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Ein Kind unserer Zeit

Ödön von Horváth: Ein Kind unserer Zeit - Kapitel 27
Quellenangabe
typefiction
authorEdmund Josef von Horváth
titleEin Kind unserer Zeit
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080317
projectida9cf3da6
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Der Bettler

Als ich an diesem Abend das Lokal betrat, in dem mein Vater bediente, war das Tischchen, an dem ich sonst zu essen pflegte, besetzt. Es saß dort bereits ein Gast.

Der Tisch stand abseits von den anderen in einer Ecke, es war ein schlechter Platz, denn es zog immer herein. Aber da ich umsonst aß, mußte ich damit vorlieb nehmen. Hier aß ich nämlich, mein Vater bezahlte es zu sehr ermäßigtem Preise, bis ich Bescheid bekomme wegen der Aufseherstelle. So hatten wir beide es besprochen.

Der Gast, der an dem Tische saß, trug eine blaue Brille und hatte einen Vollbart. Ein weißer Stock lehnte neben ihm, er war also blind.

»Setz dich nur hin«, sagte mein Vater, »das ist bloß ein Bettler.«

Ein Bettler?

Und es fielen mir wieder die fünf Taler ein –

Wars nicht dieser, dem ich sie nicht gab?

Ich näherte mich dem Tische.

Nein, er wars nicht, aber ich bin nicht sicher –

Auf alle Fälle: er könnts gewesen sein.

Und [ich denke] ich werde den Gedanken nicht los: vielleicht wär mein Arm jetzt ganz, wenn ich ihm die fünf Taler gegeben hätt, vielleicht müßt ich jetzt nicht hier mit einem Bettler zusammen essen am gleichen Tisch und die Protektion erbitten und Aufseher werden –

Ich setze mich an den Tisch und sage: »Guten Abend!«

»Guten Abend«, sagt der Bettler und läßt sich nicht stören. Er löffelt seine Suppe.

Ich muß auf die meine warten.

Der Bettler hat seine Suppe ausgelöffelt und ißt nun ein Kotelett mit Reis und Salat. Auch Kompott ist dabei. Und ich denke mir: schau, dieser Bettler kriegt mehr wie ich – Jetzt bringt mir mein Vater meine Suppe und sagt zum Bettler: »Schmeckts?«

»No ja«, meint der Bettler, »das Fleisch ist ein bisserl zäh für meine Zahn und der Reis ist wieder so ein Matsch – – geh bringens mir einen halben Liter, von dem Weißen!«

Was? Der Bettler bestellt sich Wein?

Ich glotze meinen Vater betroffen an – – er errät meine Gedanken und meint lächelnd: »Jawohl, der Großpapa da verdient mehr als ich, der kann sich ruhig den Wein leisten –«

»Red nur«, sagt der Bettler, »red nur und richt mich aus – wer ist –« und er hebt seine blaue Brille und zwei Augen schauen mich streng an und zugleich gutmütig: »Wer sitzt denn da?«

»Mein Sohn.«

»Ah, gratuliere!«

»Er verläßt jetzt das Militär«, sagt mein Vater.

»Bravo«, sagt der Bettler, »verlassen ist immer gut. Was will er denn werden?«

»Er wird Aufseher«, sagt mein Vater.

»Aber Vater«, sag ich, »woher willst denn das wissen? Das hängt doch noch alles in der Luft!«

»Es hängt gar nichts in der Luft«, sagt mein Vater, und zum Bettler gewandt: »Er hat nämlich eine starke Protektion, die Witwe eines Hauptmanns, seines gefallenen Hauptmanns.« – –

Jetzt werd ich wild.

»Aber Vater«, sage ich, »wie kannst denn du das alles in der Welt so herumschreien, das muß doch nicht jeder wissen!«

»Junger Herr«, sagt der Bettler, »ich darf alles wissen und ich weiß auch alles. Wenn Sie wüßten, was mir alles erzählt wird!«

Mein Vater will mir auch entgegnen, daß er nicht aber – gläubisch sei, aber er wird von anderen Gästen fortgerufen. Er muß ihnen Bier bringen.

»Sie dürfen Ihren Vater nicht so anfahren. Ihr Vater ist ein alter Mann, da wird man geschwätzig. Das ist nicht schön und das gehört sich nicht«, sagt der Bettler.

»Was geht das Sie an?«

»Es geht mich so lang was an, solang ichs hören muß.«

»Dann hörens weg!«

»Das kann ich nicht. Ich bin ja nicht taub.«

Ich betrachte ihn spöttisch.

»Und blind sind Sie auch nicht?«

»Natürlich nicht«, sagt er. »Das tu ich nur so, als ob ich nicht sehen würde, sonst würd mir ja keiner was geben.«

»Feine Finten!«

»Ich muß auf das Mitleid spekulieren, damit die Leut besser werden. Ich tu als wär ich blind, aber ich sehs genau, wer mir was gibt. He, wo bleibt mein Wein?«

»Hier«, sagt mein Vater, er brachte ihn soeben.

»Zwei Gläser«, sagt der Bettler, »ich möcht gern deinen Sohn einladen – – darf ich?«

»Oh bitte!« sagt mein Vater.

»Ich verzichte«, sage ich.

»Was hat er denn?« staunt mein Vater.

»Er ist bös auf mich«, grinst der Bettler.

»Warum denn?«

»Weil ich dich in Schutz genommen hab«, sagt der Bettler.

»Ich brauch deinen Schutz nicht«, sagt mein Vater.

»Nanana, nur nicht gar so von oben herab! Kennst du nicht das erste Gebot – dort stehts an der Wand: ›Ehre Deinen Gast‹.«

»Mit dir kann man nicht reden!«, sagt mein Vater ärgerlich und läßt uns stehen.

»Mit mir kann man schon reden«, grinst der Bettler, »vorausgesetzt, daß man die Gebote befolgt.«

Ich betrachte die Gebote, sie hängen an der Wand.

Da steht:

Erstes Gebot: Ehre Deinen Gast, er ist Dein Herr, solang er die Zeche nicht prellt.

Zweites Gebot:.. .

»Trinkens nur ruhig mit mir«, höre ich den Bettler und er schenkt auch schon ein, »ich bettel zwar, und heut hat mir einer einen Gulden gegeben, das sind so Gelübde, als ob ich helfen könnt! Und ich kann auch helfen!«

»Sie können helfen?«

»Nicht immer. Aber wenn einer ganz fest glaubt, dann ja –«

»Das wär ja sehr einfach!«

»Oho! Glauben ist schwer, sehr schwer!«

»Sie glauben doch nicht –«

»Doch. Wenn man einem Bettler was gibt, das hat man Gott gegeben – aber ich will Ihr Gewissen erleichtern, das Geld mit dem ich diesen Wein da bezahl, ist nicht erbettelt –«

»Sondern gestohlen?« denke ich.

»Auch nicht gestohlen«, und er sieht mich scharf an, »wer hat heutzutag noch nicht irgendwas gestohlen – – ein jeder. Es kommt ja nicht drauf an, ob ein solcher Diebstahl im Gesetzbuch bestraft wird, ich red jetzt von einer höheren Warte aus.«

»Höhere Warte?« Ich betrachte ihn spöttisch.

»Das Geld, mit dem ich diesen Wein bezahle, ist weder erbettelt noch gestohlen, es ist mein Vermögen, ich bin nämlich reich.«

»Ach, und warum bettelns denn dann?«

»Das ist mein Beruf«, sagt er schlicht.

Lacht er mich aus? Macht er sich lustig über mich?

»Das versteh ich nicht«, sag ich.

»Das ist auch mein Geheimnis.«

»Das ist mir zu hoch.«

»Das glaub ich Ihnen«, sagt er und hebt sein Glas, »also reden wir nicht mehr, sondern trinken wir. Auf das, was wir lieben.«

Ich starre ihn an. Und rühre mich nicht.

»Na, Sie werden doch etwas haben, das Sie lieben –«

»Nein, das heißt –«

»Sie haben gar kein Mädel, niemand?«

»Nein.«

»Es ist nicht gut, daß der Mensch allein sei«, sagt er.

»Finden Sie?«.

»Ja, denn sonst verliert er sich in Grübeleien. Und er kann doch nicht denken, d. h. nur begrenzt. Da ists mir schon lieber, Ihr habt die Erbsünde begangen – ohne Weib wärs sicher noch schlimmer.«

»Ich hätt vielleicht schon wen«, sag ich, »aber ich weiß nicht, wo sie wohnt – –«

»Sie Wissens nicht?«

»Nein, sie ist fort.«

»Na und?«

»Nichts. Sie wird mich auch nicht mögen.«

»Warum nicht?«

»Weil ich nichts hab.«

»Lächerlich. Eine Frau ist doch nicht so –« »Sicher hat sie schon einen Meinesgleichen oder sowas.«

»Woher wollen Sie das wissen?«

»Ich denk es mir.«

»Das sagt gar nichts.«

»Was? Denken sagt gar nichts? Sondern?«

»Sondern: was grübeln Sie da herum – suchen Sie, suchen Sie!«

»Vorbei.«

»Sie gefallen mir. Wenn sie fort ist und dann sitzens da herum?«

»Was soll ich tun?«

»Suchen Sie sie! Suchen Sie. Man wird nicht umsonst geliebt! Gehens und suchens!«

»Wo denn?«

»Fragens die Leut!«

»So?«

»Jemand wirds schon wissen!«

Er hat recht, denke ich. Natürlich werd ich sie suchen, und zwar gleich morgen früh. Ich werd mich in der Autorennhalle, dort, wo das verwunschene Schloß mal stand, erkundigen, wo sie wohl sein mag – –

Und ich hebe das Glas: »Auf das, was wir lieben!«

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