Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Ida Boy-Ed >

Ein königlicher Kaufmann

Ida Boy-Ed: Ein königlicher Kaufmann - Kapitel 11
Quellenangabe
pfad/boyed/koenkauf/koenkauf.xml
typefiction
authorIda Boy-Ed
titleEin königlicher Kaufmann
publisherJ. G. Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger
printrun38.-45. Tausend
year1922
firstpub1911
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20090107
projectid19315a16
Schließen

Navigation:

XI

Es schien wirklich, als habe Therese mit dem schwarzen Kleid einen anderen Menschen angezogen. Bording wußte doch: jede Heuchelei war ihr unmöglich; eine theatralische oder verlogene Hineinsteigerung in Trauer bei ihr ausgeschlossen. Der Tod einer dreiundachtzigjährigen Großtante konnte aber unter keinen Umständen einen lange vorhaltenden Druck auf dem Gemüt einer jungen Frau hinterlassen. Ganz gewiß, es war das schwarze Kleid, das Therese nicht stand, das vorzutäuschen schien, als sei sie immer ernst und versonnen.

»Willst du noch lange schwarz tragen?« fragte er nach ungefähr drei Wochen, »ich meine, es ist nicht vorteilhaft für dich.«

»Wie du befiehlst, ich kann es sofort ablegen.«

Er stand neben ihr, die noch am Frühstückstisch saß. Nun streichelte er ihr das Haar.

»Was für eine Antwort!« sagte er herzlich, »als sei ich ein Tyrann.«

Sie wurde rot.

»Verzeih. Man sagt mal was ... Das kommt so auf die Lippen ... Ich wollte vier Wochen schwarz tragen – wegen Mama. Du weißt: jede äußere Form ist ihr wichtig, und hier ist es doch nun mal Gebrauch, bis ins dritte und vierte Glied Todesfälle zu betrauern.« »Ach ja, die Menschen haben so viel Zeit übrig für Sippenpflege –«

Mittags fand er Therese in einem hellen Kleid. Aber nun konnte er feststellen: es waren doch nicht die schwarzen Stoffe gewesen.

»Kind, was hast du? Du scheinst mir verändert.«

»Ich fühle mich zuweilen etwas angegriffen.«

Er küßte ihr die Hand. Glücklich und zugleich beruhigt. Im Grunde war es ja das Selbstverständlichste von der Welt, daß Therese nicht mehr so blühend aussah und gedankenvoll ernst durch die Tage ging. Und die Ursache war die beseligendste Hoffnung ...«

»Schone dich um Gottes willen! Denke immer daran: keinen Wunsch brauchst du dir zu versagen. Mach dir dein Leben so bequem, als es dir bekömmlich erscheint.«

Damit waren seine Beobachtungen nun beruhigt und zunächst auch abgeschlossen.

Die Geschäfte nahmen ihn mehr als je in Anspruch. Einerseits war da die Geschichte mit Steffens und Kahler, im Verfolg deren er tatsächlich als deus ex machina für mehrere kleine Firmen aufzutreten hatte. Ohne seinen energischen Eingriff hätte unter anderen der kleine Konsul Gundlach all sein geschwollenes Selbstgefühl zusammennehmen und ans Gericht gehen müssen, um seine Zahlungseinstellung anzumelden. Bording handelte aber hierbei nicht im geringsten als Menschenfreund, der sich mit dem Mantel des Edelmuts drapiert und in bedeutender Pose dasteht: Seht was für 'n großartiger Kerl bin ich! Nein, Bording hielt nichts vom Vergnügen des Sammelns feuriger Kohlen auf feindliche Häupter. Er kannte Gundlachs Gesinnung, seine häßlichen Klatschereien. Burmeester berichtete sie: »Damit du's weißt, ehe du Hilfe leistest.« Und der kleine Konsul Gundlach bekam es mit einer Objektivität zu hören, die härter und zerschmetternder wirkte als jeder Zornesausbruch. Denn als Gundlach sich aus seiner Abstammung aus altem hanseatischen Hause, aus seiner eifrigen Tätigkeit in allen vaterstädtischen und Wohltätigkeitsangelegenheiten Meriten machen wollte und weinerlich aufgeregt meinte, dies gebe ihm ein gewisses Recht auf Hilfe, sagte Bording: »Ihre bisher innegehabte und Ihnen niemals zukömmlich gewesene Stellung war so hohl wie ein Papierballon; Ihre Familiengeschichte ist nicht Ihr Verdienst und hat gar keine Bedeutung. Ich halte Sie, weil ich nicht will, daß das Ansehen unseres Handels durch mehrere Zahlungseinstellungen in rascher Folge geschädigt wird.«

Außer diesen Angelegenheiten war es die Jahreszeit, die einen noch erhöhteren Pulsschlag des Geschäftslebens mit sich brachte. All die Fenster des Kontorhauses leuchteten oft bis gegen Mitternacht hell in der roten Mauer. Der Herbst war da. Noch ehe der Kalender ihm gestattet hatte, zu kommen, war er schon mit Stürmen und Regengüssen erschienen, hatte die letzte Nachwärme von Sommerzeiten aus dem September hinausgejagt. Und im Herbst nahmen die nordischen Geschäfte das Tempo eines Reitenden an, der noch vor Torschluß ans Ziel kommen muß, während schon der Abend um ihn düstert. Ehe die finnischen, russischen, norwegischen und schwedischen Häfen der höheren geographischen Lage zufroren, hieß es noch sie mit Waren verproviantieren.

In eben dieser Zeit folgte auf eine Epoche der Hochkonjunktur ein plötzlicher Sturz aller Werte. Man sprach wieder einmal von einem Kriege mit England. Das Geld wurde knapp, die Banken sahen sich genötigt, vorsichtigste Zurückhaltung zu bewahren. Bording hatte seinen Kopf übervoll von den tausend Anforderungen, die seine eigenen Unternehmungen an ihn stellten. Auf den Plantagen auf Ceylon hatte es eine Mißernte in Tee gegeben. Die Kaffeebörse war schlecht.

Dazu wurde Bording von Berufsgenossen überlaufen, die in diesen schwierigen Zeiten seinen Rat oder seine Ansicht hören wollten.

Und eben jetzt trat auch Graf Strachow, ein mecklenburgischer Großgrundbesitzer, mit einem verheißungsvollen Gedanken an ihn heran: eine Fischdüngerfabrik ließ sich am unteren Flußlauf errichten, konnte für die Landwirtschaft der Umgegend von größter Bedeutung werden und sich zu einem sehr einträglichen Unternehmen gestalten. Bording ergriff die Idee mit der ihm eigenen leidenschaftlichen Raschheit, nicht nur weil sie gesund war, sondern auch weil es ihm immer Vergnügen machte, wenn er den Uradel sich kaufmännisch und industriell betätigen sah.

In diesen Wochen fühlte Bording manchmal: »Eigentlich hat man ja gar keine Zeit für eine Frau.« Aber er dachte dennoch nebenbei voll Fürsorge an Therese.

»Georg,« sagte er, »schick deine Frau recht oft zu Therese. Sie kommt mir jetzt manchmal still vor, sieht auch elend aus. Liegt im Zustand. Begreif' ich. Laß Grete ihr beistehen – sie zerstreuen.«

Und Grete kam und schalt: »Ich will lieber weniger Geld und mehr von meinem Mann haben. Was meinst du?«

Therese sagte: »Ich meine, wir sollen uns zu bescheiden wissen. Sie arbeiten ja nicht allein für ihre Taschen, du weißt, wie Jakob denkt: die große Blüte eines Hauses ist ein Teil der Blüte des Ganzen.«

»Wenn die Rose selbst sich schmückt, schmückt sie auch den Garten,« zitierte Grete, »die gegensätzlichsten Dinge können vom gleichen Gesichtspunkt aus angesehen werden.«

Nun fing auch die Saison an. Bording war unaussprechlich glücklich über die Gründe, die Therese verhinderten, diesen Winter in Gesellschaft zu gehen. In dies andächtige Glück hinein spielte aber auch stark die Erleichterung, daß er selbst von dem Zwang befreit blieb, in zahllosen Häusern lange Speisefolgen abzuessen und sich dabei mit einer zuerteilten Tischdame zu unterhalten, mit der er sich nichts zu sagen hatte.

Theresens Eltern aber gaben ihre große Gesellschaft, die einzige, die sie im Winter zu geben pflegten, gleich anfangs Oktober: »Damit Therese keinenfalls dabei fehle.« Denn natürlich war es für die Senatorin Landskron ein Staatsakt von äußerster Wichtigkeit. Sie hatte kein Talent zur Gastgeberin. Sie wollte es immer sparsam machen und lud deshalb alle Menschen auf einmal ein, denen sie verpflichtet war, ganz egal, ob sie zusammen paßten oder nicht. Die Sparsamkeit führte auch in der vorhergehenden Unterredung mit der Kochfrau das Wort. Es wurden Sachen gewählt, »die schmeckten als ob ...« – »die aussahen wie ...«, bei denen »man denken würde, daß ...« und ihre Bemühungen, den schönklingenden gastronomischen Namen Täuschungen unterzuschieben, waren groß. Das durchaus nicht zu Ersetzende wurde in den genauest berechneten Portionen beschafft, und Therese saß früher manchmal in Angst an der Festtafel ihrer Mutter: wenn sich ein Gast mehr als ein Stückchen Fasan nehmen würde! ... Möglicherweise wurde dann die Schüssel früher leer, ehe sie ganz herumgereicht war. Auch der Senator ging bei solchen Gelegenheiten etwas unsicher und voll heimlicher Beklemmung durch seine Räume und ahnte dumpf, daß die Leute sich langweilten – was ihm sehr bekümmerlich und verlegen war.

Die Senatorin war aber durchaus und voll tiefster Befriedigung davon überzeugt, daß alle Anwesenden sich von der Ehre erhoben fühlten, bei ihr zu Gast sein zu können. Und das war ja genug. Eine Gesellschaft, in der man gelacht, witzig geplaudert und sehr angeregt sich gegeben hätte, wäre ihr vielleicht verdächtig und von nicht gutem Ton erschienen. Bei ihr aber ging es nach einem ruhevollen Programm zu. Nach Tisch zogen sich die Herren, nicht etwa für eine halbe Stunde, sondern für den Rest des Abends, ins Rauchzimmer zurück und überließen die Damen ihrer Mühseligkeit. Die Intelligenten und Interessierten unter ihnen wollten nicht auf das Niveau des Klatsches sinken und ermüdeten rasch im Gefühl, sich durchaus munter unterhalten zu müssen, um ihre Langeweile zu verbergen. Die, die den Klatsch unbekümmert pflegten, amüsierten sich beinahe, denn unter die Räder ihrer hoch daherfahrenden Worte kamen Abwesende und wurden gründlich zermalmt, was ja für die Nerven unbewußt ein Anreiz war. Von der belebenden Wirkung, die männliche Intelligenz und Plauderkunst auf weibliche ausüben kann, hatte die Senatorin keine Ahnung, oder – keine gute Meinung.

Und wenn der letzte Gast gegangen war, sagte sie: »Gottlob, das wäre nun abgemacht; ich hatte das Gefühl, es war sehr nett ... sehr nett ...« So hatte Therese einige Sorge, sah aber nicht, wie sie ihrem Mann und sich die Teilnahme an diesem Diner sollte ersparen können. Aber das war es ja nicht allein ... Früher verkehrten Herr und Frau Sanders bei ihren Eltern ... Im Augenblick, als ihre Mutter von dem Plan der Gesellschaft zu sprechen anfing und Kochfrau sowie die alten, schon fast historisch gewordenen Lohndiener auf das festgelegte Datum bestellte, dachte Therese schon an diese eine Frage ... Sie wußte: in der gleichen Stadt wohnend, den gleichen Gesellschaftskreisen angehörend, konnte sie es niemals ganz vermeiden, mit Thora Sanders zusammenzutreffen. Das mußte mit Haltung ertragen werden. Wie oft mochte es geschehen, daß die Geliebte von gestern und die Frau von heute sich zu begegnen hatten ...

Aber am Tisch ihrer Eltern? ... Nein, undenkbar ... In ihres Mannes Gegenwart? ... Nein, unmöglich ...

Therese dachte: »Ich werde später, wenn ich in Gesellschaft gehen muß, schon stets irgendwie zu erfahren wissen, wer die übrigen Geladenen sind.« Den Versuch, eine Begegnung zu meiden, wollte sie immer machen.

Für diesmal beschloß sie, ihre Mutter mit dem Hinweis auf die bekannte geschäftliche Rivalität der Männer von dem Gedanken abzubringen, auch Sanders' einzuladen. Aber Therese hätte ihre Mutter kennen sollen. Die Rivalität fing doch an sich abzuschwächen, Sanders sei ja mit im Aufsichtsrat der Baumwollgründung. Solle man später wohl extra Sanders einladen? Wie solle man das anfangen! Nun gehe alles in einem hin. Schuldig sei man es ihnen. Man stehe aber nicht so nah, daß man sie im kleinen Kreis hätte noch besonders einladen müssen oder können. Sie gehörten eben zu denen, die alljährlich einmal mit abgefüttert wurden.

Therese fühlte: »Ich kann nicht ...« Sollte sie nun anfangen Komödie zu spielen?

Sie brauchte es nicht. Am Tage des Diners war sie von Aufregung fast krank. Beim zweiten Frühstück brachte sie es heraus, mit blassen Lippen, fröstelnd, die Stimme heiser vor Aufregung: »Jakob, ich fühle mich recht unwohl – ich muß absagen – geh du allein ...«

Ach, er, er mußte gehen – sah jene Frau dann wieder ... Wie sollte sie es ertragen ... Tränen traten in ihre Augen, sie konnte es nicht hindern ... sie starrte ihn an ...

Er erschrak über all das Elend, das ihn aus den schönen Augen ansah ...

An die Gesellschaft hatte er nur flüchtig und mit jener seufzenden Ergebenheit gedacht, mit der man sich in ein kurzes Opfer, das schließlich den Hals ja nicht kostet, hineinfindet. Davon, daß Sanders' dort sein würden, wußte er nichts. Er dachte, der Kreis der Geladenen gehe nicht über die offiziellen Persönlichkeiten und die Verwandten hinaus.

»Liebes Kind,« sagte er nun voll Sorge, »dies kann ohne ärztlichen Rat nicht so weiter gehen ...«

»Was soll mir ein Arzt ...« murmelte sie.

»Selbstverständlich lasse ich dich nicht allein,« versicherte er, »ich werde sofort an deine Eltern telephonieren – ober besser noch – Mama ist empfindlich – schreiben. Jawohl. Schreiben. Die Eltern müssen begreifen, daß ich bei dir bleibe.«

»Sie werden dringlich bitten, daß du doch kommst. Mama wird böse werden.«

»Tut mir leid – du gehst vor – ich würde dort keine Ruhe haben ...«

Er sprach die Wahrheit. Ihr Aussehen ängstigte ihn. Aber ganz im Untergrund seiner Empfindung war auch ein: »Gottlob, ich habe Vorwand abzusagen.«

»Nein, unter keinen Umständen gehe ich ohne dich,« wiederholte er voll Entschlossenheit.

Da weinte sie. Ihre Aufregung löste sich in Tränen – sie schluchzte an seiner Schulter, immerfort ... Es war das zweite Mal, daß er sie weinen sah. Er dachte, daß dies, im tiefsten Grunde, ja doch wieder Glückstränen seien. Und sie bewegten ihn tief. Er war sehr herzlich zu ihr, tröstete sie über all das vorübergehende Weh und Ach der jungen Frauenwürde und wußte gar nicht, wie viel dankbare, sie erhebende Worte er ihr zuflüstern sollte.

Und schließlich schickte er sie ins Bett – Sophie und das Folgemädchen mußten kommen, als ob es gar nicht genug der Bedienung sein könne.

Dann lag Therese mit blassem Lächeln auf ihren Kissen, in jenem Zustand des kümmerlichen Getröstetseins, den ein Ängstlicher hat, an welchem für diesmal noch der Schrecken vorüberging. Bording kam herein, um Abschied zu nehmen, sagte, daß er sehr liebevoll an die Eltern geschrieben habe, die es denn doch schließlich nur angenehm vermerken könnten, wenn dem Schwiegersohn mehr an seiner Frau als an allen Gesellschaften läge; empfahl Therese nochmals Ruhe und küßte ihre Stirn, während sie ihm leise die Hand streichelte.

Unten hatte Bording noch ein Gespräch mit seinem alten Schrötter. Ganz einfach aus einer allgemeinen, seltsam gemischten, frohen und zugleich ängstlichen Unruhe heraus. Er teilte dem Alten mit, daß gleich nachher der Doktor Irmler kommen werde, an den er soeben telephoniert habe. Und Schrötter sagte, daß ihm die gnädige Frau seit 'n Wochner vier oder so« nicht mehr gefalle. Aber der Senator tröstete ihn und ließ durchblicken, daß schon in gegebener Zeit die frische Farbe und die alte Heiterkeit wiederkommen werde. Worauf Schrötter nichts tun konnte, als nach seinem rotweißen Taschentuch suchen.

Bording sah wohl ein, daß er Grete Burmeester nicht von der Landskronschen Gesellschaft abkommandieren und zur Unterhaltung seiner Frau beordern könne. Sein Bedürfnis, für Therese etwas zu tun, ehe er wieder ins Geschäft ging, war aber groß.

Und so geschah es, daß sie kaum eine Stunde nach seinem Abschiedskuß einen riesigen Korb mit Blumen bekam, wie man ihn etwa einer Primadonna auf der Bühne überreichen läßt, und vom Juwelier ein Etui, darin ein Armband lag und ihres Mannes Karte mit den Worten: »Meiner teuren Therese!«

Aber es geschah weiter, daß Bording keineswegs den Abend an Theresens Bett verbrachte, sondern die günstige Gelegenheit benutzte, durchzuarbeiten, um alle Kalkulationen für die neu zu gründende Fischdüngerfabrik selbst nochmals durchzugehen.

Das erfuhr die Senatorin Landskron, die noch spät, als man bei ihr von Tisch aufgestanden war, per Telephon – obgleich es um diese Stunde erhöhte Taxe kostete – nach dem Befinden der Tochter fragte. Sie wünschte darüber zu ihrer eigenen Beruhigung etwas zu erfahren, denn nach ihrem Gefühl mußte etwas Katastrophales eingetreten sein. Wie hätte Therese sich sonst die Gesellschaft im Elternhaus entgehen lassen dürfen! Sie wünschte aber auch ihren Gästen etwas über das Befinden der Tochter zu sagen, so gewissermaßen ein Bulletin auszugeben.

Am Telephon war Sophie. Als sie hörte, daß die Senatorin Landskron anbot, sofort nachdem der letzte Gast gegangen sein würde, noch in das Bordingsche Haus zu eilen und die Nacht über bei der Tochter zu wachen, falls es nötig sei, bekam Sophie es mit der Angst. »Das könnte uns hier passen,« dachte sie. Denn die Mutter der gnädigen Frau war nicht sehr beliebt; sie gab der Köchin gelegentlich belehrende Winke und hatte eine gewisse Art, die jungen Mädchen zu fragen, wobei jede Frage wie eine moralische Vermahnung klang. Und somit winkte Sophie in der ihr möglichen Form ab. Sie versicherte mit starker Betonung in den Schallfänger hinein, daß Frau Senator sich nur durchaus nicht beunruhigen sollten, es gehe der jungen Gnädigen schon wieder ganz ausgezeichnet, es sei nur so eine kleine Anwandlung von Schwäche gewesen. Aber das Mutterherz an dem anderen Ende der Telephonverbindung war zu lebhaft beunruhigt, es wünschte von autoritativer Seite eine Auskunft zu hören und Sophie vernahm den Befehl: »Rufen Sie Herrn Senator Bording ans Telephon.« Sophie konnte nur sagen: »Er ist nicht da, er ist im Geschäft.«

Sophie hatte nicht gelogen. Nach ihrer Meinung ging es der jungen Frau ausnehmend gut. Das bißchen Übelbefinden war ja keine Herzkrankheit. Und dann – wenn man so von seinem reichen Mann mit Aufmerksamkeiten überschüttet wird! – Als die Blumen kamen, in ihrer vollen, aus dem Korbe quellenden, farbenprächtigen Fülle, hatte Therese sie verklärt angelächelt. Und so, liebevoll, nachsichtig, lächelte sie auch das Geschenk an, das ebenso wie diese Blumenspende ein wenig drollig, hilflos und vielleicht sogar unzart war. Aber nein – Männer sind oft so ungeschickt, sie verstehen nicht, worauf es ankommt. Jakob hatte ihr Liebe zeigen wollen, sie zu erfreuen gewünscht – das erzählten diese unerwarteten Aufmerksamkeiten. Er konnte nicht an ihrem Bette sitzen, sie unterhalten, sich ihrer Pflege widmen. Dazu hatte er keine Zeit. Therese vermochte sich ihn auch auf keine Weise in solcher Rolle vorzustellen. Er war hingegangen und hatte Geld für sie ausgegeben und gewiß gedacht: Blumen und Schmuck erfreuen eine Frau immer. Und ganz aus sich selbst, ohne daß Grete es angeregt oder besorgt hätte ... Ja, das fühlte Therese dankbar und sie legte das Armband gleich an und spielte damit, und wenn er abends heimkam, sollte er sehen: es machte sich ganz gut an ihrem Arm, von dem er einmal, in jenen ersten Tagen, gesagt hatte, daß er weiß und schön sei ...

Aber er kam nicht. Er ließ per Telephon anfragen, wie es gehe. Und wenn es gut gehe, halte er ungestörte Ruhe für sehr heilsam und bitte um Erlaubnis, durcharbeiten zu dürfen. Da ließ Therese natürlich sagen, daß sie sich von der Nervosität wieder erholt habe, ihm viele Male danken lasse, und daß er nur ohne Rücksicht auf sie bei der Arbeit bleiben möge. Sie gab auch Befehl, daß in dem Thermophor, einem geschickt hergestellten Wärmeapparat, ihm ein kleines Essen ins Kontor gesandt werde. Früher, ehe er verheiratet war, vergaß er die Essenstunde und den Hunger und nahm oft nachts elf Uhr oder später im Ratskeller noch ein Mahl. Das bekam dann seinem Magen natürlich nicht. Therese sorgte sogleich für regelmäßige Ernährung, schaffte den Apparat an und beriet mit der Köchin eine ganze Anzahl kleiner, leichter Fleisch- und Gemüsespeisen, die sich besonders für diesen Zweck eigneten.

Als sie nun wußte, er käme nicht, legte sie still das Armband wieder ab. Sie hätte eigentlich gewünscht, aufstehen zu dürfen, sie fühlte sich wohl und sehnte sich danach, Jakobs Nachhausekunft wachend zu erwarten. Aber sie begriff: um des abgesagten Diners willen, weil Doktor Irmler es auch befohlen hatte, ja um Jakob nicht ihre Tränen von heute mittag verdächtig zu machen, mußte sie einfach im Bett bleiben.

Von aller Welt losgelöst kam sie sich vor. Wohl war es hell und warm im Zimmer, das in lauter lichten Farben wie von Frische und Freundlichkeit strahlte. Aber als sie nun ganz allein und still lag, hörte sie immer auf den Sturm. Er heulte so merkwürdig orgelnd um die Kirche. Man hatte deutlich die Vision von ungeheuren Luftströmen, die an den riesigen Türmen emporbrandeten und zur Höhe gerissen wurden. Die großen, dunklen, runden Töne, mit denen der Sturm einsetzte, zogen sich zum schneidenden Pfeifen hinaus – wie bei einer schlecht geschulten Stimme, die keine Intervalle nehmen kann, sondern jaulend gleitet.

Therese dachte an das Rubinschälchen. Und daran, wo der Anhänger wohl geblieben sei ... An dem Tage, als die Tapeziere in das Rauchzimmer zogen, brachte Jakob ihr das Schälchen – er stellte es nur ganz nebensächlich im Wohnzimmer auf den Tisch und sagte: »Ich glaube, wir sprachen einmal über dies kleine Stück – gib ihm irgend einen Platz. Schrötter bringt die anderen Sachen herauf.«

Und ganz unbefangen scheinbar hatte Therese es zu bewundern vermocht ...

Nachher war Schrötter gekommen, mit einem vergnügten, plitschen Ausdruck auf seinem alten Gesicht und hatte das Silber und Porzellan vor ihr aufgebaut. Sie ahnte natürlich nicht, daß er es nun für gewiß ansah: der Herr hatte »aufgeräumt«, ehe ei heiratete ...

»Ja, wo wohl der Anhänger geblieben war ...« Therese stellte sich vor: zurückschicken kann Jakob das Ding doch nicht – eine solche Sendung konnte Meno Sanders in die Hände fallen – es konnte Skandal geben ... Manchmal dachte sie auch: der Anhänger sei ein Geschenk Jakobs gewesen. Obgleich Thora mal besonders erzählt hatte, wie sehr sie deswegen ihrem Manne um den Bart habe gehen müssen; aber diese Frau log in Taten, warum sollte sie es nicht auch in Worten – vielleicht ließ sie dann den lila Stein im Zorn zurück – wollte nicht mehr behalten, was einst Liebesgabe gewesen ...

Ach, was half alles Denken! Therese würde niemals wissen, was und wie es gewesen war ... jede Frage verbot sich. Sie mußte sich darein finden: ihr geliebter Gatte war kein lauterer, unfehlbarer Held gewesen – in der Geschichte seines Manneslebens gab es eben eine Seite, die mit der bedrohlichen Schrift einer verbotenen Leidenschaft beschrieben war ...

Und sie mußte jede rückblickende Eifersucht niederkämpfen; eine solche konnte nur zerstörerisch auf ihre Ehe wirken. Sie mußte sich damit begnügen. daß sie es jetzt sei, die sein Herz und seine Treue besaß.

Da stand die Frage wieder groß und bang vor ihr: »Bin ich wirklich geliebt? ...«

Und wenn diese Frage sich vor sie hinstellte, die so oft zurückgewiesen wurde und immer wieder heranschlich – dann war ihre Nacht verloren ...

Doktor Irmler kam am anderen Tage wieder und zwar so früh, daß er sicher war, den Senator Bording noch im Hause zu treffen. Irmler nahm seine neue Patientin sehr wichtig. Wie sollte er nicht! Er glaubte sich nur den Dank des Ehepaares zu verdienen, wenn er fortab Theresens Ernährung, Bewegung und Beschäftigung auf das sorgsamste unter ein Reglement stellte. Er war ein kleiner, dem Rundlichen sich nähernder Mann mit rötlichem Spitzbart und hellen, eifrigen Augen. In der Bartumrahmung stand ein Mund mit zu kurzer Oberlippe, wie ihn Kaninchen haben, und zwei weiße Nagezähne blinkten immer vor. Therese mochte ihn nicht gern leiden; ohne sie zu fragen, hatte Jakob ihn gerufen. Er dachte nicht von fern daran, daß für eine Frau die Wahl eines Arztes eine sehr eigenartige, schwere Sache ist, bei der vielerlei Empfindungen berücksichtigt sein wollen, die so fein und so unklar sind, daß man sie nicht einmal alle mit Worten erklären kann.

Nur ein zärtlich liebender und verliebter Mann hätte von selbst das Gefühl gehabt: zwischen Patient und Arzt gibt es eine merkwürdige Nähe, das Natürliche hat so sehr die keusche Zurückhaltung zu überwinden, daß größte Sympathie der Frau vorhanden sein muß, um in einem solchen Verhältnis die Geniertheit in Beruhigung zu verwandeln. Dergleichen Betrachtungen waren Bording nicht gekommen. Er hatte sich nur erinnert: Irmler galt als Autorität. Und Tatsachen hatten für Bording ja Gewicht.

Therese mochte nun natürlich nichts mehr von ihrer innerlichst abwehrenden Empfindung gegen Irmler sagen, das hätte doch Jakob bestürzt gemacht. Auch konnte man unmöglich den Arzt wieder hinaussetzen, ohne ihn schwer zu kränken.

So litt sie unter all den Fragen und Besprechungen, und um das Verfahren abzukürzen, sagte sie zu allem ja. Denn auch ihr Mann in seiner Gewissenhaftigkeit und Rücksicht drang darauf, daß alles geschähe, was Irmler gesagt habe. So aß und trank Therese Sachen, die sie eigentlich nicht mochte, ging spazieren, auch wenn sie lieber zu Hause geblieben wäre, und weil Irmler auch »Zerstreuung empfohlen hatte – keine Diners, keine Abendgesellschaften – aber Theater, vielleicht auch mal ein Konzert, abonnierte Bording auf eine Loge. Sie konnte ihre Eltern, Grete Burmeester und ihre Kinder, sie konnte Jugendfreundinnen und wen sie wollte in die Loge einladen; denn er selbst würde natürlich nie oder höchst selten Zeit haben, sich einmal für die Dauer eines Aktes im Theater zu zeigen. Und wie er seine Frau kannte, machte ihr allein die Tatsache schon Spaß, daß sie anderen viel Freude bereiten konnte.

Bording war mit sich zufrieden. Ihm schien, er tue, was er könne und selbstverständlich auch müsse. Und das gab ihm dann das gute Gefühl: es fehlt Therese an nichts.

Therese dachte aber mit melancholischem Lächeln: »Wenn das alles Liebe ist, so sieht man, daß Liebe einen auch mit Rücksichten malträtieren kann.« Und sie saß, um vor Jakob nicht undankbar oder kränklich zu erscheinen, manchen Abend im Theater ab, wenn sie lieber still mit ihren Gedanken allein in ihrem Zimmer geblieben wäre. Wenn die Vorstellungen ihr gleichgültig geblieben, ermatteten sie sie. Und wenn sie von Musik oder der Wucht dramatischen Geschehens erfaßt wurde, hatte sie das unerklärliche Gefühl, als ob alles Leid, das sich auf der Bühne begab, sie selbst irgendwie unglücklich mache.

Zuweilen sah sie auch Thora Sanders im Theater. Dann rührte sie sich in den Zwischenakten nicht von ihrem Platze fort, um der Frau im Foyer nicht zu begegnen und gar durch gemeinsame Bekannte mit ihr in ein Gespräch zu kommen. Therese hatte von ihrer Mutter in der Berichterstattung über jene Gesellschaft erfahren, daß Sanders' in der Tat erschienen waren, daß Thora in einer phänomenalen blaßgelben Toilette beinahe zu auffallend schön gewesen sei. Und daraus schloß Therese in einer qualvollen Eifersuchtssorge, daß Thora dem einst Geliebten sich nachdrücklich habe unter die Augen bringen wollen...

Hoffte sie vielleicht ... auf was? Auf seine Rückkehr zu ihr? ...

Aber Frau Senator Landskron schien nicht mehr so entzückt von Thora Sanders. Sie äußerte sich aburteilend über den Umstand, daß man neuerdings die schöne Frau beständig in Gesellschaft eines jungen Engländers sähe, der als Volontär im Hause Sanders & Cie. arbeite, sich aber mehr als im Kaufmännischen im Flirten zu betätigen scheine.

Das hörte Therese mit einem gewissen hoffenden, gierigen Interesse – über das sie dann selbst erschrak. Ach, wohin kam man ... Hätte sie doch niemals dies unselige Beweisstück einer unklaren Vergangenheit gefunden ...

War es nicht gerade, als ob man durch solch Wissen kleiner und kleinlicher werde ...

Um jene Zeit gab man im Theater in häufigen Wiederholungen »Hoffmanns Erzählungen«. Therese, von ihrem literarisch interessierten und sehr durchgebildeten Stiefvater geleitet, war mit der Gestalt und den Werken des dämonischen Dichters wohl vertraut. Sie wußte von früheren Aufführungen her, daß in der Offenbachschen Oper die Erzählungen auf das geistreichste und tiefsinnigste zu dramatischen Bildern zusammengefaßt waren. Sie sah aber jetzt alles erst mit verstehenden Augen.

Sie sah den unseligen Mann zwischen trunkener Genußsucht und furchtbarsten Enttäuschungen hin und her gerissen. Sie begriff die symbolische Bedeutung dieser verschiedenen Liebeserlebnisse: im Olympiaakt sah sie den Mann der kalten, äußerlichen Schönheit verfallen und verstand, was das für eine Zauberbrille war, die ihn einen Automaten für ein begehrenswertes Weib halten ließ; im Giuliettaakt zitterte sie, weil ein Schönheitsrausch den Dichter zum Opfer machte, weil dieser Rausch ihm sein Spiegelbild – seine Selbstkritik – raubte; und im Antoninaakt erkannte sie, daß echte und edle Liebe, die ihrer Art nach wohl Dauer und Glück verheißen hätte, durch das Schicksal, durch den Tod vernichtet wird.

Und ihr ward klar, daß in jeder Vereinigung auch schon von vornherein etwas Zerstörendes verborgen ist ...

Ihr schien: Das Wesen der Leidenschaft ist Unglück. Und die schwüle Musik in ihrer tödlichen Traurigkeit in ihrem bangen Spott, in ihrer verzehrenden Innigkeit – diese Musik, in der alle Tränen zittern wie klingende Tropfen – alle Tränen, die Liebe jemals geweint, diese Musik, deren Tänze und Fröhlichkeiten selbst noch von verhaltenem Schluchzen erfüllt sind, deren aufjauchzende Lebenslust schon den Schrei des Entsetzens auf den Lippen zu haben scheint, – diese Musik erfaßte sie, betäubte sie. Ihr war, als seien ihre eigenen Nerven die Saiten, auf denen eine dämonische Macht diese herzzerreißenden Lieder geigte.

Die Rolle des Hoffmann, dessen Glücksbegier, Rausch, Vernichtungen, Leidenschaften und Hohn in einer furchtbaren Unmittelbarkeit, in einer beklemmenden Schroffheit des Nebeneinander, in der Musik wie in der Darstellung zum Ausdruck kamen, wurde von einem jungen Sänger gegeben, der eine wundervolle Stimme besaß. Man sprach viel in der Stadt von dieser Stimme und es war bekannt, daß der Künstler durch auf lange Zeit hinaus gesicherte große Engagements an der Schwelle einer ruhmreichen Zukunft stehe. Vielleicht war es in diesem Bewußtsein, vielleicht auch im Vergnügen, am Klangreiz der eigenen Töne und in der Hingegebenheit an die Aufgabe, daß er in schwelgerischer Sicherheit und Fülle seine Stimme nur so über die Hörer hinströmen ließ, sie in einen Rausch schmerzlichen Entzückens, nervöser Erregtheit, leidvoller Spannung, heißer Schönheitsfreude versetzend. Denn diese Stimme schien in ihrer schmerzlich beseelten Kraft, in ihrer zärtlichen Sehnsucht und eindringlichen Innigkeit das ganze Wesen des Werkes auszudrücken. Und alle Qual und alle Furcht vor den tödlichen Enttäuschungen spiegelte sich in den edlen und schönen Zügen des Sängers wider.

Therese kannte ja das Werk, hatte es früher schon zuweilen gesehen und gehört.

Nun aber, mit ihrem wissenden zitternden Herzen erlebte sie es neu, erfuhr Offenbarungen ... Jeder Ton ward zur Folter, jede Melodie zur weinenden Klage ... Und diese Musik in all ihrer brünstigen Eindringlichkeit schien ihr zu sagen: »Nein – du bist nicht geliebt – du nicht!« Und sie wußte auf einmal, daß das Geheimnis aller Liebe im Leiden liegt. Er, ihr Mann, er, für den sie hätte sterben können – er hatte ihretwegen nicht gelitten und würde niemals um sie leiden ...

Neben ihr saß Frau Grete Burmeester. Bording und Burmeester, beide durch Sitzungen in vaterstädtischen Angelegenheiten in Anspruch genommen, hatten versprochen nachzukommen, sobald sie es vermöchten. Nun warteten hinter den beiden Damen die beiden leeren Sessel von Akt zu Akt und die Männer zeigten sich nicht. Grete, in ihrer lebhaften Art, ging in jedem Zwischenakt hinaus, um mal nachzusehen – aber nein, sie kam immer allein zurück, hatte indessen jedesmal irgendwelche Bekannten gesprochen und flüsterte Therese Neuigkeiten oder Beobachtungen ins Ohr ... Therese hörte kaum ... Sie bat auch einmal Grete: »Hab' Geduld mit mir.« Da fragte die flinke Frau, von hellstem Vergnügen sofort zur eifrigsten Besorgnis überspringend: »Willst du fort?«

Therese wehrte sich: nein, nicht fort – sie gab sich in schon fast krankhafter Stimmung der Qual hin – ihr war, als weinte und litt die Musik für sie mit – sie wollte sich weiter berauschen und peinigen lassen von diesen Tönen. Aber nicht sprechen, nicht sprechen ... Grete konnte ziemlich alles nachfühlen, was eine Menschenbrust bewegt, nur nie das Schweigebedürfnis. Wenigstens mußte sie noch schnell Therese zuflüstern, daß Thora Sanders mit »ihrem Engländer« da sei – man könne sie nicht sehen – sie säße in der Proszeniumsloge an derselben Seite ...

Und das hörte Therese doch. Sie dachte müde: »Was soll das? Was bezweckt diese Frau damit, daß sie sich den Anschein gibt, in diesem jungen Fremden einen Verehrer zu haben? ...« Denn für Therese konnte es doch nur »Anschein« sein. Sie fühlte: wenn man ihn geliebt hat! Danach konnte es doch nichts mehr geben. Ihr schien, das mache jeden neuen Herzensfrühling unmöglich – das sei etwas das Dasein Beherrschendes. – Ja, zuweilen staunte sie: »Diese Frau kann weiterleben, nachdem sie ihn verlor? ... Das kann sie? ... Und in einem Alltag weiterleben, ganz wie alle anderen Menschen – als habe sie nichts Ungeheures erlebt? ... Welch ein Rätsel ... Und nun zieht sie in ihrem Gefolge einen anderen mit sich durch Säle und über die Straßen? Was soll das? Eine Komödie? Wem vorgespielt? ...«

Der Haß, der in ihr langsam und immer stärker emporgewachsen war, wallte leidenschaftlich auf. Ihr Wesen war überreizt, die brünstige Musik hatte sie gleichsam verführt, hinübergerissen über die Grenzen des Maßvollen. Sie dachte zum erstenmal: »Sie, sie ist schuld, daß für mich bloß ein bißchen Wärme übrig geblieben ist – sie hat ihn vergiftet – irgendwie, und ich kann es nie verstehen –«

Sie sah mit starren Blicken auf das Schlußbild – das Morgengrauen lag als fahles Licht über den trunkenen Zechern, und Hoffmann, nach den vorübergerauschten Erzählungen, in denen er seinen Trinkgenossen seine Liebeserfahrungen dargestellt – hatte noch einmal das höhnische Lied vom Klein-Zack auf den Lippen, ehe er sinnlos zusammenbrach.

Es war zu Ende. Therese stand benommen und hörte noch immer den Nachhall in ihrem Ohr und dachte: »Ich will nicht hinausgehen – da könnte ich ›sie‹ treffen ...«

»Aber so komm doch!« mahnte Grete.

Schwerfällig, sich an den Sessellehnen haltend, als könne sie nur tastend den Weg finden, gehorchte Therese. Zum Eigensinn reichte ihr dumpfes Gefühl nicht.

»Himmlisch hat er gesungen – nicht?« schwärmte Grete.

Es gab ein Gedränge – Grete sah schon, sie mußte Therese einfach bevormunden. – Herrgott, wie die verliebt in ihren Jakob war! Denn die völlige Verstörtheit Theresens kam aus der Enttäuschung, daß ihr Mann doch nicht im Theater erschienen sei – das war für Grete gänzlich klar.

»Hier hast du deinen Mantel – so – da ist der Schal – ... Mach schnell – ich denk' mir: Georg und Jakob stehen gewiß unten – holen uns ab – dann könnten wir eigentlich noch in den Ratskeller soupieren gehen – was meinst du ...«

Therese hörte nur: vielleicht war Jakob da, wartete unten – das löste bei ihr eine Art Reflexbewegung aus – den Wunsch, Mantel und Spitzenschal kleidsam und sorgsam umzunehmen.

Sie ging an den Spiegel. Vor ihm stand eine andere Frau – zierlich, mit schwarzen Haaren, in einem weißen Kleid – die sich mit erhobenen Händen eine Art Haube von Pelz und Spitzen mit einer Nadel auf dem Haupt befestigte.

Therese wollte zurücktreten. Das war ein Aufzucken, kurz wie ein Herzschlag. Aber sie stand willenlos. Im Spiegel sah sie in die schwarzen, kühnen und heißen Augen der Frau – sie brannten ihr daraus entgegen, in einer triumphierenden Geringschätzung, in dem aufflammenden Hochmut bewußter Schönheit ... Und Therese hatte ein Gefühl von ihrem eigenen elenden, entstellten Gesicht, das alt und entfärbt aussah seit einiger Zeit ... Ihre Nasenflügel bebten, ihr ganzer Körper zitterte. – Sie hatte eine dumpfe Empfindung davon, daß sie diesem brennenden Spottblick, der den ganzen Spiegel zu füllen schien, mit stolzer Ruhe begegnen müsse ... Aber ihre Würde war wie gelähmt von ihrer Aufregung ... Ihr Blick irrte ab – ertrug die schwarzen funkelnden Augen nicht – glitt weiter und blieb am Halsschmuck der Frau hängen...

Die trug an einem dünnen grauen Platinkettchen einen lila Stein, länglich und glänzend geschliffen; eine Birnenperle von weißem Atlasglanz hing daran und lag leuchtend auf den seinen Chiffonfältchen, durch die weiße Haut schimmerte ...

Therese erhob die Hand, ohne zu wissen, was sie tat... sie fühlte gar nichts mehr als dies eine: das da der Frau vom Halse reißen, es ihr ins Gesicht werfen – ihr entgegenschreien: »Ich hasse dich – ich verachte dich ...«

Ihre Hand zitterte wie die eines Trunkenen. Schon näherte sie sich tastend dem Halse der anderen ... Die trat einen Schritt zurück, unwillkürlich – oder auch, weil sie fertig war.

»Da,« sagte Therese fast lallend, »da ...«

Aber nun stand gar nicht mehr die weiße Gestalt dort, an deren Hals ein lila Stein glänzte – nun schoben sich viele Menschen durcheinander – die hatten alle nur Rücken – schwarze – graue – bunte – und seltsam vermummte Köpfe – und Gretes helle Stimme sagte irgendwelche ungeduldigen Worte – die man nicht genau verstand, weil ein tosendes Brausen die Luft erfüllte. Und dann wurde alles schwarz und stumm.

Der Schrei, den Grete ausstieß, veranlaßte die letzten Fortgehenden sich umzuwenden. Die Logenfrauen stürzten herzu.

Auf dem Estrich lag Therese, einer Toten ähnlich, in schwerer Bewußtlosigkeit.

 << Kapitel 10  Kapitel 12 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.