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Ein königlicher Kaufmann

Ida Boy-Ed: Ein königlicher Kaufmann - Kapitel 8
Quellenangabe
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typefiction
authorIda Boy-Ed
titleEin königlicher Kaufmann
publisherJ. G. Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger
printrun38.-45. Tausend
year1922
firstpub1911
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20090107
projectid19315a16
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VIII

Trotz des schönen Tages benutzte Bording ein Coupé. Ihm war geradezu, als würde er sich im offenen Wagen geniert fühlen, als würden ihm alle Menschen Zweck und Ziel seiner Fahrt ansehen.

Sein Zustand schien ihm unbehaglich. Er fühlte sich ein wenig zurückgeworfen in grüne Jünglingszeit. – Ein Mädchen sollte nun über ihn und seine Zukunft entscheiden ...

Aber es gab ja wohl keine Lage, mochte sie noch so groß, noch so wichtig sein, in die nicht irgendwie auch Ärgerlichkeiten und Lästigkeiten, hineinspielten.

Schließlich war das, was ihm nun alles bevorstand, ein unumgängliches Vorspiel. Man mußte ein paar Wochen Rücksicht nehmen, Zeremonien ertragen, Zeitopfer bringen. Wie man oft auch eine lange und mühsame Seereise ertragen muß, um endlich im Idyll eines schönen Hafens zu landen.

Der Wagen hielt vor der eisernen Gitterpforte des Landskronschen Vorgartens. Bording fühlte kaum die Kälte des Klopfers in seiner Hand – sie war fast ebenso eisig.

»Wollen Sie mich melden,« sagte er im befehlenden Ton und gab dem Mädchen, das ihm die Haustür öffnete, seine Karte. Das Mädchen, in rosa Kattun mit dem weißen Rüschenhäubchen auf dem Kopf, wußte schon Bescheid. Denn die Senatorin hatte sich doch nicht enthalten können, mit besonderer Würde in Ton und Haltung das Mädchen zu unterrichten: »Wenn Herr Senator Bording um halb eins kommt, lassen Sie ihn unangemeldet ins grüne Zimmer und rufen mich dann von der Veranda ab, aber ohne zu sagen – verstehen Sie: oh–ne! zu sa–gen! daß er da ist!!!«

Sie hatte sich einen ganzen Plan ausgearbeitet. Ohne eine derartige tätige Mitwirkung würde sie sich von den Ereignissen ausgeschaltet gefühlt und in ihrem Mutterrecht verletzt gesehen haben. Auch hätte, ihrem Gefühl nach, der Vorgang an Wichtigkeit eingebüßt, wenn er sich in natürlichster Einfachheit abgewickelt haben würde.

So bat denn die rosafarbene Elise mit hastigem und aufgeregtem Wesen – denn ihr war höchst ahnungsvoll zumut geworden – den Herrn Senator, nur eintreten zu wollen, sie werde sogleich die Herrschaft benachrichtigen ...

Dann stürzte sie durch das Eßzimmer auf die Veranda, wo ihre Herrin saß und ruhevoll an einer grau-rot-weißen Decke stickte, die Knie auseinander und die Füße in den Zeugstiefeln auf dem Fußschemel. Die Senatorin hielt der Tochter einen Vortrag über Verstandesehen und wußte mehr Beispiele, als sie Finger habe, von derartigen glücklich verlaufenen Bündnissen, so daß Therese schon längst gemerkt hatte: da ist was los, und sich zu der trüben Befürchtung verstieg, daß vielleicht der Amtsrichter Doktor Leuweg in Hamburg um sie angehalten habe. Er war sehr weitläufig mit ihrer Mutter verwandt, hatte viel Geld und war schon oft von der Mutter als der Schwiegersohn ihrer Träume an die Wand gemalt worden, ohne freilich bisher seinerseits das mindeste Zeichen von Absichten gegeben zu haben. Therese fand ihn unausstehlich, was sie jedesmal auf das kräftigste zu den Zukunftswünschen ihrer Mutter auch erklärt hatte.

Immer deutlicher wurden die Anspielungen der Senatorin. Schon hatte sie Theresen vorgerechnet, wie wenig sie zu leben habe, wenn Vater und Mutter vom Zeitlichen in die Ewigkeit würden abberufen werden und die Tochter unversorgt zurückließen.

Der Gegenstand riß sie fort. Bereits begann sie – allen Beschwörungen ihres Mannes zum Trotz und obgleich sie sie noch heut morgen hochmütig als unangebracht zurückgewiesen, zu fragen: »Wenn nun wirklich ein Mann vor dich hinträte, der dir einen angesehenen Namen, ein großes Vermögen böte?«

Therese sagte aufgeregt – sie hatte es endlich wohl werden müssen: »Gib dir keine Mühe, ich nehme Leuweg nie.«

Irrtümliche Auffassungen konnte doch die Senatorin unmöglich unwidersprochen lassen. Sie öffnete gerade den Mund und wollte sagen: »Ich spreche nicht von Jonnie Leuweg, ich spreche von Herrn Senator Bording ...«

Da erschien das rosafarbene Kattunkleid und ein heißes Gesicht in der Tür vom Eßzimmer, und Elise sagte: »Ach, wollen vielleicht Frau Senator mal eben einen Momang 'rauskommen.«

Sie erhob sich voll Ruhe.

»Man hat doch keinen Augenblick ungestört,« sagte sie klagend, »ach, Therese, such mir doch inzwischen im grünen Zimmer das Stickgarn – ich glaube, ich habe es im Spiegelschrank verkramt.«

Unterdes wartete Bording eine Minute im grünen Zimmer, das seinen Namen von den Plüschmöbeln hatte, die einst in der Aussteuer der jetzigen Senatorin eine Prachtnummer gewesen waren.

Er sah sich um. Das Zimmer schien ihm seiner Besitzerin zu ähneln. Ihm war, als hätte er schon hundert solcher Einrichtungen gesehen.

Eine Minute ... Sie flog gerade nicht. Irgendwo im Zimmer tickte eine Uhr – ja, dort, die Pendüle von Goldbronze unter dem Glassturz, auf dem Schrank ... Man sah den unteren Teil der Pendelscheibe, wie sie quer hin und her ging – – unbeschreiblich langsam – als habe die Zeit ein Bleigewicht an ihren Füßen ...

Zufällig bemerkte Bording sein Abbild im Spiegel – er erschrak beinahe über seine Blässe.

Jetzt öffnete sich die Tür, die von dem nach dem Vorgarten zu gelegenen Zimmer wohl in die anderen Wohnräume führen mußte.

Therese erschien auf der Schwelle.

»Ach –« sagte sie. Sehr überrascht, ganz glücklich, aber völlig unbefangen.

In aller Geschwindigkeit dachte sie: »Er will seinen Besuch als neuerwählter Senator machen« – und: »Elise lernt nie richtig anmelden.«

»Ach, guten Tag, Herr Senator.« Sie ging auf ihn zu und reichte ihm die Hand. Seit einiger Zeit hatte sie ja das wundervolle Gefühl, daß sie auf dem Wege sei, seine Freundin zu werden, daß sie sich seine Beachtung erworben habe, daß er sie seines Zutrauens würdigte.

»Ich gratuliere Ihnen von Herzen. Verzeihen Sie – unser Mädchen scheint da irgend eine Ungeschicklichkeit begangen zu haben – ich will Mama benachrichtigen ...«

»Bitte nicht. Ich glaube annehmen zu dürfen, daß Ihre Frau Mutter von meiner Anwesenheit unterrichtet ist und davon, daß ich allein mit Ihnen zu sprechen habe ...«

Therese öffnete ein wenig den Mund – wie es jäh Überraschte tun ...

»Mit – mir ...?« brachte sie atemlos heraus.

»Ja, liebe Therese. Ich stehe mit der Einwilligung Ihres teuren Vaters hier ...«

Eine Pause – vielleicht nur ein paar Herzschläge lang ...

Therese dachte gar nichts ... das ganze Zimmer versank – goldenes Licht füllte die Welt – ein Rauschen und Brausen war ringsum in der Luft – als sei das Glück ein Sturm geworden und komme in gewaltiger Macht heran ...

»Liebe Therese,« begann er, »ich habe in der letzten Zeit manchmal gedacht, daß ich eine Frage wagen dürfe ... ohne eine Abweisung befürchten zu müssen ... Liebe Therese ... haben Sie genug Zutrauen und Neigung für mich, um meine Frau werden zu wollen?«

»O Gott ...« sagte sie. Immerfort sah sie ihn an mit ihren großen, tiefen Blauaugen.

Es brach eine solche Glückseligkeit aus diesem Blick – eine so grenzenlose Hingabe strahlte ihm entgegen, daß es ihn kalt überlief ...

Der schwere Ernst in seinem Gemüt vertiefte sich noch – er war erschüttert – gerührt – beschämt ... »Ja?« fragte er leise.

»Ja!« jauchzte sie und brach in Tränen aus.

Er biß sich auf die Lippen. Er begriff es nicht: aber diese Tränen machten ihn weich. – Auf irgend eine unerklärliche Weise kam er sich schuldig vor ... als ob diese Tränen – die doch das Glück weinte, ihn belasteten ...

Er nahm sie in seine Arme, küßte sie auf die Stirn, streichelte ihr das Haar –

Sie beruhigte sich schnell, legte den Kopf zurück, lächelte entzückt, während in ihren Augen noch die Tränen funkelten, und sprach: »Oh, das hätt' ich niemals – niemals – niemals – gedacht ... ich dachte ...«

»Nun, was dachtest du?«

»Daß du niemals heiraten würdest.«

»Keine hätte ich wählen können und mögen als dich!«

»Ach,« rief sie, »du – du ...«

Und in einer Aufwallung der Hingabe – ohne zu erwägen – dem heißaufwallenden Blut, der Stimme der Natur gehorchend, küßte sie ihn auf den Mund, kurz und schnell.

Wieder überlief es ihn kalt ... er spürte die Hingabe, er spürte auch zugleich die holde Unbefangenheit, die heilige Unschuld ...

»Therese,« sagte er ergriffen, »ich hoffe, du wirst dein Ja niemals zu bereuen haben. Ich will versuchen, dich auf Händen zu tragen. Alles was ich bin und habe, bringe ich dir dar.«

Ihm fehlten die rechten Worte. Er fühlte es. Er litt, sein Mund konnte nicht natürlich sprechen, weil ja eigentlich sein Herz nicht sprach ... Er kam sich nicht wie ein Sieger, sondern wie ein Dankschuldiger vor.

Sie fiel ihm wieder um den Hals. Jubelnd rief sie: »Das ist mir ganz egal – was du hast und bist – und wenn du bloß ein armer Kommis noch wärst – dich, dich lieb' ich ...«

»Ich danke dir für dies Wort,« sprach er leise.

»Weißt du,« fuhr sie aufgeregt fort und hing sich in seinen Arm ein, als wolle sie mit ihm auf und ab gehen – »weißt du – ganz stimmt dies doch nicht – – schön ist es, daß du so große Dinge ausführst und so viel ernste Pflichten hast – das berauscht mich – macht mich stolz – ich hab' schon immer den Baumanns förmlich die Worte von den Lippen gelesen, wenn sie dich schilderten. – Aber ich möchte, du hättest noch schreckliche Kämpfe und ich könnte dir beistehen – nachts mit dir denken und wachen – sparen helfen – Opfer bringen – Liebe zeigen – ach, immerfort – damit ich würdig sei, deine Gefährtin zu heißen ...«

Mädchenträume – das Glücksbild, wie es sich reine Liebe ausmalt – wie es ihn mit Ehrfurcht erfüllte!

»Kämpfe hören nie auf, wenn man Verantwortungen trägt gleich den meinen,« sagte er. »Du wirst auf mancherlei Art meine Mitarbeiterin sein – mittelbar vielleicht ... Und dennoch – ich fühle es voraus – bald mir gewiß die unentbehrlichste.«

»Jakob,« sprach sie voll tiefsten Ernstes, »wie machst du meine Zukunft groß.«

»Kind, Kind – nein – nicht so – beschäme mich nicht – du bist es, die alles gibt ... verzeihe mir im voraus ... sieh ... begreif ... ich habe kein Talent vielleicht, den zärtlichen Liebhaber zu spielen ... Du denkst vielleicht an lachenden Übermut – strahlendes Jugendglück ... Sieh, Therese – ich bin ein ernster – in Arbeit und Sorgen hart geschmiedeter Mann ...«

Er ging von ihr fort – er wollte ihr sein Gesicht verbergen – er fühlte – es war wie verzerrt ...

Eine ungeheure Bewegung durchbebte ihn. Er begriff, wie viel sie gab – wie wenig er gab ...

Er biß die Zähne zusammen. Und er schwor sich: »Gut soll sie es haben – gut ...«

Da kamen zwei Arme und legten sich von hinten her um ihn. Und ein lieber Mädchenkopf drückte sich sacht gegen seine Schulter.

Er hörte eine sanfte Stimme sprechen, ergeben, ruhevoll und doch fest, wie man feierliche Gelöbnisse spricht: »Ich denke nicht an Übermut und an gar keine äußerlichen Dinge. Ich denke an gemeinsame ernste Lebensarbeit. Und ich weiß, daß eine Frau – die Frau eines solchen Mannes, auch anspruchslos beiseite stehen können muß.«

Er wandte sich und zog sie abermals an seine Brust.

Sie hielt ganz still. Und über ihren Kopf hinweg sah er mit tiefem Blick ins Unbestimmte ...

So fanden die Eltern das Paar – –

Und Therese jubelte ihrem Vater entgegen: »Er liebt mich – er liebt mich ...«

Was sollte sie anders fühlen – anders glauben – im Tumult ihrer Glückseligkeit fiel ihr nicht einmal auf, daß er dies Wort unausgesprochen gelassen hatte. Die Tatsache sprach ja zu ihr, die unfaßliche, überwältigende Tatsache, daß er, der eine, sie, sie, sie von all den Zahllosen erwählt hatte, nach denen er nur die Hand auszustrecken brauchte – sie, die kein Geld hatte, die man also nicht aus Berechnung wählte – sie, die nicht schön war, die man also nicht aus Eitelkeit oder in verliebter Aufwallung umwarb – sie, die man lieb haben mußte ganz und gar nur aus innerstem Herzenszwang, um jener grundlosen Gründe willen, aus jener geheimnisvollen Bestimmung heraus, die eben Liebe ist und die die Menschen zueinander reißt ...

»Er liebt mich – er liebt mich ...«

Der Vater hatte sehr heiße Bäckchen und nasse Augen und fühlte eine unbeschreibliche Zuneigung für Bording, weil dieser seine Therese glücklich machen wollte.

»Sie soll es gut haben bei mir,« versprach Bording mit festem Händedruck dem Vater.

Und der, vertrauensselig, dankbar und froh, antwortete gerührt: »Das weiß ich – das weiß ich ...«

»Verehrungswürdigste Schwiegermama,« sagte Bording und küßte ihr die Hand.

Was er sonst sagen sollte, wußte er mit dem besten Willen nicht.

Aber Frau Senator Doktor Landskron wußte dafür eine ganze Menge zu sagen. Die Formlosigkeit und Rührung ihres Mannes hatte ihr mißfallen. Erstens sah es aus, als ob man Gott danke, daß man Therese noch unter die Haube bekomme. Zweitens erforderte die Würde und Wichtigkeit einer solchen Stunde eine passende Erläuterung. Sie war sich auch durchaus bewußt, daß sie in diesem Augenblick betonen mußte, Therese sei in erster Linie ihr Kind und ihr Mann habe nur erworbene, keine natürlichen Anrechte an die Tochter. Das wollte und konnte sie nicht geradezu sagen, aber sie zeigte es im Auftreten und gab eine kleine Anrede mit viel Würde zum besten. »Ich hoffe, lieber Herr Schwiegersohn, daß Sie das Vertrauen ermessen, welches sich darin bekundet, daß ich Theresens Hand in die Ihre lege. Zeigen Sie dafür Ihre Dankbarkeit, indem Sie mein Kind glücklich machen, so weit man, menschlicher Voraussicht nach, von Glück sprechen kann. Vor Prüfungen wird keine Ehe und Familie bewahrt. Sie werden von Gott geschickt, damit sich rechte Liebe daran stärke. Die Pflichten des Ehestandes sind nicht leicht. Mann und Frau müssen beständig an sich arbeiten. Nur durch Selbstzucht kommt man zur Zufriedenheit. Meine Therese ist bescheiden erzogen, sie ist häuslich und tüchtig. Sie war immer eine gute und gehorsame Tochter. Sie hat in unserem Hause nur Sittlichkeit, Pflichterfüllung und Ordnung kennen gelernt. Dies Beispiel wird ihr immerdar vor Augen sein. Ehegatten in bevorzugter finanzieller und sozialer Stellung haben die Aufgabe, vorbildlich durch ihr Familienglück zu wirken, welcher Aufgabe mein Mann und ich stets eingedenk waren und sind.«

Bording fühlte eine bedenkliche nervöse Ungeduld in sich aufsteigen. Während dieser Rede kam es ihm vor, als werde eine Kaffeekanne geöffnet und ein etwas wässeriger Duft kräuselte sich wichtig und emsig hervor – an Familienfrieden und befestigte Grundsätze mußte man denken, an selbstgestrickte Wollstrümpfe und ungeheuer viel Moral.

Therese und ihr Vater standen wie auf Kohlen, und kaum machte ihre Mutter jene abschließende Kopfbewegung, mit der ihre Reden endeten – es war ein kurzes Nicken, nach welchem Stirn und Kinn hochgehoben wurden, so bat Therese: »Darf ich Burmeesters telephonieren?« Sie fragte es mit kindlicher Fröhlichkeit – brennend vor Begier, den Nächsten ihr Glück mitzuteilen.

»Aber Therese, Burmeesters stehen uns doch ziemlich fern. Meine Mutter, deine Großmutter, und meine Schwester Tiefensand sowie meine Tante Voß würden es doch sehr übelnehmen, wenn sie nicht die ersten ...«

»Aber Burmeesters sind die Nächsten, die Einzigen für Jakob – so gut wie seine Geschwister – darum nun auch mir so nah,« sagte Therese und ergriff seine Hand. »Komm mit – das Telephon ist neben der Küchentür.«

Er fühlte: seine Lieben waren ihr auch die liebsten – sie wollte sein Leben ganz und gar mitleben, das ihrige darin aufgehen lassen, in jeder Hinsicht. –

Die nächsten anderthalb Stunden mußten ja überstanden werden. Er konnte nicht umhin, zu Tisch dazubleiben. Während der Mahlzeit tat Frau Senator Landskron noch einige sehr bemerkenswerte Aussprüche. Einmal sagte sie: »Ich bin befriedigt, daß Liebe diesen Bund gestiftet hat; es wäre eines deutschen Mädchens nicht würdig, von Berechnungen und dem Verstande sich bestimmen zu lassen.«

Bording erzählte, daß er im Gespräch mit Naumann, als dieser so überraschend Therese erwähnte, sie für eine in Sachen der Volkshygiene irgendwie tätige Dame gehalten. Da erklärte die Mutter: »Unsere Therese sah ihre Pflichten durch das vierte Gebot bestimmt. Sie hatte ihre Zeit und ihre Gedanken Vater und Mutter zu widmen. Auch stehe ich auf dem Standpunkt, die deutsche Frau gehört ins Haus.«

Wer ihm das vor drei Wochen noch gesagt hätte, daß er es sich abgewinnen würde, in höflicher Haltung Gemeinplätze mit anzuhören – abgegriffene, wie alte Münzen, die keinen wertvollen Eindruck mehr machen, eigentlich nur, weil sie schon so lange umgehen!

Dennoch war es ja erleichternd zu denken, daß man dieser mütterlichen Weisheit nur kurze Zeit täglich unterstellt zu sein brauchte. Er wollte es gleich zur Sprache bringen.

»Wenn es dir recht ist, liebe Therese,« sagte er, »heiraten wir in drei Wochen.«

»Ja! So wünsch' ich mir es auch,« sprach sie einfach und nickte ihm glücklich zu.

Die Senatorin hielt die Gabel halbwegs zwischen Mund und Teller erstarrt fest. Einer derartigen Unweiblichkeit hatte sie sich von ihrer Therese nicht versehen. Sie warf ihr einen Blick zu, der fast Ausdruck hatte.

»Ich danke dir,« sagte Bording und drückte Therese unter dem Tisch die Hand.

»Es läßt sich denken,« begann Landskron, »daß Sie bei Ihrer enormen Tätigkeit die Unruhen eines Zustandes, den man immerhin einen provisorischen nennen könnte, mehr als Störung denn als Freude empfinden.«

»So ist es. Und die Störung soll so rasch wie möglich überwunden werden. Damit die ernste, große Freude still für uns kommt ...«

Die Mutter entschloß sich, die Gabel vollends zum Munde zu führen und ihren Verweis über das unpassende Betragen Theresens sich bis nachher aufzusparen.

»Und warum sollten zwei Menschen, wie Therese und ich, die wir so genau wissen, was wir tun, noch warten?«

Als er das sagte, war ihm plötzlich, als frage ihn jemand: »Weißt du wirklich so genau, was du tust? ...« Dies war also abgemacht, und die Senatorin hatte ein unbestimmtes Empfinden dafür, daß man gegen Bordings Willen doch nicht ankönne. Sie machte nur einige Scheineinwände betreffend die Aussteuer, um die Solidität ihrer Grundsätze und Gewohnheiten erkennen zu lassen.

Da sagte Therese wieder etwas, das höchst tadelnswert war. Lachend rief sie: »Ach, das ist ja alles egal. Mit solchen Kleinigkeiten darf man dir nicht kommen – nicht wahr, Jakob? – Die Alltagsmaschinerie darf er nie merken, Mama – Jakob zweifelt nicht daran, daß ich eine genügende Menge ordentlich genähter Handtücher und Wischlappen mitbringe – auch wenn es etwas überstürzt zugeht – aber unterhalten dürfen wir ihn nicht davon.«

Die Senatorin hielt am Abend ihrer Tochter vor: »Ich dankte noch Gott, daß du nicht sagtest ›Hemden‹; du entwächst nun meiner Zucht, Therese, aber dies eine merke dir: nur durch keusche Zurückhaltung erobert und erhält ein Weib sich die Liebe des Mannes.«

Für jetzt mußte sie alle ihre Sentenzen schweigend in der eigenen Brust bewegen. Sie fühlte sich aber erleichtert, als das Gespräch von Hochzeit und Wäscheausstattung sich fortwandte und die Männer von Lokalpolitik zu sprechen begannen. Landskron erwog mit seinem künftigen Stiefschwiegersohn, welchen Departements der Regierung er vermutlich zugeteilt werden würde – zweifellos der Kommission für Handel und Schiffahrt in erster Linie. Dann kamen die Herren auf die Gesellschaft für Baumwollkultur und Spinnerei. Therese nahm lebhaft Teil daran. Sie fragte intelligent. Bording erkannte, wie eifrig Vater und Tochter sich mit der Materie beschäftigt hatten. Nicht nur in der Art, wie Frauen sich in die Interessen eines Mannes hineinzuleben suchen, indem ihnen die Beschäftigung mit seinen Interessen nur eine Variante der Beschäftigung mit seiner Liebe ist.

Die Gründung war nun vollzogen, die Zeichnungen, dank der von Bording garantierten fünf Prozent für die ersten drei Jahre, hatten die erforderliche Höhe nicht nur erreicht, sondern noch ein wenig überschritten. Die Eintragung der Gesellschaft ins Handelsregister stand unmittelbar bevor.

Landskron fragte, ob Konsul Gundlach sich beruhigt habe. Kein Mensch verstehe seine Haltung: in der Vorbesprechung damals sei er ein Gegner gewesen, gleich nachher sei er umhergelaufen und habe überall leidenschaftlich dafür gesprochen, und nun wieder lache er fast verächtlich über das Unternehmen.

Nicht einmal hier im »Familienkreis« gab Bording die Aufklärung, die er hätte geben können. Gundlach hatte gehofft, von ihm ein Darlehen zu erhalten, mittels dessen er sich einige Aktien zu kaufen dachte, um durchaus in den Aufsichtsrat zu kommen. Ginge es denn ohne ihn? Aber Bording war sehr kühl geblieben, und nun hatten er und seine Unternehmungen wieder einen Feind mehr.

Die Senatorin sagte: »Schade, daß Gundlach nicht im Aufsichtsrat ist. Sein Name gehört doch eigentlich dazu. Man ist es so gewöhnt. Und die Gundlachs sind doch, eine erste Familie.«

»Die Zeit ist gottlob vorbei,« sprach Bording, »wo Männer, die eigentlich nichts sind und nichts leisten, zuweilen auch nicht einmal etwas haben, sich immer in den Vordergrund drängen und dort um ihres Familienklüngels willen geduldet werden. Diese Lokalgrößen sind immer ein Unglück. Ein Mensch, der außerhalb seiner Stadtmauer sofort zu einer nicht beachteten Null herabsinkt, hat nicht die Persönlichkeitsqualitäten, im Gemeinwesen eine Rolle spielen zu dürfen.«

»Er ist doch gräßlich,« dachte die Senatorin und lächelte huldvoll.

Über all diesen Gesprächen kam es fast – fast – zuweilen in Vergessenheit, daß vor einer Stunde eine Verlobung stattgefunden habe ...

Bording verabschiedete sich endlich in einer guten Stimmung – voll Zufriedenheit und Behagen. Die knappe Zeit hatte hingereicht, daß er sich dem Verhalten von Vater und Tochter gegen die Beherrscherin des Hauses völlig anpaßte – mit ein wenig Höflichkeit und Geduld kam man schon an der Frau vorüber, die ganz gewiß nichts Übles wollte – – also das ließ sich ertragen.

Und der Vater war ihm von ganzem Herzen lieb.

»Ein prächtiger Mann!« sagte er in sich hinein.

Der Widerschein seiner Zufriedenheit war auf seinem Gesicht. Die Leute, die ihm begegneten und ihn kannten, dachten: »Dem leuchtet die Genugtuung über seine neue Würde aus den Augen.« Sie wußten noch nicht, daß er an seine Braut dachte – –

Ja, er dachte mit großer Sammlung an sie, alles nachprüfend, was sie gesagt hatte, wie ihr Blick, ihr Lächeln gewesen.

Er fühlte: ich habe recht getan – ich konnte nicht besser wählen.

Ganz und gar sympathisch war sie ihm. Der Gedanke, dieses natürliche Wesen, aus dem Wärme, Kraft und Gesundheit sprach, immer um sich zu haben, war Wohltat.

Die Achtung vor ihr, diese bis zur Rührung gesteigerte Achtung und die unbegrenzte Dankbarkeit für ihre Hingabe war ein schöner Ersatz für Liebe – ruhiger als sie, dauerhafter als sie ...

Aber doch – ihm kam der Gedanke: wahr sein – ganz wahr! Gestehen, daß nur Freundschaft mich zu ihr führt ...

Er sah ihre glückseligen Augen – ihm fehlte der Mut, diesen Glanz zu trüben – vielleicht enttäuschte es sie doch, täte weh ...

Und ganz im Untergrund seiner Empfindungen war vielleicht auch unbewußt etwas von jenem naiven Herrenhochmut, dem das Weib immer noch ein wenig die Hörige bleibt. – Dieser Nachhall uralter Unkultur, der hineinspringt in die Gegenwart ... Vielleicht fühlte er: ich belohne ihre Liebe, indem ich mich ihr zu eigen gebe ...

Als er in sein Haus kam, sagte er: »Ein Wort, Schrötter.«

Und der wachsame kleine Alte kam von seiner Türschwelle, auf der er als Posten erschienen war, und folgte seinem Herren ins Schreibzimmer.

Es begab sich nun etwas Unbegreifliches: der Senator Jakob Martin Bording war verlegen ...

Einige Male ging er im Zimmer auf und ab, und der alte Mann stand in höchster Spannung

»Er hat was – er hat was!« dachte er unruhig.

Bording fiel ein: Schrötter hatte ja um die Teebesuche gewußt – mit einem Male war die Erinnerung wieder da. Nun, Schrötter würde wohl denken: »Junggesellenfreiheiten« – kleine Abenteuer – hundert und aberhundert Männer hatten solche. Schrötter konnte ja auch nicht wissen, ob es immer dieselbe Dame gewesen sei, und er ahnte natürlich nichts von »Nam' und Art« ...

Wer auf das allermerkwürdigste war es nun Bording sehr qualvoll ... So, als ob es der Mitteilung, die er machen wollte, die Weihe nähme ... So, als beraube dies Vergangene Therese in Schrötters Augen ...

Wie unlogisch – vielleicht sentimental. Er verstand sich nicht – war ungeduldig gegen sich selbst. Oh, wie ihm diese Thora zuwider war und jeder Gedanke an sie ... Daß sie sich so völlig ruhig verhielt, sich eigentlich so widerstandslos aus seinem Leben hatte weisen lassen, war ja ein günstiger Umstand – machte aber die Banalität des Erlebnisses völlig – und wenn man einer Sünde die Größe oder den Wahnsinn nimmt, bleibt nichts wie eine unsägliche Niedrigkeit ...

Plötzlich sagte er, stillstehend und Schrötter fest ins Auge fassend, herrischen Tones: »Lieber Schrötter, wir bekommen nun eine Hausfrau. Ich habe mich verlobt.«

»Ach Gott,« brachte Schrötter heraus, »das is doch die – nee, zu und zu schön is es ... Ich gratulier' auch vielmals, Herr Senator.«

Der Ton des Herrn erstickte die Rührung in ihm. Er ängstigte sich beinahe und wußte nicht warum.

»Ja. Mit Fräulein Therese Landskron. In drei Wochen ist Hochzeit.«

»Komm ich denn weg, Herr Senator?« fragte Schrötter mit zitternden Lippen.

»Nicht, Schrötter, solange Sie noch Ihrem bißchen Dienst nachkommen können. Und später wird ja für Sie gesorgt – das wissen Sie ja auch ... sagen Sie, Schrötter, – wann werden es fünfzig Jahr?« »Erst in vier Jahren, Herr Senator,« sagte Schrötter und zählte weinerlich her: »Ihre seligen Eltern hätten in drei Jahren Goldene Hochzeit gemacht, und ein Jahr vor der Hochzeit wurde ich Hausdiener bei Herr Bording. Wir wohnten ja damals im Geschäftshaus, und ich war eigentlich fürs Kontor und zugleich Kassenbote – es war ja man noch klein allens – und ich half auch oft oben in der Wohnung – wie es grade kam. Ich weiß noch den Hochzeitstag von die seligen Elterns von Herr Senator – es war solch schönes Wetter – und die Braut so wunderhübsch – der erste kleine Sohn starb ja – ich weiß noch die Freude, als denn nach ein weiteres Jahr Herr Senator geboren wurden ...«

»Nun,« sprach Bording ganz milde, »hoffen wir, daß die alten Knochen noch bis zum Jubiläum so gut zusammenhalten wie bisher – die demnächstige Frau Bording – ja wohl – also ... ja, also, Schrötter – meine Frau wird Ihnen Rücksicht und Herzlichkeit erweisen ... dafür kenne ich sie schon ...«

Seine Stimme schwankte ... Er hätte fast mit dem Fuß aufgestampft ... um sich zu bezwingen – zu strafen – für all diese unfaßlichen Gefühlsaufwallungen ...

Schrötter zog sein riesiges, rotundweißundschwarz gemustertes Taschentuch heraus, knutschte es unschlüssig zwischen den Fingern und trocknete sich zwischendurch die Augen. Er dachte: »Gottlob, nu kömmt ja wohl nie wieder Teebesuch« – Und auch an den Amethystanhänger dachte er, und ob er es wohl sagen müsse – er fühlte die Unmöglichkeit – und ihm fiel ein: Männer, eh sie heiraten, räumen auf – – Er seufzte sehr erleichtert. Na ja, natürlich räumen Männer auf. – Da ist wohl keiner, der nicht so seine kleinen Geschichten hatte – – Gottlob, daß es nun im Hause ohne Heimlichkeiten zuging ... ohne Gefahr ...

Bording sah ein – er mußte dem Alten aus seiner heillosen Rührung helfen und ihm eine Liebe antun – und damit vielleicht auch Therese.

Er schob ihn zur Tür.

»Nun gehen Sie – kaufen eine Handvoll Rosen – gehen zu Fräulein Landskron und sagen Sie ihr, ich schicke Sie, Sie sollten sich ihr vorstellen, weil Sie mich kennen, seit ich lebe ...« –

Drei Wochen folgten, voll so atemloser Unrast, daß inmitten all der äußeren Bewegung die Gedanken auch nicht zur Ruhe kamen. Das Gefühl, das den beiden Verlobten alles erträglich machte, war: es dauert nur kurze Zeit.

Obgleich es Juni war, fanden doch eine Reihe von Diners statt; die Senatoren gaben dem neuen Kollegen nach der Reihe ein festliches Mahl, das nun zugleich auch den Charakter der »Brautgesellschaft« hatte; desgleichen taten Burmeesters und einige Landskronsche Verwandte.

Gerade um diese Zeit hatte Bording im Geschäft eine Reihe der wichtigsten und anspannendsten Angelegenheiten abzuwickeln. Außerdem mußte er sich in seine neuen Pflichten und die Arbeiten, die ihm seine Senatorenwürde auferlegte, einarbeiten. Um die Stunden, die von sechs oder sieben Uhr an durch die gesellschaftlichen Anforderungen verloren gingen, einzuholen, arbeitete Bording bis dahin durch und sah seine Braut oft erst, wenn er sie abholte, um mit ihr und ihren Eltern zu einem Fest zu fahren. Er hatte sich am Tage nach seiner Verlobung ein Auto angeschafft. Nur halb in dem Gedanken, durch Schnelligkeit der Bewegung Zeit zu sparen. Vielmehr noch in dem undeutlichen Gefühl, für Therese irgend dergleichen Aufwand machen zu müssen. Vielleicht freute es sie. Und dieses rotschwarze Auto mit den grauen Polstern von Manchestersamt und den blitzenden Messingstangen und Griffen sauste immer mit einer so ängstlich knapp abgepaßten Pünktlichkeit heran und hielt vor der Landskronschen Gitterpforte, daß die Senatorin jedesmal klagte: »Wir kommen zu spät. Pünktlichkeit ist eine Höflichkeitspflicht der Gebildeten, ein Zeichen guter Kinderstube.«

Und sie stand, ihre schokoladenfarbene oder ihre schwarzseidene Schleppe sehr hoch aufgerafft, ungeduldig in ihren hackenlosen Zeugschuhen.

Aber man kam doch stets noch gerade so zeitig, daß man zwar als die Letzten, doch nicht als diejenigen eintraf, auf die schon alle voll Ungeduld gewartet hätten.

Zu Bordings Erleichterung traf man niemals das Ehepaar Meno Sanders auf diesen Gesellschaften. Er dachte zuweilen: »Sie sagen ab« – denn er kannte doch die Häuser, in denen sie sonst intim verkehrten. Aber in der nächsten Sitzung des Aussichtsrats der Baumwollgesellschaft ging ein Schreiben von Sanders ein: er unternehme eine achtwöchige Reise nach Schottland und bitte für diese Zeit um Entschuldigung. Burmeester erzählte im Anschluß hieran nach der Sitzung scheinbar harmlos seinem Vetter: »Die Sanders sind kolossal verstimmt, daß er nicht Senator wurde. Die Frau scheint's noch mehr als er. Sie hat neulich bei einem Besuch so etwas wie eine Ohnmachtsanwandlung bekommen – es war gerade von deiner Wahl die Rede, und Grete erzählte dann die große Neuigkeit von deiner Verlobung – da ist es auch am klügsten, sie reisen erst mal 'ne Weile.«

»So, so,« sagte Bording und verfiel in Schweigen ... Er hatte zuweilen die Empfindung, als sei Burmeester der einzige Mensch, der das Vergangene durchschaut habe ...

»So, so« – aber dann atmete er zufrieden auf. Er wurde von diesem Gespräch an geradezu heiterer.

Bording hatte sich daran erinnert, daß der Verlobte der Braut ein Geschenk zu machen hat. Er bat Grete Burmeester, dies für ihn zu besorgen. Und Burmeesters lachten und sagten: »Er wird ordentlich zivilisiert, bekommt so was vom bezähmten Herkules.« Es machte Grete auch Spaß, mit einem Blankoscheck zum Juwelier gehen zu dürfen – welcher Frau hätte es nicht Spaß gemacht? Von ihrer Wahl und ihrem Geschmack selbst hochbefriedigt, sagte sie, als sie Therese zum ersten Male mit den köstlichen Brillanten sah, die übrigens in keiner Hinsicht zu ihrer Kleidung paßten: »Na – bedank dich auch bei mir! Hab' ich Geschmack oder nicht?«

Therese stand neben Bording und man war im Burmeesterschen Hause. Sie sah ihn fragend an.

»Ja, Grete ist so liebenswürdig gewesen, den Schmuck zu besorgen.«

Therese stutzte – ein leichter Schatten ging über ihr Gesicht. Dann lächelte sie, als sei ihr nun der Zusammenhang klar. Sie nahm seine Hand und streichelte sie ein bißchen und sagte, drolliges Mitleid im Ton: »Ach du armer, lieber Jakob – hast gemeint, so was muß sein, gehört offiziell dazu – hast aber keine Zeit zu solchen Krimskrams ...«

Sie legte, sich ein wenig aufreckend, plötzlich ganz nah ihren Mund an sein Ohr und flüsterte: »Hätte nicht nötig getan – du – nein ... eine Rose, von dir selbst besorgt, ist ja mehr als das ...«

»O Gott, Therese, verwöhn' ihn nicht durch solchen Idealismus,« sagte Grete lachend, denn sie hatte es doch gehört.

Bording lächelte –

Er hatte eine neue Art zu lächeln bekommen ...

Burmeesters sagten unter sich: »Wenn es nicht beinahe phantastisch wäre, so etwas auszusprechen, könnte man meinen, er lächelt – schüchtern ...«

Er führte wenige Tage nach der Verlobung Therese in sein Haus. Ihre Eltern waren dabei, auch Grete Burmeester hatte sich auf Bordings Bitte eingestellt, um gewissermaßen die Honneurs zu machen. Der Senator Landskron verlor sich in der Diele und versank in Bewunderung und äußerste Zerstreutheit, weil eine historische Erinnerung nach der andern in ihm aufstieg. Die übrige Gesellschaft wanderte durch alle Räume.

Bording sagte: »Wenn dir das Haus mit den vielen Treppen und den so weit auseinanderliegenden Räumen nicht zusagt – vielleicht ist dir das monumentale Gegenüber auch zu drückend – immer so auf die Kirche zu sehen zu trist – sei offen, liebe Therese: ich füge mich deinen Wünschen. Wollen wir lieber vor dem Tor wohnen? Soll ich ein Haus kaufen oder bauen? Du wünschest dir vielleicht einen Garten?«

Sie bekam einen roten Kopf. Welch ein Anerbieten! Wie viel Rücksicht! Wie sehr er sie liebte ...

Glückstrahlend versicherte sie, daß sie gar kein charaktervolleres Haus sich denken könne als dieses, und daß es sie mit Stolz erfülle, hier wohnen zu sollen.

Der zweite Stock mit seinen sechs großen Zimmern war völlig leer, und obschon er beim Umbau ganz dekoriert worden war, zeigte er die Verblaßtheit und Öde, die unbewohnte Räume rasch bekommen.

»Laß alles neu malen, tapezieren, mit Stoff bespannen – ganz nach deinem Geschmack – Grete ist gewiß gern bereit, dich ab und an herzubegleiten, damit du die Handwerker unterweisen kannst.«

»Wenn du erlaubst, möchte ich, daß alles sehr hell und sehr einfach sei. Das ist heiter und ruhig zugleich.«

Die Senatorin war beleidigt, daß Bording durch seine Aufforderung an Frau Burmeester sie von dem ihr zustehenden Amt der Ehrendame ausgeschlossen hatte. Sie trumpfte in hochmütiger Schweigsamkeit umher.

Auch auf dem Heimwege von dieser Besichtigung fühlte sie sich zurückgesetzt, denn Therese hing an Frau Gretes Arm, und die beiden malten und dekorierten mit sich einander überstürzenden Vorschlägen und Einfällen die Räume in der Phantasie schon völlig aus, ohne sich um sie zu kümmern.

Es kam vor, daß Bording seine Braut mit sehr kritischen Blicken betrachtete. Er fühlte heraus: sie war ganz gewiß nicht gut angezogen. Eine, an die er ungern zurückdachte, hatte einen köstlichen Geschmack gehabt und ihn gelehrt zu sehen, zu bewundern.

»Gefall' ich dir nicht?« fragte Therese einmal ängstlich, als sie solchen prüfenden zweifelnden Blick an sich entlang gleiten sah.

»Du? Immer mehr – jeden Tag – Liebste – aber deine Kleider – daß ich's offen sage – nein, mit denen hapert es irgendwie. Weißt du, Verstand habe ich nicht davon. Nur den Eindruck kann ich spüren.«

»Ach, Jakob, ich will es dir wohl erklären. Ich muß einfache Sachen tragen, beste Stoffe, englischer Stil möchte ich sagen, hohe weiße Kragen und knappe lange Paletots, und so ... und in Gesellschaft ununterbrochene Falten, weiche und helle Schleppen. Aber Mama, siehst du – sie ist so fürsorglich ... ich hab' mir noch nie allein ein Kleid aussuchen dürfen ... Und Mama will mich immer schön putzen ... Na, und echte Spitzen sind zu teuer für uns, und die Stoffe sollen ja auch nicht so viel kosten ... Aber es ist alles nur Fürsorge von Mama,« schloß sie eifrig versichernd.

Das beruhigte ihn und berührte ihn angenehm, wie alles, was sie sagte. Wie viel Geduld hatte sie mit den Schwächen der Mutter! Wie sollte sie nicht Geduld haben mit den seinen!

Zuweilen hatte Therese in diesen drei Wochen das Gefühl, von dem Flügel einer Windmühle erfaßt zu sein und in einem Riesenschwung umhergetrieben zu werden. Sie hätte gewünscht, ihr Glück endlich einmal in stiller Sammlung überdenken zu dürfen ...

Auch war es ihr recht schwer, daß sie und der geliebte Mann sich so selten allein sahen.

Sie liebte mit leidenschaftlicher Kraft, mit gesunder Sehnsucht nach seinem Besitz – die Begierde, sich an ihn drängen, ihn nach Herzenslust küssen zu dürfen, wallte oft übergewaltig in ihr auf.

Und immer waren da Vater, Mutter, Burmeesters, oder fremde Menschen, und man mußte gesellig sein und unnütze Dinge sprechen und konnte nicht das eine, das ewige, das wichtigste Thema der Welt, das Wissen von der gegenseitigen Liebe ergründen ...

Es kam ja vor, daß man sich einmal für Minuten unbeachtet, ungestört sah –

Wie gütig war er dann – unerschöpflich darin, sie um ihre Wünsche zu bitten – als sei sie eine verwöhnte Prinzessin und er müsse sich nur angstvoll dazu halten, ihre Launen zu befriedigen ...

Welche Rücksicht sprach aus seinem Wesen – Sie fühlte – sie mußte fühlen: »Er stellt mich hoch, zu hoch, ich werde immerfort an mir arbeiten müssen, um das ungefähr zu werden, was er in mir sieht.«

Das rührte sie – ließ ihr Herz klopfen vor Stolz.

Und dennoch – dennoch – ach, einmal etwas weniger Rücksicht und Ernst – und einfach beim Kopf genommen werden und toll abgeküßt ...

Sie nahm sich zusammen – in schlaflosen Nächten hielt sie sich vor: er hatte gleich gesagt, er habe kein Talent zum zärtlichen Liebhaber ...

Aber war denn nicht alles was er tat, war nicht sein ganzes Wesen Liebe? Erhob er sie nicht, fast gleich einer Fürstin, über ihr ganzes bisheriges Leben, über ihre ganze Umgebung ... Zwang er nicht förmlich durch seine nahezu ehrfürchtig huldigende Art jedermann ihr nun zu begegnen, als sei sie wunder wer? ... War das nicht alles, fort und fort, wie lauter beglückendes Zeugnis großer Liebe?

Und sie konnte trotzdem noch ein Gefühl haben, als fehle etwas?

Sie war unglücklich über diese Empfindung, der sie keinen Namen geben konnte... Aber die brannte doch weiter in ihren Adern, wie Sehnsucht brennt, und machte ihre Nächte schlaflos. –Eine ganz merkwürdige, unfaßliche Wehmut schlich oft an sie heran, wie ein Feind – unsichtbar, dessen geahnte Nähe aber schon erzittern läßt.

Wenige Tage vor der Hochzeit war sie mit Grete Burmeester im Bordingschen Hause. Der Dekorateur nahm Befehle entgegen, wie die Möbel aufgestellt werden sollten, in welcher Art die Vorhänge angebracht werden müßten, bis zu welchem Termin die Rückkehr von der Hochzeitsreise zu erwarten sei. Schrötter stand umher und horchte auf alles, um seinerseits auf die richtige Ausführung passen zu können, da er glaubte, ohne seine Wachsamkeit würde nichts nach der Sache kommen. Er wollte sich bei Therese beliebt machen, und sein ängstlicher Eifer störte ein wenig. Aber Therese fühlte: er war mit ihr als künftiger Frau Bording einverstanden. Sie erzählte es dem Geliebten ganz wichtig, als sei es ein Erfolg, auf den man Wert zu legen habe.

An diesem Tage nun, als die Besprechung mit dem Dekorateur beendet war, standen die beiden Frauen am Fenster einer der leeren Stuben zwei Treppen hoch, nach dem Kirchplatz hinaus.

Von den blaßgestreiften Wänden ging ein Kleisterdunst aus. Auf dem blanken Parkett lag irgendwo ein Bündel aufgerollter Teppiche. Die hellgrauen Kacheln des Füllofens schienen vor Kälte zu blinkern.

Im Nebenzimmer pfiff der Maler die Stretta aus dem Troubadour.

Grete hatte den Arm leicht um Theresens Taille gelegt.

»Hoffentlich ist Freitag besseres Wetter,« sagte sie, »sonst regnet's dir noch in den Brautkranz.«

Draußen peitschte der Sturm Regengüsse durch den kalten Tag, und wenn nicht die Linden und das Buschwerk, unten am Fuß der roten Kirchenmauern im noch sauberen Grün des Frühsommers gestanden hätten, würde man von Novemberstimmung haben sprechen können. Grau und schwarz wälzte sich schweres Gewölk in heillosem Durcheinander, düster bewegt, am Himmel. Die beiden Türme hielten sich trotzig und ernst – das brausende Wetter focht sie nicht an, aber es schien ihren Ausdruck zu ändern...

»Merkwürdig,« dachte Grete, »zwischen Bauwerken und Natur muß doch so was wie ein geheimer Zusammenhang sein – ich habe noch nie eines gesehen, das lachend wirkt bei Unwetter und völlig düster, wenn Sonne scheint.«

Sie fühlte plötzlich, daß durch Theresens Gestalt eine Bewegung ging ... Ja, was war denn das? Sie weinte? Weinte – leise – immer stärker – herzbrechend...

»Aber du...« schalt die muntere Frau sehr liebevoll und zog Therese an sich.

Ja, die weinte, und mit dem Kopf auf der Schulter der Freundin weinte sie lange.

»Was ist denn das?« fragte Grete.

»Ich weiß nicht...« murmelte Therese unter Schluchzen.

Die unbegreifliche Wehmut war plötzlich gekommen – diese Sehnsucht, die das Herz zerriß...

Aber Grete fragte nicht mehr ... sie erinnerte sich: ein paar Tage vor ihrer Hochzeit vor zwölf Jahren, da hatte sie auch nicht mit sich wohin gewußt vor ungeduldiger Sehnsucht nach dem geliebten Mann; vor Angst, daß die Stadt noch von Feuersbrunst und Pestilenz verheert und ihre Hochzeit unmöglich werden würde ... Und dann überhaupt – all diese Empfindungen, die man nicht nennen kann: Spannung, Verlangen, ein unbegreifliches Zittern – auch ein bißchen Kummer, daß man die Eltern verlassen muß, was einem als Schlechtigkeit gegen den geliebten Mann erscheint – und die heiße Vorfreude auf ihn, was einem wieder wie, Undankbarkeit gegen die Eltern vorkommt – na ja – ein Mädchen, das Gemüt hat, kann wohl so weinen vor der Hochzeit, und im Grunde sind es doch Glückstränen.

Als Therese ausgeweint hatte, erhob sie ihr Gesicht.

Die Frauen sahen sich an – und lächelten sich plötzlich strahlend zu ...

Nein, Therese bekam keinen Regen in ihren Brautkranz.

Am einundzwanzigsten Juni war die ganze Stadt in Sonne getaucht. Über die roten Mauern legte sie orangefarbenen Glanz. Wenn man die Hauptstraße hinab ging, erhob sich in der Perspektive, als köstlich buntes Bild, die hohe, schlanke Jakobikirche, und der prachtvolle Grünspan ihres spitzen Kupferdaches auf dem quadratischen, steilanragenden Backsteinturm stand in wahrhaft prunkendem Farbenkontrast vor dem grellblauen Himmel.

Und wo all das jubilierende Licht in die kleinen, wunderlich malerischen Gäßchen und Gänge kam, ward es gleichsam stiller, sänftigte sich zu milder Liebkosung, hellte das wehmütige Idyll der Bescheidenheit zu behaglich lächelnder Lebensfreude auf.

Rund herum um das Häusergehocke mit den urwürdigen Giebeln und den vielen himmelanweisenden Türmen, rund herum um das Durcheinander von roten und grauen Mauern und Dächern, zogen sich wie blankes, spiegelndes Stahl die Wasserbänder der Flüsse. Und auf dem Fluß, der an Jakob Martin Bordings Kontoren, Speichern und Lagerplätzen sacht vorbeizog, wehten von allen Masten die bunten Flaggen. Von Großtop bis zum Heck und Bug an straffen Leinen flattern in Reih und Glied die Signale, die die Sprache des Schiffes auf dem Meere sind und die heute alle in ihrer munteren Farben- und Musterbuntheit nur das eine Wort ausdrücken sollten: Freude! Denn Jakob Martin Bording heiratete.

Und so wie hier die großen und kleinen Fahnentücher im Sonnenwinde wallten, so flaggten sie von den Stangen und Masten in Odessa und in Alexandrien; am Nil hoch oben, wo die ungeheuren Steinpharaonen vor den Felsentempeln tausend und abertausend Jahr auf der Wacht sitzen, während der gelbe Wunderstrom vorüberzieht, spielte der Wüstenwind mit dem weißen Halbmond und Stern auf rotem Tuch, das am Tore der Baumwollplantagen wehte; in Ostafrika, vor der blaugrünen Üppigkeit unendlicher Wälder zitterten lustig bunte Pünktchen – die Fahnen, die an dem Hause des Direktors der Baumwollgesellschaft aufgezogen waren; in Hamburg vor den dortigen Speichern des Hauses Bording lagen auf der ockerfarbigen, schwerflutenden Elbe bewimpelte Dampfer, und zwischen ihren Raen hing der Schifferkranz, der Hochzeitfeiernden gewidmet wird: rund, mit Buchstaben von Blumen in der Mitte; auf Ceylon schwebten an schwankenden Bambusstangen phantastische Stoffe, und die schwüle Luft auf den Teefeldern hatte keine Kraft, frisch mit den grellen Streifen zu spielen. Die Filiale der Firma in Guatemala, deren Aufgabe Kaffeeaufkäufe war, prangte im Schmuck langhängender blauweißblauer Banner.

Rot und weiß leuchteten die hansischen Farben an den Spitzen der Fahnenstangen zwischen den Gartenbäumen der Vorstädte, die wie eine breite, grüne, von weißen Häusern durchsprenkelte Girlande sich um die Wasserbänder der Flüsse zogen.

Und all diese Zeichen, mit denen Luft und Wind sich zu schaffen machten, all diese farbig-stummen Tücher kündeten es der Welt: Jakob Martin Bording heiratet!

Und all die Menschen, die in vier Weltteilen auf seinen Kontoren, Faktoreien, Lagerplätzen, Plantagen und Speichern arbeiteten, feierten heute einen fröhlichen Tag, je nach den Lustbedürfnissen und Gewohnheiten ihrer Kultur. Die Freigebigkeit ihres Herrn hatte dafür gesorgt, daß dieser Tag ihnen lange in Erinnerung bleiben solle.

Die standesamtliche Verbindung war am Vormittag geschlossen worden. Sie ging vorschriftsmäßig vorüber, ohne Bording als sonderlich wichtige Begebenheit zu erscheinen. Die übergroße Hast und Arbeitslast der letzten Tage zitterte in seinen Nerven nach, und im Grunde genommen waren seine Gedanken noch nicht ganz frei von all den Geschäften, die er zurücklassen mußte, um seine Hochzeitsreise anzutreten. Diese Hochzeitsreise ging ihm völlig gegen sein Behagen. Er hatte erraten, daß auch Therese lieber gleich in der eigenen Häuslichkeit sich eingerichtet haben würde. Aber die Vorstellung, als junger Ehemann hier den Beobachtungen und Neckereien von Bekannten und Neugierigen ausgesetzt zu sein, schien ihm unvereinbar mit dem Gefühl, das er für seine Persönlichkeit und seine Stellung hatte. Es war einfach ein undeutliches Bedürfnis, sich zu verstecken. Er hatte den Vorsatz der Hochzeitsreise auch ausgesprochen, ehe er wußte, daß Meno und Thora Sanders abgereist seien. Und da er in sehr entschiedener Weise diesen Vorsatz kundgegeben, bildete er sich nachher ein, nicht davon abstehen zu können, ohne aufzufallen. Schließlich dachte er auch: Therese hat fast noch nichts von der Welt gesehen – ich kann ihr nicht zumuten, den ganzen Sommer in der Stadt zu sitzen. –

Nun stand er in seiner Diele und wartete. Er war einige Minuten zu früh mit dem Anziehen fertig geworden. Er wünschte genau, wie es bestimmt war, eine Viertelstunde vor drei bei Landskron vorzufahren.

Kühl war es in dem hohen Raum, der sonnenlos lag. In der Mitte erhob sich, wie immer, die hinanschwebende nackte Jünglingsgestalt des Merkur, der das Zeichen des Handels um den Erdball zu tragen bereit schien ...

Bording dachte einige Augenblicke darüber nach, wie eng sein Name, sein Wille, seine Tat, sein Erfolg mit diesem Zeichen verknüpft war ... Und er wußte, daß heute zu seinen Ehren auf Ceylon und in Guatemala, in Odessa und El Chatb Flaggen wehten ...

Stolze Genugtuung schwoll in ihm empor ...

Dann wandelte ihn ein Gefühl seltsamer Ungläubigkeit an – Unglauben an die Realität des heutigen Tages – daß er heiratete, wirklich er, war doch wie ein Märchen – die ganzen letzten Wochen wurden plötzlich zu einer Art Theater ...

Vor sechs Wochen, auf den Tag, hatte dies alles begonnen – sechs Wochen nur und so viel Wandlungen, die nun seine ganze Zukunft – unfrei machten ... Ja wirklich, war es im Grunde genommen so? Um sich aus der einen Gefangenschaft zu befreien, hatte er sich in eine andere gestürzt?

Aber er fühlte auch sofort den Unterschied und rang diese Wallung nieder: er hatte unwürdige Fesseln mit würdigen Pflichten vertauscht!

Er wußte auch genau: der stille, schwere, jahrelang mit sich selbst geführte Kampf, der gärende Wunsch, sich von Thora frei zu machen, hatte sich zum energischen Entschluß verdichtet, im Augenblick, als sie mit Eitelkeitswünschen und egoistischen Liebeslaunen in den Gang seines Lebens, in die Ausdehnung seines Wirkungskreises hatte hindernd eingreifen wollen.

Der bittere Nachgeschmack jenes Erlebnisses blieb ihm für immer auf der Zunge ... Das fühlte er genau ... Er war ja ein Mensch von scharfem, unerschütterlichem Gedächtnis – dieser notwendigsten Begabung für Arbeiter großen Stils ...

Und die Eigenschaften, die dem Berufsmenschen zu Stützen seines Erfolges werden, entziehen dem Leben seiner Seele oft die heitere Sicherheit ...

Kehrseitenlogik ...

Nun kam Schrötter mit heißem Gesicht und sehr blanken Augen, schon seit dem Morgen von Rührung, Wichtigkeit und Eile wie berauscht. Er hatte den Kopf verloren und dachte eigentlich: die ganze Feier läge auf ihm.

Ganz besonders verwirrte es ihn, daß er nun die Autorität über einen jüngeren Diener hatte, der ein in jeder Hinsicht gewandter Mensch war, dem er nichts befehlen konnte, ohne Furcht vor Blamage.

»Es ist Zeit, Herr Senator,« meldete er.

Bording griff sofort nach seinem hohen Hut, der auf einem Tischchen stand.

»Sie werden in der Kirche sein?« fragte er.

»Wie Herr Senator es erlaubt und befohlen haben,« antwortete Schrötter, und dachte: »Wenn da einer hingehört, bin ich es woll, wo ich schon seine seligen Elterns ihre Hochzeit gesehen habe ...«

»Gut –« Bording gab ihm die Hand – aus einem Gefühl heraus, als sei der kleine Alte da so etwas wie Familie für ihn ...

Am Schlage wartete der neue Diener, der sich zum Chauffeur setzte. Und dann sauste auf seinen dicken Pneumatikwülsten das Auto davon.

Bording mußte seine Frau zur kirchlichen Trauung abholen. Nach der Trauung noch das große Hochzeitsmahl, das in einem Gesellschaftshause stattfand, wo für solche Zwecke vornehme und intim wirkende Räume gemietet werden konnten. Und dann gottlob kam das stille Leben, ohne Reden, ohne Gläserklang, ohne beständige leere Verpflichtungen.

Im Landskronschen Hause empfingen ihn seine Schwiegereltern. Der Senator, vor Rührung stumm, umarmte ihn.

Bording fühlte in dieser Umarmung einen Dank, der ihm ein jäh aufsteigendes Gefühl der Beschämung verursachte.

Die Mutter war auch bewegt und zwar so sehr, daß sie nur sagen konnte: »Welch ein Tag ... welch ein Tag ...«

Und dann nahm sie sich zusammen und unterwies Bording noch in der Fahrordnung und den Zeremonien, obgleich dies überflüssig war. Denn bei solchen Gelegenheiten war man eigentlich den Befehlen der Lohndiener unterstellt, die, durch tausend solcher Feierlichkeiten eingeübt, sagten, wann man abzufahren hatte, in welche Räume man sich begeben müßte – die einen, in der Form höflicher Meldungen, zu Marionettengehorsam zwangen.

Und dann ließ man ihn in das grüne Zimmer eintreten.

Da wartete Therese – seine junge Frau ...

Auf einmal war die große, unbegreifliche Wahrheit da. Er heiratete – Zorn, Beistand, Achtung, Wärme – in wunderbarer Reihenfolge sich auseinander entwickelnd, hatten ihn hierher geführt, bis in diese Stunden hinein ...

Er war betroffen, ergriffen, wie er sie sah.

Die fromme Schlichtheit ihres weißen Kleides, dessen stumpfe Seide kaum glänzte, der weiße, leichte Flor der Schleierhülle um ihre Gestalt – im Haar das strenge Diadem der Unschuld, aus all den kleinen herben Myrtenzweigen geflochten – das Gesicht farblos vor Aufregung – und die tiefen blauen Augen darin ihm entgegenstrahlend in Liebe und Glauben ... Die Weihe über ihr gab ihr eine Schönheit, die ihn mit Staunen erfüllte – mit Andacht – die seine rauhe Männlichkeit irgendwie ganz klein machte vor dem Wunder edler Frauenliebe und Reinheit ...

All diese Zeit hatte er ja gefühlt, wie überreich ihre Liebe ihn beschenkte – schwer lag in der Tiefe seines Gemütes das Bewußtsein, daß er so wenig dagegen gab –

Aber erst in diesem Augenblick begriff er es völlig ...

Dieses stolze, klare, gütige Mädchen war sein – ihm allein – für immer nur ihm allein gab sie sich –

Er wollte ihr danken – ihr von seinem grenzenlosen Vertrauen – von seiner höchsten Achtung etwas sagen ...

Es durchschauerte ihn – er war ja doch ein Mann – und dieser unerhörte Augenblick war auch für ihn eine ganz neue Erfahrung. Diese Stunde gab ihm Rechte ... heilige und zugleich erregende ...

»Meine Therese,« sagte er leise ...

Er zog sie an sich und küßte ihre Lippen, innig und lange.

»Mein ...«

So hielten sie sich umschlossen.

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