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Ein königlicher Kaufmann

Ida Boy-Ed: Ein königlicher Kaufmann - Kapitel 1
Quellenangabe
pfad/boyed/koenkauf/koenkauf.xml
typefiction
authorIda Boy-Ed
titleEin königlicher Kaufmann
publisherJ. G. Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger
printrun38.-45. Tausend
year1922
firstpub1911
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20090107
projectid19315a16
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I

Der Wortführer der Bürgerschaft erhob sich. Fast zugleich mit ihm, in jenem dumpfen Rauschen, das die gleichförmige Bewegung von mehr als hundert Männern erzeugt, die ganze Versammlung.

Die Pause eines erwartungsvollen Schweigens stand zwei, drei Sekunden in der Luft des Saales. Das elektrische Licht überglänzte die getäfelten Wände und nahm voll in seine Helle den Charakterkopf des Wortführers. Sein grauschwarzes, lockig dickes Haar, halbkurz gehalten, hatte etwas Perückenähnliches, und das bartlose, rötlich gefärbte, sehr starkzügige Gesicht drückte Entschlossenheit und Selbstgefühl aus. Mit einem Herrscherblick, von seinem erhöhten Platze her, abwartend und doch auch ermahnend, überflog er die Versammlung, um jene andächtige Stille in der Haltung all der stehenden Männer zu erzwingen, die der Augenblick forderte.

In weitgeschweiftem Halbrund standen sie, jeder vor seinem Platz, in den sacht amphitheatralisch aufsteigenden Reihen, zwischen Bänken und Pulten. Ein Parlament von Bürgern der Freien und Hansestadt Lübeck und der zu ihr gehörigen Landgebiete; alle gewissermaßen Mitregenten des republikanischen Gemeinwesens, berechtigt, ihren von der Majorität bestimmten Willen durch ihren Wortführer feststellen und aussprechen zu lassen. Rechts und links neben dem imposanten Mann mit dem alternden Gladiatorenhaupt standen die stellvertretenden Wortführer; der eine, breit, rotbärtig, mit blanker Stirn, mit kleinen aufmerksamen Augen, der andere in wichtiger und schicklicher Haltung, mit blonden Bartstreifen auf den merkwürdig langen, und feisten Wangen und dem Ausdruck hochfahrenden Stolzes in den blassen Augen. Die Empfindung, eine staatsmännische Persönlichkeit darzustellen, leuchtete förmlich von ihm hinaus, als sollten aller Augen davon geblendet werden.

Gleich dem erhöhten Gestühl der Wortführer befanden sich auch die Senatstische der Versammlung gegenüber auf einer Estrade. Die Senatoren, die heute dort anwesend waren, weil Fragen oder Anträge oder Gesetzentwürfe ihrer speziellen Verwaltungsgebiete auf der Tagesordnung gestanden hatten, erhoben sich im gleichen Tempo mit der Versammlung.

Niemand saß, als die Stenographen und der offizielle Protokollführer, die zu Füßen des eichenen Gestühls der Wortführer an ihren Tischen mit bereiten Federn warteten.

Das Licht rann in einem etwas unruhigen Vibrieren. Es zuckte ein-, zweimal, als sei es in der Sicherheit seiner Leuchtkraft beeinträchtigt. Dann gleißte es wieder stetig und setzte blanke Helligkeit auf die Marmorstirnen der drei Kaiserbüsten vor der braunen Täfelung.

Irgend jemand hustete. Ein Buch fiel. Der, dem es gehörte, bückte sich unnötig und wie beschämt danach. Noch ein Räuspern. Und dann wurde das Schweigen endlich ganz tief. Es war, als bezwängen die Männer nicht nur ihre Mienen, sondern auch ihren Atem.

Dem wohllautenden und machtvollen Organ des Dr. jur. Burmeester war solche Stille, was einem leidenschaftlichen Schwimmer ein weithin sich spiegelndes klares Wasser ist: er stürzte sich mit seiner Rede hinein, genoß selbst den Klangreiz und das Beben der Schallwellen, ließ sich von ihnen tragen, steigerte seine Empfindungen, indem er mit dem Ohr dem schwebenden Laut seiner Stimme folgte, ihre Wirkung auf das Gemüt der Hörer spürte, die verführerische Kraft an- und abschwellender Tonstärken wahrnahm, und sein Gefühlsschwung wallte immer höher aus, im Maß, wie er sein Publikum fortriß.

Und dabei war seine Rede keineswegs ein besonders kunstvolles Satzgefüge mit neuen, farbenreichen, überraschenden Worten. Die Wirkung kam ganz allein von der Klangfarbe und dem heißen Ton der Echtheit, den er nicht suchte, der immer wie von selbst in ihm aufbrauste, mochte der Gegenstand, über den er redete, sein, welcher er wollte.

Er sprach: »Hochansehnliche Versammlung! Ehe wir in die Tagesordnung eintreten, habe ich Ihnen eine schmerzliche Mitteilung zu machen. Nach kurzer Krankheit, in der Blüte seiner Mannesjahre noch, kaum fünfundfünfzig Jahre alt, ist Herr Senator Heinrich Peter Leitolf in dieser Nacht verschieden. Ihnen allen, meine Herren, ist es bekannt, mit welcher Hingabe und mit welchem Erfolge sich der uns Entrissene den Aufgaben widmete, die die Fortentwicklung unseres auf sich selbst beruhenden Gemeinwesens uns allen stellt. Kaum fünf Jahre hatte er dem Hohen Senat angehört. Aber so kurz diese Frist auch bemessen war, die Spuren seiner Tätigkeit werden nicht vergehen. Unter Hintansetzung eigenster Interessen ergab er sich dem Interesse der Gesamtheit. Ich darf Sie erinnern an die Verdienste, die Herr Senator Heinrich Peter Leitolf um die Verbesserung der hygienischen Zustände unserer Stadt hat, die, man darf es aussprechen, durch die von ihm durchgesetzten Maßnahmen vorbildlich geworden sind. Seinem besonderen Eintreten, seiner Kenntnis und Erfahrung verdanken wir es auch, daß die neuen Villenquartiere unserer Stadt eine so anmutige und zweckmäßige Gestaltung erfuhren. Wo er wirkte, ob es nun in der Baudeputation war, in der Finanzkommission, in der Schuldeputation, oder in welchen Verwaltungszweig auch immer er durch Ratssatzung berufen ward, wo er wirkte, spürte man eine feste und glückliche Hand. Er war ein großer, ein guter Bürger, ein treuer Sohn seiner Vaterstadt. Dies, hochansehnliche Versammlung, ist das vornehmste Lob, das Hanseaten einem Hanseaten an seiner Bahre nachrufen können. Wir werden das Andenken Heinrich Peter Leitolfs in Ehren halten; es soll uns eine vorbildliche Gestalt sein, die dieses rastlosen, redlichen, klugen Mannes. Ich sehe, meine Herren, Sie haben sich zu Ehren des Dahingeschiedenen von Ihren Sitzen erhoben, und stelle dies fest.«

Eine kurze Bewegung entstand. Die meisten setzten sich und warteten mit stumpfen Zuschauergefühlen ab, was sich weiter begeben werde. Einige Herren, die herkömmlich und gewohnheitsmäßig die Dinge in die Hand zu nehmen pflegten, weil sie die Gewandtesten oder die sich gern Vordrängenden waren, traten zusammen, um einen schon vorbereiteten Antrag noch mit raschem Flüsterwort zu betuscheln. Aus der Gruppe löste sich jemand und übergab dem Protokollführer ein Blatt, damit er es dem ersten Wortführer weiterreiche. Während dieser rasch verrinnenden Minuten voll Unruhe stand der Wortführer, Doktor Burmeester, wartend. Sein lebhaftes Auge war geradeaus gerichtet. Es suchte in der Reihe der Bürgerschaftsmitglieder ein anderes Auge und fand auch den Blick, der dem seinen schon entgegenkam.

Ihm gerade gegenüber, in der dritten Reihe, saß ein Mann, der nicht den Ausdruck eines stumpfen Zuschauers hatte und sich doch in keiner Weise an der Unruhe oder an den Gesprächen beteiligte. Auf das merkwürdigste wirkte er einsam, obschon neben, vor und hinter ihm jeder Platz von ihm bekannten Kollegen besetzt war. Aus irgendeinem Grunde redete niemand ihn an. Mit diesem Mann wechselte Burmeester einen langen festen Blick.

»Jetzt schlägt deine Stunde,« sagten Burmeesters Gedanken; »diesmal darfst du nicht ablehnen.«

Und sein Vetter, der Großkaufmann Jakobus Martin Bording, der seine Gedanken kannte, dachte antwortend: »Ich bin noch nicht so fest entschlossen, wie du hoffst ...«

Als Burmeester nun das Blatt aus der Hand des Protokollführers erhielt – er fühlte es fast nur mechanisch zwischen seinen Fingern, so stark war seine Aufmerksamkeit bei Bording – riß er sich zusammen und verlas einen von zehn Bürgerschaftsmitgliedern unterzeichneten Antrag, dahin lautend, daß die heutige Sitzung zu Ehren des Verstorbenen ausfallen solle.

Der Antrag wurde mit überwiegender Majorität angenommen. Nur die kleine Schar der Sozialdemokraten blieb sitzen.

Es wurden noch einige Formalitäten erledigt: die Festsetzung der nächsten Tagung, die Vertretung der Bürgerschaft bei der Trauerfeierlichkeit und der Bestattung, über deren Termin noch nichts bekannt war.

Aber die machtvolle Stimme schwoll nur wie ein angenehmes und repräsentatives Geräusch über die durcheinandersprechende Versammlung hin, wie pomphafte Musik schwillt, auf die niemand recht hört, die aber doch durchaus dazu gehört und deren Fehlen das Gefühl von Unvollständigkeit eines Zustandes hervorrufen würde.

Die kurze Tagung war nun zu Ende. So wimmeln Arbeiterscharen von einem Bau, wenn die Feierabendstunde schlägt, wie jetzt all die Männer im ungeordneten Durcheinander dem Ausgange zustrebten. Die einen froh, Zeit für ihre Geschäfte, die anderen erleichtert, Muße für ihren Stammtisch gewonnen zu haben. Alle aber doch hauptsächlich von dem Gedanken hingenommen: Wer wird Senator werden?

Der zweite Wortführer stieg in ruhevoller, vornehmer Haltung von seinem Sitz herab. Dem Großkaufmann Sanders wurde diese seine immer gleiche, stolz beherrschte Haltung durch eine hohe Gestalt mit beginnender Fülle erleichtert. Sie kam ihm gewissermaßen dekorativ zustatten. In seinem länglichen, vollen Kürbisgesicht stand zwischen den feisten Wangen ein überaus seines Falkennäschen und ein Frauenmund mit schwellenden Lippen und tiefen Winkeln. Die hellen Augen blickten in einem kalten Hochmut über die meisten Menschen weg.

Er gesellte sich seinem, ihm – wie man sagte aus geschäftlichen Gründen – sehr ergebenen Freunde, dem Konsul Breitenfeld zu, der schon wartend dastand und manchen Knuff von den Hinausströmenden, denen er Weghindernis war, geduldig hinnahm.

»Burmeester hat heute schön gesprochen,« stellte Sanders fest.

Konsul Breitenfeld nahm seinen Kneifer vom mageren Nasenrücken, besah prüfend und bekümmert die trübe gewordenen Gläser, putzte sie und sagte in seiner Unfähigkeit, irgendeinen Menschen zu loben oder zu bewundern: »Waren bloß Redensarten.«

»Gott – was sollte er viel von Leitolf sagen? Das von der Hintansetzung der eigensten Interessen war doch schon deutlich genug. Jeder Mensch wußte, daß Leitolf vor fünf Jahren keineswegs in der Vermögenslage war, die Senatswahl anzunehmen. Seine eigenen Geschäfte sind rapide zurückgegangen – über kurz oder lang hätt's 'n Krach gegeben. Na, nu is er als Senator gestorben, und kriegt sein großes Begräbnis.«

»Du meine Güte! Das ist bloß rührend für die Witwe. Ich will lieber klein leben, als groß begraben werden.«

»Pöh!« machte Sanders. Und dachte bei sich: »Wer keine Chancen hat, oben anzukommen, spricht ohne Achtung von der Höhe.«

Konsul Breitenfeld hatte aber nur so unterschätzenden Tones von der Senatorenwürde gesprochen, um vorweg, falls nun sein Freund Sanders Senator werde, diesem zu verstehen zu geben: »Bild' di man nix in«. In kräftigen Augenblicken dachte er plattdeutsch.

Um sie war ein Gedränge von Männern. Alle sprachen. Das Stimmengeschwirr suggerierte jedem irgendwie die Notwendigkeit, das eigene Organ stark zu erheben.

Konsul Breitenfeld, immer noch mit seinem Kneifer in der Hand und mit Plieraugen den kleinen mageren Kopf vorausstreckend, sprach fast schreiend: »Man wird dir kommen.«

»Ach was!«

Aber zugleich schlug eine Hand von hinten her auf Sanders Schulter.

»Tag, Sanders! Na, nu werden Sie Senator? Was?«

»Ich denke nicht daran.«

»Ihre Frau auch nicht?«

»Wen haben wir? Es wird immer schwerer! Die junge Kaufmanns- und Juristenwelt hat nicht mehr die leidenschaftliche Teilnahme für die Entwicklung unseres Staates, wie wir,« klagte ein lebhafter Greis.

Man stand vor dem Portal in einer immer anwachsenden Gruppe zusammen. Ein frischer Regen strich hernieder. Man sah aber, das war ein Geprassel ohne Ausdauer und es gab den Vorwand, noch zu verweilen. Man guckte zu, wie die Steine auf dem Platze sich rasch dunkel und blank färbten unter dem sie überspülenden Wasser. Zugleich floß die Rede und es war unterhaltsam, all der Schwächen und Unzulänglichkeiten des Verstorbenen zu gedenken.

Der lebhafte Greis, Dr. med. Ziegenhaar, der in den Bürgerschaftsitzungen einer der temperamentvollsten und häufigsten Redner war, schalt auf den Sport und die Reisesucht, die der hanseatischen Jugend die Hingabe an die Vaterstadt verleide. Er kritisierte abfällig eine Anzahl von Senatswahlen, die er in den letzten zwanzig Jahren erlebt habe. Bloß Strohmänner seien einige von ihnen gewesen – der und der – keine intelligente, mutige, vorausschauende Förderer ... ja, und Leitolf war auch nur das Produkt einer Verlegenheitswahl ...

»Vor, fünf Jahren,« sagte Konsul Breitenfeld bedächtig und kam endlich dazu, seinen Kneifer aufzusetzen, nicht ohne sich noch mit der Schnur zu verheddern, die sich um den obersten Rockknopf verfing, »vor fünf Jahren war kein rechter Kandidat. Sanders war noch zu jung und in der Bürgerschaft noch nicht genug hervorgetreten.«

»Aber Breitenfeld, du weißt doch, daß ich nicht von fern ...« begann Sanders.

»Ih – würden Sie nicht annehmen, Sanders?« fragte jemand.

»Was wollt' er nicht!« lachte ein anderer auf. »Und was für 'ne schöne Frau Senatorin gäb' deine Thora.«

»Geld und Trüffelfestigkeit ist auch vorhanden – beides in hohem Maß für unsere vierzehn Landesväter erwünscht.«

»Der arme Kerl, der Leitolf, hatte keins von beiden. Jedes Diner machte ihm einen verdorbenen Magen und jede matte Börse eine verdorbene Nacht.«

»Gratuliere vorweg, Sanders. Sehe keinen Kandidaten als Sie.«

»Und Bording?« fragte der alte Doktor Ziegenhaar scharf dazwischen.

Konsul Breitenfeld sagte belehrend: »Jakob Bording hat schon vor fünf Jahren abgelehnt. Er soll damals gesagt haben, er diene seiner Vaterstadt mehr, wenn er dem immer weiteren Ausbau der eigenen Firma lebe, als wenn er seine Zeit mit Regierungsgeschäften belaste. Der Vorwand klang stilvoll.«

Bei dem Namen Bording ging durch die hellen Augen des Herrn Meno Sanders ein stechender Glanz. Doch sagte er voll vornehmer Haltung: »Ich wünsche unserem Gemeinwesen von Herzen, daß Bording sich bereitfinden ließe, eine etwa auf ihn fallende Wahl anzunehmen. Aber ich glaube, seine Firma nimmt ihn nach wie vor in der ausschließlichsten Weise in Anspruch.«

Die Zuhörer mochten nun denken, daß das kein Mensch genauer zu beurteilen vermöge, als gerade Sanders. Die Häuser Bording und Sanders standen seit einigen Jahren in einer so scharfen Konkurrenz miteinander, daß man an den Stammtischen förmlich ein Sportvergnügen daran fand, den Ausgang dieses Kampfes zu erwägen. Viele waren der Ansicht, daß Bording das ältere Haus Sanders & Cie. längst überholt habe.

Der ernste Ton, in dem Sanders sprach, konnte vielleicht erraten lassen, daß Bording immer noch zu kämpfen habe.

In das kurze Nachdenken hinein, das alle befiel, sprach der rasche, greise Doktor Ziegenhaar im gereizten Ton: »Guten Tag, meine Herren – der Regen läßt ja nach.«

Und er ging eilends davon, wobei er sein rechtes, von veralteter Ischias etwas unfestes Bein hinkend nachzog. Er behielt auch den Regenschirm zusammengerollt unter dem Arm, obgleich noch kräftige Tropfen durch die Luft sprenkelten, die zugleich schon vom Messingglanz eines durchs Gewölk brechenden Sonnenscheins gelb durchstäubt ward.

»Ziegenhaar, Sie werden ja naß!« rief ihm jemand nach.

»Das meiste fällt beizu,« sagte er in halber Rückwärtswendung.

»Komischer Kerl. Hat er was übelgenommen?«

»Sanders hat doch nichts Nachteiliges von Bording gesagt.«

»Wie sollte ich! Ich muß dringend bitten ...« lehnte Herr Sanders mit einer beinahe energischen Handbewegung ab.

»Pst, pst,« machte jemand. Aber Konsul Breitefeld hörte und sah nicht, wenn er was Wichtiges dachte, und so sprach er es dennoch laut aus mit seiner weisen Knarrstimme: »Bording tut es nicht. Er hat keinen Ehrgeiz als den für seine Firma ...«

In diesem Augenblick gingen Doktor Burmeester und Jakob Bording nahe vorüber.

Burmeester grüßte jovial nach allen Seiten, mit der vergnügten Sicherheit eines Menschen, der sich in jeder Richtung in angenehmen Lebensverhältnissen weiß und ein instinktives, dankbares Gefühl für seine allgemeine Beliebtheit hat.

Auch Bording grüßte; und da er die über sein eigenstes Empfinden autoritativ urteilenden Worte gehört hatte, streifte sein Blick mit leisem Lächeln die Gruppe der Männer.

Alle Zylinder flogen förmlich herab. Die Männer wußten es selbst nicht warum: sie grüßten eilends und mit Unterwürfigkeit. Nur Sanders lüftete mit Gemessenheit den hohen Hut.

Einen kurzen Moment trafen sich die Blicke der beiden Männer.

Mit künstlichem Hochmut, mit erzwungener Kälte schaute Sanders in die grauen, festen Augen des anderen, der, ohne Feindseligkeit, ihn fast prüfend ansah.

»Hast du gehört?« fragte Doktor Burmeester, als sie außer Hörweite unter einem Regenschirm dahinschritten, den er sorglich über beide Köpfe zu halten wußte. Um des Mitgenusses des Regenschirms sicherer teilhaftig zu werden, hielt Bording die Linke auf den Rücken und ging fast Schulter an Schulter mit dem Vetter, der ihm zugleich sein bester Freund war.

»Bewertest du die Weisheit des Konsuls Breitenfeld als vox populi?« fragte Bording. »Dann hörst du daraus: man rechnet gar nicht mit mir.«

»Umgekehrt. Auch in dieser negativen Form liegt der Beweis, daß dein Name in aller Gedanken und auf aller Lippen ist.«

»Und Sanders?«

»Zwei oder drei Kandidaten müssen sein,« stellte Burmeester fest.

Es war Mittagszeit, die Straße sehr belebt, jeder dritte Mensch grüßte Burmeester oder Bording oder beide Männer. Dies lästige Vorwärtskommen machte Bording nervös.

»Hast du Zeit, komm mit mir.«

»Ich habe niemals Zeit, aber ich komme doch mit,« erklärte Burmeester fröhlich.

Sie verließen die Hauptstraße und mit einem Male war es, als seien sie aus dem Strom der Welt in ein Idyll getreten. Der kühle Friede eines Kirchenplatzes umgab sie, über den keinerlei Verkehrsader hinlief. Die Rückseite des Rathauses stand in ihrem verwitterten Schwarz düster als Schranke da. Zwischen den Fronten alter Häuser mündeten enge Zugänge. Ziemlich holperiges Steinpflaster mutete altertümelnd an. Und die Mauern der gewaltigen, in trotziger Stille wartenden Kirche waren am Fuß umbuscht von jungem blütenlosen Laub. Zwischen den Pfeilern, die die roten Backsteinwände gliederten, standen ein paar Linden. Ihre obersten Wipfelblätter wischten im Winde hin und her vor den auf ihren Spitzen stehenden, ins längliche gezogenen Glasrechtecken der hohen gotischen Fenster. Verschlossen und kahl lag das Kirchenportal, die eichene Tür schien wie hineingedrückt in den sie umgebenden Spitzbogen von altersmürbem Mauerwerk.

Wenn man den Kopf weit in den Nacken legte, um aus der Froschperspektive an dem mächtigen Bau emporzusehen, wirkte er verkürzt und gedrungen. Rot, mit graugrünen Spitzdächern, plumpe Zwillinge, schienen die Türme so mehr vom Himmel gedrückt als zu ihm emporzustreben.

Jetzt war ein tolles Leben oben in den Lüften. Die Sonne wollte lachen, aber alle paar Minuten wälzte sich regenschweres Gewölk, von brausendem Frühlingssturm gejagt, an ihrer gelbblanken Scheibe vorüber.

In der kurzen Reihe der alten Häuser, den mächtigen Kirchenmauern mit dem unwandelbaren Ausdruck gerade gegenüber, lag Herrn Jakob Martin Bordings Haus. Obgleich die Front dem Platze zugewendet war, betrat man es doch von einem Gäßchen aus, das an seiner westlichen Seite sich hinzog. Im Jahre 1604 hatte sein Vorfahr, der Bürgermeister Jakob Bording, dieses Haus erbaut. Nachmals, als im Lauf der Zeiten die Bordings verarmten und zur völligen Bedeutungslosigkeit herabsanken, war das Haus durch viele Hände gegangen. Jakob Martins Vater aber, der sich emporzuarbeiten begann, hatte schon nach dem getrachtet, was erst vor wenig Jahren dem Sohn gelungen war: das Haus zum Bordingschen Eigentum zurückzugewinnen. Herr Jakob Martin hatte es durch einen Münchener Architekten so kunstvoll zurechtbauen lassen, daß es gelungen war, den alten Räumen den patrizierhaften Charakter zu lassen, ohne die Behaglichkeit des Wohnens zu beeinträchtigen.

Die Haustür öffnete sich wie von selbst. Die beiden Herren betraten einen kurzen, kahlen Vorflur, in dessen hellen Wänden rechts und links je eine Tür bemerkbar war. Die eine führte in die Stube des alten Schrötter, der eine nirgends abgegrenzte Stellung als Pförtner, Faktotum und Diener einnahm und sich infolgedessen überall im Hause als der Maßgebende und Wichtigste fühlte. Schrötter sah, wenn er an seinem Fenster saß, auf das düstere Gäßchen hinaus und auf die graue Rückwand eines Lagerhauses. Die andere Tür ging in das Schreibzimmer des Hausherrn, einen viereckigen Raum mit einem Fenster nach dem Gäßchen und einem nach dem Kirchhofe. Da dieses Zimmer außer dem Flureingang noch eine Tür in das kirchhofwärts gelegene Rauchzimmer und eine weitere hatte, die sich auf die innere Diele zu öffnen ließ, so mochte es mühsamer Dekorationskünste bedurft haben, um trotz der vielen Wandunterbrechungen dem Gemache eine trauliche Stimmung aufzuzwingen.

Das innere Haus war vom Vorflur durch eine breite Tür mit undurchsichtiger Kunstverglasung geschieden.

Der alte Schrötter zeigte sich in seiner Tür, als die Herren durch den Vorflur schritten. Er markierte damit seine Wachsamkeit.

»Tag, Schrötter!« sagte Doktor Burmeester fröhlich. »Wie geht's?«

Denn Schrötter war der Freund auch seiner Kindertage gewesen und die Hilfsmittel, die Schrötter jederzeit für die Unternehmungen der Vettern aufzubringen verstand, waren märchenhaft. Immer hatte er Bindgarn in der Tasche, wenn man welches brauchte. In seinem jederzeit hergegebenen Handwerkskasten befanden sich die interessantesten Nägel, Haken und Klammern. Er ließ sich bereitfinden, der Tanzstundenflamme auf ihrem Heimweg aus der Schule eine Tüte Pralinen und ein Briefchen zuzustecken. Später gab er den Primanern ein und das andere Mal heimlich den Hausschlüssel und log dem immer besorgten Herrn Jakobus Martin Bording vor, die jungen Leute seien gegen halb elf nach Haus gekommen.

Kurz, in der Jugendgeschichte der Vettern spielte Schrötter eine, vielleicht pädagogisch nicht ganz rühmliche, dem Gemüt jedoch äußerst liebenswürdige und unvergeßbare Rolle. Nun war er weißbärtig und voll drolliger Würde gegen Fremde. Die war ihm angeflogen mit dem immer wachsenden Ansehen seines Herrn. Seine Gestalt fing an ein bißchen klein zu werden, und da er auch schon vordem kein Gardemaß gehabt hatte, wirkte er greisenhafter und gealterter, als er war.

Auf die joviale Frage Doktor Burmeesters antwortete er in munterem Ton: »Immer noch gut zuwege, Herr Doktor.«

Aber er sah dabei seinen Herrn eindringlich an, mit sehr runden, aufmerksamen, braunen Hundeaugen, als wolle er ihm mit diesem Blick etwas Besonderes sagen. Er meldete: »Ein Dienstmann hat einen Brief gebracht; ich hab' ihn auf 'n Schreibtisch gelegt.«

»Schön,« sagte Bording trocken.

Aber anstatt mit dem Freunde nun in sein Schreibzimmer zu gehen, zog er den Schnepper aus der Tasche und schloß selbst die Glastür zur hinteren Diele auf.

Sie nahm fast die ganze Breite und Tiefe des Hauses ein, mit ihrer Höhe raubte sie auch dem ersten Stockwerk seinen halben Raum und war ohne Zweifel einstmals ein mächtiger Lagerplatz für aufgestapeltes Kaufmannsgut gewesen. Nun hatte der Münchener Künstler mit Teppichen und wuchtigen alten Möbelstücken in Barockschnitzereien, mit Fellen, einem großen Kamin in dunkelblauer Majolika, tiefen Klubsesseln und einigen Bronzen einen nahezu fürstlichen Raum daraus geschaffen. In der Mitte des Ganzen stand auf hoher Säule eine Nachbildung des Merkur von Giovanni da Bologna. Die schlanke, nackte Jünglingsgestalt von dunkler Bronze schien himmelan schweben zu wollen. Nur noch mit der Spitze des rechten Fußes die Basis berührend, streckte er sich empor, in der Linken den Merkurstab tragend, als wolle er mit diesem Zeichen über den Erdball stiegen. Jakob Bording liebte diese Statue, sie war ihm ein Sinnbild der Kulturmission seines Berufes und vielleicht seines eigenen Strebens.

Empor – durch den die Völker verbindenden, die Welt umspannenden Handel!

Die geschwungene Treppe, die in stolzer Leichtigkeit nach dem gewissermaßen nur als Bruchstück vorhandenen ersten Stock emporzog, war mit einem alten geschnitzten Geländer geschützt, das der Architekt in Würzburg gefunden und glücklich ergänzt hatte, wo dies zur Raumanpassung nötig gewesen war. Das gleiche Geländer lief um die Galerie, an der, gassenwärts und kirchhofwärts, das Schlafzimmer des Hausherrn, die Bade- und Ankleidestube und die Küchenräume lagen. Von der Galerie sah man in die Diele hinab. Erst das zweite Stockwerk besaß eine geschlossene Zimmerflucht durch die ganze Haustiefe. Da hinter dem Hause sich nur ein kleiner Hof befand und die vielen hohen Gebäude in der Nähe lichtraubend wirkten, so war die Diele, trotz der großen und fast ganz klar gelassenen Fenster im Hintergrund, immer etwas düster. Erst bei Licht, wenn aus zahlreichen, meist unsichtbaren Quellen die elektrischen Helligkeitsfluten sanft durch den Raum wirkten, sah man seine ganze prangende Festlichkeit.

»Ja,« sagte Doktor Burmeester und wusch sich zufrieden die Hände mit Luft, »nun muß hier wohl bald und endlich eine Frau hinein ... Wenn du Senator wirst? Was? Und wenn man keine Zeit zu einer Liebesheirat hat, Zeit zu 'ner Vernunftehe bleibt immer.«

Über das etwas bleiche Gesicht Bordings ging ein schwaches Lächeln. Man sah, er lächelte aus Gefälligkeit, oder um zu zeigen, daß ihm das Thema fern und harmlos lag – wie eine Gegend, in der man nicht orientiert ist. Sein kluger Kopf mit dem englisch verschnittenen hellen Schnurrbart hatte fast etwas Soldatisches in seinem festen, stolzen Ausdruck. Die Züge waren regelmäßig. Man konnte ihn beinahe groß nennen, wenn auch Burmeester mit seiner wuchtigen Gladiatorenerscheinung ihn überragte. »Wer weiß, ob ich Senator werde. Der Zufall hat schon manchmal Überraschungen gebracht. Alles kommt auf die Zusammensetzung der Wahlkammern an. Es können am Wahltage gerade lauter mir feindlich gesinnte Bürger in die Wahlkammern gewählt, lauter mir feindliche Senatoren dafür ausgelost werden und nicht ich sondern Sanders oder irgend ein Outsider, von dem keiner sich was träumen ließ, kommt heraus. Das hat man schon erlebt.«

Während er so sprach, schenkte er an einem Kredenztisch ein Glas Portwein für Burmeester ein.

»Zugegeben. Ist schon oft vorgekommen. Diesmal, aber ausgeschlossen, da die ganze Bürgerschaft und fast der ganze Senat darin übereinstimmen, daß nur du in Betracht kommst. Du hast einen historischen Patriziernamen und bist doch zugleich gewissermaßen ein moderner Selfmademan. Denn das Vermögen, das dein Vater dir hinterließ, ist doch nicht zu rechnen neben den Millionen, die du selbst erwarbst. Man sieht in deinen ungeheuren Erfolgen die Früchte einer organisatorischen Intelligenz, die dem Staate zugute kommen muß.«

»Um sie zu hemmen oder durch Intriguen brach zu legen, sowie sie in ein Amt eingefangen ist,« sagte Bording mit einer mutlosen, fast widerwilligen Geste.

Burmeester, obschon ihm auf all die rednerischen Anstrengungen die trockene Kehle nach dem Schluck Portwein lechzte, setzte voll Energie ungetrunken das Glas aus der Hand.

»Seit drei Tagen, seit Leitolf hoffnungslos war, hab' ich halb und halb dein Wort! Und nun seh' ich die Allüren eines Rückzugs!« rief er mit erwachender Heftigkeit. »Mensch! Jakob! Tu mir, tu dem Staate das nicht an. Wir brauchen starke Jugend, wir brauchen leidenschaftliche Kraft im Senat. Seit Jahrzehnten war es Brauch geworden, würdige Jubelgreise hineinzuwählen. Endlich hat man begriffen, daß Würde mehr dekorative als motorische Eigenschaften zu haben pflegt. Jüngere Männer sollen es nun sein, solche, die Erfahrungen mit Frische einen. Männer wie du.«

»Oder wie Sanders. Er ist ohnehin mindestens dem Drittel des Senats verschwägert oder vervettert.«

»Und wird die retardierende Tendenz dieses Drittels stärken! Deshalb ist es ja gerade, daß die Bevölkerung und die übrigen Senatoren ihn nicht wollen! Du bist ein automatisch veranlagter Mensch, Jakob, und ich spüre wohl, die letzten Gründe deines Zögerns liegen in der Furcht, deinen kühnen Willen gegen die Hühnerhofpolitik mancher deiner künftigen Kollegen nicht immer durchsetzen zu können. Aber sieh: ist dann und wann einiges durchzusetzen nicht schon verdienstlicher, als beiseite stehen zu bleiben? Und traue der Wucht deiner Ansichten nur was zu: hinter dir stehen deine Millionen! Deine gewaltigen Unternehmungen sprechen mit, wenn du sprichst. Du stehst außerhalb jeder Clique, es ist wahr, du hast dich merkwürdig einsam gemacht ...«

»Meine Arbeit ließ mir keine Zeit,« schaltete Bording ein.

»Aber du allein bist mehr als jede Clique! Und wenn du das Bedürfnis hättest, als Senator, wo doch allerlei repräsentative Notwendigkeiten kommen, dich, wenn ich mich so ausdrücken darf, an einen Familienkonzern anzuschließen, heirate! Es ist ja ein Widersinn in allem, was du tust. Schon auf der Schule sagtest du: Burmeester, unsere Familie muß wieder an die Spitze! Ich glaube, deshalb allein ließ dein Vater mich studieren – meiner hätt's nicht gekonnt – von seinem bißchen Subalternbeamtengehalt. Schon damals war es dein Vorsatz, sehr reich zu werden, das alte Familienhaus zu erwerben und fürstlich auszustatten, um als Senator und Vater einer Schar von Söhnen darin hauszuhalten. Und nun? ... Nun bist du am Ziel und lebst einsam und machst Anstalten, der letzte des Geschlechts zu bleiben.«

Jetzt trank Burmeester mit einer Gebärde der Entrüstung seinen Portwein aus. Seine rednerische Stimmung hatte ihn erfaßt gehabt, das sonore Organ schwoll durch den hohen Raum. Als es verhallte, trat eine fast feierliche Stille ein.

So verloren schienen die beiden Gestalten der Männer in der düsteren Beleuchtung auf der weiten Diele zwischen der Fülle von prangenden Gegenständen.

»Heiraten?« sprach Bording langsam. »Gerade das Familienhaus hindert mich daran. Es ist kein Platz dann für ein Damenzimmer.«

»Der ganze zweite Stock mit seinen sechs großen Räumen ist leer,« antwortete Burmeester unwillig. »Was soll ich von solchen Einwürfen denken! Kam' dein Vater wieder aus seinem Grabe, könnt' ich sagen: Onkel Jakob, ich hab' deinen Erwartungen entsprochen, bin einer der beschäftigtsten Rechtsanwälte, Hab' neben dem Senat die ansehnlichste und einflußreichste Stellung im staatsbürgerlichen Leben, meine Frau stammt aus erstem Hause und meine Jungens lassen sich gut an. Er würde mich nur gnädigst nebenbei anhören und etwas streng, wie er immer so sprach, fragen: Wo sind meine Enkel? Hast du meinen Sohn nicht an seine Pflicht und an meine Hoffnungen gemahnt?«

Seine Stimme vibrierte, wie in großem Schmerz.

»Hör mal,« sagte Bording lachend, »nun wirst du pathetisch.«

»Wenn jemals eine Gelegenheit war, deklamatorisch zu werden, ist es heut und jetzt,« erklärte Burmeester. »Du weißt doch von selbst, daß die beiden Kandidaten für die Senatswahl, Sanders und du, schon an allen Stammtischen, an der Börse, bei allen Familienessen und auf jeder Gesellschaft gründlichst beklatscht wurden, noch ehe Leitolf seinen letzten Atemzug tat.«

»Ich rege die Phantasie der Leute doch wohl wenig an,« sprach Bording mit etwas ermüdetem Ausdruck.

»Du bist, wie oft große Männer sind, in vielen Dingen etwas kindlich.« Er schüttelte den Kopf. »Ein Mensch, der seit seinem zweiundzwanzigsten Jahr eine unerhörte Arbeitskraft und einen noch nicht dagewesenen zielbewußten Unternehmermut betätigt – ein Mensch, der binnen achtzehn, neunzehn Jahren ein mehr als fürstliches Vermögen aufhäuft, der Teeplantagen auf Ceylon, Baumwollfelder in Ägypten, die größten Speicher voll Kolonialwaren in Hamburg und hier hat, der längst in der Lage wäre, seine Geschäfte seinen Abteilungschefs zu überlassen und in seigneuralem Wohlleben mit den amerikanischen Nabobs zu rivalisieren – ein Mensch, der trotz alledem weiter fortfährt, von früh bis spät zu schuften – ein Mensch, der nach jedem Weibe die Hand ausstrecken könnte und dennoch, trotz seines bekannten Familien- und Namenstolzes, nicht heiratet – ein solcher Mensch bildet sich ein, er rege die Phantasie der Leute nicht an! – Da – schenk mir nochmal 'n Glas Portwein ein...«

»Tu's selbst,« sagte Bording, der tief in einem Klubsessel zurückgelehnt saß. Während Burmeester sich mit der Portweinkaraffe beschäftigte, nestelte Bording an seinem linken Manschettenknopf, als sei an dem etwas nicht in Ordnung.

Gegen die breiten hohen Dielenfenster prasselte jetzt wieder eine Tropfenfülle und rann in wasserklaren Linien draußen an den Scheiben hernieder.

»So, also daß ich Junggeselle bleibe ...« sprach Bording, immer noch mit seinem Manschettenknopf beschäftigt.

Burmeester erhob sein kleines Kristallglas, sah in den wie Rauchtopas funkelnden Inhalt hinein und sprach, gleichsam vorsichtig: »Wie sollte das nicht ... Welche halten dich für einen Asketen ... Die einen sagen, du habest ein Verhältnis mit einer Schauspielerin in Hamburg. Die anderen flüstern, daß an Winternachmittagen eine verschleierte Dame – und so allerlei ...«

Bording rührte sich nicht. Man hörte keinen Laut außer dem trommelnden Guß an den großen Glasscheiben.

Da fuhr, als gälte es, eine Beklemmung oder Verlegenheit rasch abzuschneiden, Burmeester fort: »Na, solche Geschichten sind Quatsch. Wären auch unwahrscheinlich viel Romantik für so 'n kühlen Kopf ... Aber wenn du nun Senator wirst, mach all dem Gemunkel ein Ende: heirate!«

»Du kommst mit so viel Beharrlichkeit darauf zurück, daß ich vermute, deine Frau hat dich beauftragt, mir eine ihrer Freundinnen oder Cousinen anzuschnacken,« sagte Bording etwas mokant.

»Das nun nicht. Aber wenn du dir mal Therese Landskron näher ansehen wolltest, des Senators Doktor Landskron Tochter ...«

»Was, der hat eine Tochter?«

»Herrgott,« sagte Burmeester verzweifelt, »sie war doch deine Tischnachbarin zur Linken, im März, als wir unser großes Diner für die Silberhochzeit meines Schwagers gaben.«

»So, so,« sprach Bording und versuchte sich zu erinnern.

»Sieh mal: Landskron ist ein Mann von angeborener Neigung zur Unschlüssigkeit. Er schwankt in seinen Ansichten und kommt dadurch oft nicht zur Betätigung seiner Fähigkeit, eine Materie scharf zu durchdringen und dann praktisch zu bewältigen. Du, als sein Schwiegersohn, würdest ihn mit deiner raschen Energie wie von selbst beeinflussen und mit dir fortreißen. In allen großen Fragen: der Ausgestaltung unserer Bahnverbindungen, der Kulanz bei der Heranziehung von Industrien, der rascheren Hebung der Einwohnerzahl – ach, was soll ich alles herzählen – kurz und gut: Landskron würde von unserer Partei sein.«

»Also zwecks Cliquenbildung soll ich diese ...« Er suchte.

»Therese!« half Burmeester nach.

»Therese Landskron heiraten? Danke vielmals. Aber einen Mann, der so lange ledig geblieben ist, mit solchen Gründen zur Ehe zu verführen, dürfte selbst deiner Beredsamkeit nicht gelingen. Außerdem ... wie ist es doch? Darf denn ein Senator die Tochter eines anderen heiraten? Ich meine, das verbietet die Verfassung? Die beugt doch dem vor, daß die Senatoren in zu nahem verwandtschaftlichen Verhältnis zueinander stehen?«

Burmeester antwortete: »Im Artikel 6 unserer Verfassung heißt es: ›Ausgeschlossen von der Wahl ist derjenige, dessen Vater, Sohn, Vollbruder, Halbbruder, Stiefvater, Stiefsohn, Schwiegervater, Schwiegersohn oder offener Handelsgesellschafter bereits Mitglied des Senates ist.' Nun hat aber Doktor Landskron seinerzeit die Witwe seines Vetters Friedel Landskron geheiratet und Therese ist das Kind erster Ehe der jetzigen Senatorin Landskron. Von einem Stiefschwiegervater sagt die Verfassung so wenig wie zum Beispiel von Schwägern, deren es stets einige im Senat gab und auch zurzeit gibt. Es lägen also keinerlei verfassungsrechtliche Hindernisse vor, wenn du dich mit Therese Landskron verheiraten wolltest. Weder brauchtest du auf die Wahl zum Senator zu verzichten, noch brauchte Landskron auszutreten, was er freilich unbedingt müßte, wenn Therese sein eigen Fleisch und Blut wäre.«

»Geantwortet wie ein Nachschlagebuch und wie ein Jurist,« sagte Bording.

Er erhob sich, scheinbar sehr humoristisch angeregt.

»Das ist deine entlassende Geste, wenn du so aus der Sesseltiefe in die Höhe kommst,« sagte Burmeester, »also gut, ich gehe. Wenn du erlaubst, erkundige ich mich bei Schrötter, der ja immer auf irgendeine geheimnisvolle Weise deinen Willen, deine Stimmung, deine An- und Abwesenheit kennt, verbirgt, vertuscht, berücksichtigt – vielleicht weiß er auch, warum du mich hierher verschleppt hast.«

»Ich hatte dich hierher verschleppt, um mit dir nochmals gründlich die Möglichkeit meiner Wahl zum Senator zu durchsprechen. Aber mir scheint, du hast das Sprechen ziemlich allein besorgt und ich bin nicht einmal dazu gekommen, dir zu sagen, daß ich den Gedanken schwer ertrage, gegen Sanders durchzufallen. So schwer, daß die bloße Möglichkeit mich noch abhalten kann, mich aufstellen zu lassen. Mein Haus steht auf sicherer Höhe, selbst eine Reihenfolge unglücklicher Konjunkturen, schlechter Jahre könnten es nicht mehr erschüttern. Ich ertappe mich oft bei dem Gedanken, daß ich es mit freudiger Genugtuung empfinden würde, jetzt die höchste Ehre zu empfangen, die unser freier Staat zu vergeben hat. Und dennoch, mein lieber alter Junge – dennoch ist in mir ein peinliches Gefühl ...«

Burmeester nahm seinen Hut mit der Miene jemandes, der sich bei Überflüssigkeiten keinen Moment aufzuhalten gedenkt.

»Lampenfieber – Form uneingestandener Eitelkeit,« sagte er bestimmt, »Männerhochmut, der sich einbildet, eine Niederlage entstelle seine schöne Silhouette ... Adieu, Jakob! Du wirst Senator. Aber natürlich – bei der nächsten Vakanz, wenn etwa der alte Bräuning mal seinen letzten L'hombre gespielt haben wird, um sich dem roi des ombres selbst vorzustellen – dann wird's Sanders. Wenn bis dahin nicht noch ein neues Licht in der Bürgerschaft aufleuchtet. Was ich aus tiefster Seele wünsche, denn du weißt: Sanders ist nicht mein Mann. Er hat die spezifische Hanseatenkrankheit: den Patrizierwahnsinn, in welchem jede Familie sich einbildet, aristokratischer als alle anderen zu sein. Und dabei kann ich ihm aus einem alten Adreßbuch von 1801 beweisen, was ohnehin die ganze Stadt weiß: sein Urgroßvater war Kornträger. Sein Großvater machte einen kleinen Laden mit Kartoffeln, Trockenwaren und Talglicht auf und kam langsam voran. Ja, ja, das Sanderssche Patriziergefühl hat sich, wie bei manchen Familien, fabelhaft flink entwickelt. Na, meinetwegen. Ich bin auf mein Proletarierblut stolz. Und wenn meine Mutter nicht deines Vaters Schwester gewesen wäre, war' ich, wie mein Alter, höchstens ein kleiner Amtsschreiber geworden. Dein Vater nahm uns mit hoch. Das legt mir Pflichten auf ...«

»Wie es scheint, vor allem die, mich in einer so wichtigen Frage zu bevormunden,« neckte Bording.

»Jawohl, mein alter Junge. Durchaus. Wenn du deine Heimat liebst, wenn du ein echter Hanseat bist, wenn du historischen Sinn hast, wenn du dir klar darüber bist, daß deine ungewöhnlichen Fähigkeiten dem Gemeinwohl dienen müssen, dann nimmst du an. Willst du aber nicht ... In den allernächsten Tagen werden zwei oder drei Senatoren zu dir kommen und dich vertraulich fragen, ob du eine auf dich fallende Wahl annehmen wirst. Willst du nein sagen: tu es denn. Denn das Nein nach erfolgter Wahl kostet dich dein Bürgerrecht. Das ist ein altes Gesetz! Du mußt! Einmal zu irgendeinem Amt gewählt, mußt du! Dafür bist du ein freier Republikaner.«

Er lachte.

Aber dann fügte er ernst hinzu: »Besinn dich recht und beizeiten. Laß mich nicht unnütz agitieren und laß keine unnützen Hoffnungen sich erst mit deiner Persönlichkeit verknüpfen. Ich will dir was sagen: wenn du ganz mit dir im klaren bist, telephoniere mich an. Über Millionengeschäfte hab' ich dich schon in einer Viertelstunde Entschluß fassen sehen. Und nun besinnst du dich drei Tage, ob du Senator werden möchtest oder nicht! Laß mich bis Nachmittag per Telephon deinen definitiven Entschluß wissen. Na und endlich: adjüs, mien ollen Jung!«

Wohlgelaunt, im Vollgefühl seiner überreichen Lebendigkeit und Frische ging Burmeester davon.

Der andere Mann sah ihm fast zärtlich nach. Er liebte den Verwandten, der mit ihm aufgewachsen war, wie einen Bruder. Er neidete ihm zuweilen das flammende Wesen, an dem all das bißchen Spreu und Stroh, das sich schließlich auf jedem Lebensweg ansammeln will, wie vom selbst wegbrannte. Es war was Elementares in der Ganzheit seines Wesens.

Jakob Bording seufzte. Wie man bei Vergleichen seufzt, in denen man sich selbst irgendwie und wo nicht zureichend findet.

Er blieb noch minutenlang, von schweren Gedanken umdrängt, auf der Diele stehen, an die Säule gelehnt, von der der lebensgroße bronzene Merkur zur Höhe entschweben zu wollen schien.

Draußen war der Himmel jetzt ganz von schweren Wolkenfetzen verhangen. Ihre Feuchtigkeit wollte sie herabzerren und zerreißen. Ihr finsteres Grau verschattete den Mittag, daß die mutlosen Schwermütigkeiten einer Abendstimmung sich im weiten Raum ausbreiteten.

Dunkel war es um den einsamen Mann – der wie ein Verlassener oder von aller freundlichen Lebensgemeinschaft Abgesonderter dastand.

Er durchforschte grübelnd alle seine Empfindungen.

Was trieb ihn, die Würde, die er schon einmal ausgschlagen, nun lockend zu finden?

Gab es eine stolzere und unabhängigere Stellung auf der Welt, als die seine? In seiner Vermögenslage, als Herr und Besitzer so großer Unternehmungen, hätte er in einem monarchischen Staat längst eine Fülle von Rücksichten und Verpflichtungen zu tragen, durch gnädige Aufmerksamkeiten von oben viel Freiheit der Bewegung verloren, mit viel größerer Bevormundung und Einmischung der Behörden und des Staates zu rechnen gehabt.

Kein Fürst war so frei wie er, der große Handelsherr und hanseatische Bürger. Und war er nicht machtvoller in seiner Freiheit, als unter der Krone eines Ehrenamtes, das ihm fast die Würde und Verantwortung eines Regenten im kleinen gab?

Er liebte seinen Reichtum. Er hatte einen beinahe ungezügelten Stolz auf seine Erfolge und seinen Namen. Er war ein Fanatiker der Arbeit. Jede seiner weitverzweigten Unternehmungen war ihm ans Herz gewachsen. Den jüngsten Lehrling in einer der vielen Abteilungen des Geschäftes kannte er, jeder seiner Angestellten hatte sein Interesse, war ihm Mitarbeiter.

Es gab keinen leeren Augenblick in seinem Leben ...

Und dennoch der Wunsch, neuen Inhalt hineinzunehmen?

Vor fünf Jahren, als er in einem Lebensalter noch stand, das früher für einen Senator unerhört, weil zu jugendlich, gewesen wäre, hatte er das Ansinnen, sich erwählen zu lassen, fast lachend abgeschlagen.

Nicht nur, weil damals noch die immer gewaltiger werdende Ausdehnung seines Hauses seine ganze gesammelte Aufmerksamkeit beanspruchte, weil immer noch eine fieberische Spannung damals in ihm war und der Sieg zwar schon gewiß, aber noch nicht ganz übersichtlich schien. Um jene Zeit fing seine Firma an, das letzte fremde Geld, mit dem sie in den ersten zehn Jahren vielfach hatte arbeiten müssen, ganz abzustoßen und die Millionen begannen als flüssiges Kapital hereinzuströmen, im Maße, wie die verschiedenen Abteilungen des Geschäfts ihre Anfangsschwächen, Kinderkrankheiten und Wagnisse überwunden hatten und deutliche Erträgnisse lieferten.

Es war eine berauschende Zeit gewesen – im Gefühl, daß die gigantische Arbeit und der verwegene Mut von fünfzehn sklavisch durchschufteten Jahren sich nun lohne, – daß wie ein unsichtbarer, stumm fließender, gewaltiger Strom der Reichtum heranwogte und sich für ihn auf den Banken staute.

Aber noch ein anderer Rausch betäubte ihn damals – so groß war die Fülle des heißen, brausenden Lebens gewesen ... Ein Königsleben ... Erfolg, Reichtum, Liebe ...

Was hatte sich daran geändert? War nicht noch alles ebenso wie damals?

Er hob den Kopf. Er sah mit bohrenden Blicken ins Unbestimmte.

Plötzlich kam ihm ein ganz paradoxer Gedanke: »Suche ich vielleicht eine Fessel, um Ketten zerbrechen zu können?«

Und ganz rasch, sich jäh aus seiner tiefen Versunkenheit aufraffend, ging er in sein Schreibzimmer.

Da lag ja ein Brief!

Das hatte er keinen Augenblick vergessen – keinen, bei all den Gesprächen mit Georg Burmeester. Das Wissen von diesem Brief war immer in ihm gewesen, auch während er so in schwerem Grübeln stand.

Denn er las es in Schrötters Augen, daß der die Handschrift erkannt hatte.

Wie sollte er sie auch nicht kennen? Seit sechs Jahren brachte die Post allwöchentlich mehrmals Briefe, deren Aufschrift die großen, eleganten, lateinischen Buchstaben zeigten. Die Post. Nie kamen sie durch Boten. Und es war solch eindringlicher, wachsam-sorgenvoller Blick in Schrötters Augen, als er meldete: »Ein Dienstmann hat ihn gebracht.«

Bordings Schreibzimmer ähnelte in der Ausstattung der Diele: schwere, ernste Pracht. Durch eine Anzahl von Bücherschränken kam ein bibliothekartiger Charakter hinein. In der Nähe des Fensters, nach dem Kirchenplatz zu, stand der große Diplomatenschreibtisch. Da lag, sehr hell im blassen Lila seines Papiers, der Brief auf der dunkelbraunen Tuchplatte. Er lag so, daß die Aufschrift nach unten gekehrt war und das Siegel von dunklem Lilalack wie eine flache, gepreßte Blume auf einem lichten Untergrund wirkte.

Jakob Bording setzte sich in seinen Schreibstuhl.

Seine Nasenflügel bebten. In seinen Augen war dunkler Glanz. Hätte ihn ein Mensch beobachten können, würde er zweifelnd sich gefragt haben: Glanz der Erwartung? Des Zornes? Der Freude? Der unruhvollsten Spannung?

So rätselhaft war der Ausdruck auf dem Antlitz des Mannes, als er jetzt den Brief öffnete und zu lesen begann:

»Geliebtester! Wie hasse ich den Frühling. Es ist eine unerträgliche Jahreszeit. Ja, ich hasse sie. Weil es zwischen fünf und sechs hell ist. Niemals ist es mir härter gewesen, daß wir uns in dieser Zeit so selten treffen können als jetzt. Flögen doch die Wochen, käme doch der Sommer, der uns einmal, einmal im Jahr ein Zusammenleben gestattet – die Vorsicht, die auch dann noch unser Glück umgeben muß, haben wir ja dank unserer großartigen Schlauheit und Selbstbeherrschung zu einer leidlich erträglichen Einrichtung gemacht.

»Aber es ist ja noch lange hin bis zu meiner Reise nach Brückenau und der Deinen nach Kissingen. Heute haben wir erst den zehnten Mai.

»Und was für aufregende, umwälzende Dinge könnten sich inzwischen begeben! Seit drei Tagen – der arme Leitolf dachte seinerseits gewiß noch nicht ans Sterben, er soll nicht geahnt haben, wie es mit ihm stand – seit drei Tagen wird schon das Bärenfell verteilt. Darum tu ich, was ich noch nie gewagt: geb' einem Dienstmann auf der Straße einen Brief an Deine Adresse.

»Ich muß Dir sagen – was Du höchstwahrscheinlich zwar schon weißt – mein Mann will Senator werden! Meinen Segen hat er. Mehr als das: ich wünsche es ihm und mir brennend. Aus vielen Gründen. Der eine Grund aber ist wichtiger als alle: ein Mann, der zu seinen eigenen, sehr stark ihn schon in Anspruch nehmenden Geschäften noch die Senatorswürde auf sich nimmt, kann sich seiner Frau überhaupt gar nicht mehr widmen! Daß ich Meno bisher schon sowieso eigentlich nur bei den Mahlzeiten sah, weißt Du. Aber schließlich konnte er doch kommen und gehen, wann er wollte; das machte in der Disposition über das eigene Kommen und Gehen unfrei. Fortan wird er an gewissen, mir vorher bekannten Tagen und Stunden durch Sitzungen aller Art wie festgenagelt sein.

»Ach, Jacky – ich seh' da, wenn auch nur ein kümmerliches Bißchen Möglichkeit für uns, uns häufiger zu treffen. Und ist nicht jeder Augenblick wie ein Geschenk für zwei darbende, sehnsüchtige Herzen?!

»Lieber, lieber, über alles Geliebter, Du! Sie sagen auch, Du seiest der andere Kandidat! Aber nicht wahr, das tust Du mir nicht an!! Deine überlastete Zeit, die gefährliche Verstohlenheit unserer Liebe machen ja ohnehin jede Glücksstunde fast zu einem Geschenk und Wunder! Wenn du nun noch eine solche Würde und Bürde auf Dich nimmst – was bleibt von Deinem Leben für Deine Thora?

»Ich bin nur, weil ich weiß, Du liebst mich. Ich atme nur, weil jeder Atemzug Liebe für Dich ist. Ich trage seit sechs Jahren die Gefahr und die Aufregung einer solchen Leidenschaft, weil ich lieber in diesen Nöten und Ängsten leben will, als ohne Deine Liebe sein. Weil ich lieber sterben und untergehen mag, als von Dir lassen.

»Treue adelt! Und unsere Treue hat unseren Bund längst geadelt!

»Ich muß Dich sprechen. Ich will einmal, einmal etwas Unerhörtes wagen. Gerade weil es so unerhört ist, wird es glücken. Ich komme zur gewohnten Zeit zu Dir – zwischen fünf und sechs – obgleich es heller Tag ist. Vielleicht fügt's der Zufall, daß mich niemand aus- und eingehen sieht. Und wenn doch ... Bekannte rede ich dann mit einer kecken Anrede an ... Fremde? Ach, die laß denken, was sie wollen.

»Morgen und übermorgen haben wir Gäste. Menschen, von denen Meno vermutet, sie könnten schwankend sein – unser Weinkeller und unsere Menüs haben was Überzeugendes – Du verstehst.

»Und noch drei Tage warten? Unmöglich!

»Neulich las ich in einem Gedicht:

»Die Insel unsres Glückes steige
Aus unentdecktem Meer empor.«

»Schön, nicht wahr? Wie für uns gesagt.

»Und dennoch wag' ich's heute und komme, kühn, im hellen Licht.

»Geliebter Mann – ich sehne mich Dir entgegen ... Du bist der Mann aller Männer für mich ... Wenn ich meine Arme um Deinen Hals legen kann und mein Gesicht an das Deine drücken darf, dann überkommen mich Seligkeiten, die meine Knie zittern lassen ...

Deine Thora.«

Er saß regungslos. Von schwerem Ernst war sein Gesicht wie versteinert.

Eine ungeheure Abwehr erhob sich in ihm im Vorausdenken – im Zorn, im Zurückdenken ...

Und dennoch – dennoch – es stieg etwas auf aus den Schlußworten des Briefes... wie der Duft eines schwarzen Haares – Heliotropatem war darin – – er meinte das leise Knistern von Seide zu spüren – das entsteht, wenn eine Frau sich eng anschmiegt – er fühlte den Samt einer weichen Haut an seiner Wange ... Flüsterworte heißer Liebesgier streiften an seinem Ohr vorbei ...

Er erblaßte. Ein kalter Schauer rann ihm über die Haut.

Er nahm sich zusammen – hart gegen sich selbst – eisern ... stark ... ein Mann ...

Noch ein paar Minuten.

Dann ergriff er sein Tischtelephon, drückte auf den elektrischen Knopf und sprach in das Mundstück hinein: »Viersechsundvierzig. – Hier Bording – ich möchte wissen: ist Herr Doktor Burmeester schon wieder im Bureau? – Ach, du bist es selbst, Georg. Ich habe über unser Gespräch nachgedacht. Also ja – ich nehme die Wahl an, wenn sie auf mich fiele. Mein Wort darauf!«

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