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Ein königlicher Kaufmann

Ida Boy-Ed: Ein königlicher Kaufmann - Kapitel 13
Quellenangabe
pfad/boyed/koenkauf/koenkauf.xml
typefiction
authorIda Boy-Ed
titleEin königlicher Kaufmann
publisherJ. G. Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger
printrun38.-45. Tausend
year1922
firstpub1911
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20090107
projectid19315a16
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XIII

Am anderen Mittag stand Baumann vor Sophie und bat darum, bei der gnädigen Frau gemeldet zu werden. Aber Sophie hatte den putzigen Hochmut, den Dienstboten großer Häuser bei sich ausbilden, und sie besaß ganz feste Ansichten darüber, wer zu melden und wer ungemeldet abzuweisen sei. Von Baumann konnte gar keine Rede sein. Die gnädige Frau empfing ja nicht einmal die nächsten Bekannten mehr. Da sagte denn Baumann, was er eigentlich für sich hätte behalten sollen: Herr Senator selbst habe ihn ermutigt, sich melden zu lassen. Und Sophie machte bei ihrem Bericht aus dem »ermutigt« schon ein »befohlen«.

Therese saß schwer und müde in einem Lehnstuhl am Fenster oben, den roten Kirchenmauern gegenüber – da wo sie jetzt immer saß, wartende, traurige Stunden.

Also Baumann? Und auf Befehl? Es gehörte nicht viel Prophetengabe dazu, um voraus zu wissen, was er bringe.

Nun stand er auch schon vor Therese – in einem verwirrten Zustand von Glückseligkeit, Dankbarkeit und kummervollem Schreck. Besonders der letztere, und weil er ihn verbergen mußte, machte ihn ganz verlegen. Er konnte sich gar nicht vorstellen, daß diese Frau mit den gealterten Leidenszügen seine Jugendgespielin und gute Gönnerin Therese sein sollte.

»Nun, lieber Baumann, setzen Sie sich und erzählen Sie mir, mit welchen Nachrichten mein Mann Sie schickt,« sagte sie freundlich.

»Herr Senator schicken mich nicht,« log Baumann – halb und halb log er, das fühlte er und wurde noch verlegener. Bording hatte ihm gesagt: »Wenn es Ihnen ein Bedürfnis sein sollte, meiner Frau selbst zu danken, so glaube ich, könnten Sie den Gang zu ihr wohl wagen.« Das war ja kein eigentliches Hinschicken.

»Aber Sophie sagte doch ...«

»Sie weigerte sich, mich zu melden. Da ließ ich durchblicken, daß Herr Senator mir ein wenig Mut machten ...«

»So, so.«

Therese lächelte. Das war ein sonderbares Lächeln. Beinahe bitter. Baumann wußte nicht, was er daraus machen sollte. Schmal und ängstlich saß er auf seine: Stuhlecke.

Therese sah, sie mußte ihm helfen.

»Was hat mir mein Mann da gestern abend anvertraut?! Mir, als Ihrer Jugendgespielin, durfte er's doch erzählen? Sie haben eine Liebe, Sie wollen heiraten? Wer ist es denn?«

Das war die vernünftigste Frage, die Therese an einen Verliebten richten konnte, und er machte auch gleich, wie auf ein Stichwort, ein strahlendes Gesicht. Natürlich war es Mimi Schreiber, vielleicht erinnerte sich Frau Senator, die Schreibers hatten einen kleinen Buchbinderladen, sie waren sehr achtbare Leute in bescheiden auskömmlichen Verhältnissen, erzogen ihre Kinder in liebevoller Strenge, und die Älteste, die wunderhübsche und tüchtige Mimi, war Kindergärtnerin und schon seit zwei Jahren in Stellung bei Doktor Lehmanns. Und Mimi wußte, daß er sehr kränklich gewesen sei und auch niemals Bäume würde ausreißen können, aber sie wollte nicht von ihm lassen. Das Kefirtrinken vorigen Frühling und den ganzen Winter, und dann die schöne Anstaltskur im Sommer, die hätten ihn fast gesund gemacht, und Fischlein, der Arzt des Bordingschen Personals, habe festgestellt, daß die Tuberkeln sich bei ihm verkalkten und daß der Prozeß zum Stillstand gekommen sei. Dies habe er, Baumann, ja eigentlich nur den Ratschlägen und der Fürsorge von Frau Senator zu danken.

Therese wollte abwehren. Aber nun war er im Zuge, und die Wichtigkeit seiner Liebesangelegenheit übernahm ihn.

»Und nun verdanke ich Ihnen auch noch mein ganzes Lebensglück. Denn Herr Senator hat mir gesagt – – gestern abend war Herr Senator ein wenig hart – ich dachte – ich – ja, wenn ich das sagen darf: ich verstand es nicht. Ich hatte ja nur den Mut zu bitten, weil ich dachte: Herr Senator weiß nun selbst, was Liebe und eine glückliche Ehe ist – und es war, als bekäme ich einen Stoß vor die Brust, als er es mir schroff abschlug – – ich weiß wohl, manchmal, wenn Herrn Senator was leidtut, versteckt er das so ... aber es war doch schrecklich. Aber heut morgen, als ich mich an die Maschine setzen wollte, da sagte er mit einem Male ... ›Baumann, meine Frau meint ... meine Frau wünscht‹.«

Baumann schluckte an seiner Rührung und an seiner Freude. Und da schloß er mit einer Erklärung ab, die ihm das Imponierendste und Überraschendste schien, was es im Augenblick auf Erden geben könne: »Und Pfingsten darf ich heiraten, und mein Gehalt ist vorerst um fünfzig Mark monatlich erhöht!«

Therese saß bleich und still. Eine undeutliche Empfindung war in ihr: ist es eine Art von Handel? Eine Abbitte, ein Gutmachenwollen, eine versöhnende Geste? Soll Naumanns Glück mir sagen: »Ich, dein Mann, ich habe doch ein Herz ...«

Sie gab sich Mühe, Baumann die Teilnahme zu zeigen, die sie wirklich hatte – nur, daß im Augenblick alles wie tot lag – daß sie sich entfernt fühlte von allen anderen Menschen –

Der Mut, zu dem sie gestern abend ihr zorniger Schmerz emporgetragen, war einer völligen Vernichtung gewichen ...

Sie hatte ihren Mann noch nicht wiedergesehen. Zum ersten Male hatte er das Haus verlassen, ohne sich von ihr zu verabschieden.

Hieß das: Feindschaft?

Oder war es Scham?

Der eine Gedanke war ihr so unerträglich wie der andere.

Ach, alles war schief. Wie hatte es auch anders werden können in einer Ehe, die auf Unwahrheit aufgebaut worden war ...

Baumann, der in seinem seinen, treuen Sinn die Mühe spürte, die sie sich gab, dachte voll Mitleid: »Sie ist krank und müde.« Darüber verfiel er in seine Verlegenheit zurück, und Therese mußte ihm helfen, daß er seinen Abgang fand, ohne sich in Ungeschicklichkeit zu verheddern.

Leute mit übervollem Herzen mögen ihre gütigen Götter gern lobpreisen. Und so ging Naumann denn die versteckte Wendeltreppe hinab, die für Lieferanten und Dienstboten zum Ein- und Ausgang durch Schrötters Zimmer führte. Der Alte war sein »Gönner«. Schrötter war eben in den Selbstgefühlsverhältnissen, sich gönnerhaft zeigen zu können. Da saßen sie denn zusammen, der Junge und der Alte, und sprachen sich über den Herrn und die gnädige Frau aus.

Schrötter beruhigte Baumann über das krankhafte Aussehen der Herrin. Er konnte es nur unter heftigem Gebrauch seines rot und weiß gemusterten Riesentaschentuchs. Um seine und Baumanns Gemütsbewegung zu lindern, spendierte er sich und ihm einen Pomeranzen, den er – wie er ausdrücklich betonte – sich selbst in seinem Schrank hielt und den ihm keineswegs die Köchin zugesteckt habe. Übrigens gäbe es auch im Bordingschen Keller keinen.

»Er weiß nich, was gut schmeckt,« sagte Schrötter, indem er den stark duftenden Likör mit der Zunge noch auf den Lippen nachkostete. »Er wußt' früher überhaupt gar nichs von Essen und Trinken von, er merkte öfters nich mal, wenn Kathrin ihm was Extras gekocht hatt'. Das hat Sie ihm schon 'n büschen beigebracht, sorgt fürs Regelmäßige und Bekömmliche und aus Liebe zu ihr ißt er und lobt allens. Jawoll. Das bin ich mir selbst je nich vermuten gewesen, daß aus ihm mal so 'n gehorsamen Ehemann würde werden.«

»Die Leute sagen,« flüsterte Baumann ängstlich, »daß er sie tyrannisiert.«

Schrötter, in Verachtung – wie konnte er sie kräftiger ausdrücken? – kippte, noch einen.

»Das is je nu kumpletten Unsinn,« sagte er, »das brauch' ich Sie, mein bester Baumann, je nich erst zu beschwören. Sie haben je nu in Momang selbst 'n Beweis von's Gegenteil erfahren. Sie winkt bloß, und er erlaubt, was er gestern verweigert!«

»Sie ist ein Engel,« erklärte Baumann voll Enthusiasmus.

»Ob!« stimmte Schrötter kurz und kräftig bei. »Das sieht man woll wieder: was lange währt, wird endlich gut. Oft hatt' ich Angst: er heirat – nie. Da waren so Sachen. Na, da kann ich nich von sprechen – aber er hat noch zur rechten Zeit 'n Strich unter seine Junggesellenabenteuers gemacht.«

»Ja,« sprach Baumann, »er hat einen großartigen Verstand. Und mit dem behält er auch wohl immer Übersicht über sein Gefühlsleben.«

Das war für Schrötter etwas zu hoch. Aber er spürte, es war eine Zustimmung zu seinem – Schrötters – autoritativen Urteil über den Herrn. Und sie nahmen voneinander in gehobener Stimmung Abschied, sich ein wenig als Säulen des Hauses Bording fühlend – denn schließlich: auch Dienertreue, gute, feste Dienertreue gehört dazu, wenn in einem Hause alles wohlgefügt sein soll. – –

Therese, die oben in ihrem Lehnstuhl zurückgeblieben war, die ewige rote Kirchenmauer, ihr den Blick verschränkend, gegenüber, dachte einen Augenblick bekümmert: »Ich habe dem guten Menschen keine rechte Mitfreude gezeigt ...«

Aber sie hatte eben keine kräftigen Mienen und Worte aufbringen können ... Nun, Baumann wußte ja ohne dies, wie sie es meinte ...

Doktor Irmler kam und störte sie und war ganz und gar unzufrieden. Sie sollte in die Luft. Jeden Tag spazieren gehen. Er hielt einen Vortrag über Pflichten. Therese hatte deren drei: erstens gegen sich, zweitens gegen ihren Mann, drittens gegen das Kind, das erwartet wurde. Sie hörte höflich und duldend zu. Jedes Wort war abgegriffen, klang, als habe man es hundertmal gehört; alles wußte Therese auch von selbst.

Sie konnte und wollte nicht sagen: »Wenn ich ›an die Luft gehe‹, muß ich auch zu meinen Eltern gehen.«

Sie wußte: ihre Mutter wiederzusehen, ihren Vater zu umarmen, war ihr jetzt unmöglich.

Sie zürnte der Mutter wegen des verkehrten Auftretens und wußte doch, daß sie beim Wiedersehen entwaffnet in ihre Arme sinken werde. Denn auf das Merkwürdigste war ihr, als ob sie jetzt überhaupt erst anfange, ihre Mutter wirklich lieb zu haben.

Aber wenn sie die Eltern, vor allem die Mutter sähe, würden endlose Erörterungen beginnen. Die Mutter konnte sicherlich weder mit ihren Gedanken noch mit ihren Gesprächen von den beiden Dingen loskommen, die sie jetzt völlig beschäftigten: dem bevorstehenden Austritt ihres Mannes aus dem Senat und ihrem Zorn auf den Schwiegersohn. Therese aber konnte ihren Gatten nicht anschuldigen hören, ihn nicht entschuldigen und überhaupt nicht ertragen, daß sie nun werde über ihre Ehe aussagen sollen ... Wahrheit oder Lüge – es schien ihr beides unmöglich.

Und so wehrte sie sich und erklärte, sie sei am besten in ihrem Zimmer aufgehoben. Als Irmler ihren Widerstand gegen seinen Befehl, sich Bewegung in freier Luft zu machen, spürte, sagte er, er würde sich an Herrn Senator wenden, bei ihm vorstellig werden, ihn ersuchen, daß er sich die Zeit nähme, seine Frau alltäglich etwas in die Luft zu führen.

Da bekam Therese Angst. Der Gedanke, von Jakob jeden Tag umhergeführt zu werden wie von einem Krankenwärter, wäre ihr unter allen Umständen beklemmend gewesen. Jetzt war ihr solche Vorstellung fast grotesk. Um Irmler nur los zu werden, um zu verhüten, daß er sich an ihren Mann wende, versprach sie, allabendlich im Dunkeln eine halbe Stunde auf dem Kirchplatz hin und her zu gehen.

Dann zitterte sie der Mittagstunde entgegen. Würde er überhaupt zu Tisch kommen? Dachte er jede Begegnung mit ihr zu vermeiden? War sein schweigendes Davongehen heute morgen Zufall oder zornige Absicht gewesen? Was bewegte ihn?

Feindschaft?

Scham?

Therese glaubte schon nach wenigen Stunden sich diese Fragen beantworten zu können. Und sie wurde auch in den nächsten Wochen in ihrem Glauben nur befestigt: Feindschaft war sein Wesen gegen sie – Feindschaft, die sich unter höflichen Formen verbirgt, die zu hochmütig ist, um in streitenden Worten und schroffen Gesten hervorzubrechen ... Feindschaft!

Und über diese Feindschaft, die aus seinen verschlossenen Zügen, aus seiner stolzen Haltung, aus seinen zeremoniellen Gesprächen ihr entgegen zu wetterleuchten schien, empfand sie einen krankhaften, schmerzlichen, sie zerfleischenden Triumph – aber doch eben einen Triumph! –

Sie wollte lieber von ihm gehaßt sein, als die demütigenden Brocken vom Tische seiner Vergangenheit in Gnaden zugeteilt bekommen. Wenn es denn wirklich alles Vergangenheit war, was mit jener Frau zusammenhing – –

Ja, doch, das war es, das mußte es sein ...

Das schrie Theresens Herz förmlich jeder sie peitschenden Eifersuchtsregung zu – das befahl sie – als könne man dem Geschick befehlen, was nicht sein soll ...

Wie das auch zusammenhing, daß der veilchenblaue Stein und die atlasschimmernde Perle wieder am Halse jener Frau funkelten ... Ein gemeiner Verräter war er nicht – konnte er nicht sein – sollte er nicht sein –

Sie wollte fortfahren dürfen, ihn zu achten ... Oder lieber sterben ...

In dieser Richtung hatte ihr nun der Zufall eine Wohltat zugedacht ... Vielleicht eine Wohltat, denn erkrankte Seelen saugen auch noch Gift aus Ereignissen, die sie gesunden lassen könnten.

Voll stumpfen Gehorsams ging sie nun jeden Abend von sieben bis halb acht Uhr, falls es nicht gerade zu stürmisch war, auf dem Kirchplatz umher, umkreiste meist ein paarmal den ganzen mächtigen Bau. Es war dann dunkel. Therese hatte sich in einen alten Abendmantel gehüllt, den Kopf mit einem schwarzen Spitzenschal umbunden, und kein Mensch konnte sie so erkennen.

Laue Abende gab es, in denen feuchte Frühlingsluft war, wie ein rührendes scheues Ahnen von künftigem Glück. Voll schwerer, stiller Wolken stand der Himmel. Und inmitten der lebendigen, lichterfüllten Stadt lag, wie ein verschwiegenes Herz, der halbdunkle, von geringer, unsicherer Beleuchtung wehmütig überdämmerte Kirchplatz. Stumm und drohend, ein Monument des Geheimnisses aller Göttlichkeit, ragte die gewaltige Kirche. Und Therese irrte am Fuß ihrer Mauern umher, geängstigt und hoffnungslos.

Oder ein sanftes, gelbes Licht winkte zart aus den hohen Fenstern in den dunklen Abend hinaus. Orgelspiel brauste, und die volltönigen, feierlichen Schallwellen verschwammen mit dem Sausen des Windes in eins, der durch die noch kahlen Reiser der alten Linden fuhr. Und diese Töne, voll milden Vaterernstes, groß und gütig, liebkosten ihre arme Seele und lösten ihre Empfindungen in grenzenlose, unbestimmte Wehmut auf.

An einem solchen Abend, gegen die Mitte des März, unternahm Therese ihren Pflichtgang. Sie glich ja nicht einer Dame, dunkel vermummt und schwerfällig, wie sie mühsam ging, konnte man sie für eine Arbeiterfrau halten.

Als sie unter den westwärtsgewandten Mauern der Fassade hinschlich, aus der die steilragenden Türme emporwuchsen, sah sie einen Mann dort stehen. Die Häuserrückseiten der westlich am Kirchplatz vorüberziehenden Straße bildeten hier mit der Fassade zusammen so etwas wie eine Gasse, die in keiner Richtung dem Verkehr zu dienen hatte. Nur aus Zufall verirrte sich einmal ein Fußgänger hierher.

In dem sehr schwachen Licht, das da herrschte, hatte Therese doch den ungefähren Eindruck, daß es ein junger Herr sei, der wartend oder lauschend zu stehen schien. Denn im Bau mit den Doppeltüren befand sich drinnen das Orgelgehäuse, und die brausenden Tonfluten des pastoralen Instrumentes konnte man gerade hier am genauesten behorchen. Sie selbst blieb einige Augenblicke stehen – ließ ihre Empfindungen umströmen vom Klanggewoge – hatte einen flüchtigen Gedanken, daß dieser junge Mensch vielleicht – gleich ihr, vollen, zu vollen Herzens hier stehe – ach, wenn man immer von dem Leid wüßte, das den Nebenmenschen drückt – – es wäre zu viel; gottlob, daß man fremd aneinander vorüberstreicht – – So sah sie ihn an, fast in naiver Betrachtung – und ging seufzend weiter. Einen Moment kam ihr noch die äußerliche Beobachtung ins Gedächtnis: er sah aus wie ein Engländer ...

Dann war sie wieder völlig bei ihren eigenen Lebensdingen ... Ihren Kümmernissen ganz hingegeben, ging sie mechanisch weiter, umkreiste den langgestreckten Kirchenbau und kam zum zweiten Male an die westliche, vom Verkehr völlig abgeschrankte Fassade.

Da sah sie wieder den jungen Herrn, er wandte ihr den Rücken, ging langsam vor ihr her – aber er war nicht mehr allein. Eine Dame schritt neben ihm, die leise und mit der Gebärde leidenschaftlicher Eindringlichkeit zu ihm sprach ... Schlank und zierlich war sie in ihrem enganschließenden langen Paletot, mit einem Hut voll weicher, dunkler Straußfedern – diese ganze weibliche Silhouette kam Therese so bekannt vor – so qualvoll bekannt, daß sie unwillkürlich ihren Schritt verlangsamte, um hinter dem Paar zu bleiben, das hier ganz offenbar ein verabredetes Zusammentreffen hatte – sie wollte diese Frau nicht überholen, um sie nicht zu erkennen – und erkannte sie doch schon an der Gestalt – erkannte sie in diesem trügerischen Halbdunkel – weil es die Frau war, die sie haßte ...

Nun hatte das Paar das Ende des kleinen Gäßchens erreicht – da brannte, aus der Kante des Eckhauses sich hervorreckend, eine Gaslaterne, und im Schein dieser Laterne kehrte das Paar um – –

Therese stand still. Sie konnte gar nicht anders, handelte aber ohne Vorsatz –

Sie sah mit großen, festen Blicken in das weiße Gesicht – es war hell beschienen – wie aus all dem Dunkel ringsum leuchtend herausgehoben. Und schön war es – sündhaft schön ...

Die schwarzen, kühnen Augen erwiderten ihren Blick – über das weiße Gesicht ging ein triumphierendes, fast belustigtes Lächeln – dann verschwamm der schöne Kopf wieder im Schatten – man war aneinander vorüber.

Therese ging nach Hause – sann staunend dem Lächeln nach ... sie wußte nicht, daß so Siegerinnen lächeln über Armselige, die niemals imstande sind, solche Siege sich zu erringen – sie wußte nichts von Frauen, deren Leidenschaftlichkeit und Eitelkeit so groß ist, daß sie ihren Fall noch als Ruhm empfinden ...

Sie dachte nicht daran, ihre Beobachtung nachher beim Abendessen – zu welchem Jakob jetzt immer mit unbegreiflicher Pünktlichkeit kam – ihrem Manne mit. zuteilen. Den Namen jener Frau nur auszusprechen vor seinem Angesicht, wäre ihr unmöglich gewesen.

Aber das tat ein paar Abende später Frau Grete. Sie guckte unerwartet noch gegen neun Uhr mal ein, wollte fragen, wie es gehe, hatte das Bedürfnis mit Therese ein bißchen »herumzukluckern«, log ihr vor, daß sie ihr Aussehen vorzüglich finde, schalt, daß ihr Mann nun schon fünf Abende hintereinander in vaterstädtischen Angelegenheiten Sitzungen habe und seine Frau allein lasse, und zuletzt merkte man, daß dies alles nur Vorrede war und daß ihr eigentlich eine höchst interessante Geschichte auf den Lippen brannte.

Sie äugte aber Bording schelmisch und durchtrieben an und sagte, sie traue sich nicht, denn immer meinten er und ihr Georg gleich, sie klatsche, wenn sie mal was erzähle. Aber dies nun sei wahrhaftig kein Klatsch.

»Nein, sondern wie immer ›aus bester Quelle‹ und wirklich und wahrhaftig nicht erfunden,« spottete Bording.

»Fräulein Klara hat es mir selbst erzählt,« sagte Grete.

»Fräulein Klara?« fragte er, förmlich in einer Reflextätigkeit seines Gehirns – er hatte den Namen früher so oft gehört – und bereute schon die Frage, als habe sie ihn verraten.

»Jawoll! Das langjährige Kinderfräulein von Sanders, und die muß doch wissen, was vorgeht im Haus. Es hat einen unerhörten Streit gegeben – Herr Sanders hat irgend was entdeckt – Fräulein Klara meint, es hängt mit Mr. Worthword zusammen, dem Engländer, der bei Sanders als Volontär war; bei Sanders' gibt es eine kleine eiserne Wendeltreppe, hinten vom Balkon hinab in den Garten – na, ich will lieber nichts mehr erzählen. Ihr macht solche Gesichter – herrjes, man interessiert sich doch für das, was bei Bekannten vorgeht. Nun, es kurz zu sagen: Thora ist heut morgen mit ihrer Mutter, die ganz vernichtet vor Kummer sein soll, abgereist. Mr. Worthword soll schon gestern abend auf und davon sein. Sanders soll sich scheiden lassen wollen. Das kann er ja nun auch wohl nicht mehr anders. Aber man darf, wenn's wahr wird, Schlüsse ziehen. Sanders ist ja so 'n Mensch, der aus Hochmut und Eitelkeit lieber beide Augen zudrückt, bloß um in seiner Familie keinen Skandal zu haben. Muß also wohl unmöglich gewesen sein, das Augenzudrücken. Ja, das ist eine Geschichte. – Und so 'n hochdramatisches Ende hat Thora gewiß nicht gewollt, die hing ja viel zu sehr an Geld und Luxus und Stellung, die hat sich bloß amüsieren wollen, da geh' ich jede Wette darauf ein. Ihre Mutter hat nicht viel, das weiß man doch ... Und so 'ne noble Frau die Mutter – ja, die dauert mich – o Gott, und dann die Jungens ...«

Bording und Therese schwiegen vollkommen – so merkwürdig, so starr, daß Grete einen roten Kopf bekam und das Schweigen wie eine Belehrung und Beschämung empfand.

»Euch erzähl' ich auch nie was wieder,« sagte sie trotzig.

Da sie aber nicht länger als eine halbe Minute böse sein konnte, war ihre muntere Laune unversehens wieder da, und sie half dem Ehepaar über den Abend fort. –

In der Nacht lag Therese und dachte: »Wie wirkt dieses alles auf ihn?« Empörte sich sein Mannesgefühl dagegen, daß eine Frau, die ihn geliebt hatte, sich so bald an einen beliebigen jungen Menschen fortwarf? Oder erlöste ihn das?

Und wenn er ganz frei wurde von der Vergangenheit, wandte sich dann endlich seine Liebe ihr, seiner Frau, zu?

Aber dagegen lehnte sich alles in ihr auf ... Und ihr weiches, zermartertes Herz wurde hart und stolz bei solchen Gedanken ...

Wie hätte Therese erraten können, was in ihrem Manne vorging! Wußte er doch selbst nicht, wie er seinen Gemütszustand nennen, wie er ihn sich klar machen sollte.

Bording war sich in dieser Zeit vielleicht zum ersten Male in seinem Leben selbst ein Rätsel. Die Nachricht, daß Thora Sanders auf ihrem Wege offenbar wieder einen Schritt abwärts getan, der sie für immer hinwegführte aus ihrem bisherigen Lebenskreis, erschütterte ihn kaum, blieb ganz an den Grenzen all der unerhört wichtigen Empfindungen, die ihn jetzt beschäftigten.

Er konnte den leidenschaftlichen Schmerzensausbruch Theresens nicht überwinden.

Er wußte es nun: sie fühlte sich um das eigentlichste Glück des Lebens betrogen.

All sein Reichtum, all seine Rücksicht, all seine Güte waren ihr kein Ersatz für das, was fehlte.

Und sie hatte erkannt, was fehlte ...

Seine Beschämung war so schwer und so qualvoll, daß er zuweilen dachte, er hasse Therese.

Seine Erinnerung stellte jenen Abend in Konstanz wieder vor ihn hin, auf ihrer Hochzeitsreise, wo er ihre liebende Sehnsucht nach ihm spürte, wo er vor dieser Zärtlichkeit leise zurückwich und wo sie, mit vollkommener Keuschheit, mit einem zarten Takt ohnegleichen sein Zurückweichen verstand ...

Rot vor Scham ward ihm die Stirn ...

In jener ersten Nacht nach dem zornigen Ausbruch ihres Grames kämpfte er mit sich: er hätte sofort abreisen mögen – lange, lange Wochen, am liebsten für immer ihren Blick vermeiden ... Aber das wäre feige Flucht gewesen ... obenein in dieser erwartungsschweren Zeit ...

Er mußte wohl den Mut haben, sich das Geständnis zu machen: heiße Reue war es, die ihn quälte. Über alles: am stärksten darüber, daß er Therese geheiratet hatte! Er litt unter ihrem sanften, kummervollen Blick, unter ihrem leidvollen Aussehen. Ihr ganzes Dasein war wie ein Vorwurf geworden für ihn.

Und diese seine seelische Reizbarkeit war ihm unbegreiflich, er empfand sie fast als etwas Unmännliches, er hatte sie in dieser peinlichen und ihn ganz und gar beherrschenden Art noch nie in sich erlebt.

Er erinnerte sich: Jahrelang ertrug er früher eine heikle und unwürdige Lage, hatte in kühler, reueloser Gleichgültigkeit dem Mann ins Auge sehen können, den er betrog. Sein Verstand half ihm immer, Überlegenheit zu bewahren.

Aber jetzt half ihm sein Verstand gar nichts.

Ja, das alles war wohl rätselhaft, und er dachte: »Je älter man wird, desto stärker spricht die einfache, uralte Fibelmoral zu einem ...«

Unter der glatten Oberfläche des Alltags, wo von Schuld und Sühne beinahe nie etwas zu spüren ist, wo die Dinge scheinbar verbindungslos sich hintereinander aufreihen, gibt es doch geheime Zusammenhänge – es ist wie das sich ineinander Verschlingen und Verknoten von Wurzeln ...

Seine Lebenslage war indessen nicht so, daß ihm viel Sammlung zum Grübeln über seelische Dinge gelassen werden konnte. All die großen praktischen Angelegenheiten, mit denen er durch seinen Beruf, seine Stellung verknüpft war, riefen ihn fortwährend zudringlich an. Und es war gerade, als ob sie ihm beweisen wollten, daß seine Aufgaben anderswo lägen als auf dem Gebiete des Familienglücks.

Er erfuhr in diesen Tagen, daß der ihn immer wie ein bemerkbarer und doch ungreifbarer Moskitoschwarm umfliegende Neid sich mit Heftigkeit auf ihn stürzte, um seinen Namen und seine Ehre zu zerstechen. Man beschuldigte ihn, seine Stellung als Senator mißbraucht zu haben, um sich ein gutes Geschäft zu sichern. Man sagte, daß er jenes Gelände am Flußufer, wo die geplante Fischdüngerfabrik erbaut werden sollte, nur erworben habe, um es mit großem Vorteil an den Staat, der gerade dieses Uferstriches jetzt bedürftig werde, wieder abzugeben.

Bording hatte wohl gewußt, daß in jener Abteilung der Verwaltungen, die sich mit den Wasserbauaufgaben des Staates beschäftigte, eine Verbesserung des Flußlaufes geplant war. Es handelte sich um einen bestimmten Punkt, den man bei einer großen, vor Jahren schon erfolgten Stromkorrektion nicht als so ungünstig erkannt, wie er sich nachmals, vielleicht gerade infolge der Veränderungen der Uferlinien und damit der Wassergewalt herausstellte. Bording selbst hatte sich, noch ehe er Senator war, an den Debatten beteiligt, die die bezügliche Vorlage in der Bürgerschaft hervorrief. Diese Vorlage war dann einer Kommission überwiesen worden, die in ihrem Studium und ihren Ausarbeitungen zu einem anderen Schluß gekommen war, die erste Vorlage verwarf und in ihrer Berichterstattung einen ganz neuen Plan zu unterbreiten gedachte. Und dieser Plan wollte die von Bording in aller Stille erworbenen Ländereien zum großen Teil vom Ufer abschneiden. Die Kommission hatte, um gleich mit dem Entwurf schon einen Kostenanschlag der Bürgerschaft vorzulegen, sich mit dem Eigentümer der in Frage kommenden Parzellen über seine Forderung ins Einvernehmen setzen wollen. Dem Landmann kam durch diese Anfrage der Verdacht und Glaube, daß Herr Senator Bording ihm so ungefähr das Fell über die Ohren gezogen und ganz gewiß von dem Plan der Uferkorrektion gewußt habe, ferner, daß er, der Eigentümer, vom Staat unbedingt einen noch mal so großen Preis erzielt haben würde. Ihm erschien es nachträglich so, als habe der Makler tor Straten ihn förmlich gedrängt. Er fühlte sich des Versprechens der Verschwiegenheit völlig entbunden, ja daß er dies Versprechen hatte geben müssen, war ihm plötzlich verdächtig.

Böser Wille entstellte oder übersah vorsätzlich die Logik der Tatsachen, die doch unverkennbar machte, daß Bording gar nichts davon gewußt haben konnte, zu welchem Schluß die Arbeiten der Kommission führen würden.

An den Biertischen hieß es: So 'n mächtiger, reicher Mann hatte eben überall seine Finger drin. Die Arbeiten der Kommission waren ja nicht gerade geheim gewesen; irgend ein Mitglied würde es ihm schon gesteckt haben, daß jene Uferstelle dem Staate zum Ankauf würde empfohlen werden. Vielleicht hatte auch der Schwiegervater die Hand im Spiele. Bei so nahen Familienbeziehungen zwischen zwei Senatoren war es doch selbstverständlich, daß der eine die Wissenschaft nicht verschweige, die dem anderen Nutzen bringen mußte.

Ja, einige wollten sogar wissen, daß Bording der eigentliche Urheber des Kommissionsbeschlusses sei, ihn inspiriert und beeinflußt habe, um seine Ländereien dabei anzubringen; die Kommission habe anfangs durchaus den Plänen der ersten Vorlage zugeneigt. Man rechnete auch gar nicht nach, daß ein etwaiger Verdienst Bordings an dem Wiederverkauf der Ländereien nur eine lächerliche Kleinigkeit für einen so reichen Mann bedeuten würde.

Man war voll davon, daß Jakob Martin Bording in seinem unersättlichen Erwerbssinn seine als Mitglied der Regierung erlangte Kenntnis benutzt habe, eine gute Grundstückspekulation zu machen. Denn der Kommissionsentwurf sollte so einleuchtend sein, daß die Annahme unbedingt erfolgen mußte.

Andere sagten freilich: der Entwurf tauge nichts, aber er werde dennoch durchgehen, weil Bording es zu seinem Vorteil wolle. Und was er wolle, setze er bekanntlich durch; auf den Schaden, den die Allgemeinheit davon habe, komme es ihm nicht an.

Ja, anderen Leuten den Wind aus den Segeln nehmen, das war seine Kunst. Andere Leute das Geld riskieren lassen und selber dann den Gewinnst einstreichen, wenn das Risiko geglückt war, das verstand er. So wurde man groß. Den Bankerott von Steffens & Kahler hatte er auch benutzt, um einige kleine Geschäfte förmlich an sich zu reißen, und wenn er ihnen auch Firma und scheinbare Selbständigkeit ließ, waren sie doch nichts weiter wie Filialen von Jakob Martin. So zum Beispiel der Konsul Gundlach, der ja in seinem eigenen Kontor nichts mehr zu sagen hatte ...

So ging das Gerede und schwoll immer böser an, und noch ehe die neue Vorlage zur Verhandlung auf die Tagesordnung gesetzt war, zeigte sich eine Gruppe von Bordingfeinden, die Mitglieder der »Bürgerschaft« waren, entschlossen, ihn in den parlamentarischen Verhandlungen gehörig und ohne Furcht anzugreifen.

Konsul Breitenfeld mit seinem kleinen, vorgebeugten Kopf auf seiner langen, schmalen Gestalt lief wie ein Agitator umher und sah die Menschen durch seinen Kneifer stierend an, während er ihnen klarmachte, daß das Haus Jakob Martin Bording eher ein Schaden als ein Nutzen für das Gemeinwesen sei, und wie verkehrt man gehandelt habe, Bording anstatt Sanders in den Senat zu wählen.

Es hieß, daß Hartmann-Flügge ihm einmal wegen solcher Redereien in aller Ruhe und Jovialität Ohrfeigen angeboten habe.

Kurz, die ganze Stadt war erfüllt von der Sache; das Gerede blieb auch dem Senator Landskron und seiner Frau nicht verborgen. Er war bekümmert und begriff die Menschen nicht, die Bording eine kleinliche Unlauterkeit zuzutrauen vermochten. Daß man ihn selbst mit in das Gerede hineinzog, entlockte ihm ein gewissermaßen verwirrtes Lächeln. Er war verlegen – aber in die Seele der Schwärzer hinein und für sie.

Seine Frau aber, verbissen und zornig, erging sich in den abfälligsten Kritiken über Bording. Sie fing an zu erwägen, ob man denn nicht vielmehr ihn zum Austritt aus dem Senat zu bewegen suchen müsse. Sie sagte, sie sehe nicht von fern ein, warum ihr Mann, der Geachtetere, das Opfer bringen solle.

Landskron wußte ja, es war am besten, man ließe sie sprechen. Er wagte auch nicht zu widersprechen, denn seit jenem Nachmittag, wo sie bleich und fast fauchend vor Ärger aus Bordings Kontor heimgekommen war, konnte man nicht mehr mit ihr reden. Sie nannte ihre Tochter nur noch »unsere arme Therese!« Sie warf ihrem Manne vor, daß er, verblendet von dem Reichtum Bordings, ohne Prüfung seines Charakters, ihm Therese »hingeworfen« habe. Landskron in seinem etwas zu zarten Gemüt konnte nichts tun, als geduldig sein und auf einen jener jähen Stimmungswechsel hoffen, wie er solche schon einigemal im Leben bei seiner Frau erstaunt wahrgenommen. Wenn er mit seinem Schwiegersohn im Senat zusammentraf, vermieden sie es unauffällig und wie auf Verabredung, sich zu persönlichen Gesprächen zu finden.

Jetzt aber, wenige Tage vor der Versammlung der Bürgerschaft, wo die vielberedete Vorlage zur Verhandlung kommen sollte, konnte Landskron es nicht mehr ertragen. Zwar hatte seine Frau ihm befohlen: »Du sprichst nicht mit ihm! Das bist du mir schuldig. Straf ihn durch vornehmes Übersehen ...«

Aber Landskron war nicht die Natur, die »vornehm übersehen« konnte, wo sein Herz beteiligt war.

Er fragte sich: wußte Bording von dem Gerede? Natürlich. Es war ja von einer Art, daß man es ihm nicht verschweigen konnte. Aber hatte er Ärger? Tat es Therese weh?

Und so hielt er ihn am Schluß einer Senatsitzung beinahe mit Courage fest und sagte ganz unfrei: »Gehen wir ein paar Schritt zusammen?«

»Therese befindet sich gut?« fragte er dann, und seine Lippen zitterten ein wenig.

»Den Umständen gemäß. Wollen Sie sich nicht selbst überzeugen?«

Sie standen vor dem Rathause, auf dem Bürgerstieg, den Blicken aller Vorübergehenden ausgesetzt.

»Wie, gern,« sagte der alte Herr, kaum verständlich, »ich sehne mich sehr nach Therese – aber – meine Frau – Sie verstehen – es hat, wie es scheint, eine etwas scharfe Auseinandersetzung zwischen Ihnen gegeben – meine Frau fühlt sich leicht in ihrer Würde verletzt – aber – nicht wahr, Sie begreifen es – ich muß doch wohl ihre Partei nehmen – man steht eben fest zu seiner Frau – wie die Frau zum Manne – wie Therese zu Ihnen ... Sie meidet uns – es tut sehr weh – aber es würde auch meiner Frau wehtun, wenn ich zu Ihnen ins Haus ...«

Bording sah kalt an ihm vorbei. Er zuckte nur die Achseln.

»Sie haben im Moment viel Unangenehmes?« begann Landskron wieder.

Es hielt ihn förmlich neben dem Mann seiner Therese ... er mochte nicht gehen, ehe seiner hungernden Vaterliebe nicht ein bißchen warme Nahrung geworden war.

»Daß ich nicht wüßte ...« sagte Bording hochfahrend. »Nun all das Gerede über jene Ländereien, die Sie sich in aller Stille sicherten.«

»Ah, ja – das. Burmeester hat mich unterrichtet. Beruhigen Sie sich, Papa, ich hatte sie mir nicht gesichert, um damit ein Geschäft mit dem Staat zu machen: Graf Strachow, Sie wissen, der Mecklenburger, und ich dachten eine Fischdüngerfabrik auf dem Gelände zu errichten.«

»Mein Gott,« wehrte Landskron ganz entsetzt ab, »wie können Sie denken, daß ich beunruhigt ... daß ich Erklärungen ... Ich wollte nur meine Teilnahme ... und ob Sie ... ob Sie Schritte ...«

»Ich werde in der Verhandlung zugegen sein.«

»Die Sache gehört nicht in Ihr Departement – Sie haben die Stellung des Senats zur Vorlage nicht vor der Versammlung zu vertreten.«

»Ich werde aber doch zugegen sein,« sprach Bording kurzen Tones, »es beliebt mir nicht, mich mit Verleumdungen bewerfen zu lassen.«

»Dagegen kann sich kein Mensch schützen,« meinte Landskrom zaghaft, »das Herrentum grenzt, wo die ungreifbare Menge anfängt.«

»Aber man kann auch ihr einmal einen Fußtritt versetzen.«

Nun war es Landskron unmöglich, das Gespräch noch weiter hinzuspinnen. Vor lauter Beklommenheit fiel ihm gar nichts ein.

Seine Bäckchen waren rot von seiner Gemütsbewegung und seine Stimme hatte keinen sicheren Ton. Dessen war er sich bewußt und schämte sich eigentlich ein wenig vor dem eisenfesten anderen Mann. Er wußte wohl, der war von jener Art, die das Bedürfnis hat, alle seelischen Zustände unter kalten Stolz zu verstecken.

Aber ihn täuschte die hochfahrende Haltung Bordings nicht. Er sah es ihm an: seine Farbe war blasser noch als sonst und der Zug am Mundwinkel trat so scharf hervor. Nein, ihm war nicht gut zumut, dem Mann seiner Therese ...

Daß der neidvolle und unverständige Klatsch ihn tief ärgerte, glaubte Landskron nicht.

Und die große Sorgenfrage beschwerte ihn: »Hängt dieser bittere, verschlossene Ausdruck seines Gesichts mit meiner Therese zusammen? Sind sie wirklich nicht glücklich, diese beiden auserlesenen Menschen? ...«

Aber eine Frage wagte er natürlich nicht, und er schied von seinem Schwiegersohn mit einem zögernden Händedruck.

Die Gelegenheit, die Bordings Hochmut mit der größten Ungeduld erwartete, die Gelegenheit, es laut der Öffentlichkeit zu sagen, wie sehr er die Anschuldigungen verachte und wie lächerlich sie ihm erscheinen durften, sollte sich Ende März an einem Montagabend bieten. Am Abend zuvor, als er mit Therese am Tische saß, sprach er ihr mit großer und aufgebauschter Lebhaftigkeit davon. Die unfreie Stimmung zwischen ihnen mußte doch immer mit wachsamer Absicht verjagt werden. Und ein Interesse an diesen Dingen brauchte Therese nicht zu heucheln. Das spürte Bording wohl. Wenn sie auch ihn, den Mann, verworfen hatte – seiner Tätigkeit schenkte sie immer noch ihre Bewunderung ... Und das war ihm eine merkwürdige Freude, fast eine Auszeichnung.

Also sprach er zu ihr von seiner innersten Stellung zum kritiklosen Geschwätz der Menge ... Er dachte, diese Ländereien, an welche die gierige Phantasie kümmerlicher Erwerbsmenschen sich festgeklammert hatte, in deren Vorstellung ein Gewinn von zwei-, dreitausend Mark schon ein Preis für Ehre, eine Verführung zur Unredlichkeit bedeutete – er dachte sie dem Staate zum Zweck der Flußkorrektion zu schenken! Und dies Geschenk wollte er den Bürgern von seinem Sitz herab förmlich ins Gesicht werfen. Er wollte ihnen auch sagen, daß ein derartiges leichtfertiges Angreifen seiner geschäftlichen und senatorlichen Unberührbarkeit ihm die Lust raube, mit der bisherigen opferfreudigen Energie weiter am Aufblühen des Gemeinwesens zu arbeiten.

»Ja,« sagte Therese, »so geht es wohl leider in solchen Dingen immer: der geringe Prozentsatz der Kleinlichen, Böswilligen läßt die Gesamtheit als strafwürdig erscheinen. Darin ist aber keine Logik. Es ist beinahe wie bei gewissen Pädagogen, die die ganze Klasse nachsitzen lassen, weil zwei Übeltäter darin verborgen sind.«

Er mußte über ihren glücklichen Vergleich lächeln.

Da fuhr sie rasch fort: »Wie schön wäre es, wenn du, anstatt aus Geringschätzung, aus Großmut diese Schenkung machen wolltest.«

»Für eine Großmutsgeste ist das Objekt zu klein.«

»Nichts ist zu klein, wenn man es als Beispiel patriotischer Gesinnung auswerten kann. Und du bist zu bedeutend, um mit den Konsul Breitenfelds und Konsorten abzurechnen. Du darfst nur über sie hinsehen.«

»Der Unnoblesse darf man nicht nobel begegnen. Sie hat kein Organ für solche Haltung und versteht sie falsch.«

»Ich will lieber von den Kleinlichen falsch verstanden werden, als zu ihnen hinabsteigen und die Einsichtsvollen brüskieren. Und ich bin im voraus sicher: wenn du da morgen abend sprichst – all die Gesichter voll Spannung dir zugewendet – so wird deine Würde stärker sein als dein Zorn. Wie beklage ich, daß ich nicht dabei sein, nicht auf der Tribüne sitzen und zuhören kann – oh, das möcht' ich gern. Es freut mich, daß du sprechen willst, offen sagen wirst, daß dir all der Klatsch bekannt ward – aber du wirst ihn nur mit einem Wort des Bedauerns richten. Schade, wirst du sagen, schade! Und nur das Sachliche darlegen – o, es wird sehr wirken – vornehm und überlegen.«

»Du bist Idealistin, Therese,« meinte er. Er fand ihre Gesinnung unpraktisch schön, aber sie freute ihn doch. »Frauen vergessen, daß man die Faust braucht, um Gestrüpp niederzuschlagen ...«

»Frauen denken mehr an die Würde des Angegriffenen als an die Haltung des Feindes.«

»Wenn sie den Angegriffenen lieben!« dachte er ... Liebte sie ihn noch?

Aber zugleich fast erschrak er, denn er sah, kaum daß Therese ausgesprochen hatte, so veränderte sich ihr Gesicht. Es verzog sich, ward dunkelrot, zeigte einen Ausdruck von schreckhaftem Staunen – ward langsam wieder bleich.

»Therese!« rief er und war schon bei ihr.

»Ich glaube, mir ist nicht wohl.«

Er half ihr vom Stuhl auf – umfaßte sie – geleitete sie der Tür zu.

»Irmler soll sofort kommen.«

»Nein,« wehrte sie rasch ab, »oh, bitte, nein ...«

»Aber ...«

»Oh, bitte, nein.«

In ihrem Ton lag fast Widerwille. Das überraschte, erschreckte ihn. Der Arzt sollte ihr doch Wohltäter sein.

»Du magst Irmler nicht?«

»Nicht sehr – aber es ist ja gleichgültig – er ist gewiß tüchtig ...«

Sie bemühte sich schon wieder, ihre erste unwillkürliche Abwehr gutzumachen.

»Warum hast du es nie gesagt?«

»Du hattest ihn berufen, ohne mich zu fragen.«

Mein Gott ja, er kam sich wie ein Barbar vor. An all die vielen feinen Abhängigkeiten des Frauengefühls, an all die unbenennbaren Zartheiten der weiblichen Empfindungen kann der Verstand eines Mannes nicht denken ...

Sein Verstand nicht, aber wohl sein Herz ... schien, eine laute Stimme ihm zu sagen ...

Langsam, Schritt vor Schritt, kamen sie weiter. Hinter ihnen war schon Sophie und die alte Köchin Kathrin. Es war gerade, als sei die Nachricht von Theresens plötzlichem Unwohlsein einer Stichflamme gleich durchs Haus gezuckt.

Bording, von einer Aufregung erfaßt, wie er sie noch niemals gespürt hatte, bot Therese alle möglichen Ärzte an, wollte per Draht und mit Extrazügen Professoren aus Kiel und Rostock kommen lassen ...

»Ja,« dachte sie, »nun soll mit Geld gutgemacht werden, was damals nur einen liebevollen Gedanken gekostet hätte.«

Aber sie hatte sich schon wieder ein wenig in der Hand, lobte Irmlers Fürsorglichkeit und sagte, man müsse sich nicht von Antipathien bestimmen lassen ...

Es blieb dem Mann bald nichts übrig, als sich zurückzuziehen und seine Frau den vielen Weibern zu überlassen, die ihr Zimmer und die Nebenraume füllten – wenigstens wirkte es auf ihn, als seien es »viele Weiber«.

Er ging hinab. In der Diele traf er schon auf Irmler. Er sagte ihm, daß bei der leisesten Schwierigkeit oder nur bei der Vermutung, daß vielleicht solche eintreten könne, noch mehr Spezialärzte zugezogen werden sollten, und daß sofort aus Kiel per Extrazug der Professor kommen müsse.

Die weißen Raffzähne zwischen Irmlers schwellenden roten Lippen blinkten unverdeckter auf, und hinter den Gläsern funkelten seine Augen spöttisch. Er mokierte sich über diesen Mann, der sich feig und aufgeregt zeigte, wenigstens taxierte Irmler so die Haltung Bordings ein. Und er fertigte alle Besorgnisse des Senators mit ein paar launigen Schnäcken ab, die gewiß zum Urbestand solcher Lagen gehörten, durch die Bording sich aber verletzt fühlte, denn er hatte nur in ganz seltenen Fällen Verständnis für Humor. Heute und in seiner Stimmung, die von Spannung und Angst durchsetzt war, schien gerade Humor der unmöglichste Ton für ihn. Ja, es kam ihm roh vor, daß man in solcher Stunde scherzen könne. Mit einem Male teilte er Theresens Abneigung gegen Irmler.

Dies steigerte seine Aufregung ins Grenzenlose.

Da lag sie nun oben in ihrem Zimmer und litt, und war dem Beistande von Dienstboten und der Fürsorge eines Mannes anheimgegeben, der ihr ganz und gar fatal war ...

Sie, von der er geglaubt hatte, es sei genug Gegengabe für ihre Liebe, wenn er ihr mit seinem Gelde und mit seinen Rücksichten ein Leben voll Glanz und Behagen anbiete ... Arme reiche Frau – seine Frau ... Wie ein Rasender lief er in der Diele umher ...

Schrötter schlich einmal heran. Er wagte nichts zu sagen. Aber es trieb ihn doch, sich mehr in die Nähe des zu erwartenden Ereignisses zu begeben – und ihm kam vor, als sei er das bei seinem Herrn.

Bording sah den weißen Kopf des Alten ... zwischen den Klubstühlen tauchte er auf, in der Nähe des bronzenen Merkurs, auf dessen schlanken, emporstrebenden Jünglingsleib das elektrische Licht blanke Flächen hingleißte ...

Und wieder, wie damals an seinem Hochzeitstage, kam es ihm vor, als sei dieser kleine alte Mann, der Überlebende aus seiner Kindheit, ihm fast der Nächste auf der Welt ...

Er ging zu ihm, legte ihm die Hand auf die Schulter und schwieg lange.

Endlich sagte er, scheu, mit gepreßter Stimme: »Ja, Schrötter – das sind Stunden ...«

Und Schrötter wühlte sein Taschentuch aus der hinteren Rocktasche.

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