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Ein königlicher Kaufmann

Ida Boy-Ed: Ein königlicher Kaufmann - Kapitel 6
Quellenangabe
pfad/boyed/koenkauf/koenkauf.xml
typefiction
authorIda Boy-Ed
titleEin königlicher Kaufmann
publisherJ. G. Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger
printrun38.-45. Tausend
year1922
firstpub1911
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20090107
projectid19315a16
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VI

Grete Burmeester konnte eigentlich den Mund nicht halten. Und wenn ihr Mann sie deswegen ausschalt, verteidigte sie sich: »Schlechtes darf ich nicht weiter erzählen, und erzähl' ich auch nicht weiter – na ja, wenn es schon was Bewiesenes ist und alle Leute sowieso davon sprechen. Gutes oder Gleichgültiges soll ich auch nicht mal erzählen? Bitte, was soll ich denn mit meinen Bekannten sprechen, wenn ich sie treffe und sie reden mich an?«

Aber in der Sache Jakob Bording –Therese Landskron schwieg sie ... Nicht wie ein Mann! Denn als Burmeester mit diesem Ansporn ihre Schweigekraft zu ungewohnter Leistung anstacheln wollte, sagte sie, das blonde Köpfchen verachtungsvoll hochtragend: »Ihr Männer klatscht viel mehr als wir. Von der Börse aus und von euren Stammtischen tragt ihr jedes greuliche Gerücht, das mal aufkommt, herum. Nein, ich werde nicht schweigen wie ein Mann, sondern so wie eine Frau es kann, wenn sie einsteht: es kommt darauf an!«

Und das sah sie ein: es kam darauf an. Nicht das leiseste Geraune über diese sich entwickelnde Beziehung durfte entstehen! Eine vorzeitige Anspielung unzarter Art gegen Therese oder gegen Bording, und das, was werden zu wollen schien, ward gewiß nichts.

Sie hatte ganz harmlos an jenem Abend von ihrem Mann die telephonische Nachricht entgegengenommen: »Jakob kommt zum Essen. Er hat später noch was Wichtiges mit mir zu besprechen. Wir sind ja wohl allein?«

Hierauf hatte sie am Telephon einen von ihm leider nicht gesehenen Blick gen Himmel geschlagen! Ihr Mann wurde wirklich schon ebenso zerstreut wie Jakob! Hatte sie ihm denn nicht heute mittag erzählt, daß endlich einmal Therese Landskron bei ihnen zu Abend speisen werde!

Sie erinnerte ihn hieran mit der ihr eigenen Ausführlichkeit beim Vortrage von Nebensachen und fragte schließlich: »Soll ich ihr absagen?«

Denn sie wußte: Jakob Bording und seine wichtigen Angelegenheiten gingen allen anderen Dingen vor, weil sie zum großen Teil auch die Quelle des ausnehmenden Wohlstandes ihres Mannes waren.

»Um Gottes willen nicht. Es wäre zu unhöflich. Es ist mir im Gegenteil lieb, dann bist du nicht so allein, wenn wir Männer uns nach Tisch zurückziehen.«

Darauf hatte sie ihm noch am Telephon ihr »Schlüsselwort« zugerufen – sie hatten sich nämlich noch immer über die Maßen lieb und zuweilen, wenn der Übermut sie anwandelte, riefen sie sich ein für alle anderen Menschen sinnloses Wort zu, das sie sich in ihren mehrjährigen Flitterwochen ausgedacht hatten und das eine Unsumme von drolligen Schmeichelworten, Sehnsucht, liebevollem Herunterputzen, neckischer Bewunderung und dergleichen mehr umfaßte.

Und als Therese dann kam, hatte die kleine Frau vorweg Entschuldigungen über den wahrscheinlichen Verlauf des Abends.

»Von Georg werden wir nicht viel haben – schade, nicht? Er kann so munter sein – hat immer noch was von 'nem großen Jungen – Gott – wenn Sie ihn genau kennten, liebe Therese! Nie verstimmt! Eine Ausgeglichenheit! Ich staune es immer an. Aber meine Georgette artet nach ihm – die kennt keine Launen. Während ich – na ja, man hat ja auch so viel Zustände – und sein Weh und Ach – Was wollte ich noch sagen? Richtig. Also Bording hat sich angemeldet, will nach Tisch noch mit Georg was besprechen – Gott, der läßt sich und anderen ja nicht mal ein bißchen Feierabendruhe.«

Da bemerkte die kleine Frau Grete Burmeester, daß ihre Freundin sehr rot wurde. Sie dachte mitleidig: »Hilf Himmel – Therese wird doch nicht ...«

Denn sie, Frau Grete Burmeester, wußte es von ihren vieljährigen vergeblichen Bemühungen, Bording zu verheiraten, her: an dem war Hopfen und Malz verloren! Schon so mancher ihrer Freundinnen hatte sie die Enttäuschungstränen abtrocknen und über die Verliebtheit hinweghelfen müssen. Es wäre ihr recht peinlich gewesen, wenn auch Therese sich mit Hoffnungen und Liebe in dieser Richtung würde beschäftigen wollen.

Dazu war Therese eigentlich zu charaktervoll. Sie mußte doch durchaus auf jenem Fest im März sich klar gemacht haben, daß Bording sie gar nicht beachtete! Aber auf einmal fiel es Frau Grete ein: das Erröten galt vielleicht nur der damaligen Nichtbeachtung und entsprang verletztem Selbstgefühl. Sie, Grete, vergaß es ja auch nie, wenn jemand sie von oben herab behandelte. Und sie sagte eifrig: »Hoffentlich gibt Bording sich heut abend menschlich. Aber wenn er zerstreut sein sollte, wollen wir es ihm gewiß nicht übelnehmen, nicht wahr? Ein Mann, der so viel zu bedenken hat ...«

Dann hatte aber der Verlauf des Abends gezeigt, daß sich Bording nicht nur »menschlich« betrug, sondern von einer Liebenswürdigkeit und Unterhaltsamkeit war, wie Grete sie fast noch nie an ihm beobachten gekonnt. Und als Grete, nachdem man abgegessen, daran erinnerte, daß die Herren sich ja zu geschäftlichen Besprechungen in Georgs Zimmer zurückziehen wollten, sagte er: »Es ist nichts Eiliges. Wenn wir dürfen, bleiben wir und rauchen unsere Zigarette hier.«

Sie sah es, sie hatte ja Augen: Jakob beschäftigte sich ausschließlich mit Therese! Jede Erklärung, jede Erzählung richtete er an sie. Die ganze Baumwollgründung setzte er ihr auseinander. Von den Maßnahmen sprach er zu ihr, die für den armen Baumann die besten sein würden, dankte ihr für den Hinweis auf die größeren Vorteile einer Anstaltsbehandlung, kam hierdurch auf die Pflichten großer Arbeitgeber gegenüber ihren Angestellten und entwickelte die Grundzüge eines in ihm schon fast zum Entschluß gereiften Planes, einer Invaliden- und Altenkolonie für diejenigen Arbeiter seiner Firma, die ihr eine bestimmte Zahl von Jahren gedient hätten.

Grete traute sich natürlich nicht, ihren Mann bedeutungsvoll anzusehen. Aber später, als erst Therese, von ihrem Mädchen geholt, fortgegangen war und dann auch bald Jakob sich verabschiedet hatte, später sagte sie ganz enthusiasmiert: »Georg – die beiden! Hast du gemerkt – es wäre ja himmlisch!«

»Wenn du willst, daß es nicht wird, schwatz nur zu aller Welt von der Möglichkeit!« sprach er. »Pfui! Du bist manchmal zu eklig mit mir. Nicht mit einem Wimpernzucken werde ich mir was merken lassen.«

Und sie hielt sich tapfer. –

Als Bording an jenem Abend nach Hause ging, siebte er in seinem Gedächtnis sozusagen alle Eindrücke, um das Wesentliche von dem Unwichtigen zu scheiden. Sein Verstand rechnete ihm eine ganze Reihe von angenehmen, verheißungsvollen Zügen vor, die er an Therese hatte feststellen können. Er wunderte sich ein wenig, daß er dies Mädchen bisher so völlig übersehen hatte ...

Aber wie konnte er sich eigentlich darüber wundern ... Zwei schwarze Augen hatten ihn immer überwacht ... So kam es ihm plötzlich vor: als wenn diese Augen, auch wenn er ihnen fern war, ihn eifersüchtig immer gezügelt hätten ... Nein, so war es doch wohl nicht gewesen. Aber betäubt erst, monoman der Sklave der Leidenschaft, später dann in trüben Unsicherheiten der Stimmung, war sein Blick müde an allen anderen Frauen vorbeigegangen ...

Sie hatte viel Intelligenz, diese Therese. Eine gesunde und klare Wißbegier sprach aus ihren Fragen und ihrer Aufnahmefähigkeit. Frauen, die langsam und unlogisch dachten, waren ihm unerträglich.

Ein guter Lebensgefährte konnte sie werden. Der mitging, wenn man es von ihm forderte, aber auch den Takt hatte, ohne Zudringlichkeit beiseite zu stehen, wenn man seine Mitwissenschaft und Teilnahme einmal überflüssig fand.

Das erkannte er mit sicherem Instinkt.

Ihr Organ war ihm sehr angenehm. Es war eher tief als hell. Es war ein sanftes Gleichmaß in ihrer Tonstärke. Und sie konnte so liebenswürdig lachen – über Grete mußte man ja manchmal lachen, die behielt immer was von einem putzigen, lieben Kind – diese beiden Burmeesters hatten überhaupt eine Jugend in sich! – Es war ja wohl das Jungsein des Glücks – Und Bording fühlte bitter: ein Glück von solcher Art konnte auf seinem Stück Lebensgarten nicht mehr wachsen – über den war Tropenhitze gegangen ... Seine Gedanken kehrten zu Therese zurück: Ja, eine stille, wohltuende Heiterkeit war in ihrem Lachen.

Sie war nicht schön. Nur sympathisch. Er erinnerte sich besonders ihrer feinen Haut, die ihr direkt etwas Appetitliches gab. Und dann ihrer schönen, tiefen, großen blauen Augen.

Es war kein kühnes und energisches Feuer darin, wie in jenen schwarzen Augen ...

Gottlob nein. Aber eine Wärme und Güte, der man blind vertrauen konnte ...

»Ich werde sie heiraten,« dachte er entschlossen, »sie mag mich, das fühl' ich – sie wird ja sagen.«

Er erwog die äußeren Verhältnisse. Sie hatte kein Vermögen. Egal. Ihre Familie war angesehen und verzweigt. Ihr Stiefvater ein Mann, den man lieb haben konnte, mußte. Von einer feinen Vornehmheit – seine Silhouette stand fast fremdartig inmitten der lauten Farben der Gegenwart.

Die Mutter? Ja, das war ein Punkt! Kein zusagender. Ohne Zweifel. Eine kleine Szene fiel ihm ein. Eine Straßenszene. Er ging mit Hartmann-Flügge. Vor ihnen, in breiter Majestät, Frau Senator Doktor Landskron. Sie trug immer Mantillen; es schien, daß die Konfektion doch irgend eine Möglichkeit hergab, daß stets Mantillen gekauft werden konnten. Es war auch bekannt – wenigstens Hartmann-Flügge sagte, daß es bekannt sei – daß Frau Senator immer noch Zeugstiefel mit Lackkappen und Gummizug trage, die ein kleiner, uralter Schuster ihr mache. Sie war sparsam und trug sie lange. Sie war aber auch schonlich und hob ihre Kleider hoch auf, damit sie keinen Schmutzsaum bekämen. Das hatte sie an jenem Tage mit besonderer Energie des Handgriffs getan.

Und nun, in der Nacht, sah Bording plötzlich die ungraziöse Frauenerscheinung mit anspruchsvoller Haltung, in den vertretenen Stiefeln, vor sich einhergehen und hörte Hartmann-FIügge zitieren:

»O wie lieblich sind die Schuhe
Ungetrübter Seelenruhe.«

Der Gedanke, zu dieser Frau in einem, wenn auch noch so konventionellen Familienverhältnis stehen zu sollen, war ihm beengend.

Aber er schloß: »Irgend ein Nebenumstand von geringerer Ansprechendheit wird überall sein.«

Ja, er wollte Therese heiraten!

Es war sein unverbrüchlicher Entschluß, die letzten sechs Jahre gleichsam auszustreichen und wieder da anzuknüpfen, wo er vor jener Epoche gestanden hatte.

Und damals hatte er in dem Vorsatz gestanden zu heiraten ...

Er erwog dies alles, gerade wie er seine großen Unternehmungen von den verschiedensten Seiten betrachtete – nicht ohne Wärme – o nein – auch bei weitgreifenden geschäftlichen Plänen schlug ihm das Herz rascher, und eine starke Freude des Vorhabens war dann in ihm ...

Und dies war schließlich doch die allerwichtigste Unternehmung seines Lebens ...

Dafür hatte er eine ehrfürchtige Erkenntnis ...

Daß er nicht der Mann sei und nicht die Zeit habe, ein langes Werben durchzuführen, fühlte er wohl.

Er hatte eine unklare Empfindung: das würde geschmacklos wirken, ihn nicht kleiden, nicht zu ihm passen ...

Also schnell! Um Therese anhalten und in drei Wochen heiraten ...

Und hier zum ersten Male stockten seine raschen, sehr energischen Gedanken, die fast ohne Hemmung durch diese Erwägungen voll ungeheurer Tragweite geeilt waren ...

Die bevorstehende Senatswahl fiel ihm ein. Und sein Rivale Sanders. Und die Drohung, die Eine ausgestoßen hatte in der Stunde, wo er von ihr schied.

»Wie, wenn der Haß, in den jäh ihre Liebe umgeschlagen scheint – was in seelischer Hinsicht durchaus nichts Überraschendes und bei mehr temperament- als gemütsvollen Frauen eine oft beobachtete Gefühlsentwicklung ist – wenn ihr Haß sie antreibt, jetzt in dieser Zeit ihrem Manne die Schuld zu beichten?! Um sich zugleich an mir zu rächen und meine Wahl zum Senator zu hintertreiben?«

Er stand still. Die Fragen, die sich da auftaten, waren so beunruhigend, daß sie ihn für ein paar Minuten ganz benahmen. Nahe seinem Hause auf dem Kirchplatz stand er, in der kühlen Maiennacht, und dachte nach. Und als die Gedanken nach diesem Anprall, der sich ihnen entgegengeworfen, wieder in Fluß kamen, ging er auf und ab, immer neben der Kirche hin und her.

»Wie sie will,« dachte er hart, »ich bin ihr dann nichts mehr schuldig.«

In der ersten Zeit ihrer Liebe hatte er ihr sein Leben angeboten. Aber sie wollte es nicht. Heute ahnte ihm: sie hatte nicht gewollt, weil sie seinen Reichtum nicht als fest fundiert angesehen und lieber im sichern Nest bei ihrem Manne zu bleiben vorzog. Später war er immer darauf gefaßt gewesen, daß sie in einer Stunde, entweder der übermächtigen Liebe zu ihm, oder der Gewissensbedrängnis ihrem Manne gegenüber, diesem alles eingestehen würde. Dann würde er stolz und fest in dem entstehenden Skandal zu ihr gehalten haben, wäre nach Hamburg übergesiedelt und hätte ihr seine Hand und seinen Namen gegeben ...

Wenn sie jetzt spräche ... Nein, dann war er ihr nichts mehr schuldig. Eine Frau, die sich aus Gründen der Rachsucht zur Wahrheit bekennt, braucht man nicht mehr zu heiraten.

Aber Therese konnte er dann natürlich auch nicht heiraten ...

Er begriff: es hieß, die Haltung, die Frau Thora Sanders einzunehmen denke, erst beobachtend abwarten ... Er durfte unter keinen Umständen wagen, Therese in eine Lage zu bringen, aus der ihr sofort peinliche Kümmernis und schmachvolles Aufsehen erwachsen konnten ...

Er spürte Ketten! Er war nicht frei! Der ohnmächtige Zorn, der ihn erfüllte, war eine der elendesten Empfindungen, die er noch je gehabt.

Ihm war, als nage da heimlich etwas an der Würde seiner Persönlichkeit, als sei der Boden untergraben, auf dem er stehe ...

Ah, schändlich – unerträglich ...

Sein Verstand kam und sagte ihm, daß Thora ihre Drohung niemals ausführen werde, weil sie, ihm schadend, sich selbst noch viel mehr Böses antat. Sie verlor alles, und sie hatte doch ihren Luxus und ihre gesellschaftliche Stellung so lieb. Eine Frau, die so lange, so klug das Abenteuer mit dem moralischen Ansehen zu verbinden gewußt hatte, war im letzten Grunde doch zu beherrscht oder zu feige, um sich aus Haß zu verderben. Und daß Sanders im Moment, wo in seiner Ehe ein lärmvoller Krach entstand, auch nicht Senator werden konnte, war gewiß.

Thora würde sich still halten – ja – ja ...

Allgemeine Betrachtungen kamen ihm: wenn jede Drohung sich zur Rachetat verkörpern würde, wenn jeder Schuld die Strafe wie ein derber Knüttelschlag sichtbar folgte, dann käme die menschliche Gesellschaft aus den chaotisch-katastrophalen Zustanden nicht heraus. Das wäre keine sittliche Weltordnung mehr, es wäre eine sittliche Weltunordnung.

Nein, das ging seiner zu – versteckter – schleichender – peinigender – man bezahlt nicht auf einmal ... Diese Art Forderungen kassiert das Schicksal langsam ein – immer kommt es mit kleinen Mahnungen, wenn man nicht daran denken möchte, daß man etwas schuldig ist ...

Er fühlte bestimmt voraus: es würde sich nichts Zerstörerisches ereignen. Und dennoch – daß er die Möglichkeit erwägen mußte, demütigte ihn über alle Maßen ...

Durch welche Fegfeuer der Arbeit und des Zornes über das Vergangene sollte er noch gehen, um wieder ganz sein eigener Herr zu werden?

Also warten! Ja, in jedem Fall bis nach der Senatswahl.

Hatte die unselige Frau sich in ihrem inneren Kampf bis dahin bezwungen, bezwang sie sich auch weiter. Und im konventionellen Zwang des Lebens schließen sich allmählich Wunden. Er wollte es ihr von Herzen wünschen, daß sie ruhig werde. Vielleicht, wenn keine Leidenschaft sie mehr ablenkte, gewann sie auch Interesse für ihre Pflichten ... er hoffte es.

Gleich nach der Senatswahl – falle sie, wie sie wolle – dachte er dann um Therese anzuhalten.

Das waren keine zwei vollen Wochen mehr.

Vorgestern, am ersten Sonntag nach Senator Leitolfs Tod, war von den Kanzeln aller Kirchen die Fürbitte ergangen, daß der »rechte Mann« gewählt werden möge ... Am nächsten und übernächsten Sonntag würde, dem Gesetz gemäß, diese Bitte wiederholt ... Den Tag darauf, am kommenden Montag in acht Tagen also, fand' dann die Wahlhandlung statt ...

Indem Bording sich daran erinnerte, übermannte ihn ein seltsames Gefühl. Er wollte es als Sentimentalität oder wie er es sonst nannte, von sich scheuchen. Aber es wallte immer mächtiger in ihm auf.

Neben ihm, dunkel und stumm in der Nacht, erhob sich der wuchtige Bau der Kirche. Etwas Geheimnisvolles und Unerschütterliches umgab sie wie ein Dunstkreis. Die Finsternis und das Schweigen in ihr war wie ein Erstarren aller Unruhe und allen Lebens. Ehern schien es, ein Unsichtbares und Unzerstörbares, daran der Fluß der Zeit, eine geringe und kleinliche Bewegung, vorbeispült. Die Vorstellung der ungeheuren Einsamkeit, die jetzt in ihren Hallen webte, schied sie von allem Menschlichen.

Um ihre Säulenbündel schlichen die Überlieferungen einer sehr großen, sehr alten Geschichte. Und in ihrem Laufe war wohl viele hundert Male der sonore Widerklang des Gebetes um den »rechten Mann« in zitternden Schallwellen durch das Kirchenschiff gegangen.

Die fromme Einfalt dieses Brauches ergriff ihn in diesem Augenblick bis zur Erschütterung.

Das Gebet, das an diesen drei Sonntagen von ernsten Stimmen, im gesteigerten Vortrag hinausgerufen wurde aus dem Vogelnest des Kanzelkorbes am breiten Säulenbund, über die Köpfe der nachdenksam horchenden Gemeinde hin – dies Gebet galt vielleicht dieses Mal ihm ... Die heiße Liebe zu seiner Vaterstadt brauste leidenschaftlich in ihm auf – vor seinem geistigen Auge, wunderlich zusammengedrängt, sah er all ihre roten, alten, malerischen Mauem und den ruhevollen Zauber der Wälder, die vor ihren Toren die Nerven und Augen des Überarbeiteten liebkosten ... Er fühlte aus ihrer großen Vergangenheit eine ungeheure Verantwortung auf sich herüberwirken und sah ihre Gegenwart, als einen harten, aber stolzen Kämpfer ...

Er atmete tief auf ...

Ja, eine reine und rastlose Arbeit sollte sein Leben sein, zu ihrer Ehre!

Er hatte beide Frauen in diesem Augenblick vergessen – Die, welcher er seine besten Mannesjahre hingeworfen – und auch die, mit der er seine Zukunft zu teilen dachte ... Acht Tage nur, und sie begegneten ihm beide, in denselben Räumen, bei der gleichen Gelegenheit.

Der Senator Nikolaus Hedenbrink gab ein Gartenfest. Das tat er jedes Jahr, und ganz gewiß hatten auch im vorigen Mai sowohl die Familie Sanders als auch die Familie Landskron daran teilgenommen. Nur Jakob Bording war damals nicht in der Gesellschaft gewesen. Er verkehrte ja wenig, und im Hause Hedenbrink hatte er nie Karten abgegeben. Nun aber, wo er den Senator Hedenbrink in Sachen der neuen Gründung fast täglich traf und sprach, erzählte dieser im freundschaftlichen Ton von dem Fest, das seine Frau zu geben im Begriff stehe, und fragte an, ob er und seine Frau sich gestatten dürften, ihm eine Einladung zu schicken. Er fühlte wohl, daß dieses unvermutete gesellschaftliche Entgegenkommen auch mit der bevorstehenden Wahl zusammenhänge. Er glaubte auch zu wissen, daß Hedenbrink unbedingt für ihn sei und gegen Sanders.

Eine Ablehnung war also unmöglich, obgleich er sich voraussagen konnte, daß Thora Sanders auch dort sein werde.

Er machte sich klar: ihr aus dem Wege gehen kann ich niemals! Ich kann es auch niemals verhüten, daß sie und meine künftige Frau sich begegnen und sich im gesellschaftlichen Verkehr die Hand reichen.

Er fühlte: die einfachste Ritterlichkeit gegen Thora Sanders gebot ihm, sich unbefangen zu zeigen und seiner künftigen Frau Unbefangenheit zu erhalten! Man hat nicht das Recht, der eigenen Frau Dinge zu beichten, die nicht unser alleiniges Erlebnis waren, dachte er; wenn ich später meine Frau in auffallender Art von dem Zusammentreffen mit Thora Sanders fernhalte, handle ich wie ein grüner Bursch, der eine Frau zum Dank für ihre Liebe hinterdrein indirekt doch deutlichst kompromittiert.

Wieder ein Zwang – wieder etwas Unerträgliches, das getragen werden mußte ... All das hing wie Tang und Algen an der freien Fahrt seines Manneslebens ... Ja, ja, spürte er wieder: man zahlt nicht auf einmal – –

Die Hedenbrinks besaßen ein schönes, sehr stilrein und gut gehaltenes Haus aus dem Anfang des neunzehnten Jahrhunderts. Und es war um des riesigen parkartigen Gartens willen, den sie, in ihrer Freude an ihm, gern zeigten, daß sie im Mai ein Fest zu geben pflegten. Von der einen Seite hatte sich die immer verzweigter und bebauter werdende Villenstraße der Vorstadt an seine Grenze gedrängt. Von der anderen Seite aber stieß er an freies Ackerland. In seiner Tiefe gab es geschorene Hecken an einem Platz, und mit wenig Mühen, durch einige Efeuwände und Kübel mit Lorbeerbüschen, ließ sich so etwas wie ein Naturtheater dort herstellen.

Das Wetter war diesmal ungewöhnlich liebenswürdig. Ein beinahe kräftig blauer Himmel ohne die geringste Wolkenbildung, dazu eine schon sommerwarme Temperatur, gab allen anfahrenden Gasten von vornherein die Zuversicht, daß der Abend in dem freigebigen Hause auf das unterhaltsamste und befriedigendste verlaufen würde. Das Fest war umsichtig so angelegt, daß erst einmal vorzüglich und mit Ausführlichkeit gegessen und getrunken wurde. Es gab ein Diner, dessen Speisenfolge Hartmann-Flügge geradezu mit hanseatischem Stolz erfüllte. Er sagte: »So ißt man nur in Hamburg und Lübeck.« Was seine Tischdame, die aus Bremen gebürtig war, ihm übelnahm.

Bording sah sich dadurch ausgezeichnet, daß er die Hausfrau führen durfte. Es wurde sehr bemerkt und vielfach dahin gedeutet, daß Hedenbrink schon bestimmt in Bording den demnächstigen Kollegen sähe. Als Sanders diese Tafelordnung beobachtete, dachte er: »Es ist ja selbstverständlich, er ist doch zum ersten Male hier ...«

Bording schaute sich in dem Saal um, der die hintere Breite des Hauses einnahm und schon durch diese seine räumliche Einordnung in die Struktur des Baues etwas Behagliches hatte. Während er mit der Senatorin die wohlerhaltene, vor hundert Jahren geschaffene, dem pompejanischen Stil sich nähernde Malerei des Saales besprach, konnte er sich unauffällig überzeugen, daß Therese weitweg von ihm, am rechten Ende der Tafel, mit einem jungen Amtsrichter als Tischherrn saß.

Es war ihm recht angenehm. Er hatte gestern abend wieder mit Therese bei Burmeesters sehr wohltuende Stunden verlebt und war sich ganz klar darüber geworden, daß sie ihn liebe ... In ihren schönen Augen leuchtete ein Glanz von Glückseligkeit – – es stimmte ihn dankbar und respektvoll – –

All diese Menschen hier brauchten aber den Glanz nicht zu bemerken, zu belauern, zu beklatschen – –

Wenn es so weit war, sollten sie überrascht werden. Das schien ihm geschmackvoller. Und dann hier – gerade hier – wo wahrscheinlich zwei schwarze Augen ihn mit unablässiger Wachsamkeit beobachten würden, gerade darauf hin, ob eine andere Frau sich sehr mit ihm beschäftigte. Er sah auch Thora Sanders. Sie saß an Hartmann-Flügges linker Seite und hatte einen älteren Offizier als Tischherrn. Sie schien in lebhafter Stimmung. Stritt sich lachend mit Hartmann-Flügge, der es den Damen angewöhnt hatte, daß sie allerlei Dreistigkeiten von ihm zu hören bekamen. Aber Bording merkte es wohl: sie war sehr bleich, ihre Augen brannten noch funkelnder als sonst, und ihre Lebendigkeit war übertrieben.

»Ich weiß nicht,« sagte Frau Senator Hedenbrink, die seinem Blick gefolgt war, »Frau Sanders hat neuerdings immer so was Forciertes, ich glaube, sie ist recht nervös.«

»Die Dame sieht in der Tat etwas bleich aus,« antwortete er fremd und höflich, »aber sie scheint sich gut zu unterhalten. – Sie sagten, die Malereien seien von einem französischen Künstler ausgeführt?«

»Ja, es kamen ja damals auch einige Emigranten hierher. – Und der Urgroßvater meines Mannes ...«

Alle Welt zeigte unbefangene Munterkeit. Man fühlte sich, obgleich mehr als sechzig Personen da waren, gänzlich wie in einer Familie. Voll Intimität und Ungebundenheit neckte man sich, sprach mit erstaunlichster Indiskretion über den lieben Nächsten und eigene Verwandte, verhandelte Lokal- und Reichspolitik, wobei aber zu spüren war, daß die erstere für ungleich wichtiger gehalten wurde, man schien, alles in allem, das ganze Dasein äußerst jovial und ohne tiefere Bedenklichkeiten hinzunehmen. Es saßen viele sehr schöne Frauen in sehr elegantem Aufputz am Tisch, aber es gab auch einige Erscheinungen, die anderswo Staunen erweckt hätten in ihrer teils ahnungslosen, teils vorsätzlichen Verneinung von Grazie und Geschmack. Unter diesen befand sich auch Theresens Mutter. Hochfahrend und verstimmt thronte sie neben ihrem Tischherrn, mit dem sie nicht zufrieden war, und fühlte sich beständig mit der Sorge beschäftigt, daß ihr die Lohndiener Soße über den schokoladefarbigen Atlas ihrer zweitbesten Staatsrobe gießen würden. Im Hinblick auf den Umstand, daß man sich nachher im Garten bewegen werde, hatte sie ihre erste Garnitur gespart.

Es war noch heller Tag, und so fehlte dem Bilde, das die Tafelnden boten, der verbindende und flimmernde Reiz des künstlichen Lichtes.

Gleich vom Tisch aus ging man in den Garten, wo unmittelbar hinter dem Hause Sitzgelegenheiten für viele Gruppen zusammengestellt waren und der Kaffee genommen werden sollte.

Eine leise, bläuliche Dämmerung begann sich anzuzeigen, und in der Tiefe, unter den hohen, uralten Linden und Ulmen, sah es schon fast dunkel aus. Die reine Abendluft tat den Menschen wohl, die sich heiß gelacht und wohl auch getrunken hatten.

Bording fand sich mit seinem Vetter Burmeester und dem Senator Doktor Landskron zusammen, und dieser erzählte wichtig, daß sich auf seinem Schreibtisch eine ganze Literatur über Baumwollkultur ansammle und daß er anfange zu bemerken, wie recht seine Tochter Therese habe, wenn sie immer sage: er sei bisher zu einseitig gewesen, nichts erfrische mehr und weite auch den Blick mehr für die Fülle der Dinge im eigenen Gebiet, wenn man sich einmal mit vollem Interesse für eine Weile einer anderen nützlichen Materie zuwende. Und mit dem naiven Eifer, den neues Wissen immer hat, und zugleich mit dem belehrenden Ton, der ihm aus seiner Autorität in anderen Dingen kam, hielt er Bording und Burmeester einen kleinen Vortrag über alles, was sie sich seit Jahr und Tag durch Studium und in praktischer Erfahrung schon zu eigen gemacht. Aber sie hörten achtungsvoll und geduldig zu. Besonders der Aufwand von Geduld war bei Bording etwas so Bemerkenswertes, daß sein Vetter dachte: »Schon völlig ›Schwiegersohn‹!«

Am Arme Hartmann-Flügges kam jetzt Sanders auf sie zu. Der sonst leicht stechende Blick seiner hellen Augen schwamm, als flösse weiche Stimmung über. Das lange, volle Gesicht war gerötet.

»Was soll ich mit ihm machen,« sagte er, »was soll ich nu mit so 'm Menschen machen – bekurt meine Frau in einer Weise, daß ich 'n eigentlich totschießen müßte.«

»Du kannst ja gar nicht schießen!« behauptete Hartmann-Flügge.

»Woll kann ich schießen. Mit Pistolen nich. Nee. Aber mit Kanonen. Jawoll. Ich hab' bei der Feldartillerie gedient und war Reserveoffizier – nun bin ich Landsturm – Landsturm kann auch schießen – mit Kanonen – jawoll – sollst mal sehen, dann spritzt deine ganze Unverfrorenheit in die Luft.«

»Lassen Sie ihn nur leben,« riet Burmeester vergnügt, »den kriegen Sie doch nich dod.«

»Wenigstens nich mit was, was knallt – nich mit Sektproppen und nich mit Küssen,« sagte Hartmann-Flügge, »mit Kanonen is noch kein Versuch gemacht.«

»Schön. Gut. Ich schenke dir das Leben. Aber du sollst hier vor diesen ehrenwerten Zeugen schwören, daß du meiner Frau nich so doll den Hof machen willst. Ich bin kein Mucius Scävola, der gestattet, daß man bei seiner Lukrezia mal anklopft,« sprach Sanders mit seiner fettigen Stimme.

»Tö – tö – tö – tö –«, machte Burmeester, »Mucius Scävola ...«

»Ach ja – weiß schon – das war der mit der Hand – nee, nee, ich mein' den alten Verrina, der die Lukrezia nachher totsticht – ja, den mein' ich ...«

»Und ich mein',« sagte Hartmann-Flügge, »du trinkst erst mal 'ne Tasse sehr starken schwarzen Kaffee ...«

Sanders stutzte und fragte »So?« sehr langgedehnt. wie jemand, den man plötzlich darauf gebracht hat, über sich selbst ernsthaft nachzudenken. Aber er kam sofort zur Einsicht, daß Hartmann-FIügge sich täusche und daß kein Mensch nüchterner sei, als er selbst. Er sah von einem zum anderen. Und sein Blick traf mit dem Bordings zusammen. Darüber fiel ihm etwas höchst Wichtiges bei. Er trat auf Bording zu und nahm ihn beim Aufschlag des Fracks.

»Hör mal du, Bording,« sagte er, »in der Schule haben wir uns doch gut vertragen – nachher auf der Handelsschule auch – und wie wir uns mal in Petersburg und in London trafen – als junge Leute – weißt wohl noch? – Den Donner, ja! – Später kam man so auseinander – dje, ich weiß woll du hast wie 'n Wahnsinniger gearbeitet, wolltst Sanders und Kompanie einholen und überholen ...«

»Das war nicht mein spezielles Ziel,« sprach Bording kühl dazwischen. Aber der andere hatte seine Gedanken auf einer Linie – der mußten sie weiter nachrollen – sonst wären sie gänzlich durcheinander gepurzelt. »Is dir ja auch geglückt – bist uns vorbei gekommen – gut, ja, zugegeben. Aber wir arbeiten auch und haben auch Geschäftsverstand – ist Konjunktursache – holen dich doch vielleicht wieder ein ... Und ja – was ich dir schon all die Tage mal sagen wollte ... hier, vor Senator Landskron kann ich das – das ist ja 'n Mann von Gemüt, 'ne Seele von Mann is es ... Ich wollt' dir sagen: tritt zurück! Was kann dir dran liegen, ob du nu Senator wirst oder nich. Sieh mal, du bist Junggesell – ich hab' 'ne Frau. 'ner Frau macht so was Spaß. Meine Thora ist so 'ne rabiate kleine Tigerkatze – immer noch rasend verschossen in ihren großen dicken Ehegatten – ja woll – und sie will mich nu mal partout als Senator sehen – und ich selber – man darf doch zugeben: es liegt in den Verhältnissen, daß es mir eher zukommt als dir.«

Bording hatte die Farbe verändert.

Wie im tiefen Grunde widerwärtig war ihm dieser Mann und diese Szene ... Und doch – es war auch etwas Befreiendes darin ...

»Nein,« dachte er, »vor diesem Mann und gegen diese Frau bin ich wohl kein Schuldiger ... Nur vor mir selbst – vor mir selbst ...«

Er sprach voll Haltung, kalt, aber in allen Formen der Höflichkeit.

»Wenn es dir recht ist, lassen wir hier diese Erörterungen, in die hinein ich dir nicht folgen kann.«

»Ih nee, grade will ich das erörtern,« sagte Sanders hartnäckig, denn es ärgerte ihn über alle Maßen, daß Hartmann-FIügge ihn am Arm drückte und fortziehen wollte ... »ich weiß woll: du bildest dir ein, du hast Chancen. Du denkst, du hast dich fein in Szene gesetzt. So 'ne großen Geschichten, wie du nu mit der Baumwollgründung machst – die hatt'st du ja woll parat liegen, um im Moment einer Vakanz im Senat damit hervorzutreten und dich populär zu machen. – Na ja, mit so was kann ich nich aufwarten – solche Sachen liegen mir nich – dazu bin ich – Gott, wie soll ich das ausdrücken – nich modern genug, bin ich – denk' immer: Sanders und Kompanie: vornehm, vornehm. – Ich will dir was sagen, es gibt auch Leute, die den Trick mit der Bombengründung durchschauen und die nu denken: grade nich! Spar dir also den Ärger der Niederlage; tritt zurück!«

Bording war nun so bleich, daß Senator Landskron unwillkürlich mit einer väterlichen Bewegung nach seiner Hand griff.

»Unglaublich!« sagte er voll mißfälligen Erstaunens, »ganz unglaublich.«

»Ich bitte Sie, Sanders!« sprach Burmeester hastig, »betragen Sie sich, wie es diesem Hause und diesem Kreise zukommt.«

»Er hat einen sitzen,« begütigte Hartmann-Flügge.

»Und er kann nicht schießen!« brachte Bording heiser heraus, »sonst ...«

»Nee – und wenn auch – zu so was wär' ich nich zu haben – das sind ja Faxen – Bording, sei kein Frosch – wenn man nich mal in gemütlicher Stimmung ein offenes Wort sagen soll ...« Sanders war sich nicht im geringsten bewußt, einer menschlichen Seele zu nahe getreten zu sein – Herrgott, er war ja so 'n guter Kerl – die Fliege an der Wand war ihm heilig – Geschäft ist Geschäft – wenn er, Meno, so die Millionen riskieren könnte, würde er im Moment auch mit irgend was auftrumpfen, das nach Gemeinwohl aussieht, im Grunde aber der eigenen Bilanz auch förderlich ist. Aber er, Meno Sanders, er mußte liquides Vermögen sammeln, denn er hatte Söhne und eine Frau.

Da sagte Hartmann-Flügge wieder: »Und was für eine!«

Und darüber knüpften Sanders' Gedanken wieder an das erste Thema an: »Daß du ihr aber nich zu doll die Kur machst ... ich bin ja ihrer sicher ... aber ...«

In diesem Augenblick kam die Hausfrau heran und bat, daß man ihr zur Vorstellung folgen wolle. Während Hartmann-Flügge nochmals auf Sanders einredete, doch Kaffee zu trinken, gingen die anderen drei Herren raschen Schrittes die Allee hinab, die zum sogenannten Naturtheater führte.

»Ich hätte Sanders dergleichen Taktlosigkeiten nicht zugetraut,« sagte Senator Landskron.

»Haltung und Geste beherrscht er immer, selbst wenn er mal wirklich betrunken ist,« erzählte Burmeester, »was nun freilich wohl nicht mehr vorkommt – aber ich erinnere mich – in unserer Jugend. – Von weitem sah man ihm nie was an – nur kann er, wenn er ein bißchen viel und schwer durcheinander getrunken hat, seine Zunge nicht bewahren – er schüttet förmlich seine innersten Gedanken aus – aber zwei, drei Tassen Kaffee ernüchtern ihn, und Hartmann-Flügge weiß ihn ziemlich zu nehmen ...«

Bording sagte nichts. Eine erbitterte, quälende Schweigsamkeit lag auf ihm wie ein Druck. Er wußte: gegen diese Reden eines Halbbetrunkenen war er machtlos – sie hatten auch keinen Wert und konnten seine Ehre nicht antasten. – Er fühlte auch: im Grunde war es ja befreiend ... Und dennoch – dennoch – wie verspottete ihn das, was dieser Mann von seiner Ehe ausgekramt hatte – wie machte es ihn noch nachträglich zum Toren. Gab all seinen harten Kämpfen, die er mit seinem Gewissen ausgefochten, das Wesen einer lächerlichen Donquichotterie ... Um einer Heldin der Liebe willen hatte er geglaubt zu leiden, tragische Not hatte er ihr angedichtet – und sie war nur eine nach Aufregungen lüsterne Frau gewesen, die mit einem uralten Apparat von Lügen und Koketterie gearbeitet hatte ...

Immer mehr erniedrigte sich das Vergangene ...'

Man kam auf dem Platz an, der mit Reihen von Stühlen bestellt war. Ganz unwillkürlich schritt Bording immer hinter dem Senator Landskron her – er hatte dessen herzlichen Händedruck, die väterliche Bewegung darin wohl gespürt – das war nicht an ihm vorübergegangen – es wirkte wie ein Trost ... so, als sage ihm jemand: das alles war ja nur ein närrisches, häßliches Zwischenspiel ...

Landskron, mit seinem genauen Ordnungssinn in allem, nahm Bedacht, daß in den Stuhlreihen keine leeren Plätze zwischen den besetzten bleiben durften, sondern daß man sich hübsch an die schon Sitzenden anzuschließen habe. So war von Aussuchen der Nachbarschaft keine Rede.

Und gerade vor ihnen saß Frau Thora Sanders zwischen der Frau und der Tochter des Senators Landskron. Gleich nach Tisch hatte Thora sich der Senatorin mit großer Beflissenheit gewidmet – was diese mit Recht als stilles Werben auffaßte. Sie nahm es huldvoll auf; es tat ihr wohl; dergleichen ziemte sich; sie beschloß, ihrem Mann nochmals einen gründlichen Hinweis zu geben, daß doch Sanders der gegebene neue Senator sei. Zufrieden nahm sie deshalb auch wahr, daß ihr Mann nun hinter ihnen saß und sich verbindlich an Thora Sanders mit einer Frage richtete.

Er, als er die schöne junge Frau sah, dachte der eben erlebten Plumpheiten ihres Mannes und hatte das unbestimmte Gefühl, daß man zum Ausgleich dafür besonders aufmerksam gegen sie sein müsse, denn er hielt sie nun für bemitleidenswert.

Sie legte sich weit zurück, so weit, daß sie, indem sie mit dem Senator sprach, auch Jakob Bording ihr Gesicht zeigen konnte. Er grüßte mit einer ernsten Verbeugung von seinem Sitz aus. Dann hielt er sich vollkommen still. Unmittelbar vor ihm saß Therese auch schweigend.

Er war ihr dankbar dafür. Eine sehr starke und deutliche Empfindung sagte ihm, daß sie aus einer Art Keuschheit heraus so stumm und fremd vor ihm säße – das tat ihm wohl.

Er dachte, während er sehr gerade, mit sehr verschlossenem Gesicht dasaß: »Das Leben ist manchmal grotesk ... Unter der manierlichen Oberfläche kreisen die tollen Wirbel ...« Zwei Schritt von ihm war nun diese Frau, die er so genau kannte – oh, viel genauer jetzt, als damals, wo er sie liebte. – Und sie plauderte, etwas nervös zwar, aber doch harmlos mit dem freundlichen Manne – zugleich aber streiften ihre unruhevoll glänzenden Augen ihn – sie suchten. – Und er, der das fühlte, obgleich er sie nicht ansah, er dachte: »Sie findet mich niemals wieder – niemals – ein Abgrund hat sich aufgetan, er heißt: Verachtung.« Wie eine körperliche Kälte durchschauerte es ihn – die Furchtbarkeit des Erlebnisses kam ihm zum Bewußtsein ... Liebe, solche Liebe, die mit mehr als einem bürgerlichen Dasein gespielt hatte, die auf einem Vulkan ihre Heimstätte gehabt, war in Verachtung untergegangen, hatte sich in ihr aufgelöst ...

Wenn Frauen wüßten! Wenn sie voraus erkennten, daß gerade der, um derentwillen sie sündigen, nachher meist ihr härtester Richter wird ... Ach, keine, keine ginge einen Schritt vom Wege ...

Und unter diesen schweren Gedanken hörte er doch, was um ihn herum gesprochen ward.

»Welche Genüsse harren unser?« fragte Landskron.

»Erst gibt es ein kleines Schäferspiel, das in einen Tanz ausgeht. Hinterher kommt eine Rüpelszene,« erzählte Frau Thora Sanders. Sie nannte auch die jungen Mädchen und Frauen, die mitwirkten. Sie erzählte, daß sie auch auf das dringlichste gebeten worden sei mitzumachen, aber ihre Stimmung habe es verboten, sie fühle sich seit einiger Zeit sehr elend.

Bording begriff: das war für ihn gesagt. Der scharfe Zug an seinem linken Mundwinkel, der nach Menschenverachtung aussah, ward deutlich.

Landskron drückte seine Teilnahme aus, und dann erzählte Frau Sanders weiter, daß »die Referendare« alles arrangiert hätten. Das war eine kleine Gruppe künftiger Leuchten der Jurisprudenz, die sich durch ihren Witz, ihre geistreiche Erfindungsgabe und ihren kecken Übermut als die Veranstalter und Verfasser amüsanter dramatischer Kleinigkeiten unentbehrlich gemacht hatten, wo es vergnügt zugehen sollte. »Ach,« sagte Landskron, »da können wir uns auf etwas gefaßt machen.« Er lächelte etwas besorgt vor dem despektierlichen Übermut, der seine Frau stets entrüstete, denn sie verstand keinen Spaß.

Jetzt mischte sich die neben dem Senator Landskron sitzende Konsulin Hüpeden ins Gespräch und fragte, mit dem Ton leutseliger Anteilnahme: »Sie haben kürzlich solchen ärgerlichen Verlust gehabt, gnädige Frau?«

»Ich?«

»Man las es drei Tage hintereinander so groß gedruckt – von Ihrem Amethystanhänger.«

»Herrrrr–gott!« sagte Thora lang gedehnt, »damit öden mich die Menschen nun schon seit vierzehn Tagen an.«

Ihr Ton war sehr unartig, und die Konsulin Hüpeden, die es ungefähr als Auszeichnung betrachtete, wenn sie jemand ansprach, und auf alle Menschen, die nicht zu ihrer speziellen Clique gehörten, herabsah, eigentlich verwundert darüber, daß »so etwas« auch lebe und Ansprüche mache, hob ihren grauhaarigen Kopf mit dem römischen Profil noch höher. Sie sah Landskron an und fragte mit ihren Blicken: »Wie finden Sie den Ton?«

Thora beugte sich vor und erzählte auffallend laut der neben ihr sitzenden Therese: »Sie können sich nicht vorstellen, wie langweilig mir diese ewige Fragerei ist. Ich sagte Meno gleich – laß doch das Annoncieren. Man kriegt ja so was doch nicht wieder. Aber die Perle war ziemlich wertvoll, und es ließ ihm keine Ruhe.«

Jetzt legte sie sich wieder zurück und sprach: »Sie haben es gewiß auch gelesen, Herr Bording. Meinen Sie nicht auch, daß fünfzig Mark Belohnung zu wenig war?«

Er dachte: »Was eine Frau alles kann und wagt!« ... Ihm war, als tanze sie auf dem Seil und müsse, müsse stürzen ... Er, der Mann, er hatte eine Sekunde des innerlichen Stockens zu überwinden, ehe er mit etwas heiserem Ton antworten konnte: »Wäre das Schmuckstück von jemand aus der Gesellschaft gefunden worden, hätte man es Ihnen längst zugestellt. Einem armen Finder wären fünfzig Mark auch immer willkommener als der zu verbergende Besitz eines für ihn unnützen Anhängers.«

Er fühlte, sie hatte nur in verhüllter Form fragen wollen: ist es bei dir gefunden? Nun hatte er, dem Zwange folgend, ihr zu verstehen gegeben, daß er in seinen Räumen nichts gefunden habe. Er fand es unerhört, daß sie den Mut hatte, daran zu rühren ...

»Es regnete an dem Tag so schrecklich – der Anhänger kann auf der Straße heruntergefallen und dann fortgespült sein,« sagte sie.

»Sehr wahrscheinlich.«

»Was hat er?« dachte Therese. »Seine Stimme ist verändert.«

Jede Unterhaltung wurde nun abgeschnitten, das Spiel begann.

Kleine rosige Lichtbirnen glühten in den gewachsenen und gestellten Hecken auf und zogen sich als Perlenbögen über den Raum, der die Bühne darstellte. Die Zuschauer saßen in einem ungewissen Halbdunkel, das sich plötzlich zu vertiefen schien. Weiterhin, zwischen den Baumstämmen, stand die Luft förmlich schwarzblau. Es war sehr angenehm, hier zu sitzen, in dem allmählich absterbenden Hingang der letzten Dämmerung, die wie ein Vorspiel heller Nächte war.

Zwischen den Hecken bewegten sich, die harmlosen Vorgänge einer kleinen Liebesintrige darstellend, anmutige Gestalten in weißen und hellgeblümten Rokokokleidern. Der Tonfall ein wenig pathetisch erhobener Stimmen schwebte durch die Luft. Das störte so wenig die Ruhe des Gartens, daß fern in seiner Tiefe eine Nachtigall zu schlagen begann.

Das gab dem Spiel eine anmutige Begleitung und vertiefte zugleich die Stimmung zu jener grundlosen Wehmut, die das Herz weitet und erhebt.

Bis eine feine Musik begann, die die Nachtigall zum Schweigen brachte und aus den Kulissen der Hecken acht zierliche Tänzerpaare hervorlockte, die in künstlicher Genauigkeit einen stilvollen Tanz ausführten.

Bording hörte nicht zu. Er sah auch eigentlich nicht genau – aber doch wirkte das Ganze angenehm auf seine Nerven und beruhigte sie.

»Ich bin doch ein Mann!« dachte er entschlossen. Und wußte: ein rechter Mann geht vorwärts – weg über Frauenliebe und Frauenkünste – ohne nervöses Unbehagen an dem, was war.

Die zärtlichen Rokokofigürchen hatten ihre Aufgaben glänzend beendet, alle Väter und Mütter strahlten, die ganze Gesellschaft klatschte mit Eifer.

Nun kam das Rüpelspiel, und auf das ästhetische Vergnügen an körperlicher Anmut und lichten Farbenreizen folgte das kräftige, niedersächsische Pläsier an derbem Ulk. Die bewußten Referendare erschienen als Gestalten aus dem Volk und verhandelten auf Plattdeutsch die Lokalpolitik des letzten Jahres. Es zeigte sich bald, daß ihnen da niemand und nichts heilig war, und die Senatorin Landskron wandte alle paar Minuten ihr breites, flaches Gesicht ihrem Manne zu, um sich seiner Mitentrüstung zu versichern. Er lächelte aber nachsichtig, obgleich er keine unmittelbare Aufnahmefähigkeit für Witz hatte.

Allerlei Regierungsmaßnahmen wurden dadurch verulkt, daß einer der Mitspieler in verbohrter Dummheit nichts verstanden hatte und sich alles von seinen Freunden erklären ließ, was mit erstaunlich treffender Nachahmung der Organe und Sprechweisen aller möglichen Lokalgrößen so komisch geschah, daß das muntere Gelächter der Schadenfreude gar nicht abriß. Natürlich kam auch die neue große Gründung vor.

»Wat?« fragte der eine, »nu will Djakob Bording unner de Bomwullspinners gahn?«

»Dje, worüm nich? Sied' hätt' he all ümmer spunnen!«

Alle lachten, und Bording selbst mußte gutmütig mitlachen.

»Dat heet je, he schall Zenater warrn – ob dat woll andem is?«

»Natürlich. Und dat is all utmakt: an 'n Wahltag kriegt wie alltosamen Bomwullak–zie–en geschenkt – nee, he lätt sich nich lumpen, denn treckt he sin Spendierbüxen an.«

»It hev ümmer hört, so 'n Art Kledasch gäv dat gornich in sien Gardrov.«

Die kräftige Anzapfung machte Bording Spaß. Er lachte abermals mit und nahm sich vor, diesen vier jungen, kecken Herren am Wahltage in humoristischer Form zu zeigen, daß sich in seiner Garderobe doch »Spendierbüxen« befanden.

Die gute Laune in ihm hielt eine Weile an, er folgte aufmerksam den drolligen Wechselreden der Szene, die noch lange weiterging und schließlich damit endete, daß die kannegießernden Proletarier von dannen zogen und sich seitwärts in die Büsche schlugen, weil sie den Duft einer Bowle zu spüren meinten, dessen Ursprüngen nachzugehen sie für patriotische Pflicht hielten.

Die Gesellschaft hatte sich ausnehmend unterhalten. Man zerstreute sich im Garten. Die junge Welt strebte dem Hause zu, in dessen Saal man schon die Rokokopärchen sich im Tanze drehen sah.

Bording hatte das Gefühl, einer Pflicht genügt zu haben. Eine jähe Abspannung nach all den wechselnden Aufregungen kam über ihn. Er dachte auch, es sei klüger, der Möglichkeit auszuweichen, daß Frau Thora Sanders ihn irgendwo im Dunkel des Gartens stelle und eine Anrede wage.

Er ging in aller Stille davon.

In der Herrengarderobe traf er den Senator Landskron. Seine Damen wünschten schon das Fest zu verlassen, sagte dieser und hielt sich etwas ausführlich noch in Gesprächen aus.

Und im Vorflur, mit sehr hochgehobener Schleppe, so daß zwar keine Zeugstiefel, aber unförmliche Schuhe zu sehen kamen, stand die Senatorin, in ihren Winterabendmantel gehüllt, und wartete mit der verhaltenen Ungeduld einer Hoheit, die es nicht fassen kann, daß man sie warten läßt. Therese, in einer weißen Jacke und einen Spitzenschal um den Kopf, ging auf und ab.

Als sie sah, daß Bording mit ihrem Vater zusammen aus der Windfangtür trat, ging ein freudiges Aufleuchten über ihr Gesicht.

»Wir wollten gehen. Die Nacht ist so schön. Wir haben ja nicht weit.«

»Wenn die Herrschaften gestatten, schließe ich mich an.« Der Senator, in einer an ihm merkwürdigen Sicherheit, fragte seine Frau, ob sie die Rüpelszene nett gefunden habe, denn er wußte: nun hatte sie bis zu ihrer Haustür Entrüstungsstoff und dachte nicht daran, daß Therese mit Herrn Bording nach etwas großem Zwischenraum hinterdrein kam.

»Warum blieben Sie nicht dort, um mitzutanzen? Mögen Sie nicht tanzen?« fragte Bording.

»O doch. Zuweilen sehr gern.«

»So, so. Und heute ...?«

Sie lachte ein klein wenig.

»Sie lieben es, mich zu examinieren,« sagte sie, »sind Sie sich dessen bewußt?«

»Nein – Verzeihung –«

Er schwieg. Stumm gingen sie einige Schritte.

Dann sprach sie leise: »Der Abend war Ihnen eine Last...«

Er sah überrascht auf.

»Woraus schließen Sie das?«

»Ich habe es gefühlt–Ihre Stimme klang anders,...«

Er griff nach ihrer herabhängenden Hand und drückte sie kurz und stark.

Es berührte ihn wunderbar ... So kannte sie ihn schon? So erriet sie ihn schon? Das tat ihm wohl. – Ah – ja – eine Zukunft voll großer Arbeit und eine Häuslichkeit voll zarten Friedens – das waren gute Gedanken. – Das waren Lebensumstände, wie sie der gesunden und klaren Kraft eines Mannes dienlich sind ...

Und während er schweigend diese erlösenden Empfindungen genoß, hatte man die beiden Villenstraßen schon durchmessen, die das Landskronsche Haus von dem Hedebrinkschen trennten.

»Gute Nacht.«

Alle Abspannung war gewichen – mit kräftigen Schritten, beinahe fröhlichen Herzens ging er in die Nacht hinein.

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