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Ein Kind unserer Zeit

Ödön von Horváth: Ein Kind unserer Zeit - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
authorEdmund Josef von Horváth
titleEin Kind unserer Zeit
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Der verlorene Sohn

Eigentlich wollt ich sie nimmermehr wiedersehen, die Witwe meines Hauptmanns, und sie wollt mich auch nimmer sehen. Als damals der Morgen graute und ich mich rasch verabschiedete, um noch den ersten Vorortzug zu erreichen, sagte sie nur: »Vergessen wir es, mein Freund« – Sie hielt mich für einen Studenten.

Und das tut mir heute noch wohl.

Ja, es war nur ein sogenanntes Abenteuer, wie es millionen- und millionenmal Tag und Nacht zustande kommt, wenn auch jedesmal unter anderen Voraussetzungen. Aber vielleicht sind alle diese Bedingungen nur rein äußerlicher Natur.

Offen gestanden war ich sogar froh darüber, daß wir zwei es vergessen sollten, denn wir waren zu guter Letzt nicht füreinander erschaffen. Ich weiß es natürlich nicht, wars ihre Haut oder war sie mir zu lebhaft – kurz: trotz allem kam keinerlei innere Verbindung zustande und das einzige, was mir blieb, war meine alte Ahnung, daß nämlich die Damen der Gesellschaft auch nur Weiber sind. Ich fühlte mich bestätigt und wollt nichts mehr von ihr wissen, denn selbst das Brustbild mit dem Hermelin erschien mir danach nur als optische Täuschung.

Aber es gibt eben in unserem Leben unerforschte Zusammenhänge, die keinen Witz verstehen – das wird mir allmählich dennoch immer klarer.

Ich sollte sie noch einmal wiedersehen, die Witwe meines Hauptmanns, wenn auch in einer ganz anderen Angelegenheit.

Zirka drei Wochen nach unserer Nacht stand ich wieder auf jenem Vorortbahnhof – »Frisches Bier!« rief das Mädchen am Buffett. Nein danke, sauf ihn selber, deinen Mist!

Daß ich wieder zu ihr hinausfuhr, daran war nur mein Vater schuld – jawohl, mein Herr Vater! Diese Idee war auf seinem Mist gewachsen, er hat mir diesen Floh ins Ohr gesetzt, er und sonst niemand!

Mein Arm wurd und wurd nämlich nicht besser und mein Schicksal schien besiegelt, weil eben zu viele Nerven zerrissen waren.

Am Tage nach jener Nacht untersuchte mich der Arzt und sagte: »Was ist denn das? Der Knochen ist ja schlechter geworden!«

Ich erschrak sehr.

»Haben Sie denn etwas Schweres gehoben oder getragen, gezogen?«

»Nein«, antwortete ich und mußte unwillkürlich lächeln, obwohl es mir eher zum Weinen war.

»Trauen Sie sich nur nicht allzuviel zu!« meinte der Arzt und trat zu meinem Nebenmann.

Ich hätte sie wecken sollen, als sie auf meinem Arm schlief. Aber ich wollt sie in Frieden ruhen lassen und jetzt steht es schlimm um mich.

Undank ist der Welten Lohn.

Ich hätte den Hund hereinrufen sollen, der in ihrem Schlafzimmer saß. Dann wär sie schon aufgesprungen – Was wiegt denn so ein Weib?

Sie war ja schwer wie ein Kalb.

Sicher 70 Kilo.

Ich will ihr zwar keine Vorwürfe machen, daß mein Arm nimmer ganz wird – seit vorgestern steht dies nämlich medizinisch erhärtet bereits felsenfest – aber sie trug halt auch ihr Steinchen dazu bei, ihr Steinchen zu dem Haufen, der meinen Arm endgültig zerquetschte.

Ja, das war ein harter Schlag, als es sich unwiderruflich herauskristallisierte, daß ich das Militär verlassen muß. Aber harte Schläge machen hart.

Und ohne mit der Wimper zu zucken, sagte ich: Adieu, ihr silbernen Sterne!

Zwar darf ich die Uniform noch tragen, doch nimmer lang. Nur als Übergangsmaßnahme –

Ich weiß es noch nicht, was nun kommen soll.

Ich weiß nur, man erntet nichts Gutes, wenn man gut ist. Bös muß man sein, berechnend und immer kälter –

Rücksichtslos bis zum Äußersten!

Denn es kümmert sich keiner um dich, wenn du ihn im Frieden ruhen läßt. Weckst du ihn auf, zertritt er dir deine Zukunft.

Oh, hätt ich ihn doch nur niemals retten wollen, diesen Hauptmann!

Diesen altmodischen Ritter mit seinen überspannten Ansichten –

Der so zart besaitet war, daß es ihm übel wurde, wenn er mal irgendwo tote Kinder sah –

Richtig, er paßte nicht in seine Zeit!

Hätt ich dies nur schon früher gewußt, dann hätt ich heut noch meinen Arm! Denn wer nicht in seine Zeit paßt, den soll man nicht abschneiden. Hoch droben soll er hängen an seinem freiwilligen Galgen, bis ihn die Krähen holen!

Hörst du mich, Hauptmann?

Hörst du mich da drunten?!

Lieg nur in deinem Heldengrab – aber ich soll von einer jämmerlichen Invalidenrente leben, was? Mit ehernen Lettern steht dein Name im Ehrenbuch unseres Volkes, doch ich darf sehen, was sich findet – wie bitte?!

Paß auf, es dauert jetzt nimmer lang und ich werd dich endgültig hassen!

Denn du warst ein Schwächling, der für sein Vaterland nicht einmal das Opfer bringen konnte, ein paar feindliche Weiber niederzuknallen – Jawohl, ein Schwächling!

Ein Bursche, dens vor seinem Volke ekelt!

Wer kümmert sich jetzt um mich?!

Ich gab dir meine Zukunft, aber du läßt mich allein zurück und kümmerst dich in deinem Sarg einen Dreck darum, ob ich satt bin oder nicht.

Erschein mir doch wenigstens als Geist und erleuchte mich, was ich jetzt beginnen soll! Aber du denkst nicht daran zu geistern, du verwest ruhig weiter, als hättest du nichts verbrochen!

Wenn ichs deiner Witwe nicht versprochen hätt, würd ich deinen Brief in alle Welt hinausposaunen – alle sollens wissen, daß du feige in den Tod marschiert bist, ein Fahnenflüchtiger, ein Schurke, ein Schuft!

Ausgraben sollen sie dich aus deinem Heldengrab und verscharren in der hintersten Ecke, wo sich die Verbrecher gute Nacht sagen –

Ich will von deinem Brief erzählen, jedem, der mir in den Weg läuft, alle sollens wissen, was du für eine Seele gewesen bist – garantiert!

Doch halt – halt!

Deine saubere Witwe würde natürlich alles prompt ableugnen, jeden Meineid würde sie schwören, wahrscheinlich hat sie auch den Brief schon längst verbrannt, sie ist ja ein raffiniertes Stück – und ich würd dann dastehen als der blöde Hund und würd vielleicht gar noch verurteilt werden als öffentlicher Verleumder.

Vorsicht, Vorsicht, lieber Freund!

Überhaste nichts, überleg dir alles haargenau!

Du stehst jetzt wieder am Anfang und nicht mehr in Reih und Glied.

Heut steht keiner neben dir, weder rechts noch links.

Du bist allein, nur du –

Aber diesmal packs gescheiter an. Gescheiter!

Nimm einen Bleistift in die Hand und rechne nach, was dir bleibt.

Es bleibt dir nur ein einziger Mensch.

Dein Vater. Dein lieber Vater.

Er hat dich in die Welt gesetzt, ohne sich zu erkundigen, ob du es haben wolltest – er muß dir also helfen und wenn er Blut schwitzen sollte.

Du magst ihn zwar nicht, doch das ist egal.

Nütze ihn aus!

Sei freundlich zu ihm! Halt das Maul, wenn er in seiner dummen Art auf die Rüstungsindustrie schimpft –

Wer weiß, vielleicht hat er gar nicht so unrecht damit!

Denn wenn ein Rüstungsindustrieller seinen Arm opfert, verliert er noch nicht seine Aufträge.

Er liefert trotzdem weiter.

Prima Kanonen, Munition und den ganzen Behelf –

Eine Invalidenrente ist für ihn kein Problem.

Widersprich also deinem Vater nicht, er hat dich ja auch gezeugt.

Im Jahre 1917.

Es muß im Fasching gewesen sein, denn ich hab im Herbst das Licht dieser Welt erblickt.

Ehre deinen Vater, auf daß du ihn auspressen kannst.

Geh zu ihm hin, fall auf die Knie und bitte ihn um seinen Segen! Er muß dir Geld geben.

Geh, du kennst ja das Lokal, in dem er sich sein Brot verdient!

Geh! – – –

Ich ging also zu meinem Vater, bis in die Vorstadt hinaus. Der herbstliche Abend lag mild auf den weiten Plätzen und durch die engen Gassen kam leis eine traurige Nacht. Ohne jedes Licht am Himmel, als wären sie alle heruntergefallen, die schönen silbernen Sterne.

Jetzt muß ich noch einmal nach rechts, dann links und quer hinüber – dort neben der Molkerei und dem photographischen Atelier, dort werd ich den lieben Vater treffen.

Ich steh vor der kleinen Gastwirtschaft und lese das Schild: Zur Stadt Paris.

Die Stadt Paris hat nur zwei Fensterscheiben. Die Vorhänge sind vorgezogen, und ich schau durch einen Riß hinein.

Die Luft da drinnen ist matt und grau. Ich seh nur wenig Gäste, aber sie rauchen fürs doppelte. Und da – da kommt er selbst!

Mein Vater.

Er bringt zwei Gläser Bier und stellt sie auf einen Tisch. Dort hocken drei Chauffeure und würfeln.

Mein Vater hat sich kaum verändert.

Er ist nicht älter geworden und es kommt mir sogar vor, als würd er weniger hinken. Ist es denn möglich, daß ein Schuß besser wird?

Oder ists nur die Macht der Gewohnheit, daß man mit der Zeit elastischer wirkt? Oder hab ich ihn nur hinkender in der Erinnerung?

Der eine Chauffeur zahlt, mein Vater kassiert und verbeugt sich untertänig. Jaja, er ist der alte geblieben. Ein Trinkgeldkuli –

Sicher verdient er ganz hübsch.

Trinkgelder summieren sich nämlich.

Auch die allerwinzigsten.

Vielleicht hat er schon ein Palais.

Ich muß grinsen –

Führst wieder ein flottes Junggesellenleben, was? Mit Weibern und Kartenspiel, wie vor deinem Weltkrieg?

Vorbei, vorbei!

Das war einmal – vor mindestens dreihundert Jahren.

Wie alt bist du heut eigentlich?

Ich schau mich um und betrete die Stadt Paris.

In der Nähe der Türe setz ich mich gleich.

Mein Vater erkennt mich nicht, denkt, ich wär ein gewöhnlicher Gast, und kommt zu mir, jedoch drei Schritt vor mir zuckt er sehr zusammen und starrt mich fassungslos an.

Ich lächle verbindlich.

Endlich findet er seine Sprache wieder.

»Du?« fragt er gedehnt –

»Ja, ich bins.«

Er rührt sich noch immer nicht und schaut und schaut mich nur an, fast forschend. Ich steh auf und reich ihm die Hand. »Guten Abend, Vater!«

Langsam nimmt er meine Hand, als wär sie zerbrechlich, und erholt sich allmählich von der Überraschung.

Dann sagt er: »Schön von dir, daß du noch an mich denkst. Was soll ich dir bringen, was willst du trinken?«

»Was du mir gibst.«

Er lächelt geschmeichelt.

»Dann bring ich dir etwas ganz Besonderes, einen Extratropfen – aber dann mußt du mir auch alles erzählen, von A bis Z« –

Er nickt mir zu und ich hör ihn an der Schenke sagen: »Für meinen Sohn!«

»Oh!« höre ich eine weibliche Stimme und dann beugt sich ein dicker, alter Schweinskopf über das Pult und glotzt mich neugierig an.

Aha, seine Herrin und Meisterin!

Ich nicke ihr ehrerbietig zu und sie verzieht befriedigt ihr Fett. Jetzt kommt mein Vater mit einem Glas Wein.

»Ich darf mich nicht setzen«, sagt er, »ich bin im Dienst.«

»Auf dein Wohl!« sage ich.

»Nein, auf dein Wohl!«

Ich leere das Glas mit einem Zug.

»Hoho!« lacht mein Vater. »Wie der säuft!«

»Recht hat er!« ruft der Schweinskopf. »Franz! Bringen Sie ihm noch einen Wein, tapfere Soldaten haben immer Durst!«

Franz ist mein Vater. Er bringt mir noch einen Extratropfen, beugt sich zu mir nieder und flüstert: »Du hast ja das Herz dieses alten Drachen im Sturm erobert, sie ist nämlich sonst der Geiz in persona, aber ich sags ja: man ist nicht umsonst mein Sohn!«

Stolz blickte er in der Runde umher und plötzlich bleiben seine Augen auf meinem Kragen kleben: »Was? Wir haben schon drei Sterne? Drei silberne Sterne?! Gratuliere – gratuliere« –

»Danke«, fall ich ihm ins Wort, »ich hab sie doch nimmer lang.«

»Nimmer lang?!«

Er ist vor den Kopf geschlagen.

Und ich erzähl ihm von meiner militärischen Zukunft, als ich nämlich noch eine hatte, denn ich bin doch einst der beste Schütze der Kompanie gewesen und hab hintereinander ins Schwarze getroffen. Aber dann meldete ich mich freiwillig, um an der Säuberungsaktion gegen diese vertierten Untermenschen –

Er unterbricht mich hastig: »Du warst auch dabei?«

»Ja, natürlich!«

»Aha!«

Was meint er mit diesem »Aha«? Ich werde nicht klug daraus und erwähne vorsichtig das kleine Land, das wir uns holen wollten –

»Es ist schon unser«, unterbricht er mich wieder.

Ich schau ihn mißtrauisch an. Meint er dieses »unser« spöttisch? Dem ist nämlich alles zuzutrauen, jeder Hohn und jede Zersetzung –

Und während ich ihn heimlich beobachte, fahre ich fort zu erzählen. Von den braven Fliegern, die ich zwar persönlich nicht riechen kann, die jedoch ungemein präzis ihre waghalsige Pflicht erfüllten, von den fremden Städten und Dörfern, die wir zerstörten, von dem niederträchtigen feindlichen Gesindel, das uns oft genug mit der Waffe in der Hand entgegentrat, von der häßlichen Sprache jener Verbrecher, ihren dreckigen Hütten und räudigen Hunden.

Er steht aufmerksam neben mir und plötzlich stört es mich, daß er nicht sitzen darf, und ich fasse mich immer kürzer.

Ich berichte von meiner schweren Verwundung, weil ich nämlich unseren Hauptmann retten wollte, aber ich verschweige ihm den Brief des Hauptmanns, denn der wär ja nur Wasser auf seine Mühle – und ich rede natürlich auch kein Wort von der Nacht mit seiner Witwe, denn in diesen Punkten bin ich Kavalier und nenne nie einen Namen, sondern rede nur im allgemeinen mit.

»Hm«, meint er, als ich geendet hatte, »ein zerschossener Arm ist natürlich nichts. Armer Kerl, hast wirklich Pech! Aber zunächst mach dir nur keine besonderen Sorgen – wenn du morgen oder übermorgen das Krankenhaus verlassen mußt, dann sollst du es wissen, daß du immer bei deinem Vater wohnen kannst.«

Ausgezeichnet! denke ich. Und ich sage: »Das wäre sehr lieb von dir« –

»Das ist gar nicht lieb«, fällt er mir wieder mal ins Wort, »das ist nur selbstredend! Sehr bequem wirst du es zwar nicht haben, denn ich hab jetzt ein anderes Zimmer.«

»Ein anderes?«

»Ja, es ist etwas kleiner, eigentlich sogar um ein ziemliches kleiner als das frühere – die allgemeine wirtschaftliche Lage ist eben nicht gerade rosig, obwohl wir das Land erobert haben.«

Wir? Du hast das Land erobert?

Was redet er da für Zeug?

»Aber all diese mißlichen Strömungen, Stockungen und Schwierigkeiten sind sicherlich nur vorübergehender Natur. Wir werden die Früchte unseres Sieges noch ernten, verlaß dich drauf!«

Himmelherrgott, meint er das ernst oder nicht?!

Es wird mir allmählich zu dumm.

»Das wundert mich, daß du so redest«, sage ich.

»Warum, wieso?«

»Früher hast du doch immer behauptet, jeder Sieg ist zu guter Letzt eine Niederlage und es würd nur eine Macht profitieren, ob Sieg oder Niederlage, nur eine Macht, nämlich die Rüstungsindustrie« –

»Unsinn!« unterbricht er mich barsch. »Für uns ist das kein Problem mehr, darüber sind wir gottlob hinaus! Seit dem 1. Januar steht doch unsere Rüstungsindustrie unter staatlicher Kontrolle, gewissermaßen ist sie sogar eigentlich bereits verstaatlicht und drum liegen natürlich heutzutag die Dinge diametral anders im Raum! Heutzutag profitiert die Allgemeinheit von jedem Sieg, wir alle, ich, du, das ganze Volk – – was glotzt du mich denn so geistreich an?«

Ich glotze ihn dumm an, weil ich plötzlich denken muß: wieso du und wieso ich? Ich gab doch meinen Arm und du hast ein kleineres Zimmer –

Nein, ich will nicht weiterdenken!

Denken tut weh –

Aber es hilft mir nichts, es kommt eine Frage und setzt sich an meinen Tisch. Sie läßt mich nicht aus den Augen, während mein Vater dahinredet wie ein reißender Fluß.

»Tröst dich nur, es wird schon werden, Sorgen hat ein jeder, ob reich, ob arm« – so rauscht der Fluß an mir vorüber, und die Frage lächelt undurchsichtig. Sie lehnt sich zurück wie ein höhnischer Lehrer in der Schule: »Nun, mein Kind, so antworte doch! Was heißt das eigentlich: die Allgemeinheit?«

Es wird mir einen Augenblick schwarz vor meinem Hirn, und ich hör meinen Vater aus der Ferne: »Es ist zwar richtig, daß du nichts gelernt hast, keinen richtigen zivilen Beruf, das ist allerdings arg, denn heut wärst du zum Lehrling schon zu alt und als ungelernter Arbeiter kannst auch nicht unterkommen, dazu fehlt dir ja die Vollkraft deines Armes – aber hunderttausend anderen gehts akkurat ebenso, du bist nicht der einzige, merk dir das! Du bist eben leider ein Kriegskind, die haben alle nichts Ordentliches gelernt, immer nur alles versäumt, entweder warens zu früh dran oder zu spät – doch halt – halt! Mir fällt grad etwas ein und das dürft einen Ausweg aus dem Labyrinth bedeuten, hör her, dein Vater ist nicht der Dümmste! Ich denk nämlich, du müßtest eine kleine Protektion haben« –

»Protektion?«

»Ja, vielleicht hilft dir der liebe Gott, und du kennst jemand, der dich protegieren könnt – kennst du den niemand persönlich?«

»Nein.«

»Keinen Offizier oder dergleichen?«

»Nein, das heißt: ich kenne jemand, aber das ist kein Offizier, sondern eine Frau, die Witwe meines Hauptmanns« –

»Du kennst sie?«

»Ja, ich hab ihr mal einen Dienst erwiesen.«

»Wunderbar! Die wird dir helfen, die muß dir helfen! Paß auf, mein Kind: alles im Leben erreicht man nur durch die Weiber«–––

So kam es, daß ich wieder zur Witwe meines Hauptmanns hinausfuhr. Sie erschrak sehr, als sie mir die Tür öffnete, aber sie beruhigte sich sogleich, als sie hörte, warum ich kam. Und sie versprach es mir, mich zu protegieren, sie kenne nämlich den Bruder eines Ministerialrates, vielleicht daß mir der eine staatliche Hilfsdienerstelle verschaffen könnte – und während sie mir dies versprach, beobachtete ich sie heimlich und wunderte mich sehr, wie sie mir jemals hatte gefallen können.

Denn sie lebte in meiner Erinnerung um zwanzig Jahre jünger.

Oder schien es mir nur so?

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