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Ein Kind unserer Zeit

Ödön von Horváth: Ein Kind unserer Zeit - Kapitel 24
Quellenangabe
typefiction
authorEdmund Josef von Horváth
titleEin Kind unserer Zeit
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080317
projectida9cf3da6
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[Im Hause des Gehenkten]

Und ich sage: »Gnädige Frau, ich wollte ihn retten und dabei verletzte ich meinen Arm. Er wurde zersplittert und ich lag jetzt lang im Lazarett. Den ganzen Sommer über und jetzt ist schon Herbst.«

Sie sah mich an und sagte nur: »Ach!«

»Er ist noch immer nicht ganz gesund, obwohl die Kunst der Ärzte dafür garantieren wird, daß er wieder wird.«

So sprachen wir über meinen Arm.

Sie erkundigt sich, ob er noch schmerzt?

Manchmal, sagte ich, ich könnt ihn auch noch nicht so richtig wieder bewegen.

Und sie fragte: wie gehts denn im Krankenhaus? Sind Sie anständig verpflegt?

Oh ja. Ich erzähle ihr, was wir zu essen bekommen.

Sie hört mir zu, als würde sie an etwas anderes denken oder sich etwas überlegen, plötzlich fragt sie mich: »Essen Sie gern ein Schnitzel?«

»Natürlich«, sage ich, »wer ißt das nicht gern?«

»Dann bleiben Sie doch hier heut Abend. Der letzte Zug fährt um zehn Uhr zurück.«

»Gern!«

»Aber dann müssen Sie mir nur noch etwas holen aus dem Laden«, sagt sie, »ich werd inzwischen alles herrichten. Ich kann nicht fort, ich bin allein.«

Ich gehe in den Laden.

Es ist dunkel geworden und ich kaufe ein.

In dem Laden stehen verschiedene Käufer, Dienstmädchen und so weiter. Auch eine alte Frau. Ich bin der einzige Mann.

Und plötzlich muß ich denken: sie sagte, mein Mann kaufte auch immer ein. Und der Hauptmann stand auch da, vielleicht auf demselben Flecke, wo ich nun stehe und kaufte ein.

Vielleicht ist es viel schöner, als in Reih und Glied zu stehen. Das Kollektiv kommt mir plötzlich so einsam vor, – –

Vielleicht ist man allein gar nicht so allein, wenn man nämlich mehr zu sich selber kommt. Jawohl, mehr zu sich selber.

Und vielleicht sind die Frauen gar nicht so, wie ich sie sehe. Vielleicht bin ich blind – –

Möglich sogar – –

Denn ich liebe ja niemand.

Keine Seele.

Eigentlich hasse ich alle – –

Nur unseren Hauptmann haßte ich nicht.

Und ich kaufe der Witwe eine Schachtel Schokolade. Sie wird sich freuen. Denn das schickt sich so, wenn man eingeladen ist.

Sie freute sich auch, aber sie sagte: wozu diese Auslage, Sie habens doch sicher nicht so dick. Aber sie sagte trotzdem Danke und freute sich und trug die Bonbons in ihr Schlafzimmer.

Ich bleibe allein im Zimmer, sie richtet noch in der Küche. Ich höre manchmal das Geräusch. Ich setze mich in einen Clubsessel.

Im Schrank steht das Konversationslexikon.

Das hat der Hauptmann gelesen. Und da stehen militärische Bücher: das ist seine Lektüre. Und Romane: das liest sie.

Sie kommt mit den Schnitzeln und einer Flasche Wein.

»Trinken Sie Roten?« fragt sie.

»Ich trink alles«, sag ich.

Sie ist sehr bleich.

Wir essen und schweigen.

Sie schenkt ein.

Ich hebe das Glas: »Prost!«

Draußen läutet das Stellwerk

Wir trinken. Wir reden kaum ein Wort.

Plötzlich sagt sie: »Es gibt sonderbare Dinge, an dem Tage, da er fiel, schreckte ich plötzlich zusammen, hatte einen furchtbaren Traum. Ich lag im Bett und er kam hier in den Salon herein, er hatte einen Verband um die Stirne, ich schrie auf und er lächelte mir nur leise zu, als würde er sagen: ›Still, still!‹ Und dann war er wieder weg, er ging durch diese Türe hinaus.«

»Wohin geht, die Türe?«

»In mein Schlafzimmer.«

Wir essen weiter.

Plötzlich sagt sie wieder: »Es gibt unerklärliche Dinge zwischen Himmel und Erde, die wir nicht kennen – – glauben Sie daran, daß es das gibt?«

»Ich weiß nicht«, sage ich, »ich kenne mich da nicht so aus in diesen Dingen. Aber es ist natürlich alles möglich und sicher wissen wir vieles noch nicht.«

Sie trinkt viel.

»Ich möchte mich heute betrinken«, sagt sie, »ich weiß nicht, das alles hat mich so erschüttert, und ich muß sagen, ich werde einen Gedanken nicht los – halten Sie es für richtig, daß er in den Tod geht und doch an mich gar nicht denkt?«

»Hm.«

»Sie sind jetzt mein Mitwisser, Sie sind der einzige und ich weiß gar nicht, wer Sie sind, ich seh nur, Sie haben drei silberne Sterne – –«

»Hm.«

»Ich kann nur mit Ihnen drüber reden, wenn die wüßten, diesen Brief, sie würden ihn noch ausscharren und in der letzten Ecke des Friedhofs begraben.«

»Hm.«

»Was sind Sie eigentlich von Beruf? Student?«

Ich? Student?

Seh ich denn so aus?

Soll ich ihr sagen, daß ich nichts bin?

Die Badehütten, usw –

Und ich sage: ja, ich bin Student, und bin dann eingerückt. Es [freut mich] schmeichelt mich, daß sie mich für einen Studenten hält.

Ich kann plötzlich so frei mit ihr reden. Ich habe noch nie mit einer Dame so geredet, so eingeladen, war ich noch nie – – und es ist mir plötzlich so, daß ich sie liebevoller ansehe.

Schau, auch mit so einer Dame kann man reden, mit der Witwe eines Hauptmanns, aber man muß sich für einen Studenten ausgeben.

Und ich erzähle ihr, daß ichs nicht für richtig halte, daß er in den Tod ging und nicht an sie dachte – denn ich würde an sie denken und das ist mir momentan ehrlich.

Momentan ists mir, ich würde auch das Vaterland vergessen wegen ihr, und es wird mir ganz eigen zu Mut – als war das Vaterland nur ein schwacher Ersatz – –

Für was?

Ist das das bequeme Leben?

Vielleicht.

Vielleicht komm ich noch auf den Geschmack –

Und ich muß plötzlich an meinen Vater denken, der in seiner Wirtschaft herumhinkt und er beginnt mir leid zu tun –

Komisch, ich werd ein besserer Mensch, ein gütigerer – Und auf einmal sagt sie, wir, er und ich, wir lebten ja auch nicht so glücklich zusammen. Er kannte nur seinen Beruf. Die Pflicht war ihm alles und oft war eine Wand zwischen uns und ich saß hier oft und weinte, ich war viel einsam – Es wird immer später.

Ich muß jetzt gehen, sage ich.

Wir haben noch Wein, sagt sie.

Mein Arm [schmerzt mich] beginnt weh zu tun.

Sie sagt: Sie können ruhig hier übernachten, auf dem Sofa.

Wenn Sie wollen.

Aber das geht doch nicht – –

Warum nicht? Sie stören niemand. Und ich bin gar nicht gern allein in der Wohnung. Es kommen oft so Bettler – –

Bettler?!

Das Wort versetzt mir einen Stich.

Und sie sagt: »Sie verlangen oft mehr und sind gar nicht zufrieden, wenn man ihnen paar Groschen gibt. Neulich war einer da, der warfs mir vor die Füße.«

Und ich denk an die fünf Taler.

Jetzt läutet das Stellwerk.

Sie horcht auf: »Jetzt müssen Sie bleiben –«

Es war der letzte Zug.


Wundervoll sind die Wege »Gottes«, das geb ich ohne weiteres zu. Unenträtselbar für einen Sterblichen – stimmt!

Wer hätte es gedacht, daß ich mit der Frau meines Hauptmanns ins Bett gehen werde! Es ist so unvorhergesehen, daß man wirklich anfangen muß, darüber nachzudenken, was es alles in unserer Welt für seltsame Zusammenhänge und unsichtbare Gesetze gibt. Gesetze, die keinen Witz verstehen.

Als es dazu kam, so weiß ich es nicht genau, ob ich sie eigentlich wollte. Ich wollte nur eine Frau haben, das mußte ich, es war höchste Zeit, denn ich hatte schon lange keine mehr. Ich hatte bereits Träume in der Nacht, wo ich nicht mehr wußte, ob ich ein Mann bin oder ein Weib.

Sie umarmte mich und sagte: Warum umarmst du mich?

Sie knöpfte meinen Waffenrock auf und sagte: Warum machst du das?

Sie gab mir einen Kuß und sagte: Laß mich!

Sie preßte mich an sich und sagte: Geh von mir!

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