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Ein Kind unserer Zeit

Ödön von Horváth: Ein Kind unserer Zeit - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
authorEdmund Josef von Horváth
titleEin Kind unserer Zeit
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Das denkende Tier

Nun wohne ich bei meinem Vater. Er geht gegen Mittag weg und kommt erst nach Mitternacht heim. Sein Zimmer ist wirklich arm.

Ein Schrank, ein Tisch, ein Bett, zwei Stühle und ein schiefes Sofa – das ist alles. Das Sofa ist übrigens obendrein zu kurz für mich.

Dafür hab ich den halben Tag Musik.

Nebenan wohnt nämlich eine stellungslose Verkäuferin mit einem heiseren Grammophon. Sie hat nur drei Platten, lauter Tanz. Also immer dasselbe, aber das stört mich nicht, was Lustiges hört man immer gern.

Ich lese ein Buch über Tibet, das geheimnisvolle Reich des Dalai-Lama am höchsten Punkte der Welt. Mein Vater hats von einem Stammgast bekommen, der Stammgast konnte nämlich plötzlich seine Zeche nicht mehr bezahlen, weil er wegen einer geringfügigen Unterschlagung seinen Posten verloren hatte. Ein kleines Menü ist das Buch wert. Aber ohne Kompott.

Die Verkäuferin ist nicht hübsch.

Sie wird also schwer eine Stellung bekommen.

Wenn sie nicht verhungern will, wird sie sich wohl verkaufen müssen.

Viel wird sie ja nicht bekommen –

Eigentlich ist sie zu dürr. Zumindest für meinen Geschmack.

Ich lieb nämlich nur das Gesunde.

In den Zeitungen steht zwar, wir hätten keine Arbeitslosen mehr, doch das ist alles Schwindel. Denn in den Zeitungen stehen nur die unterstützten Arbeitslosen – da aber einer nach kurzer Zeit nicht mehr unterstützt wird, kann er also auch nicht mehr als Arbeitsloser in den Zeitungen stehen. Auch wenn er sich umbringt, um nicht zu verhungern, kann er nicht drinstehen, denn darüber zu berichten ist strengstens verboten. Nur wenn einer etwas stiehlt, das darf drinstehen und zwar in der Rubrik: Aus dem Rechtsleben.

Es gibt keine Gerechtigkeit, das hab ich jetzt schon heraus.

Daran können auch unsere Führer nichts ändern, selbst wenn sie auf außenpolitischem Gebiet noch so genial operieren. Der Mensch ist eben nur ein Tier und auch die Führer sind nur Tiere, wenn auch mit Spezialbegabungen.

Warum bin ich nicht so begabt?

Warum bin ich kein Führer?

Wer bestimmt da mit einem Menschen? Wer sagt zu dem einen: Du wirst ein Führer. Zum anderen: Du wirst ein Untermensch. Zum dritten: Du wirst eine dürre stellungslose Verkäuferin. Zum vierten: Du wirst ein Kellner. Zum fünften: Du wirst ein Schweinskopf. Zum sechsten: Du wirst die Witwe eines Hauptmanns. Zum siebten: gib mir deinen Arm –

Wer ist das, der da zu befehlen hat?!

Das kann kein lieber Gott sein, denn die Verteilung ist zu gemein.

Wenn ich der liebe Gott wär, würd ich alle Menschen gleich machen.

Einen wie den anderen – gleiche Rechte, gleiche Pflichten! Aber so ist die Welt ein Saustall.

Meine dicke Schwester im Krankenhaus sagte zwar immer: Gott hat mit jedem einzelnen etwas vor –

Heut tuts mir leid, daß ich ihr nie geantwortet hab: Und mit mir? Was hat er denn mit mir vor, dein lieber Gott? Was hab ich denn verbrochen, daß er mir immer wieder die Zukunft nimmt?

Was will er denn von mir?

Was hab ich ihm denn getan?!

Nichts, radikal nichts!

Ich hab ihn immer in Ruhe gelassen –

Das Grammophon spielt, ich lese im Buch über Tibet von dem salzigen See Tschargut-tso, aber meine Gedanken sind weiter weg.

Ich hab nämlich keine Angst mehr vor dem Denken, seit mir nichts anderes übrigbleibt. Und ich freu mich über meine Gedanken, selbst wenn sie Wüsten entdecken.

Denn ich bleib durch das Denken nicht mehr allein, weil ich mehr zu mir selber komm. Dabei find ich meistens nur Dreck.

Die Uniform darf ich noch immer tragen, ich hätt ja auch keinen anderen Anzug und das Jahr in der Kaserne war mein goldenes Zeitalter.

Vielleicht hätt ich jenem Bettler meine fünf Taler geben sollen, vielleicht war dann heut mein Arm wieder ganz – nein, das ist ein zu dummer Gedanke!

Weg damit!

Mein Vater sagte: wir haben gesiegt – jawohl: wir. Als wär er auch dabei gewesen und einst hat er doch den Krieg verflucht, seinen Weltkrieg, weil er dabei gewesen ist. Aber mein Krieg, der versetzt ihn in einen Taumel der Begeisterung –

Ja, er ist und bleibt ein verlogener Mensch.

Ich bin ihm nicht bös, wenn ich mir dieses Zimmer überleg.

Wer arm ist, darf sich was vorlügen – das ist sein Recht. Vielleicht sein einziges Recht.

Ich trete ans Fenster und schau hinaus.

Drunten auf der Straße gehen zwei Kinder.

Mit kleinen steifen Schritten – so bist du auch mal gegangen.

Ein Radfahrer fährt vorbei.

Dann kommt eine alte Frau und ein Mann mit einem Rucksack.

Ein Herr mit einer Zigarre und ein Lastauto –

Das alles gehört zu deinem Volk.

Schau dirs an, dein Vaterland – das ist dein alles. Das hat dein alles zu sein.

Du hast es beschützt – jetzt bist du ein Krüppel.

Ich stutze.

»Beschützt?«

Wer hats denn eigentlich bedroht?

Jenes kleine Land?

Lächerlich!

Der Radfahrer sah das Lastauto, er begann zu wackeln und stieg vorsichtshalber ab, denn die Gasse ist eng.

Auch mein Vaterland beginnt zu wackeln.

Immer größer werden die Lastautos – Die Rüstungsindustrie ist verstaatlicht, sagt mein Vater.

Also verdient der Staat.

Und der Staat ist das Volk.

Warum verdien ich also nichts?

Gehör ich denn nicht zu meinem Volk?

Ich hab doch nur verloren –

Warte nur, bald gibts nichts zum Lachen!

Wie kalt das Licht wird, wenn man denkt –

Mein Herz beginnt zu frieren.

In der Zeitung steht, wir kriegen Schnee.

Heuer kommt der Winter rasch.

Wir heizen bereits, mein Vater und ich.

Ihm kanns nicht heiß genug sein und ich schlaf schlecht, wenn das Fenster nicht offen ist. Das ergibt häufig Wortwechsel.

Ich wohne ja bereits seit Wochen bei ihm, und ich hab das deutliche Gefühl, daß er aufatmen würde, wenn ich endlich verschwunden wär. Er sagt jedoch nichts dergleichen, nur ab und zu schießt er mit vergifteten Pfeilen. Besonders, wenn ich mich mit seinen Klingen rasier.

Aber was bleibt mir denn übrig? Ich hab ja keine eigenen Klingen!

Soll ich mir einen Vollbart wachsen lassen?

Nein, nie! Niemals!

Ich will glattrasiert leben, ganz glatt.

Lieber rauch ich nichts!

Ich schau nicht mehr hinaus, sondern leg mich aufs Sofa, aber das Buch über Tibet laß ich auf dem Tisch.

Die Erforschung der weißen Flecke auf der Landkarte nein, mich interessieren heut andere Gebiete!

Wie gern würd ich auf alle Expeditionen verzichten, wenn mir die Post nur endlich ein kleines Brieflein bringen würde –

Nur ein paar Zeilen müßten es sein.

»Sie werden hiermit aufgefordert, sich am nächsten Donnerstag zwischen 10 und 11 unter Vorweisung Ihrer Militär- und Zivildokumente zwecks Einstellung als Hilfsdiener einzufinden« – unleserliche Unterschrift.

Und die unleserliche Unterschrift würde meine Dokumente prüfen und würde dann sagen: »Sie haben Glück, denn Sie haben die höchste Protektion! Sie sind also hiermit ein staatlich angestellter Hilfsdiener mit Pensionsberechtigung – man gratuliert!«

Der Dienst war ausgesprochen leicht.

Dreimal täglich muß ich zur Post, Briefe holen und befördern. Das ist eigentlich alles.

Ich wohne nun nicht mehr bei meinem Vater, sondern bewohne ein eigenes Zimmer, direkt im Amtsgebäude. Es ist groß und hell und geht auf einen vornehmen Park hinaus, in dem sich der Efeu um die alten Bäume rankt.

Die Uniform hängt im Schrank, ich hab mir einen blauen Anzug auf Raten gekauft, denn das kann ich mir nun leicht leisten, es ist ja nimmer so wie früher –

Das Grammophon spielt noch immer.

Wann wirst du dich verkaufen, liebe Nachbarin?

Von mir kriegst nichts.

Schad, daß jetzt meine dicke Schwester nicht da ist, der würd ich gar manches erzählen!

»Warum pflegst du kranke Menschen?« würd ich sie fragen. »Es gibt doch Gesunde mehr als genug, bet lieber für die, damit sie sich nicht verkaufen müssen, und laß die Kranken krank sein!«

Was würde sie antworten? Ich weiß es schon.

Sie würde sagen: »Liebe deine Feinde, aber hasse den Irrtum« –

Was ist Irrtum?

Ich mag es nicht, dieses Wort!

Weil man sich nicht auskennt damit und weil er dann immer wieder vor mir steht, mein Hauptmann!

»Was gibts denn?« fragt er mich.

»Melde gehorsamst, nichts.«

Ich dreh mich um –

Nein – nein, denk nur weiter, sei nicht feig!

Es ist ja so kalt geworden, daß du nichts mehr spüren kannst – keinen Stich, keinen Hieb.

Los – los! Was regt dich denn auf?

Was läßt dir denn keine Ruh?

Ich hör es wieder, wie sichs mir nähert –

Hatte er recht, frage ich mich, daß er sich vor seinem Vaterlande ekelte? Ja oder nein?

Gewiß, er war ein Schuft – aber hatte er recht?

Kann ein Schuft recht haben?

Als wir zum Beispiel seinerzeit zusahen, wie unsere Flieger das feindliche Lazarett mit Bomben belegten und die herumhüpfenden Insassen mit Maschinengewehren bestrichen, da drehte sich unser Hauptmann plötzlich um und ging hinter unserer Reihe langsam hin und her.

Er sah konstant zur Erde, wie in tiefe Gedanken versunken.

Nur ab und zu hielt er und blickte in den stillen Wald. Dann nickte er mit dem Kopf, als würde er sagen: »Jaja« –

Oder zum Beispiel, als wir damals in der Siedlung beschlagnahmten, da stellte er sich uns in den Weg. Er wurde ganz weiß und schrie uns an, ein ehrlicher Soldat plündert nicht! Er mußte erst durch unseren Leutnant, diesen jungen Hund, aufgeklärt werden, daß die Plünderung nicht nur erlaubt, sondern sogar anbefohlen worden war. Höheren Ortes.

Da ging er wieder von uns, der Hauptmann.

Er ging die Straße entlang und sah weder rechts noch links.

Am Ende der Straße hielt er an.

Ich beobachtete ihn genau.

Er setzte sich auf einen Stein und schrieb mit seinem Säbel in den Sand. Merkwürdigerweise mußte ich plötzlich an das verwunschene Schloß denken und an das Fräulein an der Kasse, das die Linien zeichnete –

Sie wollte mich nicht sehen.

Ja richtig, das verwunschene Schloß – das gibts ja auch noch!

Komisch, daß ich jetzt so lang nicht daran dachte –

Natürlich, die Fenster sind vergittert und die Drachen und Teufel, sie schauen heraus.

Fast hätt ichs vergessen.

Und ich wollt doch immer wieder hin –

Wie ist denn das nur gewesen?

Stimmt, ich kaufte mir zwei Portionen Eis.

Der Mond schien, die Luft war lau und die Katzen konzertierten.

Aber ich mag kein Eis und vielleicht ist sie nur eine Sitzschönheit, ich kenn ja nur das von ihr, was über die Kasse herausschaute.

Vielleicht hat sie krumme Beine –

Nein – nein, das ist nicht möglich!

Erinner dich nur!

Sie zeichnete ihre Linien und einen Augenblick lang war dir doch alles so fern, die ganze Welt, und du dachtest, das Herz bleibt stehen. Es rührte sich kein Blatt, nur aus dem verwunschenen Schlosse tönte leise die alte Musik.

Wolltest du ihr denn nicht schreiben?

Ach jaja –

»Wertes Fräulein«, wollte ich schreiben, »gestern war Donnerstag und heut ist schon Freitag. Wann ich wiederkommen werd, das weiß ich noch nicht, aber Sie werden immer meine Linie bleiben« –

Ich muß lächeln.

Morgen geh ich mal hin.

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