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Ein königlicher Kaufmann

Ida Boy-Ed: Ein königlicher Kaufmann - Kapitel 14
Quellenangabe
pfad/boyed/koenkauf/koenkauf.xml
typefiction
authorIda Boy-Ed
titleEin königlicher Kaufmann
publisherJ. G. Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger
printrun38.-45. Tausend
year1922
firstpub1911
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20090107
projectid19315a16
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XIV

In dieser Nacht erlosch das Licht nicht im Hause Bording. Gelbrot glomm es auf den Kirchplatz hinaus. Und drüben stand, die hohen Spitzbogenfenster vom blauglasigen Mondlicht gefüllt, stumm und drohend die Kirche. Stunde um Stunde bebten von ihrem Turm herab die zerstreuten Töne des Glockenspiels und priesen in zaghaften Chorälen Gott den Herrn. Und von Stunde zu Stunde beschwor der Arzt es dem zerschlagenen Mann, daß alles gut gehe, nur Geduld müsse man haben, Geduld ...

Geduld? Wenn das Höchste sich begibt, was Menschenwissen erleben kann – Geduld? Wenn alles verzagt, was Verstand, Geld, Macht, Rücksicht, Fürsorge kann ... Geduld? Wenn die heilige Natur sich aufreckt wie eine gnadengebende oder vernichtende Göttin, vor der es keinen Willen mehr gibt ...

Und von Stunde zu Stunde ging Bording zu seinem Weibe ... seine Knie flogen, seine Lippen bebten ...

Er küßte ihre Hände, als küsse er die einer Heiligen –

Und als er einmal von der tapferen und großen Seele seines Weibes einen Blick des Trostes empfing – da kniete er an ihrem Bette nieder – ein demütig Gewordener.

Der Tag graute – er fürchtete sich vor ihm. Eine Nacht war vergangen? Nur erst eine Nacht? Nicht viele Nächte voll Sorge und der unaussprechlichen, zerfleischenden Wucht des Mitleidens?

Er hoffte nichts mehr. Er sah nur Leiden, spürte nur Leiden. –

Und als er wieder einmal neben dem Bett der schwerringenden Frau stand, übermannte ihn seine Ohnmacht so sehr, daß fast Zorn daraus ward ...

»Therese,« sagte er, »liebe Therese – könnte ich was für dich tun ...«

Vielleicht hatte sie es gehört ... vielleicht auch nicht. Vielleicht war es die einfachste Natur in ihr, die aufschrie – die Not des Kindes, das in banger Stunde die Mutter ruft.

»Mama ...« stieß sie hervor. »Mama ...«

Es war wie ein Jammerlaut.

Da nahm der stolze Mann sein herrisches Wesen zusammen.

Unten, in der kleinen Gasse vor dem Hauseingang, stand das Auto – da hatte es die ganze Nacht gestanden – bereit, davonzusausen, falls eilige Fahrten zu machen feien.

Nun brauste es in die perlgraue, kühle Morgendämmerung hinein, mit den großen, grellen Laternenaugen das Wegstück voraus überhellend, das Wegstück hinter sich mit Staub überwölkend.

Und hinter den spiegelnden Scheiben saß starr und aufrecht ein Mann.

Aus ihrem Schlaf fuhren die Eltern auf, denn der hohle Hupenruf, den das Auto vor der Gartentür ausstieß, als es bremste, war durchdringend. Gleich danach schrillte ein Klingelton durchs Haus.

Sie hatten beide auf der Stelle nur dies eine Wissen: Therese. Und als die Senatorin das Fenster öffnete, sah sie unten Jakob Martin Bording stehen ...

»Er selbst!« sagte sie.

Und kein Wort als dies. Sie zog sich unerhört rasch an, fuhr in ihre Zugstiefel und nahm ihre Mantille um.

Der große Augenblick verschlug ihr die Sentenzen und die pomphafte Würde und auch jeden kleinlichen Zorn. Sie war nichts wie eine ganz einfache, in ihrem Herzen zitternde, in ihrem Wesen aber entschlossene Mutter.

Als sie vor ihren Schwiegersohn hintrat, den Landskron in fragwürdiger Halbbekleidung eingelassen, schien sie an nichts zu denken als an die Lage der Tochter.

»Wir wollen fahren. Mein Mann kommt nach. Sie erzählen mir unterwegs, wie es steht.«

Bording war benommen – vor Überraschung nicht ganz Herr seiner Haltung ...

»Liebe Mama,« sagte er, »ich – dieser Augenblick ... ich habe mich töricht Ihnen gegenüber verhalten – mehr als töricht – – aber diese Nacht – liebe Mama – man lernt viel begreifen! Verzeihen Sie mir!«

Trotz allem – eine starke Genugtuung schwoll doch in ihr empor. Aber das mischte sich auf das Wunderlichste mit Verlegenheit, ja mit Beschämung – weil ihr das ward, worauf sie pochend bestanden hatte, und was doch eben in dieser Stunde so nebensächlich schien ...

»Nichts mehr davon – wir wollen fahren.«

Und an diesem Tage, der noch endloser, spannungsvoller und marternder war, als es die Nacht gewesen, begab sich das Niegeahnte: für Bording bedeutete die Nähe seiner Schwiegermutter so etwas wie Trost. Sie verstand doch, was vorging. Sie hatte all dies selbst an sich erfahren.

Sie konnte wissen, ob dies drohende Gefahr und völligste Hoffnungslosigkeit sei. Sie stand wie ein Fels in der raunenden, angstvollen Unruhe, die das Haus erfüllte. Diese Stunden gehörten eben der Mutter, der Frau – es waren die Stunden, wo auch der größte Mann klein wird vor dem Märtyrerglanz allen Weibtums.

Und als er Theresens rührendes Dankeslächeln sah – als er Zeuge ward, wie die Tochter hilfeflehend die Arme um den Hals der Mutter schlang – als er die Träne sah, die aus dem Auge der alten Frau auf das Haupt der Tochter niederperlte, da ging er still hinaus ...

Er starrte lange hinüber auf die im Morgendämmer blauroten Kirchenmauern.

Er fühlte tief in seiner Brust: es gab Dinge, von denen er nichts geahnt hatte ...

Und eine Weichheit kam über ihn und quälte ihn ...

Dieser Tag hatte gewiß viele hundert Stunden. Bordings Ungeduld und Sorge – es war schon keine Ungeduld und keine Sorge mehr, es war Verzweiflung – hatte längst Irmlers Fachkollegen an Theresens Lager berufen, und ein Extrazug mit dem berühmten Spezialisten aus Kiel war unterwegs.

Irmler sagte, es sei Unsinn. Wahrscheinlich fanden seine Kollegen es auch. Aber schließlich konnte ja Bording Tausende hinauswerfen, wenn es seinen Nerven im Moment wohltat ...

Theresens Mutter aber genoß diese großartige Form der Angst um ihr Kind doch.

Der Senator Landskron erlebte jenen plötzlichen Umschwung, auf den er gehofft, denn seine Frau sagte ihm einmal zwischen Tür und Angel belehrend: »Bording ist eben ein besonderer Mensch. Er liebt Therese doch. Er beweist es heute.«

Und Landskron dachte: »Gottlob!« So war die Stimmung doch milde bis – zum nächsten Umschwung. –

Gegen sieben Uhr kam Burmeester. Man war ja den Tag über in telephonischer Verbindung gewesen. Bording hatte Gretes Anerbietungen, zu kommen, etwas schroff abgelehnt, und daraus schlossen Burmeesters dann, daß er lieber allein bleiben wollte.

Aber nun mußte der Freund und Vetter wohl die getroffene Verabredung innehalten: sie hatten vor jener Sitzung, in der Bording über den geheim gehaltenen Erwerb von Uferparzellen Auskunft zu geben dachte, noch einige geschäftliche Dinge bereden wollen.

Frisch und fröhlich wie immer, die mächtige Gestalt mit der gewohnten Forschheit aufgereckt, kam Burmeester an – im voraus gewiß, daß er seinen alten Jakob Martin in einer ganz neuartigen Gemütsverfassung antreffen und eine gehörige Portion von humoristischen Trostsprüchen anzubringen haben werde.

Aber als er den bleichen Mann sah, dem nun schon fast vierundzwanzig Stunden unerhörter Aufregungen die Züge geschärft hatten, dem eine aufs äußerste gespannte Nervosität im Gesicht geschrieben stand, da verschlug ihm der Humor und er spürte auf der Stelle, daß er sich hüten müsse, zu spaßen. Das Empfinden für den Ernst solchen Erlebens kehrte aufwallend ihm zurück. Ihm fiel ein, wie's gewesen war, als sein erster Junge kam ...

Die beiden Männer umarmten sich sehr fest.

»Ja,« sagte Burmeester, »das sind so Sachen ... Da wird auch ein Realpolitiker klein und windelweich. Nichts sind wir vor der Frau ... Nichts ...«

Und Bording schwieg. Was in seiner Brust sich begab, war zu groß, zu heilig, um in Worte gefaßt werden zu können ...

»Du wirst nicht mitkommen wollen,« sagte Burmeester. Es war eine halbe Frage. Bei Bording konnte man ja nie wissen ... Und dann in der Tat: es lag viel daran ... So eine Gelegenheit, mit diesen und jenen Verunglimpfungen abzurechnen, kam nicht bald wieder. Und auf das Quos ego, das Bording sprechen würde, freuten sich schon alle Einsichtsvollen. Es war ein fatales Zusammentreffen, daß gerade heute ... Ein wenig überredend fügte er hinzu: »Ich habe die Vorlage zuoberst auf die Tagesordnung gesetzt, in einer Stunde kannst du wieder hier sein.«

Bording erschrak beinahe – er hatte wohl hie und da im Laufe des Tages an die bevorstehende Sitzung gedacht – flüchtig – oder mit dem halbeingestandenen Gefühl: bis heute abend ist alles gut.

Nun war der Abend da und alles schien noch auf demselben Punkt wie heute morgen.

Burmeesters Frage zwang ihn nachzudenken. Das Gespräch, das er gestern abend mit Therese noch geführt, ging ihm wieder durch den Kopf. Sie hatte gesagt: »Es freut mich, daß du sprechen wirst« – sie wünschte sich, zugegen sein zu können ... Mit jedem Wort, mit jeder Miene zeigte sie, wieviel ihr daran lag ... Seine Ehre war ihr Stolz – immer noch – trotz allem ...

Es war bekannt geworden, daß er kommen und sprechen werde ...

Wenn er nun nicht erschien? Wenn der volle Saal und die vollen Tribünen vergebens auf ihn warteten? Wie würde die Gehässigkeit aufrauschen – Die Unterstellungen würden sich nur so drängen ... Daß es mit seiner Sache doch nicht ganz sauber sei, würden sie sagen ... Und wenn auch morgen der Grund seines Fernbleibens aller Welt bekannt würde – wie ein Bienenschwarm würden seine Feinde erfreut aus der Sitzung schwirren und es an alle Biertische tragen: Bording traute sich nicht ...

Und wenn er morgen durch die Presse bekannt geben ließ, daß er die Ländereien noch in Unkenntnis ihres plötzlich entstandenen Wertes erworben, daß er sie nunmehr dem Staate schenke, so würde man sagen: es sei ein Druck auf ihn ausgeübt – er habe mit Zähneknirschen sich gefügt, weil er begreifen mußte, daß ein hanseatischer Senator nicht als Großkaufmann mit dem Wissen Geschäfte machen darf, das er als Staatsmann erlangt hatte. Einen solchen Verdacht durfte er auf seinem Ehrenschilde nicht dulden ...

Aber sein leidendes Weib verlassen?

Es mußte wohl sein. Denn es gibt Lagen, wo nur der Sieger werden kann, der das lebendige Wort, der die Persönlichkeit selbst im Kampfe einsetzt ... Und diese Angelegenheit war von solcher Art ...

Auf das allermerkwürdigste beruhigten diese Erwägungen seine Nerven – drängten die unerhörten Erregungen zurück, deren Beute er seit gestern abend gewesen war ... brachten ihm zum Bewußtsein, daß die Welt draußen ja noch stand, mit ihren großen Anforderungen an ihn nicht innehielt ... Seine Herrennatur reckte sich wieder auf ... Ein Rückschlag kam ... Seine Arbeit, seine Ehre stand mächtig vor ihm ... wollte nicht plötzlich wie ein Nichts übersehen, vernachlässigt werden ...

Aber dennoch – jetzt, gerade jetzt das Haus verlassen? Wo die Wage des Geschicks in der Schwebe stand ...

»Einen Augenblick!« bat er und eilte hinauf. Er traf auf Irmler, und der sagte drastisch: »Wir freuen uns, wenn wir Sie los sind. Wenn Sie morgen früh wiederkommen, kommen Sie immer noch zur rechten Zeit.«

Er trat an Theresens Bett. Still und erschöpft lag sie, und neben ihr saß die Mutter, ruhevoll und tröstlich.

»Ich möchte gern schlafen,« klagte Therese.

»Therese,« sagte er, »soll ich hier bleiben oder in die Sitzung gehen?«

Ach – ja – die Sitzung – das war ihr alles entschwunden – Sie schloß die Augen ...

Er wartete. Er war sich nicht bewußt, daß er stand wie einer, der Befehle erbittet ...

»Gehen Sie nur, lieber Jakob,« sagte seine Schwiegermutter. Sie wußte ja, worum es sich handelte, und daß er kam und um Erlaubnis fragte, entschied für sie. Sie fand nun verständig, was sie sonst unerhört gefunden hätte.

»Ja – geh –« flüsterte Therese, »und denke ...«

Da sprach er mit starker Betonung, ja wie in einem leidenschaftlichen Versprechen: »Ich will denken, du hörst zu ...«

Ihr Ausdruck blieb rätselvoll – undurchdringlich – von ihm und allem abgewendet ...

Und als er ging, blieb ihr Gesicht vor seinem geistigen Blick – immerfort sah er es ... von hehren Leiden bis zur Erhabenheit verklärt – geheimnisvoll – als verschweige es Kämpfe, die nicht von dieser Welt waren ... Es beunruhigte ihn so sehr, daß die kurze Ablenkung auf seine Angelegenheiten wieder zerstob – daß er aller gewaltsamen Sammlung bedurfte, um Herr seiner Gedanken und seiner Sprache zu bleiben ...

Vor der Tür zum Bürgerschaftssaal trafen Burmeester und er auf Herrn Sanders. Und Thoras Gatte wurde rot, sein Blick stechend, seine Haltung voll erzwungenen Stolzes! – Er war ja auf der Wacht, ob irgend ein Mensch sich unterstehen werde, ihn wegen seines Familienunglücks geringschätziger zu grüßen – und diese Sorge sah man ihm deutlich an ...

Als Bording diesen blassen, scharfen, kalten Augen begegnete, wallte ein unbegreifliches Gefühl in ihm auf, das alle Abneigung gegen diesen Mann durchbrach und überströmte. Er reichte ihm die Hand zu einem kräftigen, ehrlichen Druck. Es war wie ein Abschluß – vielleicht wie eine späte, stumme Abbitte ... Bording verstand selbst nicht, was ihn trieb ... Es war eine Fülle der Empfindung in ihm ... von all seinen Feinden wünschte er gerade diesem Versöhnlichkeit zu zeigen ...

Was der andere sich bei diesem Händedruck denken mochte, blieb unaufgeklärt. Aber jedenfalls sah man deutlich: es hatte ihm wohlgetan ...

Burmeester nahm seinen Platz als erster Wortführer und Vorsitzender ein. Die Formalitäten wickelten sich ab, und die Sitzung begann.

Vom elektrischen Licht war der braune Saal gefüllt. Es beschien hell all diese hundert Gesichter der hanseatischen Männer, die aus so verschiedenen Berufen herkamen. Und viele trugen die Prägung ihrer sie peitschenden Arbeit in ihren Zügen. Alle Augen hatten ein Ziel: Burmeester.

Alle Ohren nahmen den gleichen Klang auf: Burmeesters sonore Rede. Er verlas die Tagesordnung, und auf ihr stand tatsächlich an erster Stelle die Vorlage, betreffend die Veränderung der Uferlinie. Die Pläne waren den Mitgliedern des bürgerlichen Parlaments vorher zugegangen und lagen überdies auf dem Tisch des Hauses aus. Nun hätte die Debatte beginnen können. Es war auch zwischen Burmeester und Bording so verabredet worden, daß alle Männer, die etwa Feindseliges, Verdächtigendes oder nur Anspielendes gegen Jakob Martin Bording zu sagen dachten, sich erst aussprechen sollten, und daß er dann in aller Ruhe und Kälte – womit er eigentlich meinte: Verachtung! – erklären wolle, er stelle, im Fall der Annahme des Kommissionsbeschlusses, seine Ländereien dem Staate als Geschenk zur Verfügung.

Aber Burmeester wurde völlig durch Bordings Vorgehen überrascht.

Der saß hochaufgerichtet und ließ von seinem Sitz am Senatstisch aus seine Blicke langsam über die Versammlung hingehen, während Burmeesters klangvolle Stimme sich in bebenden Schallwellen durch den Raum schwang. Seine hellen Augen, klug und stolz, schienen jedes Gesicht besonders zu durchforschen. Der taxierende Blick ruhte auf des Konsuls Breitenfeld kleinem, vorstrebendem Kopf mit dem Kneifer vor den stierenden Käferaugen; er betrachtete die vermuckerten, bärtigen Züge Heinrich T. Krögers, er schaute auch das imposante Haupt des winzigen Konsuls Gundlach an, den er vor Zusammenbruch und Niedergang gerettet; und manche andere Stirnen sah er noch, hinter denen er ihm gehässige Gedanken wußte – vom Neid oder von Berufsenge genährt ...

Und er hatte so etwas wie eine Vision – das Bild des Saales verschwamm, nur all die Gesichter, neben einander aufgereiht, waren wie helle Flecke in einem undeutlichen, braungoldenen Farbenstrom.

Über ihnen aber schwebte deutlich ein anderes Gesicht – ein bleiches, von erhabenen Leiden verklärtes Frauenangesicht ...

Wie klein war alles, neben der Größe dieser Erscheinung!

Und plötzlich schien ihm, als sei der Neid nicht wichtig genug, seinen Zorn zu erregen, als sei die Gehässigkeit zu tief unter ihm, als daß er sie mit scharfen Worten strafe und beschäme ...

Burmeester erteilte dem Berichterstatter der Kommission das Wort ... Bording hörte nicht eigentlich zu – saß nur wartend – wann denn des Sprechers letzte Silbe verhalle ... Und als der Redner geendet hatte, geschah etwas Unvermutetes.

Senator Bording erhob sich, sagte mit einer halben Wendung gegen Burmeester, daß er vor Eintritt in die Debatte eine persönliche Bemerkung zu machen wünsche. Und ehe jemand eine Einwendung erheben, ehe die Versammlung nur erstaunt aufatmen konnte, sprach er schon.

Er redete aber nicht zu der Versammlung.

Er sprach zu dem bleichen, verklärten Frauenantlitz.

Und weil er in diese tiefen, schönen, traurigen Augen sah, verlor seine befehlshaberische Stimme ihren harten Klang ... Und weil er vor den leidvollen Zügen nicht erröten wollte, versank sein Hochmut in nichts, und sein Stolz fand eine einfache und herzliche Haltung ... Von seinem schnellen und scharfen Verstand fiel die Ungeduld mit der Kleinheit ab, und mit einem leisen Lächeln der Nachsicht streifte er die törichten Unterstellungen ...

Das Gefühl der Einsamkeit, das ihn so merkwürdig über alle seine Mitbürger erhoben und sie zugleich von ihm entfernt hatte, erlosch.

Neue Zauber gingen von seinem Wesen aus.

Seine leidenschaftliche Liebe zur Heimat, die er in herber Kraft nur in Taten gezeigt, sättigte nun auch das Verlangen der Kleinen und Engen, die Worte hören wollen ... denn nur im Wort kann man zu ihnen, die zu schwach oder zu gebunden zu Taten sind, sich gesellen, ihnen sagen: sieh, wir haben ja alle die gleiche Liebe und den gleichen Wunsch, die Heimat und ihre Blüte ...

Er erzählte die Geschichte des Ankaufes der Ländereien, den Plan, auf ihnen eine neue, durch die Nähe der See so aussichtsreiche Industrie zu gründen, er nannte jede Zahl und erklärte die so begreiflichen Gründe der Geheimhaltung. Er sagte, daß er gehofft habe, durch diese Gründung die noch junge Industrie des Staates abermals um ein gesundes Unternehmen zu kräftigen. Und er schloß: »Als ich, meine Herren, von den Kommissionsbeschlüssen zuerst und zwar Ungenaues noch erfuhr, fühlte ich mich gestört. Sorgsam ausgearbeitete Pläne, deren Ausführung nur Zufälle verzögert hatten, sollten nun weggeworfene Arbeit sein? Wer von Ihnen, die Sie alle gleich mir in Ihrem Beruf rastlose Arbeiter sind, empfände mir das nicht nach? Als ich dann hörte, daß die Dinge in der Tat so lagen, wie wir sie nun aus dem Munde des Herrn Berichterstatters vortragen hörten, konnte es für mich keinem Zweifel unterliegen, daß ich eine Verhandlung oder Expropriierung nicht abzuwarten, sondern daß ich die Ländereien zum Ankaufspreis dem Staate zur Verfügung zu stellen habe. Es scheint aber, daß der eine ober andere unter Ihnen diese selbstverständliche Haltung von mir nicht erwartet hat, während ich meinerseits überzeugt bin, daß jeder von Ihnen, in gleicher Lage, nur an das Interesse des Staates und nicht an den eigenen Vorteil gedacht haben würde. Ein solcher möglicher Vorteil könnte in diesem Fall immer nur so gering geworden sein, daß er bei den Maßstäben, die ein hanseatischer Kaufmann anzulegen gewöhnt ist, beinahe ein wenig humoristisch wirken müßte, wollte man ihn in Zahlen ausdrücken. Meine Herren, für die geplante Gründung werden mein Geschäftsfreund, Graf Strachow, und ich andere, vielleicht weniger glücklich gelegene, aber dennoch geeignete Ländereien finden. Diese vielbesprochenen Uferparzellen waren noch nicht unser gemeinsamer, sondern noch mein alleiniger Besitz. In der Lage, frei über seine, ich wiederhole es, verhältnismäßig bescheidenen Werte zu verfügen, gestatte ich mir, sie dem Staate, falls die Vorschläge der Kommission von Senat und Bürgerschaft zum Beschluß erhoben werden, als Geschenk anzubieten, in dem Wunsch, dadurch die Angelegenheit zu fördern. Ich drängte mich dazu, dies noch vor Beginn der Debatte zu erklären, damit nicht unnütze Reden über die Erwerbsnotwendigkeit dieser meiner Ländereien gewechselt zu werden brauchen. Ich bitte die hochansehnliche Versammlung, diese Schenkung nicht zu überschätzen, sie vielmehr als das anzusehen, was sie sein will und ist: eine Selbstverständlichkeit unter den zufälligen Verhältnissen. Denn, meine Herren, wie weit auch die einzelnen von uns in politischen Anschauungen, in wirtschaftlichen Verhältnissen, in den Zielen und Mühen der Berufe voneinander entfernt stehen: eine Nähe, ein gemeinsames Empfinden gibt es zwischen uns allen, eine Gleichheit, die alle anderen Nuancen des bürgerlichen Lebens wie eine warme Flutwelle überströmt ... es ist die heiße Hingabe unserer Herzen an die alte, ruhmreiche Hansestadt, deren Kinder wir sind und für die wir alle arbeiten, wie sonst nirgendwo auf der Welt Bürger arbeiten – von nichts belohnt, als von dem Gefühl der Pflicht. Ich habe in dieser Angelegenheit nur die meinige getan. Sie war bescheiden.«

Ein lautes Bravo brauste durch den Raum.

»Bist du zufrieden?« fragte Bording ins Unbestimmte hinein – da, wo seine Phantasie ein bleiches Frauenhaupt sah ...

Und noch unter dem erneuten Aufrauschen des Beifalls trat er zurück. Er hatte in dieser Angelegenheit nichts mehr zu sagen.

Er verließ den Saal, nahm im Senatszimmer Hut und Paletot und ging davon. Er sah nach der Uhr – ja kaum eine Stunde ... Doch schien ihm, als sei er lange, lange Zeit von seinem Hause fern gewesen. –

Zum ersten Male in seinem Leben hatte die Begabung ihn verlassen, sein Gemütsleben völlig auszuschauen und seine Verstandeskräfte ganz auf den Gegenstand zu sammeln, den Berufspflicht ihm gerade in den Weg warf. Auf das wunderbarste hatte sich ihm alles miteinander durchwirkt. Und indem er seine Kaufherrn- und Senatorwürde klarstellte, ohne sich herabzulassen sie zu verteidigen, sprach er eigentlich zugleich zu seiner Frau – für sie – vielleicht allein für sie ...

Plötzlich hatte er einer Erleuchtung gleich die Erkenntnis: es handelte sich heute um mehr als darum, ob seinem Hause ein Erbe geboren werde ... Heute vielleicht erfuhr er auch, ob sein Weib ihn noch liebe ...

Er kam heim.

Und ein Schreck ohnegleichen warf sich auf ihn –

Die Tür zwischen Vorflur und Diele stand weit geöffnet, Straße und Haus schienen durch keine Schranken mehr getrennt. Völlig menschenleer war das Erdgeschoß.

Bording stürmte treppan – seine Knie bebten –

Er hatte die peitschende Angst: ein Unglück ist geschehen ...

Oben stand die Dienerschaft in einer Gruppe zusammen, in ihrer Mitte sah man Schrötters weißen Scheitel und als krassen Farbenfleck etwas vom rotweißen Taschentuch –

Sie wichen vor ihm zurück.

Er riß die Tür auf. Da traf er auf Landskron, der fassungslos und eilig hinaus wollte ...

»Therese?« fragte Bording, zitternd, »was ist geschehen?«

»Ein Junge! ... Ein Junge!« brachte der alte Herr heraus und fiel Bording um den Hals.

Einen Augenblick später kam die Mutter, verdienstvoll, in wiedergewonnener pompöser Würde, mit leuchtender Genugtuung im Gesicht. Sie sprach mancherlei: Lob über Theresens Tapferkeit, Belehrendes für Männer, die nie dankbar genug sein können. Sentenzen über Pflichten, die nun neu begannen.

Bording hörte sie nicht. Kaum das Geräusch getragen und wichtig gesprochener Worte kam als bloßer Schall an sein Ohr.

Von der wahnwitzigen Angst war er jäh hinübergerissen zu einer betäubenden Glückseligkeit. Starr und stumm stand er, leichenblaß. Fassungslos stand er vor dem unerhört Neuen und Großen, das nun sein Leben erfüllte. Er konnte nicht glauben, daß es wahr sein sollte.

Er hatte einen Sohn! Einen Sohn! Einen Sohn!

Das heiße Verlangen, sein Weib zu sehen, war in ihm – Hilflos, verwirrt, von einer seltsamen Befangenheit wie gebändigt, wagte er nicht zu fragen ...

Doch nachdem die von ihr wohlabgewogenen Minuten verflossen waren, sagte die Mutter von selbst: »Ich glaube, Sie können jetzt hinein.«

Und dann war er neben dem Bett seiner Frau ...

Die Wärterin zeigte ihm ein weißes Bündel, daraus ein bißchen von einem kupferigen und dunkelhaarigen Köpfchen hervorguckte ...

Ja, das war sein Sohn ... sein Sohn ...

Er beugte sich über Therese. Mit zitternder Andacht – klein vor ihrer heiligen Würde – erschüttert von der Wucht des Erlebens, küßte er ihre Lippen, zart und vorsichtig – und fühlte, daß sie diesen scheuen Kuß in starrer Unbeweglichkeit hinnahmen ...

Dann sahen sie sich an. Lange und schweigend ...

Und in den Augen seines Weibes fand er wohl einen tiefen, geheimnisvollen Ernst ... Aber strahlende Liebe fand er nicht darin.

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