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Ein Kind unserer Zeit

Ödön von Horváth: Ein Kind unserer Zeit - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
authorEdmund Josef von Horváth
titleEin Kind unserer Zeit
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Im Hause des Gehenkten

Gott weiß alles, sagte die Schwester. Er läßt keinen aus den Augen, Tag und Nacht –

Wenn das wahr ist, möcht ich nicht der liebe Gott sein. Immer nur jeden einzelnen beobachten, wo der einzelne längst keine Rolle mehr spielt – ein undankbarer Beruf.

Überhaupt wird der liebe Gott immer überflüssiger.

Wahrscheinlich gibts ihn überhaupt nicht mehr, denn er läßt sich ja alles gefallen und tut nichts dagegen. Oder scheint es nur so?

Mit einem Wort: man kennt sich nicht aus und wer kann es wissen, was noch alles kommt? Ich nicht.

Wer hätt sichs zum Beispiel zu ahnen getraut, daß ich einst in diesem Leben mit der Witwe meines Hauptmanns in nähere Beziehungen treten werde?

In sogenannte nähere Beziehungen – und wenn auch nur für eine Nacht.

Wer hätte diese Nacht geahnt?

Sie war mir selbst so unvorstellbar, daß ich hinterher anfing, darüber nachzudenken, was es auf unserer Welt für einfache Gesetze gibt. Gesetze, die keinen Witz verstehen, sodaß man sich manchmal schon fürchten könnt.

Vielleicht gibts doch ein höheres Wesen.

Wenn mir einer vorher gesagt hätt, du wirst mit der Witwe deines Hauptmanns schlafen, hätt ich gesagt: Du Phantast!

Ich weiß es ja auch gar nicht, ob ich es eigentlich wollte. Ich wußte nur, sie hatte lange Beine.

Sie muß größer sein, als der Hauptmann war.

Jaja, manchmal bin ich imstand und liebe die Beine der Frauen, denn sie hören für mich nicht auf. Und sie können über alles gehen, über alles hinweg, so leicht, als wär alles nur nichts.

Ich habe einmal ein Buch gelesen über die Sprache der Beine. Es war ein Magazin und ich trugs eine Weile mit mir herum.

Der Stabsfeldwebel fand es und nahms mit nach Haus. Seine Gattin verbrannte es im Herd.

»Eine Schweinerei«, sagte sie.

Aber das war keine Schweinerei, sondern es waren stramme Weiber drin abphotographiert, die wenig anhatten oder fast nichts.

Das Titelblatt bestand aus einem Brustbild: die Dame mit dem Hermelin.

Und an dieses Brustbild mußte ich denken, als ich die Witwe meines Hauptmannes zum erstenmal sah.

Sie trug einen Morgenrock, obwohls schon Nachmittag war.

Sie wohnt im ersten Stock einer kleinen Villa. Unter ihr wohnt ein pensionierter Prokurist und über ihr ist schon das Dach.

Die Villa steht weit draußen am letzten Rand der Stadt.

Es ist ein neuer Vorort.

Vor fünf Jahren war da noch nichts zu sehen – kein Licht, kein Pflaster, keine Kanalisation, nur Gras. Aber wo einst das Vieh weidete, stehen heut schmucke Einfamilienhäuschen, denn die Welt dreht sich und das Leben läßt sich nicht lumpen. Wir entwickeln uns immer höher hinaus.

Als ich den Vorortzug verließ, fühlte ich plötzlich, daß es schon Herbst geworden war. Drinnen in der Stadt konnte man sich noch täuschen, aber hier draußen schien die Sonne so traurig, als hätte sie verweinte Augen. Ringsum sammelten sich die Nebel und lautlos fielen die gelben Blätter.

Ein alter Mann kehrte sie langsam zusammen –

Was geschieht mit den gelben Blättern?

Herr Hauptmann, wo bist du jetzt?

Ich darf gar nicht an dich denken, sonst fallen die Blätter noch stiller.

Als ich deine Witwe zum erstenmal sah, war es kurz nach sechs Uhr. Mein Zug ist zwar schon um 17 Uhr 9 auf die Minute pünktlich eingelaufen, aber ich ging nicht gleich zu ihr hin, sondern trank noch im Bahnhofsbuffet ein Glas Bier. Denn offen gestanden war es mir peinlich, sie zu sehen. Vielleicht wußte sie es ja noch gar nicht, daß es dich nicht mehr gibt, und dann hätt ich es ihr mitteilen müssen, sie hätt mich entsetzt angestarrt und ich hätt Trostworte finden müssen – nein, das kann ich nicht, das liegt mir nicht, ich mag keine heulenden Weiber!

Aber meine Angst war umsonst. Als ich nämlich zu stottern begann, unterbrach sie mich sogleich, und ich hörte, daß sie es bereits seit Monaten weiß, daß es dich nicht mehr gibt. Ein Oberstleutnant hätt es ihr schonend übermittelt, daß du als Freiwilliger gefallen wärst – sie lächelte bei dem Worte »Freiwilliger« etwas bitter, aber ich bemerkte es dennoch, daß ihr Hauptschmerz bereits überwunden war.

Ich trank also mein Bier umsonst.

Es war ein elendes Bier.

Ja, damals hätt ichs noch nicht gedacht, daß ich mit ihr schlafen werde, und zwar in selbiger Nacht. Wenn mir das damals einer prophezeit hätt, dem hätt ich mein Bier ins Gesicht geschüttet.

Nicht nur, weil ich es für treulos gefunden hätte, mit der Frau meines Hauptmanns etwas anzufangen – doch halt! Eigentlich hab ich ihn doch gar nicht betrogen, denn er weilt ja nicht mehr unter uns Lebenden. Und außerdem ist das Fleisch schwach, das ist ein alter Schnee.

Als ich das dumme Bier trank, betrachtete ich immer wieder seinen Brief mit der Aufschrift: »An meine Frau« –

Komisch, daß die Schwester dachte, ich hätt eine Frau.

Das wär ein Witz, wenn ich verheiratet wär.

Ich glaub, ich taug nicht recht dazu.

Es geht mir in diesem Punkt genau wie dir, mein Hauptmann.

Auch du warst unglücklich in der Ehe – still, wir habens alle gewußt! Drum wohntest du auch bei uns in der Kaserne und deine Gattin hier draußen in der entgegengesetzten Richtung. Du sahst sie nur sonn- und feiertags. Ihr verstandet euch nicht, das war bekannt. Wir hätten es uns auch gar nicht vorstellen können, wie du mit einem Weibe auskommst, so sehr gehörtest du zu uns.

Die Kaserne war auch deine alleinige Heimat, glaub es mir. Wenn du unsere Front abschrittest, dann wußten wirs alle, daß wir deine Kinder sind.

Was war daneben die Liebe eines Weibes?

Ein schwacher Schimmer.

Und trotzdem: wenn man längere Zeit kein Weib sein eigen nannte, dann kommen einem nachts die Träume, in denen man es nimmer weiß, ob man ein Herr ist oder ein Fräulein –

Wie gesagt, es war kurz nach sechs Uhr.

Wir saßen im Salon, sie und ich.

Ihr Morgenrock hatte einen tiefen Ausschnitt und auf dem Tischchen lagen Zigaretten.

Sie nahm sich eine davon und rauchte; und gab mir auch eine davon und ich rauchte auch.

Sie trug schwarze seidende Strümpfe und daran konnte man es auch erkennen, daß sie es bereits wußte, daß es dich nicht mehr gibt.

An der Wand hing ihr Bild, du kennst es.

Ein Ölgemälde. Mit einem Hermelin.

Vielleicht wars auch dieser Hermelin, daß ich unwillkürlich Vergleiche anstellte mit dem Brustbild im Magazin. Aber dies sagte ich ihr erst später.

Doch glaubs mir, bitte – nicht ich wars, der begann, sondern sie. Sie war der aktive Teil. Sie umarmte mich und sagte: warum umarmst du mich? Sie knöpfte mir den Waffenrock auf und sagte: was machst du da? Sie gab mir einen Kuß und sagte: laß mich! Sie preßte mich an sich und sagte: geh von mir –

Aber dies alles tat sie erst nach dem Abendessen.

Sie lud mich nämlich dazu ein, weil mein nächster Zug erst um 9 Uhr 12. zurückfuhr, jedoch damals dachten wir noch nicht weiter.

Ich wenigstens nicht.

Sie vielleicht schon.

Jaja, wir Männer fallen im Feld und die Weiber fallen zu Haus. Wir Männer kommen unter die Erde, die Weiber stehen wieder auf und ziehen sich um.

Auch deine Gattin, mein lieber Hauptmann! Auch die deine!

Doch warum erzähl ich dir das alles? Warum?

Warum denk ich denn immer an dich?

Es klingt ja schon fast, als würd ich mich verteidigen wollen –

Nein, das hab ich weißgott nicht nötig!

Ich tat doch nichts Böses und sie tat auch nichts dergleichen – und du, du bist tot! Verschwind!

Überhaupt ist manches Band zwischen dir und mir zerrissen, seit ich es weiß, was du deiner Frau geschrieben hast, seit ichs mit eigenen Augen las!

Warum beschimpfst du mich in deinem Briefe? Was tat ich dir denn? Wollt ich dich denn nicht retten? Warum nennst du mich einen ehrlosen Verbrecher?

Hauptmann, was soll das heißen?!

Ich kann nur annehmen, daß du krank geworden warst, als du diesen Brief geschrieben hast – und so erzählt ichs auch deiner Witwe, daß du anscheinend nicht mehr bei Sinnen gewesen bist, deine Nerven hätten dich höchstwahrscheinlich verlassen und deine verwirrte Phantasie hätt dir üble Streiche gespielt.

Sie wurde immer bleicher, als sie deine Zeilen las, und dann wurde sie rot, dunkelrot. Dabei ließ sie den Mund offen wie ein maßlos erstauntes Kind. Und dann, dann sah sie mich an – nein, nicht erstaunt, sondern entsetzt. Ich werd diesen Blick nie vergessen.

Sie hat hellgraue Augen, du weißt es. Sie starrten mich an, diese Augen, aber es war mir dabei, als dachte sie an nichts oder als lief ihr alles durch den Kopf.

Sie brachte keinen Ton hervor und der Brief in ihren Händen begann zu zittern. Es wurde mir allmählich unangenehm und ich wollt mich bereits erkundigen, was du geschrieben hättest, aber sie kam mir zuvor. »Entsetzlich«, sagte sie, und zwar sehr leise.

Dann stand sie auf und ging hin und her.

Was hat sie denn?

Plötzlich hält sie dicht vor mir und läßt mich nicht aus den Augen. »Und er – er gab Ihnen diesen Brief?«

»Ja, das heißt: ich nahm ihn ihm aus der Hand« –

»Still!« unterbricht sie mich schreiend. »Sprechen Sie nicht weiter, Sie Unmensch! Das ist ja zu grauenhaft kein Wort, kein Wort!« Sie wirft sich auf das Sofa und heult.

Ich kenne mich nicht mehr aus und mir fällt das Wort hysterisch ein.

Was tun?

Ich weiß es nicht und lasse sie heulen.

Sie weint immer leiser und langsam richtet sie sich wieder auf, trocknet ihre Tränen mit einem kleinen Taschentuch und schneuzt sich verstohlen. Dann fängt sie wieder mit mir an: »Hören Sie, Sie müssen mir alles erzählen, alles, alles – jetzt ja« –

Warum jetzt?

»Also«, fährt sie fort und versucht sich zu beherrschen, »Sie nahmen ihm den Brief aus der Hand?« »Ja, ich bemerkte nämlich, daß er was Weißes in der Hand hält.«

»Sie wollten ihn retten, nicht?«

Es wird mir kalt, denn sie lächelt ganz irr –

»Ja«, sage ich, »ich wollte ihn retten.«

»Aber Sie kamen zu spät?«

»Ja, zu spät.«

Sie lächelt noch immer.

»Und Sie haben ihn abgeschnitten?«

»Abgeschnitten?!«

Ich starre sie an, sie lächelt nicht mehr.

Abgeschnitten? Mir wirds ganz wirr –

Sie beobachtet mich.

»Erzählen Sie mir alles«, sagt sie und wird immer energischer, »ich habe ein Recht darauf, die Wahrheit zu erfahren, ich war ja zu guter Letzt seine rechtmäßige Gattin und ich will es nicht haben, daß man mir hier mit Heldentod und dergleichen Sand in die Augen streut! Ich verzichte auf jedwede ›Schonung‹! Ich fordere die Wahrheit, die nackte Wahrheit!«

Sie ist verrückt geworden, durchzuckt es mich.

»Hier aus diesen Zeilen, aus seinem letzten Briefe, geht es einwandfrei hervor, daß er nicht gefallen ist, sondern daß er sich erhängt hat.«

Ich schnelle empor.

»Erhängt?!«

»Hier stehts schwarz auf weiß! Er schreibt es selber! Und jetzt will ich alles genau wissen, alles, alles!«

»Aber er hat sich doch gar nicht erhängt!«

»Lügen Sie nicht!« schreit sie mich an. »Genug gelogen!« Jetzt wirds mir zu dumm.

»Ich lüge nicht!« fahr ich sie an. »Was fällt Ihnen eigentlich ein?! Er ist ordnungsgemäß gefallen!«

»Gefallen?!« unterbricht sie mich kreischend und lacht ganz eisig. »Gefallen, sagen Sie?! Hier, lesen Sie seinen Brief, seinen letzten Brief, Sie Lügner!«

Sie wirft den Brief auf den Tisch und ich seh ihn dort liegen.

Aber ich rühr ihn noch nicht an.

Sie tritt ans Fenster und schaut hinaus.

Draußen fährt ein Zug vorbei, ein Vorortzug –

»So lesen Sie ihn doch!« herrscht sie mich plötzlich wieder an. »Lesen Sie und seien Sie nicht so feig!«

»Ich bin nicht feig«, sage ich und werde wütend.

Rasch pack ich den Brief und beginne zu lesen.

»Meine liebe Frau«, lese ich, »kurz vor meiner langen Reise in die Ewigkeit will ich Dir nochmals danken, danken für all Deine Liebe und Treue. Verzeihe mir, aber ich kann nicht mehr weiterleben, mir gebührt der Strang« –

Ich stocke.

Der Strang?

Was schreibt er da, der Hauptmann?

Und ich lese weiter: »Wir sind keine Soldaten mehr, sondern elende Räuber, feige Mörder. Wir kämpfen nicht ehrlich gegen einen Feind, sondern tückisch und niederträchtig gegen Kinder, Weiber und Verwundete« –

Ich werfe einen Blick auf die Frau.

Sie steht noch immer am Fenster und schaut hinaus.

Gegen Weiber?

Ja, das stimmt.

»Verzeihe mir«, schreibt der Hauptmann, »aber ich paß nicht mehr in die Zeit« –

Ich schau die Frau Hauptmann an und denke: paßt du in die Zeit? Und ich frage mich: paß ich in die Zeit?

»Es ist eine Schande«, lese ich weiter, »und was mich am tiefsten schmerzt, ist der Untergang meines Vaterlandes. Denn jetzt erst hat mein Vaterland seine Ehre verloren und zwar für immer. Gebe Gott mir die Kraft, daß ich ein Ende machen kann, denn ich will nicht als Verbrecher weiterleben, mich ekelt vor meinem Vaterlande« –

Ekelt?

Die Frau schaut noch immer zum Fenster hinaus.

Was gibts denn dort draußen so Interessantes?

Wahrscheinlich nichts.

Ich blick auf sie und denk an den Hauptmann.

Wohin soll das führen?

Wer kann dich noch verstehen?

Warum ekelt dich dein Vaterland?

Ja, es ist wahr: Du wolltest nicht mehr bei uns sein, bei deinen Soldaten.

Du warst uns fremd geworden, das fühlten wir schon damals – erinnerst du dich?

Zum Beispiel, wie du es seinerzeit erfahren hast, daß wir ein paar Gefangene erledigt hatten, was hast du damals nur getrieben! Und derweil wars doch zu guter Letzt nur ein beschleunigtes Verfahren – vielleicht brutal, zugegeben! Man gewinnt keinen Krieg mit Glacéhandschuhen, das müßtest du wissen! Aber du schriest uns an, ein Soldat sei kein Verbrecher und solch beschleunigtes Verfahren wäre frontunwürdig!

Frontunwürdig?

Was heißt das?

Wir erinnern uns nur dunkel, daß dies ein Ausdruck aus dem Weltkrieg ist – wir haben ihn nicht mehr gelernt.

Und du hast dem Kameraden, der auf die Idee gekommen war, eigenhändig seinen Stern vom Kragen gerissen, seinen silbernen Stern –

Sag, Hauptmann, was hat das für einen Sinn?

Am nächsten Tag hat er doch seinen Stern wieder gehabt und du, du hast einen strengen Verweis bekommen – wir wissens alle, was in dem Schreiben stand. Der Leutnant hats uns erzählt.

Die Zeiten, stand drinnen, hätten sich geändert und wir lebten nicht mehr in den Tagen der Turnierritter.

Hauptmann, Hauptmann, es hat keinen Sinn!

Glaub es mir, ich mein es gut mit dir –

Oder sprang ich dir nicht nach?

Wollte ich dich denn nicht vom Tode zurückreißen?

Jetzt weiß ichs ja, warum du in das Maschinengewehr hineingelaufen bist, jetzt weiß ichs ja, daß ich dir keinen Gefallen getan hätt –

Aber mein Arm mußte daran glauben.

Er ist noch immer nicht ganz und vielleicht wird ers auch nimmer.

Wie kannst du mich einen Verbrecher nennen, wo ich dir helfen wollte?

Wie kannst du dich vor mir ekeln?

Denn ich gehör doch auch zum Vaterland.

Und deine Frau dort am Fenster ebenfalls.

Wenn ihr euch auch immer gestritten habt, es war ihr doch sicherlich lieber gewesen, du wärst wieder heimgekehrt – Sie ist zwar noch ein relativ junges Weib und wird sich schon trösten.

Aber trotzdem – trotzdem der einzelne keine Rolle spielt, du hättest es nicht tun dürfen, schau, sie ist ja ganz außer sich.

Ich werds ihr jetzt auch sagen, daß da keinerlei Strang eine Rolle gespielt hat, ich werd sie beruhigen, daß es nur ein feindliches Maschinengewehr gewesen ist –

Und ich sag es ihr.

Sie hört mir aufmerksam zu und fragt dann: »Ist das auch die Wahrheit?«

»Ja.«

Sie sieht mich traurig an mit ihren hellen Augen und lächelt ein bißchen, als wär sie müd. Dann schweigen wir wieder.

Ich wunder mich, wie ruhig sie geworden ist.

Plötzlich fragt sie mich: »Wollen Sie mir etwas versprechen?«

»Natürlich.«

»Behalten wir den Inhalt dieses Briefes für uns, bitte« – »Bitte« –

Sie nimmt den Brief an sich und fährt sich über die Frisur.

»Es wär mir nämlich sehr, sehr peinlich, wenn jemand den wahren Tatbestand erfahren würde – ich stamme aus einer alten Beamten- und Offiziersfamilie und wenn dieser furchtbare Brief bekannt werden würde, gäbs nur einen himmelschreienden Skandal.«

»Zu Befehl.«

»Die wären ja imstand und ließen ihm selbst im Grab keine Ruhe. Sie würden ihn noch ausgraben und irgendwo verscharren, wo weit und breit kein ehrlicher Mann liegt« –

»Nicht unmöglich.«

Sie sieht mich groß an.

Du stammst also aus einer Beamten- und Offiziersfamilie – muß ich denken.

»Sie sind jetzt mein Mitwisser«, unterbricht sie meine Gedanken und lächelt wieder ein wenig. »Auf Sie kommts an, daß es unter uns bleibt, nur auf Sie, denn der liebe Gott, der wird ja schweigen« –

Sie nickt mir zu und verläßt das Zimmer.

Sie geht in die Küche und richtet das Essen.

Denn, wie gesagt, ich sollte bei ihr zu Abend essen, weil doch mein Zug erst um 9 Uhr 12 zurückfuhr.

Jetzt bin ich allein.

Auf dem Tischchen liegen noch die Zigaretten, ich zünd mir eine an. Im Bücherschrank stehen Erinnerungen an den Weltkrieg. Es sind militärische Bücher, die gehörten ihm. Und blöde Romane, die gehören ihr.

In der Küche klappern die Teller.

Was wirds denn zum Essen geben?

Wahrscheinlich kalt.

Vielleicht einen feinen Aufschnitt, Butter, Käse und Brot – Draußen beginnt es zu regnen und die Bäume schütteln sich, doch drinnen bleibt alles warm und still.

Ja, es ist Herbst geworden.

Es wird immer dunkler und der Lampe Schein fällt auf den großen Tisch in der Mitte.

Hier haben die beiden gegessen, der Hauptmann und seine Frau.

Und plötzlich gehts mir durch den Sinn: schau, hier hast du ja das bequeme Leben –

Ein Leben, das du so sehr verachtest.

Mit Recht?

Und wie ich mich so frage, fällt mir mein Vater ein.

Der hinkt jetzt in seinem Lokal herum und beginnt mir leid zu tun –

Auch er wollte doch solch ein Zimmer haben.

Solch eine feine Lampe, einen Bücherschrank, den Sorgenstuhl, den großen und den kleinen Tisch.

Und eine Frau, die in der Küche mit den Tellern klappert.

Ob meine Mutter eigentlich gut kochen konnte? Ich weiß es nicht.

Aber ich muß sie mal wieder besuchen, ich war ja schon seit Jahren nimmer an ihrem Grab.

Und plötzlich wirds mir ganz eigenartig, denn es ist mir so, als würd ich selbst das Vaterland vergessen können wegen einer Frau – als würd man das Vaterland nicht mehr fressen wollen, wenn ein Weib für einen kocht.

Ja, die Liebe geht durch den Magen.

Ich muß grinsen und geh auf und ab.

In der Ecke steht ein großer Spiegel, ich seh mich drin gehen und plötzlich durchzuckt es mich: wie ist eigentlich dein Hauptmann gegangen?

Ich versuche, so zu gehen –

Es gelingt mir nicht.

Doch, zwei Schritte waren richtig. So ist er gegangen! Etwas schwer, etwas untersetzt –

Jawohl, so ist er hier auf und ab und hat auf das Essen gewartet.

Ob er auch so lange warten mußte?

Ich hab schon richtig Hunger – was klappert denn die so lang da draußen?

Grad will ich mir die vierte Zigarette anstecken, da kommt sie endlich mit einem Tablett.

Es gibt Schnitzel mit Salat. Bravo!

Sie deckt den Tisch und sagt kein Wort.

Messer, Gabel, Löffel – alles in Ordnung.

Alles in Reih und Glied, ausgerichtet Mann für Mann.

Jetzt werd ich allmählich der Hauptmann.

Ich setze mich auf seinen Platz.

Vielleicht ist es schön, wenn man weiß, daß man zu Hause eine Frau hat, die die Schränke öffnet und schließt.

Die alles in Ordnung hält.

Ja, das wär alles sehr schön, wenn man sichs leisten könnt!

Das Glück ist eine reine Geldfrage und sonst nichts.

Doch halt!

Der Hauptmann konnte sichs ja leisten, dieses häusliche Glück, und wohnte trotzdem in der Kaserne.

Sie sah ihn nur sonn- und feiertags.

Es ist also alles Essig, diese ganze himmlische und irdische Liebe und es bleibt dabei: ich mag keine Seele leiden.

Auch mich nicht.

Eigentlich hasse ich alle.

Selbst der Hauptmann entschwindet mir schon – seit seinem Brief.

Seit es ihn ekelt.

»Trinken Sie Rot oder Weiß?« fragt sie.

»Ich trink alles.«

Sie schenkt Roten ein, zuerst sich, dann mir.

Ich hebe das Glas: »Auf das Wohl der Hausfrau!«

»Danke«, sagt sie leise und nippt nur daran.

Sie ist sehr bleich, und wir reden nichts.

In der Ferne läutet ein Glockenspiel –

Ich horche hin.

»Das ist das Stellwerk vom Bahnhof«, sagt sie. »Wenn es dunkel wird, dann kann man die Signale hören.«

»Was hat das mit der Dunkelheit zu tun?« frage ich, erleichtert, daß sie endlich redet, denn diese schweigsame Esserei ging mir schon auf die Nerven.

»Das weiß man nicht, es ist halt so«, meint sie.

Und ohne mich anzuschauen, erklärt sie weiter: »Es gibt nämlich unerklärliche Dinge auf unserer Erde, seltsame Geheimnisse, unerforschte Zusammenhänge – finden Sie es nicht auch?«

Sie wartet meine Antwort gar nicht ab, sondern fährt fort, indem sie prüfend in ihrem Salat herumstochert: »Ich hatte einst einen schrecklichen Traum. Ich lag hier auf diesem Sofa, träumte ich, und las einen Roman, da trat mein Mann rasch ein und schrie mich an: ›Komm! Es ist höchste Zeit!‹ Und dann schimpfte er mit mir, weil ich noch nicht fertig war – oh, er schimpfte ganz schlimm, denn er konnte ja auch in Wirklichkeit recht ungeduldig werden, obwohl er zwar ein grundguter Mensch gewesen ist. Also ich zieh mich rasch an und da seh ich plötzlich, daß seine Stirne aus einer tiefen Wunde blutet. Ich schrei entsetzt auf, aber er lächelt nur, hält den Finger vor die Lippen und flüstert: ›Still, die Kinder schlafen ja schon‹ – und wir haben doch in Wirklichkeit gar keine Kinder. Ich starr ihn an und sagte: ›Alfons, was ist denn nur mit deinem Kopf?« Und er sagt: ›Red keinen Unsinn! Das ist doch nicht mein Kopf, das ist mein Herz‹ – da wachte ich auf.«

»Sonderbar«, sage ich.

»Und das Sonderbarste ist, daß ich das genau an dem Tage träumte, an dem er seinen Tod fand.«

»Sehr sonderbar. Und dann ist er so plötzlich verschwunden – ich meine: im Traum?«

»Ja, das heißt: er ging durch diese Türe, aber direkt durchs Holz hindurch, als hätt er kein Fleisch und Blut.«

»Und wohin geht diese Türe?«

Sie starrt mich einen Augenblick an, dann sagt sie: »In mein Schlafzimmer.«

Sie wird rot.

Warum?

Sie leert ihr Glas, fast hastig.

Plötzlich beginnt sie wieder: ›Was sind Sie denn von Beruf? Student?‹

Ich?! Ein Student?

Seh ich denn so aus?

Soll ich es ihr sagen, daß ich ohne Uniform nichts bin? Daß ich sogar vorbestraft wäre, wenn der Kriminaler nicht über das Eis gerutscht wär –

Und ich sage: »Ja, ich bin Student und bin dann mittendrin eingerückt – freiwillig.«

»Ach!« sagt sie und wird bitter ernst.

Wahrscheinlich fiel er ihr wieder ein bei dem Wörtchen »freiwillig« –

Aber ich muß nur lächeln, denn es schmeichelt mir, daß sie mich für einen Akademiker hält.

Es dreht sich also nicht nur alles ums Geld, sondern auch um die persönliche Wirkung. Wer hat, der hat!

Und auf einmal kann ich so frei zu ihr reden, als kämen mir die Worte und Sätze ganz von allein.

Ursprünglich war ich nämlich befangen, aber während ich nun daherrede, denk ich immer wieder dasselbe: schau, auch mit einer Dame der Gesellschaft läßt sichs leicht essen, vorausgesetzt, daß sie dich für einen Akademiker hält.

Ich erzähle ihr allerhand Zeug und einmal lacht sie sogar hellauf – aber mittendrin stockt sie und schaut sich ängstlich um, als dürfte sie heute nicht lachen.

Und ich erzähle ihr von meinem Arm, der noch immer nicht ganz ist, aber ich verschweig es ihr, warum er verletzt wurde – weil ich nämlich unseren Hauptmann retten wollte.

Warum red ich nur nichts darüber?

Warum sag ichs ihr nicht, daß mich mein Arm selbst beim Trinken noch schmerzt, weil ich ihren Gatten tollkühn zurückreißen wollte?

Warum protz ich denn nicht damit, daß ich eigentlich ein Held bin?

Ich wußte es selber nicht.

Es war nur eine leise innere Stimme da, die mir sagte: erwähne seinen Namen nicht mehr, nur seinen Namen nicht –

Er hat jetzt nicht mehr da zu sein.

Sein Schatten soll nicht mehr auf unseren Tisch fallen.

Weg damit!

Weg, vielleicht weil sie vorhin gelacht hat –

Sie soll sich nicht mehr umschauen!

Weg damit! –

Es wird immer später.

»Ich muß jetzt gehen«, sage ich.

»Wir haben noch Wein«, sagte sie.

Und ich habe so lang keinen Wein mehr getrunken, er steigt mir zu Kopf und ich erzähle von einem Fräulein, das mir nachlief und das ich nicht mochte, weil es zu jung für mich war – da bemerke ich, daß sie mich betrachtet. Ich stocke, denn sie lächelt spöttisch.

Jetzt läutet es wieder, das Stellwerk.

Sie horcht auf und zuckt etwas zusammen.

»Was gibts?«

»Das war Ihr letzter Zug.«

»Der letzte? Na gute Nacht!«

Aber sie beruhigt mich.

»Sie können ruhig hier übernachten, hier auf dem Sofa, vorausgesetzt, daß es Ihrem Arm nichts schadet« –

»Aber das geht doch nicht« –

»Warum soll das nicht gehen? Mich stören Sie nicht, im Gegenteil: ich bin gar nicht so gern allein in der Wohnung, im Parterre ist alles verreist und mein Mädchen erscheint erst morgen früh, es ist also niemand im Haus und oft kommen so unheimliche Bettler« –

Bettler?!

Das Wort versetzt mir einen Stich, denn ich muß an meine fünf Taler denken, die ich noch in der Tasche hab.

Und an denjenigen, dem ich sie nicht gab.

Ich erblick mich im Spiegel.

Es fällt mir erst jetzt auf, daß ich mich von meinem Platz aus erblicken kann.

Ich gefalle mir nicht.

Und sie sagt:

»Diese Bettler werden immer unverschämter.«

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