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Ein Kampf um Rom

Felix Dahn: Ein Kampf um Rom - Kapitel 99
Quellenangabe
typefiction
booktitleEin Kampf um Rom
authorFelix Dahn
publisherVerlag Werner Dausien
addressHanau
isbn3-7684-4210-1
titleEin Kampf um Rom
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1876
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Dreiundzwanzigstes Kapitel

Mehrere Tage waren vergangen, bis die Königin Mataswintha sich aus den wirren Fieberphantasien und aus dem von wilden Träumen gequälten Schlummer, der auf dieselben gefolgt war, erhoben hatte.

Teilnahmslos und stumpf stand sie der ganzen Außenwelt und den gewaltigen Entscheidungen gegenüber, die sich damals vorbereiteten. Sie schien keine Empfindung mehr zu haben, als das eine Gefühl ihrer ungeheuern frevelhaften Taten.

Und rasch hatte sich der wild frohlockende Triumph des Hasses, mit dem sie, die Fackel in der Hand, durch die Nacht gestürmt war, in zerstörende Reue, in Grauen und Entsetzen verwandelt. In dem Augenblick, da sie die arge Tat getan, hatte sie der Erdstoß in die Knie geworfen: und ihr von allen Leidenschaften erregter Sinn, ihr im Augenblick des vollendeten Frevels erwachendes Gewissen glaubte, die Erde wolle sich über ihre Untat empören: sie sah die Rache des Himmel hereinbrechen über ihr schuldiges Haupt.

Und als sie nun, in ihrem Gemache wieder angelangt, alsbald die Lohe, die ihre Hand entzündet, riesengroß emporsteigen sah, als sie das tausendstimmige Wehgeschrei der Ravennaten und Goten vernahm, da schien jede Flamme an ihrem Herzen zu nagen und jede der klagenden Stimmen sie zu verfluchen. Sie verlor das Bewußtsein: sie brach zusammen unter den Folgen ihrer Tat.

Als sie die Besinnung wiedergefunden und sich allmählich des Geschehenen wieder erinnert hatte, war die Kraft ihres Hasses gegen den König völlig gebrochen. Ihre Seele war geknickt. Tiefste Reue über ihre Tat, zitternde Scheu, je wieder vor sein Antlitz treten zu sollen, erfüllten sie ganz.

Um so mehr, als sie selbst wußte und von allen Seiten vernahm, wie der Untergang der Speicher den König zur Ergebung an seine Feinde zwingen werde.

Ihn selber sah sie nicht. Auch als er einmal einen Augenblick Zeit fand, selbst nach ihrem Zustand in ihren Gemächern sich zu erkundigen, beschwor sie die staunende Aspa, um keinen Preis den König vor ihr Antlitz treten zu lassen: obwohl sie wieder seit mehreren Tagen das Lager verlassen und häufig arme Leute aus der Stadt empfangen hatte, ja die Darbenden auffordern ließ, sich bei ihr zu melden. Sie pflegte dann eigenhändig die für sie und ihren Hof bestimmten Speisen und mit maßloser Freigebigkeit Schmuck, Gold und Kostbarkeiten an sie zu verteilen.

Solchen Besuch eines Bettlers erwartete sie, als ein Mann in braunem Mantel und einer Sturmhaube wiederholt und dringend sie um die Gnade gebeten hatte, sie möchte nicht ihm, sondern einer armen Frau ihres Volkes die Gunst einer Unterredung ohne Zeugen gewähren.

Es gelte des Königs Heil: es gelte zu warnen vor tätigem, überführbarem Verrat, der seine Krone, vielleicht sein Leben bedrohe. Mataswintha gewährte eifrig die Bitte.

Mochte es ein Irrtum, ein Vorwand sein: sie durfte nicht mehr abweisen, was auch nur mit dem Vorwand seiner Rettung an sie trat. Auf Sonnenuntergang bestellte sie das Weib.

Die Sonne war gesunken. Der Süden kennt fast keine Dämmerung. Es war finster beinahe, als der schon lange im Vorsaal harrenden Frau eine Sklavin winkte. Die Königin, krank und schlaflos des Nachts, habe erst zur achten Stunde Schlummer gefunden. Eben erst erwacht, sei sie sehr schwach. Gleichwohl solle die Bittende vorgelassen werden, da es dem König gelte.

«Ist das aber auch gewiß wahr?» forschte die Sklavin. «Nicht unnütz möcht' ich meine Herrin mühen»: – es war Aspa – «wenn ihr nur Geld damit erlisten wolltet, sagt es mir frei. Ihr sollt mehr haben, als ihr begehrt: – nur schont meine Herrin. Gilt es dem König wirklich?»

«Es gilt dem König!» Seufzend führte Aspa die Frau in das Gemach Mataswinthens.

Diese erhob sich, das Haupt und Haar von dichtem Tuch umwunden, ganz in leichtes, weißes Krankengewand gekleidet, im Hintergrund des großen Gemaches von dem Lager, an welchem ein runder Mosaiktisch stand. Die goldene Ampel, die über demselben in die Wand eingelassen war, brannte bereits mit mattem Licht. Sie blieb auf dem Rand des Lagers müde sitzen. «Tritt näher», sprach sie. «Es gilt dem König? Warum zögerst du? Rede.»

Das Weib deutete auf Aspa. «Sie ist verschwiegen und treu.» – «Sie ist ein Weib.» Auf einen Wink Mataswinthens entfernte sich ungern das Mädchen.

«Amalungentochter – ich weiß: nur des Reiches Not, nicht Liebe, hat dich zu ihm geführt. (Wie wunderschön ist sie obzwar todesblaß!) Doch, Gotenkönigin bist du, seine Königin – ob du ihn auch nicht liebst: sein Reich, sein Sieg muß dir das Höchste sein.»

Mataswintha griff nach der Goldlehne des Lagers. «So denkt jede Bettlerin im Gotenvolk!» seufzte sie.

«Zu ihm kann ich nicht sprechen. Aus eignen Gründen.

So sprech' ich denn zu dir, der es am meisten zusteht, ihn vor Verrat zu warnen. Höre mich.» Und sie trat näher, scharf auf die Königin blickend. «Wie seltsam», sprach sie zu sich selbst. «Welche Ähnlichkeit der Gestalt.»

«Verrat! Noch mehr Verrat?» – «So ahnst auch du Verrat?» – «Gleichviel. Von wem? Von Byzanz? Von außen? Von dem Präfekten?»

«Nein», sprach das Weib kopfschüttelnd. «Nicht von außen. Von innen. Nicht von einem Mann. Von einem Weib.»

«Was redest du?» sprach Mataswintha, noch bleicher werdend. «Wie kann ein Weib –»

«Dem Helden schaden? Durch höllische Bosheit des Herzens! Nicht mit Gewalt. Mit List und Verrat. Vielleicht bald mit heimtückischem Gift oder, wie schon geschehen – mit heimtückischem Feuer.»

«Halt ein!» Mataswintha, die sich erhoben hatte, wankte zurück an den Mosaiktisch, sich daran lehnend.

Aber das Weib folgte ihr, leise flüsternd: «Wisse das Unglaubliche, das Schändliche! Der König glaubt und das Volk: der Blitz des Himmels habe sein Korn verbrannt. Ich aber weiß es besser. Und auch er soll es wissen. Wissen, gewarnt durch deinen Mund, zu erforschen und zu entwaffnen die Bosheit. Ich sah in jener Nacht eine Fackel durch die Speichergänge eilen, und ein Weib hat sie hineingeschleudert. Du schauderst? Ja, ein Weib.

Du willst hinweg? Nein, höre nur noch ein Wort. Dann will ich dich lassen. Den Namen? Ich weiß ihn nicht. Aber sie brach vor mir zusammen und entkam mir: doch verlor sie als Wahrzeichen, als Erkennungszeichen – diese Schlange von Smaragd.»

Und die Frau trat hart an den Tisch, dicht unter den Schein der Ampel, den Armreif erhebend.

Da fuhr die Gepeinigte hoch empor. Vor das Antlitz hob sie die beiden nackten Arme. Von der hastigen Bewegung fiel die Kopfhülle. Ihr rotes Haar flutete nieder, und durch das Haar hindurch schimmerte an ihrem Arm deutlich eine Goldspange mit smaragdner Schlange.

«Ah!» schrie das Weib laut auf. «Beim Gott der Treue! Du! Du selber bist's!

Seine Königin! Sein Weib hat ihn verraten! Fluch über dich! Das soll er wissen!»

Mit gellendem Aufschrei fiel Mataswintha auf ihr Antlitz in die Kissen zurück. Der Aufschrei brachte Aspa aus dem Nebengemach zur Stelle. Aber als sie eintrat, war die Königin schon allein. Der Vorhang des großen Eingangs rauschte. Die Bettlerin war verschwunden.

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