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Ein Lesebuch für unsere Zeit

Carl von Ossietzky: Ein Lesebuch für unsere Zeit - Kapitel 1
Quellenangabe
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typeessay
authorCarl von Ossietzky
titleEin Lesebuch für unsere Zeit
publisherAufbau Taschenbuch Verlag
series
volume
printrun1. Auflage
editorUrsula Madrasch-Groschopp
year1993
isbn3746645018
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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projectidb6702520
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Eulenbergs »Alles um Liebe«

 

Zur Uraufführung im »Deutschen Schauspielhause« zu Hamburg

Die Redaktion erhielt folgendes Schreiben:

Hamburg, den 21. Februar 1911

Am 16. Februar ist in Hamburg Herbert Eulenbergs Komödie »Alles um Liebe« lärmend abgelehnt worden. Seit Menschendenken hat man das Hamburger Publikum nicht derart in Rage gesehen. Der größte Teil der Kritik hat sich den Entrüstungskundgebungen angeschlossen. Und da die auswärtige Kritik in das gleiche Horn tutet, ist der Dichter augenblicklich das Objekt einer wahren Hetzjagd geworden. Ich bitte die geehrte Redaktion um Aufnahme meiner Besprechung, die einen wesentlich anderen Standpunkt einnimmt. Vielleicht regt mein »Eingesandt« auch den Herrn Feuilletonredakteur an, dieses Thema zu behandeln. Soweit ich ihn aus seinen Artikeln kenne, dürfte er diese Dinge wohl ähnlich betrachten. Außerdem bringt er noch ein ganz anderes ästhetisches Rüstzeug mit als meine Wenigkeit, die hier lediglich einen Temperamentsausbruch liefert.

Mit vorzüglicher Hochachtung
C... von O...

 

Wir drucken den Temperamentsausbruch im folgenden gern ab:

Hamburg hat wieder einmal seinen Skandal gehabt. Nicht vor einem Chronometerladen am Schopenstehl – wie vor einigen Jahren –, sondern in seiner vornehmsten Kunststätte. Diesmal waren es keine »Halbstarken«, die sich gegenseitig die gestohlenen Taschenuhren an den Kopf warfen; nein, ein gutbürgerliches Publikum fühlte das Bedürfnis, Radau zu machen und den Darstellern, die mit bewundernswertem Eifer an der Arbeit waren, eine Musterkollektion schönster Lokalausdrücke an den Kopf zu werfen. Das Parkett johlte und pfiff. Die Ränge tobten vor Wut. Und die alte Behauptung, daß die Galerie die meiste Einsicht zeige, muß feierlichst auf das Gebiet der Legende oder Theaterhumoreske verwiesen werden.

Und was war geschehen?

Man hatte riskiert, das Werk eines echten Dichters aufzuführen. Ein Werk, das gewiß nicht ohne Mängel ist. Ein Werk, vor dessen Schwächen selbst man in einer Zeit, wo die Plumpheiten Bernsteins und Batailles über die Bretter poltern, wo sich unter der Schutzmarke »Schwank« die frechste Unkultur spreizt, wo Fulda auf tragischem Kothurne herumstolziert, allen Grund hat, den Hut abzunehmen.

Eulenberg hat genug Mißerfolge gehabt und ist ohne Zweifel verbittert. Manches harte Wort der Menschenverachtung, manche Szene, die die menschliche Unzulänglichkeit in drastischer Weise dartut, befindet sich in seinem Werk. Alles dreht sich um Liebe. Jahrelang lebt man wie im Äther und schwärmt in schönen Worten über himmlische und irdische Liebe. Aber man vergißt auch nicht, den alten Majordomus Emanuel von Treuchtlingen reichlich und täglich mit Rippenstößen zu bedenken. Man kann überhaupt sehr rabiat werden, wenn es sich um irdische Dinge – besonders um pekuniäre – handelt. Das Hohe und Edle spart man sich für die Liebe auf – im bürgerlichen Leben braucht man nicht einmal anständig zu sein. Und dieser verspottete Misanthrop Emanuel, dieses Stachelschwein, dieser Giftpilz zieht ihnen allen die Larve der Schwärmerei vom Antlitz und legt diesen Zwiespalt zwischen Reden und Handeln unbarmherzig bloß. Er legt schonungslos den Finger in die Wunde, um sich nach gelungener Operation diskret zurückzuziehen.

Der Duft der Romantik umgibt das Werk. Jener Duft, der uns den »Sommernachtstraum« und »Wie es euch gefällt« so wert macht. Die Buntheit der Geschehnisse, die Fülle kurioser Einfälle erwecken Erinnerungen an den Meister der deutschen Romantik, an den genial-konfusen »Ponce de Leon« Clemens Brentanos.

Das Publikum stand dem Werk anfangs wortlos und später aufgebracht gegenüber. Man hatte keinen Sinn für die Schönheit der Sprache, für die Komik der Tragik einzelner Situationen. Man vermißte eine leicht faßbare Handlung. Der brutale Stoffhunger triumphierte über die zarten Gebilde einer Dichterphantasie.

So ist das Publikum und auch der größte Teil der Kritik dem Werk eines Dichters, der künstlerisch auf einer längst vergangenen Zeit zu fußen scheint, der so gar keine Beziehungen zur Gegenwart zu haben scheint und doch mit beiden Armen in die Zukunft weist, nicht gerecht geworden. Die Minorität wurde niedergebrüllt. Es nützte nichts, daß in der ersten Parkettreihe Richard Dehmel sich freiwillig zum Organisator des Erfolges proklamierte, indem er mit dem Rücken gegen die Bühne demonstrativ applaudierte. Man gab an diesem Abend nichts auf Autoritäten.

So brutal auch die Formen der Ablehnung waren, blieb doch das Ganze ein Possenspiel, in dem das Publikum der blamierte Teil war. Doch eine ernste Seite hat die Angelegenheit. Eulenberg hat auf der Bühne ja fast nur Niederlagen erlebt. Werden die Theaterleiter nicht künftig Mühe und Kosten scheuen, die eine Aufführung bringt? Denn mit einer Aufführung läßt sich nur noch rechnen! Soll es dahin kommen, daß dem Dichter die Bühnen gänzlich verschlossen werden, daß er allmählich bühnenfremd und zum unfruchtbaren Experimentator wird? Will das wunderbare deutsche Volk, das in der Schule die Generationen verachten lernt, die seine Klassiker hungern ließen, einen großen Dichter verderben lassen? –

Doch einen Erfolg hat Eulenberg gehabt.

In der Wiener »Freien Volksbühne« wurde im vergangenen Herbst sein »Natürlicher Vater« begeistert aufgenommen.

Vom Arbeiterpublikum!!

Das zahlungsfähige Hamburger Bourgeoispublikum sollte sich aufrichtig schämen.

 

Das freie Volk, 25. Februar 1911

 

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