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Ein Kampf um Rom

Felix Dahn: Ein Kampf um Rom - Kapitel 81
Quellenangabe
typefiction
booktitleEin Kampf um Rom
authorFelix Dahn
publisherVerlag Werner Dausien
addressHanau
isbn3-7684-4210-1
titleEin Kampf um Rom
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1876
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Fünftes Kapitel

Wenige Tage darauf begab sich Mataswintha wieder ins Lager, diesmal nicht von Aspa begleitet. Denn diese wich Tag und Nacht nicht von dem Bette ihres verwundeten Landsmannes, der unter ihren Händen, ihren Kräutern und Sprüchen sich rasch erholte.

König Witichis selbst hatte diesmal die Königin abgeholt mit dem ganzen Geleit seines Hofes. In seinem Zelte sollte der wichtigste Kriegsrat gehalten werden. Das Eintreffen der letzten Verstärkungen war auf heute angekündigt: und auch Guntharis und Hildebad wurden zurückerwartet mit der Antwort Belisars auf das Friedensanerbieten.

«Ein verhängnisvoller Tag!» sagte Witichis zu seiner Königin. «Bete zum Himmel um den Frieden.»

«Ich bete um den Krieg», sprach Mataswintha, starr vor sich hinblickend. «Verlangt dein Frauenherz so sehr nach Rache?» – «Nach Rache nur noch ganz allein und sie wird mir werden.»

Damit traten sie in das Zelt, welches schon von gotischen Heerführern erfüllt war. Mataswintha dankte mit stolzem Kopfbeugen dem ehrerbietigen Gruß. «Sind die Gesandten zurück?» fragte der König, sich setzend, den alten Hildebrand, «so führt sie ein.»

Auf ein Zeichen des Alten erhoben sich die Seitenvorhänge, und Herzog Guntharis und Hildebad traten ein, sich tief verneigend.

«Was bringt ihr? Frieden oder Krieg?» fragte Witichis eifrig. «Krieg! Krieg, König Witichis!» riefen beide Männer mit einem Munde. «Wie? Belisar verwirft die Opfer, die ich ihm biete? Du hast ihm freundlich, eindringlich, meine Vorschläge mitgeteilt?»

Herzog Guntharis trat vor und sprach: «Ich traf den Feldherrn im Kapitol als Gast des Präfekten und sprach zu ihm: ‹Der Gotenkönig Witichis entbietet dir seinen Gruß.

In dreißig Tagen kann er mit hundertfünfzig Tausendschaften wehrhafter Goten vor diesen Toren stehen. Und ein Schlachten und Ringen um diese ehrwürdige Stadt wird anheben, wie es ihre seit tausend Jahren mit Blut getränkten Gefilde nie geschaut.

Der König der Goten liebt den Frieden mehr als selbst den Sieg: und er gelobt, Kaiser Justinian die Insel Sizilien abzutreten und ihm in jedem seiner Kriege mit dreißigtausend Mann Goten beizustehen, wenn ihr sofort Rom und Italien räumt, das uns gehört nach dem Recht der Eroberung wie nach dem Vertrag mit Kaiser Zeno, der es Theoderich überließ, wenn er den Odoaker stürzen könne.› So sprach ich, deinem Auftrag gemäß.

Belisar aber lachte und rief: ‹Witichis ist sehr gnädig, mir die Insel Sizilien abzutreten, die ich schon habe und er nicht mehr hat. Ich schenke ihm dafür die Insel Thule! Nein. Der Vertrag Theoderichs mit Zeno war abgezwungen, und das Recht der Eroberung, nun, das spricht jetzt für uns. Kein Friede, als unter der Bedingung: das ganze Gotenheer streckt die Waffen, und das ganze Volk zieht über die Alpen und sendet König und Königin als Geiseln nach Byzanz.›»

Ein Murren, der Entrüstung ging durch das Zelt.

«Zornig, ohne Antwort auf solchen Vorschlag, wandten wir ihm den Rücken und schritten hinaus. ‹Auf Wiedersehen in Ravenna›, rief er uns nach. Da wandt' ich mich», sprach Hildebad, «und rief: ‹Auf Wiedersehen vor Rom!› Auf, König Witichis, jetzt zu den Waffen. Du hast das Äußerste versucht an Friedensliebe und Schmach geerntet. Jetzt auf! Lang genug hast du gezögert und gerüstet! Jetzt führ' uns an, zum Kampf.»

Da tönten Trompetenstöße aus dem Lager: man hörte den Hufschlag eilig nahender Rosse. Alsbald hob sich der Vorhang des Zeltes, und eintrat Totila in glänzenden Waffen, vom weißen Mantel umwallt. «Heil meinem König, Heil dir, Königin», sprach er huldigend. «Mein Auftrag ist erfüllt: ich bringe dir den Freundesgruß des Frankenkönigs. Er hielt ein Heer bereit im Solde von Byzanz, dich anzugreifen. Es gelang mir, ihn umzustimmen. Sein Heer wird nicht gegen die Goten in Italien einrücken. Graf Markja von Mediolanum, der bisher die Cottischen Alpen gegen die Franken gedeckt, ward dadurch frei mit seinen Tausendschaften: er folgt mir in Eile. Im Rückweg hab' ich aufgerafft, was ich irgend von waffenfähigen Männern fand, und die Besatzungen der Burgen an mich gezogen. Ferner:

Wir hatten bisher Mangel an Reiterei. Getrost, mein König: ich führe dir sechstausend Reiter zu, auf herrlichen Rossen. Sie verlangen, sich zu tummeln in den Ebenen von Rom. Nur ein Wunsch lebt in uns allen: führ' uns zum Kampf, zum Kampf nach Rom.»

«Hab' Dank, mein Freund, für dich und deine Reiter.

Sprich, Hildebrand, wie verteilt sich jetzt unsres Heeres Macht? Sagt an, ihr Feldherren, wie viele führt ein jeder von euch? Ihr Notare, zeichnet auf!»

«Ich führe drei Tausendschaften Fußvolk», rief Hildebad. «Ich vierzig Tausendschaften zu Fuß und zu Roß mit Schild und Speer», sprach Herzog Guntharis. «Ich vierzig Tausendschaften zu Fuß: Bogenschützen, Schleuderer, Speerträger», sagte Graf Grippa von Ravenna. «Ich sieben Tausendschaften mit Messer und Keule», zählte Hildebrand. «Und dazu Totilas sechs Tausendschaften Reiter und vierzehn erlesene Tausendschaften Tejas mit der Streitaxt – wo ist er? Ich vermisse ihn hier!» – «Und ich habe meine Scharen zu Fuß und zu Roß auf fünfzig Tausendschaften erhöht», schloß der König.

«Das sind zusammen einhundertsechzig Tausendschaften», schrieb der Protonotar, die Pergamentrolle dem König überreichend.

Da flog ein froher Glanz kriegerischen Stolzes über des Königs ernstes Angesicht. «Einhundertsechzig Tausendschaften gotischer Männer: Belisar, sollen sie vor dir die Waffen strecken, ohne Kampf? Wie lang braucht ihr noch Rast, um aufzubrechen?»

Da eilte der schwarze Teja ins Zelt. Er hatte beim Eintreten die letzte Frage vernommen. Sein Auge sprühte Blitze, er bebte vor Zorn. «Rast? Keine Stunde Rast mehr: auf zur Rache, König Witichis! Ein ungeheuren Frevel ist geschehn, der laut um Rache gen Himmel schreit. Führ' uns sofort zum Kampf!»

«Was ist geschehn?»

«Ein Feldherr Belisars, der Hunne Ambazuch, umschloß, wie du weißt, seit lange mit Hunnen und Armeniern das feste Petra. Kein Entsatz war nah und fern. Der junge Graf Arahad nur – er suchte wohl den Tod – überfiel mit seiner kleinen Gefolgschaft die Übermacht; er fiel im tapfersten Gefecht. Verzweifelt widerstand das Häuflein gotischer Männer in der Burg. Denn alles wehrlose Volk der Goten: Greise, Kranke, Weiber, Kinder, vom flachen Land in Tuscien, Valeria und Picenum war hierher geflüchtet vor dem Feind, wohl viele Tausend. Endlich zwang sie der Hunger, gegen freien Abzug die Tore zu öffnen. Der Hunne schwor allen Goten in der Stadt, ihr Blut nicht zu vergießen. Er zog ein und befahl den Goten, sich in der großen Basilika Sankt Zenos zu versammeln. Das taten sie, über fünftausend Köpfe, Greise, Weiber, Kinder und ein paar hundert Krieger. Und als sie alle beisammen... –» Teja hielt schaudernd inne.

«Nun?» fragte Mataswintha, erblassend.

«Da schloß der Hunne die Türen, umstellte das Haus mit seinem Heer und – verbrannte sie alle fünftausend samt der Kirche.»

«Und der Vertrag?» rief Witichis.

«Ja, so schrien auch die Verzweifelten ihn an durch Qualm und Flammen. ‹Der Vertrag›, lachte der Hunne, ‹sei erfüllt: kein Tropfen Blutes sei vergossen. Ausbrennen müsse man die Goten aus Italien wie die Feldmäuse und schlechtes Gewürm›. Und so sahen die Byzantiner zu, wie fünftausend Goten, Greise, Weiber, Kranke, Kinder – König Witichis, hörst du's? Solches geschieht, und du – du sendest Friedensboten! Auf, König Witichis», rief der Ergrimmte, das Schwert aus der Scheide reißend, «wenn du ein Mann bist, brich jetzt auf zur Rache. Die Geister der Erwürgten ziehen vorauf: Führ' uns zum Kampf! Zur Rache führ' uns an!»

«Führ' uns zum Kampf! Zur Rache führ' uns an!» widerhallte das Zelt vom Ruf der Goten.

Da stand Witichis auf in ruhiger Kraft.

«So soll's sein. Das Äußerste geschah. Und unsere beste Rüstung ist unser Recht: jetzt auf, zum Kampf.»

Und er reichte seiner Königin die Pergamentrolle, die er in der Hand hielt, die über seinem Stuhl hängende Königsfahne, das blaue Bandum, zu ergreifen.

«Ihr seht das alte Banner Theoderichs in meiner Hand, das er von Sieg zu Sieg getragen. Wohl ruht es jetzt in schlechtrer Hand, als seine war: – doch zaget nicht. Ihr wisset: übermütige Zuversicht ist meine Sache nicht, doch diesmal sag' ich euch voraus: in dieser Fahne rauscht ein naher Sieg, ein großer, stolzer, rachefroher Sieg. Folgt mir hinaus. Das Heer bricht auf, sogleich. Ihr Feldherren, ordnet eure Scharen: nach Rom!»

«Nach Rom», widerhallte das Zelt. «Nach Rom!»

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