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Ein Kampf um Rom

Felix Dahn: Ein Kampf um Rom - Kapitel 93
Quellenangabe
typefiction
booktitleEin Kampf um Rom
authorFelix Dahn
publisherVerlag Werner Dausien
addressHanau
isbn3-7684-4210-1
titleEin Kampf um Rom
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1876
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Siebzehntes Kapitel

Hildebad, ungeduldig über das lange Müßigliegen, hatte aus der ihm zu besonderer Obhut anvertrauten Porta Faventina mit Tagesanbruch einen heftigen Ausfall auf das byzantinische Lager gemacht, anfangs in ungestümem Anlauf rasche Vorteile errungen, einen Teil der Belagerungswerkzeuge verbrannt und ringsum Schrecken verbreitet.

Er hätte unfehlbar noch viel größeren Schaden angerichtet, wenn nicht der rasch herbeieilende Belisar an diesem Tage all seine Feldherrnschaft und all sein Heldentum zugleich entfaltet hätte. Ohne Helm und Harnisch, wie er vom Lager aufgesprungen, hatte er sich zuerst seinen eigenen fliehenden Vorposten, dann den gotischen Verfolgern entgegengeworfen und durch äußerste persönliche Anstrengung und Aufopferung das Gefecht zum Stehen gebracht. Darauf aber hatte er seine beiden Flanken so geschickt verwendet, daß Hildebads Rückzug ernstlich bedroht war und die Goten, um nicht abgeschnitten zu werden, all ihre errungenen Vorteile aufgeben und schleunigst in die Stadt zurückeilen mußten.

Cethegus, der mit seinen Isauriern vor der Porta Honoriana lag und zur Hilfe herbeikam, fand das Treffen schon beendet und konnte nicht umhin, nachher Belisar in seinem Zelte aufzusuchen und ihm, als Feldherrn wie als Krieger, seine Anerkennung auszusprechen, ein Lob, das Antonina begierig einsog. «Wirklich, Belisarius», schloß der Präfekt, «Kaiser Justinian kann dir das nicht vergelten.»

«Da sprichst du wahr», antwortete Belisar stolz: «er vergilt mir nur durch seine Freundschaft. Für seinen Feldherrnstab könnte ich nicht tun, was ich für ihn schon getan habe und noch immer tue. Ich tu's, weil ich ihn wirklich liebe. Denn er ist ein großer Mann mit allen seinen Schwächen. Wenn er nur eins noch lernte: mir vertraun. Aber getrost: – er wird's noch lernen.»

Da kam Prokop und brachte einen Brief von Byzanz, der soeben von einem kaiserlichen Gesandten überbracht worden. Mit freudestrahlendem Antlitz sprang Belisar, aller Müdigkeit vergessend, vom Polster auf, küßte die purpurne Schnüre, durchschnitt sie dann mit dem Dolch und öffnete das Schreiben mit den Worten: «Von meinem Herrn und Kaiser selbst! Ah, nun wird er mir die Leibwächter senden und den lang geschuldeten Sold, den ich erwarte, und das vorgeschossene Gold.»

Und er begann zu lesen.

Aufmerksam beobachteten ihn Antonina, Prokop und Cethegus: seine Züge verfinsterten sich mehr und mehr: seine breite Brust fing an, sich wie in schwerem Kampf zu heben: die beiden Hände, mit welchen er das Schreiben hielt, zitterten. Besorgt trat Antonina heran, aber ehe sie fragen konnte, stieß Belisar einen dumpfen Schrei der Wut aus, schleuderte das kaiserliche Schreiben auf die Erde und stürzte außer sich aus dem Gezelt, eilends folgte ihm seine Gattin.

«Jetzt darf ihm nur Antonina vor die Augen», sagte Prokop, den Brief aufhebend. «Laß sehn: wohl wieder ein Stücklein kaiserlichen Dankes», und er las: «Der Eingang ist Redensart, wie gewöhnlich – aha, jetzt kommt es besser:

‹Wir können gleichwohl nicht verhehlen, daß wir, nach deinen eignen früheren Berühmungen, eine raschere Beendigung des Krieges gegen diese Barbaren erwartet hätten, und glauben auch, daß eine solche bei größerer Anstrengung nicht unmöglich gewesen wäre. Deshalb können wir deinem wiederholt geäußerten Wunsche nicht entsprechen, dir deine übrigen fünftausend Mann Leibwächter, die noch in Persien stehen, sowie die vier Zentenare Goldes nachzusenden, die in deinem Palaste in Byzanz liegen.

Allerdings sind beide, wie du in deinem Briefe ziemlich überflüssigermaßen bemerkst, dein Eigentum: und dein in demselben Brief geäußerter Entschluß, du wolltest diesen Gotenkrieg bei dermaliger Erschöpftheit des kaiserlichen Säckels aus eigenen Mitteln zu Ende führen, verdient, daß wir ihn als pflichtgetreu bezeichnen. Da aber, wie du in gleichem Briefe richtiger hinzugefügt, all deine Hab und Gut deines Kaisers Majestät zu Diensten steht und kaiserliche Majestät die erbetene Verwendung deiner Leibwächter und deines Goldes in Italien für überflüssig halten muß, so haben wir, deiner Zustimmung gewiß, anderweitig darüber verfügt und bereits Truppen und Schätze, zur Beendigung des Perserkrieges, deinem Kollegen Narses übergeben.› – Ha, unerhört!» unterbracht sich Prokop.

Cethegus lächelte: «Das ist Herrendank für Sklavendienst.»

«Auch das Ende scheint hübsch», fuhr Prokopius fort. – ‹Eine Vermehrung deiner Macht in Italien aber scheint uns um so minder wünschbar, als man uns wieder täglich vor deinem ungemessenen Ehrgeiz warnt.

Erst neulich sollst du beim Weine gesagt haben: das Zepter sei aus dem Feldherrnstab und dieser aus dem Stock entstanden: gefährliche Gedanken und ungeziemende Worte.

Du siehst, wir sind von deinen ehrgeizigen Träumen unterrichtet.

Diesmal wollen wir warnen, ohne zu strafen: aber wir haben nicht Lust, dir noch mehr Holz zu deinem Feldherrnstab zu liefern: und wir erinnern dich, daß die stolzest ragenden Wipfel dem kaiserlichen Blitz am nächsten stehn.›

«Das ist schändlich!» rief Prokop. «Nein, das ist schlimmer: es ist dumm!» sagte Cethegus. «Das heißt, die Treue selbst zum Aufruhr peitschen.»

«Recht hast du», schrie Belisar, der, wieder hereinstürmend, diese Worte noch gehört hatte. «Oh, er verdient Aufruhr und Empörung, der undankbare, boshafte, schändliche Tyrann.»

«Schweig! Um aller Heiligen willen, du richtest dich zugrunde!» beschwor ihn Antonina, die mit ihm wieder eingetreten war, und suchte seine Hand zu fassen.

«Nein, ich will nicht schweigen», rief der Zornige, an der offenen Zelttür auf und nieder rennend, vor welcher Bessas, Acacius, Demetrius und viele andere Heerführer mit Staunen lauschend standen. «Alle Welt soll's hören. Er ist ein undankbarer, heimtückischer Tyrann! Ja, du verdientest, daß ich dich stürzte! Daß ich dir täte nach dem Argwohn deiner falschen Seele, Justinianus!»

Cethegus warf einen Blick auf die draußen Stehenden: sie hatten offenbar alles vernommen. Jetzt, eifrig Antoninen winkend, schritt er an den Eingang und zog die Vorhänge zu. Antonina dankte ihm mit einem Blicke. Sie trat wieder zu ihrem Gatten: aber dieser hatte sich jetzt neben dem Zeltbett auf die Erde geworfen, schlug die geballten Fäuste gegen seine Brust und stammelte: «O Justinianus, hab' ich das um dich verdient? O zu viel, zu viel!» Und plötzlich brach der gewaltige Mann in einen Strom von hellen Tränen aus. Da wandte sich Cethegus verächtlich ab: «Leb' wohl», sagte er leise zu Prokopius, «mich ekelt, wenn Männer heulen.»

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