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Ein königlicher Kaufmann

Ida Boy-Ed: Ein königlicher Kaufmann - Kapitel 2
Quellenangabe
pfad/boyed/koenkauf/koenkauf.xml
typefiction
authorIda Boy-Ed
titleEin königlicher Kaufmann
publisherJ. G. Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger
printrun38.-45. Tausend
year1922
firstpub1911
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20090107
projectid19315a16
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II

Minuten später verließ Jakob Bording sein Schreibzimmer. Fast zugleich zeigte sich Schrötter in seiner Tür – einem Wachthund nicht unähnlich, der sich ein bißchen rührt, wenn er merkt, daß sein Herr etwas unternimmt, wobei es nicht nötig ist.

»Heute nachmittag erwarte ich Besuch zum Tee,« sagte Bording, noch beschäftigt, seinen langen, dunklen Frühlingspaletot sorgsam zuzuknöpfen. Den hohen Hut hatte er schon auf dem Kopf.

»Sehr wohl, Herr,« antwortete Schrötter.

Aus irgend einem Grunde hatte er sich diese Antwortsformel angewöhnt, vielleicht, weil er sie für vornehm und ergeben hielt. In seinen Augen, die förmlich noch runder wurden als sonst, war aber keine kritiklose Dienerunterwürfigkeit.

Er wußte, was das hieß: Besuch zum Tee! Dann kam die Dame, die zuweilen einen dichten Schleier vorhatte, zuweilen einen Zipfel ihrer Pelzstoa vor Mund und Nase hielt, wie jemand, der keine Kälte einzuatmen wünscht, oder die mit der Hand die Spitzenkanten eines um den Kopf geschlungenen Schals vor ihrem Gesicht zusammenhielt – kurz, die in immer wechselnder Weise ihre Züge zu verstecken verstand, wenn sie rasch durch die Haustür hereinkam und sich mit dem Schlüssel, den sie besaß, den Eingang ins Schreibzimmer selbst öffnete. Das ging husch! husch! Schrötter hätte noch heute, nach sechs Jahren, nichts über ihr Gesicht aussagen können.

Und nun kam sie am hellen Tag? Zum ersten Male? Wie eine Erscheinung war sie gewesen, geheimnisvoll und interessant, die zu stürmischen Spätherbstnachmittagen, zu nebeldüsterer Winterstimmung, zu den brausenden Regenschauern des Vorfrühlings gehört hatte. Und nun – am hellen Tage?

Schrötter schluckte ein wenig an seinem Schreck und an seiner Aufregung. Er wußte ja ein für allemal, was seine Pflichten waren, wenn »Besuch zum Tee« kam. Im Rauchzimmer des Herrn alles zierlich vorbereiten. Dann unablässig und zugleich unauffällig auf den Beinen bleiben, bald im Vorflur sein, um Besuchern – die freilich äußerst selten in der Privatwohnung Bordings vorsprachen – zu sagen: der Herr sei im Geschäft, sei in Hamburg, sei bei Freunden; selbst Burmeester hatte er schon mit einem ganz starren Gesicht solche Auskünfte gegeben, wenn der noch so beschwörend vorbrachte: aber bester Schrötter, mein Vetter muß zu Hause sein und ich muß ihn sprechen.

Bald auf der Diele herumlungern, um das weibliche Dienstpersonal vom Spionieren oder gar Horchen abzuhalten. Die Köchin und das Stubenmädchen saßen zwar oben, in der Küche, über Schrötters Wohnzimmer. Und wenn sie von da oben herunter und das Haus verlassen wollten, mußten sie die eiserne Wendeltreppe benutzen, die architektonisch klug verborgen hinabführte und neben Schrötters dunklem Schlafalkoven mündete. Der Aus- und Eingang für Dienstboten und Lieferanten ging eben durch Schrötters Wohnzimmer, anders hatte es sich bei dem knappen Raum nicht machen lassen. Aber diese Einrichtung gab gerade den Reiz und die Wichtigkeit von Schrötters Leben. Sie machte seinen Posten gesellig und ließ scharfe Kontrolle zu.

Übrigens stand er sich gut mit den Frauenzimmern, die die Vorteile ihrer selbständigen Stellungen im reichen Junggesellenhaushalt zu schätzen wußten und gar nicht daran dachten, zu spionieren, denn daß Schrötter sie für den bloßen Versuch dazu an die Luft setzen würde, war ihnen klar. Beide waren auch schon lange im Hause und das Zugehörigkeitsgefühl hatte sich bei ihnen bereits stark entwickelt.

Trotzdem ließ Schrötter in seiner wachsamen Vorsicht nicht nach. Er hatte eine dumpfe Ahnung, daß mit den Besuchen dieser Dame irgend eine Gefahr verbunden sei; die Tatsache, daß ihre Erscheinung ausblieb, sobald es bis sechs Uhr hell war, beschäftigte ihn von jeher und er zog Schlüsse daraus.

Und heute – heute kam sie am hellichten Tag? –

»Da muß ich mir aber Mühe geben, daß ich sie nicht erkenne,« dachte der alte Mann in seinem anständigen Unterwürfigkeitsgefühl.

Er verbot ja sogar seinem Gedächtnis, sich des Namens »Thora« zu erinnern, den er einmal auf einem vergessenen Taschentuch gesehen. Er hatte damals geglaubt, am richtigsten zu handeln, wenn er dies kleine, halbklare, mit einer schmalen, schlichten lila Kante umsäumte Tüchlein, darauf mit lilafarbenem Garn in geschriebenen Buchstaben der Name gestickt war, ganz einfach verbrannte, anstatt es seinem Herrn als »gefunden« zu geben. – Als Jakob Bording seinem Diener in nebensächlichem Ton jene Mitteilung gemacht und seinen langen Überrock ganz zugeknöpft hatte, ging er davon. Er wollte ins Geschäft.

Sein Gesicht war farblos, wie man es bei überarbeiteten, beständig geistig angestrengten Menschen oft findet. Der Ausdruck seiner Züge war nicht anders, als die Straße sie sonst kannte: von verschlossenem Ernst, mit einer kleinen scharfen Linie am linken Mundwinkel, die nach Menschenverachtung aussah. Ohne jede Aufmerksamkeit war er für das, was an Leuten und Dingen vorübertrieb; Grüße bemerkte er oft nicht oder erwiderte sie mit einem leeren, zerstreuten Blick.

Die Speicher und Kontore seiner Firma lagen am Fluß. Um dahin zu gelangen, hatte er eine lange, enge Straße hinabzugehen. Sie war wenig belebt. Ihr Bürgerstieg, an alten Giebelhäusern und kleinbürgerlichen Neubauten entlangführend, war von Kellerluken oftmals wie gefleckt. Auf den geschlossenen Falltüren von Brettern klang der Schritt der Gehenden hohl. Die eine oder andere dieser Luken war auch aufgeschlagen, dann mußte man an der Kelleröffnung vorbei ausbiegen, aus deren dunkler Kühle der Dunst von Rotwein aufstieg und der hohle Klang eines Hammers, der an Fässer schlägt.

Der Sturm, der von Westen kam, sauste die Straße herauf, wie durch ein großes Rohr geblasen. Bording mußte seinen Zylinder festhalten und fühlte den Druck des Windes gegen seinen ganzen Körper.

Eine Droschke fuhr rasselnd und schwer ihm entgegen. Wenige Schritte vor ihm hielt sie und der Senator Doktor Landskron stieg aus, wandte sich dem Wageninnern zu und reichte eine Hand hinein. Seine Frau stieg aus; was man zuerst von ihr sah, war ein in unnötig großem Bogen tastend heraus sich streckender Fuß in Zeugstiefeln und ein Stück grauen Strumpfes. Diesem komischen Herold ihrer Erscheinung folgte dann umständlich sie selbst in ihrer auftrumpfenden Ganzheit. Hinter ihr stieg rasch und sozusagen unauffällig noch die Tochter aus.

Jakob Bording sah sich gerade in diesem Augenblick durch eine geöffnete Kellerluke gehemmt und blieb stehen, um nicht vor den Pferden weg und um die Droschke herumzugehen.

Man grüßte sich, und Bording tat es mit der vollkommensten Aufmerksamkeit. Denn ganz merkwürdig kam ihm jäh die humoristische Idee von Burmeester ins Gedächtnis: daß er Therese Landskron heiraten solle. Die Familie mochte von einer Kondolenzvisite im Hause Leitolf zurückkehren und benutzte die gewiß seltene Gelegenheit, daß man zu dritt auf Besuchswegen war, um noch bei Bekannten vorzusprechen.

Die Damen waren natürlich in Trauerkleidung. Die Mutter wirkte ganz überraschend auf ihn, er glaubte sie schon tausendmal gesehen zu haben; so vollkommen glich ihre Erscheinung einem bestimmten Schema. Natürlich kannte er sie – hatte sie da und dort wahrscheinlich getroffen, vermutlich auch bei Burmeesters. Aber er war sicher, an ihr stets ohne Gruß vorübergegangen zu sein. Diese Art Damen konnte man sich ja nicht einmal an ihren Hüten und Mantillen merken. Trugen sie nicht alle gleiche? Oder kam es ihm nur so vor?

Und die Tochter? Ganz im allgemeinen wirkte ihre Erscheinung unelegant, beinahe ärmlich – oder unharmonisch. Bording, als Mann, der sich nicht auf Einzelheiten verstand, konnte nicht erkennen, daß das vielleicht an der sehr improvisierten Trauerkleidung lag, die recht zusammengesammelt schien.

Er sah ihr scharf und mit einer so großartigen Ungeniertheit – deren er sich nicht bewußt ward – ins Gesicht, daß sie errötete. Und dies Gesicht wirkte irgendwie sehr angenehm. Nun er es zum ersten Male genau ansah, fiel ihm das auf. Schöne blaue Augen, von großer Ausdruckskraft – sympathische Züge... entzückender Teint... Während er so Mutter und Tochter gewissermaßen anstaunte, als hätten sie für ihn das Interesse von Kuriositäten, sprach er, über die Kellerluke hinüber, einige Worte mit dem Senator Doktor Landskron. Das war ein Mann mit einem glatten Gesicht, goldener Brille und gescheiteltem, graublondem Haar, einem englischen Landpastor nicht unähnlich und von einer vorsichtigen Würde, gleichsam tastend, mit jedem Wort und jeder Geste, als sei er auf beständiger Hut vor Übereilungen.

»Sie haben in dem Verstorbenen einen besonders nahen Freund verloren, Herr Senator,« sagte Bording, »darf ich Ihnen meine Teilnahme aussprechen?«

Er sagte es auf gut Glück. Er wußte nichts davon, wie die Beziehungen der beiden Männer zueinander gewesen waren.

Sie waren schlecht gewesen.

Aber Landskron antwortete mit sehr schmerzlichem Ernst: »Ja, es ist ein harter Schlag.« Wobei es gänzlich in der Schwebe blieb, für wen, in welcher Hinsicht.

Frau Senator Doktor Landskron, die es nicht ertrug, auch nur eine halbe Minute unberücksichtigt zu bleiben, sprach mit großem Augenaufschlag: »Die Familie ist untröstlich, untröstlich! Man wußte gar nicht, woher man die Worte nehmen sollte, der armen Anna Leitolf Mut zuzusprechen. Es war furchtbar–es war ganz furchtbar

Er drängte sich zwischen den Rändern der auseinander- und hochgeschlagenen Kellerluken und den hart an der Bürgerstiegkante haltenden Wagenrädern durch, nicht ohne pedantische Vorsicht, um Beschmutzung seines Paletots zu vermeiden.

»Wann ist die Beerdigung?« fragte er und sah aus größter Nähe nun Therese an.

Dieser stetige Beobachterblick kränkte und ängstigte sie. In ihre Augen trat ein Ausdruck von Befremdung und Abweisung.

»Mittwoch um zehn Uhr. Von der Ägidienkirche aus, Pastor Steifensand war ja sein naher Freund, er wird in der Kirche sprechen, Hauptpastor Klein hingegen draußen auf dem Friedhof an der Gruft,« berichtete Landskron.

»Wir versperren Ihnen den Weg, Herr Bording,« sagte die Frau mit einem zwischen Anzüglichkeit und Liebenswürdigkeit schwimmenden Lächeln. »Sie sind ja immer so kolossal beschäftigt und eilig. Wir sind hier ausgestiegen, weil wir unsere alte Großtante Boß besuchen wollen – wann trifft es sich sonst mal, daß mein Mann Zeit zu Besuchen hat! Mein Mann hat nie Zeit zu Besuchen.«

»Im Gegenteil, ich halte Sie auf...«

Bording reichte dem Senator die Hand, lüftete vor den Damen mit einer kleinen Verbeugung und einem sehr hellen Lächeln den Hut und ging davon. Ohne zu ahnen, daß hinter ihm die Senatorin beim Eintritt in das Haus, wo ihre alte Tante ein bescheidenes Parterre bewohnte, im allerbestimmtesten Flüsterton zu ihrem Mann sagte: »Sonst geht er einem ohne Gruß vorbei. Nun, wo er Senator werden will, kann er den Verbindlichen spielen. Ich sage dir: du wählst Sanders.«

»Ich weiß ja gar nicht, ob ich in die Wahlkammern komme,« sprach er ausweichend. Er war nicht so unablässig mit sich und seiner Wichtigkeit beschäftigt wie seine Frau, der alles entging, weil sie nur auf eines achtete: auf das, was ihrer Stellung zukam. Und er hatte den merkwürdigen, förmlich studierenden Blick bemerkt, mit dem Bording Therese angesehen. –

Während die Familie in den nach Muff und Baldrian riechenden Stuben des uralten Fräuleins Boß verschwand, ging Bording weiter. Der helle Ausdruck blieb vorerst noch auf seinen Zügen.

Diese banale Begegnung und die oberflächlichen Worte, die dabei gesprochen worden waren, hatten ihn amüsiert und abgelenkt.

Burmeesters Plan, aus dieser süßsauren Preziösen seine, Jakob Martin Bordings, Schwiegermutter machen zu wollen, fand er von überwältigender Komik.

Er bemühte sich, die beiden Damen vor sein Gedächtnis hinzustellen. Nach drei Schritten wußte er schon nicht mehr, wie er sich selbst in Gedanken die Mutter hätte schildernd klar machen sollen. Ganz gewiß, dachte er, sie hat mindestens hundert Doppelgängerinnen – Frauen mit solchen Gesichtern, in denen nichts zu lesen steht als ein bißchen enge Wichtigkeit und Einbildung, mit solchem versteckten kleinen, weisen und prüden Zug um den Mund und den beiden Stückchen glatter Haare vom Scheitel weg unter der schmal sich auftürmenden Kapotte.

Aber die Augen der Tochter sahen ihn sehr deutlich an. Groß, und seinen unbescheidenen Blick fast erzürnt zurückweisend.

»Ich glaube, sie war sehr schlecht angezogen,« dachte er.

Er kannte eine, die sich schön anzog – deren Kleider wie Gedichte waren, von Spitzen, Seide und Chiffon um eine Gestalt voll Grazie ...

Der schwere, kalte Ernst breitete sich plötzlich wieder über sein Gesicht aus.

Er bog am Ende der Straße rechts um; wenige Schritte noch auf dem Bürgersteig und er hatte die Flucht der Baulichkeiten erreicht, über deren Türen, mit großen Bronzebuchstaben auf das Mauerwerk aufgenietet, stand: Jakob Martin Bording.

Drei Speicher, Schulter an Schulter, feste, starke Hüter, mit ausdrucksvollen Arbeitsgesichtern, standen da. Der eine grau, mit geschweiftem Giebel, dessen Konturen von altem Kupferbeschlag grün waren; die beiden anderen rot in der Naturfarbe des gebrannten Backsteins. Diese hatten Treppengiebel und die Strenge ihrer Stufenlinien schien ein wenig gesänftigt durch die welligen Dachpfannen, die ihre Kanten schützten. Alle drei Speicher hatten viele Stockwerke mit kleinen, zum Teil durch Läden verschlossenen Fenstern. Alle drei oben eine enorme Luke. Aus der des grauen Giebels hing eben aus dem Kran herab ein armstarkes Tau. Einen dicken Eisenhaken hatte diese hänfene Schlange als Mund; baumelnd wand sie sich herab, um von einem hochbeladenen Frachtwagen Säcke aufzupicken. Auf und um den Wagen hantierten stämmige Männer. Und hoch oben sah man greifende Hände aus dem Dunkel langen, das Aufziehen des belasteten, das Abwärtsschweben des leeren Taues zu regulieren. Es roch nach rohem Kaffee und Säcken. Aus dem geöffneten Tor des ersten roten Speichers kam ein starker Geruch von Gewürz. Im Halblicht drinnen, einem holländischen Genrebildchen gleich, dem die Türpfosten Rahmen gaben, sah man zwischen Ballen und Kisten Männer in blauen Hemdärmeln sich bücken und bewegen.

An den dritten Speicher schloß sich, im Verfolg der Straßenflucht, das Haus mit den Kontoren.

Bording hatte es vor einigen Jahren ganz neu aufbauen lassen. Lichte, große, immer gut ventilierte Räume nahmen das Parterre und die beiden Stockwerke ein. Über der Tür zu Bordings eigenem Arbeitsraum im zweiten Stock – er liebte den weiteren Blick und Fußtritte über dem Plafond störten ihn leicht – hatte er das alte Firmenschild seines Vaters anbringen lassen. Das zeigte die Form eines ziemlich flach geschwungenen Regenbogens, war von Holz und ehemals weiß gewesen. Bording ließ es nicht erneuern. Altersgrau sollte es bleiben, denn das gab den Charakter her. Dieser Bogen war gewissermaßen dreigeteilt. Oben in der Mitte befand sich eine Malerei. Die linke Seite war in gotischen Buchstaben von dem Namen »Jakob Martin Bording« eingenommen, auf der rechten zog sich die Inschrift hin: »Kolonialwaren und Russische Produkte«. Die Malerei hatte einstmals sicherlich in Farbenvielheit geglänzt, nun war sie ganz nachgedunkelt, aber doch noch sehr wohl erkennbar. Es war eine Gruppe von drei Personen. Ein Türke stemmte die Hand auf einen Kaffeesack, mit der Geste, wie ein Welteroberer die Faust auf den Globus setzen mag. Aus einer Schippe goß ein russischer Bauer Weizen in gelbem Körnerstrom hinab in ein rotschwarzes Holzgefäß. Zwischen beiden ritt ein Chinese auf einem Kamel und hielt eine Teebüchse ans Herz gedrückt.

Unter diesen Figürchen stand » en gros«.

Die drolligen Aussagen dieses alten Schildes stimmten nicht mehr ganz. Die Firma führte weder russischen Weizen noch Karawanentee mehr ein, noch sonstige »russische Produkte«. Die Handelsverbindungen, die Jakob Bording mit Rußland unterhielt, hatten einen ganz anderen Charakter angenommen.

Mit einer nahezu kameradschaftlichen Freundlichkeit grüßte Bording im Vorbeischreiten die Arbeiter an den Kaffeesäcken, den Kontorboten, der ihm auf der Treppe vorbeikam und Front machte, einen Kommis, der mit Papieren in der Hand über den Flur im ersten Stock eilte. Es war beinahe immer, als bekäme dieser Mann ein anderes Gesicht und Wesen, sowie er im Dunstkreise seiner Arbeitsstätte sich befand.

Er betrat sein Kontor im zweiten Stockwerk. Der gewaltige Schreibtisch stand in der Nähe des Fensters, so daß das Licht von links her darauffiel. Der Blick aus dem breiten Glase konnte über den hier schmalen Fluß zum jenseitigen Ufer ungehindert den Weg finden. Es war gerade kein Mastenwald, der als Gitter die Aussicht versperrt hätte. Ein paar dänische und schwedische Frachtdampfer lagen am Kai. Der Haupthafen befand sich weiter stromabwärts.

Drüben reihten sich verschiedene Lagerplätze hin, von Gittern oder Planken umsäumt, mit weithin lesbaren Firmenschildern. Auch den Namen Jakob Martin Bording las man einige Male dort.

Als fernen Hintergrund hatten sie das Grün, die hellen Häuser und das feine Kirchtürmchen der Vorstadt; es hing ein bläulicher Dunstschleier davor und täuschte mehr Weite auf das Bild, als es wirklich hatte – jener Duft und Dunst, der im wasserreichen Flachland die Gegend liebkost.

Das schwere Grau des Himmels ließ den Fluß fast schwarz erscheinen; wasserarm war er, denn der West peitschte den Strom hinaus. Vom Regen begossen und verwaschen, wirkten die Schiffe kahl und unfroh.

Bording sah, während er seinen Paletot auszog, einen Moment bekümmert hinaus auf den niedrigen Stand des Flusses. Er seufzte ein wenig und ließ sich dann an seinem Schreibtisch nieder.

In der Tiefe des Zimmers stand die Schiebetür geöffnet, die in den sogenannten Konferenzsaal führte. Das war ein Raum mit einem Oberlicht. Da stand ein grünverhangener Tisch, den Sessel umreihten. Das sah nach Beamtentum, Würde und Beratungsernst aus.

Die zweite Vormittagspost war vom Sekretär schon gesondert und an die verschiedenen Abteilungen weitergegeben. Aber was für Bording persönlich dalag, war noch so viel, daß er mißbilligend die Brauen zusammenzog.

Er begann zu lesen, ganz der Reihe nach, wie sein Sekretär die Briefe für ihn aufgeschichtet hatte. Der junge Mann besaß eine förmliche Begabung dafür, den Briefen anzuspüren, ob sie wichtig waren oder nicht. Und das Nebensächliche kam stets obenauf.

Heute fand Bording außer den gewohnten Briefen, die größere oder kleinere Almosen in ganz unverhüllter Form erbaten, folgendes: Ein einstiger Mitschüler hatte den Wunsch, nach Südwest auszuwandern, und da die Förderung der Kolonien eine patriotische Tat sei, erhoffe er von der bekannten vaterländischen Gesinnung Bordings eine Unterstützung seines Planes, er brauche nur fünfundsiebzigtausend Mark. Jemand hatte eine neue Mechanik für den selbsttätigen Schluß von Akten- und Bücherschranktüren erfunden und schlug Bording vor, das Unternehmen zu finanzieren, die Erfindung war ja da, es fehlte nur Geld, sie in die ertragreichste Fabrikation zu bringen; der Inhaber einer kleinen Firma am Platze gestand ihm, daß der Ruin vor seiner Tür stehe, wenn er, Jakob Martin Bording, nicht mit großmütiger Hand ein Darlehen von dreißigtausend Mark gewähre: sei es doch bekannt, daß Bording jeden Zusammenbruch innerhalb der hiesigen Kaufmannschaft schmerzlich und als den Ruf der Solidität des hanseatischen Handels schädigend empfinde; eine Schauspielerin der in den nächsten Tagen zu eröffnenden Sommerbühne schickte eine Empfehlung, die ihr ein Gönner an Bording geschrieben, sie legte gleich ihr Bild bei, damit er sähe, für wen sein Bekannter sein Interesse erbäte.

Er legte seine flache Hand, gleichsam abschließend, auf diese Sachen, als wolle er sagen: »Das war also das!«

Und nahm dann den großen Brief vor, der zuunterst gelegen hatte.

»Hochverehrter Herr Bording!

Meinen Bericht d.d. 17.2. d.J. aus Suez schätze ich in Ihren Händen. Meinen Orders gemäß ließ ich ein Duplikat jenes Berichtes mit einer späteren Post abgehen. In Suez wartete ich den nächsten Dampfer der Ostafrikalinie ab, es war der ›Generalfeldmarschall‹. Mit ihm kam ich am 8.3. in Dar-es-Salam an. Sowohl seitens der Regierung als auch all ihrer Organe fand ich die bereitwilligste Förderung, und der Vertrauensmann, an den ich verwiesen war, der Plantagenbesitzer Friedrich Franz Borgwardt, zeigte sich von Ihren Plänen begeistert. Er erinnerte sich mit Rührung Ihrer gemeinsamen Schuljahre und war auf das merkwürdigste genau unterrichtet über die Erfolge des Hauses Jakob Martin Bording. Mit zu geringem Kapital ist Herr F. F. Borgwardt wohl allzufrüh und wagemutig hinausgegangen. Seine kleine Baumwollplantage wird er mit Freuden an Ihr Haus abtreten, und er steht mir mit Sachkenntnis, Sprachkunde und Zähigkeit zur Seite bei der Erwerbung für Baumwollkultur geeigneter Ländereien. Direktor Ihrer ostafrikanischen Baumwollplantagen zu werden, erfüllt ihn mit Stolz und Ruhe. Es wird mir auch von urteilsfähigen Leuten, selbst von seiten des Herrn Gouverneurs, bestätigt, daß Borgwardt, von den beklemmenden Sorgen um sein Fortkommen befreit, ohne Zweifel eine kluge, vorsichtige Tätigkeit entfalten wird. Er kennt Land und Leute, er kennt den Artikel.

»Ich biege eine genaue graphische Darstellung bei, woraus Herr Bording die Lage und den Umfang der erworbenen und noch zu erwerbenden Ländereien, sowie die Berechnungen ersehen werden. Meinen Orders gemäß habe ich bei den Ankäufen die Nähe der in vollem Bau begriffenen Bahn innegehalten.

»Borgwardt ist Ihrer Ansicht, hochverehrter Herr Bording, deren Richtigkeit mir auch in Ägypten von den nubischen und fellachischen Arbeitern unserer Faktorei El Chatb bestätigt wurde. Seit das Nilwasser hinter dem Damm bei Assuan gesammelt, in seinem natürlichen Fortstrom aufgehalten und reguliert wird, hat die ägyptische Baumwolle an Qualität verloren. Der Schlamm sinkt eben hinter dem Damm zu Grund und wird nicht mehr, in millionenfachen, fruchtbaren Partikelchen es durchsetzend, mit dem Wasser fortgetragen. So haben die Nilüberschwemmungen an Dungkraft verloren, wenn auch wahrscheinlich nicht für Weizen, Mais und Zucker, so doch für die spezifischen Bedürfnisse der Baumwollpflanze. Borgwardt hat auf seiner kleinen Plantage mit dem besten Resultat langstapelige Baumwolle gezüchtet und Stapelfäden bis zu 40 mm erzielt. Er empfiehlt zum Anbau die auch in Nordamerika zumeist gepflegte Gossypium hirsutum L. und schwört darauf, daß die ostafrikanische Baumwolle der nordamerikanischen ganz ebenbürtig werden wird.

»Mit nächster Post hoffe ich den vollzogenen Abschluß auch der noch schwebenden Ankäufe zu melden, und da mit diesen dann annähernd die mir angewiesene Kapitalgrenze erreicht sein wird, darf ich den zweiten Teil meiner Mission als ausgeführt betrachten.

»Herr Bording haben mir nach Suez geschrieben, daß die genaue Fassung der Firmeneintragung: ob ›Jakob Martin Bording, Ostafrikanische Baumwollfaktorei‹ oder ›Jakob Martin Bording G.m.b.H. für Baumwollzucht‹, noch nicht Ihrerseits entschieden sei. Hierüber erwarte ich Drahtbefehle. Ebenso die für Herrn F. F. Borgwardt auszustellenden Vollmachten und Bankkredite.

»Nach Abwicklung dieser Sache denke ich mich einzuschiffen und durch das Rote Meer nach Suez zu fahren. Von dort per Bahn nach Alexandrien, von wo ich per Schiff via Konstantinopel nach Odessa reise, um nach Kiew zu gehen. Ich halte mich Ihres Einverständnisses versichert, wenn ich für Alexandrien – Odessa nicht einen unserer eigenen Dampfer benutze. Die Unbequemlichkeit, auf einem Frachtdampfer zu reisen, ist mir selbstredend gleichgültig. Aber sowohl ›Ramses der Große‹ als auch ›Iwan der Große‹ laufen mit ihrer Stückgutfracht so viele kleinasiatische und Inselhäfen an, daß mein Zeitverlust zu groß sein würde.

»Ich bezweifle nicht, daß es mir in Kiew gelingen wird, unsere dortigen Geschäftsfreunde für unsere künftige ostafrikanische Baumwolle zu interessieren. In zwei, längstens in drei Jahren könnten wir die ersten Lieferungen abgeben, versichert Borgwardt. Von den gleichen Erkenntnissen hinsichtlich der sinkenden Qualität der ägyptischen Baumwolle angeregt wie Sie, wendet sich jetzt sehr lebhaft griechisches Kapital dem Baumwollanbau in Ostafrika zu. Aber ich denke, unsere russischen Freunde würden ihren bewährten deutschen Lieferanten immer den griechischen vorziehen.

»In acht bis zehn Wochen hoffe ich mich persönlich bei Ihnen melden zu können und meine Berichterstattungen noch durch eine Fülle von Details ergänzen zu dürfen.

»Zum Schluß gestatte ich mir, auf die gütige Nachfrage meines hochverehrten Herrn Chefs, meine Gesundheit betreffend, zu antworten, daß Nerven und Magen den Ansprüchen der Reise sich unerschütterlich gewachsen zeigen.

»In hochachtungsvoller Ergebenheit
Peter H. Petersen.«

Nachdem Bording, diesen Brief sehr langsam gelesen, studierte er die Anlagen durch. Hierauf entnahm er einer Schublade seines Schreibtisches eine Mappe. Sie war angefüllt mit Blättern aller Art: architektonische Entwürfe, graphische Darstellungen von Maschinen, Zahlenkolonnen, Schriftsätze bedeckten alle die großen Bögen. Lange vertiefte er sich in die Materie, auf die sich all dieses bezog.

Plötzlich sah er, auffahrend, nach der Uhr. Ihm gegenüber an der Wand, zwischen den eichenen Aktenschränken von schmuckloser Strenge der Linien, war eine weiße runde Scheibe eingelassen. Unhörbar ging diese Uhr und sie schlug auch keine Stunden an. Sie glich einer stummen Wächterin, die nur mimisch Auskunft gibt, wenn man sie ansieht.

Bording drückte auf den Knopf neben seinem Tintenfaß, einer dickwandigen Kristallhalbkugel.

Beinahe augenblicks erschien sein Sekretär. Das war ein junger Mensch mit einem klugen, elenden Gesicht, hoch aufgeschossen, vornübergebeugt, mit den eckigen, hohen Schultern der Brustschwachen.

Er setzte sich an den Schreibmaschinentisch, der hart unterm Fenster stand, während Bording, diktierend, im Raum hin und her ging, oftmals bis über die Schwelle und an den grünen Tisch im Konferenzsaal und wieder zurück. Er hatte dabei die Hände in den Hosentaschen, wodurch er seinen dunklen Gehrock zurückraffte, daß die helle, rehfarbene Weste ganz sichtbar war. Seine Blicke suchten immer wieder den emsig Schreibenden. Ein etwaiger Beobachter hätte vielleicht herausgefunden, daß auf eine fast unmerkliche Art der Diktierende sich vom Schreiber abhängig machte, in jenem Gehorsam, in den Herrennaturen zu sie vollkommen Bedienenden geraten.

Bording hatte sich für alle die Ablehnungen, die jeder Tag ihm abnötigte, seitdem seine großen Erfolge im Mund der Leute waren, eine bestimmte Form angewöhnt. Eingedenk des Goetheschen Wortes:

Man spricht vergebens viel, um zu versagen;
Der andre hört von allem nur das Nein –

pflegte er zu diktieren:

»Für Ihr Vertrauen dankend, muß ich es mir wegen anderweitiger Inanspruchnahme und Überbürdung versagen, Ihrem Wunsche zu entsprechen.«

Manchmal kam als Variante ein »leider« oder »zu meinem Bedauern« hinein.

Von dieser Art wurden auch heute eine Zahl von Briefen geschrieben. Zwei Bittgesuche bedürftiger alter Frauen mußte der Sekretär zustimmend beantworten.

Die gleichmäßige Stimme, das monotone Geräusch des Hinundherschreitens, das emsige Tippen der Maschine wurden einmal durch einen Hustenanfall des jungen Mannes unterbrochen.

Bording sah zu, mit unwilligem Ausdruck.

»Wenn ich das so höre, Naumann, meine ich. Sie sollten schon am fünfzehnten Mai abreisen.«

»Oh, danke, Herr Bording. Fünfzehnten Mai – nein, das geht nicht, ich muß doch meinen Stellvertreter noch genau auf Herrn Bordings Art zu diktieren einüben – es geht mir ja auch schon viel besser als im Winter. Die bloße Aussicht, daß Herr Bording mich am ersten Juni für acht Wochen nach Thüringen schicken ... Und dann, seit ich Kefir trinke – der tut mir sehr gut,« sagte der junge Mensch, zugleich beschämt und eifrig.

»So, so – Kefir? Hat Fischlein Ihnen den verordnet?«

»Fischlein nicht – Fräulein Therese Landskron.«

»Was?« fragte Bording perplex und trat nahe an den Schreibmaschinentisch heran. »Woher kennen denn Sie Fräulein Therese Landskron? Ist sie Johanniterschwester?«

Er hatte eine ungefähre Vorstellung davon, daß solche Damen in die Häuser von mehr oder minder bedürftigen Kranken gehen. Wer bei ihm angestellt war, gehörte aber nicht zu den Bedürftigen! Er kämpfte mit einer unbestimmten, ärgerlichen Vorstellung und sagte etwas ungeduldig: »Nun?«

Der junge Naumann hatte einen ganz roten Kopf. Es fiel ihm gar nicht ein, daß sein Privatleben mit all den Beziehungen, die auch der bescheidenste Mensch hat, den Herrn nichts angehe.

Vor diesem herrischen »Nun?« hätte er das Innerste seiner Seele hervorgekehrt.

»Als der jetzige Senator Doktor Landskron noch Amtsrichter war, wohnte er ja weit draußen in der Ratzeburger Allee. Meines Vaters kleine Blumengärtnerei stieß hinten an den Landskronschen Garten. Meine Schwester Anni und ich haben damals immer mit Therese gespielt. Meine Mutter half oft im Landskronschen Haus aus und sah dort nach dem Rechten, wenn Amtsrichters in den Ferien verreist waren. Fräulein Therese holt im Sommer immer noch ihre Blumen bei meinem Vater, und wenn sie mich auf der Straße sieht, redet sie mich an. Und wenn sie in dem Laden einkauft, wo meine Schwester Anni Verkäuferin ist, gibt sie ihr immer die Hand und sagt: ›Na, Anni, wie geht es dir denn?‹ Fräulein Therese ist gar nicht hochmütig.«

»So, so. Und sie hat Ihnen den Kefir ...«

»Ja. Aber meine Mutter war sehr dagegen. Und dann schickte Fräulein Therese uns zwölf Flaschen zum Versuch. Und – und – weil es nichts kostete, meinte Mutter, versuchen könne ich es ja – Mutter ist immer für Mittel, die nichts kosten,« schloß er mit einem kleinen, nachsichtigen und zärtlichen Lächeln.

»Wunderlich,« dachte Bording, »immerfort treff' ich heut auf das Mädchen ...«

Aus dem Ton des jungen Baumann klang eine unbegrenzte Verehrung.

»Vielleicht geht ihm ihre Autorität noch über die meine und die Fischleins?« dachte er fast belustigt.

»Was hält Fräulein Therese Landskron denn von Ihrem Erholungsaufenthalt in Oberhof?« fragte er.

Baumann hörte nicht, daß das scherzhaft gesagt war. Er wurde wieder sehr rot, fingerte an der Schreibmaschine herum und schwieg.

Da kam zum zweiten Male das herrische: »Nun?«

Sofort setzte sich seine Sprache in Bewegung, als habe sie ein Marschkommando bekommen.

»Fräulein Therese hat gemeint, als Mutter ihr von der Reise nach Thüringen erzählte, die Herr Bording mir schenken wollen – wenn so große Güte – wenn doch das viele Geld – daß es vielleicht rationeller ausgegeben würde für Anstaltsbehandlung ...«

Weiter konnte er aber nicht. Der Mut ging ihm einfach aus.

»So, so.« Bording trommelte ein paar Sekunden mit den Fingern der Rechten auf einem hochaufgetürmten Bücherhaufen, der seinen Schreibtisch belastete. Und dann sprach er sehr milde: »Sie kann recht haben. Gehen Sie heute nachmittag zu Fischlein in die Sprechstunde und sagen Sie ihm, daß ich durchaus damit einverstanden sei, wenn er Sie nach Görbersdorf oder Falkenstein oder wohin sonst schicken will. Und wenn wir dort keine genügenden Resultate sehen, gehen Sie im Herbst nach unserer ägyptischen Faktorei El Chatb. Gesund sollen Sie werden – versteht sich – Mutter wird zufrieden sein – sie ist ja für Mittel, die nichts kosten –«

»Herr Bording!« sagte Baumann heiser und konnte vor Tränen in den Augen nicht sehen.

»Ach was! ... Nun aber weiter ...!«

Er versenkte abermals die Hände in die Hosentaschen und diktierte:

»Hochverehrter Herr!

Der ergebenst Unterzeichnete gibt sich die Ehre, Sie zu einer Besprechung einzuladen, betreffend eine für die merkantile und industrielle Fortentwicklung unserer Stadt vielleicht wichtige Gründung, gefälligst Donnerstag, den 12. Mai, 2 Uhr, im Konferenzsaal meines Kontorhauses, II. Stock.

Hochachtungsvollst ...«

»So, das schreiben Sie siebenmal ab. Unterdes notiere ich die Adressen, an welche das verschickt werden soll.«

Er setzte sich, vollzog Unterschrift auf Unterschrift und schrieb auf einen Zettel mit Bleistift die Namen der Männer, an welche die Aufforderung ergehen sollte.

Zwischendurch fiel ihm Therese Landskron ein.

»Sie weiß also wenigstens, daß ich kein Unmensch bin,« dachte er ziemlich befriedigt.

Und eine verständige, gute Person mußte sie wohl sein – nach allem ... Vielleicht hatte Burmeester deshalb jene Idee gehabt ... Natürlich. Ja. Denn auf den Einfall, ihn mit einem Wesen ohne Qualitäten verheiraten zu wollen, würde Burmeester nicht kommen.

Er bekam seinen scharfen Zug im linken Winkel des Mundes.

Heiraten?! Wo waren die Jahre, als er voll eifrigen Vorsatzes nach einer Frau sich umsah – damals, als er wußte, er habe seine heißesten geschäftlichen Kampfes- und Anfängerjahre hinter sich und die goldenen Ernteströme begannen hereinzufluten ... als er sich danach sehnte, nun den letzten, vielleicht den höchsten und wichtigsten Teil seines Lebensprogramms zu erfüllen: zu heiraten, eine Familie zu gründen, das alte Geschlecht der Bording neu aufblühen zu sehen.

Damals fing er, der bis dahin fast Ungesellige, an, höflich und umgänglich zu werden. Man sah ihn auf Bällen und Diners, er suchte Verkehr in Häusern, an denen er lange gleichgültig vorübergegangen war.

Und so kam er auch in das Haus von Meno und Thora Sanders...

Man erinnerte sich später, daß er diesen Verkehr auffallend rasch abgebrochen habe, und schob es auf die geschäftlichen Eifersüchteleien zwischen den beiden Häusern.

Aber auch die meisten anderen gesellschaftlichen Beziehungen vernachlässigte er bald wieder. Nur gerade so viel hielt er davon aufrecht, als er für nötig fand, um nicht in den Ruf eines menschenscheuen Sonderlings zu kommen, denn als solcher fühlte er sich nicht...

Nur daß ihm, wie allen sehr wichtig und unerhört stark beschäftigten Menschen, die Geselligkeit oft etwas mühsam und inhaltlos, ja fast voll von unfreiwilliger Komik erschien.

Und dann so besonders zwecklos für ihn, weil er nicht mehr nach einer Frau suchte ...

Wer heiraten will, muß frei sein – freien Herzens – freien Gewissens – – Baumann sah mit Erstaunen, daß sein Herr in Gedanken verloren, müßig saß.

Aber das Aufhören des emsigen Schreibmaschinengetippes wirkte wie ein Anstoß auf Bordings Versunkenheit.

Er raffte sich zusammen. Sein Bleistift notierte weiter. Drei Adressen fehlten noch. Die von Dr. jur. Georg Burmeester – sie verstand sich von selbst, und ohne Zögern schrieb das Blei sie hin.

Dann besann Bording sich wieder. Was sollte der Senator Doktor Landskron in einer Konferenz, die der Gründung eines großen, kostspieligen Unternehmens galt? Er war sicherlich in keiner Hinsicht kapitalkräftig und also nicht in der Lage, sich mit irgendeiner nennenswerten Summe zu beteiligen ... Er war nicht Rechtsanwalt, sondern Richter gewesen. Ihm fehlte möglicherweise die praktische Erfahrung und vielleicht auch die Begabung für die juristische Seite großer kaufmännischer Unternehmungen.

Wenn die Sache so zustande kam – und wie sollte sie nicht zustande kommen, da Bordings Wille sich auf sie gerichtet hatte? – dann lag es in der weiteren Entwicklung der Dinge, daß sich aus dem Kreise der ersten Berater und Zeichner der Aufsichtsrat der Gründung bildete.

Es war beinahe wie eine Gefälligkeit, die Zuschiebung eines möglichen künftigen Vorteils, wenn Bording den Senator Doktor Landskron aufforderte ...

Er fühlte: ganz unklar war alles, was ihn bestimmte – dunkler Trotz vielleicht, gegen Eine – vielleicht ein wenig Herrenhochmut, dem die Laune kam, Menschen zu verwirren und zu überraschen – ja, was für ein Gesicht wohl der Senator Doktor Landskron machte, wenn er die Aufforderung bekam...

Und er schrieb den Namen auf seine kleine Liste. Jetzt fehlte nur noch ein einziger ...

Bording dachte zurück. Er ahnte wohl, daß dieser Mann, den seine Gedanken jetzt umkreisten, ihn jahrelang als einen waghalsigen Spekulanten eingeschätzt habe, daß er lange zweifelnd geblieben war und immer noch zähneknirschend, eifersüchtig und widerwillig von seinen Erfolgen sprach, ihre Solidität immer noch gehässig diskutierend... das wußte er sehr genau ... er glaubte: genau! ... von Einer, die es ihm oft und oft wiedererzählt hatte ... Er wußte weiter, daß dieser Mann es als Zurücksetzung empfand, als Absicht, zu kränken und Überlegenheit zu zeigen, daß er – Bording – ihn niemals zu gemeinsamem Wirken eingeladen.

Das konnte ja jetzt anders werden ... Von heute abend an sollten alle Wege frei werden – alle!...

Und mit so harten Strichen, daß das Blei beinahe das Papier zerschnitt, setzte er den letzten Namen hin: Meno Sanders ...

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