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Ein Kampf um Rom

Felix Dahn: Ein Kampf um Rom - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
booktitleEin Kampf um Rom
authorFelix Dahn
publisherVerlag Werner Dausien
addressHanau
isbn3-7684-4210-1
titleEin Kampf um Rom
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1876
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Siebentes Kapitel

So stand er ruhig, während der Alte die Vorhänge an der Tür zu beiden Seiten zurückschlug, so daß Schlafzimmer und Vorhalle nunmehr einen ungeschiedenen Raum bildeten. Alle draußen Versammelten – es hatten sich inzwischen noch mehrere Römer und Goten eingefunden – näherten sich mit Staunen und ehrfürchtigem Schweigen dem König.

«Meine Tochter», sprach dieser, «sind die Briefe aufgesetzt, die meinen Tod und meines Enkels Thronfolge nach Byzanz berichten sollen?» – «Hier sind sie», sprach Amalaswintha.

Der König durchflog die Papyrusrollen.

«An Kaiser Justinus. Ein zweiter: an seinen Neffen Justinianus. Freilich, der wird bald das Diadem tragen und ist schon jetzt der Herr seines Herrn! Cassiodor hat sie verfaßt – ich sehe es an den schönen Gleichnissen. Aber halt» – und die hohe klare Stirn verdüsterte sich – «‹eurem kaiserlichen Schutze meine Jugend empfehlend.› Schutze? Das ist des Guten zu viel. Wehe, wenn ihr auf Schutz von Byzanz gewiesen seid. Freundschaft mich empfehlend ist genug von dem Enkel Theoderichs.» Und er gab die Briefe zurück. «Und hier ein drittes Schreiben nach Byzanz? An wen? An Theodora, die edle Gattin Justinians? Wie, an die Tänzerin vom Zirkus? Des Löwenwärters schamlose Tochter?» Und sein Auge funkelte. «Sie ist von größtem Einfluß auf ihren Gemahl», wandte Cassiodor ein. – «Nein, meine Tochter schreibt an keine Dirne, die aller Weiber Ehre besudelt hat.» Und er zerriß die Papyrusrolle und schritt über die Stücke zu den Goten im Mittelgrund der Halle. «Witichis, tapferer Mann, was wird dein Amt sein nach meinem Tod?»

«Ich werde unser Fußvolk mustern zu Tridentum.»

«Kein Beßrer könnte das. Du hast noch immer nicht den Wunsch getan, den ich dir damals freigestellt nach der Gepidenschlacht. Hast du noch immer nichts zu wünschen?»

«Doch, mein König.»

«Endlich! Das freut mich – sprich.» – «Heute soll ein armer Kerkerwart, weil er sich weigerte, einen Angeklagten zu foltern und nach dem Liktor schlug, selbst gefoltert werden. Herr König, gib den Mann frei: das Foltern ist schändlich und –»

«Der Kerkerwart ist frei, und von Stund' an wird die Folter nicht mehr gebraucht im Reich der Goten. Sorg' dafür, Cassiodorus. Wackrer Witichis, gib mir die Hand. Auf daß alle wissen, wie ich dich ehre, schenk' ich dir Wallada, mein lichtbraun Edelroß, zu Gedächtnis dieser Scheidestunde. Und kommst du je auf seinem Rücken in Gefahr, oder» – hier sprach er ganz leise zu ihm – «will es versagen, flüstre dem Roß meinen Namen ins Ohr. – Wer wird Neapolis hüten? Der Herzog Thulun war zu rauh. Das fröhliche Volk dort muß durch fröhliche Mienen gewonnen werden.»

«Der junge Totila wird dort die Hafenwache übernehmen», sprach Cassiodor.

«Totila! Ein sonniger Knabe! Ein Siegfried, ein Götterliebling! Ihm können die Herzen nicht widerstehen. Aber freilich! Die Herzen dieser Welschen!» Er seufzte und fuhr fort: «Wer versichert uns Roms und des Senats?» «Cethegus Cäsarius», sagte Cassiodor mit einer Handbewegung, «dieser edle Römer.» – «Cethegus?» Ich kenne ihn wohl. Sieh mich an, Cethegus.» Ungern erhob der Angeredete die Augen, die er vor dem großen Blick des Königs rasch niedergeschlagen. Doch hielt er jetzt das Adlerauge, das seine Seele durchdrang, ruhig aus, mit dem Aufgebot aller Kraft. «Es war krank, Cethegus, daß ein Mann von deiner Art sich so lang vom Staat ferngehalten. Und von uns. Oder es war gefährlich. Vielleicht ist es noch gefährlicher, daß du dich – jetzt – dem Staat zuwendest.» – «Nicht mein Wunsch, o König.»

«Ich bürge für ihn», rief Cassiodor. – «Still, Freund! Auf Erden mag keiner für den andern bürgen! Kaum für sich selbst! Aber», fuhr er forschenden Blickes fort, «an die Griechlein wird dieser stolze Kopf – dieser Cäsarkopf – Italien nicht verraten.»

Noch einen scharfen Blick aus den goldnen Adleraugen mußte Cethegus tragen. Dann ergriff der König plötzlich den Arm des nur mit Mühe noch fest in sich geschlossenen Mannes und flüsterte ihm zu: «Höre, was ich dir warnend weissage. – Es wird kein Römer mehr gedeihen auf dem Thron des Abendlands. Still, kein Widerwort. – Ich habe dich gewarnt. – – Was lärmt da draußen?» fragte er, rasch sich wendend, seine Tochter, die einem meldenden Römer leisen Bescheid erteilte. «Nichts, mein König, nichts von Bedeutung, mein Vater!» – «Wie? Geheimnisse vor mir? Bei meiner Krone? Wollt ihr schon herrschen, solang ich noch atme? Ich vernahm den Laut fremder Zungen da draußen. Auf die Türen!» Die Pforte, welche die äußere Halle mit dem Vorzimmer verband, öffnete sich.

Da zeigten sich unter zahlreichen Goten und Römern kleine, fremd aussehende Gestalten, in seltsamer Tracht, mit Wämsern aus Wolfsfell, mit spitz zulaufenden Mützen und langen zottigen Schafspelzen, die über ihren Rücken hingen. Überrascht und bewältigt von dem plötzlichen Anblick des Königs, der hochaufgerichtet auf sie zuschritt, sanken die Fremden wie vom Blitz getroffen auf die Knie.

«Ah, Gesandte der Awaren. Das räuberische Grenzgesindel an unseren Ostmarken! Habt ihr den schuldigen Jahrestribut?» – «Herr, wir bringen ihn noch für diesmal – Pelzwerk – wollne Teppiche – Schwerter – Schilde. Da hängen sie, dort liegen sie. Aber wir hoffen, daß für nächstes Jahr – wir wollten sehn –» «Ihr wolltet sehen, ob der greise Dieterich von Bern nicht altersschwach geworden? Ihr hofftet, ich sei tot? Und meinem Nachfolger könntet ihr die Schatzung weigern? Ihr irrt, Späher!» Und er ergriff wie prüfend eines der Schwerter, welche die Gesandten vor ihm ausgebreitet, samt der Scheide, nahm es mit zwei Händen fest an Griff und Spitze, ein Druck, und in zwei Stücken warf er ihnen das Eisen vor die Füße, «Schlechte Schwerter führen die Awaren», sagte er ruhig. «Und nun komm, Athalarich, meines Reiches Erbe. Sie wollen dir nicht glauben, daß du meine Krone tragen kannst: zeig' ihnen, wie du meinen Speer führest.»

Der Jüngling flog herbei. Die Gluthitze des Ehrgeizes zuckte über sein bleiches Antlitz. Er ergriff den schweren Speer seines Großvaters und schleuderte ihn mit solcher Kraft auf einen der Schilde, welche die Gesandten an die Holzpfeiler der Halle gelehnt, daß er ihn sausend durchbohrte und die Spitze noch tief in das Holzwerk drang. Stolz legte der König die Linke auf das Haupt seines Enkels und rief den Gesandten zu: «Jetzt geht, daheim zu melden, was ihr hier gesehen.»

Er wandte sich, die Pforten fielen zu und schlossen die staunenden Awaren aus. «Gebt mir einen Becher Wein. Leicht den letzten! Nein, ungemischten! Nach Germanen Art!» – und er wies den griechischen Arzt zurück – «Dank, alter Hildebrand, für diesen Trunk, so treu gereicht. Ich trinke der Goten Heil.» Er leerte langsam den Pokal. Und er setzte ihn noch fest auf den Marmortisch.

Aber da kam es über ihn, plötzlich, blitzähnlich, was die Ärzte lang erwartet: er wankte, griff an die Brust und stürzte rücklings in die Arme Hildebrands, der langsam niederkniend ihn auf den Marmortisch gleiten ließ und das Haupt mit dem Kronhelm auf den Armen hielt.

Einen Augenblick hielten alle lauschend den Atem an: aber der König regte sich nicht, und laut aufschreiend warf sich Athalarich über die Leiche.

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