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Ein königlicher Kaufmann

Ida Boy-Ed: Ein königlicher Kaufmann - Kapitel 9
Quellenangabe
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typefiction
authorIda Boy-Ed
titleEin königlicher Kaufmann
publisherJ. G. Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger
printrun38.-45. Tausend
year1922
firstpub1911
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20090107
projectid19315a16
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IX

Die Hochzeitsreise ging nun zu Ende. Durch die Nacht fuhr der Zug, von München nach Berlin. Von da wollte man am anderen Mittag weiter, um nachmittags fünf Uhr die Heimat zu erreichen.

Therese lag wachend in ihrem Schlafcoupé. Nebenan schlief ihr Mann, die Tür zwischen beiden Abteilen stand offen. Es war nicht ganz dunkel in den beiden schmalen Räumen, obgleich die blauen Hüllen die Glashalbkugeln um die gelbe Zunge der Gasflammen fest umschlossen. Durch den Gitterstreifen oberhalb der Türen, durch Spalten und Ritzen kam eine schwache Helligkeit und nahm der Nacht die beklemmende Finsternis. Die gleichmäßigen Geräusche der Zugbewegung waren angenehm. Wenn die Schnelligkeit stockte und das dumpfe Zuschlagen von Türen, Ruf und schriller Pfiff eine Station und ihren Ein- und Ausfahrtbetrieb erraten ließ, dachte Therese, wie wunderlich es doch sei: man hielt sich an einem Ort auf und wußte nicht seinen Namen – Station Unbekannt ... So fährt man auch vielleicht durchs Leben. Und auf Station Unbekannt hätte man die größten Freuden und Eindrücke haben können, wenn einen das Schicksal nicht so daran vorbeigerissen haben würde.

Manchmal richtete sie sich ein wenig auf, um ganz vorsichtig einen besseren Blick in den anderen Raum zu gewinnen. Jakob schlief so wenig – er lag nachts oft wach und dachte. Seit sie das entdeckt hatte, war eine Empfindung in ihr, als müsse sie seinen Schlaf bewachen, und es sei beinahe plump, wenn sie fest und gut, wie es ihre Gewohnheit gewesen war, ihre sieben, acht Stunden ungestört schlafe.

Er schien ganz ruhig zu liegen. Gottlob! Sie wußte ja nun schon lange: Liebe ist tiefste Fürsorge und Sorge ... Ein merkwürdiges Bangen und Zittern, in allem Glück des Besitzes.

In dieser letzten Nacht vor der Heimkunft konnte sie gar keine Ruhe finden. Zwei Fragen waren da und wollten betrachtet und beantwortet werden.

Wie war es gewesen? Wie würde es sein?

Ach, ein Wunder, das Glück, die Erfüllung aller Sehnsucht, die Seligkeit auf Erden, das Unbegreiflichste war es gewesen. Wie lange? Therese wußte nicht mehr... sank dies süße Erstaunen, der berauschende Taumel so schnell? Das würde sie sich wohl niemals klar machen und nachrechnen können.

Manchmal dachte sie: »Alles vorher war nur wie Ahnung – ein unbewußtes Hinstreben zu ihm, dem einen – jetzt erst, jetzt weiß ich, was Liebe ist.«

Sie begriff auch schaudernd, wie tausendfach es vorkommen möge, daß solche Ahnung trügt, daß solch fast nachtwandlerisches dem Mann sich Entgegendrängen in jähe Enttäuschung, ja in Widerwillen sich auflösen kann.

Und sie empfand das unerhörte Glück mit voller Erkenntnis, daß sie ihren Mann nach der völligen Vereinigung noch heißer liebte als vorher.

Sie betete ihn an – in den Tod hätte sie für ihn gehen können.

Sie liebte in der gänzlichen Hingegebenheit, deren nur eine Frau fähig ist, selbst seine Fehler: die kleinen Schwierigkeiten seines Umgangs, die aus seinem langen Junggesellentum erstanden waren, belächelte sie bei sich in der zärtlichen Verliebtheit, wie Mütter die ungefährlichen, drolligen und intelligenten Unarten ihrer kleinen Kinder eigentlich bewundern, während sie sie zum Schein tadeln.

Aber aus der Klugheit ihres Herzens heraus, in jenem Geschmack, den Seelenkeuschheit hat, erzählte sie ihm nie von ihrer Liebe, wenn er diese Offenbarungen nicht suchte ...

In den unbegreiflichen, berauschenden ersten Tagen, als er mit dem Wehen der Leidenschaft sie zu eigen nahm, da durfte sie von ihrer Liebe alles in sein Ohr flüstern, und immer wieder küßte er ihre Hände und ihren Mund – voll heißer Dankbarkeit für so viel Ergebenheit – das klang ihr so wunderlich. Verstand sich die nicht von selbst?

Sehr bald nahm sein Benehmen wieder eine gleichmäßige Ruhe an – es schien beinahe, als habe die Zärtlichkeit des Gatten etwas bürgerlich Geregeltes bekommen. –

Therese hatte zahllose Male gelesen und gehört, wie rasch die Flitterwochenseligkeit verrauscht, wie schwer sich die jungen Frauen dann in das Gleichmaß der Temperatur finden, wie viel Kämpfe ihrem Herzen daraus entstehen, wie sie in solchen Kämpfen dem Mann die Stimmung verderben, wie hieraus die ersten Trübungen im Eheleben erwachsen – weil die jungen Frauen nicht begreifen, daß Schaum zerrinnen muß. –

Und sie dachte: »Das ist dies nun. Das ist der Augenblick, wo die Liebe sich recht dadurch zeigen muß, daß sie sich weniger zeigt.« – Nun hieß es klug sein, sich in der Hand behalten, Würde haben! Daß so schnell der Schaum vergehen würde – so rasch die heiße Poesie verklingen – die beklemmend schwüle Wonne des feurigen Umworbenseins sich so bald in beschämt vergebliches Erwarten umwandeln würde – alles drängende Feuer so bald zur ruhevollen Güte werden würde – nein, das hatte sie nicht gedacht ...

Aber das Glück blieb ja doch ihr eigen – das Beste, Größte, worauf es eigentlich ankam: sie wußte nun, er liebt mich und er gehört mir allein und für immer.

Sie hatte keine Erfahrung. Sie wußte nichts vom Manne als das, was sie nur durch ihn, mit ihm erlebte. Sie wußte auch nichts von der Liebe als die Wissenschaft ihres eigenen Gefühls.

Und das war so riesengroß, daß es keiner leidenschaftlichen Bekundungen bedurfte.

So sah sie sein Gefühl im Lichte ihres eigenen – –

Vielleicht hatte auch diese Reiseunruhe dem glückseligen Rausch so rasch ein Ende gesetzt. Und daheim, im eigenen Haus gehörte man sich wieder in innigerer Nähe an ...

Sie waren zuerst fast vierzehn Tage im Inselhotel in Konstanz gewesen. Und Therese dachte manchmal: »Da hätten wir bleiben sollen,« denn ihr schien, daß zugleich mit dem Szenenwechsel eine Veränderung im Zusammenleben eingetreten sei. Dann hatten sie in der Schweiz jeden schönen Punkt besucht, auf den es ankam, um den Charakter der verschiedenen Gebirgspartien und Kantons recht beurteilen zu können.

Zuweilen, wenn die Größe des Eindrucks Therese hinriß und ihr Dank dafür sich an den geliebten Mann richtete, war er beinahe weich gewesen und hatte sie mit einer schonenden, seltsam milden Herzlichkeit an sich gezogen.

Große Stunden hatte sie erlebt, viel gesehen – das bedachte sie nun in der Nacht voll Glück.

Und sie legte sich auch Rechenschaft darüber ab, daß sie noch niemals einen Ehemann habe beobachten können, der eine solche ergebene, beständige Ritterlichkeit seiner Frau gegenüber zeigte, wie ihr Mann für sie hatte. Ob das schön war!

Ihre Augen wurden feucht. Sie faltete die Hände unterm Hinterkopf, lag regungslos und träumte zu der verhüllten Halbkugel der Lampe hinauf, deren Licht ganz wenig den blauen Stoff durchschimmerte.

Frauen sind anders als Männer veranlagt – nun, das war Binsenweisheit. Sie hatte es hundertmal sagen und klagen hören und eigentlich nicht begriffen, warum diese natürliche, simple Tatsache ein Gegenstand des Bejammerns sein sollte.

Nun fing sie an zu ahnen, nein, mehr als das, sich zu sagen: wir Frauen möchten immerfort von der Liebe sprechen, sie immer neu erleben, und den Männern genügt es, sie bewiesen zu haben.

Aber eine Frau, die wahrhaft liebte, mußte sich eben in diese andere Art des Mannes fügen – nicht vorwurfsvoll klagen, daß er nicht lange in zärtlichem Schmachten sich zu ihren Füßen aufhielt – daß die großen Pflichten seines Lebens rasch wieder seine Gedanken mit Beschlag belegten.

Er hatte es gleich gesagt, daß er zum zärtlichen Liebhaber kein Talent habe –

Hier schalteten Theresens Gedanken aus und ein süßes, sehnsuchtsvolles Schwellen ging ganz durch sie hin – ach, zum zärtlichen Liebhaber kein Talent? – Sein Wesen, damals, in jenen ersten Tagen, war wie ein Sturm von Glückseligkeit für sie gewesen –

Sie fühlte: »Still für mich träumen von jener ersten Zeit, das will ich mir nicht verbieten...

Die macht mich reich für immer – diese Erinnerung –«

Und dennoch – manchmal wollte die unerklärliche Wehmut wieder heranschleichen, die in jenen Brauttagen ihr das Herz zuweilen schwer und riesengroß gemacht, als müsse es von Überfülle des Leids zerbrechen ...

Sie wies das von sich –

Vielleicht waren da Verwandtschaften in den höchsten Gegensätzen – wie ein Stück Eis gleich Feuer in der Hand brennen kann – so kann Überfülle des Glücks wie Schmerz sein...

Dankbar wollte sie bleiben – und hatte tausend Gründe ...

Oh, die schöne Zeit, die war – die schöne Zeit, die kam!

Wie würde alles werden?

Gut! Nicht anders als gut konnte, mußte es werden.

Die Arbeit und all die mit ihr zusammenhängenden großen Interessen kamen nun. Sie hatte sich ihnen schon in den letzten Reisewochen entgegengedrängt, gleich einer Flutwelle, die sich nicht mehr halten lassen will. Hundert Dinge, die doch der letzten Entscheidung des obersten Chefs bedurften, kamen und hatten wichtige Fragen auf den Lippen. Depeschen trafen ein und wurden abgesandt. Wo man ankam, übergab das Hotelbureau schon Briefe und Telegramme, die gewartet hatten. Und in den letzten acht Tagen war Baumann und seine Schreibmaschine in ihrem Gefolge. Der liebe, ergebene Baumann, der sich sehr in der Anstalt im Taunus bei einer Ernährungs- und Liegekur im Freien erholt hatte. Aber immer verlegen war, weil seine Kindheitsgespielin nun die Gattin seines Chefs geworden. Er ängstigte sich beständig, daß er etwa vertraulich wirken könne oder daß Absichten zur Vertraulichkeit bei ihm gemutmaßt werden könnten, und verfiel darüber in Devotion. Therese sah, daß dies die Gründe seines unsicheren Benehmens waren, und half ihm mit Güte.

Ja, von dem Tage an, wo im Hotelzimmer die Schreibmaschine tippelte, war Jakob eigentlich schon voll heimlicher Ungeduld. Er zeigte es nicht. Aber da Therese jede Wandlung seiner Züge, jeden Blitz seiner Augen, jede Färbung seiner Stimme kannte, half ihm all seine Beherrschtheit nichts.

Und so konnte alles nur harmonischer werden, wenn man zu Haus war.

Es beglückte sie, daß ihr Mann gelegentlich aus Briefen, und Depeschen ihr erzählte, dies und jenes Geschäft gleichsam vor sie hinstellte, indem er Aussichten und Gefahren, Arbeit und Umriß erklärte.

Das war ja auch das hohe Streben ihres Herzens: seine Gefährtin sein, von seinen Sorgen und Mühen wissen, seine Pflichten würdigen, indem sie sie ganz ermaß.

Auf ihren großen Hausstand freute sie sich auch. Sie beunruhigte sich gar nicht darüber, wie sie ihn regieren solle, in ihr war eine heitere Zuversicht zu allem, was das Leben heranbrachte. Fehler würde sie natürlich zuerst machen – nun ja! Aber wer vor Fehlern zittert und sich der Möglichkeit ihrer vorweg schämt, der wird gewiß kein Meister.

Die vielen Leute? Hm – da war Schrötter, der liebe kleine Alte, dem man natürlich nicht befehlen, den man bitten mußte, so ein wenig töchterlich fast –jeder andere Ton wäre lächerlich gewesen. Dann war da die Köchin, sechs Jahre im Haus, kannte aber Jakobs Geschmack und kochte, wie es ihm angenehm war – die würde wohl ein wenig anmaßend sein, oder voll unbewußter Gegenwehr gegen das neue Regiment; man mußte ihr Zutrauen machen, das eine und andere Mal sagen: »Das kennen Sie besser – machen Sie es nur, wie Sie es gewohnt waren« – jawohl, auf Zutrauen kam wahrscheinlich alles an zwischen Herrschaft und Dienstboten. Das bisherige Folgemädchen heiratete bald, es kam am ersten September eine neue. Der Diener und die Jungfer hatten sich auf der Reise als willige, geschickte, anständige Leute bewährt. Der Chauffeur kam nur zum Essen ins Haus.

In der ersten Zeit gäbe es natürlich sehr viel Arbeit, bis alles aufgezogen war – bis sie jedes Stück ihres Hausstandes kannte – das ganze Haus vom Boden bis zum Keller durchforscht haben würde.

Wie schön! – Das Vergnügen, so viel zu sollen, zu dürfen, benahm Therese ganz. Im Elternhaus war so wenig Arbeit für sie gewesen. Und Mama hatte natürlich durchaus ihre eigenen Ansichten und die Rechte ihrer Autorität. Auch hatte sie – wie oft Mütter – der unerprobten Tochter nichts zugetraut.

Aber Therese selbst traute sich schon was zu.

Und auch diese Gedanken, ihren nächsten praktischen Frauenaufgaben gewidmet, endeten mit einem stillen Dank an den geliebten Mann, der ihr Stellung und Pflichten gegeben hatte...

Der Zug fuhr und fuhr – ließ die gleißenden Schienen hinter sich, Kilometer um Kilometer – hielt, verschnaufte sich und lief weiter in die Nacht hinein, immer begleitet von jenem wunderlichen Gesang der Technik, deren Geräusche keine Lieder haben und doch melodisch sind, im Zauber strenger Rhythmik.

Auch der Mann horchte der ihm wohltuenden Gleichförmigkeit der gedämpften Tonfolgen und dem leisen Zittern aller Zugbewegungen nach. Das geleitete seine Gedanken, wie eine sanfte Pianobegleitung den Vortrag eines Sängers – kaum beachtet und dennoch ihn tragend und weiterleitend ...

Er fragte sich nicht geradezu – wie es Therese tat – »wie ist es gewesen – wie wird es werden?« Doch prüfte sein Gedächtnis unwillkürlich die ganze Zeit nach, die nun erlebt war und die den Besitz an »Ewig-Gestrigem« in seinem Dasein um allerwichtigste Dinge bereicherte.

Wie seltsam sich Erlebnisse aufeinanderhäufen können, ohne daß das eine das andere ganz verschüttet – die Scherben der Vergangenheit zeigen sich in den Ackerfurchen der Gegenwart...

Da nebenan lag seine Frau – sie schlief nicht – er spürte es wohl – er hatte bemerkt, wie sie mit der Vorsicht einer Kindswärterin sich leise aufreckte, zu sehen, ob er schlafe ...

So fühlte er sich nun immer von ihrer wachsamen Fürsorge umgeben. Aber weil die zart war, fast unmerklich und ganz ohne Anspruch, so beengte sie ihn nicht – tat ihm vielmehr wohl...

Er wußte es nun ganz gewiß: es war eine Glücksstunde für ihn gewesen, als er um Therese warb. In ihr waren noch so viel mehr Eigenschaften und Möglichkeiten, als er geahnt hatte. Ihre Entwicklung in diesen wenigen Wochen war mit einer Raschheit und Sicherheit vorwärts gegangen, daß er nie genug ihre Intelligenz und ihren Takt bewundern konnte.

Ein hoher Stolz auf seine Frau hatte sich in ihm fest eingebürgert. Das war eine sehr beglückende Empfindung für ihn.

Es rührte ihn und erweckte seine unbegrenzte Bewunderung, mit welcher vollkommenen Selbstbeherrschung sie sich in der Hand behielt, als das Erwachen aus dem kurzen Taumel kam ...

Dinge gibt es, über die man gar nicht nachdenken darf, um nicht an der Würde der eigenen Menschlichkeit zu verzweifeln.

Ihre Liebe, die wundervolle Unberührtheit ihrer Seele und ihres Körpers hatten ihn in einen kurzen Rausch versetzt gehabt – –

Und eben, weil es nur ein Rausch gewesen war, litt er unter der zurückkehrenden Besonnenheit wie unter einer Beschämung.

Die große Dankbarkeit für ihre Liebe blieb, die Hochachtung vor ihr ward fast zur Andacht.

Daß diese Frau seinen Namen trug, daß durch sie vielleicht sein Geschlecht sich fortpflanzen könnte, erfüllte ihn mit Genugtuung.

Wenn sie an seiner Seite war und in der stillen und lieblichen Heiterkeit ihrer Art mit ihm sprach, oder in ihrer aufmerkenden Klugheit zuhörte und fragte, fühlte er sich in einem Zustand vollkommener Harmonie. War sie nicht zugegen und kamen ihm dann Gedanken über seine Ehe, so fiel ein Druck auf sein Gemüt. Er begriff, daß all diese Herzlichkeit, all diese Bewunderung, all diese tiefe Freundschaftlichkeit nicht die Empfindung war, auf welche sie einen heiligen Anspruch hatte ...

Und er staunte die Unbestechlichkeit der Natur an. Durch ethische Gründe läßt sie sich zu ihren Wundern nicht zwingen. Elementare Dinge können Verstand und Gemüth zusammen nicht auslösen. Die sieden und wallen aus, Feuerherden empor, die unter der Bewußtseinsschwelle liegen ... Es ginge im Königreich der Liebe weniger grausam zu, wenn es eben nicht so wäre.

Es lastete auf ihm wie ein beständiger Vorwurf, daß er nicht das sich immer erneuernde, verzehrende Verlangen empfand, sein Weib zu umarmen.

Aber er mußte es sich gestehen: Irgend etwas in seinem Herzensleben war zerstört worden – irgendwo war da tote Lava. – Er konnte es sich selbst nicht klar machen – als sei seine Seele zu sehr ermüdet an der vieljährigen verbotenen Leidenschaft ...

Daß ein Herz steril bleibe, hat die Natur nicht gewollt – sie zeigt immer wieder Kraft zu neuem Blühen – also das Märchen von dem ›nur einmal lieben können‹ kam hier nicht in Frage ... Er liebte Thora nicht mehr. Er gönnte es ihr nicht, daß er sie früher geliebt hatte – das seltsame Gesetz, unter dem Mitschuldige stehen, hatte sich erfüllt: er verachtete Thora. Vielleicht haßte sie ihn. Er wußte es nicht. Es war ihm auch gleichgültig.

Aber die Erinnerung an sie stand ihm im Wege.

Die Spuren ihres Wesens konnte er nicht ganz aus dem seinen tilgen. Zuweilen ertappte er sich auf der Freude an Dingen, die er durch sie erst recht sehen gelernt hatte; oder brauchte ein Wort, das zu ihren besonderen Sprachgewohnheiten gehört hatte. In Basel in der Gemäldegalerie ward ihm plötzlich klar, als er zu Therese über Böcklin und Holbein sprach, daß er Wendungen brauchte, in denen Thora einmal sich zu diesen Malern geäußert hatte. Und Therese wunderte sich und bewunderte, baß er ihr von den großen Geistern erzählen konnte, die an der Baseler Universität gewirkt hatten, und Knappes, aber doch Zutreffendes von Burckhardt, Nietzsche, Overbeck zu sagen wußte – sie hatte es doch aus seinem eigenen Mund gehört, wie seine ungeheure Arbeit ihm ein so gewaltiges Gebiet von Interessen und Wissen aufschließe, daß für andere Zweige der Kultur ihm keine Zeit verbleibe. Ja, Thora hatte einen pikanten Flackergeist gehabt, der über alle Modefragen ein wenig hinleuchtete, und sie konnte plastisch davon sprechen. Davon war eben allerlei in ihm hängen geblieben ...

Er hatte doch das Gedächtnis, das unerbittliche, scharfe, unerschütterliche, das einen Teil seiner Begabung ausmachte ...

Ja, von ihr war allerlei hängen geblieben – harmlose, vielleicht sogar bereichernde Dinge ...

Aber alles in ihm wehrte sich gegen diesen Nachlaß – dies Erbe einer verbotenen Leidenschaft.

Auslöschen wollte er ... Aber es war ja erloschen ... nun denn: zornig noch auf der Asche herumtreten ...

Die Scherben der Vergangenheit zeigten sich eben in der Ackerfurche der Gegenwart ...

Und immerfort hatte er das Gefühl: Therese entschädigen! Ohne Aufhören gut an ihr machen, was er als einen Raub an ihr erkannte. Sie auf Händen tragen, weil sein Herz sie nicht trug ...

Sie war glücklich. Das glaubte er fest. Und das gab ihm oft eine Beruhigung. Sie war zufrieden mit seiner Art herzlicher Neigung.

Frauen sind auch anders veranlagt: das Wissen des rechtmäßigen, unverlierbaren Besitzes hebt sie, tröstet sie, läßt sie leichter resignieren, wenn ihnen die Poesie der großen Leidenschaft versagt bleibt. Wenn ihnen der Mann nur gehört – wenn er ihnen nur von keiner anderen genommen wird – dann ertragen sie alles.

Niemals in seinem ganzen Leben würde er jenen Abend vergessen – in Konstanz. – Der weite See verdämmerte mit dem seinen Blauduft der Berge wie in eins – friedvoll zogen Dampfer mit Lichteraugen ihre endlosen, feingewellten Furchen in die vom Abendglanz vielfarbige Spiegelfläche des Wassers – von irgendwo her klangen Glockenschläge – Therese stand an seinem Arm auf dem großen Balkon vor ihrem Zimmer – die Baumriesen, zwischen deren Wipfel hindurch man auf den See sah, waren von Schatten voll und dunkel, so wundervoll beruhigt schien die ganze Welt nach dem fröhlich-bunten Lärmen eines schönen Sommertags ...

Und in seine Seele war, unbegreiflich woher, jene seltsam beschämende Besonnenheit gekommen – schwer war sein Gemüt von Ernst und dem Wissen, daß er dies edle, herrliche Geschöpf in einem Rausch und nicht in der echten Inbrunst heißer Liebe zu eigen genommen.

Zugleich fühlte er mit der qualvollsten Deutlichkeit, daß das üppig-stille, große Abendwesen der Natur Theresens Seele mit Zärtlichkeit überfüllte – daß ihr Schweigen Sehnsucht war nach seinem Munde...

Ihr Blick suchte den seinen ... Sie atmete ein wenig kürzer und schneller als sonst ... ihr ganzer Mensch, Seele und Leib bebte ihm entgegen in Verlangen...

Da zog er sie fast brüderlich an sich, streichelte sanft ihr Haar und küßte sie auf die Stirn – wie er als Verlobter zuweilen getan ...

Welche Feinheit in ihr! Sie fühlte auf der Stelle dies schonende Ausweichen in seiner maßvollen Herzlichkeit. So dunkel war es noch nicht, daß er nicht das schnelle Erröten hätte sehen können, das über ihr Gesicht ging ...

Und dies Erröten blieb ihm das schmerzlichste, wunderbarste Schauspiel seines bisherigen Lebens ...

Und wie sie dann in zarter Zurückhaltung und dennoch im Leuchten einer ungetrübten Liebe weiter durch die Tage ging, das schien ihm erhaben ...

Er genoß das seltene Glück, ein Weib ganz und gar bewundern zu können.

Und es war sein Weib.

Eines Tages hatte er sich zurecht gedacht, daß sie vielleicht grüble über den Wandel in seinem Benehmen. Und er dachte, er müsse ihr Krücken darbieten, auf denen sie sich notdürftig den Weg zu einer Erklärung suchen könne.

»Bin ich dir nicht zu trocken und zu schwer, Therese? Ist der Altersunterschied nicht zu groß?«

»Altersunterschied?«

»Nun ja, ich bin doch siebzehn Jahre fast älter als du.«

Da hatte sie den Kopf verneinend und auch ein wenig verwundert bewegt.

»Das ist doch gerade das rechte Verhältnis. Wenigstens für meine Ansichten und Anforderungen. Ich hätte keinen Mann mögen, der noch unreif ist.«

»Aber doch vielleicht einen, der mehr heiße Lebensfröhlichkeit hat?«

»Ich meine, man heiratet nicht, um zusammen durchs Leben zu jubeln, sondern um zusammen zu wirken.«

Das Gespräch beruhigte ihn nur halb, denn nach ihren letzten Worten sah er einen ihm unverständlichen Ausdruck über ihr Gesicht gehen – wie eine Wehmut, die sich in Träumen dann verlor...

Nun war diese Zeit zu Ende. Von Konstanz, nach dem schmerzlich-zarten, von ihnen beiden in Schweigen durchlittenen Erlebnis jener Minuten, hatte es ihn förmlich weggetrieben – dann kam ein beständiger Szenenwechsel, und dann reiste ihnen das Geschäft gleichsam entgegen, schickte Herolde auf Draht und Bahn, und schließlich kam Baumann.

Auch in diesen unruhigen Wochen hatte Therese sich bewährt. Ihre grenzenlose Liebe war keine Sklavendemut. Weil sie sich mit Zurückhaltung auf das herrlichste verband, blieb es immer ein wundervolles Geschenk.

Und er gewann aus diesem allen schließlich doch die Hoffnung, daß Therese glücklich sei und bleiben werde, daß er eine friedvolle Häuslichkeit fände und daß alles in allem die Zukunft solche Formen haben könne, wie sein Verstand und sein Lebensgeschmack sie wünschten. Er war ja oft und lange auf Reisen gewesen. Von vier Weltteilen kannte er manchen Platz und manche Gegend. Immer reiste er mit Ungeduld, sein Ziel zu erreichen, ab, und immer kehrte er mit Ungeduld heim, weil sein Kontor ihn schon zu lange entbehrte.

Diesmal hatte er nicht nur Ungeduld, sondern eine tiefe Heimkehrfreude.

Er freute sich auf seinen Schreibtisch und auf den Wind, der an der Markise zerrte, daß sie knarrte, und der das Wasser schuppte, daß das Widerspiel seiner Wellenlinien sich zitternd an der Wand abmalte. Er freute sich auf den Geruch von rohem Kaffee, der aus den Speichern kam, während im Halbdunkel drinnen die Männer mit den Säcken hantierten.

Auch war eine ganz merkwürdige Neugier in ihm, wie es nur sein würde, wenn er aus dem Geschäft nach Haus käme und eine Frau darin fände. Wie Therese wohl darin schalten und walten würde? Unter allen Umständen praktisch, geräuschlos, freundlich.

Welch eine gute Zuversicht ...

So fuhr der Zug durch die Nacht und begleitete mit seinen eiligen, plaudernden Geräuschen all die rückwärts- und vorwärtsgewandten Gedanken. Und durch die Einförmigkeit des gedämpften, rhythmischen Lärmens verwirrte sich zuletzt die Empfindung und verlor sich das Bewußtsein der Vorwärtsbewegung –

Einmal hatte Bording noch ein kurzes Erschrecken: warum schütterte sein Bett und was für Geräusche raunten um ihn herum? – Und dann schlief er fest ein ...

Am anderen Tage, auf der letzten Strecke ihrer Heimreise, waren sie beide in der besten Stimmung. Vorfreude und Neugier mischte sich mit dem Gefühl: es war doch schön gewesen!

Therese saß am Fenster, aufgeregt und dringlich aufpassend, um die ersten Zeichen der ihnen gleichsam entgegenrückenden Heimat nicht zu übersehen. Ihr gegenüber saß ihr Mann und freute sich, wie angenehm ihre Erscheinung wirkte.

Keine Frage: sie hatte sich verschönert. Ihr Ausdruck war noch bestimmter geworden, ihre schönen Augen blickten so klug, so gütig in die Welt hinaus. Ihre Haltung war selbstbewußter geworden. Sie war nun auch sehr gut gekleidet. Einfach, aber in der vollkommensten Vornehmheit. Wie der scharfweiße hohe Kragen ihr famos stand – wie sein die Haut, wie hübsch der Haaransatz. Der graue Strohhut mit dem graubraunen Fittichbesteck kleidete sie sehr günstig.

Sie fühlte diesen langen, taxierenden Blick und lächelte ihn glückselig an – sie merkte ja: sie gefiel ihm, wie sie so dasaß ...

Er dachte: »Ihr Papa wird sich freuen ...«

Und es war ihm erleichternd, mit diesem ersten Eindruck, den Therese machen mußte, vor dem lieben Mann bestehen zu können. Auch vor diesem, der ihm seinen besten Schatz anvertraut hatte, fühlte er sich immer verantwortlich ... Und dieser herzenstiefe, vertrauende, feine Mann durfte niemals, niemals ahnen, daß Jakob Bording eigentlich eine Verstandsehe geschlossen hatte...

»Ob die Eltern wohl an der Bahn sein werden?«

»Vermutlich.«

»Burmeesters müssen auch gerade von der Reise zurück sein.«

»Ich glaube auch.«

»Wenn Mama nur nicht mit ihren Anordnungen den Dekorateur unsicher gemacht hat! Ich hatte ihn so genau instruiert. Mama ist so fürsorglich, so pflichteifrig und meint, sie muß das ab und an etwas zeigen ... Nicht wahr, Jakob, du fühlst, daß Mama es immer liebevoll im Sinn hat.«

»Ja, liebe Therese.«

»Ach, Jakob... ich mache dich nervös mit all meinen unnützen Bemerkungen ... aber ich will es lieber offen sagen: ich bin geradezu aufgeregt.«

»Das versteh' ich völlig. Solche Heimkehr wie die unsere heute hat beinahe etwas eben so Entscheidendes, wie der Hochzeitstag selbst.«

»Ja. Es ist, als ob man zum zweiten Male eine Tür zum Glück öffnen will. Weißt du was? Manchmal hab' ich das Gefühl, als wenn das Leben ein Schreiten durch viele und voneinander ganz verschiedene Räume sei. Wände hat man hinter sich und vor sich.«

»Nur daß die, die hinter einem liegen, von Glas sind, und die, die man vor sich hat, von Mauersteinen.«

Sie sah ihn an. Da war ja mit einem Male der scharfe Zug an seinem linken Mundwinkel, der sein Gesicht so hart machte.

Aber sie fragte nicht. Ein unbestimmtes Gefühl sagte ihr, daß Männer gewiß nicht das Bedürfnis haben, sich so grenzenlos mitzuteilen wie Frauen. Und ihr gesunder Takt bewahrte sie immer davor, ihn merken zu lassen, wenn ein veränderter Ausdruck seiner Züge ihr gelegentlich auffiel.

Sie schwiegen nun, und Therese begann wieder die vorbeijagende Landschaft zu studieren, um die ersten bekannten Baumgruppen und Gehöfte sogleich feststellen zu können. Der große, lang sich hinziehende, von sanft gewelltem Gelände umgebene Ratzeburger See lag schon lange hinter ihnen.

In Sommerpracht zeigte sich die Landschaft. Goldgelbe Garben standen in Reih und Glied auf dem strohfarbenen Teppich der Stoppeln. Und vom obersten Bund, der sie umfesselte, an öffneten sich die Garben, abwärts geneigt, in anmutigem Bogen strebten die Ähren im Kreise auseinander. Wie dicke, niedrige Mauern umschlossen die voll belaubten Knicks die blonden Breiten. Auf leuchtend grünen Wiesen weideten die rotweißen Kühe mit der Gelassenheit, die keine Zeitwerte kennt.

Nun sah Theresens Auge am Horizont eine Reihe italienischer Pappeln; uralte, riesige Bäume von zerzausten Formen waren es in Wirklichkeit – fern, klein, wie mit farbenblassem Pinsel am Fuß des Himmelsgewölbes hingetuscht, schienen sie kaum erkennbar vom Zuge aus. Aber an ihnen orientierte sich Therese: noch fünf Minuten oder sechs ... Man war da – man war da ...

»Jakob...« sie stand auf. Sie war förmlich atemlos.

Er stellte sich neben sie, legte leicht den Arm um ihre Taille.

Auch ihm klopfte das Herz.

Ja – da kamen sie in Sicht, die schlanken, ruhevollen Türme, die über das weite Flachland hinaussahen. Vor dem heute fast kornblumenblauen Augusthimmel standen sie, mit ihren hohen, sich langsam zu seinen Spitzen verjüngenden köstlich grünen Dächern. Auf dem Messingglanz der einen oder anderen Turmkugel brannte die Sonne und setzte da strahlenaussprühende Brillanten hin. Die Wälle und Anlagen mit ihren Baumriesen im schweren Dickicht der Hochsommerbelaubung zogen sich, traulich und intim wie lauter sich ineinander öffnende Gärten, als grüner Gürtel hin. Wasser blinkte fröhlich auf. Da kroch ein kleiner Dampfer mit Ausflüglern. –

Und da kamen die ersten Häuser in Sicht – anmutige Brücken spannten sich über das schuppige Kanalland – – –

Da war sie – da war sie – die Heimat – die einzige – die alte, wunderbare Stadt, in der Glorie ihrer großen Vergangenheit, im warmen Farbenreichtum ihrer roten Mauern und ihrer getreppten und geschweiften Giebel, in dem bezaubernden Reiz ihrer malerischen Ecken und Winkel, in der stolzen Strenge ihrer alten Prunkbauten. Und die Sonne schien – dann wehte der Ostwind, und er hatte einen wunderbaren Atem, voll Salz und voll Waldwürze – denn auf seinem Wege vom Meere strich er durch die großen Eichen- und Buchenwälder und nahm den Duft ihres Laubes mit hinein in die Stadt...

Therese hatte nasse Augen.

Sie begriff es ja selbst nicht, daß sie durch das Wiedersehen der Heimat so erschüttert sein konnte.

Bording sagte: »Ich glaube, die Heimatliebe ist immer am leidenschaftlichsten da, wo das Volk ein sehr nahes Verhältnis zur alten Geschichte seiner Heimat hat und das Gefühl, daß es, das Volk selbst, tätig und mitbestimmend in dieser Geschichte gewirkt hat. Eine ähnliche Kraft des Heimatsempfindens und Heimatstolzes wie bei den Schweizern und Hanseaten habe ich nirgend gefunden. In monarchischen Ländern setzt sich ein Teil dieser Empfindungen in Anhänglichkeit an die angestammte Dynastie um, und der Fürst ist der Heimat Symbol. Man könnte also vielleicht sagen: kleine Republiken mit großer Geschichte haben die heißeste Anhänglichkeit für ihr Gemeinwesen, weil sie fortwährend unbewußt fühlen, nur ihre eigene Liebe und Arbeit und Wachsamkeit kann die ideellen und praktischen Werte erhalten und weiter entwickeln. Man könnte vielleicht das auch so ausdrücken: monarchische Völker lieben ihre Heimat mit Kinderliebe, republikanische fühlen zu ihr mehr so etwas wie Elternliebe. Es müßte sich einmal ein Völkerpsychologe mit den feinen Unterscheidungen befassen und uns etwas Erklärendes darüber schreiben.«

Sonst hing Therese an seinen Lippen, wenn er zu ihr sprach. Aber in diesen Augenblicken hörte sie etwas flüchtig zu.

Der Zug fuhr auf die Halle zu – glitt hinein – stand ...

»Papa – ja – Mama auch – oh...«

Bording hatte sie auch gesehen, als der kurze D-Zug an den nahe der Einfahrt auf dem Bahnsteig wartenden Gruppen langsam vorbei rollte. Das heißt, es waren eigentlich keine Gruppen. Sie standen in Reih und Glied, ein Spalier der Erwartung. Der Senator Landskron mit seinem schlichten Blondhaar, seiner goldgefaßten Brille und den von Freude roten Bäckchen. Die Senatorin mit einer Mantille, unter deren starkem Spitzenmuster schwarze Seide schimmerte, in einem schwarzen Kleid von leichtem Stoff, das sie sehr hoch gerafft, aber doch nicht ganz erfaßt hatte, denn ein durchsichtiges Stück des Rockes ließ die Zugstiefel und ein wenig grauen Strumpf sehen. Doktor Georg Burmeester, ein wuchtiger Riese, der mit dem ganzen rötlich-bartlosen Gesicht lachte und den Panamahut hochschwenkte. Frau Grete, klein neben ihm, schlank, hellblond in einem blassen Lilakleid, dünn und leicht und ebenfalls mit einem Panamahut, den sie sicher auch am liebsten geschwenkt hätte, wenn es nur angängig gewesen wäre. Fünftens und sechstens waren da Jakob und Georgette mit den zu langen Beinen und zu kurzen Hosen und Röcken ihrer zehn und neun Jahre. Sie hatten dicke Blumensträuße in den Fäusten und waren ohne Zweifel in großer Spannung, ob Tante Therese, die neue Tante, nun das getan habe, was Onkel Jakob stets vergessen hatte: was mitzubringen. Siebentens endlich, in hellgrauer Sommereleganz besonders lebemännisch und flott anzusehen, Konsul Hartmann-Flügge, mit einer kleinen, braunen Tasche in der herabhängenden Linken, was gleich verriet, daß er mit eben diesem Zuge nach Kiel fahren wollte und demgemäß die Zahl der Empfangenden nur zufällig vermehrte.

Natürlich löste sich diese stattliche Reihe zu wilder Unordnung auf, und alle eilten in der bekannten überflüssigen, aber unbezwingbaren Hast dem Zuge nach. Nur die Senatorin schritt wuchtig und würdig als letzte, während ihr das durchsichtige Stück Rock als Zipfel nachschleppte und förmlich wie eine Kelle den Bahnsteigstaub auffegte.

Wie erklärlich, gewannen Jakob und Georgette das Flachrennen und hängten sich im Gewühl der Ein- und Aussteigenden bleischwer an Jakob und Therese.

»Görenzeug – wollt ihr woll!« schalt Burmeester. Dann fiel Therese ihrem Vater um den Hals, und er strahlte vor Stolz und sah gleich, wie wunderhübsch seine Tochter geworden war, und dachte bei sich: »Wie eine junge Fürstin!«

In das allgemeine Umarmen und Händeschütteln hinein kam dann noch die Senatorin und setzte ihre Rührung in passende und belehrende Segensworte um.

Alle sagten, wie wohl und wie blühend beide aussähen.

Und Hartmann-Flügge, schon die eine Hand am Griff, um den D-Wagen zu besteigen, bemerkte: »Bording, du bist 'n büschen stärker geworden. Von der Hochzeitsreise mit 'nem Embonpoint zurück? Wer erklärt, Graf Örindur, diesen Zwiespalt der Natur?«

Bording überhörte mit seinem hochmütigsten Gesicht diese echt Hartmann-Flüggesche Randglosse.

»Es ist eins von den Zitaten,« belehrte die Senatorin, »die immer entstellt gegeben werden.«

»Steig ein, mein Junge, und bringe dein Mundwerk unbeschädigt nach Kiel,« sagte Burmeester.

»Ja, weiß Gott, da werde ich es brauchen,« erwiderte Hartmann-Flügge nun noch aus dem Fenster. »Der ›Swedenborg‹ ist zwischen Kiel und Gotenburg leck geworden, ich hatt' für ein badisches Haus zweihundert Stück Nähmaschinen und dreihundert Stück Fahrräder darauf, und nun machen die Assekurateure Schwierigkeiten. Na – adjö – wünsch viel Glück zum Einzug ins eigene Heim.«

Die Gruppe schritt nun der Treppe zu, die vom Bahnsteig zur Empfangshalle emporführte. Jakob und Georgette voran, mit dem Handtäschchen Theresens und den Blumen: Das junge Ehepaar in der Mitte, als die Helden des Augenblicks. Den Beschluß machte die Jungfer mit einer großen, blankgelben Hutschachtel. Draußen wartete das Auto, mit großen Sträußen von dunkelroten Rosen geschmückt. Die Senatorin hatte eigentlich vorgehabt, als Mutter mitzufahren, um auf der Schwelle des eigenen Hauses der Tochter noch einen Hinweis auf Pflicht und Liebe zu geben, deren Hochhaltung allein die Zufriedenheit des Lebens gewährleisteten.

Aber es geschah, daß Therese sich von allen auf das innigste und zugleich selbstverständlichste verabschiedete. So, als gehöre niemand in dies Auto als sie und ihr Mann.

»Morgen kommen wir zu euch oder ich allein, wenn Jakob nicht kann, denn die Familienrücksichten, die sich in Besuchen und äußerlichen Formen ausdrücken, verlangt ihr gewiß nicht von ihm. Und bald, bald müßt ihr bei uns essen. Tausend Dank, Papa – Mama – euch, Grete, auch – ja und Georgette und Jakob: der Diener bringt euch noch heute abend ein Paket...«

»Hurra!« schrien Jakob und Georgette.

»Georg, ich muß dich noch geschäftlich sprechen heute, haben Sie Dank, lieber Papa – verehrungswürdigste Schwiegermama.«

Bording küßte ihr den rehfarbigen Zwirnhandschuh.

Und als das Auto nun davon fuhr und Therese hinter den Glasscheiben der Karosserie noch einmal winkte, da begriff eigentlich die Senatorin erst, daß ihre Tochter nun ihrer Aufsicht und ihren Lehren entrückt sei, und sie dachte: »Mein Gott, wie wird sie sich ohne meinen Beistand mit diesem schwierigen Mann und ihrem großen Hausstand zurechtfinden!« Es konnte unmöglich glatt und in standesgemäßer Vornehmheit abgehen...

Therese hatte ein heißes Gesicht. Sie drückte ihrem Manne einmal fest und stark die Hand. Dann saßen sie schweigend.

Über die Brücke sauste das Auto, wo die alten Götterfiguren von grauem porigen Sandstein trocken und heiß in der Sonne sich abhoben gegen den fernen Hintergrund der grünen, mit Riesenbäumen und dichten Gebüschpartien bestandenen einstigen Festungswälle, während tief unten das blaubraune Wasser des Stadtgrabens blinkerte. Das alte Tor kam mit den dicken, rot und schwarzen Rundtürmen, klobig und wuchtig; im Mittelbau, der die Türme verband, öffnete sich das Halbrund eines Tormundes. Aber der Verkehr spülte seinen Strom um das alte Tor herum und ließ es als Insel unberührt liegen. Und wieder eine Brücke, neben der alte Speicher, fast wie Taumelnde sich aneinander lehnend, im Flusse ihr Spiegelbild mit der greisenhaften Melancholie der Ausgelebten still betrachteten. Auf dem Fluß stromauf das Idyll von großen Sandkähnen und kleinen Verkehrsdampfern, stromab einige schwedische und finnländische Dampfer, die Bretter löschten.

Nun die Straße hügelan, zwischen den Häuserreihen, die sich nah in die Gesichter sahen.

Therese saß mit gefalteten Händen und dachte in großem Ernst: »Nun komm' ich in sein Haus ...«

Und ihr war, als finge damit doch erst ganz eigentlich ihre Ehe an, mit allen schönen Aufgaben und – Opfern. Aber darauf war sie ja gefaßt. Sich ihm und seinen Aufgaben unterordnend und anschmiegend ein Teil seines Lebens zu werden war ja das Ziel ihrer Liebe.

Eine glückliche Rührung machte ihr das Herz groß.

Ihr Mann saß auch schweigsam – sie hätte wohl wissen mögen, ob auch sein Herz jetzt eine besondere Bewegung fühlte. Aber Bording dachte: »Wie die Kaffeebörse wohl heute notiert hat ...«

Er bekam täglich, wo er auch war, eine Depesche über Stimmung und Verlauf der Hamburger Kaffeebörse. Nur natürlich, wenn er in der Bahn saß, konnte ihn das Telegramm nicht erreichen. Dann lag es schon wartend an seinem Reiseziel, wenn er spät nachmittags oder abends ankam.

Ja, das Geschäft packte ihn wieder. So ganz und gar, daß er eigentlich kaum noch besondere Gedanken dafür hatte, daß er nun seine junge Frau in sein eigenes Heim brachte. Alles dies hatte ihn in der Nacht bewegt – da sah er der Sachlage und seinen und ihren Empfindungen mit unerbittlicher Genauigkeit ins Gesicht. Nun war das praktische Leben wieder da. Mit den gegebenen Faktoren mußte es so herzlich, so von Grund aus anständig und vor allen Dingen so ungestört als möglich gelebt werden, damit er seinen Frieden und Therese ihre Zufriedenheit habe ...

Das Auto fuhr über den Kirchplatz. Da war die alte Kirche, rot und warm von Sonnenglanz umbadet. Mächtig stand sie dem Bordingschen Hause gegenüber. In der Tür, die nach der schmalen Gasse mündete, wartete der alte Schrötter mit einem Freudenglanz in seinem Gesicht, daß es Therese weich machte.

Ach, alles machte sie weich. Die häßlichen, von den Dienstboten beschafften Plakate mit den Inschriften »Willkommen« – »Gott segne euren Einzug« – all die Girlanden von Eichenlaub um die Türen und über den Treppenaufgängen – die einen starken Geruch wie von Herbst und Absterben durch das ganze Haus hindufteten. »Dank!« sagte sie mit überströmenden Augen, immer wieder »Dank« und drückte den Dienstboten freudig die Hände.

»Sehr hübsch,« sagte Bording zerstreut, »sehr hübsch. Schrötter, sind die Depeschen da?«

»Das Kontor hat eben geschickt – alles liegt auf dem Schreibtisch, Herr Senator,« meldete Schrötter.

Sie standen in der Diele.

»Du verzeihst, Therese ...« Er hatte schon den Türgriff in der Hand, um durch sein Rauchzimmer an seinen Schreibtisch zu gehen.

»Jeden Tag und immer, wenn erst das Geschäft kommt, und dann ich,« rief sie mit etwas erzwungener Heiterkeit, »aber heut mußt du mich erst ganz herumführen im Haus.«

»Du kennst es ja – aber du hast recht.« Er hakte sie ein, er sie, wie es verliebte junge Leute sonst tun – aber ihm war, als müsse er mit dieser Geste burschikoser Zutraulichkeit seine Unart gutmachen ... Er fühlte wohl: sie hätte verletzt sein dürfen.

Aber gerade, weil sie es nie war oder, wenn sie es war, es nie zeigte – das zwang ihn zur Rücksicht. Es wäre ihm unmöglich gewesen, ihrer vornehmen Haltung mit Rauheit zu begegnen.

Und so wanderten sie durch das ganze Haus. Da war sein Schreibzimmer mit den Bücherschränken.

»Dies ist nun meine unantastbare Welt für mich allein.«

»Versteht sich – das soll auch Schrötter nach wie vor ganz allem besorgen.«

Das Rauchzimmer mit seinem an die Wand gepolsterten lila Ecksofa und dem hellen Fleck des Heidebildes an der Wand fand Therese sehr gemütlich.

»Ich will es ändern lassen. Ich mag die Farbe nicht mehr.«

»Was für schöne alte Schränke, die habe ich schon immer bewundert.«

Sie war ja als Braut das eine und andere Mal hier durchgekommen.

»In dem einen sind Zigarren und Ascheservice. Im anderen allerlei altes Silber und Teegerät. Beide Schränke haben einen interessanten Druckverschluß, ich zeig' ihn dir ein andermal, dann kannst du da aufräumen. Die Schränke sind beide von 1572. Wenn du die Schnitzerei genau studierst, findest du die Jahreszahlen und die Initialen ihrer ersten Besitzer.«

Sie kamen wieder auf die Diele.

»Sieh, diese alte Spindeluhr und ein Rubinglasschälchen auf Silberfuß – das sind die einzigen Stücke, die sich in der Familie erhalten haben.«

»Ich werde sie besonders bewachen. Wo ist die Rubinglasschale?«

»In dem Schrank unter dem Heidebild.«

Es ging treppan. Der erste Stock war nun ganz für die Dienerschaft und häusliche Zwecke bestimmt. –

Sie umwanderten die Galerie.

»Wie Elsa auf ihrem Brautzug,« scherzte Therese.

»Bewahr dich Gott vor ihrer Neugier.«

»Du bist ja nicht geheimnisvoll,« sagte sie munter.

Im zweiten Stock war alles neu und schön. Ein Wohnzimmer für Therese und ein Eßzimmer, in dem man auch ein Dutzend Freunde versammeln konnte. Nebeneinander die beiden Schlafzimmer und dann zwei Räume, die einstweilen unter der Etikette »Fremdenstube« ein unbewohntes Dasein führen sollten.

Therese preßte den Arm ihres Mannes fester an sich. Sie sah ihm mit strahlenden Blicken in die Augen.

»Wer weiß ...« sagte sie. Und lächelte einer fernen Möglichkeit zu ...

»Es würde mich zum glücklichsten Menschen auf der Welt machen,« sprach er leise.

Und dann nahm er ihre beiden Hände und drückte sie fest.

»Also Frau Therese Bording,« sagte er heiter, »von nun an Frau und Herrin dieses Hauses – sei mir eine nachsichtige Regentin. Mir ist die merkwürdige Tatsache nicht unbekannt, daß gerade die Männer, die in ihrer Berufswelt stark und selbständig sind, zu Haus am wenigsten zu sagen haben. Ich gehe also meiner neuen Stellung mit Einsicht und Demut entgegen, mich deiner Güte empfehlend. Und jetzt muß ich aber wirklich zu meinen Depeschen.«

Sie lachte hell, wie das sorgenlose Glück lacht.

Und als er treppab eilte, war der Nachhall dieses Lachens in seinem Ohr, und auch er lächelte.

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