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Ein Kampf um Rom

Felix Dahn: Ein Kampf um Rom - Kapitel 86
Quellenangabe
typefiction
booktitleEin Kampf um Rom
authorFelix Dahn
publisherVerlag Werner Dausien
addressHanau
isbn3-7684-4210-1
titleEin Kampf um Rom
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1876
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Zehntes Kapitel

Während der Gotenkönig diesen Plan seinem Freunde mitteilte, stand Cethegus, in frühester Stunde nach dem belisarischen Tor beschieden, vor Belisar und Johannes.

«Präfekt von Rom», herrschte ihn der Feldherr beim Eintreten an, «wo warst du heute nacht?»

«Auf meinem Posten. Wohin ich gehöre. Am Tor Sankt Pauls.»

«Weißt du, daß in dieser Nacht einer der besten meiner Anführer, Perseus der Archon, des Johannes Bruder, die Stadt verlassen hat und seitdem verschwunden ist?»

«Tut mir leid. Aber du weißt: es ist verboten, ohne Erlaubnis die Mauer zu überschreiten.»

«Ich habe aber Grund zu glauben», fuhr Johannes auf, «daß du recht gut weißt, was aus meinem Bruder geworden, daß sein Blut an deinen Händen klebt.» – «Und beim Schlummer Justinians!» brauste Belisar auf, «das sollst du büßen. Nicht länger sollst du herrschen über des Kaisers Heer und Feldherrn. Die Stunde der Abrechnung ist gekommen. Die Barbaren sind so gut wie vernichtet. Und laß sehn, ob nicht mit deinem Haupt auch das Kapitol fällt.»

«Steht es so?» dachte Cethegus, «jetzt sieh dich vor, Belisarius.» Doch er schwieg.

«Rede!» rief Johannes. «Wo hast du meinen Bruder ermordet?» Ehe Cethegus antworten konnte, trat Artasines, ein persischer Leibwächter Belisars, herein. «Herr», sagte er, «draußen stehn sechs gotische Krieger. Sie bringen die Leiche Perseus', des Archonten. König Witichis läßt dir sagen: er sei heut' nacht vor den Mauern durch Graf Tejas Beil gefallen. Er sendet ihn zur ehrenden Bestattung.»

«Der Himmel selbst», sprach Cethegus, stolz hinausschreitend, «straft eure Bosheit Lügen.» Aber langsam und nachdenklich ging der Präfekt über den Quirinal und das Forum Trajans nach seinem Wohnhaus. «Du drohst, Belisarius? Dank für den Wink! Laß sehn, ob wir dich nicht entbehren können.»

*

In seiner Wohnung fand er Syphax, der ihn ungeduldig erwartet hatte und ihm raschen Bericht ablegte. «Vor allem, Herr», schloß er nun, «laß also deinen Sandalenbinder peitschen. Du siehst, wie schlecht du bedient bist, ist Syphax fern: und gib mir gütigst deinen rechten Schuh.»

«Ich sollte dir ihn nicht geben und dich zappeln lassen für dein freches Lügen», lachte der Präfekt. «Dieses Stück Leder ist jetzt dein Leben wert, mein Panther. Womit willst du's lösen?»

«Mit wichtiger Kunde. Ich weiß nun alles ganz genau von dem Plan gegen Belisars Leben: Ort und Zeit: und die Namen der Eidbrüder. Es sind: Teja, Totila und Hildebad.»

«Jeder allein genug für den Magister Militum», murmelte Cethegus vergnüglich.

«Ich denke, o Herr, du hast den Barbaren wohl wieder eine schöne Falle gestellt! Ich habe ihnen, auf deinen Befehl, entdeckt, daß Belisar selbst morgen zum tiburtinischen Tor hinausziehen will, um Vorräte aufzutreiben.»

«Ja, er selbst geht mit, weil sich die oft aufgefangenen Hunnen nicht mehr allein hinauswagen; er führt nur vierhundert Mann.»

«Es werden nun die drei Eidbrüder am Grab der Fulvier einen Hinterhalt von tausend Mann gegen Belisar legen.» – «Das verdient wirklich den Schuh!» sagte Cethegus und warf ihm denselben zu.

«König Witichis wird indessen nur einen Scheinangriff machen lassen auf das Tor Sankt Pauls, die Gedanken der Unsern von Belisar abzulenken. Ich eile nun also zu Belisar, ihm zu sagen, wie du mir aufgetragen, daß er dreitausend mit sich nimmt und jene gegen ihn Verschwornen vernichtet.»

«Halt!» sagte Cethegus ruhig, «nicht so eilfertig! Du meldest nichts.»

«Wie?» fragte Syphax erstaunt. «Ungewarnt ist er verloren!»

«Man muß dem Schutzgeist des Feldherrn nicht schon wieder, nicht immer ins Amt greifen. Belisar mag morgen seinen Stern erproben.»

«Ei» sagte Syphax mit pfiffigem Lächeln, «solches gefällt dir? Dann bin ich lieber Syphax, der Sklave, als Belisarius, der Magister Militum. Arme Witwe Antonina!»

Cethegus wollte sich auf das Lager strecken, da meldete Fidus, der Ostiarius: «Kallistratos von Korinth.»

«Immer willkommen.»

Der junge Grieche mit dem sanften Antlitz trat ein.

Ein Hauch anmutiger Röte von Scham oder Freude färbte seine Wangen: es war ersichtlich, daß ihn ein besonderer Anlaß herführte.

«Was bringst du des Schönen noch außer dich selbst?» so fragte Cethegus in griechischer Sprache.

Der Jüngling schlug die leuchtenden Augen auf: «Ein Herz voll Bewunderung für dich: und den Wunsch, dir diese zu bewähren. Ich bitte um die Gunst, wie die beiden Licinier und Piso, für dich und Rom fechten zu dürfen.»

«Mein Kallistratos! Was kümmern dich, unsern Friedensgast, den liebenswürdigsten der Hellenen, unsre blutigen Händel mit den Barbaren? Bleibe du von diesem schweren Ernst und pflege deines heitern Erbes: der Schönheit.»

«Ich weiß wohl, die Tage von Salamis sind ferne wie ein Mythos: und ihr eisernen Römer habt uns niemals Kraft zugetraut. Das ist hart aber doch leichter zu tragen, weil ihr es seid, die unsre Welt, die Kunst und edle Sitte verteidigt gegen die dumpfen Barbaren. Ihr, das heißt Rom, und Rom heißt mir Cethegus. So fass' ich diesen Kampf, und so gefaßt, siehst du, so geht er wohl auch den Hellenen an.»

Erfreut lächelte der Präfekt. «Nun, wenn dir Rom Cethegus ist, so nimmt Rom gern die Hilfe des Hellenen an: du bist fortan Tribun der Milites Romani wie Licinius.»

«In Taten will ich dir danken! Aber eins noch muß ich dir gestehn – denn ich weiß: du liebst nicht überrascht zu sein. Oft hab' ich gesehen, wie teuer dir das Grabmal Hadrians und seine Zier von Götterstatuen ist. Neulich hab' ich diese marmornen Wächter gezählt und zweihundertachtundneunzig gefunden. Da macht' ich denn das dritte Hundert voll und habe meine beiden Letoiden, die du so hoch gelobt, den Apollon und die Artemis, dort aufgestellt, dir und Rom zu einem Weihgeschenk.»

«Junger lieber Verschwender», sprach Cethegus, «was hast du da getan!»

«Das Gute und Schöne», antwortete Kallistratos einfach.

«Aber bedenke – das Grabmal ist jetzt eine Schanze» –

«Wenn die Goten stürmen –» – «Die Letoiden stehen auf der zweiten, der innern Mauer. Und soll ich fürchten, daß je Barbaren wieder den Lieblingsplatz des Cethegus erreichen? Wo sind die schönen Götter sichrer als in deiner Burg? Deine Schanze ist mir ihr bester, weil ihr sicherster Tempel. Mein Weihgeschenk sei zugleich ein glücklich Omen.»

«Das soll es sein», rief Cethegus lebhaft, «und ich glaube selber: dein Geschenk ist gut geborgen. Aber gestatte mir dagegen –»

«Du hast mir schon dafür erlaubt, für dich zu kämpfen. Chaire!» lachte der Grieche und war hinaus.

«Der Knabe hat mich sehr lieb», sagte Cethegus, ihm nachsehend. «Und mir geht's wie andern Menschentoren: – mir tut das wohl. Und nicht bloß, weil ich ihn dadurch beherrsche.»

Da hallten feste Schritte auf dem Marmor des Vestibulums, und ein Tribun des Milites ward gemeldet.

Es war ein junger Krieger mit edeln, aber über seine Jahre hinaus ernsten Zügen. In echt römischem Schnitt setzten die Wangenknochen, fast im rechten Winkel, an die gerade, strenge Stirn: in dem tief eingelassenen Auge lag römische Kraft und – in dieser Stunde – entschlossener Ernst und rücksichtsloser Wille.

«Siehe da, Severinus, des Boëthius Sohn, willkommen, mein junger Held und Philosoph. Viele Monate habe ich dich nicht gesehen – woher kommst du?»

«Vom Grabe meiner Mutter», sagte Severinus mit festem Blick auf den Frager.

Cethegus sprang auf. «Wie? Rusticiana? Meine Jugendfreundin! Meines Boëthius Weib!»

«Sie ist tot», sagte der Sohn kurz. Der Präfekt wollte seine Hand fassen. Severinus entzog sie.

«Mein Sohn, mein armer Severinus! Und starb sie – ohne ein Wort für mich?»

«Ich bringe dir ihr letztes Wort – es galt dir!»

«Wie starb sie? An welchem Leiden?» – «An Schmerz und Reue.» – «Schmerz –» seufzte Cethegus, «das begreif' ich. Aber was sollte sie bereuen! Und mir galt ihr letztes Wort! – sag' an, wie lautet es?»

Da trat Severinus hart an den Präfekten, daß er sein Knie berührte, und blickte ihm bohrend ins Auge. «Fluch, Fluch über Cethegus, der meine Seele vergiftet und mein Kind.»

Ruhig sah ihn Cethegus an. «Starb sie im Irrsinn?» fragte er kalt.

«Nein, Mörder: sie lebte im Irrsinn, solang sie dir vertraute. In ihrer Todesstunde hat sie Cassiodor und mir gestanden, daß ihre Hand dem jungen Tyrannen das Gift gereicht, das du gebraut. Sie erzählte uns den Hergang. Der alte Corbulo und seine Tochter Daphnidion stützten sie. ‹Spät erst erfuhr ich›, schloß sie, ‹daß mein Kind aus dem tödlichen Becher getrunken. Und niemand war da, Kamilla in den Arm zu fallen, als sie trinken wollte. Denn ich war noch im Boot auf dem Meere und Cethegus noch in dem Platanengang.› Da rief der alte Corbulo erbleichend: ‹Wie? der Präfekt wußte, daß der Becher Gift enthielt?› – ‹Gewiß›, antwortete meine Mutter. ‹Als ich ihn im Garten traf, sagt› ich es ihm: «es ist geschehen.»' Corbulo verstummte vor Entsetzen; aber Daphnidion schrie in wildem Schmerz: ‹Weh! Meine arme Domna, so hat er sie ermordet! Denn er stand dabei, dicht neben mir, und sah zu, wie sie trank.› – ‹Er sah zu, wie sie trank?› fragte meine Mutter mit einem Tone, der ewig durch mein Leben gellen wird.

‹Er sah zu, wie sie trank!› wiederholten der Freigelassene und sein Kind. ‹Oh, so sei den untern Dämonen sein verfluchtes Haupt geweiht! Rache, Gott, in der Hölle, Rache, meine Söhne, auf Erden für Kamilla! Fluch über Cethegus!› Und sie fiel zurück und war tot.»

Der Präfekt blieb unerschüttert stehen. Nur griff er leise an den Dolch unter den Brustfalten der Tunika. «Du aber» – fragte er nach einer Pause – «was tatest du?»

«Ich aber kniete nieder an der Leiche und küßte ihre kalte Hand und schwor ihr's zu, ihr Sterbewort zu vollenden. Wehe dir, Präfekt von Rom: Giftmischer, Mörder meiner Schwester – du sollst nicht leben.»

«Sohn des Boëthius, willst du zum Mörder werden um die Wahnworte eines läppischen Sklaven und seiner Dirne? Würdig des Helden und Philosophen!»

«Nichts von Mord. Wäre ich ein Germane, nach dem Brauche dieser Barbaren: – er dünkt mir heute sehr vortrefflich! – rief' ich dich zum Zweikampf, du verhaßter Feind. Ich aber bin ein Römer und suche meine Rache auf dem Wege des Rechts. Hüte dich, Präfekt, noch gibt es Richter in Italien. Lange Monate hielt mich der Krieg, der Feind von diesen Mauern ab. – Erst heute habe ich Rom, von der See her, erreicht und morgen erheb' ich die Klage bei den Senatoren, die deine Richter sind – dort finden wir uns wieder.»

Cethegus vertrat ihm plötzlich den Weg an die Türe.

Aber Severinus rief: «Gemach, man sieht sich vor bei Mördern. Drei Freunde haben mich an dein Haus begleitet: – Sie werden mich mit den Liktoren suchen, komm' ich nicht wieder, noch in dieser Stunde.»

«Ich wollte dich nur», sagte Cethegus wieder ganz ruhig, «vor dem Wege der Schande warnen. Willst du den ältesten Freund deines Hauses um der Fieberreden einer Sterbenden willen mit unbeweisbarer Mordklage verfolgen, – tu's: ich kann's nicht hindern. Aber noch einen Auftrag zuvor. Du bist mein Ankläger geworden, aber du bleibst Soldat und mein Tribun. Du wirst gehorchen, wenn dein Feldherr befiehlt.»

«Ich werde gehorchen.»

«Morgen steht ein Ausfall Belisars bevor und ein Sturm der Barbaren. Ich muß die Stadt beschirmen. Doch ahnt mir Gefahr für den löwenkühnen Mann: – ich muß ihn treu gehütet wissen. Du wirst morgen, – ich befehl' es, – den Feldherrn begleiten und sein Leben decken.»

«Mit meinem eignen.»

«Gut, Tribun, ich verlasse mich auf dein Wort.»

«Bau' du auf meines. Auf Wiedersehn nach der Schlacht: vor dem Senat. Nach beiden Kämpfen lüstet mich gleich sehr. Auf Wiedersehn: – – vor dem Senat.»

«Auf Nimmerwiedersehn», sprach Cethegus, als sein Schritt verhallte. «Syphax» rief er laut, «bringe Wein und das Hauptmahl. Wir müssen uns stärken: – auf morgen.»

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