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Ein königlicher Kaufmann

Ida Boy-Ed: Ein königlicher Kaufmann - Kapitel 12
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typefiction
authorIda Boy-Ed
titleEin königlicher Kaufmann
publisherJ. G. Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger
printrun38.-45. Tausend
year1922
firstpub1911
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20090107
projectid19315a16
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XII

Ein stiller Wintertag lag über der Stadt. Kein Schnee lichtete das graue Bild mit weißen Farben auf, nebelnde Feuchtigkeit war in der Luft, die mehrere Grad Wärme hatte. Die Spitzen der Kirchtürme bohrten sich in schleierartig seinen Dunst hinein, und wenn sie dort auch nicht ganz unsichtbar wurden, so schienen ihre Formen doch blaß und äußerst zart. Diese unbewegte, nasse Luft drückte auf alles Leben wie ein Dämpfer. Über die Häuserfronten und Kirchenmauern glitt kein Sonnenstrahl. Sie standen in einer öden Glanzlosigkeit, all ihre grauen und roten Töne erschienen, wie Farben voll zu reichlichen Wassergehalts, dunkler als sonst. Weinerlich und duldend war die Stimmung des Tages. Das Leben auf den Straßen hatte etwas Trübes.

Vor dem Portal des Rathauses, als muntere Farbenflecke vor den alten, schwarzdüsteren Mauern, standen die Schildwachen, die dort jedesmal aufzogen, wenn Senatsstizungen waren.

Die heutige dauerte bis weit über den Mittag hinaus. Die Börse war längst vorüber, als die Wachen endlich präsentieren konnten: die Senatoren traten einzeln, oder zu zweien miteinander plaudernd aus dem Portal, in Frack und weißer Krawatte unter dem Paletot. Sie trennten sich, um fast alle zu Fuß sich nach ihren Häusern zu begeben.

Als die beiden letzten kamen Bording und Landskron heraus, und noch einmal klirrten die festen Griffe der präsentierenden Posten.

Das Auto wartete. Bording hatte auf schnellere Abwicklung der Sitzung gehofft und vorgehabt, noch vor Tisch für eine Stunde ins Geschäft zu fahren. Aber nun war es unmöglich, denn in der Sitzung hatte sich Unerwartetes begeben und sie ungeahnt verlängert.

Was der Senator Landskron mit einigen juristischen Kollegen, und vor allen Dingen mit dem Bürgermeister besprochen hatte, trug er nun in der Ratssitzung als seinen unwiderruflichen Entschluß vor. Er gedachte aus dem Senat auszuscheiden. Er fühlte sich dauernd durch die Empfindung bedrückt, daß er zu seinem jüngeren Kollegen Bording in einem Verwandtschaftsverhältnis stehe, das ganz gewiß nicht gegen den Wortlaut des Artikels 6 der Verfassung sei, aber ebenso gewiß gegen dessen Sinn.

Bording war vielleicht der einzige, dem diese Erklärung überraschend kam. Zwar er wußte: Landskron war mit all seinen Neigungen so sehr Jurist, daß er eigentlich stets mit geheimer Sehnsucht nach dem Gerichtssaal im Rathaus gesessen hatte. Dennoch aber hatte dieser Entschluß des feinfühligen Mannes den Beigeschmack eines Opfers. Und an das, was die Senatorin Landskron dazu sagen werde, wagte Bording kaum zu denken ...

Ein Opfer – um der Tochter willen – für ihre Liebe und ihr Glück ...

Und aus dieser Erwägung heraus kam eine beklemmende, beschämende Unruhe über Bording, die er gewaltsam niederringen mußte.

Der Senat hatte dem Entschluß Landskrons kaum widersprochen. Man war schon vorbereitet, für Landskrons Fähigkeiten und Zukunft das beste Feld zu eröffnen. Der gegenwärtige Präsident des Gerichts feierte in einem Jahr sein Jubiläum und dachte dann zurückzutreten. Bis zu diesem Zeitpunkt konnte Landskron seinen Austritt aus dem Senat hinausschieben, um alsdann Präsident zu werden. Die Lage erforderte ja keine jähe Lösung – in der Tat stand man keineswegs einer Verletzung der Verfassung gegenüber. Wenn Landskrons Absicht, aus dem Senat zu scheiden, als öffentliches Geheimnis sich herumsprach, wurden auch die etwaigen Schreier still, denen »Sippenschaft« und »Familienklüngel« als Schlagworte gelegen kämen.

Landskron und Bording hatten beide gezögert – es sah aus, als trachteten sie danach, zusammen fortzugehen, sich von den Kollegen abzusondern – vielleicht zu vertraulicher Aussprache, was allgemein verstanden wurde.

Aber nun standen sie fast verlegen nebeneinander. Das natürlichste Gespräch, das über Landskrons Entschluß und den Verlauf der Ratssitzung, vermieden sie, als sei da eine Gefahr.

Bording sagte, er könne nicht mehr ins Geschäft, er wolle Therese nicht allein essen lassen. Und er bat seinen Schwiegervater, doch das Auto zu benutzen.

Landskron lehnte fast ängstlich ab.

Er kam nicht über eine fast kindliche Art von Scheu hinweg, daß irgend ein Mensch meinen könne, er spiele den großen Herrn mit den Lebensannehmlichkeiten seines Schwiegersohnes, und hatte es sich unter anderen zum Gesetz gemacht, niemals das Auto zu benutzen, außer wenn Bording oder Therese selbst mit darin waren.

Und gerade in diesem Augenblick war ihm das Gemüt so bedrückt von einiger Angst. Seine Frau ließ seit vielen Wochen allerlei energische Andeutungen verlauten und erging sich in Sentenzen über Mutterrechte. Sie war nicht mit Bording zufrieden – durchaus nicht ...

Landskron dachte immer, er müsse Bording einmal etwas Warnendes oder Bittendes sagen, und wußte eigentlich selbst nicht, welchen Inhalt und welche Form solche Worte hätten haben können.

Ehe man Vorwürfe erhob, müßte man doch wissen, ob Therese Gründe zur Klage habe. Und Therese klagte nie ... daß sie sehr ernst und schweigsam war, daß ihre anmutige Heiterkeit geflohen war – Gott wußte wohin – das hing vielleicht mit der großen Hoffnung zusammen. Er, der Vater, dessen Glück und Daseinszweck Therese war, er wagte nicht, sie zu fragen ... Seine Augen funkelten nur manchmal feucht und seine Bäckchen wurden rot, wenn ihn die Angst packte, daß da was nicht in Ordnung sein könne.

Nun stand er unsicher, sprach etwas von der feuchten Luft und der Schwere des atmosphärischen Druckes und kämpfte dabei mit dem Entschluß, kühn zu fragen: »Können Sie mir etwas Aufschlußgebendes über die Veränderungen sagen, die mit Therese vorgegangen zu sein scheinen?«

Bording fühlte sich festgehalten. Zu unnützen Gesprächen in der klammen Luft hatte er keine Zeit. In dem ihm eigenen Gemisch von Höflichkeit und Ungeduld fragte er: »Sie haben noch etwas auf dem Herzen, Papa?« »Nein, nichts,« sagte da Landskron mit der plötzlichen Entschlossenheit, die Unsichere finden, wenn es den Rückzug gilt.

Nur noch einen Gruß an seine Therese hatte er auf dem Herzen – und sie ließe sich so selten bei den Eltern sehen.

Da sagte Bording: »Noch vier, fünf Wochen, dann haben wir Frühlingsanfang und dann bald hoffentlich endlich wieder normale Zustände. Jetzt darf man Therese keine Vorwürfe machen – aus gar nichts. Adieu.«

Er hielt schon die Uhr in der Hand, um seine durch die lange Senatssitzung bedrängt gewordene Zeit zu überdenken.

Es war fast halb drei. Seit einiger Zeit aß man so früh. Irmler hatte es gewünscht. Bording teilte in Gedanken die Viertelstunden ein: zwanzig Minuten nach drei kann ich abgegessen haben, dann ins Kontor, um halb fünf wollte der Makler tor Straten zu einer geschäftlichen Rücksprache vorkommen; heute früh waren wichtige Berichte aus Ceylon eingelaufen von dem zurzeit dort zur Inspektion sich befindenden Peter H. Petersen; ihr Inhalt war mit den Herren der betreffenden Abteilung durchzuberaten. Für sechs Uhr war Konsul Gundlach zur Rechnungsablage bestellt. Um halb sieben fand im Konferenzsaal seines Kontorhauses eine Aufsichtsratssitzung statt. Dies alles flog durch seine Gedanken und er sagte kurz dem Chauffeur: »Zwanzig Minuten nach drei vor Privatwohnung abholen.«

Er ging eilends die kurze Strecke unter den Mauern des Rathauses hin, um dessen Ecke biegend, und während dieses raschen Ganges dachte er: »Arme Therese!«

Sie hatte heute wieder einmal so gut wie nichts von ihm.

Aber sie war eine so verständige Frau, klagte nie – nun, in dem sicheren Vorgefühl, daß sie ein besonders vernünftiges und einsichtsvolles Wesen sei, hatte man sie ja auch gewählt.

Seit längerer Zeit hatte er sogar das Gefühl, als ob sie ihn gar nicht entbehre, als ob sie das Alleinsein vorzöge.

Merkwürdig! Daß ein Mensch sich so verändern könne, hätte er nie für möglich gehalten. Ihm schien es rätselhaft. Irmler zwar sagte, es sei nichts Ungewöhnliches, alles werde wieder gut und fröhlich aussehen im Frühling.

In Bording war einige Unruhe zurückgeblieben – die versank oft und wurde vergessen im Tumult der Geschäfte, kam aber zuweilen in sein Gemüt zurück. Jener schreckliche Abend hatte ihn sehr ergriffen ... Im Menschengewühl der aus dem Theater strömenden Menge huschte Thora Sanders an ihn heran, sich kürz nahe an ihm vorbeidrängend, und mit ihren flammenden Augen sah sie ihn an und sagte: »Ihre Frau ist eben ohnmächtig geworden.«

Fast zugleich riefen es ihm schon andere Bekannte zu und er stürzte treppan ...

Er kam dazu, wie man Therese nach der Theaterkonditorei trug, um sie dort auf eine der Polsterbänke zu betten. Und gleich einer Leiche hatte sie da hingestreckt gelegen – lang und steil – farblos zum Entsetzen ...

Es war das erste Mal in seinem Leben, daß er eine Frau in einer sehr schweren Ohnmacht sah. Und ganz gewiß: anders konnte Therese auch im Tode nicht aussehen – erstarrt, erloschen, weiß selbst die Lippen – geschlossen die lieben schönen Augen ...

Sein Herz begann rasend zu klopfen, als sie wieder die Augen aufschlug – sie sah ihn an, mit einem Blick – vielleicht wie eine Sterbende, die Abschied nimmt – dieser Blick war ihm erschütternd, aber dann noch eine Minute – dann sah er: sie lächelte schwach, bemühte sich schon wieder, niemand zu ängstigen ... Und da begriff er: es war nicht der Tod, und ein Gefühl heißer Freude erhob ihn ... Wie kahl wäre sein Leben plötzlich geworden ohne sie – wie entsetzlich, wenn alle Hoffnungen vernichtet worden wären!

Aber seit jenem Abend war Therese ein anderer Mensch geworden ...

Gedanken gehen schneller als Füße, und während des kurzen Wegs nach seinem Hause durchmaß sein Gedächtnis so die ganze Zeit, die seit jenem Novemberabend vergangen war.

Unterdes saß Therese wartend in ihrem Zimmer am Fenster und sah hinaus. Der ganze Kirchplatz war von feinem, kaum bemerkbaren Dunst erfüllt. Er war nicht dicht genug, um als Nebel zu wirken, aber er legte eine weiche, stille Traurigkeit um alle Dinge. Und die hohen spitzen Dächer der ragenden Türme, zu denen Therese wie aus der Froschperspektive aufsah, waren vom Schleier umhangen.

Manchmal war es Therese, als könne sie den starren Anblick der roten, wuchtigen Mauern nicht mehr ertragen. Manchmal aber geheimniste sie allerlei Stimmungen und wandelbaren Ausdruck in sie hinein: bei stürmischem Sommerwetter erschienen sie ihr kraftvoll, unter windigen Regengüssen trotzig und in so still durchnebelter Luft von duldender Traurigkeit.

An dies stolze und feierliche Gegenüber voll Ewigkeitshochmut richtete sie all ihre Gedanken. Und sie hatte so viel gedacht seit jenem Abend.

Als sie wieder zu sich gekommen war damals und die Lider öffnete, sah sie in ihres Mannes Augen.

Eine kurze, völlige Besonnenheit kam über sie – sie wußte alles, was geschehen war – sie sah ihn an, ihre Blicke fragten ihn: »Hast du mich verraten?«

Ihr Herz sprach zu ihm: »Ich weiß es, du liebst mich nicht ...« Aber ihre Lippen blieben geschlossen und die kurze Besonnenheit verdämmerte in neuer Schwäche. –

Das war nun viele Monate her. Sie waren in einem schweren Einerlei vergangen. Aber Therese hatte es eigentlich nicht als solches empfunden. Es war ja für sie von einem ungeheuren Kampf erfüllt gewesen, dem unentscheidbaren: sollte sie eine offene Frage an ihren Mann richten?

Stand er noch in einer geheimen Verbindung mit der anderen Frau? Hatte er selbst den Anhänger in ihre Hand zurückgelegt?

Aber immer wieder schien es Therese unmöglich, daran zu rühren ... Wenn sie sich das vorstellte: Er, beschämt vor ihr? ... Der herrische und ungewöhnliche Mann als ertappter Sünder?

Eine dunkle Furcht war in ihr, daß er eine solche Stunde der Aufklärung oder Rechenschaft nicht ertrage, daß er dafür sie, die eine solche herbeiführte, hassen werde ... Es gibt Naturen, die keine Demütigung ertragen.

Sie wußte, hellsehend geworden, es nun ganz gewiß: ihr Mann hatte sie nicht aus Liebe geheiratet – das war auch eine Art von Lüge, denn er mußte erraten, er mußte gefühlt haben: sie gab Liebe und glaubte an seine Liebe – ohne welchen Glauben sie niemals die Seine geworden wäre.

Sie fühlte: sie konnte nicht einfach fortgehen aus dieser Ehe – noch nicht – jetzt nicht. – Sie mußte noch festhalten an den Pflichten, die sie beschworen hatte. Und große, heilige Erwartungen näherten sich der Erfüllung.

Über das, was sich nachher gestalten mußte, welche Formen ihr Leben anzunehmen hatte, wenn sie nicht unter der Demütigung zusammenbrechen sollte, dachte sie kaum nach. Ihr ganzes Wesen trug so schwer an der mühsamsten Last, die es für ein Frauenherz gibt, an dem Zwang: vor Unerklärlichkeiten geduldig halt machen zu müssen ...

Nun drangen allerlei Töne in ihr stumpfes Hinbrüten und weckten sie auf. Das Glockenspiel der Kirche ging fast immer an ihrem Ohr vorüber, sie war es so gewohnt, wie der Müller den Lärm seiner Mühle, den er gar nicht mehr spürt. Aber in manchen Stimmungen nahm sie es auf, horchte ihm wartend entgegen. Und als sie jetzt die Turmuhr halb drei schlagen hörte, lauschte ihre Seele ... Die wehmütigen Töne tändelten durch die stille, feuchte graue Luft, verträumte Klagen, die eine übermenschliche Stimme vor sich hinsingt.

Dann, mitten in der Hingegebenheit des melanchotischen Horchens, erschrak sie. Sie hörte einen Schritt – eine Tür ward geschlossen, sie kannte ja seine Art so ganz genau. Er war da ... Röte flog über ihr abgemagertes Gesicht, sein Kommen löste immer von neuem ein Gemisch von qualvoller Freude, von bebender Angst in ihr aus ... Sie litt durch seine Gegenwart und sehnte sich doch immerfort verzehrend nach ihm.

Nun kam er und küßte ihr die Hand und sagte gleich, daß er leider sehr gehetzt sei, daß man schnell abessen müsse.

Ihr das Haar zu streicheln, ihr die Stirn zu küssen hatte er aufgegeben – sie entzog sich ihm ein paarmal, und da dachte er: »Sie mag jetzt nicht einmal mehr diese brüderliche Herzlichkeit...« Er machte sich gar keine Gedanken darüber. Burmeester bestätigte ihm einmal, was Irmler gesagt hatte: »Die Frauen sind oft wunderlich in solcher Zeit, mögen von dem armen Vater in spe gar nichts wissen – hassen ihn beinahe – aber sei nur unbesorgt – das schlägt nachher in jubelnde Zärtlichkeit um.« –

Man aß also ein wenig im Tempo einer Stationsmahlzeit.

Er erzählte Therese, was sich in der Ratssitzung begeben habe.

»Ich bewundere Papa,« sagte er, »ich glaube nicht, daß irgend ein Mensch jemals ihn und mich in den Verdacht von Interessenwirtschaft genommen hätte. Als ich um dich anhielt, deutete Papa schon die Möglichkeit seines späteren Austritts aus dem Senat an ... weil er nie darauf zurückkam, dachte ich ...«

Er verstummte. Er wollte nicht vollenden: »... dachte ich, daß deine Mutter ihrem Gatten diesen Schritt nicht gestattet habe.«

Therese war rot geworden und schwieg völlig. Wie ein leidenschaftlicher Sturm brausten allerlei Betrachtungen und Erinnerungen durch sie hin ... O ja, sie hatte den Vorsatz ihres Vaters gekannt – sie ahnte auch den Unwillen ihrer Mutter voraus ... Sie dachte in einer Aufwallung von grenzenloser Bitterkeit: »Und warum? Um meiner Liebe, meines Glückes willen?«

Oder um ihres Mannes Behagen und Bequemlichkeit willen?

Opfer und Unruhe und neue Lebensgestaltungen um eines kurzen Rausches und einer langen Täuschung willen?

Bording fiel ihr Schweigen auf. Er fand es klüger, nicht daran zu rühren. Er versank auch selbst in Stummheit und war unversehens mit seinen Gedanken so sehr bei all den vaterstädtischen und geschäftlichen Angelegenheiten, die ihn gerade jetzt so über alle Maßen beschäftigten, daß sein Grübeln den Charakter völliger Geistesabwesenheit annahm.

Zum Schluß fuhr er daraus empor: »Verzeih mir, Therese – ja dies Wort ist nun fast das Leitmotiv in unserer Ehe ... Aber ich tröste mich: Gott und die Frauen haben ein gemeinsames Metier: immer wieder zu verzeihen.«

»Hierbei ist nichts zu verzeihen,« sagte Therese, »deine Arbeit geht meiner Unterhaltung vor.«

Und sie, vergiftet von all dem Halbwissen, wie sie nun war, dachte zugleich: »Wenn es wirklich immer nur die Arbeit ist, die ihn von mir fernhält ...«

Er küßte ihr zum Abschied wieder die Hand, sagte noch, daß sie mit dem Abendessen, wie gewohnt, nicht warten solle, und als er dann zwei Minuten später im Auto saß, dachte er: »Eine sehr bequeme Frau, meine gute Therese – ausnehmend bequem – fällt jetzt, wo es ihr ersichtlich unerfreulich geht, nicht mit Klagen und Ansprüchen lästig.« Ja, durch diese beständige »Bequemlichkeit« sank eben zuweilen seine Andacht und heiße Dankbarkeit ein wenig zu wohlwollender Anerkennung herab ...

Im Kontor vertiefte er sich zunächst in seine Korrespondenz, und als sie durchflogen, war, berief er Baumann. Baumanns Gesicht hatte sich inzwischen etwas gerundet und man hörte ihn sehr selten husten. Er saß an der Schreibmaschine, Bording, die Hände in den Hosentaschen, daß der Gehrock zurückgerafft ward, wanderte auf und ab. Das regelmäßige Getippel erfüllte den Raum und gab das Begleitgeräusch her zu der diktierenden Stimme. Der feuchte Dunst, der draußen die Luft erfüllte, schien vor der Ferne zu stehen wie eine blaugraue Glasscheibe.

In diesen Arbeitsfrieden hinein kam der Kontordiener mit einer Miene, die Ungewöhnliches ankündigte: »Frau Senator Landskron wünschen Herrn Senator zu sprechen.«

»Nanu!« dachte Bording perplex und gerade nicht erfreut.

Heute! Wo die Dinge, die erledigt sein wollten, einander auf die Hacken traten in der Unmittelbarkeit ihrer Eile ... Aber abweisen war unmöglich – Theresens Mutter! Die zum erstenmal sein Kontor betrat! Weshalb kam sie? Bording dachte: »Sicherlich um mit mir den Entschluß ihres Mannes zu besprechen – sie wird sich mit Händen und Füßen dagegen wehren, daß er aus dem Senat tritt, und ich soll ihr beistehen.« Das konnte ein lästiges und resultatloses Gespräch geben. Denn er dachte nicht daran, Landskron beeinflussen zu wollen. Er wußte ganz genau: wenn zögernde Charaktere endlich einen Entschluß faßten und laut aussprachen, war der unerschütterlich.

Er seufzte. Also ja: er lasse bitten. Und Baumann bekam den Handwink, der hieß: Verduften ...

In ihrer vollen Wucht und Breite kam sie nun über die Schwelle, die Zugstiefel in Gummischuhen unter dem hochgerafften Kleid sichtbar, in der den Oberkörper noch verbreiternden Mantille, die im Winter von dickem Stoff war und eine Pelzkante hatte.

»Verehrungswürdigste Schwiegermama,« sagte Bording, »Sie selbst in der Höhle des Löwen ...«

Er schob ihr seinen Schreibtischstuhl zurecht, in welchem sie mit langsamer Majestät Platz nahm.

»Sie haben ein Recht, erstaunt zu sein,« begann sie und hakte die Mantille oben an ihrem Halse auf, was Bording äußerst beunruhigte, denn es schien ihm auf die Absicht eines langen Gesprächs zu deuten.

»Ich bin sehr pressiert, verehrungswürdigste Schwiegermama, eine Reihe der allergewichtigsten Angelegenheiten ...«

»Keine kann wichtiger sein als die, welche mich herführt.«

»Sie sehen mich gespannt.«

»Sie mußten sich doch sagen, daß ich das Bedürfnis fühlen würde, den Entschluß meines Mannes, von dem er mir soeben Mitteilung machte, mit Ihnen zu besprechen.«

»Nein – allerdings nicht gerade – ich dachte nicht, daß ich so sehr in Ihrem Vertrauen – ich möchte vorweg bemerken, verehrte Mama, daß ich mich nicht berufen fühle, auf Ihren Gatten irgendwie einzuwirken,« sagte Bording, von geheimer Ungeduld verzehrt.

»Sie irren sich,« sprach sie streng, »auf meinen Mann einzuwirken wollte ich Sie nicht einladen.« Und sie dachte: »Das tue ich selbst, wo es möglich ist!«

Er schwieg mehr aus Ratlosigkeit als in Erwartung.

»Ich wollte Ihnen nur sagen, was mich der Entschluß meines Mannes kostet, und ich wollte Sie nur fragen, ob das Opfer, das wir bringen, gewürdigt wird, ob es verdient ist! Wohl darf ich es eingestehen, daß ich, als junge Witwe mit meinem kleinen Töchterchen verwaist dastehend, die Hand Landskrons mehr aus Gründen der Achtung und des Verstandes annahm als gerade aus Liebe. Er war der Vetter meines Mannes, trug den gleichen Namen wie er. Er war, gleich ihm, von bescheidenen Vermögensumständen. Aber er trug in seinem Namen, seiner Familie, seinem Beruf, seiner Persönlichkeit die Garantien für eine dennoch ansehnliche Zukunft. Es erschien mir schon damals so gut wie sicher, daß er einmal Senator werden würde, und das ist eine Position, die mir zusagt.«

Sie besann sich ein paar Sekunden. Sie wünschte so wuchtig als möglich zu sprechen, in jeder Hinsicht vor Bording aufzutrumpfen. Da hieß es die Worte bedenken, denn es war schwer, zugleich taktvoll und richtend zu sein.

»Ich habe,« fuhr sie fort, »in meiner Ehe dann bald Landskron von Herzen lieben und verehren gelernt.«

Dies sprach sie zum erstenmal, auch vor sich selbst aus, ohne eigentlich genau zu wissen, ob es eine Wahrheit sei. Sie dachte nicht über Gefühle nach. Aber sie wollte dies als geschmackvolle Ergänzung und Verbesserung sagen, zu ihrem Eingeständnis der Motive ihrer zweiten Heirat.

»Wer sollte ihn nicht lieben und ehren,« bestätigte Bording. »Hauptsächlich aber gewann mein Mann meine Dankbarkeit, weil er meinem Kinde ein hingebender, opferwilliger Vater ward. Und nun will er das Äußerste tun. Thereses Heirat hat ihn in einen Konflikt mit seiner Stellung gebracht, niemand hat bisher daran Anstoß genommen, sein subtiles Ehrgefühl kommt dennoch nicht zur Ruhe ... Er will den Senat verlassen. Ich bin die Mutter. Ich kann nicht umhin, mich zu fügen. Es wird mir nicht leicht. Ich liebe meine Stellung. All dies nehme ich im letzten Grunde Ihretwegen auf mich. Wie freudig täte ich es, wenn ich dächte, die Ehe meiner Tochter ist solch Opfer wert. Können Sie mir das mit freier Stirn bestätigen? Haben Sie, im Hinblick auf Therese, gar keinerlei Schuldbewußtsein?« fragte sie erhobenen Hauptes und mit einer wahren Erzieherinnenstrenge.

Bording bekam eine rote Stirn. Dieser Ton reizte ihn. Ihn reizte die ganze Frau, in deren rundem, flachen Gesicht alle Züge nur wie angedeutet schienen, ohne irgendwelche kraftvolle Vertiefungen und Erhöhungen. Die blassen Augen unter den breiten Lidern, das Näschen, der dünnlippige Mund – über dem Stückchen glatten Scheitels die thronende Kapotte mit dem steilen, kleinen Federtuff – alles ärgerte ihn, alles.

»Ich bin mir keiner Rücksichtslosigkeiten gegen meine Frau bewußt,« sagte er kurz.

»Sind Sie sich auch bewußt, sie glücklich gemacht zu haben?« fragte die Senatorin mit einem zitternden Pathos in der Stimme, ohne daß der Ausdruck ihres Gesichts zeigte, was offenbar ihr Gemüt bewegte.

Diese Frage traf Bording wie ein unerwarteter »Ich habe bis zu diesem Augenblick geglaubt, daß Therese glücklich ist.«

»Und Sie haben nicht die traurigen Veränderungen an ihr bemerkt, die mit ihr vorgegangen sind?«

»Ich glaube, von Irmler in meiner Annahme bestärkt, daß es vorübergehende körperliche Indispositionen sind.«

Die Senatorin zog ihre schwere Mantille, die rutschen wollte, mit einer besonderen, spreizenden Ellbogenbewegung höher und um sich zusammen. Es war in der Geste etwas wie Kampfesvorbereitung.

»Das wäre nun ja sehr bequem für Sie, wenn es stimmte,« hob sie an. »Aber Therese ist eine vollkommen gesunde Frau; es liegen keinerlei Gründe vor, die ihr einen Zustand so beschwerlich machen sollten, den ich seinerzeit in bestem Wohlsein ertrug, den tausende vorzüglich ertragen. Und da die Ursache dieses Zustandes ein großes Glück ist, von Ihnen doch wohl als solches empfunden wird, so wäre das Natürliche, daß Therese strahlte in Vorfreude. Aber sie strahlt nicht. Es wäre das Natürliche, daß Therese vor Wichtigkeit und glücklicher Spannung ihre Mutter außer Atem brächte mit Fragen und Vorbereitungen. Aber Therese ist ernst und schweigsam.«

Mit wahrhaft schneidender Schärfe antwortete Bording: »Es tut mir leid, daß Theresens Mienen nicht dem Schema entsprechen, welches es offenbar für junge Frauen in dieser Disposition zu geben scheint. Aber ich muß es ablehnen, mich mit Ihnen darüber auszusprechen.«

Die Frau öffnete vor Erstaunen ein wenig den Mund und blieb eine halbe Minute still, während welcher Zeit er heftig auf und ab ging.

Was denn? Er verbot ihr gleichsam den Mund? War sie nicht die Mutter? Hatte schon jemals ein Mensch gewagt, solchen Ton ihr gegenüber anzuschlagen?

»Das ist stark,« sagte sie endlich ohne Heftigkeit, aber mit der völligsten Überlegenheit über alle Menschen und Dinge, in der sie sich immer fühlte; »ich bin die Mutter. Und als solche fordere ich von Ihnen Rechenschaft, wohin die Heiterkeit und Gesundheit meiner Tochter gekommen ist, und ich ermahne Sie, mit mehr Liebe und Rücksichtnahme Ihre Pflichten zu erfüllen.«

Er war vor Zorn ganz blaß. Hatte schon jemals ein Mensch gewagt, einen solchen Ton gegen ihn anzuschlagen? Er dachte nicht daran, daß es ja ohne Zweifel ein echtes Muttergefühl sei, das hier in unglücklich gewählter Form sich äußerte; er empfand diese Frau gar nicht als Mutter Theresens. Er empörte sich nur gegen eine Einmischung in seine Ehe – um so leidenschaftlicher, als er sich bewußt war, auf welchen Fundamenten er diese Ehe errichtet hatte. Aber er war nicht der Mann, sich durch brausende Ausbrüche in eine schwächere Stellung dem Angreifer gegenüber zu bringen.

Er stand vor ihr still. Mit Feldherrnhaltung stemmte er die Linke auf die Platte seines Schreibtisches.

»Ich verbitte mir jede Einmischung in meine Ehe!« sprach er hart und kurz.

»Von der Mutter,« sagte sie höchst belehrend, »haben Sie sich gar nichts zu verbitten. Das Mutterrecht wird sogar von unzivilisierten Völkern anerkannt, und es gibt einige Stämme in Afrika, bei denen die Schwiegermutter die Rechte einer geheiligten Person besitzt. Es ist somit nicht nur mir zukommend, sondern sogar meine Pflicht, mich um das Glück und die Gesundheit meiner Tochter zu bekümmern. Ich urteile nicht leichtfertig, nach allgemeinen Eindrücken. O nein, ich habe auch Beweise davon, daß meine Therese tyrannisiert wird. Ober wie wollen Sie es anders nennen als Tyrannei, daß Sie Therese hinderten, an einer Gesellschaft im Elternhause, die ihr gewiß Vergnügen gemacht hätte, teilzunehmen, daß Therese Unpäßlichkeit vorschützen mußte, daß Sie vorgaben, ihr Gesellschaft leisten zu wollen, aber ganz einfach im Kontor saßen, um zu arbeiten?! Dergleichen Vorkommnisse sind symptomatisch. Und wenn nun eine Tochter vielleicht selbst nicht den Mut hat, für sich und ihre gerechten Ansprüche einzutreten, ist eben der Moment da, wo die Mutter aufzustehen und Rechenschaft zu fordern hat.«

Diese ihre Ansprache gab ihr ein gutes Gefühl von Selbsterhebung. Sie war sicher, diesem hochmütigen Mann einmal gründlich etwas klargemacht zu haben. Und voll Befriedigung hakte sie mit Entschlossenheit ihre Mantille wieder zu, vom Triumph des letzten Wortes getragen. Denn was konnte er hiergegen noch sagen?! Einfach nichts.

Das Allerschlimmste war geschehen: man war ihm mit Kleinlichkeiten gekommen! Das schlug seinen Zorn nieder, stellte eine ungeheure Entfremdung zwischen ihm und dieser alten Frau her. Gab ihm das Gefühl: wie lästig – ja, nur noch lästig war sie ihm ...

Er sprach kalt: »Es gehört nicht zu meinen Gewohnheiten, mit Damen völlig überflüssige und meine kostbare Zeit beraubende Dispute zu führen.«

Dabei lag eine beleidigende Höflichkeit in seiner Art – sie war ganz die des großen Herrn, der sich durch die kleine und nebensächliche Unruhe, die sich an ihn herangewagt hat, nun nicht einen Moment länger aufhalten lassen wird.

Die Senatorin Landskron begriff endlich: sie kam nicht an ihn heran, an diesem Mann scheiterte ihre Autorität, die sie, weil sie ihr selbst so bedeutend vorkam, für bezwingend gehalten hatte. Sie mußte mit einer Niederlage abziehen – dafür fehlte ihr aber die Vorbereitung und die Veranlagung.

Sie saß hilflos. Sie suchte nach einem Wort, um ihn zu übertrumpfen, und fand es nicht, gelähmt von der Furcht, er würde gar nicht darauf hören ...

Denn in der Tat – das Unglaubliche geschah: er trat an den Schreibmaschinentisch und nahm einen kleinen Stapel aufeinandergelegter, schon beschriebener Blätter in die Hand und schien das oberste zu lesen ...

Da erhob sie sich.

»Es tut mir leid, daß ich mich herbemüht habe,« sagte sie beinahe heiser vor Groll.

»Ich beklage es auch,« antwortete er kühl; »verbessert hat sich unsere Beziehung durch diesen Ihren Besuch sicherlich nicht.«

»Sie dürfen sicher sein, daß ich ihn niemals wiederholen werde.«

Er zuckte die Achseln.

»So gehe ich denn,« sagte sie erbittert, »in bester Meinung bin ich gekommen. Aber mit Ihnen ein inniges Familienleben zu führen, ist unmöglich.«

Er machte eine bedauernde Bewegung.

Und so, da er seiner Kälte die Krone aufsetzte, indem er schwieg, so mußte sie wohl wirklich gehen. Wuchtig schritt sie zur Tür, öffnete und schloß sie sofort wieder. Denn durch den Spalt hatte sie den wartenden Baumann gesehen.

»Nun hat Baumann gehorcht. Es ist mir um so fataler, als diese Baumanns früher von uns protegiert worden sind – das entwickelt so wie so Neugier und Zudringlichkeit bei kleinen Leuten,« sagte sie, sehr unangenehm berührt durch diese verkehrte Einrichtung, Lauscher vor die Tür zu postieren.

Bording sah sie an. An seinem linken Mundwinkel zog sich hart die tiefe Falte hin.

»Beruhigen Sie sich, verehrungswürdigste Schwiegermama,« sprach er, »mein Sekretär Baumann hat genau ebensoviel Ehrgefühl wie ich selbst, und er horcht niemals.«

»Ach Gott – das denken Sie so ...« machte sie zweifelnd.

Aber sie mußte ja doch an Baumann vorbei, von dem sie fest glaubte, er hätte gehorcht. Sie stärkte sich durch Hochmut und fand einen Ausgleich darin, daß sie an dem jungen Menschen vorbeirauschte, ohne ihn zu grüßen.

Bording berief noch keineswegs sofort Baumann zur Fortsetzung der Korrespondenz herein.

Er stand und starrte ins Gegenstandslose hinein.

Dieses Zwischenspiel, so gänzlich unerwartet in seine Stundenordnung hineingebrochen, hatte ihn aus der Fassung gebracht.

Er begriff dies eine: Therese mußte also auf ihre Eltern – ja auch der liebe, herzenstiefe, vornehme Vater war in letzter Zeit so bedrückt – noch heute mittag vor dem Rathaus schien es so – Therese mußte also auf ihre Eltern und vielleicht auf alle Welt den Eindruck einer unglücklichen Frau machen.

War es nur ein Eindruck? Ein irreführender? Oder war sie wirklich nicht glücklich?

Er biß sich auf die Lippen. Seine erste Empfindung war: verletzter Stolz! Seine Frau, Jakob Martin Bordings Frau, sollte nicht von der Welt für unglücklich gehalten werden.

Und wie konnte sie es denn sein? Sie liebte ihn. Er trug sie nach besten Kräften auf Händen. Daß er so wenig Zeit für sie habe, begriff ihre Einsicht. Sie klagte nie.

Ihm nie!

Und da war plötzlich die große, schwere Frage: Hatte sie ihren Eltern geklagt?

Das wäre ...

Eine Frau, die aus den Stimmungen und Geheimnissen ihrer Ehe spricht ...

Wie verletzend, wie kindisch, wie klein, wie würdelos! Eine kurze feindselige Aufwallung, gegen Therese gerichtet, kochte in ihm hoch.

Aber schon im selben Augenblick fast, als ihn das benahm, zwang er es nieder.

Ah – nein – das hatte Therese nicht getan! Er bat ihr heiß diese schnelle Aufwallung ab.

Er fühlte ganz zweifellos, ganz felsenfest, mit einem wundervollen Vertrauen zu Theresens Vornehmheit: sie würde niemals ihre Ehe von Worten und Blicken anderer betasten lassen ...

Und als dieser Glaube so warm und völlig sein Gemüt erfüllte, wurde ihm wieder gut und freudig zumut.

Therese war glücklich. Natürlich war sie glücklich. Die Mutter, schon lange in den Hintergrund versetzt und dort ihrer Veranlagung nach nicht zufrieden, hatte sich nur mal irgendwie vordrängen und betonen wollen. Und das, was sie heute erfahren hatte, reizte die Frau, die an kleinlichen, äußerlichen Nuancen hing, die ihr »Ehre« bedeuteten. Irgendwie hatte sich ihre Aufregung entladen müssen, und ein lang genährter Eifersuchtsgroll gegen den Schwiegersohn brodelte auf. Indem sie gegen ihn auftrumpfte, erleichterte sie eigentlich ihr Gemüt von dem Ärger über den Verlust ihrer Stellung. Ja, so war es. Therese hatte nicht teil an diesen Taktlosigkeiten.

Es war auch für ihn, gerade aus diesem warmen Glauben heraus, selbstverständlich, daß er Therese kein Wort von den Taktlosigkeiten ihrer Mutter erzählen würde. Es könnte sie aufregen. –

Nun drückte er auf den Knopf in seiner Schreibtischplatte, und Baumann trat alsbald ein. Verlorene Zeit war einzuholen. Er hatte auf der Stelle seine völlige Sammlung wieder. Das war eine seiner Begabungen, alles von sich schieben zu können, was ihn von seinen Geschäften abzulenken vermocht hätte.

Die Kontorstunden wickelten sich mit dem vorbestimmten Inhalt ab.

Der Makler tor Straten kam, einer der Vertrauensmänner Bordings, durch den er Grundstücke kaufen und Gelder hypothekarisch anlegen ließ. tor Straten, dessen bartloses Gesicht durch die berufsmäßig stets zu übende Vorsicht, Besonnenheit und Verschwiegenheit einen beinahe diplomatischen Ausdruck bekommen hatte, brachte den Bericht über den Ankauf der Gelände am Flußufer, wo die Fischdüngerfabrik errichtet werden sollte. Der Plan war ins Stocken gekommen, und seine Ausführung hatte um ein Jahr hinausgeschoben werden müssen, weil Graf Strachow, der Urheber des Planes, nicht seine Mittel hatte flüssig machen können, aber gewiß war für den späteren Zeitpunkt die nötige finanzielle Ellbogenfreiheit zu bekommen. Bording fand indessen jetzt den Augenblick zu günstig, sich der in Aussicht genommenen Ländereien zu bemächtigen, um ihn vorübergehen zu lassen. Der Eigentümer, ein kleiner Landmann, brauchte Geld, billig und bar zu verkaufen war ihm eben erwünscht. Da nun ein Besitzwechsel gerichtsnotorisch ins Grundbuch einzutragen war und dadurch bekannt geworden wäre, entschied Bording: Wiesen und Felder sollten einstweilen in der Benutzung des Landmannes bleiben, der die künftige Kaufsumme sofort in Form eines zinslosen Darlehns erhielt; Burmeester hatte einen Vertrag aufzusetzen, in welchem ausgesprochen war, daß das Besitzrecht an Bording überzugehen habe an dem von ihm noch zu bestimmenden Zeitpunkt. Denn geheim mußte die Sache bleiben. Vorzeitiges Gerede über das geplante Unternehmen konnte es gefährden, konnte eine andere Seite zu dem Entschluß treiben, zuvorzukommen. Auch eine ganze Reihe sonstiger vorbereitender Schritte ließen sich in aller Stille tun. So stand man schlagfertig da, wenn Graf Strachow sagen konnte: »Ich bin in der Lage ...« Also das hatte tor Straten zur Zufriedenheit erledigt – die betreffenden Ländereien hatte man fest in der Hand.

Als der Makler gegangen war, traten der Disponent und der erste Buchhalter der Teeabteilung an. Es gab eine sehr lebhafte Debatte, denn Bording wünschte von seinen Mitarbeitern völlig franke Aussprachen und ertrug, Widerspruch in einem Grade, wie es niemand für wahrscheinlich gehalten hätte.

Später zeigte sich Gundlach mit Auszügen aus seinen Büchern, aus denen Bording die jämmerliche Bedeutungslosigkeit des Hauses Gundlach, das ganze Scheindasein der kleinen alten Firma völlig erkannte. Und das Konsulchen mit seinem bedeutenden Haupt saß bleich, mit verkniffenen Leiden gefolterter Eitelkeit dabei, als Bording einfach einen der Herren aus der Finanzabteilung berufen ließ und mit ihm, über Gundlachs Kopf hinweg, einige Maßnahmen besprach, die der verschlafenen Firma neuen Aufschwung zu geben geeignet sein sollten und die Gundlach in seinem Herzen sämtlich für verkehrt hielt.

Gundlach zog sich gerade mit einer zu tiefen Verbeugung zurück, als auch schon die Herren vom Aufsichtsrat der Baumwollgesellschaft im Vorzimmer ihre Pelze ablegten.

Als erster kam Meno Sanders herein.

Er war seit einiger Zeit etwas herablassender gegen die übrige Menschheit, denn man sprach davon, daß der Senator Flügge, ein Großonkel Hartmann-Flügges, an einem unheilbaren Leiden hinsieche. Und so hoffte vielleicht Herr Sanders, daß durch diese unerwartete Schicksalswendung doch möglicherweise sich der Ärger ausgleichen könne, der ihm durch Bordings Wahl in den Senat geworden war.

Als Bording den großen blonden Mann sah und sie einander mit kalter Freundlichkeit die Hand reichten, dachte er: »Ob auch wohl Sanders und – Thora meine Frau für unglücklich halten?« Und dieser Gedanke empörte ihn. Sie, sie zuletzt von allen Menschen sollte an Theresens Glück zweifeln ...

Wenn doch die Zeit flöge und Therese erst der Welt wieder das glückselige, frische Gesicht zeigte, das sie damals gehabt hatte, als sie seine Braut war ...

»Tag, Senator,« sagte Hartmann-Flügge, »wie geht es deiner Frau? Ich höre mit Bedauern, daß sie sehr misepetrig ist.«

»Wer sagt das?« fragte Bording scharf.

»Sachte, sachte, sachte,« ermahnte Hartmann-Flügge äußerst gemütlich, »teilnahmvolle Nachfragen nach höchstdero Gattin sind ja woll noch erlaubt.«

»Es geht meiner Frau durchaus nach Wunsch.«

»Na also!« fagte Hartmann-Flügge.

»Wie erfreulich,« sprach der Senator Hedenbrink; »man hörte Beunruhigendes. Also wieder mal bloß Klatsch.«

Bording verachtete Klatsch. Und dennoch hatte er jetzt eine brennende Begierde zu hören, was man denn zusammenlöge ...

Ja, das hätte ihm aber keiner gesagt. Es hieß, er behandle seine Frau hart, sperre sie beinahe ein, halte sie von ihrer Mutter fern, sei geizig, daß sie sich deshalb so unscheinbar und unkleidsam anziehe. Und Fräulein Trudi Gundlach und andere Schulgenossinnen und Jugendfreundinnen sagten: das käme davon! Warum habe Therese sich auch gegen ihren Willen an den reichen Mann verkaufen lassen! Unglücklich war Therese nun, das sah man ihr schon auf zehn Schritt an. Ja, für Geld kann man alles haben, nur kein Glück.

» Klatsch?« sagte Bording und zuckte die Achseln.

»Teilnahme!« verbesserte Burmeester gutmütig. »Meine Frau befindet sich durchaus normal,« versicherte Bording nochmals laut ins Zimmer hinein, als stehe er vor lauter Feinden.

»Meine Herren, ich bitte!« ermahnte Hedenbrink.

Und sie sammelten sich um den grünen Tisch, den zwei elektrische Birnen unter grünen Schirmchen beschienen. Die Stimmen lösten einander ab und hoben und senkten sich, und Baumann saß und stenographierte, und jeder neue Redner, jede langausgesponnene Debatte machte dem armen Baumann das Gesicht heißer. Denn er sehnte einen schnellen Verlauf der Sitzung herbei, weil er nachher noch ein Anliegen an seinen Herrn hatte. –

Therese ward an diesem Abend dadurch überrascht, daß ihr Mann viel früher nach Hause kam, als er vorgehabt und ihr verheißen hatte.

Gegen halb neun öffnete er die Tür zum Eßzimmer. Und der Anblick, den er in Sekundenschnelle und ohne im Türrahmen länger zu verweilen, in sich aufnahm, ergriff ihn.

Wie einsam saß die junge Frau da in dem ziemlich großen, hellbeleuchteten, prachtvollen Raum. Obgleich eine Silberschale voll Blumen auf dem Eßtisch stand, wirkte er doch leer. Das weiße Damasttuch war nicht mit Bestecken und Gläsern versorgt. Nur da oben, an der Schmalseite, wo Therese saß, stand ein bißchen kaltes Fleisch und eine Teetasse dampfte. Und Bording hatte plötzlich das unabweisbare, furchtbare Gefühl, daß seine Frau ihr Butterbrot vielleicht mit verhaltenen Tränen hinunterwürge ...

Therese fuhr auf. Es war nicht für ihn gedeckt; seine leichte warme Schüssel nun noch nicht fertig; er mußte entschuldigen ... Der Diener kam, das Gedeck für ihn wurde aufgelegt, die Karaffe mit Rotwein hingestellt.

In allem war eine fast zitternde Fürsorge, die ihn beschämte.

Dann saß er bei Therese, und obschon er versuchte, sie lebhaft zu unterhalten, sah sie doch: er zwang sich, hatte seine besonderen, verstimmenden Gedanken im Hintergrund. Sie kannte ihn ja so genau.

»Darf ich wissen? Du hast Ärgerliches?«

Ehedem, wenn sie so fragte, hatte sie zugleich sehr vorsichtig und liebevoll seinen Handrücken gestreichelt. Er erinnerte sich plötzlich daran ... Es fehlte ihm ... Ihre Hand war so leicht – die Liebkosung von solcher zarten Bescheidenheit ... Mit einem Male war ihm, als hätte all ihre stolze Keuschheit und zugleich all ihre seelische Hingabe in dieser kleinen, leisen Geste sich immer gezeigt ...

»Ach – Baumann ...« sagte er zerstreut. Fast nur, um überhaupt etwas zu antworten.

»Baumann!« wiederholte sie verwundert. Wenn man ihr erzählt haben würde: Baumann hat sich für seinen Herrn totschlagen lassen, hätte sie es geglaubt. Aber Arger? Von der treuen Seele verursacht?

»Ja, denke, nach Schluß der Konferenz, als ich es schon eilig hatte herzukommen. ›Baumann‹, sag´ ich, ›ich habe meine Dispositionen geändert, wir machen heute keine Überstunden‹ – da fragt er, ob ich ihm eine Fünfminutenunterredung gewähren will. Na, das heißt bei Untergebenen ja stets, daß sie was zu klagen haben, oder was zu erbitten denken. ›Also rasch, rasch, Baumann‹, ermahn' ich ihn – ›ich hab's eilig, muß zu meiner Frau‹. Aber wie langsam und umständlich sich die Leute beim Bitten betragen! Was wirst du sagen! Du kannst es dir nicht denken: es kommt heraus: er will wahrhaftig heiraten!«

»Ach – Baumann!« rief Therese voll Interesse. »Wen denn?«

»Nun, das hab' ich ihn nicht gefragt. Er sagte wohl einen Namen, ich hab' ihn wieder vergessen. Das ist ja auch Nebensache.«

»O Jakob, es ist die Hauptsache, alles kommt ja auf das Mädchen an.«

»Liebes Kind, alles kommt auf die wirtschaftlichen Verhältnisse an. Und die sind: Baumann ist finanziell nicht in der Lage, eine Familie zu begründen, und die Gehaltserhöhung, die er zu diesem Zweck erbat, schlug ich ihm ab.«

Theresens Augen wurden voll Leben und Glanz.

»Gerade ihm? Warum? Weil er dich voriges Jahr so viel Geld gekostet hat?«

»Bewahre. Ich habe ihm, damit er nicht etwa auch diesen Einfall habe, gleich eine abermalige Kur für den Sommer versprochen.«

»Du gewährst doch Kommis und Arbeitsleuten Zuschüsse, damit sie heiraten können – wenigstens hab' ich das eine und andere Mal vom alten Schrötter dergleichen rühmen gehört.«

»Wenn ich einen gesunden, ordentlichen Mann vor mir habe, der in der subalternen Kontorkarriere sicher gut weiterkommen wird; wenn es sich um einen braven Arbeiter handelt, der einen Hausstand gründen will, sehe ich es als meine Pflicht an, nach genauer Prüfung der Verhältnisse den Leuten eine frühe Heirat zu ermöglichen. Darin liegt volkswirtschaftliche Gesundheit. Ganz was anderes ist es aber, wenn ein kränklicher Mensch, der über seine jetzige Stellung hinauszukommen kaum die Kräfte und die Fähigkeiten hat, eine Familie gründen will. Da wird es umgekehrt volkswirtschaftliche Pflicht, solche Leute am Heiraten zu hindern.«

Therese sah ihren Mann förmlich flammend an.

»Und was sagte Baumann?« fragte sie.

»Mein Gott, wie du dich über den guten Baumann aufregst!«

»Und was sagte er?« wiederholte sie leidenschaftlich.

Bording sah plötzlich den armen jungen Menschen vor sich stehen, aus vertrauensvollster Hoffnungsseligkeit bis zur Fassungslosigkeit zerschmettert, leichenblaß, mein Gott, es hatte ihn ja selbst gedauert – aber nun wurde es mit einem Male wie ein Vorwurf schwerer Art ... Aber Therese mußte Einsicht haben! Der Verstand sprach durchaus dagegen, daß Baumann heirate.

»Baumann sagte nicht viel. Er wurde sehr blaß – ja, leider – er sagte nur ganz leise: ›Herr Senator, ich liebe das Mädchen über alles in der Welt, und ich glaube, das Glück mit ihr würde mich gesünder machen als alle Kuren.‹«

»Und du hast es ihm dennoch verweigert?«

»Ich deutete ihm schonend an, daß Brustkranke ...«

»Oh – schonend – schonend – nein, nur Grausamkeiten konntest du sagen, denn dein Verstand sprach. Und in diesen Dingen – in diesen – muß nur das Herz sprechen ... wenn man – eines hat ...«

»Therese!«

»Ja, und er soll glücklich werden – mir zu Gefallen wirst du ihm alles gewähren,« sprach sie außer sich, »es ist die erste Bitte, die ich an dich richte! Du wirst sie erfüllen. Denn ich will dir sagen: es ist besser früh sterben und in Liebe zusammen Tränen und Sorge haben, als ohne Liebe in Glanz und Leere leben ...«

»Therese!«

Sie stand auf – an allen Gliedern fliegend – sie wollte sich flüchten –

Denn sie fühlte, die Fugen ihres Herzens öffneten sich, der ganze stolze Bau von Fassung und Verschwiegenheit zerbrach – das Leid wollte herausströmen ...

In diesem Augenblick klopfte es kurz, und auf der Stelle kam der Diener herein. Er gab sich den Anschein, die heiße Erregung der Herrin, das verstörte, blasse Gesicht des Herrn nicht zu bemerken.

»Von Frau Senator Landskron,« meldete er und reichte Therese das silberne Brettchen hin.

Sie nahm den Brief. Mechanisch öffnete sie ihn. Empfand ihn nur als Störung, als Aufenthalt. Sah nur Buchstaben und begriff keinen Sinn. Und las dann noch einmal, weil ihr Blick sich an die Worte »Dein Mann« festklammerte – von diesem Wort ging ja die Herrschaft über ihr Leben aus...

»Mein geliebtes Kind, Du hattest, wie erinnerlich, meinen Mann und mich, Deine Mutter, zu übermorgen zu Tisch gebeten. Wir müssen aber diese Einladung, die schon angenommen war, nachträglich ablehnen. Der Ton, den Dein Mann gegen mich anzuschlagen beliebte, hält mich für so lange von seinem Hause fern, bis er sich bewogen findet, meine Verzeihung zu erbitten. Hingegen hoffen wir Dich bald bei uns zu umarmen. In Treue Deine schmerzlich bewegte Mutter.«

Therese las halblaut – beinahe lallend – sie ließ den Brief sinken.

»Was ist geschehen – was?«

»Ich würde es dir völlig, für immer verschwiegen haben. Aber dieser Brief ...« Er räusperte sich etwas. »Ja, also ... deine Mutter war heut bei mir im Kontor – es schien, als wolle sie es mir vorhalten und anrechnen, daß ihr Mann aus dem Senate treten will – als wolle sie mich zur Rede stellen, ob der Preis auch für eine wirkliche Leistung gezahlt werde. Gott, wie soll ich das ausdrücken, was sie ziemlich unklar, aber jedenfalls recht vorwurfsvoll zu sagen wünschte ... Kurz, sie wähnt dich unglücklich ...«

Therese mußte sich an der Stuhllehne festhalten, neben der sie stand. Ihre Blicke brannten förmlich auf dem Gesicht des Mannes.

»Das – das – das ...« sie konnte noch keine rechten Sätze formen – in ihr war Sturm – der warf alles durcheinander...

»Erzähl' mir – sprich – sage – was war ...«

Wie sollte er diesen Bericht geben? Wie das törichte Betragen der Mutter, die eigene, eisige Schärfe schildern?

Und plötzlich schien ihm: ein nachsichtig gütiges Wort von ihm, vielleicht eine freundliche Wendung, ein wenig Geduld hätte alles zum Harmlosen wenden können. Die Frau war sicherlich gereizt – die Sorge um ihr Kind war doch schließlich ein vielleicht irrtümlicher, aber jedenfalls menschlicher Grund ihres Benehmens gewesen – und ihr, die mit so viel lächerlicher Eitelkeit an dem bißchen äußerer Würde ihrer Stellung hing, ihr war es sicher höchst erbitternd, auf diese Stellung verzichten zu sollen.

Es tat ihm leid, keine Großmut aufgebracht zu haben ... »Therese,« begann er, »ich gebe zu, ich hätte darüber stehen sollen. Ich wies deine Mutter sehr scharf zurück. Alles in mir bäumte sich gegen ihre Einmischung auf. Kein Mann läßt sich ungereizt zur Rede stellen ...«

Sie atmete schwer – schnitt ihm schon mit einer Geste die Worte ab, als wolle sie nun gar nicht mehr den Bericht hören, den sie eben noch erbeten – nein, befehlend gefordert hatte.

Ihr Aussehen entsetzte ihn – er erhob sich – seine Angst um sie ward groß – so außer sich war sie –

»Ja,« begann sie, und nun stürzten ihre Worte nur so hintereinander her, »ja, du konntest wohl erzürnt sein – du warst im Recht – dein Verstand war im Recht – das ist wie in Baumanns Sache – mit dem Verstand läßt sich nicht anders urteilen. Aber hinter den Dingen gibt es noch etwas anderes ... größer als Verstand – eine mächtige Stimme – du, du hast kein Ohr für sie ... O ja, Mama hat sehr verkehrt gehandelt – ganz verkehrt – ich kenne Mama und ihre Schwächen. Ich weiß, alles in ihr leidet jetzt und zittert, weil sie allzu hochmütig auf das war, was sie nun verlieren und infolge unserer Heirat verlieren soll – das ist gewiß nicht groß von ihr empfunden. Aber es ist auch echte Sorge dabei um mich – um ihr Kind. O ja, ich weiß es, jedes Wort, das sie sprach, wäre besser ungesprochen geblieben – niemals hätte sie so zu dir kommen dürfen – gewiß nicht – aber sie ist die Mutter, es ist Liebe, die sie antrieb – Liebe, die nur in der Form fehlte, der man deshalb leicht verzeihen kann ... Und nichts als Liebe zu mir ist es im allerletzten Grunde, die Vater zu der Gewissensfeinheit treibt, seine Stellung aufzugeben – liebte er mich weniger, empfände er robuster und sagte: Therese ist ja nicht mein Kind. Und deshalb. ist mir sein Entschluß wie ein himmlisches Geschenk – ja, was von den Eltern geschieht, geschieht aus Liebe – sie lieben mich – Vater und Mutter – sie lieben mich ... Wer tut es sonst auf der Welt? ...«

Und von der höchsten Erregung sank ihre Stimme herab und beantwortete die laut hinausgerufene Frage mit einem leisen, vergehenden »Niemand – niemand ...«

Er wollte auf sie zutreten. Da wich sie zurück – hob die Hand – feierlich fast – in großer Abwehr –

Und ihre Augen, in denen Tränen funkelten, sahen ihn an ...

Fest und lange.

Plötzlich schien sie ganz ruhig geworden.

Sie wandte sich ab und ging hinaus.

Er, als sei er noch immer von diesem Blick bezwungen und an seinem Platz festgehalten – er stand regungslos. Nun wußte er es.

Seine Frau war nicht glücklich!

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