Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Felix Dahn >

Ein Kampf um Rom

Felix Dahn: Ein Kampf um Rom - Kapitel 97
Quellenangabe
typefiction
booktitleEin Kampf um Rom
authorFelix Dahn
publisherVerlag Werner Dausien
addressHanau
isbn3-7684-4210-1
titleEin Kampf um Rom
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1876
Schließen

Navigation:

Einundzwanzigstes Kapitel

Während die Frau sich in der Richtung jenes dumpfen Schlages wandte, drehte sie einen Augenblick den Speichern den Rücken. Aber rasch wandte sie sich diesen wieder zu. Denn es war ihr, als sei eine schwere Türe zugefallen. Scharf blickte sie hin. Doch in der tiefen Finsternis konnte ihr Auge nichts wahrnehmen. Nur ihr Ohr hörte etwas sacht an der Außenmauer des Gebäudes dahin rascheln. Und sie glaubte, ein leises Seufzen zu vernehmen.

«Halt», rief die Frau, «wer jammert da?»

«Still, still», flüsterte eine seltsame Stimme, «die Erde hat darüber – vor Abscheu sich geschüttelt, gebebt. Die Erde bebt – die Toten stehen auf. – Es kommt der jüngste Tag, – der deckt alles auf. – Bald wird er's wissen. – Oh. –» Und ein tiefgezogener Klagelaut – und ein Rauschen von Gewändern – und Stille.

«Wo bist du? Bist du wund?» rief die Frau tastend.

Da zuckte ein heller Blitz, der erste seit dem Erdstoß – und zeigte vor ihren Füßen liegend, eine verhüllte Gestalt. Weiße und dunkelblaue Frauenkleider. Das Weib langte nach dem Arm der Liegenden.

Aber rasch sprang diese bei der Berührung auf und war mit einem Schrei im Dunkel verschwunden. Das Ganze war so rasch und ungeheuerlich wie ein Traumgesicht: nur eine breite goldene Armspange mit einer grünen Schlange von Smaragden, die in ihrer Hand zurückgeblieben, war ein Pfand der Wirklichkeit dieser unheimlichen Erscheinung.

*

Und wieder tönten die ehernen Schritte der gotischen Wachen. «Hildebad, Hildebad, zu Hilfe!» rief Wisand. «Hier bin ich: – was ist? Wohin soll ich?» fragte dieser, mit seiner Schar entgegenkommend. «An das Tor des Honorius! Dort ist die Mauer eingestürzt, und der dicke Turm des Aëtius liegt in Trümmern. – Zu Hilfe, in die Lücke!»

«Ich komme: – – armer Fridugern!»

*

In dem gleichen Augenblick stürmte draußen im Lager der Byzantiner Cethegus, der Präfekt, in das Feldherrnzelt Belisars. Er war in voller Rüstung, der purpurdunkle Roßschweif flatterte um seinen Helm. Seine Gestalt war hoch aufgerichtet. Feuer leuchtete in seinen Augen. «Auf! Was säumst du, Feldherr Justinians? Die Mauern deiner Feinde stürzen von selber ein.

Offen liegt vor dir des letzten Gotenkönigs letzte Burg. – Und du? Was tust du in deinem Zelt? – –»

«Ich verehre die Größe des Allmächtigen!» sagte Belisar mit edler Ruhe. Antonina stand neben ihm, den Arm um seinen Nacken geschlungen. Ein Betschemel und ein hohes Kreuz zeigte, in welchem Tun die wilde Glut des Präfekten das Paar gestört. «Das tu' morgen. – Nach dem Sieg. Jetzt aber: stürme!»

«Jetzt stürmen,» sprach Antonina, «welcher Frevel!

Die Erde bebt in ihren Grundfesten, erschüttert und erschreckt. Denn Gott der Herr spricht in diesen Wettern.»

«Laß ihn sprechen! Wir wollen handeln. Belisar, der Turm des Aëtius und ein gutes Stück Mauer sind eingestürzt. Ich frage dich, willst du stürmen?»

«Er hat nicht unrecht», meinte Belisar, in dem die Kampflust erwachte. – «Aber es ist finstere Nacht. –»

«Im Finstern find' ich den Weg zum Sieg und in das Herz von Ravenna. Auch leuchten die Blitze.»

«Du bist ja plötzlich sehr kampfeseifrig», zögerte Belisar.

«Ja, denn jetzt hat's Vernunft zu kämpfen. Die Barbaren sind verblüfft.

Sie fürchten Gott und vergessen darüber ihrer Feinde.»

Im gleichen Augenblick eilten Prokop und Marcus Licinius in das Zelt. «Belisar», meldete der erste, «der Erdstoß hat deine Zelte am Nordgraben umgestürzt und eine halbe Kohorte Illyrier darunter begraben!» – «Hilfe, Hilfe! Meine armen Leute!» rief Belisar und eilte aus dem Zelte. «Cethegus», berichtete Marcus, «auch eine Kohorte deiner Isaurier liegt unter ihren Zelten verschüttet.» Aber ungeduldig, den Helm schüttelnd, fragte der Präfekt: «Was ist mit dem Wasser in dem gotischen Graben vor dem Aëtiusturm? Hat der Erdspalt es nicht verringert?» – «Ja, das Wasser ist verschwunden – der Graben ist ganz trocken. Horch, das Wehegeschrei! Deine Isaurier sind's: sie stöhnen und wimmern unter der Verschüttung und schreien um Hilfe.»

«Las sie schreien!» sprach Cethegus. – «Der Graben ist wirklich trocken? So laß zum Sturm blasen. Folge mir mit allen Söldnern, die noch leben.»

Und unter Blitz und Donner, die jetzt wieder unaufhörlich rasten, eilte der Präfekt zu seinen Schanzen, wo seine römischen Legionäre und der Rest der Isaurier unter Waffen standen. Rasch übersah er sie: es waren viel zu wenige, um mit ihnen allein die Stadt zu nehmen. Aber er wußte, daß ein günstiger Erfolg alsbald Belisar mit fortreißen würde. «Lichter, Fackeln her!» rief er und trat mit einer Pechfackel in der Linken vor die Front seiner römischen Legionäre. «Vorwärts», befahl er, «die Schwerter heraus!»

Aber kein Arm rührte sich.

Sprachlos vor Staunen und mit Grauen blickten alle, auch die Führer, auch die Licinier, auf den dämonischen Mann, der im Aufruhr der ganzen Natur nur an sein Ziel dachte und die Elemente, die Schrecken Gottes, nur als Mittel ansah zu seinem Zweck.

«Nun, habt ihr auf mich zu hören oder auf den Donner?» rief er.

«Feldherr», mahnte ein Centurio vortretend, «sie beten, denn die Erde bebt.»

«Glaubt ihr, Italia wird ihre Kinder verschlingen? Nein, ihr Römer, seht: der Boden selbst von Italien erhebt sich gegen die Barbaren. Er bäumt sich, sprengt ihr Joch, und ihre Mauern fallen. Roma! Roma aeterna!»

Das zündete. Es war eines jener cäsarischen Worte, welche die Männer und die Waffen fortreißen.

«Roma! Roma aeterna!» riefen zuerst die Licinier, dann die Tausende der römischen Jünglinge, und durch Nacht und durch Grauen, durch Blitz und Donner und Sturm folgten sie dem Präfekten, dessen dämonischer Schwung sie mit fortriß. Die Begeisterung lieh ihnen Flügel. Rasch waren sie über den breiten Graben hinweg, dem sie sonst kaum zu nahen gewagt. – Cethegus der erste am jenseitigen Rand. – Die Fackeln hatte der Sturm gelöscht. Im Finstern fand er den Weg. «Hierher, Licinius», rief er, «Mir nach! Hier muß die Lücke sein.»

Und er sprang vorwärts, rannte aber gegen einen harten Körper und taumelte zurück. «Was ist das?» fragte Lucius Licinius hinter ihm, «eine zweite Mauer?» – «Nein», sprach eine ruhige Stimme von drüben, «aber gotische Schilde.» – «Das ist der König Witichis», sagte der Präfekt grimmig und maß mit bitterem Haß die dunkeln Gestalten. Er hatte auf Überraschung gezählt. Seine Hoffnung war getäuscht. «Hätt' ich ihn», sprach er grimmig in sich hinein, «er sollte nicht mehr schaden.»

Da wurden von rückwärts viele Fackeln sichtbar, und die Trompeten schmetterten. Belisar führte sein Heer zum Sturm gegen den Mauersturz. Prokop erreichte den Präfekten: «Nun, was stockt ihr? Halten euch neue Wälle auf?»

«Ja, lebendige Wälle. Da stehen sie», und der Präfekt deutete mit dem Schwert. «Unter den noch fallenden Trümmern, diese Goten!» –

«Nun wahrlich!» rief Prokop: «si fractus illabatur orbis, impavidos ferient ruinae! Das sind mutige Männer.»

Aber jetzt war Belisar mit seinen dichten, zum Angriff bereiten Scharen heran. Einen Augenblick, – nur die Führer eilten noch, Befehle erteilend hin und wieder, – einen Augenblick noch, und ein furchtbares Morden mußte beginnen.

Da erglühte plötzlich der ganze Horizont über der Stadt. Eine Flammensäule schoß hoch empor, und zahllose Funken stoben nieder. Es schien Feuer vom Himmel zu regnen. Im roten Licht glänzte ganz Ravenna. Es war ein furchtbar herrlicher Anblick.

Die beiden Heere, im Begriff handgemein zu werden, hielten inne.

«Feuer! Feuer! Witichis! König Witichis», schrie jetzt ein Reiter, der von der Stadt herjagte, «es brennt.»

«Das sehen wir. Laß brennen, Markja! Erst fechten, dann löschen.»

«Nein, nein, Herr! Alle deine Speicher brennen! Dein Getreide fliegt in Myriaden Funken durch die Luft.»

«Die Speicher brennen!» schrien Goten und Byzantiner.

Witichis versagte die Stimme, zu fragen. «Der Blitz muß schon lange im Innern gezündet haben. Er hat von innen alles zusammengebrannt. Da sieh, sieh hin. –

Ein stärkerer Stoß des Sturmwinds fuhr in die Lohe und entfachte sie riesengroß. Die Flammen flogen auf die nächsten Dächer. Zugleich schien der hölzerne Dachfirst des hohen Gebäudes jetzt hinabzustürzen. Denn nach einem schweren Schlag schossen abermals viele, viele Tausende von Funken empor. Es war ein Flammenmeer.

Witichis wollte das Schwert erheben zum Befehl: – matt sank sein Arm herunter.

Cethegus sah's: «Jetzt», rief er, «jetzt zum Sturm!»

«Nein, haltet ein!» rief mit Löwenstimme Belisarius. «Der ist ein Feind des Kaisers, der ist des Todes, der das Schwert erhebt. Zurück ins Lager alle: jetzt ist Ravenna mein – und morgen fällt's von selbst.»

Und seine Tausende folgten ihm und zogen zurück. Cethegus knirschte. Er allein war zu schwach. Er mußte nachgeben. Sein Plan war gescheitert. Er hatte die Stadt mit Sturm nehmen wollen, um, wie in Rom, sich in ihren Hauptwerken festzusetzen.

Und er sah voraus, daß sie nun ganz in Belisars Hand werde geliefert werden. Grollend führte er die Seinen zurück.

Aber es sollte anders kommen, als Belisar und als Cethegus dachten.

 << Kapitel 96  Kapitel 98 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.