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Ein Mönchsleben aus der empfindsamen Zeit

Franz Xaver Bronner: Ein Mönchsleben aus der empfindsamen Zeit - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
authorFranz Xaver Bronner
titleEin Mönchsleben aus der empfindsamen Zeit
volumeErster Band
editorOskar Lang
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectida7a1e231
created20061022
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Drittes Kapitel:

Seminarist in Dillingen.

Aufnahme in das Kosthaus und Vorbereitungen zum Studentenleben – Der Segen des Vaters – Eintritt in das Seminar – Anfang des Studentenlebens, die Prinzipia – Fluchtversuch wegen Lehrertyrannei – Allerlei andere Schicksale und Unternehmungen – Die 1. Vakanz – Bestrafter Diebstahl – Das 2. Studienjahr, die Rudiment – Schwärmereien, Askese – Die Prämien – Studentenpossen – Das Lotto und der Schatz – Das 3. Schuljahr – Das kalte Fieber – Luftreisen – Lebensgefahr – Die Hexe – 4. Studienjahr – Das erste deutsche Buch – Pubertät.

Im Jahre 1769, den 20. Okt., nachmittags am St. Ursula Vorabend, nahm ich Abschied von meinen Eltern und Brüdern. Meine Mutter meinte, es würde mich viele Tränen kosten. Allein ich ging mit stillem Gleichsinn hinweg. »Du kommst nun aus dem Unfrieden hinweg,« dieser Gedanke milderte die Wehmut des Abschieds. Meinen Taubenschlag besuchte ich zuletzt noch einmal, dann betrachtete ich um und um das väterliche Haus, das kleine Gärtchen und besonders die schöne Rebe daran, die voller Trauben hing, mit einer Art von Zärtlichkeit und rief mir die angenehmsten Augenblicke, die ich da genossen hatte, ins Gedächtnis Zurück. Endlich sagte ich: »Lebe Wohl, Vater, und du Hans Michel, und du Franz Joseph, und betet für mich, wie ich für euch.« Der Vater gab mir nochmals gerührt seinen Segen und entließ mich mit den Worten: »Xaverl, sei fromm und fleißig! Sieh! wenn du als ein braves Studentlein zurückkommst, machst du mir viel Freude; wenn du dich aber übel aufführst und davongejagt wirst, so komm nur nimmer zu mir, ich schlage dich tot.« – »Behüte dich Gott, Vater,« sagte ich, »du darfst nicht fürchten, daß ich dir heimgejagt werde.« So schied ich von meiner Heimat. Die Mutter war meine Begleiterin und führte auf einem Schubkarren einen kleinen Koffer, in dem einiges weißes Zeug und wenige elende Kleidungsstücke samt einigen Notenpapieren lagen. Alle Nachbarn grüßten mich zu guter Letzt sehr freundlich und wünschten mir Glück. Nun ging's zum Großvater. Da wäre mir beinahe das Herz gebrochen. Er hatte mich so lieb, und ich ihn und die Ahnfrau desgleichen. Sie gaben mir noch viele schöne Lehren auf den Weg und schenkten mir ein kleines Reisegeld. Aber der Großvater sagte mir so viel Tröstendes und wußte mir so angenehme Aussichten vorzumalen, daß ich am Ende, ohne Tränen zu vergießen, Abschied nahm. »Sieh, Xaverl!« sagte er, »wenn nichts wäre, als daß du nimmer so viele Schläge bekommst, so solltest du dich schon deswegen freuen, in die Fremde zu gehen.« Das machte einen starken Eindruck auf mich und gab mir gute Hoffnung. Denn es war kaum ein Tag verstrichen, an dem ich nicht irgendeine Exekution an mir vollziehen lassen mußte. Da wir zum oberen Tore hinausgingen, führte mich die Mutter zum sogenannten Zwinger-Herrgottlein, dem früher erwähnten Wunderbilde und sagte: »Xaverl, komm, wir wollen hier unserm Herrn danken, daß er dir das Gehör wiedergegeben hat und ihn bitten, daß er dich vor Verführung bewahren und zu einem recht braven Studenten machen wolle.« Ich betete wirklich mit Inbrunst um diese Gnade und fühlte, vielleicht zum erstenmal, das Erheiternde, Tröstliche und Herzerhebende des wahren Gebetes. Auf der Straße blieb ich oft stehen und sah nach meiner geliebten Vaterstadt zurück. Wenn ich traurig werden wollte, sagte meine Mutter: »Sieh, es ist ja nicht weit von Höchstädt bis Dillingen; schreibe mir, wenn dir etwas fehlt, ich will kommen, sobald ich kann.« Dies war mir eine große Ermunterung. Unser Gespräch auf dem Wege handelte größtenteils von der Art, wie ich mich mit andern Studenten betragen müßte. Sie prägte mir vorzüglich die Lehre ein: ich sollte mich nie zum Bösen verleiten lassen, aber auch nie einen andern wegen Kleinigkeiten bei den Obern verschwatzen (anschwärzen). Denn dies würde mir den Haß aller meiner Kameraden zuziehen usw. Dann erzählte sie mir eine Geschichte von P. Homobonus Hantner, der als Student erstlich durch allerlei Schwätzereien sich verhaßt gemacht, dann aber wegen einiger kindischen Ausschweifungen, die man sogleich den Oberen hinterbrachte, derb abgestraft, und als er zu eigensinnig war, sich in die Strafe zu fügen, gar davongejagt, Soldat und Deserteur ward und dem Tode so nahe kam, daß er kaum mehr gerettet werden und in den Kapuzinerorden treten konnte. Dies Beispiel machte einen starken Eindruck auf mich und gab den guten Lehren der Mutter Haltung und Dauer.

Wir langten bei der Pforte des Seminars an. Der Hausknecht, der meinen Koffer in den Schlafsaal trug, wies mir in der Reihe kleiner Verschläge, die an den beiden Seiten des Saales hinabliefen, und Ständchen genannt wurden, das hinterste Ständchen an und führte mich in das Küchenstübchen zum P. Inspektor, der uns sehr gütig empfing und mir guten Mut einsprach. Meine Mutter

bat ihn unter anderm, er möchte Vatersstelle bei mir vertreten und mich, wenn ich ein böser Bube wäre, wacker peitschen lassen. Allein der Inspektor sagte, er hoffe, solche strenge Mittel werden bei mir nicht nötig sein. Dann hieß er mich in die Vesper gehen, ließ meiner Mutter etwas zu essen reichen und hielt eine lange Unterredung mit ihr; denn sie war sehr offenherzig und gesprächig, und gar nicht schüchtern; dies gewann ihr die Herzen Hoher und Niederer, mit denen sie umgehen mußte. Beim Abschied fielen beiderseits einige zärtliche Tränen, und sie versprach, bald wieder zu kommen und nach mir zu sehen.

Man führte mich darauf in das Museum und zeigte mir mein Schreibpult, wo ich sitzen sollte. Einige kleine Studenten machten sich sogleich an mich und vertrieben mir die Zeit bis zu Tische. Am folgenden Tage ward ich meinem künftigen Instruktor vorgeführt. Er war der Erste in seiner Schule, ein eifriger, fleißiger, andächtiger, aber meiner Meinung nach zuweilen sehr ungeduldiger Student, namens Christoph Wanner von Lauingen gebürtig.

Wenn man mich fragte: »In welche Schule willst du morgen gehen?« so sagte ich: »In die erste Schule.« Ich glaubte gewiß, meine Antwort könne niemanden im Zweifel lassen, wohin ich eigentlich zu gehen vorhabe. Denn die Schule, bei der man anfängt, dachte ich, bleibt immer die erste Schule, heißt sie sonst auch, wie sie will. Allein die Studenten hätten gern gewußt, ob ich Prinzipist oder Rudimentist werden wollte. Die Bedeutung dieser Wörter kannte ich aber selbst noch nicht und blieb bei meiner ersten Rede: »ich gehe in die erste Schule.« Man führte mich also am ersten Schultag in das Gymnasium, zu den Rudimentisten; ich war bereit, alles mitzumachen, was die andern taten. Allein nachmittags diktierte der Magister ein sogenanntes Argument, und ich wußte nichts damit anzufangen, als die lateinischen Worte, welche er über einen deutschen Text gesetzt hatte, rein abzuschreiben und sie ihm unverändert darzureichen. Zu meiner nicht geringen Verwunderung fing er laut zu lachen an und sagte: »Büblein, das heißt nicht, ein Argument machen; du mußt mit den Worten die nötigen Abänderungen vornehmen.« »Herr Magister,« erwiderte ich, »ein solches Ding habe ich in meinem Leben nicht gemacht; ich weiß gar nicht, wie ich's angehen muß, um etwas herauszubringen.« »Mein Kind,« sagte er, »wo hast du die Prinzipia gehört?« »Beim Herrn Kantor in Höchstädt,« antwortete ich, »aber ich bin noch nicht weiter als bis zum volo vis velle gekommen.« – »Mein Kind,« sagte er, »noch taugst du nicht in die Rudiment, du mußt in die Prinzipia gehen.« Dann rief er einen Studenten aus der Bank hervor und befahl ihm, mich zum Herrn Fendt in die Prinzipia zu führen. Mit Schmerzen verließ ich das Gymnasium und bedauerte in der Stille, daß ich nun von einer höheren Schule in eine niedrigere verstoßen würde.

Herr Fendt empfing mich ganz freundlich und wies mir mein Plätzchen zuhinterst in den Stühlen bei den Exemplisten an. Aber o wehe! schon den ersten Tag sah ich ebendieselben Exekutionen wie beim Herrn Kantor in Höchstädt an meinesgleichen vornehmen, und unser Lehrer behauptete den Ruhm, daß kein einziger, auch der beste Schüler nicht, ohne Schilling von ihm weggekommen sei.

Die nötigen Schulbüchlein wurden mir vom Pater Inspektor beigeschafft, der sich , ohne daß ich es wußte, sehr sorgfältig um alles, was mich anging, erkundigte. Wir waren drei Seminaristen, welche die Prinzipia besuchten, Joseph Widmann, Johann Schropp, beide Ratsherren-Söhne von Lauingen, und ich. Die Schule im Gymnasium fing allzeit um halb zwei Uhr an, die unsre um ein Uhr nachmittags. Nach dem Mittagessen um 12 Uhr folgte die Musikstunde, unter der wir uns gewöhnlich fortschlichen und bis 1 Uhr vor dem obern Tore herumliefen. Im Winter hatten wir die größte Freude daran, Schneemännchen zu machen, das heißt, nach der Länge in den Schnee hineinzuliegen und darin unsre ganze Form abzudrücken. Einst kamen wir so spät und erfroren in die Schule, daß der Herr Fendt jedem von uns einen Spanischen zumessen wollte und meinen beiden Kameraden wirklich zumaß. Wir mußten zu diesem Ende auf eine lange Bank liegen, die immer vorne in der Schule zu diesem Gebrauche bereitstand.

Als die Reihe an mich kam, wollte ich gar nicht daran, mich auf die Bank zu legen, und weigerte mich, so sehr ich konnte, mein Mäntelchen mit Ärmeln (Polisson) wegzulegen. Denn der hintere Teil meiner Beinkleider war so zerrissen, daß ich immer den Mantel am Leibe behalten mußte, um nur meine Blöße zu bedecken. Von dem wußte aber Herr Fendt nichts, und ich getraute mir nicht, es zu sagen. Durch meine Weigerung erzürnt, nahm er mich endlich in der Mitte, warf mich auf den Stuhl und räumte die Kleider weg. Da sah er nun, was mich so ungestüm widerspenstig gemacht hatte und empfand einiges Mitleid. »Geh an deinen Platz, armer Teufel!« sagte er, »einen Spanniol kann ich dir nicht geben und einen Schilling will ich dir nicht geben. Aber hüte dich, wiederum Schläge zu verdienen!« Er sagte darauf dem P. Inspektor, wo es mir fehlte, und ich erhielt unversehens neue Beinkleider, samt der Ermahnung: »Wenn ich etwas nötig hätte, sollte ich keck darum bitten.«

Weil Herr Fendt sah, daß ich einige kleine grammatische Exempelchen wohl getroffen hatte, mochte er glauben, ich sei bereits fähig, zur Klasse der größeren Prinzipisten überzutreten. Allein ein gewisser Start und ich wechselten lange mit der Stelle des Esels und Ochsen, oder des Heugebers, wie wir den Drittletzten nannten. Endlich merkte mein Herr Instruktor, was mir abging. Ich mußte den ganzen Tag neben ihn hinsitzen und lateinische Exempelchen machen, in die er alle Regeln der Grammatik geschickt einzuflechten wußte, so daß ich bald eine Fertigkeit in Anwendung derselben erlangte. Er besaß ein kleines deutsches Gebetbüchlein mit lateinischen Lettern, in roten Saffian gebunden, mit einem goldenen Schnitte. Gar zu gern hätte ich dies Büchlein gehabt. Denn ich meinte, die Leute zu Höchstädt würden glauben, ich verstehe schon Latein, wenn sie mich zur Vakanzzeit darin beten sähen. Welche Eitelkeit! Aber sie brachte diesmal eine gute Wirkung hervor. Herr Wanner versprach, wenn ich einmal der Erste würde, sollte das Büchlein mein sein. Er stellte mir aber vor, ich könnte gewiß nie der Erste werden, wenn ich nicht fleißig studierte. Von nun an war ich übermüdet. Er konnte mir kaum genug Argumente diktieren, so eifrig bestrebte ich mich, den ersten Platz zu erobern. Sogar das sogenannte Spicken (ein heimliches Lauern auf die Kompositionen andrer, um die eigenen darnach zu verfertigen) nahm ich zu Hilfe. Allein ich merkte bald, daß mir dies wenig helfen könnte, weil ich sehr oft Fehler mit abschrieb, die ich vielleicht, mir selbst überlassen, nicht gemacht hätte. Ich hörte also nicht auf, meinen Fleiß zu verdoppeln, bis es mir endlich, etwa mitten im Sommer 1770, gelang, der Erste zu werden und das Büchlein, nach dem ich so lange begierig war, zu erhalten. Leicht hätte ich mir anfangs angewöhnt, der Letzte zu sein, weil ich noch nichts von der Möglichkeit träumen konnte, je die Ehre des ersten Platzes zu erringen. Desto unermüdeter und eifersüchtiger bestrebte ich mich nun, diesen Platz nicht mehr zu verlieren. So sehr mich auch die lange behauptete Eselbank zu Anfang dieses Schuljahres zurückgesetzt hatte, so erlebte ich dennoch zu Ende desselben die große Freude, der Viertbeste geworden zu sein. Mein fleißiger Herr Instruktor war freilich auch sehr strenge. Einst wollte er mir wegen ein paar grober Fehler im Argumente 24 Tatzen (Schläge mit der Lederfeile oder dem Lineal, oder einer Ochsensehne usw. auf die offene Hand) auf einmal geben. Ich hielt bis nahe an diese Zahl aus. Aber am Ende konnte ich nimmer. Voll Grimm ergriff ich meine Bücher, die, mit einem Riemen zusammengeschnallt, neben mir auf dem Boden standen, schmiß sie ihm mit aller Heftigkeit an den Kopf und lief davon. Ich hätte das weite Feld gesucht und wäre in der Verzweiflung weiß, nicht, wohin gelaufen. Aber ich fand die Pforte gesperrt und versteckte mich im Hofe hinter einem Holzstoße. Mein Herr Instruktor und einige Studenten suchten mich. Ich hörte sie sagen: »Wanner, du hast den Buben doch zu stark geschlagen; er ist keck, ob er schon klein ist. Entläuft er ganz, so hast du mit dem Inspektor böse Händel zu befahren usw.« – »Ich weiß keinen bessern Rat,« sagte Herr Wanner, »als daß ich sogleich Zum P. Inspektor gehe, ihm sage, was vorgefallen ist, und ihn bitte, daß er Anstalt mache, den entlaufenen Buben zurückzubringen.« Als ich merkte, daß die Studenten alle in die Schule fort waren, kroch ich aus meinem Winkel hervor und wollte nach Lauingen und von da noch weiter gehen, bis ich jemand finden würde, der mir Unterhalt gäbe. Zum Glücke sah mich der P. Inspektor von seinem Fenster aus, rief mich in sein Zimmer hinauf, gab mir gute Worte und versprach, ich sollte nimmer so scharf gezüchtigt werden, er habe schon ein Verbot deswegen ergehen lassen. Ich beruhigte mich also und blieb. –

Die Fleischspeisen aß ich anfangs so gern, daß ich kaum satt daran werden konnte. Aber bald ekelten sie mich so sehr an, daß ich sie nimmer riechen mochte. Ich ging also täglich, nur die Fasttage ausgenommen, mit Widerwillen zu Tische und weinte oft, wenn gar nichts aufgesetzt worden war, das ich genießen konnte. Einst traf mich der Inspektor weinend an. Er fragte mich um die Ursache. Da nahm er mich in die Küche und sagte: »Köchin! dem Kleinen da muß sie eine Weile etwas von Mehl kochen, er kann das Fleischessen nicht ertragen, weil er stets bei Pflanzenspeisen auferzogen ward.« Das tröstete mich. Man gab mir solange Pflanzen- und Mehlspeisen, bis ich nach und nach die Fleischnahrung gewohnt ward.

Das Kegelspiel war in den Erholungsstunden unser Zeitvertreib. Gewöhnlich spielten wir um das Aufsetzen, welches denjenigen traf, der die wenigsten Kegel geschoben hatte. Jeder stellte sich der Reihe nach an seinen Platz, den er der Anzahl der von ihm getroffenen Kegel gemäß einzunehmen berechtigt war. Einst lief ich über den Kegelplatz, um an meine Stelle zu kommen. Ein großer Student warf eben die Kugel so, daß sie mich an den Kopf traf und ich wie tot hinstürzte. Als ich wieder zu mir selbst kam, fand ich mich auf einer Bank im Refektorium, der Student saß neben mir, weinte und wandte alles mögliche an, um mich ins Leben Zurückzurufen. Ich weiß es noch wohl, daß er mir seine samtene Kappe aufsetzte, um mir den verletzten Kopf warm zu halten. Endlich ward ich wieder ganz munter und glaubte, der ganze Vorfall habe nichts zu bedeuten. Allein es zeigte sich bald, daß ich mich geirrt hatte; denn ich bekam ein überaus schmerzhaftes Ohrengeschwür. Ich kam beinahe von Sinnen, lief im ganzen Hause herum und suchte Linderung meiner Pein. Endlich kroch ich in der Hauskapelle unter den Altar, wo es sehr kühl war; da brach das Geschwür auf und ich hatte Ruhe; aber noch einige Wochen lang hörte ich nicht wohl auf diesem Ohre.

Unter dem Gottesdienste betrug ich mich ziemlich eingezogen, weil man mich schon lange durch die Furcht vor Schlägen daran gewöhnt hatte. Nur unter den Predigten war ich unruhig und vertrieb mir die Langeweile mit allerlei Tändeleien. Am meisten setzte ich mich in den abgesonderten Raum des Blasbalgtreters bei der Orgel und plauderte mit meinen kleinen Gespielen. Einst aber hatte ich eine Pauke lange betrachtet, sie oben und unten beguckt und endlich ausfindig gemacht, daß das kleine Luftloch zu unterst am Kessel das laute Getön verursache. »Ei,« dachte ich, »wenn eine einzige Öffnung ein so volles Getön zuwege bringt, wie entsetzlich stark muß erst der Schall werden, wenn mehrere Löcher darin sind!« Ohne Umstände zog ich also ein Schreibzeug mit einer Spitze (das wir gewöhnlich auf die Schulbänke steckten) aus der Tasche, lauschte umher, ob mich niemand sehe, und stieß rings herum am Rande des Paukenfelles einen Kranz von kleinen Löchern in das gespannte Fell. Daß dies schädlich sei, fiel mir gar nicht ein. Erst nachdem der Lärm entstanden war, die Pauke sei unbrauchbar und müsse bezahlt werden, merkte ich, wie schwer ich mich verfehlt hatte. Man hielt die strengste Nachfrage. Einige Studenten sahen mich zwar bei der Pauke stehen, aber nicht die Löchlein bohren. Sie stellten mich darüber zur Rede; allein ich leugnete geradezu, daß ich der Täter sei. Freilich stand ich auf ihr heftiges Drohen und Fragen schon im Begriff, meine Schuld offenherzig zu bekennen. Aber sie hörten zum Glücke noch zu rechter Zeit auf, ferner in mich zu dringen; und dann hielt mir die Furcht den Mund verschlossen.

Wir drei Prinzipisten, Widmann, Schropp und ich hatten im Sommer unser größtes Vergnügen, vor dem Tore im Grünen zu springen, aus Stauden kleine Hütten zu flechten, auf breiten Weidenbäumen, die ins Wasser hingen, Lauben zu bauen, oder in einem kleinen Bächlein Kaulhäuptchen (Groppen) zu fangen. Der Stadtgraben war uns eine halbe Welt. Dort spielten wir bald die Einsiedler, unter einem Schlehdorn sitzend, oder wir führten Kriege, mit Haselruten bewaffnet, oder machten aus Moos, das an der Stadtmauer wuchs, allerlei Hügel und Grotten und stellten aus Papier geschnitzte Figuren darein, oder spielten Ball und dergl. Am Bartholomäustag brachen die Studenten der höheren Schulen in die Vakanz auf. Die Vesper ward also schon um ein Uhr, sehr kurz und eilig abgesungen. Wir drei Prinzipisten schlenderten sogleich darnach zum Tore hinaus auf den Studentenplatz, eine Wiesenebene wenigstens eine halbe Stunde lang, die damals zur Viehweide und zum Rekreationsplatze ganz geeignet war; gegen Süden und Westen stoßen Felder und kleine Wäldchen daran. Wir schlichen oft in ein solches Wäldchen und pflückten darin Brombeeren, die beinahe den ganzen Grund überflochten hatten. In dem Wassergraben an den Grenzen haschten wir manchmal Frösche, oder holten Wasserrosen und Binsen. Am Bartholomäustage schnitten wir ein tiefes, viereckiges Loch in die Erde, das wir mit dem ausgestochenen Rasen genau bedecken konnten, fingen soviel Frösche zusammen, als wir zu haschen vermochten und warfen sie in das Loch, als in einen Kerker. Dann richteten wir rings um den Kerker aus Weidenruten Galgen auf, sprachen mit großer Feierlichkeit den Gefangenen das Urteil, brachen den Stab, so wie wir es bei Hinrichtung armer Sünder bemerkt hatten, und knüpften sie alle, der Ordnung nach, an den Galgen. Wir beschäftigten uns so eifrig mit unserm Hochgericht, daß wir nicht bemerkten, wie weit der Abend bereits vorgerückt war, bis uns die einbrechende Dunkelheit und die aufsteigenden Nebel nach Hause zu eilen ermahnten. Die Angst jagte mich am schnellsten, und ich langte als der erste bei der Pforte des Seminars an. Der Hausknecht ließ mich hinein mit dem Gruße: »Kommst du endlich, sauberes Früchtchen?« nahm mich beim Ärmel und führte mich in die Küche zum P. Inspektor. Dieser grüßte mich mit derben Ohrfeigen und sprach höchst aufgebracht: »Du Bösewicht, wo bist du gewesen? Deine Mutter hat dich den ganzen Tag bis um sechs Uhr erwartet, und du kamst nicht.« Ich erklärte weinend alles, was ich getan hatte. Aber er ließ sich nicht besänftigen, gab mir einen sehr eindringlichen Verweis, daß ich Tränen weinte, so bitter, wie ich sie in meinem Leben noch niemals geweint hatte, und sagte zuletzt: »Morgen um 4 Uhr wird dich der Joseph (der Hausknecht) wecken und dir einen tüchtigen Schilling abmessen. Jetzt geh ins Refektorium und setze dich auf den Boden. Läufst du mir wieder einmal ohne Erlaubnis solange herum, so jage ich dich fort zu deinem Vater; der wird dich schon ziehen« usw. Ich mußte also in den Speisesaal gehen und mich vor allen Studenten auf den Boden setzen; eine große Schande! Ich wünschte, mich verkriechen zu können. Man brachte mir eine Suppe und Wasser und Brot, von dem ich vor innerm Schmerz und vor Scham gar nichts genießen mochte. Das Essen der Studenten war zu meinem Glücke schon vorüber, und man stand sogleich vom Tische auf. Wie froh war ich, daß ich nun von meiner Buße befreiet ward! Aber ein Schilling zum Frühstücke – das war ein schrecklicher Gedanke; die Schläge fürchtete ich nicht, aber die Schande. Ich stand, bis man zu Bette ging, hinter Fässern in einem Winkelchen und weinte. Die ganze Nacht schlief ich beinahe gar nicht. Morgens zwischen drei und vier Uhr horchte ich auf alle Bewegungen. Sobald sich etwas regte, kroch ich unter die Bettstatt und verbarg mich in den Schlafständchen anderer Studenten hinter Koffern und schmutziger Wäsche. Allein es kam niemand. Dennoch zitterte ich alle Augenblicke, der Joseph möchte etwa erst später kommen. Um sechs Uhr läutete man zum Aufstehen; ich lief geschwinde die Stiege hinab und verbarg mich in einem Winkel. Sobald ich die Pforte offen sah, schlüpfte ich hinaus und schlich mittags sehr vorsichtig und immer zum Entlaufen bereit, ins Seminar zurück. Wenn sich der Joseph zeigte, lief ich geschwind weg, daß er mich nicht sehen möchte; denn ich dachte: »Er hat es vielleicht nur vergessen; sieht er dich, so gibt er dir den Schilling.« Allein er machte keine Miene, mir etwas zuleide zu tun, und lächelte bald wieder, als er meinen forschenden furchtsamen Blick bemerkte. »Büblein,« sagte er, »du darfst dich nicht fürchten, der Pater Inspektor ist nach Echenbrunn (einem Lustort der Jesuiten) verreiset; bis er kommt, vergißt er schon, was du verbrochen hast!« Da war ich wieder getröstet.

Nun ging's aber auf die sogenannte Endskomödie (die beim Schlusse des Schuljahres aufgeführt ward) mit allem Eifer los. Ich mußte einen kleinen Bauernknaben vorstellen und hatte weiter nichts zu tun, als die Chöre mitzuschreien und ein kleines Solo zu singen; noch entsinne ich mich, daß ich eine Sichel in der Hand hielt und damit Bewegungen machte, wie wenn ich das Korn schnitte. Ein großer Student, meinen Vater vorstellend, stand hinter mir und machte allerlei lächerliche Grimassen. Man hielt mich nun für fähig, bei der nächstaufzuführenden Komödie eine wichtigere Rolle zu spielen. Mein lieber Großvater war, von der Botschaft gelockt, daß auch ich auf dem Theater erscheinen würde, von Höchstädt bis Dillingen an seinem Stabe heraufgewankt. Als er aber in den Saal treten wollte, verwehrte ihm die Wache den Eingang; dies schmerzte den alten Mann bis zu Tränen. Endlich nahm sich ein Student seiner an und führte ihn die Stiege herauf und an eine vorteilhafte Stelle, wo er alles sehen konnte. Man teilte die Prämien aus; aber ich erhielt keine. Darüber vergoß ich manche Zähre. Es war so schön, wenn die bessern Studenten vor allem Volke auftraten und sich Prämien (vergoldete Bücher) und Ehre holten. Mein Großvater suchte mich nach der Komödie im Seminar auf. Allein ich mußte mir die Theaterkleider im Jesuitenkolleg ausziehen lassen und traf ihn nicht mehr an, als ich nach Hause kam. Ach, wie schmerzte mich das!

Bald darauf, an Mariä Geburtstage, holte mich meine Mutter ab, dankte allen meinen Lehrern, erkundigte sich bei ihnen um meine Aufführung und nahm mich abends samt dem Koffer nach Höchstädt in die Vakanz mit sich. »O, wie geschwind,« sagte ich auf dem Wege, »ist dieses Jahr vorübergeflogen! Es ist mir wie eine vergangene Woche.«

Herr Bürgermeister Paulus Mayr zu Höchstädt war ein besonderer Studentenfreund. Er nahm sich sogleich sehr gütig meiner an und benützte die Zeit, wo die Herren von Höchstädt beim Weine zusammenkamen, um mir für die ganze Vakanz Kosttage bei ihnen auszubitten. »Es ist schade,« sagte er, »wenn der Bube mit der rauhen Kost seines Vaters sich die Stimme verdirbt.« Wirklich gab er mir bald folgende Liste der Häuser, wo ich zu Gaste sein durfte. Sonntags bei ihm, Montags bei Herrn Benefiziat Ostertag, Dienstags bei Herrn Stadtsyndikus v. Kuhn, Mittwochs bei Herrn Stadtpfarrer Gerstmayr, Donnerstags bei Herrn Spitalverwalter, Freitags wieder bei ihm, Samstags bei den Kapuzinern. Da hatte ich nun immer des Guten vollauf. Um mir die Zeit zu vertreiben, besuchte ich alle die schönen Gegenden, die mir je gefallen hatten, und labte mich an der Erinnerung daselbst genossener Freuden. Wenn mich die Buben sahen, schrien sie gewöhnlich: »Student, Student! hast's Hemd verbrennt!« Das verdroß mich eitlen Schwächling gar sehr; aber ich ließ es nicht merken.

Sehr viele Zeit brachte ich in einem gewissen Hause hin, wo ich schon, ehe ich zum Studieren gekommen war, Knaben und Mädchen im Singen unterrichtet hatte. Da spielten wir in der Scheune allerlei Spiele, die blinde Maus, das Fangen, das Verstecken usw. Der größere Knabe im Hause war sehr kühn und mutwillig, und ich konnte ihn von nichts abhalten, wenn er einmal etwas beschlossen hatte; auch war ich zu klein und kindisch und manchmal auch zu lenksam, um mir ein Ansehen über ihn zu erwerben. Manchmal melkte er die Kühe im Stalle und trank mit mir die Milch; die Magd fand also am Abend wenig mehr und klagte darüber, ohne den Täter zu kennen. Man beobachtete und ertappte uns auf der Tat. Da gab es denn tüchtige Ohrfeigen; besonders kühlte die Frau an mir ihren Mut. »Du bist der Ältere und noch so kindisch. Warum hast du den Jüngern nicht abgehalten?« So hieß es dann. Allein das Wetter war bald vorüber. Ein andermal sahen wir schöne große Fische im Behälter und ergötzten uns lange an ihrem Schwimmen; endlich fiel es uns ein, wir wollten doch sehen, ob sie auch noch schwimmen könnten, wenn wir ihnen Schweif und Flossen abschneiden würden. Gesagt, getan! Da standen die schönen Fische alle ab. Aber man hatte uns nicht auf der Tat ertappt; also leugneten wir's!

Bald darauf hatte man Heu in der Scheune abgeladen. Wir Kinder stiegen auf den obern Boden hinauf, und einige sprangen ins Heu hinunter. Ich fürchtete mich, den hohen Sprung zu tun. Öfters stand ich gebückt am Rande der Bretter, bereit, hinabzuhüpfen; aber immer hielt mich die Furcht zurück. Endlich, als ich wieder bereit stand, gab mir der größere Knabe einen Stoß, daß ich unvermutet herabstürzte und das Kinn so heftig auf mein eigenes Knie aufstieß, daß mir alle untern Zähne wackelten, die Haut am Kinne weggeschlagen war und das Blut heftig zu Mund und Nase herausschoß. Die Frau vom Hause lief herbei und sah den Spektakel. Anstatt sich aber an den bösen Buben zu wenden, der mich herabgestoßen hatte, zankte sie mit mir, daß ich so furchtsam war und ihren Knaben dadurch verleitete, mir durch einen Stoß Mut zu machen. Dies verdroß mich so sehr, daß ich von dieser Stunde an dasselbe Haus nicht mehr besuchte, außer wenn mich Geschäfte dahin riefen. Mein Vetter, der Bader Waginger, bestrich mir das Kinn darauf mit Kampfergeist, und es war bald alles wieder geheilt. Mein Bruder Hans Michel ging nicht lange nachher an einem Nachmittage in den Wald an der Donau, um dürres Brennholz zu sammeln. Auf dem Heimwege trug mein Bruder seine Bürde neben mir her und sprach, als wir an einem Rübenacker vorübergingen: »Mich dürstet so sehr, hole mir ein paar Rüben!« Ich schwang mich über den Zaun und suchte unter den Rübenkräutern umher, die größern ausfindig zu machen. O wehe! da hielt mich plötzlich ein großer Hund bei den Beinkleidern, und der Ackerhirt sprang auf mich zu; ich mochte bitten und weinen, so viel ich wollte, der Hirt nahm mich beim Arme und sagte: »Komm mit, du mußt zum Floßer (dem Eigentümer des Ackers), der läßt dich ins Narrenhäuschen sperren.« Das war ein Donnerschlag für mich. Der Floßer war mein Taufpate, an den ich nur mit Ehrfurcht dachte, und der mich immer geschätzt hatte und – ich war ein Student und sollte ins Narrenhäuschen! Mit dem Weinen hatte es nun ein Ende. Ich hätte rasend werden mögen. Öfters versuchte ich auszureißen, schlug und biß um mich; aber immer packte mich der Hund wieder. Mein Bruder schrie wie ein Weib, dem ein Mörder das Kind raubt, hinter uns her. Umsonst! Der unbarmherzige Hirt ließ sich nicht erweichen; ich mußte zum Floßer hin. Sein Haus steht zum Glücke ganz außer der Stadt, und er sah wirklich zum Fenster herab, als wir anlangten. Ich hätte mich vor Scham in die Erde verkriechen mögen. Da erkannte er mich und rief: »So, Todtle (Patchen), bist du's?« und befahl dem Hirten, mich loszulassen und mir meinen Hut zu geben. O, wie schlich ich da so beschämt davon und getraute mir kein Auge aufzuheben!

Die Studenten, die zu Höchstädt in der Vakanz waren, führten ein Schauspiel auf. Des Inhaltes erinnere ich mich nicht mehr. Aber ich weiß, daß ich etliche Arien und Rezitative zu singen hatte, und daß alle Personen türkisch gekleidet waren. Meine Mutter hätte mich freilich gern recht schön herausgeputzt. Allein ihr mangelte alles, was man Schmuck hieß. Also kaufte sie bei dem Spengler (Klempner) allerlei Flitter, Sternchen, Halbmonde, Sonnen; – die Studenten gaben mir einige Spiegelröschen, und so ward ich herrlich ausstaffiert. Neben den reichern Knaben aber machte ich freilich eine sehr ärmliche Figur. Das verdroß mich, und ich äußerte es gegen meine Mutter. Sie sagte aber: »Xaverl, singe du nur desto schöner; ein schöner Gesang erhält weit mehr Lob, als ein stummer Schmuck.« –

Am St. Ursuläabend 1770 führte mich meine Mutter wieder in das Kosthaus nach Dillingen und empfahl mich meinen Obern mit ihrer gewöhnlichen Anmerkung, man sollte mir nur wacker Schläge geben, wenn ich nicht fleißig und gehorsam wäre. Das schien mir jetzt eine gar nicht mütterliche Empfehlung. In diesem Jahre ging ich viel freudiger zur Schule als im vorigen; denn ich wußte nun schon, was das Lateinlernen auf sich hatte. Das Gefühl, nun der Rute des Herrn Fendt entronnen und ein Gymnasiast zu sein, machte mich so munter und beinahe unbändig, daß ich fast täglich mit der Rute Tatzen bekam. Der Grund meiner Ausgelassenheit lag zum Teil darin, daß ich während der Vakanz immer mit lustigen jungen Leuten Umgang gepflogen hatte, die es für die größte Ehre eines Studenten hielten, allerlei witzigen und unwitzigen Mutwillen zu treiben. Diese Meinung hatte sich mir so tief eingeprägt, daß ich durchaus keine Gelegenheit versäumte, einen lächerlichen Streich zu machen oder mich durch irgendeine Posse auszuzeichnen. Z. B. ich wickelte einen Riemen, mit dem ich sonst meine Schulbücher zusammenschnallte, in eine Schneckenlinie, behielt das eine Ende des Riemens in der Hand und warf das andre mit der Schnalle einem meiner Mitschüler an den Kopf. Sobald der Herr Magister dergleichen Unfug bemerkte, befahl er mir, in die Mitte hinauszuknien und eine Rute in der Hand zu halten. Sein Lehrstuhl war hoch und hatte vorne ein hervorragendes Brett, um Bücher und Schriften darauf zu legen. Nach und nach rückte ich auf den Knien der Kanzel so nahe, daß er mich vor dem Brette nicht mehr sehen konnte; dann drehte ich mich zu meinen Mitschülern und exerzierte mit der Rute wie mit einer Flinte, schnitt Fratzengesichter und machte mit der Kreide allerlei läppisches Zeug an die Kanzel. Ein wiederholtes lautes Gelächter der ganzen Schule verkündigte endlich dem Herrn Magister, was zu seinen Füßen vorging. Er rief mich auf die Treppe an der Kanzel und maß mir mit der Rute etliche zwanzig Tatzen ab. Ich lachte, so lang er schlug. Da ward er böse und hieb nach allem seinem Vermögen darauf los. Ich wechselte lachend mit beiden Händen im Aushalten ab, und als es in die Länge gar zu arg ward, liefen mir zwar die Tränen über beide Wangen herab; allein ich lachte, um recht heroisch zu scheinen, noch immer dazu. Endlich zerfiel die Rute, und ich ward mit einem tüchtigen Verweise in die Stühle an meinen Platz gewiesen. Solche Auftritte gab es sehr oft, bis der Herr Magister endlich entdeckte, daß verkehrte Ehrbegierde die versteckte Triebfeder davon wäre. Da drohte er mir, er wollte mich beim nächsten Anlasse, den ich geben würde, nach einer neuen Rute schicken (womit eine große Schande verknüpft war), und mich mit dieser Rute in der Hand und einem Zettel auf der Brust, worauf mein Vergehen geschrieben stehen sollte, vor die Tür des Gymnasiums, allen Vorübergehenden zum Spektakel, hinausknien lassen. Dies vertrieb mir ohne weiteres alle Lust, durch Mutwillen mich auszuzeichnen. Dennoch konnte ich meine Unart nicht auf einmal gänzlich ablegen. Es gab bald Gelegenheit, mich in die angedrohte Strafe zu verfällen. Wirklich ward ich aus der Schule geschickt, um eine Rute Zu holen. Allein ich lief dafür nach Haus und versteckte mich, so gut ich konnte. Als meine Mitschüler nach geendigter Schule gleichfalls heimkamen, forschte ich nach, was der Magister wegen meines Ausbleibens über mich verfügt hätte; und sie sagten, er habe gedroht, mich beim P. Inspektor zu verklagen. Bald darauf ließ mich der P. Inspektor rufen, gab mir zwar einen tüchtigen Verweis, sagte aber, weil mein begangener Fehler eben nicht sehr groß sei, so wolle er meinen Herrn Magister bitten, er möchte sich für diesmal noch befriedigen lassen, wenn ich, statt des Rutenholens, mittags nichts zu essen bekäme und hungrig dafür auf dem Boden säße. Wirklich mußte ich mich zu dieser Buße bequemen, ohne das mindeste über die Lippen zu bringen. Nachmittags um drei Uhr fing ich sehr zu hungern an, und ich bat alle meine Mitschüler, die mir nahe saßen, um einen Brocken Brot. Einer reichte mir ein ziemlich großes Stück. Allein der Herr Magister sah es und ließ es einem Bettler geben, der eben am Schulhause vorüberging. Darüber traten mir die Zähren in die Augen. Am vier Uhr, nach geendigter Schule, mußten wir den Lehrer ins Kollegium der Jesuiten begleiten. Ich schlich so hinterher. Der Magister wandte sich zuletzt an mich und sagte: »Nun, Bronner! ich meine, der Hunger hat ihm heute das Spaßmachen verdorben?« Da brachen bei mir die Tränen aus. Und der Magister ließ mir beim nächsten Bäcker ein Batzenlaibchen holen, um mich wieder zu trösten. Ich verzehrte es mit dem größten Appetit, indes er mir, kurz und gut und zu rechter Zeit, einige sehr eindringliche Wahrheiten von wahrer Ehre und den Mitteln, sie zu erwerben, einprägte. So ward ich von der Neigung zum Possenreißen nach und nach geheilt.

Beim Eintritte dieses Schuljahres hatte man uns in den coetus angelicus, eine Schutzengel-Bruderschaft für die kleinen Studenten der untersten drei Klassen, aufgenommen. Da stellte uns der Magister, welcher Präses des Cötus war und alle Sonn- und Feiertage predigen mußte, als ein Muster der höchsten Tugend das Leben des heil. Aloysius vor, prägte uns seine überaus hochgetriebene Keuschheit und seinen großen Bußgeist tief ein und ermahnte uns unablässig zu seiner Nachfolge. Um zu erfahren, was für Wirkungen dergleichen Zusprüche auf unsre jungen Herzen hätten, war von jeher sowohl im Cötus, als in der Kongregation der größern Studenten, die Einrichtung getroffen worden, daß jeder wöchentlich einen Zettel, mit der Aufschrift bona opera, auf den Bruderschaftaltar legen mußte, in welchem die Bußwerke, Abstinenzen, Kasteiungen, Almosen usw. des Offerenten, mit Beisetzung seines Namens, geschrieben standen. Der Prediger munterte dann diejenigen öffentlich durch seinen Zuspruch auf, welche sich in sogenannten guten Werken vor andern ausgezeichnet hatten. So ward z. B. ein Studentchen sehr gelobt, weil er in seine bona opera einfließen ließ, er habe kleine Steinchen in seine Schuhe geworfen und sei zur Ehre Gottes und aus Begierde, seinen Leib zu kasteien, während des Spazierens darauf gegangen. Dies tat die Wirkung bei mir, daß ich mir eiserne Nägelchen in die Absätze meiner Schuhe schlug, und die Spitzen einwärts hervorragen ließ, um gleichfalls etwas Besonderes zu haben, das ich in die bona opera schreiben könnte. Ich erwarb mir aber dadurch das erwartete Lob nicht, sondern bekam erst sehr offene Fersen und zuletzt eine Haut darüber, wie dickes Sohlenleder, so daß ich zwar die kleinen Stacheln nicht mehr fühlte, aber wegen des Drückens dieser starken Haut wirklich eine ganz mißliebige Unbequemlichkeit beim Gehen empfand. Die Erzählung von den Wundern des heil. Aloysius und Stanislaus, die beim Genusse des heil. Abendmahles drei Schuh hoch von der Erde wunderbarer Weise erhoben wurden, reizte mich an, allen möglichen Fleiß und Eifer anzuwenden, die heil. Kommunion recht andächtig zu empfangen. Wenn ich dann nach dem Genusse derselben in meinem niederen Stuhle kniete und mich der hergebrachten Gewohnheit gemäß über den Stuhl hinüberbückte, um meine tiefe Demut und Versenktheit in heiligen Anmutungen auszudrücken, so stützte ich mich öfters auf die Ellbogen und hob mich bei den Knien in die Höhe, um zu versuchen, ob mich denn die Luft noch nicht, wie die beiden heiligen Jünglinge, tragen wollte. Da schnaubte und seufzte ich denn in vollem Ernste, wie wenn ich vor heiliger Inbrunst zerschmelzen möchte, und meinte, ich würde dadurch Gottes höchste Gunst gewiß erwerben und ihn nach und nach bewegen, seine Wunderkraft an mir zu äußern. Vor dem Teufel hatte ich eine entsetzliche Furcht, seitdem ich ihn so oft höchst fürchterlich als den Erbfeind des menschlichen Geschlechts abmalen hörte. Um aber doch den verhaßten Geist recht zu necken, machte ich gleichsam ein Gelübde: »Wenn ich je, ohne Weihwasser zu nehmen, aus der Kirche ginge, so sollte er mich ohne weiteres holen dürfen.« Ich glaubte, es müßte ihn sehr schmerzen, wenn er täglich auf mich lauern müßte, und mich dennoch nie erhaschen könnte. Denn an die Möglichkeit, einst aus der Kirche zu laufen, ohne mit Weihwasser besprengt zu sein, dachte ich gar nicht. – Weil man uns von der guten Meinung so oft und eindringlich predigte, so machte ich zu allen meinen Handlungen eine gute Meinung, das heißt, ich sagte in Gedanken: »Herr! dir zu Liebe tue ich das und das« usw. Hiermit glaubte ich, dem gehörten Unterrichte gemäß, jedes Werk zu heiligen. Wenn ich nun etwas vorhatte, das ich für Sünde hielt, wußte ich mir durch den Satz, daß die gute Meinung alle Werke heilige, gar bald aus dem Gedränge zu helfen; ich log, zankte, überhaupt – sündigte zur größeren Ehre Gottes. In dieser Überzeugung lebte ich noch einige Zeit ganz bequem fort, bis sich endlich ein Zweifel darüber in mein Herz schlich und der Beichtvater, dem ich ihn offenbarte, mir beteuerte, man könnte zur größern Ehre Gottes nicht sündigen.

Im Cötus wurden allerlei fromme Bücher ausgeteilt, die jeder, nachdem er sie gelesen hatte, wieder zurückstellen mußte. Diese Bücher enthielten meistens Geschichten heiliger Einsiedler, Klosterfrauen, verführter und vom Teufel geholter Jünglinge, geschehene Wunderwerke, Legenden usw. und trugen viel dazu bei, mir den Kopf noch mehr zu verrücken. Überdies kam ein Missionar an und hielt drei Tage lang auf dem marianischen Saale, bei verschlossenen Türen und Fensterläden und bei schwachem Lichte auf einer Bühne jämmerliche Buß- und Strafpredigten, ergriff sehr oft das Kruzifix, das neben ihm stand und forderte es bald zur Rache, bald zur Barmherzigkeit auf, und wußte seine Sache so gut zu machen, daß wir Kinder alle laut zu heulen und zu weinen anfingen. Während dieser Zeit sah man in unserm Seminar kein Bild an der Wand, vor dem nicht ein Studentchen kniete, entweder auf einem schneidenden Scheit, oder mit einem Stachelgürtel (Zilizium) um den Leib, oder mit einer Geißel in der Hand. Ich lag nachts auf kleinen Scheitern und trug am Tage das Zilizium, geißelte mich auch, ehe ich zu Bette ging, mit Stricklein und wollte ein großer Büßer werden, wie der heil. Aloysius. Nachmittags mußten wir einst alle das Venerabile (geweihte Hostien) zu einem kranken Studenten, dem man die letzte Wegzehrung reichen wollte, begleiten. Im Herausgehen aus der Kirche kam ich so sehr ins Gedränge, daß mir das Zilizium tief in den Leib gedrückt ward, und ich vor Heftigkeit des Schmerzes laut aufschreien mußte; weswegen mich die Studenten weidlich auslachten. Der Bußgeist war mit solcher Heftigkeit in mich und andre kleine Knaben meines Alters gefahren, daß wir bald in eines gewissen Lang, unsers Mitschülers Gartenhäuschen, bald zuhöchst auf dem Scheiterhaufen in der Holzhütte des Kosthauses, wo wir nicht gesehen werden konnten, fromme Zusammenkünfte hielten, von heiligen Büßern und Einsiedlern schwatzten und einander auf den entblößten Rücken geißelten. In der Länge ward uns dies Bußetun zu sauer; denn einige hieben ganz unbarmherzig darein. Um also die Strenge der Geißler zu mildern, bestachen wir sie mit Darreichung eines Kreuzers oder eines erübrigten Teiles vom Mittagessen. Der kürzeste Weg wäre freilich gewesen, gar nicht mehr auszuhalten. Aber das wollten wir nicht. Ich vermute, es mochte sich keiner ansehen lassen, daß er des Büßens müde sei; bis sich endlich unsre Instruktoren in die Sache legten und unter hohen Strafen das Zusammenkommen in was immer für Winkeln verboten. Sie mochten eine ganz andre, der Keuschheit nicht gemäße Ursache unserer Zusammenkünfte argwöhnen. Allein sie betrogen sich hierin sehr; denn wir hatten gar keinen andern Gedanken dabei als Bußetun und Heiligwerden. Dergleichen Schwärmereien brachten bald eine gewisse Schüchternheit und stille Freudenlosigkeit, die mir sonst nicht natürlich waren, in meinen Charakter. Ich spielte ungern Ball und andere Spiele mit meinen Kameraden, teils weil ich wenig an gemeinschaftlichen Ergötzungen teilnehmen mochte, teils, weil ich die geringen Schmerzen eines Ballwurfes zu scheuen anfing. Ich saß gewöhnlich nebendraußen und baute aus Binsen Flöße mit Häuschen darauf, oder fing Grillen und Heuschrecken und sperrte sie in kleine von mir geschnitzte Gefängnisse. In einem Wäldchen bauten andere Knaben und ich geräumige Lauben auf mehrere Weidenbäume und hieben mit unsern Handbeilchen ordentliche Treppen in ihren Stamm. Dort lernten wir unsern Katechismus und die Historie auswendig und plauderten von tausend uns wichtigen kindischen Dingen. Mit Brombeeren löschten wir lange Zeit den Durst, bis einer unsrer Mitschüler einst Bier und Rettiche mitbrachte. Dies schmeckte den meisten so gut, daß sie beinahe alle Vakanztage (Dienstags und Donnerstags) auf den Bäumen im kühlenden Schatten zechten. Braunes Bier konnte ich damals nicht trinken, ich begnügte mich also, Wasser im leeren Krug aus der Donau zu holen und mich mit nassem Brot zu laben.

Der Magister unserer Schule war in Dillingen der erste, welcher anfing, das Deutsche seinen Schülern orthographisch schreiben zu lehren; er gab uns ordentlichen Unterricht in der Rechtschreibung, und jeder mußte sich P. Weitenauers Zweifel über die deutsche Sprache kaufen, um sich in dem kleinen, angehängten orthographischen Wörterbuche Rats erholen zu können. Wenn wir aus der Orthographie schrieben, erhielt ich gewöhnlich den ersten Platz. Er munterte uns auch auf, wir sollten ihm allerlei Aufsätze von unserer Phantasie und Arbeit bringen. Ich ließ mir dies ganz Wohl gefallen, kritzelte etlichemal mit der Feder oben auf einen Bogen eine Art Vignette, welche die Hauptszene meiner Erzählung darstellen sollte, und schrieb auf den übrigen Teil des Bogens die Erzählung, kurz oder lang, je nachdem ich ein mir gefälliges Sujet ergriffen hatte. Es waren meistenteils Erzählungen von Räubern, mit feenartigen Entwicklungen durchwebt, gewiß höchst groteske Machwerke, so viel ich mich derselben noch erinnern kann. Der Magister war anfangs gütig und fein genug, mich aufzumuntern. Aber bald bemerkte er, daß ich dadurch die Lust zu nötigeren Arbeiten verlöre, und machte eine meiner Kompositionen lächerlich; dies benahm mir ohne weiteres den unzeitigen Kitzel, Gaunerromane zu phantasieren.

Übrigens errang ich in diesem Jahre den Platz des Drittbesten in meiner Schule. Der Magister sagte, ich wäre weiter hinaufgekommen, wenn ich die Lektionen fleißiger gelernt hätte; aber zu Hause lernte ich gar nichts auswendig, und wenn ich in die Schule kam, versuchte ich das aufgegebene Pensum flüchtig zu memorieren, ward aber selten damit fertig, bis mich die Reihe zu antworten traf. Beinahe die ganze Zeit, welche zum Studieren bestimmt war, vertändelten wir mit jungen Vögeln, oder Maikäfern, oder Weihnachtskrippen und allerlei kindischen Maschinen, die wir in unsern Pulten aufbewahrten. Das vorzüglichste und fast das einzige, was ich noch freiwillig lernte, waren die Anfangsgründe der griechischen Sprache. Jemand hatte mir des P. Giraudeau Institutiones linguae graecae geschenkt. In diesen fand ich allerlei Fabeln aus Äsop, welche meinen Vorwitz reizten. Ich wollte gern wissen, was sie enthielten, und nahm mir die Mühe, unter Anleitung eines größern Studenten, der ein Liebhaber des Griechischen war, die meisten zu übersetzen. Durch diese Studien brachte ich es schließlich so weit, daß ich im Griechischen immer der Erste war und am Schlusse des Schuljahres mir eine Prämie errang. In der Endskomödie hatte ich im Singspiele eine Hauptrolle und erhielt ziemlichen Beifall. Noch weiß ich's, daß man mich als Merkur an vier feinen Seilen aus den Wolken herabließ, und daß ich lange in den Lüften singen mußte, ehe ich aus meiner Wolke steigen durfte. Zuletzt ward ich wirklich vorgerufen, das Praemium ex greaco abzuholen, und konnte mich vor inniger Entzückung kaum fassen. Meine Mutter war in dem Parterre und weinte vor Freuden.

Ich kam nach Hause und ward überall als ein kleines Wundertier betrachtet, denn schon lange hatte kein Hochstädter Student ein Prämium bekommen. Mein Gönner, Herr Bürgermeister Mayr sammelte mir sogleich wieder die vorigen Kosttage und trug im Rate vor, man sollte mir zur Belohnung 24 fl. aus der Armenkasse schenken; und es geschah. Weine Mutter ließ mir dafür ein Dutzend neue Hemden und andere kleine Notwendigkeiten machen und kaufte mir, was mir die größte Freude machte, einen kleinen Degen. Ich war nicht wenig stolz, so bewaffnet einherzuziehen. Die Disteln am Wege und die Weidenstauden am Altwasser mußten wohl oft meine Herrlichkeit fühlen.

Wir Studenten spielten wieder eine Komödie, und ich bekam auch meine wichtige Rolle, weiß aber nicht mehr, was ich eigentlich vorstellte. Bei dieser Gelegenheit ward ich mit den übrigen Studenten immer bekannter, lief mit ihnen in den Wirtshäusern und nachts in den Gassen umher, um allerlei törichte Farcen zu spielen. Bald führten wir mit Hafendeckeln, Querpfeifen, leeren Fässern, Kuhhörnern usw. eine komische türkische Musik auf und zogen lärmend durch die Stadt; bald besuchten wir die Herbergen der Handwerkszünfte und sangen allerlei schimpfliche Lieder auf sie. Die Weber hätten uns einst deswegen beinahe recht derb abgeprügelt; aber wir entkamen noch glücklich durch die Vermittlung des Wirts. Bei solchen Anlässen war ich kleine Kröte immer einer der vordersten und mutwilligsten; denn die Eitelkeit und die Begierde, mich auszuzeichnen, hatten allzuviel Macht über mich. Wenn wir aber nichts Törichtes trieben, so zankten die Leute und sprachen: »Ach, das sind tote Studenten, es ist kein Leben hinter ihnen.« Wir trieben allerlei lustige Possen, stahlen z. B. soviele Fensterläden zusammen, als wir konnten, trugen sie mitten auf den Markt auf einen Haufen und sahen morgens dem Spaße zu, wie sich jeder Eigentümer mit den andern um die seinigen schlug und mehr dergl.

Ich hatte auch vernommen, daß jeder Student im Gasthause zu Kloster Kaisersheim drei Tage bleiben dürfte. Dort lebte ein Sohn des Herrn Bürgermeisters Mayr, namens Pater Paul. Mit einem Empfehlungsschreiben an diesen Herrn wanderte ich, in Begleitung meines Bruders Hans Michel, der unterdessen wacker singen gelernt hatte, nach Kaisersheim und sprach unterwegs im Kloster zum heil. Kreuze in Donauwörth ein, wo ein Bruder unsres Gönners, namens P. Anselm Mayr, Kellermeister war. Er gab uns eine Maß Wein und Brot und führte uns in das Küchenstüblein. Alles war hier voll Schmutz und Unreinlichkeiten, und das ganze Kloster hatte das Ansehen von einem alten zerfallenden Gebäude. Wir sagten oft zueinander: »Hier möchte ich wahrlich nicht einmal als Toter sein.« In Kaisersheim gefiel es uns viel besser. Es war alles viel heitrer, reinlicher und von einem frischern Aussehen. Da waren wir unter einem Haufen lustiger Studenten von verschiedenen Orten her, hatten Essen und Trinken mehr als genug und – wohl zu merken – Wein, so viel wir wollten. Freilich war es nur ein saurer, geringer Wein; allein wir tranken ihn für den besten. Das gute Beispiel wirkte bei mir so viel, daß ich, obgleich mit einigem Widerwillen, auch Wein zu trinken anfing und bald so viel trank, daß ich mich nach Tische kaum in eine Wiese hinausschleppen konnte und eine sehr große Übelkeit empfand. Allein es geht nichts über die Beharrlichkeit; ich ließ mich dadurch nicht abschrecken, trank, Gesellschaft halber, wieder Wein, doch in geringerer Menge, und hatte davon keine Übelkeit mehr zu befahren. Nun letzte ich mich erst recht nach Herzenslust an diesem Getränke und bedauerte sehr, daß ich nicht immer dableiben dürfte, um noch ferner so gute Tage zu haben. Der Herr Reichsprälat, die Hofpatres und vorzüglich der P. Mittelbursier Paul gaben mir reichliche Geschenke in mein Prämium, und entließen mich mit guten Lehren und schönen Ermunterungen.

Ich mochte beim Weggehen etwa elf Gulden haben, darunter ein paar bayrische Taler waren. Voll Freude über eine so große Summe klapperte ich auf dem Wege nach Donauwörth immer mit meinem Gelde, zog einen Taler nach dem andern aus der Tasche und warf ihn scherzend vor mir hin auf die Straße: »Wir haben ja Geld zum Wegwerfen«, sagte ich in stolzem Scherze. Mein Bruder ließ sich die Mühe nicht gereuen, die Taler immer wieder aufzuheben. In Donauwörth war eben die Kirchweihwoche und Jahrmarkt. Eine Würfellotterie lockte mich an, hineinzusetzen. Ich verlor und gewann; aber der Gewinn war höchstens ein kleines nichtswürdiges Anhängsel für Kinder. Bald hatte ich eine ziemliche Summe verspielt. Die wollte ich nicht dahintenlassen, denn die Leute sagten, vor wenig Augenblicken hätte ein Knabe einen goldenen Becher herausgehoben. Dadurch ward ich immer mehr angefeuert, setzte und verlor stets wieder, bis ich zuletzt nichts weiter in der Tasche fühlte als ein paar Vierundzwanzig-Kreuzerstücke. Auch diese würde ich daran gewagt haben, wenn mich nicht mein Hans Michel beim Ellbogen gezupft und mich zu gehen ermahnt hätte. Höchst betrübt schlichen wir zum Tore hinaus, weinten draußen laut auf und verfluchten das höllische Lotto. »Ach, so viel Geld, so viel Geld verspielt!« klagten wir: »Was wird die Mutter und der Vater sagen, wenn wir fast gar nichts heimbringen? O, jetzt hätten wir's nötig, daß wir einen Schatz fänden!« »Laß uns beten,« sagte ich, »vielleicht macht unser Herrgott, daß wir einen finden. Wir wollen nun alle Bauernhöfe abstappeln (abbetteln), und über jene Äcker dort gehen, vielleicht finden wir einen Schatz, oder wir bekommen doch von den Bauern etwas geschenkt.« Wir zogen unsre Rosenkränze aus der Tasche und beteten sie mit nassen Augen höchst andächtig ab. Nun waren wir an den Brachäckern und sahen von fern etwas glänzen; weil wir nun gehört hatten, daß man bei Entdeckung eines Schatzes kein Wort reden dürfe, wenn er nicht wieder verloren gehen soll, so gaben wir einander nur durch Winke ein Zeichen und liefen schnell darauf zu, sahen, daß es etliche glasierte Scherben waren, ließen uns aber nicht irre machen, denn ein Schatz sieht gewöhnlich nur wie elendes Zeug, man sagte uns gar, wie Kiesel, Scherben und dergl. aus; sondern wir legten ohne Verzug unsre geweihten Rosenkränze darauf, um ihm das Verschwinden zu verwehren, und steckten die Scherben sorgfältig in die Tasche, in der zuversichtlichen Hoffnung, sie würden bald zu gediegenem Golde werden. Bis dies geschehe, bettelten wir in jedem Dorfe von Haus zu Haus. In Münster schnauzte mich der Hofhund eines Bauern sehr unhöflich an und lief mir bellend nach; flugs war ich mit meinem kleinen Degen aus der Scheide und focht gegen den Hund. Allein auf einmal ergriff mich eine törichte Furcht, und ich lief samt dem Gewehre davon, den Bauern zum Hohngelächter. Dies schreckte mich ab, im Dorfe ferner zu betteln. Abends spät gingen wir von Schweningen weg und hatten noch eine gute Meile nach Hause. Die Hasen und Eulen riefen einander zu; aber wir hielten sie für Gespenster und fuhren bei jedem Schrei ineinander. Müde und hungrig kamen wir nach Hause. In Hellern, Pfennigen, Kreuzern, Groschen und ein paar Vierundzwanzigern zählten wir der Mutter beinahe fünf Gulden vor; denn soviel hatten wir durch anhaltenden Fleiß erbettelt. Wir meinten, je später wir nach Hause kämen, desto leichter würden wir einer näheren Untersuchung ausweichen und hatten nicht ganz unrecht, denn der Vater war schon zu Bette gegangen. Die Mutter schüttelte unzufrieden den Kopf, als sie die vielen Heller und Pfennige sah. »Wo habt ihr das Geld bekommen?« fragte sie kalt. »In Kaisersheim und auf dem Wege in den Dörfern. Diesen Vierundzwanziger hat uns der Prälat geschenkt, diesen der P. Paul, diesen Zwölfer der P. Anselm in Donauwörth.« Und so nannten wir fälschlich einen Geber nach dem andern. Wir konnten aber unsre Schelmerei doch nicht so ganz übertünchen, daß die Mutter nicht Unrat gemerkt hätte. Allein sie schwieg jetzt und nahm sich vor, jeden von uns insbesondere zu verhören. Ohne mein Wissen setzte sie den Hans Michel morgens frühe zur Rede; und dieser gestand den ganzen Hergang, die Summe des verspielten Geldes ausgenommen, die er klug genug verschwieg. Ich leugnete, solange es gehen wollte, bis ich mich in meinen eigenen Widersprüchen verwickelte und wider Willen endlich alles eingestehen mußte. Aufrichtig erzählte ich endlich mein Vergehen, nur die Summe des verspielten Geldes verminderte ich weit über die Hälfte; denn es wäre gar zu gefährlich für meinen Rücken gewesen, wenn ich auch dies bekannt hätte. So lief es aber ganz leidlich mit einer langen Strafpredigt über die Schädlichkeit meiner Neigung zum Spiele ab.

Nun kam der Höchstädter Herbstmarkt, und mein Vater führte mich hin, um mir etwas zu kaufen. Absichtlich stellte er sich an eine Bude, wo ein Würfellotto war, und sagte mit einem neckenden Seitenblicke: »Xaverl, magst du nicht hineinsetzen?« Ich fühlte das Beißende dieser Frage und lief ohne weiteres von der Bude weg. Darüber konnte mein Vater sich des Lachens nicht enthalten. Die Mutter hatte mir versprochen, dem Vater nichts von meinem Spiele zu sagen, und nun erfuhr ich, daß sie mich wirklich verraten hatte. Dennoch war ich froh, daß sich das befürchtete Ungewitter durch ein unschädliches Lachen und nicht durch derbe Schläge entladen hatte. Er rief mich wieder zu sich und sagte: »Sieh, Xaverl, das war eine Prüfung; hättest du Lust gezeigt, noch einmal ins Lotto zu setzen, so würde ich dich geprügelt haben, bis du zu Hause angelangt wärst. Dein Glück, daß du wegliefst. Laß dir dein letztes Mißgeschick ewig zur Warnung sein!« Der ganze Vorfall fruchtete wirklich soviel, daß ich bisher niemals wieder um Geld spielte, als wenn ich mußte; obschon ich während meines ersten Studienjahres keinen geringen Hang zum Kartenspiele hatte. –

Am St. Ursulaabend 1771 zog ich wieder nach Dillingen in das Kosthaus und bekam einen vortrefflichen Studenten und Organisten, Herrn Schulzmorlin, zum Instruktor. Er hielt mich zum Lesen lateinischer Klassiker an und machte mich auf die Eigenarten dieser Sprache aufmerksam. Im Seminar teilte man ärmeren Studenten zu Anfang des Schuljahres die nötigen Bücher aus, wovon eine ziemliche Menge vorrätig war. Ich bekam einen Julius Cäsar; der schöne Druck und Einband entzückte mich; und das Buch ward mir so lieb, daß ich den ganzen Tag darin las und viele Stellen übersetzte. So ward mir in der Grammatik unvermerkt der lateinische Ausdruck bekannter und geläufiger und ich lernte spielend, was andern mit Mühe eingeprägt werden mußte. In der Schule ging es besser als im vorigen Jahre; ich betrug mich ruhiger und lernte meine Lektionen fleißiger. Man glaubte, ich würde wenigstens der Zweitbeste werden. Allein bald nach Ostern bekam ich das dreitägige kalte Fieber. Ich hatte an einem Nachmittag auf einmal für sieben Kreuzer Monatrettiche gegessen und viel Wasser dazu getrunken. Jedermann gab dieser Unmäßigkeit schuld, daß ich krank ward. Ich besuchte zwar, ungeachtet meiner Krankheit, die Schule an den guten Tagen, wo mich der Fieberfrost nicht eben schüttelte. Allein gar oft mußte ich wider Willen von der Schule wegbleiben und das Bett hüten. Das Fieber verließ mich auch nicht früher, als bis ich in der Herbstvakanz nach Hause kam und eine gewisse Arznei nahm, von der ich nachher reden werde. Es blieb zwar in der Zwischenzeit einigemal auf wenige Tage aus; allein es kehrte immer wieder zurück. Einmal vertrieb ich es acht Tage lang durch Laufen. Ein Student hatte mir geraten, so lange einen Hügel auf und ab zu springen, bis ich unmöglich mehr gehen könnte, sondern liegen bleiben müßte, das würde mir helfen. Ich tat es, und es gelang. Aber bald kam das Übel wieder. Dessenungeachtet gab man mir eine Sängerrolle in der Endskomödie und hoffte immer, das Fieber sollte mich bis dahin verlassen. Ich schrieb mit andern pro praemiis und wohnte den Examinibus aus dem Katechismus und der Geschichte bei, wie jeder andre; denn der Fieberfrost ergriff mich erst nachmittags. Bevor man pro praemiis schrieb, ging man auf einen der umliegenden Orte peregrinieren oder wallfahrten, um den Segen Gottes zu erbitten. O, wie wehe tat es mir, als ich am Peregrinationstage im Schlafsaale allein liegen und mich kaum emporheben konnte, um das Fenster zu erreichen und meine Gespielen jubilierend auf das Dorf Altheim klassenweise hinauswandern zu sehen. Ich weinte bittere Tränen. Dennoch waren einige Übelgesinnte unbillig genug, gegen mich den Verdacht zu erwecken, als stelle ich mich krank, um in der Komödie keine Person übernehmen zu dürfen. Ich haßte zwar die Rollen, weil ich zu viel annehmen mußte, und weil sie mich im Studieren merklich hinderten. Aber ich stellte mich deswegen doch nicht krank. Wenn ich zu Bette liegen mußte, ward mir oft die Zeit überaus lange. Um sie mir zu kürzen, ließ ich Schreibmaterialien in mein Schlafständchen bringen und verfertigte Lustspiele, Zwischenspiele und Hanswurstiaden, die letztern am liebsten, in der Absicht, sie während der Herbstvakanz mit meinen Brüdern aufzuführen. Was mir immer Lustiges und Burleskes einfiel, wurde in ein solches Quodlibet zusammengedrängt. Die Zeit der Endskomödie rückte heran, und ich mußte als ein Fieberkranker meine Rolle spielen. Die Wangen wurden mir sehr stark geschminkt; aber meine Blässe war an den übrigen Teilen des Angesichts nur desto sichtbarer. Bei der ersten Aufführung des Singspiels ward mir nicht übel; aber bei der zweiten oder letzten. Ich sollte am Ende der Hauptperson zu Füßen fallen, hatte aber die Kräfte nicht mehr, mich auf die Knie gehörig niederzulassen und fiel der Länge nach hin, so daß man mich ohnmächtig hinter die Kulissen ziehen mußte. Die Prämien wurden ausgeteilt, und ich bekam drei, eine ex soluto, die andre ex graeco, und die dritte ex Catechisimo, ohne sie auf dem Theater selbst abholen zu können. Man trug die Prämien zu meinem Bette, um mir Freude zu machen, die gewiß nicht gering war, und die Köchin brachte zugleich eine sehr gute, für mich besonders gekochte Speise: allein ich konnte vor Ekel nichts davon genießen. Ich hatte lange sehr andächtig, um Prämien zu bekommen, auf meinen einsamen Spaziergängen gebetet und ging einst an einem armen Bettler vorüber, der beständig am ganzen Leibe von einer Art Gichter erschüttert ward. Mir fiel ein, all mein Geld (es waren drei Groschen, für mich eine große Summe) dem Bettler zu schenken in der Absicht, Gott sollte mir mein Almosen durch Prämien vergüten. Als ich es hingab, dachte ich in der Stille: »Herr! für jeden Groschen ein Prämium!« Nachdem ich nun wirklich drei Prämien erhalten hatte, glaubte ich gewiß, Gott habe mich damals erhört und den Handel gleichfalls mit mir geschlossen. Ich machte es in den folgenden Jahren wieder so: aber ich war gar zu ungenügsam und wollte allzuviele haben; deswegen konnte mein vorhablicher Groschenaustausch unmöglich akzeptiert werden.

Ich trug mein Fieber in die Herbstferien nach Höchstädt. Auch hier sollte ich eine Person in der Komödie annehmen. Ich stellte die Unmöglichkeit wegen des Fiebers vor. Aber da hieß es: »Laß das gut sein; der Apotheker hilft dir im Augenblick davon. Jetzt mag es noch eine Weile austoben. Aber wenn es auf die Komödie losgeht, nimmst du eine einzige Pille und das Fieber ist weg.« Wirklich ging es so. Der Apotheker schickte mir eine erbsengroße rote Pille; ich nahm sie, und das Fieber blieb aus. Ohne Anstand konnte ich auf dem Theater erscheinen. Aber bald darauf aß ich einige Erdbirnen und Kukumern in Essig und Öl und bekam das Fieber wieder. Ungeduldig darüber, kostete ich endlich eine Zeitlang nichts mehr als warme Brotsuppen und ward es dadurch bald gänzlich los.

Bald nachher machte ich einen Ausflug nach Kloster Deggingen im Rieß, etwa vier Stunden weit; mein jüngster Bruder Franz Joseph, der fünf Jahre jünger ist als ich, begleitete mich; er war im neunten, ich im vierzehnten Jahre. Wir gingen über das Dorf Lutzingen und die Benediktinerpropstei Unterließheim, wo ich bei allen Häusern meine Prämien für ein Geschenk sehen ließ. In Deggingen nahm sich ein lustiger Pater unser an. Er veranstaltete, daß wir einen großen, wie eine Blutwurst gefüllten Schweinsmagen (Sausack) samt Sauerkraut, Obst und Lebkuchen (Lebzelten) zu essen und Bier und Wein zu trinken bekamen. »Greifet zu, greifet zu,« sagte er, immer höchst geschwind und etwas stotternd, »dies Gefräße da bekommt euch gewiß besser, als eine Arznei.« Mein Bruder mußte den Sausack zerschneiden und warf zu nicht geringer Freude unsers P. Gastmeisters Kraut und Sausack mit großer Geschicklichkeit auf den Boden, holte aber beides ohne Bedenken wieder herauf und aß mit mir darauf los, wie wenn gar nichts Ungeschicktes vorgegangen wäre. Als wir um halb vier Uhr abends das Kloster verließen, um wieder nach Hause zu kehren, und eine Weile gegangen waren, fing das belobte Gefräße in uns zu operieren an. Wir liefen gebückt umher, winselten und konnten vor schneidendem Bauchgrimmen uns kaum mehr fassen, bis sich die Natur des innern Aufruhrs entledigte. Aber da befanden wir uns in einem Zustande von Mattigkeit, der kaum erlaubte, uns weiter zu schleppen. Lange lagen wir auf einer kleinen, sonnigen Wiese im Walde. Endlich mahnte uns die sinkende Sonne, alle Kräfte anzuwenden, um aus dem eine starke Meile breiten Walde zu kommen. Als wir von Lietzheim nach Deggingen gingen, hatte uns ein Metzger den Fußsteig gezeigt. Wir hofften denselben ganz gewiß wieder zu treffen und gingen auf dem uns noch wohlbekannten Steige fort. Da begegnete uns ein junger Jude von etwa 20 Jahren mit einem Tragkorbe auf dem Rücken. Wir fürchteten uns vor dem Juden und schlichen ängstlich an ihm vorüber; denn er betrachtete uns mit sehr scharfen Blicken und blieb stehen, als wir ihm näher kamen, und man hatte uns immer gesagt: die Judenweiber brauchten Christenblut, sonst könnten sie nicht gebären. Kaum waren wir dem Juden aus dem Gesichte, so fingen wir an zu laufen, damit er uns nicht mehr einholen möchte, und verfehlten darüber den rechten Weg, der sich bei einer schönen, großen Eiche von einem Seitenpfad schied. Wir kamen immer tiefer und tiefer in den Wald. Endlich verlor sich der Fußsteig ganz. Es ward schon dunkel. Wir schwebten in einer entsetzlichen Furcht und glaubten alle Augenblicke, die wilde Jagd oder ein Waldgespenst werde uns mitnehmen. Nach langem Laufen hörten wir nicht gar ferne läuten. Wir drängten uns durchs Gebüsche nach der Gegend hin, woher der Schall kam, hatten aber lange zu ringen, bis wir ins Freie gelangten, öfters täuschten uns eine Wiese oder ein Acker mitten im Walde. Mein Brüderchen konnte vor Müdigkeit kaum mehr gehen und weinte immerfort. Endlich sahen wir Licht von ferne. Es war ganz finster. Mit neuen Kräften eilten wir darauf zu. Aber wir merkten, daß wir in ein Tal gerieten. Zuweilen glitten wir eine ziemliche Strecke über Steine hinab, bis wir wieder festen Fuß fassen konnten. Mein Bruder hielt sich immer an meinem Rocke fest. Ich merkte nun, daß wir auf Felsen standen und fürchtete, über eine Anhöhe hinabzustürzen. Ich legte mich also am Rande des Felsen auf den Bauch und griff mit der Hand hinab, soweit ich konnte; mein Bruder hielt mich bei den Füßen, damit ich nicht überschwankend würde. Aber nirgends war ein Ausweg, überall abschüssige Felsenwand. Wir wollten wieder zurück; konnten aber nicht mehr hinaufsteigen. Nun ergriff uns erst die schrecklichste Angst. Sollten wir auf diesem Felsenstück die ganze lange Nacht zubringen? Wir fingen mörderlich zu schreien und zu heulen an. Endlich kamen Leute mit Laternen heran und riefen, wo wir wären und was uns fehlte? Kaum kamen sie näher und erblickten uns auf dem Felsen, so stiegen sie soweit herab, als sie vermochten, und streckten uns, auf der Erde liegend, die Hände zu. Allein wir konnten sie nicht erreichen. Einer lief also fort und holte eine Leiter aus dem nahen Dorfe, an welcher sie uns glücklich emporzogen. Wir waren in den sogenannten Kessel geraten, wo der Bach Kessel entspringt, der das Kesseltal bewässert; unter uns glänzte ein großer Wasserteich, als die Leute mit den Laternen hinableuchteten; und ringsumher waren hohe Felsen aufgetürmt. Wir standen auf einer dieser hervorragenden Felsenmassen und hätten durch ein nochmaliges unvorsichtiges Hinabglitschen ganz gewiß unser Verderben in der Tiefe gefunden. Die Bauern führten uns ins Dorf, gaben uns zu essen und weiches Lager in der Heuscheune, und wir schliefen gesund und wohl, bis uns das Dreschen weckte. Kaum graute der Tag, so krochen wir aus unserm Neste, dankten dem braven Wirt, der unser Retter gewesen war, und ließen uns den Weg zeigen, den wir zu nehmen hätten. Und so langten wir bis zur Mittagszeit glücklich zu Hause an und erzählten unser Abenteuer mit Vergrößerungen und Beisätzen von Gespenstern, die uns im Walde verführt hätten und dergl.

Mit meinem ehemaligen Schulkameraden Ignaz Strobl, der nun auch Student geworden war, ging ich öfters bald an die kleinen Teiche und Altwasser um Höchstädt hinaus, um Wildenten oder Bekassinen zu schießen, bald auf das Feld, um Hasen und Rebhühner zu jagen. Ich hatte kein Gewehr und freute mich nur, wenn ich zusehen durfte. Aber einst reichte mir Strobl die Vogelflinte, um unter einen Flug Staren hineinzuschießen, die sich eben auf einer Reihe Weidenstauden niedergelassen hatten. Er jagte sie auf, und ich drückte los, warf aber im nämlichen Augenblicke die Flinte ins Gras aus Furcht, sie möchte zerspringen, und traf natürlich kein Federchen.

Das Herumlaufen mit Strobln hatte mir doch so große Begierde zum Schießen eingeflößt, daß ich meines Vaters alte Flinte aus dem Winkel hervorzog und heimlich damit auf das Feld schlich. Mein Bruder Hans Michel begleitete mich. Als wir zum mittleren Tore hinaus wollten, saß eine junge schwarze Katze auf einem Bänkchen. Mein Bruder hatte sie flugs unterm Rocke und trug sie mit sich auf eine Wiese am Wasser, wo wir ihr einen Tod antun wollten. »Die ist ganz recht, unsre Flinte zu probieren,« sagten wir und banden sie mit unsern Strumpfbändern an einen Markpfahl. Ich wollte auf sie schießen und lag schon im Feuer. Da erinnerte mich mein Bruder: »Halt, Xaverl, wenn sie eine Hexe ist, kann dir ein Unglück begegnen und die Flinte zerspringen.« Ich hielt also ein und bedachte mich, wie der Gefahr vorzubeugen sei. Es ward beliebt, die Flinte an einem gegenüberstehenden Markpfahle festzubinden, Steine darunter zu legen, damit das Rohr auf die Katze zielen möchte, einen langen Bindfaden von dem Drücker aus in die Ferne zu ziehen und so das Gewehr ohne Gefahr loszuschießen. Ich zog am Faden, und das Zündkraut brannte auf. »Siehst du!« sagte mein Bruder, »sie ist gewiß eine Hexe und verhindert ihren Tod.« »Wir wollen es noch einmal probieren«, sprach ich, streute wieder Pulver auf die Pfanne und zog. Die vorige Geschichte! – Nun fürchteten wir in barem Ernste, wir hätten es mit dem Bösen zu tun und hielten Rat, ob wir es auch zum drittenmal versuchen sollten. Das Resultat war Nein. »Wir wollen uns,« sagten wir, »durch das zweimalige Versagen des Gewehres warnen lassen und uns nicht zum drittenmal in Gefahr begeben; sonst möchte uns der Schutz Gottes verlassen.« Wir banden also die Katze und unser Gewehr los und resolvierten: »Wenn wir sie ersäufen, kann uns kein Unglück begegnen; sterben muß die Hexe!« Dann warfen wir sie ins Wasser; aber die Katze rettete sich glücklich an das jenseitige Gestade, und wir sahen sie noch etliche Tage nachher im Bruckwerthe (einem Anger) laufen und glaubten gewiß, sie habe sich durch Hexenkünste aus unsern Händen gerettet. –

Den 20. Oktober 1772 ging ich wieder in das Kosthaus nach Dillingen und trat in die Klasse Grammatica media oder Syntaxis minor genannt. Da war ein ganz anderer P. Inspektor des Seminars, namens Johann Evangelist Kerschbaumer, aufgestellt; denn der P. Vitus Keller war als Prokurator nach Neuburg abgegangen. Wir fanden auch einen andern Herrn Magister, namens Leonhard Bahrer. Und zum Herrn Instruktor bekam ich einen Studenten der Theologie, mit seinem Geschlechtsnamen Adam, von Eichstädt gebürtig. Sowohl der Pater Inspektor, als der Herr Magister waren außerordentliche Liebhaber der griechischen Sprache und drangen, was eine Seltenheit war, so sehr auf die Erlernung derselben als des Lateins. In diesem Jahre geriet mir auch das erste deutsche Buch, in welchem Gedichte standen, in die Hände. Es war P. Weitenauers Sammlung kleinerer Gedichte. Daran konnte ich mich gar nicht satt lesen; und ich versuchte, allerlei nachzupfuschen. Es wollte aber gar nicht gelingen. Denn ich ließ mich ganz vom Reime führen, ohne zu wissen, wohin ich eigentlich wollte. Endlich gab mir der Herr Magister P. Bidermanns Utopia, desselben Acroamata und P. Des Billons lateinische Fabeln. Diese Bücher, weil sie im erzählenden Tone geschrieben sind, vorzüglich das erste, welches lustige Anekdoten enthält, gefielen mir so wohl, daß ich sogleich den Versuch wagte, in deutscher Sprache ähnliche Erzählungen zu fabrizieren. Ich zeigte sie dem Herrn Magister und erhielt neue Aufmunterung, aber auch eine scharfe Ermahnung, mich nicht meiner wilden Phantasie zu überlassen, sondern zuerst mit Übersetzungen anzufangen, um mich nach und nach mit mehr geläuterten Kenntnissen usw. weiter zu wagen. Er versprach mir auch, er wolle uns am Ende des Jahrs, in der ruhigen Zeit, wenn man pro praemiis geschrieben haben würde (da man ohnehin die Schulstunden gewöhnlich mit gesellschaftlichen Spielen oder unter Gesprächen hinzubringen pflegte), eine kurze Anleitung, deutsche Verse zu machen, geben; und hielt getreulich Wort. Ich übersetzte sogleich zur Probe einige kurze Fabeln von Des Billons in reimfreie vierfüßige Jamben und studierte Weitenauers Sammlung deutscher Gedichte mit allem Feuer. Zu Ende des Jahrs bekam ich drei Prämien, ich weiß aber nicht mehr aus welchen Gegenständen. Darunter fand ich zwei Bände von Denis Sammlung kürzerer Gedichte, in denen viel schöne mit Geschmack gesammelte Stücke der besten deutschen Dichter und Geßners Tod Abels abgedruckt waren. Der letztere und einige Idyllen ebendesselben vortrefflichen Dichters zogen mich so sehr an, daß ich nicht aufhören konnte, sie zu lesen und wieder zu lesen.

Soviel ich mich erinnere, fielen mir in den zwei vorigen und in diesem Schuljahre die Kinderzähne aus. Die obere Reihe der Vorderzähne wuchs aber so, daß sie die Oberlippe etwas hervordrängten. Dies gestaltete mich so übel, daß mich mein Vater, als ich wieder nach Hause kam, kaum mehr ansehen konnte und sein Mißfallen so oft und so beißend äußerte, daß ich endlich in Tränen ausbrach und sagte: »Was kann ich dafür, daß ich so gewachsen bin?« Er schlug mich aber mit der Hand ins Gesicht; denn er glaubte, es sei nur eine ungeschickte, unbesorgte Art mich so zu tragen. In diesem Jahre hatte ich in der Promulgationskomödie eine weibliche Person, die Providenz, vorzustellen. Eine fromme Hofratstochter bot sich an, mich anzukleiden. Als ich in ihr Haus trat, schien es, als wenn ihr mein Aussehen nicht ganz gefiele: »Er muß ein Frauenzimmerhemd anziehen,« sagte sie und suchte eines hervor: »Da – nehme Er und komm Er mit mir.« Sie führte mich in ein schönes Zimmer im oberen Stockwerk, legte das Hemd auf einen Tisch und ging aus dem Zimmer. Schüchtern zog ich meine Kleider ab (denn es dünkte mich immer, man könnte mich etwa belauschen) und warf das Frauenzimmerhemd über mich. Dann stieg ich in meine Beinkleider und das Fräulein rief: »Ist Er fertig?« und kam auf mein Jawort herein, um mich in das untere Zimmer hinabzuführen. Sie hieß mich dort in eine Schnürbrust schliefen und zwängte mich so enge hinein, daß mich die Hüften schmerzten. Den leeren Raum oben an der Brust füllte sie mit Leinwand aus. Dies Ankleiden, so sittsam und vorsichtig sich auch das Fräulein dabei benahm, meine Blicke auf die Beschäftigte und das Vergleichen ihrer Bildung mit der meinigen weckten in meinem Herzen allerlei Gedanken und ließen mich zum erstenmal merken, daß ich ins Jünglingsalter trat.

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