer, wer weiß wo? mit seinen Gedanken umherschwärme. Und da hatten die Herren ganz recht! Die Zeit, welche der Chor uns Novizen übrig ließ, war entweder dem Lesen saft- und kraftloser Mönchsasketen geweiht oder ward mit täglicher gemeinschaftlicher Abbetung des Cursus Marianus, einer Art Brevier zu Ehren der Jungfrau Maria, dann des Rosenkranzes und anderer Formeln oder mit Abfassung der geistlichen, täglich dem Novizenmeister darzureichenden Betrachtung (Meditation) in lateinischer Sprache hingebracht oder mit Auskehren und Verzehrung des Trunkes (eines großen Krugs weißen Biers), den wir jederzeit durch Auskehren, sowie durch Wetterläuten im Sommer, verdienen konnten. Mit des P. Neideggers großem asketischen Werke, in dem wir täglich lesen mußten, wußte ich eigentlich nichts anzufangen, als aus langer Weile in alle O und Q gräßliche Larven hineinzukritzeln; deshalb bekam ich, so oft uns der Novizenmeister über das Gelesene prüfen wollte, fast immer meiner Unwissenheit wegen einen derben Verweis. Jedes andre Buch war uns zu lesen verboten. Jeden Samstag las er einen Kommentar über die Ordensregel des heil. Benedikts vor und hielt mit uns Abrechnung über alle begangenen Fehler in der Woche. Bei einer solchen Liquidation mußten wir uns immer zuerst prosternieren, das heißt, das Haupt mit der Kaputze bedecken, vor dem Pater Magister nach aller Länge aufs Angesicht niederfallen und so lange im Staube liegen, bis er rief: Surgite. Dann rissen wir uns schnell empor, zogen die Kaputze vom Haupte, stellten uns, so tief als möglich gebückt, mit kreuzweis über die Brust geschlagenen Händen vor ihn in eine Reihe und sagten die sogenannte Culpa, eine Formel, die dem Confiteor oder der bei Katholiken bekannten offenen Schuld nachgebildet ist, laut und choralmäßig her und erwarteten unsre Bußen (Strafen), die jedem, seinen Verbrechen gemäß, angekündigt wurden. Wir mußten bei Tische entweder den Salat oder den Wein karieren (nicht genießen) oder auf dem Boden sitzend oder am Tische stehend essen, je nachdem unser Fehler gering oder groß war. Wer z. B. auf den Gängen (Korridors), ohne den Kopf in die Kaputze gesteckt zu haben, erschien, wie mir's oft in Gedanken geschah, ward als ein Ungehorsamer und, als wenn er etwas Wichtiges verbrochen hätte, ohne Barmherzigkeit zum Karieren verfällt. Damit uns aber dergleichen Strafen nicht verstimmen oder zu sehr beschämen möchten, sagten uns einige Patres im Vertrauen: das alles habe bei Novizen gar nichts zu bedeuten, man sei dergleichen Auftritte an ihnen längst als notwendiger Übungen gewohnt usw. Übrigens war es uns hoch verboten, einigen Umgang mit den Patribus zu haben, wahrscheinlich, damit wir nicht zu frühe über die geheimen Verhältnisse der Kapitularen gegen den Prälaten und gegeneinander, über die inneren Mißhelligkeiten und die Machinationen des Parteigeistes unterrichtet würden. Allein es fanden sich doch Anlässe genug, sich mit ihnen in vertrauliche Gespräche einzulassen.

Die Patres von der jüngern Partei, die es mit dem Prälaten hielten (eine andre hieß die alte, aus Gegnern des Prälaten bestehend), suchten wohl selbst Gelegenheit, uns für ihre Partei zu stimmen und zu bilden. Nach der Komplet z. B., wenn alle zu Bette gehen sollten, hörte ich leise an meine Tür klopfen. Ich lief hin, und ein leises Flüstern sagte mir: »Frater Xaver! wenn du lustig sein willst, so schleiche dich ins Kaiserzimmer vor die Klausur hinaus.« Dies war ein kleiner Speisesaal für Gäste außer dem gesperrten Teile der Klostergebäude. Ich schlich also durch einen finstern Gang bei der Sakristei vorüber, in den Kreuzgang hinab und dann zur immer offenen Klausur hinaus. Da fand ich lustige Zecher beisammen, die sich Helden dünkten, wenn sie weit über Vermögen saufen konnten. Einer von ihnen überfüllte sich einst so sehr mit Wein, daß man eine Bettstatt mitten in das Zimmer stellen und ihn hineinlegen mußte. Denn er wollte durchaus nicht von dem Gelage hinweg; da rief denn jeder nach der Reihe: Bruder, sauf! und goß ihm das volle Glas ein. Natürlich protestierte sein Magen sehr werktätig gegen dergleichen Überschwemmungen, und der Betrunkene fragte von Zeit zu Zeit lallend: Brüder, wo soll ich hinsp....? Je nachdem nun kommandiert ward, rechts oder links, darnach wandte er sich, um sich seines Überflusses zu entledigen. Ich würde es nicht wagen, so ekelhafte Szenen zu malen, wenn sie nicht nötig wären, um ein wahres Bild mönchischer Wildheit zu entwerfen. Zwar stieg die Ausschweifung nicht immer bis auf diesen abscheulichen Grad, aber doch lief es selten ohne Zoten und Völlerei ab. Als ich zum erstenmal zu dieser trefflichen Gesellschaft den Zutritt erhielt und in meiner novizischen Schüchternheit und Eingezogenheit unter ihnen saß, da hieß es mit rauhem leichtfertigem Tone: »Was seid denn ihr für Memmen, ihr einfältigen Novizen? Wollt ihr den Heiligen die Zehen abbeißen? Wollt ihr so andächtige Mütterchen werden, die sich aus lauter Frömmigkeit des Jahrs kaum einmal zu lachen getrauen? O, man kann ein guter Religiose und doch eine lustige Haut sein! Ihr müßt die Duckmäuserei lassen, müßt ganz anders werden, wenn ihr nicht unausstehlich sein sollt! Wir – ja wir waren andre Leute, als wir in euren Schuhen standen! Wir soffen und machten uns lustig und forderten, wenn wir so, wohlbenebelt, heimzogen, die Gespenster im Kreuzgang auf den Kampfplatz heraus, daß es ganz greulich tönte.« Dann wurden die Heldentaten der Herren, die sich im Volltrinken und Tolltun ausgezeichnet hatten, weitläufig mit vielem Ruhme erzählt. Dieser herrliche Unterricht fruchtete bei mir wenigstens so viel, daß ich etlichemal betrunken zu meiner Zelle taumelte und morgens einen schweren Kopf in die Mette brachte. Allein die Übelkeit und die Magenschmerzen, die ein solcher Exzeß immer zur unvermeidlichen Folge hatte, bestimmten mich bald, dergleichen Gelage ganz zu vermeiden. Wenn ich also nach der Komplet wieder klopfen hörte, steckte ich mich tief unter die Bettdecke und schnarchte, wie wenn ich im tiefsten Schlafe läge, so daß der Einladende getäuscht von dannen ging und der Hoffnung entsagte, mich aus dem ersten Schlafe erwecken zu können. Doch hatte ich den Wein bereits lieb gewonnen und trachtete um so mehr mich daran, so oft es gehen wollte, satt zu trinken, als wir Novizen nur selten und nur wenig Wein erhielten. Diese meine Neigung merkten einige Mönche nur zu bald und beredeten manchmal den Konventdiener, mir bei Tische die große zinnerne Kanne, welche sonst mit weißem Biere vollgegossen ward, mit Wein zu füllen, besonders wenn der Novizenmeister mir zur Buße statt des Weins in der kleinen Kanne Wasser zu reichen befahl. Nie verließ ich in dergleichen Fällen das Refektorium ohne einen tüchtigen Rausch; denn ich hatte von meinen dienstfertigen Gönnern scharfen Befehl, die Kanne auch richtig zu leeren, damit der Novizenmeister, wenn er nach Tische etwa nachsehen sollte, nichts davon merken möchte. Einmal ward ich so betrunken (ich muß es zu meiner Beschämung gestehen), daß ich nach einer Tafelmusik, die wir in der Fastnacht aufzuführen hatten, taumelnd den Speisesaal verließ und auf der Treppe zu meiner Zelle Geige und Klarinette, die ich unterm Arme trug, entzweibrach. Doch erhielt ich deswegen nicht den geringsten Verweis; die lustige und zugleich herrschende Partei billigte vielmehr mein drolliges Studentenbetragen und pries mich als einen braven Konfrater, der doch auch einen Spaß verstünde und gern mitmachte.

Der Mangel an Festigkeit in guten Grundsätzen, die billigende Stimme liederlicher Mitbrüder und meine allzu bereitwillige Lenksamkeit brachten mich bald soweit, daß ich, ehemals ein stiller, eingezogener Junge, mich nun im Trinken und bei andern mutwilligen Streichen als ein ziemlich lockerer Geselle unter meinen Connovizen hervortat und deswegen manche Ermahnung von unserm Aufseher verdiente. Allein die Patres hatten mir bereits ins Ohr gesagt: »Der Novizenmeister gilt nichts beim Prälaten, kümmere dich um seine Verweise nicht!« Zu spät merkte ich, daß mich mein Benehmen um die Achtung aller Bessern bringe. –

Anfangs der Fasten erhielten wir Zilizium und Geißel, um unsern Leib damit wöchentlich wenigstens zweimal zu kasteien. Das Zilizium ist ein Drahtnetz in Form einer handbreiten Binde mit spitzigen Stacheln, das man, sein Fleisch zu peinigen, mit einwärts gekehrten Spitzen sich um die nackten Hüften schlingt. Die Geißel aber war ganz aus weißem Bindfaden geknüpft mit einem Handgriffe, aus dem etwa acht starke Schnüre herausliefen, deren jede sich in ein fest gestricktes, einen halben Finger langes Kölbchen endigte, aber ohne schneidende Metallsternchen, wie man sie an andern Geißeln, mit denen man sich blutig schlägt, insgemein findet.

Bereits hatte ich, durch den Spott einiger Religiosen, über dergleichen Übungen und Werkzeuge lachen gelernt und erhielt jetzt auch Unterricht, wie ich es anzugehen hätte, daß der Novizenmeister (der abends nach der Komplet an den Zellen horchte, ob wir auch das anbefohlene Bußwerk gehorsam verrichteten) in der Meinung stehen möchte, ich käme seinen Befehlen treulich nach. Sie rieten mir, entweder auf einen Sessel zu knien und auf dessen lederne Rückenlehne tapfer loszugeißeln, oder meine Beinkleider auf das Bett zu legen und ebendieselbe Operation damit vorzunehmen. Aus Neugier versuchte ich zwar einmal, welche Wirkung die Geißel auf meinem Rücken hervorbringe; aber in den meisten Fällen behalf ich mich mit meiner Freunde gutem Rate. Wirklich drang auch der Novizenmeister selbst nicht strenge darauf.

Man hielt uns überhaupt nicht strenge und gestattete uns mehr Freiheiten, als wir in unsrer Lage erwarten durften. Beinahe täglich spazierten wir nach Tische entweder in ein kleines Gärtchen, das jetzt ein Friedhof ist, oder auf den Kirchturm über das Kirchendach, wo wir manchmal mit Lebensgefahr den Fledermäusen nachjagten, und ebensooft wußten wir unter manchem Vorwande einen Abendtrunk von weißem Biere zu erbetteln oder herauszubetrügen. Noch dazu sagte man uns: »Laßt nur das Noviziat zu Ende gehen, dann seid ihr erst freie Leute, dann könnt ihr erst treiben, was ihr wollt!« Wie hätten wir da die Zeit der Profession, im Grunde die Zeit des eigentlichen Gefängnisses, nicht herbeiwünschen und mit Sehnsucht erwarten sollen? Man wollte sogar weder hören noch sehen, als wir in der Fastnacht eine gräßliche türkische Musik machten; das heißt, wir fingen einen abscheulichen Lärm mit allerlei Werkzeugen an, einer hatte ein großes Pult auf den Boden gesetzt, donnerte nach dem Takte mit gleichen Füßen darauf und ahmte so die große Trommel nach, ein andrer schwenkte allerlei Schlüsselgeschelle in einer hohlen Blechbüchse, ein dritter trommelte auf einem kleineren Pulte und versuchte mit zwei Scheitern den Wirbel zu schlagen, der vierte klappte mit Kannen, um die Piatti nachzubilden, und der fünfte schlug mit einem Prügel den Takt auf dem Trinktische, daß die Gläser erklangen: alle schrien entweder mit fistulierender Stimme einen Marsch oder brummten einen schnarrenden Baß dazu. Das Getöse ward so laut, daß es einen großen Teil der Kapitularen herbeilockte, ohne daß uns diesmal jemand den Mutwillen untersagt hätte. Aber da wir im folgenden Jahre, als Professen, eben dasselbe Spiel wiederholen wollten, konnte man uns den Unfug nicht schnell und scharf genug verweisen. Offenbar drückte man also, während des Probierjahres, absichtlich ein Auge über unsre Unarten zu und suchte uns den neuen Stand durch Nachsicht annehmlich zu machen. –

Allmählich hatte ich mich auch in mein Schicksal fügen gelernt und fand die neue Lebensart noch immer frei und lustig genug, um darin ausharren zu können. Mein Zustand verbesserte sich noch mehr, als auch meine Lieblingsneigung zum Dichten neue Nahrung erhielt. Manche Stunde mußten wir ruhig an unsern Pulten sitzen und aussehen, wie wenn wir in unserm Neidegger läsen. Ohne Beschäftigung würde mich da die Langeweile zum Sterben geplagt haben. Allein ich fand bald Mittel, mir die Zeit zu kürzen. Entweder schnitzte ich allerlei kleine Maschinen, einmal gar ein vermeintliches Perpetuum mobile, von dem ich am Ende gar nicht begreifen wollte, daß es sich nicht bewegen wollte, bis ich fand, daß ich nichts als das vollkommenste Gleichgewicht hervorgebracht hatte, oder ich überließ mich meinen Phantasien, die ich dann verstohlen zu Papier brachte. So entstanden einige Idyllen, die ich freilich in spätern Jahren umgearbeitet habe. Ich zeigte sie damals insgeheim dem Frater Candidus, der sie dem Pater Beda zu lesen gab, dem gelehrtesten, aufgeklärtesten Kopfe in der ganzen Gegend umher, der meine unbeschränkte Hochachtung besaß und eben unser Prior war. Die Gewißheit, daß er im künftigen Jahre unser Professor werden würde, eröffnete mir die heiterste Aussicht und bestimmte mich vollends, ein Mönch zu bleiben. Einige Winke, die mir seinen Beifall zu verstehen gaben, spornten mich an, noch ferner zu dichten. Als der Frühling heranrückte, tat ich das am liebsten in meiner Zelle, aber sehr oft schlich mir der Novizenmeister nach, belauschte mich durch die Visur (ein rundes Loch in der Zellentür, das außen mit einem beweglichen Täfelchen bedeckt ist) und forderte mir mein Geschriebenes ab. Zum Glücke hatte ich gewöhnlich so unleserlich und verwirrt durcheinander gesudelt, wie es wirklich noch jetzt mein löblicher Brauch ist, daß er keinen rechten Sinn zusammenfinden konnte. Dennoch führte dies immer die Unannehmlichkeit mit sich, daß ich die einmal schon aufs Papier gegossenen Gedanken von neuem aufsuchen und schreiben mußte und manches nicht mehr so warm ausdrücken konnte, wie das erstemal. Um mir nun die doppelte Mühe zu ersparen, spannte ich im Zimmer ein paar Saiten quer über die Tür, heftete das Täfelchen außen mit einem langen Nagel an, der innen hervorragte und befestigte an seiner umgenieteten Spitze einen kleinen Span, dessen Enden ich rechts und links mit Federchen besteckt hatte, so daß die Federchen bei der geringsten Bewegung des Täfelchens von außen sogleich die Saiten von innen berührten und einen lauten Klang erregten, der hinlänglich war, den Lauscher in etwas zu bestürzen, mich aber zu warnen, daß ich flugs meine Blätter verstecken sollte. Nicht lange genoß ich dieses mechanischen Vorteils, so rief mich der Novizenmeister hervor, befahl mir, die Culpa zu sagen und wollte mir der Maschine wegen einen derben Verweis geben, allein mitten darin konnte er sich des Lachens nicht mehr so recht erwehren und erließ mir die Strafe mit der Bedingung, daß ich die Saiten hinwegnehmen sollte.

Gelegenheit, meine Lesebegierde einigermaßen zu stillen, fand ich auch auf folgende Weise: Candidus, der brave junge Religiose, dessen ich schon erwähnte, hatte mir manche kleine Schrift zugesteckt, die ich ihm jederzeit unversehrt und unverraten wieder zurückstellte. Dieser gewann für mich seinen Freund, den mir so teuren P. Beda, dem ein Schlüssel zur Bibliothek anvertraut war. Oft ermunterte mich eine freundliche Rede von ihm zu mehrerem Fleiß, und seine Miene schien mir Billigung zuzulächeln, wenn ich dem Frater Candidus wieder etwas Neues von meinen Arbeiten gezeigt hatte. Einst kam ich zu einer Musikprobe in das Meditationszimmer der Kapitularen und sah da auf einem Betschemel einen Band von Rabeners Satiren liegen. Der Eigentümer, P. Beda, stand nicht ferne. Mein Blick fragte ihn: darf ich? Der seinige antwortete ja, und so steckte ich das Buch behende in meine Tasche, voll Freude, endlich einmal wieder etwas Schönes lesen zu dürfen. Bald legte ich das Buch wieder an die Stelle, wo ich es genommen hatte, fand am folgenden Tage statt dessen einen andern Band von Rabener und hielt es genau wie mit dem ersten. So gerieten mir verschiedene vortreffliche Schriftsteller in die Hand. Aber längst hatte ich gewünscht, einmal die Bibliothek sehen zu dürfen, und oft hatte ich diesen meinen Wunsch gegen meinen Freund Candidus geäußert, aber nie wollte er in Erfüllung gehen. Ich versuchte sogar nachts bei einem Fensterchen aus der alten Kapitelstube auf einer Leiter hineinzusteigen, um mein Verlangen endlich einmal zu befriedigen; aber das Fensterchen konnte nicht geöffnet werden, und die Kreuzstäbe liefen zu enge übereinander, um, auch wenn ich die Scheiben zerschlagen hätte, durchkriechen zu können. Endlich fand ich einmal den Bibliothekschlüssel neben einem Buche liegend, steckte ihn vor Freude hüpfend zu mir und folgte genau dem Winke dessen, der ihn hingelegt hatte und mir im Vorübergehen zuflüsterte: »Vorsichtig aber und keinen Mißbrauch!« Nun konnte ich kaum die Nacht erwarten, denn am Tage wäre es wegen der Gefahr, angetroffen zu werden, ganz wider die Absicht meines Freundes gewesen. Sobald die Komplet vorüber und auf den Korridoren alles ruhig war, schlich ich mit Feuerzeug in der Tasche und mit einer Chorlaterne am Arme (aber ohne Licht, um mich nicht selbst zu verraten) durch den dunklen Gang bei der Sakristei in das alte Kapitel hinab, über lauter Gräber hin. Es fing mir an zu grauen, die völlige Dunkelheit vermehrte meine Furcht, die Chorstühle krachten, und ich konnte mich nicht enthalten, ängstlich atmend und mit lautem Herzklopfen die Treppe wieder hinauszulaufen, gerade wie wenn mich ein Ungeheuer verfolgte und mich alle Augenblicke in die Fersen beißen wollte. Oben, als ich Licht sah, faßte ich wieder Mut, verwies mir selbst meine Zaghaftigkeit und ging langsam hinab. Tappend schlich ich der Bibliothektür zu; da vernahm ich ein Schnauben um mich her und ein Knistern auf den Pflastersteinen, wie Tritte eines Tieres. Neuerdings übermannte mich die Furcht und ich lief zum zweitenmal davon. Aber als ich außer Atem bis zur Laterne kam, da sah ich, welches Gespenst mich erschreckt hatte. Es begleitete mich wedelnd und kroch jetzt schmeichelnd vor mir auf dem Boden umher: ein junger, übelgestalteter Pudel, dem niemand gut war als Fr. Caspar, einer meiner Connovizen, der manchmal mit ihm spielte und ihn zur Not fütterte. Nachts hatte das Tier nirgends eine bestimmte Ruhestätte, begegnete mir vielleicht auf dem Wege ins alte Kapitel und umschmeichelte mich dort ungesehen, bis ich vor ihm als vor einem Gespenste floh. Um mich nun nicht auch zum drittenmale einem panischen Schrecken auszusetzen, zündete ich die Kerze in meiner Laterne an, schwang das lange Skapulier darüber her, jagte den Hund fort und schlich ohne neuen Anstoß in die Bibliothek, wo ich die halbe Nacht verweilte und in den Schätzen von Büchern schwelgte. Als ich wegging, steckte ich einen ganzen Haufen der interessantesten Schriften zu mir und verbarg sie in meiner Zelle unter der Matratze. So trieb ich's etwa fünf Tage.

Indessen fügte es sich, daß ich abends über Tisch vorlesen mußte, eben als ein protestantischer Beamter von Harburg mit uns speiste. Es ward dispensiert, das heißt, der Prior gab mir sogleich nach geendigtem Kapitel aus der Bibel ein Zeichen, daß ich nur noch die gewöhnliche Schlußlektion ablesen sollte. Diese ward aus dem sogenannten Annus Marianus genommen, einem Buche, das die Verehrung Mariens durch mehrere Wundererzählungen auf jeden Tag des Jahres anpreist. Sie sind aber so dumm und zum Teil gotteslästerlich abgefaßt, daß ich schon damals meinen Spott damit trieb. Wirklich wählte ich diesmal zum Spaße aus dem ganzen Buche die dümmsten Mirakel, z.B. daß Maria für eine Nonne, die mit einem Mönche entlaufen war und 15 Jahre lang ihre Fleischbank in der schnöden Welt aufgeschlagen hatte, wie die Worte lauteten, indessen unter der Gestalt der entlaufenen Nonne den Dienst einer Pförtnerin versehen habe, um dieselbe vor Strafe und Schande zu bewahren, bloß darum, weil die Sünderin täglich noch ein Ave Maria betete. Mehrere dergleichen abscheuliche, höchst unmoralische Märchen las ich nun (teils darum, weil ich es nicht übers Herz bringen konnte, daß wir uns vor einem Protestanten so schändlich bloßgeben sollten, teils weil mir nach der Lektüre klassischer Schriften, die jeden Kopf vor gänzlicher Geistestötung sicher bewahren, die einfältigen Histörchen keines ernsten Tones wert schienen) mit einem lächerlichen, mutwilligen Tone ab, so daß sich die Lektion am Ende in allgemeines Lachen auflöste. Allein mein Novizenmeister, von dem P. Subprior, der ein Freund dieses Buches war, noch mehr angetrieben, strafte mich meines Mutwillens wegen mit Bodensitzen, einer der schwersten Bußen. Darüber ward ich dem Buche so gram, daß ich es, als mich eben niemand bemerkte, von der Kanzel stahl und in den Ofen warf. Nun wollte der P. Subprior Corbinian wieder ein Marianisches Gnadenjahr auffinden, um seiner salbungsvollen Erzählungen nicht ganz entbehren zu müssen. Als ich nun einst nach der Komplet ganz getrost in der Bibliothek, die ich wie immer sorgfältig hinter mir verschlossen hatte, an den Schränken der oberen Galerie stand und eifrig die Bücher durchforschte, hörte ich plötzlich ein Traben und zugleich des Subpriors Stimme im alten Kapitel. Ich erschrak und fürchtete, entdeckt zu werden. Geschwind blies ich mein Licht aus, stieg die eine Treppe, welche von der Erde auf die Galerie führte, hinter den Bücherschränken hinab, zog die Treppentür so fest an mich, als ich konnte, und erwartete, wohin sich der Kommende wenden würde. Entweder, dachte ich, steigt er gar nicht herauf oder er gerät an diese Tür oder er wählt die andere Treppe. Im ersten Falle bleibe ich ruhig, im zweiten halte ich so fest an mich, daß er nicht öffnen kann, im dritten aber reiße ich, sobald er die andere Treppe zur Hälfte erstiegen hat, die Türen mit Ungestüm auf und laufe davon. Zankend über die Verwegenen, die das Marianische Gnadenjahr so boshaft hinweggeräumt hätten, öffnete er die Bibliothektür und suchte unten in den theologischen Fächern umher. Als er aber nicht fand, was er suchte, stieg er die Treppe, deren Tür er offen sah, brummend hinauf, und ich schlüpfte schnell aus meinem Hinterhalte hervor, hüpfte, so leise ich konnte, durch das alte Kapitel, hörte ihn sogleich keuchend nachstolpern und konnte ihm kaum entrinnen, so erschrocken und eilig lief er hinter mir her. Ein Winkel unter einer Stiege verbarg mich vor ihm, als er, sich kreuzend, vorüberjagte und Jesus, Jesus! rief.

Sogleich den folgenden Tag ward mir der Bibliothekschlüssel abgefordert; denn dieser Vorfall, den zwar der Subprior selbst als eine Gespenstergeschichte erzählte, aber mein klügerer Freund bald für das, was es war, erkannte, machte ihn schüchtern und ließ ihn die Gefahr, daß ich entdeckt werden möchte, zu lebhaft empfinden. Doch hatte ich noch einen ziemlichen Vorrat interessanter Schriften unter meinem Bette versteckt, die mir den Genuß mancher frohen Stunde verschafften.

Natürlich erwachte unter diesen Umständen und bei dem Gefühle, daß mein neuer Stand bei weitem nicht so viel Unerträgliches habe, als ich mir vorgestellt hatte, mein angeborner Frohsinn (meinetwegen Leichtsinn) von neuem in hohem Grade.

Auch meine Zelle gewann allmählich ein besseres Aussehen. Dieser und jener schenkte mir einen Zierat, und der P. Anselm zeichnete sich vor andern aus, mir allerlei Kleinigkeiten zu verschaffen. Anfangs nahm mich das sehr Wunder, denn er war eben keiner der Freigebigsten. Aber bald löste sich das Rätsel: er hatte das meiste mit meinen fünf Gulden erkauft. Da wäre ja mein Rückhalt an Reisegeld vortrefflichen Händen anvertraut gewesen!

Selbst mein Prälat gab mir verschiedene Merkmale von Zuneigung und besonderem Wohlwollen. Z. B. an einem Sonntage in der Fronleichnamsoktav, da man eben, ich weiß nicht, das Wahlfest des Prälaten oder welches Fest mit einer großen Tafel feierte, nahmen mich zwei jüngere Patres beim Abendessen in die Mitte und reizten mich, der ich eben in der besten Laune war, so sehr zum Trinken, daß mich der Prälat, dem wir beinahe gegenübersaßen, öffentlich ermahnte, mich in meiner Fröhlichkeit vor übermäßigem Trinken zu hüten; denn er bemerkte, daß immer einer von den beiden Herren, die sich vorgenommen hatten, mich vollzutrinken, bald rechts, bald links mein halbleeres Glas mit einem vollen vertauschte, indes ich treuherzig mit dem andern scherzte, und daß sie mich also ganz unvermerkt bezechten. Jubilierend antwortete ich, daß ich gewiß nie mehr als das mir vorgesetzte Glasfläschchen (Karaffe) austrinken würde. Allein er winkte mir nochmal lächelnd und mit drohendem Finger, ohne mich jedoch deutlicher vor meinen listigen Mundschenken zu warnen. Guten Mutes netzte ich fort und fort meine Zunge mit Wein, so oft sie von lustigem Geschwätze trocken ward. Sogleich nach Tische mußten wir in den Chor, um die Komplet feierlich abzusingen, während der sich die Kirche mit Leuten überfüllte, um den letzten Segen mit dem Sanctissimum zu erwarten. Mein Chorstuhl war auf des Priors Seite. Eine hartnäckige Übelkeit befiel mich, blaß wie ein Sterbender sah ich aus, sorgfältig lehnte ich mich auf das Geländer meines Stuhles, um nicht allzusehr zu wanken und vermochte mich in der Tat kaum aufrecht zu erhalten. Wehe, da zerbrach die morsche Armlehne, und ich war kaum imstande mich, ohne hinzufallen, niederzubücken und sie aufzuheben. Einer von meinen Mitnovizen, der zunächst an der Kanzel des Prälaten stand, lachte beinahe laut, deutete mit Fingern auf mich und ruhte nicht, bis der Prälat, der absichtlich nichts merken wollte, endlich doch etwas von meinem Übelbefinden merken mußte. Mißmutig befahl er dem Frater Sebastian, so hieß der Noviz, mich an seine Kanzel zu rufen. Ich taumelte, so gut es gehen wollte, hin zu ihm und lallte die einfältige Frage: »Was soll ich, Euer Hochwürden und Gnaden?« »Hinausgehen sollst du, Schwein!« sagte er etwas zürnend, jedoch ziemlich leise, »und dich zu Bette legen!« Ich glotzte ihn an und stolperte zum Tempel hinaus. Eine solche Unart konnte nicht ungestraft hingehen. Mir war angst und bange. Den andern Tag vor Tische ließ mich der Prälat zu sich rufen: »Frater Xaver,« sagte er ernsthaft, aber gütig, »gestern hat Er sich übel aufgeführt. Sein Glück ist, daß ich es selbst sah, wie Ihn die beiden Patres, ohne daß Er es merkte, vollzechten! In Seiner Torheit merkte Er es nicht, was meine Ermahnung sagen wollte. Zur Strafe wird Er heute bei Tische stehen und Wasser trinken, damit Er wieder nüchtern wird. Nun laß Er mir den Frater Sebastian kommen!« Froh, daß ich so leichten Kaufs des Handels los würde, hieß ich den Frater Sebastian in die Abtei gehen. Er kam mit dem höchsten Verdruß zurück; denn er sollte dafür, daß er im Chore mit sichtbarer Schadenfreude auf mich gedeutet hatte, bei Tische ins Refektorium solange hinausknien und mit ausgespannten Armen beten, bis ihm der Obere satis klopfen (das Zeichen, daß er genug gebüßet habe, mit dem Schlage eines Schlüssels geben) würde. Ungewiß im ersten Sturme, zu was er sich entschließen sollte, stand er seine Strafe aus, verlangte aber nachmittags in vollem Ernste seine Kleider und trat triumphierend aus dem Kloster. Dieser Vorfall und die gar zu auffallende Gelindigkeit des Prälaten gegen mich machte, daß sich wegen der Art, wie ich behandelt wurde, ein öffentliches Murren hören ließ, welches bis zu den Ohren des Prälaten drang. Als ich nun vor ihm erschien, um für die gnädige Strafe gewöhnlichermaßen zu danken, sagte er in sanftem, vertraulichem Tone: »Frater Xaver! man murrt, daß ich Ihn zu gelinde gebüßt habe; mache Er sich nichts daraus, daß ich erst jetzt die Strafe schärfe, um die Schwachen zu befriedigen, und prosterniere Er sich heute anfangs der Komplet so lange, bis ich satis klopfe, damit Er auch im Chore öffentlich büße, weil Er doch im Chore ein öffentliches Ärgernis gegeben hat.« Ich gehorsamte gern und hielt die Schonung, mit der er mir begegnete, billig für einen nicht geringen Beweis von besonderer Zuneigung. Auch die übrigen Religiosen sahen es aus eben diesem Gesichtspunkte an und ließen mich deshalb noch lange nachher die Wirkungen ihres Neides empfinden.

Während des Noviziates wuchs ich so stark und schnell empor, daß mir das Ordenshabit zu klein ward und der Klosterschneider Befehl erhielt, mir wider die Gewohnheit mitten im Jahre ein anderes zu verfertigen.

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