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Ein Kampf um Rom

Felix Dahn: Ein Kampf um Rom - Kapitel 98
Quellenangabe
typefiction
booktitleEin Kampf um Rom
authorFelix Dahn
publisherVerlag Werner Dausien
addressHanau
isbn3-7684-4210-1
titleEin Kampf um Rom
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1876
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Zweiundzwanzigstes Kapitel

Der König hatte den Schutz der Mauerlücke am Turm des Aëtius Hildebad übertragen und war sofort auf die Brandstätte geeilt.

Als er dort eintraf, fand er das Feuer im Erlöschen: – aber nur aus Mangel an Nahrung. Der ganze Inhalt, der Speicher samt deren Brettergerüsten und dem Dach, alles, was durch Feuer zerstörbar, war bis auf den letzten Splitter und das letzte Korn verbrannt. Nur die nackten, ruß- und rauchgeschwärzten Steinmauern des ursprünglichen Marmorbaus, des Zirkus des Theodosius, starrten noch gen Himmel.

Ein Mal des Blitzstrahls war an ihnen nicht wahrzunehmen. Das Feuer mußte sehr lange Zeit von innen heraus, wo der Blitz den Holzbau entzündet haben mochte, unvermerkt fortgeglimmt sein und sich über alle Innenräume des Holzbaues schleichend verbreitet haben. Als Flammen und Rauch aber zu den Dachlücken herausschlugen, war alle Hilfe zu spät. Krachend war bald darauf der Rest des Holzbaues zusammengestürzt; die Einwohner hatten vollauf zu tun, die nächsten, teilweise schon vom Feuer ergriffenen Häuser zu retten. Dies gelang mit Hilfe des Regens, der kurz vor Tagesanbruch endlich einfiel und dem Sturm sowie dem Blitz und Donner ein Ende machte.

Aber statt der Speicher beleuchtete die aufgehende Sonne, als sie das Gewölk zerstreute, nur einen trostlosen Haufen Schutt und Asche in der Mitte des Marmorrundbaus.

Schweigend, mit tief gesenktem Haupt, lehnte der König lange Zeit diesen Ruinen gegenüber an einer Säule der Basilika. Ohne Regung, nur manchmal den Mantel auf der mächtig arbeitenden Brust zusammendrückend. Im Anblick dieser Trümmer war ein schwerer Entschluß in ihm gereift. Jetzt ward es grabesstill in seinem Innern.

Jedoch um ihn her auf dem Platze wogte das Elend der verzweifelnden Armen von Ravenna betend, fluchend, weinend, scheltend. «Oh, was wird jetzt aus uns!» – «Oh, wie war das Brot so weiß, so gut, so duftend, das ich noch gestern hier erhielt.» – «Oh, was werden wir jetzt essen?»

«Bah, der König muß aushelfen.» – «Ja, der König muß Rat schaffen.» – «Der König?»

«Ach, der arme Mann, woher soll er's nehmen?» – «Hat er doch selbst nichts mehr.» – «Das ist seine Sache.» – «Er allein hat uns in all die Not gebracht.» – «Er ist an allem schuld.» – «Was hat er die Stadt nicht lang dem Kaiser übergeben.» – «Jawohl, ihrem rechtmäßigen Herrn!» – «Fluch den Barbaren!» – «Sie sind an allem schuld.» – «Nicht alle, nein, der König allein. Seht ihr's denn nicht? Es ist die Strafe Gottes!» – «Strafe? Wofür? Was hat er verbrochen? Er gab dem Volke von Ravenna Brot!» – «So wißt ihr's nicht? Wie kann der Eheschänder die Gnade Gottes haben? Der sünd'ge Mann hat ja zwei Weiber zugleich! Der schönen Mataswintha hat ihn gelüstet. Und er ruhte nicht, bis sie sein eigen war. – Sein ehelich Weib hat er verstoßen.»

Da schritt Witichis unwillig die Stufen herab. Ihn ekelte des Volkes. Aber sie erkannten seinen Schritt.

«Da ist der König! Wie finster er blickt», riefen sie durcheinander und wichen zur Seite. «Oh, ich fürchte ihn nicht. Ich fürchte den Hunger mehr als seinen Zorn. Schaff' uns Brot, König Witichis. Hörst du's, wir hungern!» sprach ein zerlumpter Alter und faßte ihn am Mantel. «Brot, König!» – «Guter König, Brot!» – «Wir verzweifeln!» – «Hilf uns!» Und wild drängte sich die Menge um ihn.

Ruhig, aber kräftig machte sich Witichis frei. «Geduldet euch», sprach er ernst. «Bis die Sonne sinkt, ist euch geholfen.» Und er eilte nach seinem Gemach.

Dort warteten auf ihn mehrere Diener Mataswinthens und ein römischer Arzt.

«Herr», sprach dieser mit besorgter Miene, «die Königin, deine Gemahlin, ist sehr krank. Die Schrecken dieser Nacht haben ihren Geist verwirrt. Sie spricht wirre Fieberreden. Willst du sie nicht sehen?»

«Nicht jetzt, sorgt für sie.» – «Sie reichte mir», fuhr der Arzt fort, «mit größter Angst und Sorge diesen Schlüssel. Er schien sie in ihren Wahnreden am meisten zu beschäftigen. Sie holte ihn unter ihrem Kopfkissen hervor. Und sie ließ mich schwören, ihn nur in deine Hand zu geben, er sei von höchster Wichtigkeit.»

Mit einem bittern Lächeln nahm der König den Schlüssel und warf ihn zur Seite. «Er ist es nicht mehr. – Geht, verlaßt mich und sendet meinen Schreiber.»

*

Eine Stunde später ließ Prokop den Präfekten in das Zelt des Feldherrn eintreten.

Als er eintrat, rief ihm Belisar, der mit hastigen Schritten auf und nieder ging, entgegen: «Das kommt von deinen Plänen, Präfekt! Von deinen Künsten! Von deinen Lügen! Ich hab' es immer gesagt: vom Lügen kommt Verderben, und ich verstehe mich nicht drauf! Oh, warum bin ich dir gefolgt! Jetzt steck' ich in Not und Schande!»

«Was bedeuten diese Tugendreden?» fragte Cethegus seinen Freund.

Dieser reichte ihm einen Brief. «Lies. Diese Barbaren sind unergründlich in ihrer großartigen Einfalt. Sie schlagen den Teufel durch Kindessinn; lies.»

Und Cethegus las mit Staunen: «Du hast mir gestern drei Dinge zu wissen getan:

Daß die Franken mich verraten haben. Daß du im Bund mit den Franken das Westreich deinem undankbaren Kaiser entreißen willst. Daß du uns Goten freien Abzug über die Alpen ohne Waffen anbietest.

Darauf habe ich dir gestern geantwortet, die Goten geben nie ihre Waffen ab und räumen nicht Italien, die Eroberung und Erbschaft ihres großen Königs: eher fall' ich hier mit meinem ganzen Heer. So habe ich gestern gesprochen. So spreche ich heute noch, obwohl sich Feuer, Wasser, Luft und Erde gegen uns empörten. Aber was ich immer dunkel gefühlt, hab' ich heut nacht unter den Flammen meiner Vorräte klar erkannt: es liegt ein Fluch auf mir. Um meinetwillen erliegen die Goten. Ich bin das Unglück meines Volkes. Das soll nicht länger also sein. Nur meine Krone versperrte einen ehrenvollen Ausweg: sie soll's nicht mehr. Du erhebst dich mit Recht gegen Justinian, den treulosen und undankbaren Mann. Er ist unser Feind wie der deine. Wohlan: stütze dich, statt auf ein Heer der falschen Franken, auf das ganze Volk der Goten, deren Kraft und Treue dir bekannt. Mit jenen sollst du Italien teilen: mit uns kannst du es ganz behalten. Laß mich den Ersten sein, der dich begrüßt wie als Kaiser des Abendlands so als König der Goten. Alle Rechte bleiben meinem Volk, du trittst einfach an meine Stelle. Ich selber setze dir meine Krone auf das Haupt, und wahrlich: kein Justinian soll sie dir entreißen. Verwirfst du diesen Antrag: so mache dich gefaßt auf einen Kampf, wie du noch keinen gekämpft. Ich breche dann mit fünfzigtausend Goten in dein Lager. Wir werden fallen. Aber auch dein ganzes Heer. Eins oder das andre. Ich hab's geschworen. Wähle. Witichis.»

Einen Augenblick war der Präfekt aufs furchtbarste erschrocken. Rasch hatte er einen forschenden Blick auf Belisar geworfen. Aber dieser eine Blick beruhigte ihn wieder ganz. «Er ist ja Belisar», sagte er sich abermals. «Jedoch gefährlich ist es immer, mit dem Teufel zu spielen. Welche Versuchung! –»

Er gab den Brief zurück und sagte lächelnd: «Welch ein Einfall! Wozu doch die Verzweiflung führt.»

«Der Einfall», meinte Prokop, «wäre gar nicht so übel, wenn...»

«Wenn Belisar nicht Belisar wäre», lächelte Cethegus.

«Spart euer Lachen», schalt dieser. «Ich bewundre den Mann. Und es darf mich nicht mehr beleidigen, daß er mich der Empörung fähig hält. Hab' ich es ihm doch selber vorgelogen.» Und er stampfte mit dem Fuß. «Ratet jetzt und helft! Denn ihr habt mich in diese leidige Wahl geführt. Ja sagen kann ich nicht. Und sag' ich nein: darf ich des Kaisers Heer als vernichtet ansehn. Und muß obendrein bekennen, daß ich die Empörung erlogen.»

Cethegus sann schweigend nach, das Kinn mit der Linken langsam streichend. Plötzlich durchblitzte ihn ein Gedanke. Ein Strahl der Freude flog verschönend über sein Gesicht: «So kann ich sie beide verderben!» Er war in diesem Augenblick sehr mit sich zufrieden. Aber erst wollte er Belisar ganz sicher machen. «Du kannst vernünftigerweise nur zwei Dinge tun», sagte er zaudernd.

«Rede, ich sehe weder eins noch das andre.»

«Entweder wirklich annehmen»

«Präfekt», rief Belisar grimmig und fuhr ans Schwert. Prokop hemmte erschrocken seinen Arm. «Keinen solchen Scherz mehr. Cethegus, so lieb dir dein Leben.»

«Oder», fuhr dieser ruhig fort, «zum Schein annehmen. Ohne Schwertstreich einziehn in Ravenna. Und – die Gotenkrone samt dem Gotenkönig nach Byzanz schicken.»

«Das ist glänzend!» rief Prokop. «Das ist Verrat!» rief Belisar.

«Es ist beides», sagte Cethegus ruhig.

«Ich könnte dem Gotenvolk nicht mehr in die Augen sehen.»

«Das ist auch nicht nötig. Du führst den gefangenen König nach Byzanz. Das entwaffnete Volk hört auf, ein Volk zu sein.»

«Nein, nein, das tu' ich nicht.»

«Gut. So laß dein ganzes Heer Testamente machen. Leb' wohl, Belisar. Ich gehe nach Rom. Ich habe durchaus nicht Lust, fünfzigtausend Goten in Verzweiflung kämpfen zu sehen. Und wie wird Kaiser Justinianus den Verderber seines besten Heeres loben!»

«Es ist eine furchtbare Wahl», zürnte Belisar.

Da trat Cethegus langsam auf den Feldherrn zu. «Belisar», sprach er mit gemütvoller, tief aus der Brust geschöpfter Stimme: «du hast mich oft für deinen Feind gehalten. Und ich bin zum Teil dein Gegner. Aber wer kann neben Belisar im Feld gestanden sein, ohne den Helden zu bewundern?»

Und seine Weise war so feierlich und salbungsvoll, wie man sie nie an dem sarkastischen Präfekten sah. Belisar war ergriffen, und selbst Prokop erstaunte.

«Ich bin dein Freund, wo ich es sein kann. Und will dir diese Freundschaft in diesem Augenblick durch meinen Rat bewähren. Glaubst du mir, Belisarius?» Und er legte die linke Hand auf des Helden Schulter, bot ihm treuherzig die Rechte, und sah ihm tief ins Auge.

«Ja», sagte Belisar, «wer könnte solchem Blick mißtrauen.»

«Siehe, Belisar, nie hat ein edler Mann einen mißtrauischeren Herrn gehabt als du. – Der letzte Brief des Kaisers ist die schwerste Kränkung deiner Treue.»

«Das weiß der Himmel.»

«Und nie hat ein Mann», – hier faßte er ihn an beiden Händen «herrlichere Gelegenheit gehabt, das schnödeste Mißtrauen zu beschämen, sich aufs glorreichste zu rächen, seine Treue sonnenklar zu zeigen. Du bist verleumdet, du trachtetest nach der Herrschaft des Abendlandes. Wohlan, bei Gott: du hast sie jetzt in Händen. Zieh in Ravenna ein, laß dir von Goten und Italiern huldigen und zwei Kronen auf dein Haupt setzen. Ravenna dein, dein blindergebenes Heer, die Goten, die Italier wahrlich, du bist unantastbar. Justinian muß zittern zu Byzanz, und sein stolzer Narses ist ein Strohhalm gegen deine Macht. Du aber, der du all dies in Händen hat, – du legst all die Macht und all die Herrlichkeit deinem Herrn zu Füßen und sprichst: ‹Siehe, Justinianus, Belisar ist lieber dein Knecht als der Herr des Abendlandes.› So glorreich, Belisar, ward Treue noch nie auf Erden erprobt.»

Cethegus hatte den Kern seines Herzens getroffen. Sein Auge leuchtete.

«Recht hast du, Cethegus, komm an meine Brust, hab' Dank. Das ist groß gedacht. O Justinian, du sollst vor Scham vergehn!»

Cethegus entzog sich der Umarmung und schritt zur Türe.

«Armer Witichis», flüsterte Prokop ihm zu; «er wird diesem Musterstück von Treue aufgeopfert. Jetzt ist er verloren.»

«Ja», sagte Cethegus, «er ist verloren, gewiß.» Und draußen vor dem Zelt warf er den Mantel über die linke Schulter und sprach: «Aber gewisser noch du selber, Belisar.»

*

In seinem Quartier trat ihm Lucius Licinius gerüstet entgegen.

«Nun, Feldherr», fragte er, «die Stadt ist noch nicht übergeben. Wann geht's zum Kampf?»

«Der Kampf ist aus, mein Lucius. Leg' deine Waffen ab und gürte dich zu reisen. Du gehst noch heute mit geheimen Briefen von mir ab.» – «An wen?» – «An den Kaiser und die Kaiserin.» – «Nach Byzanz?» – «Nein, zum Glück sind sie ganz nah, in den Bädern von Epidaurus. Eile dich. In fünfzehn Tagen mußt du zurück sein, nicht einen halben später. Italiens Schicksal harrt auf deine Wiederkunft.»

*

Sowie Prokop mündlich die Antwort Belisars dem Gotenkönig überbracht, berief dieser in seinen Palast die Führer des Heeres, die vornehmsten Goten und eine Anzahl von vertrauten einfach Freien, teilte ihnen das Geschehene mit und forderte ihre Zustimmung.

Wohl waren sie anfangs mächtig überrascht: und ein Schweigen des Staunens folgte auf seine Worte. Endlich sprach Herzog Guntharis, mit Rührung auf den König blickend: «Die letzte deiner Königstaten, Witichis, ist so edel, ja edler als alle deine früheren. Dich bekämpft zu haben werd' ich ewig bereuen. Ich habe mir lange geschworen, es zu sühnen, indem ich dir blindlings folge. Und wahrlich, in diesem Fall hast du zu entscheiden, denn du opferst das Höchste: eine Krone. Soll aber ein andrer als du König sein, – leichter mögen die Wölsungen einem Fremden, einem Belisar, als einem Goten nachstehn. Und so folg' ich dir und sage: ja, du hast gut und groß gehandelt.»

«Und ich sage nein! Und tausendmal nein!» rief Hildebad. «Bedenkt, was ihr tut! Ein Fremder an der Spitze der Goten!»

«Was ist das andres, als was andre Germanen vor uns getan, Quaden und Heruler und Markomannen, auch die Franken unter jenem Römer Ägidius?» sagte Witichis ruhig, «ja, was andres, als was unsere glorreichsten Könige und selbst Theoderich getan? Sie leisteten dem Kaiser Waffendienst und erhielten dafür Land. So lautet der Vertrag, nach dem Theoderich Italien von Kaiser Zeno nahm. Ich erachte Belisar nicht geringer als Zeno und mich wahrlich nicht besser Theoderichs.»

«Ja, wenn es Justinian wäre», fügte Guntharis bei. «Nie unterwarf' ich mich dem feigen und falschen Tyrannen. Aber Belisarius ist ein Held. Kannst du das leugnen, Hildebad? Hast du vergessen, wie er dich vom Gaul gerannt?»

«Schlag mich der Donner, wenn ich's ihm vergesse. Es ist das einzige, was mir an ihm gefallen hat.»

«Und das Glück ist mit ihm, wie mit mir das Unglück war. Und wir bleiben im reichen Lande hier, bleiben frei wie bisher und schlagen nur seine Schlachten gegen Byzanz. Er wird uns Rache schaffen an dem gemeinsamen Feind.»

Und fast alle Versammelten stimmten bei.

«Nun, ich kann euch nicht in Worten widerlegen», rief Hildebad. «Von je hab' ich die Zunge ungefüger als die Axt geführt. – Aber ich fühl' es deutlich: ihr habt unrecht. – Hätten wir nur den schwarzen Grafen hier, der würde sagen können, was ich nur spüre. Mögt ihr's nie bereuen! Mir aber sei's vergönnt, aus diesem ungeheuerlichen Mischreich davonzugehn. Ich will nicht leben unter Belisar. Ich zieh' auf Abenteuer in die Welt: mit Schild und Speer und groben Hieben kommt man weit.»

Witichis hoffte, den treuen Gesellen in vertrautem Gespräch wohl noch umzustimmen. Er fuhr jetzt in der Sache fort, die ihm so sehr am Herzen lag. «Vor allem hat sich Belisar Schweigen ausbedungen, bis er Ravenna besetzt hat. Es steht zu fürchten, daß einige seiner Heerführer mit ihren Truppen von einer Empörung gegen Justinian nichts wissen wollen. Diese, sowie die verdächtigen Quartiere von Ravenna, müssen von den Goten und den verlässigen Anhängern Belisars umstellt sein, ehe die Entscheidung fällt.»

«Hütet euch», warnte Hildebad, «daß ihr nicht selbst in diese Grube fallt! Wir Goten sollen uns nicht aufs Feinspinnen verlegen. 's ist, wie wenn der Waldbär auf das Seil steigt – er fällt doch über kurz oder lang. Lebt wohl – mög' es besser ausfallen, als ich ahne.

Ich gehe, von meinem Bruder Abschied zu nehmen. Der, wie ich ihn kenne, wird wohl mit diesem Römer-Gotenstaate sich versöhnen. Der schwarze Teja aber, denk' ich, zieht mit mir davon.»

*

Am Abend durchlief die Stadt das Gerücht von einer Kapitulation. Die Bedingungen waren ungewiß. Aber gewiß war, daß Belisar auf Verlangen des Königs große Vorräte von Brot, Fleisch und Wein in die Stadt schickte, welche an die Armen verteilt wurden. «Er hat Wort gehalten!» sagten diese und segneten den König.

Dieser erkundigte sich nun nach dem Befinden der Königin und erfuhr, daß sie sich langsam wieder beruhige und erhole. «Geduld»: sprach Witichis aufatmend – «auch sie wird bald frei und meiner ledig.»

Es dunkelte bereits, als eine starke Schar berittener Goten sich aus der innern Stadt nach der Mauerlücke am Turm des Aëtius wandte. Ein langer Reiter voran: dann eine Gruppe, die auf quergelegten Lanzen eine mit Tüchern und Mänteln verhüllte Last in schweren Kisten trug. Dann der Rest der stark gerüsteten Männer.

«Auf mit dem Notriegel!» rief der Führer, «wir wollen hinaus.»

«Du bist es, Hildebad?» rief der Wache haltende Graf Wisand und gab Befehl zu öffnen. «Weißt du schon, die Stadt wird morgen übergeben. Wo willst du hin?»

«In die Freiheit!» rief Hildebad und gab seinem Roß die Sporen.

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