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Ein Mönchsleben aus der empfindsamen Zeit

Franz Xaver Bronner: Ein Mönchsleben aus der empfindsamen Zeit - Kapitel 2
Quellenangabe
typefiction
authorFranz Xaver Bronner
titleEin Mönchsleben aus der empfindsamen Zeit
volumeErster Band
editorOskar Lang
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectida7a1e231
created20061022
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Erstes Kapitel:

Früheste Kindheit.

Mein Geburtsort – Eltern und Voreltern – Des Vaters Kampf mit der Armut – Erste Kindheit – Die fernsten Erinnerungen – Meine Brüder – Das Echo – Die Nachbarn – Meine erste Lüge – Fernere Erziehung – Erste ländliche Freuden – Ein Dieb und Betrüger, schon so jung – Sparbüchse – Zank und Trennung in der Familie – Taubheit.

Mein Geburtsort ist das Städtchen Höchstädt, im Fürstentume Pfalz-Neuburg, an der nordöstlichen Grenze von Schwaben, etwa eine Achtelmeile vom Ufer der Donau. Auf den nahen Ebenen erfocht der Marschall von Villars mit dem Kurfürsten von Bayern, den 20. September 1703, einen Sieg über die Kaiserlichen; im folgenden Jahre aber, den 13. August, gewann daselbst Marlborough mit dem Prinzen Eugen die berühmte blutige Schlacht, in welcher der unglückliche Marschall von Tallard, nebst zwölftausend seiner Veteranen, zu Blintheim, einem Dorfe, das eine halbe Meile weiter hinabwärts an der Donau liegt, gefangen genommen ward.

In einem Hohlwege, zunächst an der Vorstadt von Höchstädt (die alte Stadt genannt) ist ein Begräbnisplatz, wo eine Menge im Treffen Gefallener beisammen verweset. Als Knabe stand ich oft am steilen Abhange des Hohlweges, staunte die unzähligen Gebeine an, die da, bunt durcheinander geworfen, aus lockerem Lehm hervorstarrten, und versuchte zu erraten, ob mehr Deutsche oder mehr Franzosen hier begraben lägen; denn wir hielten die weißen Gebeine für die schwächern, also für französische, die gelblichen aber für die stärkeren oder für deutsche. Seitdem baute man dort eine bequemere Landstraße und grub den Totenhügel ab; aber sein Bild bleibt tief in meine Seele geprägt.

Im untern Teile des Städtchens, nicht fern vom Schlosse, dem ehemaligen Witwensitze der Herzoginnen von Neuburg, führte eine kleine Gasse den Hügel hinan, auf dem ein Nonnenkloster mit seinen geräumigen Gärten steht, das jetzt, nachdem die Nonnen vom Carmelitenorden teils ausgestorben, teils vertrieben sind, ein gewisser Herr Sack zum Eigentum erhalten hat. Am Abhang dieses Hügels birgt sich hinter einem umarmenden Rebstock, der schon mehrere Menschenalter hindurch seine Eigentümer mit Trauben gelabt hat, der Giebel eines halben Häuschens, in dem ich geboren ward, und das noch jetzt mein lieber Vater einsam bewohnt. Ein niedriges Ziegeldach, das sich bis zu den kleinen Fenstern beschattend herabsenkt, ein Gärtchen, etwa so groß als ein kleines Zimmer, eine baufällige Hütte daran, die einst die Dienste einer Scheune und Stallung tat, und ein enger Hofraum vor dem Eingange – machen das Bild der prächtigen Residenz vollständig.

Auf Reichtum, Ruhm und großes Ansehen meiner Vorfahren kann ich gewiß niemals stolz werden; denn alle waren arm, unbekannt und von der niedrigsten Herkunft. Meines Vaters Eltern, Georg und Lenore Bronner, kamen von dem Dorfe und Frauenkloster Maria-Mädingen, unweit Dillingen (wo sie, wie ihre Voreltern, Ziegler waren), nach Höchstädt, um auch da auf dem Ziegelstadel, dessen wahrer Eigentümer die Stadt ist, für einen bestimmten Jahrlohn die Ziegel- und Kalkbrennerei zu besorgen. Beide kannte ich noch; aber wenn wir Kinder sie zu besuchen kamen, achteten sie kaum unsrer Gegenwart, waren etwas rauh und unfreundlich, und so schieden wir immer kalt und unbekannt voneinander. Sie hatten vier Söhne, Georg, Hans, Jakob und Anton nebst einer Tochter Lenore. Hans, mein Vater, war der zweitgeborene. Georg, sein ältester Bruder, der auch Ziegler in Höchstädt ward, starb schon vor einigen Jahren und machte dem jüngsten (Anton) Platz, der hierauf an seine Stelle kam. Jakob, der dritte, ist ein Rotgerber. Lenore heiratete einen Ziegler zu Wallerstein und liegt bereits begraben.

Die geringen Einkünfte der Großeltern erschwerten es ihnen sehr, diese fünf Kinder groß zu ziehen, und zwangen sie, so eingeschränkt und geringe wie möglich zu leben, und ihre Kleinen schon in der frühestesten Jugend zur strengsten Arbeit anzuhalten. Als Knabe fuhr mein Vater mit seinen Brüdern, wenn morgens im Winter die Eltern noch schliefen, und die Kleider nicht ohne sie zu wecken aus der Wohnstube geholt werden konnten, öfters mit bloßen Füßen und im Hemde auf Handschlitten den beschneiten Hügel hinab, auf dem der Ziegelstadel vor dem oberen Tore steht; und öfters mußte er im Frühling und im Herbste barfuß den Lehm treten und durcheinander kneten, über den eine Eishaut gefroren war: so wenig durfte er die Kälte achten.

Georg, Anton und mein Vater lernten bald die Geige, die Querflöte und den Baß spielen und verdienten sich in den Wirtshäusern der Gegend als Spielleute manchen Gulden. Bei lustigen Gesellschaften hieß es oft: »Laßt die Ziegler-Kompagnie holen!«

Mein Vater hatte das Unglück, von seinen Eltern verachtet zu werden; denn er schien ihnen nicht gewandt genug und allzu ängstlich. Einst ging er abends spät nach Hause; da fand er ein junges Schwein, das sich von der Herde verlaufen hatte, und trieb es, weil die Stadttore bereits gesperrt waren vor sich hin, um es die Nacht über im Ziegelstadel aufzubewahren, und morgens dem Eigentümer zurückzustellen. Seine Eltern kannten das Schwein und wußten, daß es dem reichsten Gastwirte in Höchstädt zugehörte. Dieser Umstand, ihre Armut, die höchste Wahrscheinlichkeit, unentdeckt zu bleiben, und die Meinung: Armen eine Nadel stehlen sei Todsünde, aber Reichen einige Gulden nehmen sei kaum eine bösliche Vergehung, – alles dieses zusammen machte die Versuchung so stark, daß ihr die armen Großeltern unterlagen, das Tier in ihren Stall sperrten und allen ihren Kindern strenge verboten, keinem Menschen etwas von dem gemachten Funde zu sagen, Hans mochte einwenden, was er immer wollte; bei dem einmal gefaßten Entschlusse blieb es, und er mußte das Schwein, nachdem es ein paar Wochen gemästet war, abschlachten und mit Appetit verzehren sehen. Aber mein guter Vater hütete sich wohl, einen Bissen davon zu genießen, und verkroch sich, so oft ein Stück davon auf den Tisch kam, hinter den Ofen oder in die Kammer, wo er dann das Gespötte seiner Brüder ward. Sein ängstliches Gewissen regte sich täglich mehr und mehr und ließ ihm keine Ruhe, bis er endlich im Beichtstuhl einem Kapuziner den ganzen Hergang erzählte. Aber wie erschrak er, als er statt des gehofften Trostes die Worte vernahm: »Du gottloser Sünder, du mußt das Schwein bezahlen; es ist unmöglich, dir die Lossprechung zu erteilen, ehe du mir das Geld dafür eingehändigt hast!« Ein ungerechtes, überaus strenges Urteil! Denn mein Vater, der etwa das fünfzehnte Jahr erreicht haben mochte, hatte weder Geld noch Verdienst. Aber alle seine Einwendungen fruchteten nichts; er mußte versprechen, so lange alle Kreuzer zusammenzuhalten, bis die Summe voll sein würde, auf welche der Kapuziner das Tier, der Beschreibung gemäß, taxiert hatte. Und mein Vater versprach es und sparte jede Kleinigkeit zusammen, die er etwa geschenkt bekam, oder mit Aufsetzen auf Kegelbahnen und durch andre kleine Arbeiten verdiente. Oft saß er damals in einem Busche und weinte bittere Tränen, wenn er rund um sich her alles so vergnügt sah, jeder andere Knabe Obst oder geräucherte Würstchen oder Bier genoß, und er allein trauern und darben mußte. Über anderthalb Jahre quälte er sich mit der Vergütung des nie begangenen Diebstahls, um dem Befehle seines Beichtvaters pünktlich Genüge zu leisten: und als er endlich die schwererworbene Summe beisammen hatte und sie dem Kapuziner darreichte, so sprach dieser: »Der reiche Eigentümer hat jetzt seinen Verlust schon längst verschmerzt; es wird besser sein, wenn ihm eine Vergütung dafür durch geistliche Mittel zukommt; ich will also das Geld zu Messen für ihn verwenden.«

Dieser Vorfall, und besonders die lang anhaltende Bekümmernis – der Vergütung wegen, brachte in den ohnehin etwas melancholischen Charakter meines Vaters eine gewisse Düsterheit, die sich nie wieder ganz verlor. Wenn er betete, so war es mit vieler Ängstlichkeit und Anstrengung: Wie hätte auch ein schuldloser Knabe Gott nicht als einen strengen Richter mit Schüchternheit anrufen sollen, dessen vorgebliche Statthalter, die Beichtväter, ihn so überaus strenge und unerbittlich behandelten? Leute, die nahe bei ihm knieten, hörten ihn manchmal das Vaterunser wiederholt von neuem anfangen und abbrechen mit dem Beisatze: »Es ist noch nicht recht!« Und er hatte keine geringe Arbeit, bis er mit seinem Rosenkranze zu Ende war. Beim Morgen- und Abendgebete, wenn er es allein verrichtete, betrug er sich ebenso. Aber wenn er mit uns Kindern betete, so merkte man nichts von skrupulöser Ängstlichkeit an ihm. Auch hat er sich dieselbe nach und nach immer mehr abgewöhnt. Allein das Mißtrauen gegen die Geistlichkeit verlor sich nie ganz aus seiner Seele, besonders da es von Zeit zu Zeit neue Nahrung erhielt, indem ihn die Mutter einigemal wegen Unfriedlichkeit in der Ehe bei Geistlichen verklagte, die dann ihre Partei nahmen und dem Vater mit manchem Verweise beschwerlich fielen, öfters äußerte er sich: »Ach, wir sind gewiß in vielen Stücken betrogen!«

Der Vater meiner Mutter hieß Anton Brucker, war ein Zimmermann und hatte in seiner Jugend sehr gern Mesnersdienste auf den umliegenden Dörfern, vorzüglich in Lutzingen und Unterglauheim, getan. Oft erzählte er mir mit einer gewissen Selbstgefälligkeit, daß er dort die Vesper mit den Geistlichen gesungen hätte, und setzte dann allemal bei: »Gottes Lob singen, ist ein Geschäft der Engel.« Er war ein kleiner, friedliebender, zufriedener, frommer und fleißiger Mann, der ruhig und wegen der Zukunft unbekümmert dahinlebte, seine Arbeit genau verrichtete und gar gern mit uns Kindern spielte. Wir hatten ihn auch herzlich lieb.

Meine liebe Großmutter, Anna Maria Brucker, war ein lebhaftes, gesprächiges, leicht aufbrausendes, im Grunde aber herzlich gutes Weib. Sie besorgte das Hauswesen emsig und getreu, aber nicht ängstlich. Wenn der Großvater, der zum 3. Orden des heiligen Franz v. Assisi gehörte, seine Ordensbrüder bei sich hatte, machte sie meistenteils ein etwas scheeles Gesicht. Doch war sie sehr eifrig im Gottesdienste und betrug sich mit jedermann friedlich.

Diese Großeltern hatten eine einzige Tochter, Barbara, ein hübsches braunes Mädchen, mittlern Wuchses, voll leichten Bluts, unbekümmert und rasch, lebhaft ohne Frechheit und fromm ohne Ängstlichkeit. So schilderten sie mir diejenigen, welche sie als Jungfrau gekannt hatten. In ihrer Jugend war sie sehr von Eingeweidewürmern geplagt. Sie stand beim Sternwirte in Höchstädt eine Zeitlang als Hausmagd in Diensten und half einst den Schnittern auf dem Acker die Garben binden. Auf einmal fiel sie ohnmächtig hin und schien tot zu sein. Erschrocken lief ein Schnitter fort, um ihr die Schiedung (Sterbeglocke) läuten zu lassen. Aber bald erholte sie sich wieder, brach einen häßlichen Wurm weg und lachte mit, als nun die Sterbeglocke erklang und ihr gesagt ward, daß man dieselbe für sie läute. Ein andermal war sie in Lebensgefahr, indem sie, während des Krieges 1742, von einem französischen Soldaten, dessen geilen Armen sie sich entrissen hatte, verfolgt ward. Als er sie nicht mehr einholen konnte, drückte er seine Pistole auf sie ab. Die Kugel flog ihr aber hart am Ohre vorüber und schlug sich durch den Bretterzaun, der den Hofraum der Klosterfrauen umschloß. Oft zeigte sie mir das durchbohrte, bereits morsche Brett.

Mein Vater mochte etwa 33 Jahre alt sein, meine Mutter 24; da führte sie der Zufall bei einem guten Bekannten zusammen. Der Zieglerhans war wohl gewachsen, flötete hübsch, scherzte gern, kramte allerlei schnackische Späße aus und gefiel meiner Mutter. Beide suchten Gelegenheit, öfters einander zu sehen, und verstanden sich bald so gut, daß ihnen der Wunsch, immer miteinander zu leben, oft zuvörderst auf den Lippen saß. Aber mein Vater ließ diesen Wunsch lange nicht laut werden; denn er hatte kein Heiratgut zu hoffen, wußte nicht, wie er eine Gattin ernähren sollte, und war auch zu blöde, um seiner Babet einen förmlichen Antrag zu tun. Meine Mutter beriet sich indes mit ihren Eltern, forschte die Gesinnungen derselben aus und stimmte sie so gut zugunsten ihres Lieblings, daß er ohne Scheu in ihr Haus kommen, sie besuchen und an Feiertagen zum Spaziergange abholen durfte. Da erklärten sie sich immer herzlicher gegeneinander, und mein Vater, von seiner Geliebten ermuntert, faßte endlich Mut, um ihre Hand zu bitten. Schüchtern stotterte er sein Verlangen heraus. Aber mein guter Großvater riß ihn geschwind aus seiner Verlegenheit und sprach: »Hans, du hast zwar kein Heiratgut, aber du bist ein arbeitsamer Mensch, bist kein Spieler, kein Trinker, kein Raufer, kein Mädchenjäger; wir wollen dir helfen; wenn dich meine Tochter will, so sollst du sie haben.« Meine Mutter, die indes mit schüchtern forschenden Blicken hinterm Ofen gestanden hatte, hüpfte nun auf ihn zu und umschlang ihn mit ihren Armen. Die Großeltern weinten und gaben den frohen Kindern ihren Segen. Dann ward beschlossen, das junge Paar sollte mit ihnen erst eine gemeinschaftliche Haushaltung führen; Babet sollte zum Heiratgut das Häuschen, das ich oben beschrieb, ein paar kleine Wiesen, samt einer halben Jauchert Ackers, und zwei Teile im Krautgarten empfangen, doch so, daß der Ertrag von allem auch von den Großeltern mitgenossen würde. Der Hochzeittag ward bestimmt, und der Zug ging morgens um 7 Uhr stille und ohne Gepränge zur Kirche; da rollte meiner Mutter ein Stein vor die Füße; man wußte weder woher er kam, noch welche Kraft ihn bewegt hatte. Das ward sogleich für eine üble Vorbedeutung genommen, und meine Mutter ging mit erschrockenem Herzen zum Altar. Mein Vater glaubt heute noch, das haben die bösen Leute (Zauberer und Hexen) getan. Wieviel Einfluß ein solcher Aberglaube auf ihr ganzes künftiges Leben hatte, läßt sich zum Teil daraus abnehmen, daß beide, wenn sie sich nach einem heftigen Zwiste, der eben nichts Seltenes war, wieder versöhnten, immer die Schuld davon der Zauberei beimaßen und sich's kaum beifallen ließen, daß die Quelle aller Zwietracht ihre Unnachgiebigkeit sei.

Zwei Jahre verstrichen, ohne daß die junge Frau Mutter ward. Im ersten Sommer seines Ehestandes lief mein Vater täglich morgens fünf Viertelstunden weit, von Höchstädt nach Dillingen, um dort als Ziegelknecht bei einem harten Herrn täglich um den Lohn von 15 Kreuzern fünfzehnhundert Ziegelsteine zu verfertigen. Fast jeden Abend eilte er wieder nach Hause zu seinem Weibchen. Dabei aß er nichts zu Mittag als trockenes Brot, und trank Wasser dazu. Bald nahm aber auch die Arbeit in Dillingen gänzlich ein Ende und er mußte sieben Stunden weit, bis nach Welden, einem Dorfe zwischen Augsburg und Wertingen, gehen, um im Ziegelstadel daselbst Arbeit und Verdienst zu erhalten. Weil es nun die Entfernung unmöglich machte, täglich nach Hause zu wandern, so ward verabredet, er wolle jeden Sonn- und Feiertag heim kommen. An den übrigen Tagen der Woche blieb er im Walde bei Welden in einer aus Baumreisern geflochtenen Hütte über Nacht. Abgefallenes Laub war sein Bett, ein Stein sein Kopfkissen. Ein Knabe, der als Handlanger ihm die verfertigten Ziegel an die gehörige Stelle tragen mußte, war sein Schlafgeselle. Sie tranken Wasser, das sie im irdenen Kruge aus der nahen Quelle schöpften, und aßen Brot dazu. Aber sie durften nicht mehr essen, als bereits für jede Mahlzeit ausgezirkelt war; denn sie konnten sich nur dann verproviantieren, wenn ein Feiertag sie nach Hause rief. Fiel nun eine ganze Woche ein (ohne Feiertag), so mußte der Laib zum Teil verschimmeln, und der Staub ging den Essenden wie ein Rauch zum Munde heraus. O wie sehnte sich damals mein lieber Vater immer nach der Heimat zurück! Wie bange erwartete ihn spät in der Nacht meine Mutter, um ihn sogleich mit Speise und Trank zu laben!

In einer solchen Märzennacht fing sich, wie mich mein Vater einst lächelnd versicherte, mein frühestes Dasein an. Möchte ich doch ausharrenden Mut, Geduld, Kraft und Fähigkeit, jedes Angemach zu besiegen, von ihm geerbt haben! Wer weiß, ob ich ihrer nicht noch sehr nötig bedarf?

Um das Einlaßgeld zu ersparen, stieg mein Vater, immer mit Lebensgefahr, über die Stadtmauer herein. Er wußte eine Stelle, wo die Mauer an einen Schloßturm stößt, und wo der Mörtel ausgespült war, und ein hoher Baum im Winkel stand, ganz geschickt zu seinem Vorhaben zu benutzen. Innen an der Stadtmauer führte eine steinerne Treppe zur Erde herab. Nur das Hinaufsteigen von außen hatte also seine Schwierigkeiten.

Neben der Zieglerarbeit verdiente mein Vater noch ein gutes Stück Geld als Spielmann, mit seiner Geige und Querflöte. Ohne dies hätte sein elender, obschon hart erworbener Zieglerverdienst zum Unterhalte nicht hingereicht. Aber wenn er an Sonn- und Festtagen bis morgens um drei, vier oder fünf Uhr den jungen Burschen zum Tanze aufgespielt hatte, so mußte er, ohne zu schlafen, nach Welden laufen, um an seine strenge Arbeit zu kommen. Dennoch war's unmöglich, zur bestimmten Morgenstunde dort einzutreffen. Um also seinen Herrn zu befriedigen, arbeitete er unausgesetzt auch in den beiden Feierstunden des Tages bis spät in die Nacht. Diese zu heftige Anstrengung von Kräften machte ihn in die Länge mißmutig und mürrisch. Wenn er heim kam und sah, daß sein Weib und die Großeltern nicht eben so überaus sparsam, wie er selbst tat, gewirtschaftet hatten, so verdroß es ihn, daß er sich so übermäßig plagen sollte, indes zu Hause dennoch nichts zurückgelegt wurde. Er hatte sich fest vorgesetzt, wohlhabend zu werden, oder auf einen grünen Zweig zu kommen, wie er sich ausdrückte, und dem Spitale in Höchstädt einige auf dem Hause haftende Schulden abzubezahlen, um von Zinsen befreit zu werden. Aber bei so geringen Einkünften wollte sich nichts in der Geldkasse sammeln. Er maß die Schuld dem Leichtsinn meiner Mutter und der Großeltern bei. So fing der Hader in unserer Familie an. Dazu kam dann noch die Schwangerschaft meiner Mutter. Wie diese zunahm, so nahm auch seine Furcht zu, sie alle würden bei Vermehrung der Mitesser notwendig an den Bettelstab geraten müssen. Mein Dasein verscheuchte also, unschuldigerweise, den Frieden vollends aus unserm Hause.

Im Winter, da in den Ziegelscheunen nichts zu verdienen war, kaufte der Vater zuvörderst auf den Dörfern sogenannte Ehschwing (das gröbste Werg) zusammen, half dann den Frauen grobes Garn zu Talglichtern oder Packsäcken spinnen und machte Strohtüren vor die Ställe, Strohdecken für die Gärtner, Darmsaiten für Geigen und Spinnräder, Vogelhäuschen, Bienenkörbe, geflochtene Nester für Tauben und Kanarienvögel usw. Diese beiden Arten Vögel zog er in Menge groß und trieb einen kleinen Handel damit, der für uns nicht unbeträchtlich war. Laub zur Streu für unsere Kuh, Eicheln für ein Schwein und Brennholz sammelte er im Walde.

Meine Mutter ergriffen die Wehen auf dem Wege, als sie eben einen Krug Wasser zu holen ausgegangen war. Beinahe hätte sie, um mich ins Leben zu fördern, das ihrige verloren. Man fürchtete, sie würde den Schmerzen erliegen. In ihrer Herzensangst verlobte sie sich dem heil. Franziskus Xaverius, dem man damals, auf Antrieb der Jesuiten von Dillingen, in der Pfarrkirche zu Höchstädt eben einen schönen neuen Altar errichtet hatte. Glücklich ward der Schmerzenssohn endlich den 23. Dezember 1758 geboren. Sie erzählte mir oft, ich sei ein schwaches gebrechliches Kind gewesen, das immer und besonders in der Kirche, als man mich zur Taufe trug, ein mörderliches Geschrei erhob. Ich erhielt wegen des Gelübdes meiner Mutter den Namen Franz Xaver, und weil mein Taufpate Michael hieß, einen zweiten Namen, Michael, in der Taufe.

Als ich einst, aus den Windeln losgewickelt, in der Wiege lag und von meiner Großmutter zu essen erhielt, ward sie schnell abgerufen und setzte das siedheiße Mus (Kinderbrei) zu mir ans Bettchen. Durch meine Bewegung neigte sich das Schüsselchen, und das herausrinnende Mus verbrannte mir den rechten Schenkel so sehr, daß man fürchtete, ich würde lahm und hinkend werden. Aber, Dank der Vorsehung! Mir blieb davon keine üble Wirkung zurück, als eine große, handbreite Narbe, die jetzt kaum mehr zu fühlen ist.

Den häßlichen Saugzapfen (feuchtes Brot in ein Tüchlein gewickelt, das man in unsrer Gegend den Kindern darreicht, um sie zu stillen) wollte ich im dritten Jahre kaum ablegen. Meine Mutter füllte ihn mir öfters mit Wermut, und einmal sogar mit Fischgalle an. Dann warf ich ihn freilich weg, aber ich suchte entweder die ältern wieder hervor, oder machte mir aus dem nächsten besten Lümpchen einen neuen. So viele Macht übten Gewohnheit und Sinnlichkeit über mich aus. Mein Vater sagte damals: »Bube, wenn du in deinem Leben so lange Kind bleibst, als du in deiner Kindheit den Zapfen trägst, so wirst du früher alt als klug.« Wahrlich, wenn nur der klug ist, der sich auf seinen Vorteil versteht und nichts versäumt, was ihn befördern kann, so hat mein lieber Vater als ein Prophet gesprochen; denn noch bis diese Stunde frage ich mich vor keiner Handlung: Was nützt sie dir? sondern folge blindlings meinem Herzen oder Kopfe, nicht viel besser als ein Kind. – Am Ende fiel es meinem Vater ein, alle Saugzapfen, soviel er deren habhaft werden konnte, an der Pfanne rußig zu machen; da mochte ich endlich keinen berühren; denn ich fürchtete, wenn ich schwarze Lippen bekäme, ausgelacht zu werden.

Noch erinnere ich mich lebhaft, wie meine Eltern sich freuten, als ich's zum erstenmal wagte, von der Stubentür, an die ich stehendes Kind mich lehnte, unsicher wankend, aber ohne mich anzuhalten, einem Apfel entgegen zu trippeln, mit dem sie lächelnd mich lockten. Noch weiß ich auch, als wär' es heute, wie ich, eine liebe Bürde, meiner Mutter auf dem Rücken hing, ihren Hals mit schwachen Armen, ihre Hüften mit den Beinchen umschlingend, und so, von ihr sorgfältig gehalten, an den Bach ritt, wo sie Leinwand und Netze wusch; wie sie dort lachte, und klatschend Mut mir einsprach, als ich für eine Nußschale, damals mein Schiffchen, mich gegen einen bösen Gänserich wehrte, den Zischenden herzhaft am Hals ergriff und lange mit seinen schlagenden Flügeln rang; wie sie frohlockte, wenn sich in mir eine neue Kraft, eine neue Fertigkeit entwickelte; wenn etwa mein Stimmchen, zum erstenmal, in wankenden Mißtönen ein Liedchen versuchte, zwitschernd und ungeübt, wie junge Schwalben unterm Dach; oder wenn es meinen tändelnden Händen gelang, zum erstenmal einen Gründling im Bache zu haschen oder gar einen Bürschling an der Angel zu fangen.

Mein jüngster Bruder Franz Joseph, der jetzt als Schuhmacher auf der Wanderung ist, erblickte beinahe fünf Jahre später, mein Bruder Hans Michel aber nicht völlig zwei Jahre später als ich das Tageslicht. Den Hans Michel verlangte eine angesehene Beamtenfrau zum Säugen; denn ihr Kind war gestorben, und sie hatte Schmerzen wegen Anhäufung der Milch. Nicht lange, so bekam dies mein Brüderchen offene Beulen in den Kniescheiben und an den Schenkeln, so daß man hindurchsehen konnte. So erzählte mir meine Mutter, und setzte allzeit bei: »Die Frau T. hat mich zwar wegen des Hans Michels wohl belohnt; aber ich glaube, sein ungesundes Wesen kommt größtenteils vom Saugen an fremder Brust her.« Er wurde doch wieder hergestellt, und zeigte bald eine besondere Geschicklichkeit in kleinen häuslichen Geschäften, so daß er beim Vater bald mehr galt als ich; allein ich blieb der Liebling der Mutter.

Nach dem Franz Joseph ward uns noch ein Brüderchen Joseph Anton geboren, der aber nur einige Wochen erlebte. Da fragte ich meinen Vater einst bei Tische: »Wo ist denn unser Brüderlein hergekommen?« Die Hebamme saß auch dabei. »Diese Frau da,« sagte er, »hat es aus dem Krautgarten hereingebracht; du kannst noch heute den hohlen Baum sehen, aus dem die kleinen Kinder immer herausschauen; die man dann abholen läßt, sobald man ihrer verlangt.« Wirklich führte er mich abends in den Krautgarten vors Tor hinaus, wo er die Erdäpfel besah, und die äußersten Blätter an den Kappisstöcken abbrach zum Futter für unsere Kuh. Auf dem Wege kamen wir an einen kleinen Teich, wo ein hohler Weidenstamm am Gestade stand. »Da sieh hinein,« sagte mein Vater. Und ich sah durch den hohlen Stamm im spiegelnden Wasser drunten mein Bild. »Siehst du einen Knaben herausschauen?« fragte mein Vater. »Ja, Vater, aber er sieht mir gleich,« antwortete ich. »Mag sein,« fuhr er fort, »viele Leute sehen einander gleich. Es sind noch eine Menge Buben in dieser Gegend herum zerstreuet. Rufe nur laut, was du rufen willst, sie werden dich gewiß sogleich verspotten.« Ich rief laut: »Buben, wo seid ihr?« – Und das Echo vom gegenüberstehenden Berge, auf dem die Ziegelscheune stand, antwortete unverweilt zu meiner größten Verwunderung: »Buben, wo seid ihr?« – Nun glaubte ich alles und wollte immer hinüberlaufen, um die spottenden Rufer auch zu sehen.

Unser Gäßchen (cul de sac) endigte sich zu oberst auf dem Hügel in einen länglichen Grasplatz, den der Garten der Klosterfrauen umgab. Dort lagen wir Kinder am liebsten auf dem Rasen und spielten und tändelten in den Blumen. Zunächst an diesen Grasplatz grenzte das Häuschen unsers Nachbars Blöckle. Anne, sein Weib, war die gutherzigste froheste Seele von der Welt, öfters erzählte mir meine Mutter, einst sei ich zur Anne in die Tenne geschlichen, wo ein Butterfäßchen voll Milchrahm zum Ausrühren bereit stand, habe da eine Handvoll Rahm nach der andern herausgenommen; soviel ich eben davon essen konnte, gegessen; was aber nicht gutwillig zum Munde hineinwollte, an die Wand, oder an den Boden, oder an mein Röckchen gestrichen; lange habe mich die gutherzige Nachbarin lächelnd belauscht und endlich sie heimlich herbeigerufen, um die lustige Malerei mit anzusehen. Meine Mutter setzte immer bei: »So gut wie des Blöckles Anne sind Tausende nicht; andere Nachbarn hätten dich braun und blau geschlagen, wenn sie dich bei einer solchen Arbeit ertappt hatten.« Ihr Mann war ein guter, friedlicher, alter Brummer. Was er redete, tönte wie gezankt; aber er tat niemandem etwas zuleide. Nur zuweilen machte er sich den Spaß, mich mit rauher Stimme zu schrecken.

Der nächste Nachbar, dem die andere, durch eine Zwischenwand abgesonderte Hälfte unsres Häuschens gehörte, hieß Bästle (Sebastian) und war ein seelenguter, gesprächiger Mann, der gern mit uns Kindern tändeln und plaudern mochte. Aber seine Frau Lisel (Elisabeth), die so unglücklich war, ihm zwei tote, aber nie ein lebendes Kind zu gebären, übrigens ein gutes Weib, sah uns immer mit scheelen Augen an, vielleicht eben darum, weil sie nicht auch Kinder hatte, und ihr das öftere Spielen ihres Mannes mit uns Kleinen ein stiller Vorwurf dünkte.

Im nächsten Hause daran, weiter hinabwärts, wohnte der Lumpenmichel (ein Mann namens Michael, der sich mit Lumpensammeln für Papierer ein gutes Stück Geld erworben hatte; andere wollten gar behaupten, er habe in alten Kleidern eine hübsche Summe eingenäht gefunden). Auch dieser Nachbar und sein Weib hatten keine Kinder und scherzten gern mit uns; doch waren sie etwas rauh und launisch, und so freundlich sie uns das einemal begegneten, so bitterböse konnten sie das anderemal uns verfolgen. Im oberen Gemache ihres Hauses wohnte ein Taglöhner Tobis, der mit Kindern zum Überflusse versehen war. Wir Kleinen besuchten einander oft und tändelten gar gern auf der Stiege, die aus des Lumpenmichels Wohnung zum Tobis hinaufführte. Die Treppe war unten nicht mit Brettern belegt, so daß man frei zwischen den Stufen hindurchsehen und -greifen konnte. Gerade darunter war Michels Küchentür, mit einem großen Vorlegeschloß gesperrt. Nun fand sich einst, bei dessen Rückkehr vom Sammeln, das Schloß mit Sand gefüllt, daß man nicht einmal den Schlüssel anstecken konnte. Darüber ward Michel sehr aufgebracht: »Das hat des Zieglerhansen verwünschter Bube getan!« schrie er und zerschlug das Schloß mit einem Beile, lief damit zu meinem Vater und forderte Vergütung. Mein Vater fragte ihn, »woher er denn wisse, daß ich das Schloß verdorben habe?« »Dein Bube,« sagte Michel, »spielt immer auf meiner Stiege; niemand als er hat's getan!« Sogleich ward ich vorgerufen und strenge gefragt; allein ich wußte von der ganzen Sache nichts; denn, wahrlich: ich konnte mit meinen kurzen Ärmchen das Schloß weder auf der Erde stehend, noch von der Treppe aus erreichen, und hätte das böse Stückchen, aus Mangel des physischen Vermögens, nicht einmal tun können, wenn ich auch gewollt hätte. Aber es war mir gar niemals etwas dergleichen zu Sinne gekommen. Michel ließ sich jedoch nicht abweisen, schimpfte meinen Vater und drohte ihm zuletzt gar mit Schlägen. Darüber entbrannte meines Vaters Zorn, der sich in ein paar tüchtigen Faustschlägen auf Michels Kopf ergoß. Michel klagte bei der Polizei, und das Ende vom Liebe war: Jede der beiden Parteien mußte 45 Kreuzer Strafgeld erlegen. Indessen war meine Mutter begierig, mit Gewißheit zu wissen, ob ich denn wirklich das Schloß verdorben hätte oder nicht. Sie nahm mich allein auf die Seite, schmeichelte mir und wandte alle ihre Beredsamkeit an, um ein aufrichtiges Geständnis mir abzulocken. Allein immer sagte ich standhaft: »Mutter, ich hab's nicht getan!« Sie liebkoste mich und drohte mir, dennoch blieb ich fest auf meinem Nein. Endlich nahm sie einen Kreuzer in die Hand, hielt mir ihn vor die Augen und sagte: »Kind! sieh, wenn du mir's aufrichtig gestehst und nicht wieder leugnest, daß du Sand in das Schloß geworfen hast, so geschieht dir nicht nur kein Leid, sondern ich gebe dir auch dies Geld; du kannst dir etwas Gutes darum kaufen. Aber wenn du beim Leugnen bleibst, so wird dich der Vater tüchtig peitschen!« Was sollte ich nun tun? Sie wollte ja durchaus eine Lüge von mir. Dabei gewann ich Geld und blieb ohne Strafe; sagte ich aber die Wahrheit, wie bisher, so hatte ich Schläge zu erwarten, und zwar vom Vater, der sie schrecklich derb aufzählte. Also log ich aus Interesse zum erstenmale und sagte: »Ja Mutter, ich hab's getan!« – Statt des Kreuzers gab sie mir nun einen tüchtigen Schilling (die Rute) und hieb so lange drein, bis die Rute zerfuhr. Ich mochte beteuern, so hoch ich konnte, daß ich unschuldig sei und mich nur zu einer Lüge hätte überreden lassen; alles war umsonst, man maß mir keinen Glauben mehr bei. O, was litt da mein junges Herz! Wie ganz empörte dies Verfahren jedes meiner Gefühle! Ingrimm durchglühte mich, und ich haßte die Mutter und den Vater, und alles was mich umgab. Zum Glücke hielt dieser Zustand nicht lange an. Aber ich traute fast niemals mehr einem Versprechen und hatte nun sehr frühe die Wortbrüchigkeit, die Abel der Lüge und die Falschheit der Menschen kennen gelernt. Wahrscheinlich hatte dieser Vorfall beträchtlichen Einfluß auf die Bildung meines Charakters.

Bald darauf ging der Kapuziner, Pater Homobonus Hantner, ein Verwandter meiner Mutter, durch Höchstädt und besuchte sie. Ich spielte eben mit einem kleinen Wägelchen. Da rief er mich Zu sich und fragte: »Wie heißest du?« »Xaverle,« sagte ich. »Ei,« fuhr er fort, »ich glaubte, du heißest Dorothee.« »Xaverle heiß' ich, nicht Dorothee,« erwiderte ich trotzig. Er hatte ein Bildchen in der Hand, auf dem, wie ich bei reifern Jahren sah, wirklich die heil. Dorothea, unter einem Baumblatte, das man wie ein Deckelchen aufheben konnte, abgemalt war. »Da nimm,« sagte er komisch ernsthaft, »dies ist dein Namenspatron; du heißest ja Dorothee!« Zornig rief ich: »Du lügst, du lügst!« schmiß das Bild auf den Boden und fuhr mit meinem Wägelchen weiter. Er aber hob sein Bild lächelnd wieder auf und legte es mir unvermerkt auf mein Fuhrwerk. Kaum sah ich es, so warf ich's weg und spie es an. Das brachte meine Mutter auf, der Kapuziner konnte sie nimmer abhalten, wie er bisher getan hatte; sie trug mich geschwind in die Küche und gab mir tüchtig die Rute. Dann mußte ich noch obendrein das verhaßte Bild auf dem Wägelchen herumführen. Als der Kapuziner fortging, sagte er mir: »Lebe wohl, Dorothee!« Grimmig antwortete ich: »Du lügst!« – und bekam von neuem die Rute. Ob mich dergleichen Behandlungen nicht immer wilder und hartnäckiger machen mußten?

Doch ich vermute, meine Mutter wollte hier nur ein Beispiel ihrer strengen Kinderzucht geben; denn sie behandelte mich sonst sehr liebreich und nachsichtig. Wenn sie im Sommer zur Bleiche fuhr, um das im Winter gesponnene grobe Werggarn zu laugen, nahm sie mich gewöhnlich auf dem Schubkarren mit sich. Dann setzte sie mich unter Bäumen ins hohe Gras, sah von Zeit zu Zeit sorgfältig nach mir um und lehrte mich aus Löwenzahnröhrchen Ketten machen, Äpfel und eßbare Schnecken in der Glut braten und an den seichten Wassergräbchen buntgestreifte Schnecklein suchen. Ich bewunderte die Walk, die Kessel und andere Anstalten der Bleiche. Manchmal trafen dort noch mehrere Kinder zusammen; da wurden denn allerlei Spiele auf die Bahn gebracht, aus Binsen kleine Flößchen gebaut, und wohl gar den Fischen in des Bleichers Teiche nachgestellt. Bei dieser Gelegenheit lernte ich das sogenannte Felbergärtlein kennen, einen Platz an drei kleinen Teichen, dicht mit Weiden bepflanzt, am Wege von der Bleiche zum untern Stadttor. Dort im Schatten war mein liebster Aufenthalt. So oft ich vor die Stadt hinausschleichen konnte, lief ich dorthin. Geringelte Steckenpferdchen zu schneiden, aus jungen Weidenrinden Pfeifen zu machen, Blumensträuße zu binden, schönfarbige Steinchen am Ufer zu suchen und Frösche zu fangen, waren mir die angenehmsten Beschäftigungen. Ich erinnere mich noch, daß ich einst, da ich noch kaum die ersten Beinkleider trug, ganz allein vor's Tor hinausschlenderte, auf der Wiese und am Bache Blumen pflückte und bis an des Mussen, eines Fischers, großen Ackergarten kam. Da erblickte ich durch die Stauden der Hecke schönen roten Kornmohn im Getreide des Gartens und fand eine kleine Tür, die nur angelehnt war. Fröhlich hüpfte ich hinein, pflückte nach Herzenslust Kornmohn, Cyanen und Rittersporn und watete unbekümmert kreuz und quer durch die Ähren. Plötzlich ergriff mich eine starke Hand hinten beim Hosenbande und trug mich schreienden Knaben, wie einen Frosch, freihängend und zappelnd, unter Androhung des Ohrenabschneidens und Henkens, zum Hause des Fischers, wo mehrere Leute auf der Bank vor der Tür saßen und mich lachend empfingen. Wie weggewischt war die Angst von meinem Herzen, als ich so freundliche Mienen sah. »Wo solche Gesichter sind,« das empfand ich, »da geht es nicht aufs Henken los.« Wirklich gab mir die Fischerin statt der Schläge Kuchen, nahm mich kosend auf den Arm und suchte mich für den ausgestandenen Schrecken schadlos zu halten. O, das tat mir über alle Maßen wohl! Der Sohn des Hauses mußte mich noch obendrein, samt meinen Blumen, nach Hause bringen.

Bei einem Jahrmarkte begaffte ich einst, in Gesellschaft ebenso kleiner Kinder, als ich selbst war, die Waren in den Krambuden. Vorzüglich gefiel es mir bei einem Tische mit vielen aus Töpferton gebrannten und buntglasierten Figürchen. Die Begierde, eines davon zu haben, wuchs in mir so heftig an, daß ich, nach langem Bewachen der Blicke des Krämers und der Umstehenden, wirklich mit nicht geringer Schlauheit ein Figürchen wegmauste und es unter mein Röckchen verbarg. Unbemerkt schlich ich damit fort, band dem Männchen zu Hause einen Faden um den Hals und ließ es, zum Fenster hinaus, an der Wand auf- und abtanzen. Da kam meine Mutter und fragte ganz freundlich: »Kind, wo hast du dies Männchen her?« Flugs war ich mit der Lüge da: »Ich hab' es gekauft!« – »Woher hast du aber das Geld genommen?« erwiderte die Mutter. – »Ich hab' es gefunden.« – »Wo?« – »Bei den Kupferschmieden unter den Ständen (Buden).« »Nun Hab' ich dich, du Lügner!« sagte sie nun sehr ernst, »die Kupferschmiede handeln nicht um Pfennige; gesteh nun augenblicklich, wie hast du's gemacht, das Spielzeug zu bekommen?« – Nun gestand ich aufrichtig alles. «Weil du denn die Wahrheit gesagt hast,« fuhr die Mutter fort, »so will ich selbst diesmal dich abstrafen; hättest du noch ferner geleugnet, so würde ich dich beim Vater verklagt haben.« Dann gab sie mir die Rute nach aller Strenge und machte mir treffende Vorstellungen über die Schwere meines Verbrechens, und daß dies der Anfang eines gottlosen, unglücklichen Lebens sei, welches gewöhnlich am Galgen oder durch Schwert und Rad geendigt werde. Zu guter Letzt mußte ich das entwendete Figürchen wieder heimtragen, und sollte den Krämer noch überdies um Verzeihung bitten. Ich schrie immer: »Ach Mutter, lieber noch einmal einen Schilling (die Rute)!« Aber es half nichts. Ohne Erbarmen mußte ich das Figürchen wieder die Stadt hinauftragen. Meine Mutter folgte mir in einiger Entfernung nach. Eine gute Weile verbarg ich mich im Gedränge und besann mich, wie ich meinen Raub am geschicktesten hinstellen könnte. Kaum war ich zu der Bude des Krämers gekommen, so bückte ich mich zwischen den Umstehenden hinab, setzte das Männchen geschwind auf die Erde unter dem Tische, sagte ganz ruhig: »Ich glaube, da ist etwas hinuntergefallen«, holte es herauf, um es ganz unbefangen auf den Tisch zu stellen, und lief, sobald es geschehen war, ohne weiteres davon. An eine Abbitte ward gar nicht gedacht, und meine Mutter, die mich am Tische des Krämers gesehen hatte, drang abends, als ich heimkam, auch nicht weiter darauf. Hätte sie vermuten können, daß ich, um nicht ein Dieb zu scheinen, so listig täuschen lernen würde, so wäre sie mir gewiß nicht von der Seite gegangen, bis ich mein Männchen zurückgegeben und wirklich abgebeten hätte; dann erst wäre die Korrektion ganz heilsam und vollständig gewesen. Aber bei der Art, wie ich es angehen durfte, mußte mir die schädliche Meinung im Herzen zurückbleiben, eine schlimme Sache sei durch Schlauheit immer, wenigstens in etwas, wieder gut zu machen.

Der Vater hatte mir eine irdene Sparbüchse gekauft. Darein steckte ich alle Heller und Pfennige, die ich geschenkt bekam; denn ich sollte mir, wenn die Summe erst hinreichend wäre, etwas Schönes darum kaufen dürfen. Aber als ich einst das ersparte Geld wirklich verlangte, hatte man die Sparbüchse geleert, und ich erhielt noch dazu einen Verweis, daß ich allzu hitzig mein Eigentum forderte. »Dahinein stecke ich gewiß nichts mehr,« dachte ich und empfand mit lebhaftem Verdruß das Unrecht, das mir geschehen war. So oft ich nun etwas geschenkt bekam, verbarg ich es in seltsamen Winkelchen. Hinter unserm Stubenofen war ein enger Raum, den wir Kinder uns zugeeignet hatten und wohin wir flohen, wenn Vater und Mutter miteinander in heftigen Wortwechsel gerieten. Dort hielten wir uns stille, enge zusammengedrängt und ruhig, bis der Sturm vorüber war. Kaum wagten wir es, leise einander in die Ohren zu flüstern; denn wenn der Vater übler Laune war, so besorgten wir, es möchte, auch beim geringsten Anlasse, tüchtige Schläge setzen. Nun hatte ich einst einen Kreuzer in eine Ofenritze zwischen die irdenen Kacheln hineingesteckt; das merkte mein Bruder Hans Michel und wollte mit einer Messerspitze den Kreuzer herausholen. Ich wehrte es ihm und schob den Kreuzer noch tiefer hinein, zuletzt so tief, daß ich ihn selbst nicht mehr herausbringen konnte. Weil ich die Schuld auf ihn warf, entspann sich ein Wortwechsel zwischen uns, dessen Geflüster immer lauter ward. »Was gibt's da hinten?« rief endlich der Vater mit zorniger Stimme, denn er war eben mit der Mutter uneins geworden. Mein Bruder wagte es, den Hergang zu erzählen. »Spitzbube,« sagte mein Vater darauf und riß mich hinter dem Ofen hervor; »gehört das Geld in die Ofenritzen? weißt du nicht, daß du es in den Sparhafen legen sollst?« Dann gab er mir ein paar tüchtige Ohrfeigen, unter denen die eine so übel geriet, daß ich bald darauf gar nichts mehr hörte. Meine Mutter und die Ahnfrau kamen mir zu Hilfe und verwiesen dem Vater mit Bitterkeit seine Behandlungsart. Darüber ward er noch mehr aufgebracht und drohte, meine Mutter zu schlagen. Die Großmutter stellte sich zwischen beide und nannte ihn einen Tiger; da gab er ihr im Zorne eine Ohrfeige; sie lief zur Tür hinaus, gerade dem Großvater entgegen, der eben von der Arbeit heimkam, und klagte ihm, was ihr widerfahren war, auf die eindringlichste Weise. Mein Großvater, in seinem ganzen Leben der friedlichste Mann, ward darüber so aufgebracht, daß er mit seiner Axt in der Hand und mit dem Zimmermannswerkzeuge, das er in einem Korbe auf dem Rücken trug, in die Stube trat, und mit zürnendem Ernste sprach: »Hans, woher hast du das Recht, mein Weib zu schlagen? Ist das der Dank, daß wir dir geholfen haben? Du wärest wert, daß ich dir auch eins versetzte!« »Was?« rief mein Vater mit wachsendem Ungestüm, »du Zimmermännlein! du wolltest mich schlagen?« und griff nach dem Großvater; aber dieser floh und ging mit seinem Handwerkszeuge zu seinem Bruder. Denselben Abend noch mietete er eine andere Wohnung, und den andern Morgen kamen er und die Ahnfrau still und traurig herbei und trugen ein Stück ihres Hausgerätes nach dem andern hinweg. O, das war so ein schmerzlicher Anblick! Ich weiß es deutlich noch; ich stand auf der Gasse, unserm Hause gegenüber, am Gartenzaune der Klosterfrauen, und konnte nichts als schluchzen und weinen.

Weil ich nun so taub war, daß ich gar nichts hörte, tat meine Mutter ein Gelübde, sie wolle in der Kapelle des sogenannten Zwinger-Herrgottleins, eines Kruzifixes im Zwinger, zunächst am obern Tore, eine Votivtafel aufhängen, wenn ich wieder hörend würde. Drei bis vier Wochen lang ging sie täglich dahin, um für mich zu beten, und ich hatte meine größte Freude, wenn ich so vor ihr her spazieren durfte; denn in der Nähe war eine erhabene Schanze, mit Sträuchern bewachsen, die ich überaus liebte, und wohin ich allzeit lief, wenn sie mir zu lange vor der Kapelle kniete. Die Taubheit war mir so wenig zur Last, daß ich meinen Verlust kaum bemerkte und beinahe froh war, nun nicht mehr zanken zu hören. Meine Mutter erzählte mir nachher, ihre tägliche Frage sei gewesen: »Xaverl! hörst du noch nichts?« aber nie hätte ich geantwortet. Ihr Herzeleid war unaussprechlich. Endlich, als man einst auf dem nahen Pfarrkirchenturm mit allen Glocken läutete, fragte ich sie, was so wunderlich summe? Sie faßte Hoffnung darob, und wirklich fand sie am folgenden Morgen mein ganzes Kopfkissen beschmutzt; denn ein Geschwür hatte sich geöffnet. Darauf hörte ich wieder sehr gut. Gott sei gedankt, daß er mir diesen so nötigen Sinn von neuem schenkte.

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