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Ein Kampf um Rom

Felix Dahn: Ein Kampf um Rom - Kapitel 91
Quellenangabe
typefiction
booktitleEin Kampf um Rom
authorFelix Dahn
publisherVerlag Werner Dausien
addressHanau
isbn3-7684-4210-1
titleEin Kampf um Rom
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1876
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Fünfzehntes Kapitel

An dem letzten Tage des Waffenstillstands konnte Cethegus bereits wieder auf den Wällen des Grabmals Hadrians erscheinen, wo ihn seine Legionäre und Isaurier mit lautem Zuruf begrüßten. Sein erster Gang war zu dem Grabmal des Kallistratos; er legte auf die schwarze Marmorplatte einen Kranz von Lorbeeren und von Rosen nieder. Während er von hier aus die Verstärkung der Befestigungen anordnete, brachte ihm Syphax ein Schreiben von Mataswintha.

Es lautete lakonisch genug: «Mach' bald ein Ende. Nicht länger kann ich den Jammer ansehn. Die Bestattung von vierzigtausend Männern meines Volks hat mir die Brust zerrissen. Die Klagelieder schienen alle mich anzuklagen. Währt das noch länger, so erlieg' ich. Der Hunger wütet furchtbar in dem Lager. Ihre letzte Hoffnung ist eine große Zufuhr von Getreide und Vieh, die aus Südgallien unter Segel ist. An den nächsten Kalenden wird sie auf der Höhe von Portus erwartet. Handle danach – aber mach' rasch ein Ende.»

«Triumph», sprach der Präfekt, «die Belagerung ist aus. Unsre kleine Flotte lag bisher fast müßig zu Populonium. Jetzt soll sie Arbeit finden. Diese Königin ist die Erinnys der Barbaren.» Und er ging selbst zu Belisar, der ihn mit edler Großheit empfing. –

In derselben Nacht, der letzten der Waffenruhe, zog Johannes zum pincianischen Tore hinaus, dann links nach der flaminischen Straße schwenkend. Ravenna war sein Ziel. Und eilende Boten flogen zur See mit raschen Segeln nach Populonium, wo sich ein kleines römisches Geschwader gesammelt hatte. Der Kampf um die Stadt ruhte, trotz Ablaufs des Waffenstillstands, fast ganz. Eine Woche darauf etwa machte der König, der sein Schmerzenslager zum erstenmal verließ, in Begleitung seiner Freunde den ersten Gang durch die Zelte. Drei von den sieben vormals menschenwimmelnden Lagern waren völlig verödet und aufgegeben: auch die übrigen vier waren nur noch spärlich bevölkert. Todmüde, ohne Klage, aber auch ohne Hoffnung, lagen die abgemagerten Gestalten, von Hunger und Fieber verzehrt, vor ihren Zelten.

Kein Zuruf, kein Gruß erfreute den wackern König auf seinem schmerzensreichen Gang: kaum daß sie die müden Augen aufschlugen bei dem Schall der nahenden Schritte.

Aus dem Innern der Zelte drang das laute Stöhnen der Kranken, der Sterbenden, die den Wunden, dem Mangel, den Seuchen erlagen. Kaum fand man die hinlängliche Zahl von Gesunden, die nötigsten Posten zu beziehen. Die Wachen schleppten die Speere hinter sich her, zu matt, sie aufrecht oder auf der Schulter zu tragen.

Die Heerführer kamen an die Schanzen vor dem aurelischen Tor; im Wallgraben lag ein junger Schütz und kaute an dem bittern Gras. Hildebad rief ihm zu: «Beim Hammer! Gunthamund, was ist das? Deine Sehne ist ja gesprungen, was ziehst du keine andre auf?» – «Kann nicht, Herr, die Sehne sprang gestern bei meinem letzten Schuß. Und ich und die drei Burschen neben mir, haben die Kraft nicht, eine neue aufzuziehen.» Hildebad gab ihm einen Trunk aus seiner Lederflasche: «Hast du auf einen Römer geschossen?» – «O nein, Herr», sagte der Mann, «eine Ratte nagte dort an der Leiche. Ich traf sie glücklich, und wir teilten sie zu viert.»

«Iffaswinth, wo ist dein Oheim Iffamer?» fragte der König. «Tot, Herr.»

«Er fiel hinter dir, als er dich hinwegtrug. Vor dem verfluchten Marmorgrab.»

«Und dein Vater Iffamut?» – «Auch tot. Er vertrug's nicht mehr, das giftige Wasser aus den Pfützen. Der Durst, König, brennt noch heißer als der Hunger. Und es will ja nicht regnen aus diesem bleiernen Himmel.» – «Ihr seid alle aus dem Athesistal?» – «Ja, Herr König, vom Iffinger-Berg. Oh, welch köstlich Quellwasser dort daheim!»

Teja sah in einiger Entfernung einen andern Krieger aus einer Sturmhaube trinken. Seine Züge verfinsterten sich noch mehr. «He, du, Arnulf!» rief er ihm zu, «du scheinst nicht Durst zu leiden?» – «Nein, ich trink oft», sprach der Mann. «Was trinkst du?» – «Das Blut von den Wunden der Frischgefallenen. Anfangs ekelt's sehr: aber man gewöhnt's in der Verzweiflung.»

Schaudernd schritt Witichis weiter. «Schick all meinen Wein ins Lager, Hildebad. Die Wachen sollen ihn teilen.» – «All deinen Wein? O König, mein Schenkamt ist gar leicht geworden. Du hast noch anderthalb Krüge. Und Hildebrand, dein Arzt, sprach, du sollst dich stärken.»

«Und wer stärkt diese, Hildebad? Die Not macht sie zu wilden Tieren!»

«Komm mit nach Hause», mahnte Totila, des Königs Mantel ergreifend. «Hier ist nicht gut sein.»

Im Zelt des Königs angelangt, setzten sich die Freunde schweigend um den schönen Marmortisch, der auf goldnen Gefäßen steinhartes verschimmeltes Brot aufwies und wenige Stücke Fleisch. «Es war das letzte Pferd aus den königlichen Ställen», sagte Hildebad, – «bis auf Boreas.» – «Boreas wird nicht geschlachtet! – mein Weib, mein Kind sind auf seinem Rücken gesessen.»

Und er stützte das müde Haupt auf die beiden Hände: eine neue schwere Pause trat ein. «Freunde», hob er endlich an, «das geht nicht länger also. Unser Volk verdirbt vor diesen Mauern. Mein Entschluß ist schwer und schmerzlich gereift.»

«Sprich's noch nicht aus, o König!» rief Hildebad. «In wenig Tagen trifft Graf Odiswinth von Cremona ein mit der Flotte, und wir schwelgen in allem Guten.»

«Er ist noch nicht da!» sprach Teja.

«Und unser Verlust an Menschen, so schwer er ist», ermutigte Totila, «wird er nicht durch frische Mannschaft ersetzt, wenn Graf Ulithis von Urbinum eintrifft, mit den Besatzungen, die der König aus den Festen von Ravenna bis Rom weggezogen hat, unsre leeren Zelte zu füllen?»

«Auch Ulithis ist noch nicht da», sprach Teja. «Er soll noch in Picenum stehen. Und kommt er glücklich an, so wird der Mangel im Lager noch größer.»

«Doch auch die Römerstadt muß fasten!» meinte Hildebad, das harte Brot mit der Faust auf dem Steintisch zerschlagend. «Laß sehn, wer's länger aushält!»

«Oft hab' ich's überdacht in schweren Tagen und schlummerlosen Nächten», fuhr der König langsam fort.

«Warum? Warum das alles so kommen mußte? Nach bestem Gewissen hab' ich immer wieder Recht und Unrecht abgewogen, zwischen diesen Feinden und uns: und ich kann's nicht anders finden, als daß Recht und Treue auf unsrer Seite stehen. Und wahrlich, an Kraft und Mut haben wir's nicht fehlen lassen.»

«Du am wenigsten», sagte Totila.

«Und an keinem schwersten Opfer!» seufzte der König. «Und wenn nun doch, wie wir alle sagen, ein Gott im Himmel waltet, gerecht und gut und allgewaltig, warum läßt er all dies ungeheure, unverdiente Elend zu? Warum müssen wir erliegen vor Byzanz?»

«Wir dürfen aber nicht erliegen», schrie Hildebad. «Ich habe nie viel gegrübelt über unsern Herrgott. Aber wenn er das geschehen ließe, müßte man Sturm laufen gegen den Himmel und ihm seinen Thron mit Keulen zerschlagen.»

«Lästre nicht, mein Bruder!» sprach Totila. «Und du, mein edler König, Mut und Vertrauen.

Ja, es waltet ein gerechter Gott dort über den Sternen. Drum muß zuletzt die gute Sache siegen. Mut, mein Witichis, und Hoffnung, bis ans Ende.»

Aber der Tiefgebeugte schüttelte das Haupt. «Ich gestehe es euch, ich habe aus diesem Irrsal, aus den schrecklichen Zweifeln an Gottes Gerechtigkeit, nur einen Ausweg gefunden. Es kann nicht sein, daß wir all dies schuldlos leiden. Und da unsres Volkes Sache zweifellos gerecht, so muß verborgne Schuld an mir, an eurem König haften. Wiederholt, erzählen unsre Lieder aus der Heidenzeit, hat sich ein König für sein Volk selbst den Göttern geopfert, wenn Unsieg, Seuche, Mißwachs jahrelang den Stamm verfolgte. Er hat die verborgne Schuld auf sich genommen, die auf den Volksgenossen zu lasten schien, und sie durch den Tod gebüßt, oder indem er ohne die Krone ins Elend ging, ein friedloser Landflüchtiger. – Laßt mich die Krone abtun von diesem Haupt ohne Glück noch Stern. Wählt einen andern, dem Gott nicht zürnt: wählt Totila, oder –»

«Das Wundfieber faselt noch aus dir!» unterbrach ihn der alte Waffenmeister. «Du mit Schuld beladen! Du, der Treueste von uns allen! Nein, ich will's euch sagen, ihr Kinder allzujunger Tage, die ihr der Väter alte Kraft mit der Väter altem Glauben verloren habt und nun keinen Trost wißt für eure Herzen. Mich erbarmt eurer Reden ohne Zuversicht.» – Und seine grauen Augen leuchteten in seltnem Glanze über die Freunde hin. «Alles, was hier auf Erden erfreut und schmerzt, ist kaum der Freude noch des Schmerzes wert. Nur auf eines kommt es hier unten an: ein treuer Mann gewesen sein, kein Neiding, und den Schlachttod sterben, nicht den Strohtod. Den treuen Helden aber tragen die Walküren aus dem blutigen Feld auf roten Wolken hinauf in Odins Saal, wo die Einheriar mit vollen Bechern ihn begrüßen. Dann reitet er alltäglich mit ihnen hinaus zur Jagd und Waffenspiel beim Morgenlicht und wieder herein zu Trunk und Skaldensang in goldner Halle beim Abendlicht. Und schöne Schildjungfrauen kosen mit den Jungen: und weise Vorzeitrunen raunen wir Alten mit den alten Helden der Vorzeit. Und ich werde sie alle wiederfinden, die starken Gesellen meiner Jugend, den kühnen Winithar und Herrn Waltharis von Aquitanien und Guntharis, den Burgunden. Und schauen werd' ich auch ihn, dessen Anblick ich lange begehrt: Herrn Beowulf, den Geaten, und aus grauen Urtagen den Cherusken, der zuerst die Römer schlug, von dem noch die Sänger der Sachsen singen und sagen. Und wieder trag' ich Schild und Speer meinem Herrn, dem König mit den Adleraugen. Und so leben wir fort in alle Ewigkeit in Licht und heller Freude, vergessen der Erde hier unten und alles ihres Wehs.»

«Ein schön Gedicht, alter Heide», lächelte Totila. «Wenn uns aber das nicht mehr tröstet für wirkliches, herznagendes Leid? Sprich du doch auch, Teja, du finstrer Gast. Was ist dein Gedanke bei diesen unsern Leiden? Nie fehlt uns dein Schwert: was versagst du dein Wort? Was schweigt dein tröstender Harfenschlag, du liederkundiger Sänger?»

«Mein Wort», sagte Teja aufstehend, «mein Wort und Gedanke wäre euch vielleicht schwerer zu tragen als all dies Leid. Laß mich noch schweigen, mein sonnenheller Totila. Vielleicht kommt noch der Tag, da ich dir Antwort gebe. Vielleicht auch zur Harfe spiele, wenn dann noch eine Saite daran hält.» Und er schritt aus dem Zelte.

Denn draußen in dem Lager hatte sich ein wirrer, rätselhafter Lärm von rufenden, fragenden Stimmen erhoben.

Die Freunde sahen ihm schweigend nach. «Ich weiß wohl, was er denkt», sagte der alte Hildebrand endlich. «Denn ich kenne ihn vom Knaben auf:

Er ist nicht wie andere. Auch im Nordland denken manche so, die nicht an Thor und Odin glauben, sondern nur an die Nort und ihre eigene Kraft und Stärke. Es ist fast zu schwer für ein Menschenherz. Und glücklich, glücklich macht es nicht, wie er zu denken. Mich wundert, daß er singt und Harfe schlägt dabei.»

Da riß Teja, wieder eintretend, die Zeltvorhänge auf: sein Antlitz war noch bleicher als zuvor, seine dunkeln Augen blitzten, aber seine Stimme war ruhig wie sonst, da er sprach: «Brich das Lager ab, König Witichis. Unsere Schiffe sind bei Ostia in der Feinde Hand gefallen. Sie haben Graf Odoswinths Kopf ins Lager geschickt. Und sie lassen auf den Wällen Roms, vor den Augen unserer Wachen, von den gefangenen Goten die erbeuteten Rinder schlachten. Große Verstärkungen aus Byzanz unter Valerian und Euthalius: Hunnen, Sclavenen und Anten, hat eine segelreiche Flotte aus Byzanz in den Tiber geführt. Denn der blutige Johannes hat das Picenum durchzogen...» –

«Und Graf Ulithis?»

«Er hat Ulithis geschlagen und getötet, Ancona und Ariminum genommen. Und –»

«Ist das noch nicht alles?» rief der König.

«Nein, Witichis! Eile tut not! Er bedroht Ravenna: er steht nur noch wenige Meilen vor der Stadt.»

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