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Ein Kampf um Rom

Felix Dahn: Ein Kampf um Rom - Kapitel 79
Quellenangabe
typefiction
booktitleEin Kampf um Rom
authorFelix Dahn
publisherVerlag Werner Dausien
addressHanau
isbn3-7684-4210-1
titleEin Kampf um Rom
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1876
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Drittes Kapitel

Im friedlichen Licht des späten Nachmittags schimmerten die Kirche und das Kloster, die am Fuß des Apenninus nordöstlich von Perusia und Asisium, südlich von Petra und Eugubium, hoch auf dem Felsenhang oberhalb des kleinen Fleckens Taginä, Valerius gebaut, seine Tochter vom Dienst des Jenseits einzulösen.

Das Kloster, aus dem dunkelroten Gestein der Gegend aufgeführt, umfriedete mit seinen Geviertmauern einen stillen Garten von dichtem, grünem Laubwerk. An den vier Seiten desselben liefen kühle Bogengänge hin mit Apostelstatuen und Mosaik und mit Fresken auf goldnem Grund geschmückt. All dies Bildwerk hatte den freudlosen, byzantinischen Ernst: es waren sinnbildliche Darstellungen aus der heiligen Schrift, zumal aus der Offenbarung Johannis, dem Lieblingsbuch jener Zeit.

Feierliche Stille wartete rings. Das Leben schien weithin ausgeschlossen von diesen hohen und starken Mauern. Zypressen und Thuien herrschten vor in den Baumgruppen des Gartens, in dem nie eines Vogels Gesang vernommen ward. Die strenge Klosterordnung duldete die Vöglein nicht: der Nachtigall süßes Rufen sollte nicht die frommen Seelen in ihren Gebeten stören.

Cassiodor war es, der, schon als Minister Theoderichs seiner streng kirchlichen Richtung ergeben und biblischer Gelehrsamkeit voll, seinem Freunde Valerius den ganzen Plan der äußeren und inneren Einrichtung seiner Stiftung entworfen – ähnlich der Regel des Männerklosters, das er selbst zu Squillacium in Unteritalien gegründet – und dessen Ausführung überwacht hatte. Und sein frommer, aber strenger, der Welt und dem Fleisch feindlich abgewendeter Geist drückte sich denn im größten wie im kleinsten dieser Schöpfung aus. Die zwanzig Jungfrauen und Witwen, welche hier als Religiosä lebten, verbrachten in Beten und Psalmensingen, in Buße und Kasteiung ihre Tage. Doch auch in werktätiger, christlicher Liebe, indem sie die Armen und Kranken der Umgegend in ihren Hütten aufsuchten und ihnen Seele und Leib trösteten und pflegten.

Es machte einen feierlichen, poesievollen, aber sehr ernsten Eindruck, wenn durch die dunklen Zypressengänge hin eine dieser frommen Beterinnen wandelte, in dem faltenreichen, dunkelgrauen Schleppgewand, auf dem Haupt die weiße, enganschließende Kalantika, eine Tracht, die das Christentum von den ägyptischen Isispriestern übernommen. Vor den oft in Kreuzesform geschnittenen Buchsgebüschen blieben sie stehen und kreuzten die Arme auf der Brust. Immer gingen sie allein und stumm, wie Schatten glitten sie bei jeder Begegnung aneinander vorüber. Denn das Gespräch war auf das Unerläßliche beschränkt.

In der Mitte des Gartens floß ein Quell aus dunklem Gestein, von Zypressen überragt. Ein paar Sitze waren in den Marmor gehauen.

Es war ein stilles, schönes Plätzchen: wilde Rosen bildeten dort eine Art Laube und verbargen beinahe völlig ein finsteres, rohes Steinrelief, das die Steinigung des heiligen Stephanus darstellte.

An diesem Quell saß, eifrig lesend in aufgerollten Papyrusrollen, eine schöne, jungfräuliche Gestalt in schneeweißem Gewand, das eine goldne Spange über der linken Schulter zusammenhielt, das dunkelbraune Haar, in weichen Wellen zurückgelegt, umflocht eine fein geschlungene Efeuranke: – Valeria war's, die Römerin.

Hier, in diesen entlegenen, festen Mauern hatte sie Zuflucht gefunden, seit die Säulen ihres Vaterhauses zu Neapolis niedergestürzt. Sie war bleicher und ernster geworden in diesen einsamen Räumen. Aber ihr Auge leuchtete noch in seiner ganzen stolzen Schönheit.

Sie las mit großem Eifer; der Inhalt schien sich lebhaft fortzureihen, die fein geschnittenen Lippen bewegten sich unwillkürlich, und zuletzt ward die Stimme der Lesenden leise vernehmlich:

– – «Und er vermählte die Tochter dem erzumpanzerten Hektor. –
Die kam jetzt ihm entgegen, die Dienerin folgte zugleich ihr,
Tragend am Busen das zarte, noch ganz unmündige Knäblein,
Hektors einzigen Sohn, holdleuchtendem Stern vergleichbar.
Schweigend betrachtete Hektor mit lächelndem Blicke den Knaben,
Aber Andromache trat mit tränendem Auge ihm näher,
Drückt' ihm zärtlich die Hand und begann die geflügelten Worte:
‹Böser, dich wird noch verderben dein Mut! Und des lallenden Knäbleins
Jammert dich nicht, noch meiner, die bald ach! Witwe von Hektor
Sein wird. Bald ja werden die grimmigen Feinde dich töten,
Alle mit Macht einstürmend auf dich. Dann wär' mir das beste,
Daß mich die Erde bedeckt, wenn du stirbst: bleibt doch mir in Zukunft
Nie ein anderer Trost, wenn dich wegraffte das Schicksal:
Nein, nur Trauer: lang ist mein Vater dahin und die Mutter:
Du nur allein bist Vater mir jetzt und Mutter und alles... –›»

Sie las nicht weiter: die großen runden Augen wurden feucht, ihre Stimme versagte; sie neigte das blasse Haupt.

«Valeria», sprach eine milde Stimme, und Cassiodor beugte sich über ihre Schulter. «Tränen über dem Buch des Trostes? Aber was sehe ich die Ilias! Kind! Ich gab dir doch die Evangelien.»

«Verzeih mir, Cassiodor. Es hängt mein Herz noch andern Göttern an als deinen. Du glaubst nicht: je gewaltiger von allen Seiten her die Schatten ernster Entsagung auf mich eindringen, seit ich bei dir bin und in diesen Mauern weile, desto krampfhafter klammert sich die widerstrebende Seele an die letzten Fäden, die mich mit einer andern Welt verbinden. Und zwischen Grauen und Liebe ratlos schwankt der Sinn.»

«Valeria, du hast keinen Frieden in diesem Haus des Friedens gefunden. Wohlan, so zieh hinaus. Du bist ja frei und Herrin deines Willens. Kehre zurück zu jener bunten Welt, wenn du glaubst, dort dein Glück zu finden.»

Sie aber schüttelte das schöne Haupt. «Es geht nicht mehr. Feindlich ringen in meiner Seele zwei Gestalten. Welche auch siege – ich verliere immer.»

«Kind, sprich nicht so! Du kannst die beiden Mächte, Erdenlust und Himmelsseligkeit, nicht wie zwei gleiche Dinge in einer Waage wiegen.»

«Weh denen», fuhr sie, wie mit sich selbst sprechend, fort, «welchen das Schicksal den gespaltnen Doppeltrieb in die Seele gepflanzt, der bald zu den Sternen nach oben, bald nieder zu den Blumen zieht. Sie werden keines der beiden froh.»

«In dir, mein Kind», sprach Cassiodor, sich zu ihr setzend, «walten freilich unversöhnt deines weltlichen Vaters und deiner frommen Mutter Sinn. Dein Vater, ein Römer der alten Art, ein Kind der stolzen, rauhen Welt, kühn, sicher, selbstvertrauend, nach Gewinn und Macht strebend, wenig, allzuwenig, fürcht' ich, ergriffen von dem Geist unseres Glaubens, der nur im Jenseits unsere Heimat sucht – in der Tat, Valerius, mein Freund, war mehr ein Heide denn ein Christ. Und daneben deine Mutter, fromm, sanft, aus einem Märtyrergeschlecht, den Himmel suchend und der Erde vergessend, auch sie hat wohl ein Teil von ihrem Wesen in dich... –»

«Nein», sprach Valeria aufstehend und das edle Haupt kräftig zurückwerfend, «ich fühle nur des Vaters Art in mir. Kein Tropfen Blut neigt jener Seite zu. Die Mutter war viel krank und starb schon früh. Unter meines Vaters Augen wuchs ich auf; Iphigenia und Antigone und Nausikaa, Cloelia und Lucretia und Virginia waren die Freundinnen meiner Jugend. Nicht viele Priester sah man in des Kaufherrn Haus, und wenn er abends mit mir saß und las, so waren's Livius und Tacitus und Vergilius, nicht das heilige Buch der Christen. So wuchs ich heran bis in mein siebzehntes Jahr, den Sinn allein auf diese Welt gerichtet. Denn auch die Tugenden, die der Vater pries und übte, sie galten nur dem Staat, dem Haus, den Freunden. Glücklich war ich in jener Zeit, ungespalten meine Seele.»

«Du warst eine Heidin trotz des Taufwassers.»

«Ich war glücklich. Da kamen wir auf einer Reise zuerst in diese Mauern mit ihrem Grabesernst, und dunkle, schwere Schatten fielen hier zuerst in meine Seele. Dich fand ich hier, und du entdecktest mir, was man mir bisher sorgfältig verborgen hatte, daß die Mutter in schwerer Krankheit mich schon vor meiner Geburt durch ein Gelübde dem ehelosen Leben im Kloster geweiht, wenn Gott sie und ihr Kind am Leben erhalte, und daß mein Vater, dem dieser Gedanke unerträglich, später mich vom Himmel eingelöst, indem er, freilich mit Zustimmung des Bischofs von Rom, statt die Tochter hinzugeben, Kirche und Kloster hier gebaut.»

«So ist es, Kind, mit dem vierten Teil seines Vermögens! Darüber kannst du dich beruhigen. Der Nachfolger des heiligen Petrus, der die Macht hat, zu binden und zu lösen, hat den Tausch, die Umwandlung des Gelübdes gebilligt. Du bist frei!» – «Aber ich fühle mich nicht frei! Nicht mehr seit jener Stunde! Was auch du, was auch der Vater gesagt, tief, tief in meinem Herzen spricht eine Stimme: ‹der Himmel nimmt nicht totes Gold statt einer lebendigen Seele. Das Schicksal läßt sich nicht abkaufen, was ihm einmal verwirkt war.› Die finstre, ernste, drohende Macht jenes heiligen Glaubens, der meiner Seele fremd gewesen und geblieben ist, die in diesem feierlichen Raume wohnt, hat ein Recht, ein zwingend Herrschaftsrecht über meine Seele und läßt nicht davon. Ich bin ihr verfallen. Ihr gehör' ich an, nicht wollend, wiederstrebend, aber sicher doch. Der Welt der Entsagung, des Schmerzes, der Dornen: nicht jener goldnen Welt meines Homers, der Blumen und des Sonnenscheins, zu der noch immer von innen meine ganze Seele neigt. So oft ich's auch vergessen will, immer ziehen wieder die Wolkenschatten über meine Seele. Sie drohen im Hintergrunde aller Freuden: wie dort das finstre Martyrbild hinter den roten Rosen.»

«Valeria, du hassest, scheint's, was du verehren solltest.»

«Ich hasse es nicht. Ich fürchte es. Wohl war eine Zeit», – und ein Strahl der Freude flog über ihre Züge «da glaubte ich den dunklen Schatten für immer besiegt von einem hellen Gott des Lichts. Als ich zuerst des jungen Goten lachend Auge sah und seine sonnige Seele mich umschloß, als so viel Jugend, Schönheit, Liebe und Glück mich umfluteten, da wähnte ich wohl, für immer sei jener Bann gelöst. Aber es währte nicht lang.

Der finstre Gott des Schmerzes pochte vernehmlich an die goldne Wand, die ich zwischen ihn und mich gebaut, und immer näher drangen seine Schläge. Der Krieg bricht aus, mein teurer Vater fällt und nimmt einen verhängnisvollen Eid des Geliebten mit sich ins Grab. In Schutt versinkt das Haus meiner Ahnen, und ich muß flüchten aus meiner Vaterstadt. Sie fällt dem Feinde zu. Nur das Opfer eines köstlichen Lebens rettet mir den Geliebten. Die Woge des Krieges verschlägt ihn fern von mir.

Und wie ich erwache aus der Betäubung dieses Streichs, – find' ich mich hier, in diesem großen Grabe, dem Ort meiner Bestimmung. Ach, du wirst sehen, der Himmel begnügt sich nicht mit dem leeren Grab. Er fordert auch die Leiche, die hineingehört.» – «Valeria! Du solltest Kassandra heißen.»

«Ja, denn Kassandra sah die Wahrheit, ihre Gesichte trafen ein!»

«Du weißt, wir erkennen einer Seele den Preis zu, die der Erde vergißt über dem Himmel. Aber Gott will erzwungene Opfer nicht. Und so sag' ich dir, du quälst dich mit eitlem Vorwurf. Der Papst hat dich gelöst, so bist du frei.»

«Die Seele löst kein Papst. Der Papst nimm Gold, das Schicksal nicht. Du wirst erfüllt sehen, was ich dir ahnend vorhersage – nie werd' ich glücklich, nie werd' ich Totilas, und diese Stätte wird... –»

«Und wenn's so wäre? Hängst du denn noch gar so fest an Glück und Hoffnung? Freilich, du bist noch jung. Aber Kind, ich sage dir: je früher du dich losmachst, desto größerem Weh entrinnst du. Ich habe die Welt und ihre falschen Freuden und Ehren alle gekostet und sie alle eitel und treulos gefunden. Nichts auf Erden füllt die Seele aus, die nicht von dieser Erde ist. Wer das erkennt, der sehnt sich hinweg aus dieser Welt der Unrast und der Sünde. Erst in der Welt jenseits des Grabes ist deine Heimat. Dahin verlangt die ganze Seele... –»

«Nein, nein, Cassiodor», rief die Römerin, «meine ganze Seele verlangt nach Glück auf dieser schönen Erde! Ihr gehör' ich an! Auf ihr fühl' ich mich heimisch. Blauer Himmel, weißer Marmor, rote Rosen, linde, duftgefüllte Abendluft: – wie seid ihr schön!

Das will ich einatmen mit entzückten Sinnen! Wer das genießt, ist glücklich! Weh dem, der es verloren! Von deinem Jenseits hab' ich kein Bild in meiner bangen Seele! Nebel, Schatten – graues Ungewiß allein liegt jenseits des Grabes. Wie spricht Achilleus?

‹Tröste mich doch nicht über den Tod! Du kannst nicht, Odysseus.
Lieber ja möcht' ich das Feld als Lohnarbeiter bestellen
Für den bedürftigen Mann, dem nicht viel Habe geworden,
Als hier allzumal die Schatten der Toten beherrschen.›

So empfind' auch ich. Weh dem, den nicht die goldne Sonne mehr bescheint. O wie gern, wie gern wär' ich glücklich in dieser schönen Welt, in meinem schönen Heimatland: wie fürcht' ich das Unheil, das doch unaufhaltsam näher dringt, wie hier auf dieser Wand mit der sinkenden Sonne die Schatten unhörbar, doch unhemmbar wachsen. Oh, wer ihn aufhielte, den furchtbar nahenden Schatten meines Lebens!»

Da drang vom Eingang her ein heller, kräftiglust'ger Schall, ein fremder Ton in diesen stillen Mauern, die nur vom leisen Choral der Jungfraun widertönten. Die Trompete blies den muntern, kriegerischen Feldruf der gotischen Reiter: belebend drang der Ton in die Seele Valerias.

Aus dem Wohngebäude aber eilte der alte Pförtner herbei. «Herr», rief er, «keckes Reitervolk lagert vor den Mauern. Sie lärmen und verlangen Fleisch und Wein. Sie lassen sich nicht abweisen und der Führer: – da ist er schon –»

«Totila!» jauchzte Valeria und flog dem Geliebten entgegen, der in schimmernder Rüstung, vom weißen Mantel umwallt, waffenklirrend, heranschritt.

«O du bringst Luft und Leben!» – «Und neues Hoffen und die alte Liebe», rief Totila. Und sie hielten sich umschlungen.

«Wo kommst du her? Wie lang bist du mir fern geblieben!» – «Ich komme geradewegs von Paris und Aurelianum, von den Höfen der Frankenkönige. O Cassiodor, wie gut sind jene daran jenseits der Berge! Wie leicht haben sie's! Da kämpft nicht Himmel und Boden und Erinnerung gegen ihre Germanenart. Nahe ist der Rhenus und Danubius, und ungezählte Germanenstämme wohnen dort in alter, ungebrochner Kraft: – wir dagegen sind wie ein vorgeschobner, verlorner Posten, ein einzelner Felsblock, den rings feindliches Element benagt.

Doch desto größer», sprach er sich aufrichtend, «ist der Ruhm, hier, mitten im Römerland, Germanen ein Reich zu bauen und zu erhalten.

Und welcher Zauber liegt auf deinem Vaterland, Valeria. Es ist das unsre auch geworden! Wie frohlockte mein Herz, als mich wieder Oliver und Lorbeer begrüßten und des Himmels tiefes, tiefes Blau. Und ich fühlte klar: wenn mein edles Volk sich siegreich erhält in diesem edlen Land, dann wird die Menschheit ihr edelstes Gebilde hier erstehen sehn.»

Valeria drückte dem Begeisterten die Hand.

«Und was hast du ausgerichtet?» fragte Cassiodor.

«Viel! – Alles! Ich traf am Hofe des Merowingen Childibert Gesandte von Byzanz, die ihn schon halb gewonnen, als sein Bundesgenosse in Italien einzufallen. Die Götter – vergib mir, frommer Vater –, der Himmel war mit mir und meinen Worten. Es gelang, ihn umzustimmen. Schlimmstenfalls ruhen seine Waffen ganz. Hoffentlich sendet er uns ein Heer zu Hilfe.»

«Wo ließest du Julius?»

«Ich geleitete ihn bis in seine schöne Heimatstadt Avenio. Dort ließ ich ihn unter blühenden Mandelbäumen und Oleandern. Dort wandelt er, fast nie mehr den Platon, meist den Augustinus in der Hand und träumt und träumt vom ewigen Völkerfrieden, vom höchsten Gut und von dem Staate Gottes! Wohl ist es schön in jenen grünen Tälern: – doch neid' ich ihm die Muße nicht. Das Höchste ist das Volk, das Vaterland! Und mich verlangt's, für dieses Volk der Goten zu kämpfen und zu ringen. Überall, wo ich des Rückwegs kam, trieb ich die Männer zu den Waffen an. Schon drei starke Scharen traf ich auf dem Wege nach Ravenna. Ich selber führe eine vierte dem wackern König zu. Dann geht es endlich vorwärts gegen diese Griechen, und dann: Rache für Neapolis!» Und mit blitzenden Augen hob er den Speer – er war sehr schön zu schauen.

Entzückt warf sich Valeria an seine Brust. »O sieh, Cassiodor, das ist meine Welt! meine Freude! mein Himmel! Mannesmut und Waffenglanz und Volkesliebe und diese Seele in Lieb' und Haß bewegt – füllt das die Menschenbrust nicht aus?»

«Jawohl: im Glück und in der Jugend! Es ist der Schmerz, der uns zum Himmel führt.»

«Mein frommer Vater», sagte Totila, mit der Linken Valeria an sich drückend, mit der Rechten an seine Schulter rührend, «schlecht steht mir an, mit dir, dem Ältern, Weisern, Besseren zu streiten. Aber anders ist mein Herz geartet. Wenn ich je zweifeln könnte an eines gütigen Gottes Walten, so ist es, wann ich Schmerz und unverschuldet Leiden sehe. Als ich der edeln Miriam Auge brechen sah, da fragte mein verzweifelnd Herz: ‹lebt denn kein Gott?›

Im Glück, im Sonnenschein fühl' ich den Gott, und seine Gnade wird mir offenbar. Er will gewiß der Menschen Glück und Freude: – der Schmerz ist sein heiliges Geheimnis – ich vertraue: dereinst wird uns auch dieses Rätsel klar. Einstweilen aber laß uns auf der Erde freudig das Unsere tun und keinen Schatten uns allzulang verdunkeln.

In diesem Glauben, Valeria, laß uns scheiden. Denn ich muß sofort zu König Witichis mit meinen Reitern.»

«Du gehst von mir? Schon wieder? Wann, wo werd' ich dich wiedersehn?»

«Ich seh' dich wieder, nimm mein Wort zum Pfand!

Ich weiß, es kommt der Tag, da ich mit vollem Recht dich aus diesen ernsten Mauern führen darf ins sonnige Leben. Laß dich indes nicht allzusehr verdüstern. Es kommt der Tag des Sieges und des Glücks: und mich erhebt's, daß ich zugleich das Schwert für mein Volk und meine Liebe führe.»

Inzwischen war der Pförtner mit einem Schreiben an Cassiodor wiedergekommen.

«Auch ich muß dich verlassen, Valeria», sprach der.

«Rusticiana, des Boëthius Witwe, ruft mich dringend an ihr Sterbebett: sie will ihr Herz erleichtern von alter Schuld. Ich gehe nach Tifernum.»

«Dahin führt auch unser Weg, du ziehst mit mir, Cassiodor. Leb' wohl, Valeria!»

Nach kurzem Abschied sah die Jungfrau den Geliebten gehn. Sie bestieg ein Türmchen der Gartenmauer und sah ihm nach. Sie sah, wie er in voller Rüstung sich in den Sattel schwang, sie sah mit freudigen Augen seine Reiter hinter ihm traben. Hell blitzten ihre Helme im Abendlicht, die blaue Fahne flatterte lustig im Winde: alles war voll Leben, Kraft und Jugend.

Sie sah dem Zuge nach, lang und sehnend.

Aber als er fern und ferner sich hinzog, da wich der frohe Mut, den sein Erscheinen gebracht, wieder von ihr. Bange Ahnungen stiegen in ihr auf, und unwillkürlich sprachen sich ihre Gefühle aus in den Worten ihres Homeros:

«Siehest du nicht, wie schön von Gestalt, wie stattlich Achilleus?
Dennoch harrt auch seiner der Tod und das dunkle Verhängnis,
Wann auch ihm in des Kampfes Gewühl das Leben entschwindet.
Ob ihn ein Pfeil von der Sehne dahinstreckt, oder ein Wurfspeer.»

Und schmerzlich seufzend schritt die Jungfrau aus dem rasch sich verdunkelnden Garten in die dumpfen Mauern zurück.

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