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Ein Kampf um Rom

Felix Dahn: Ein Kampf um Rom - Kapitel 78
Quellenangabe
typefiction
booktitleEin Kampf um Rom
authorFelix Dahn
publisherVerlag Werner Dausien
addressHanau
isbn3-7684-4210-1
titleEin Kampf um Rom
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1876
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Zweites Kapitel

Am siebenten Tage nach diesen Ereignissen bereitete sich ein glanzvolles Fest auf der Fora und in dem Königspalast zu Ravenna.

Die Bürger der Stadt und die Goten aller drei Parteien wogten in gemischten Scharen durch die Straßen und fuhren durch die Lagunenkanäle – denn Ravenna war damals eine Wasserstadt, fast, aber doch nicht ganz, wie heute Venedig – die riesigen Kränze, Blumenbogen und Fahnen zu bewundern, die von allen Zinnen und Dächern niederwehten: denn es galt, die Vermählung des gotischen Königspaares zu feiern.

Am frühen Morgen hatte sich das ganze jetzt vereinigte Heer der Goten vor den Toren der Stadt zu feierlicher Volksversammlung geschart. Der König und die Königin erschienen auf milchweißen Rossen: abgestiegen waren sie vor allem Volk unter eine breitschattende Steineiche getreten: dort hatte Witichis seiner Braut die rechte Hand auf das Haupt gelegt; sie aber trat mit dem entblößtem linken Fuß in den Goldschuh des Königs.

Damit war unter dem Zuruf der Tausenden die Ehe nach Volksrecht geschlossen. Darauf bestieg das Paar einen mit grünen Zweigen geschmückten Wagen, der von vier weißen Rindern gezogen ward; der König schwang die Geißel, und sie fuhren, gefolgt von dem Heere, in die Stadt. Dort schloß sich an die halb heidnische, germanische, eine zweite, die christliche Feier: der arianische Bischof erteilte seinen Segen über das Paar in der Basilika Sancti Vitalis und ließ es die Ringe wechseln.

Rauthgundens wurde nicht gedacht.

Noch war die Kirche nicht mächtig genug, ihre Forderung der Unauflöslichkeit einer kirchlich geschlossenen Ehe überall durchzusetzen; vornehme Römer und vollends Germanen verstießen noch häufig in voller Willkür ihre Frauen. Und wenn gar ein König aus Gründen des Staatswohls und ohne Einspruch der Gattin das Gleiche beschloß, erhob sich kein Widerstand. –

Aus der Kirche ging der Zug nach dem Palast, in dessen Hallen und Gärten ein großes Festmahl gerüstet war.

Das ganze Gotenheer und die ganze Bevölkerung der Stadt fand hier, dann auf der Fora des Herkules und des Honorins und in den nächsten Straßen und Kanälen auf Schiffen, an tausend Tischen reiche Bewirtung, während die Großen des Reiches und die Vornehmen der Stadt mit dem Königspaar in der Gartenrotunde oder in der weiten Trinkhalle, die Theoderich hatte in dem römischen Palast anbringen lassen, tafelten.

So wenig die Lage des Landes und des Königs Stimmung zu rauschenden Festen passen mochten – es galt, die Ravennaten mit den Goten und die verschiedenen Parteien der Goten unter sich zu versöhnen; und man hoffte, in Strömen des Festweins die letzten feindseligen Erinnerungen hinwegzuspülen.

Am besten übersah man den Königstisch und die festlichen Tafeln, die sich über den weiten Garten und Park verteilten, von dem zum Brautgemach Mataswinthens bestimmten kleinen Gelaß, dessen einziges Fenster auf die Rotunde vor dem Garten und, über den Garten hin, bis auf das Meer ausblicken ließ.

In diesem Gemach drei Tage zuvor schon schmückend zu schalten und zu walten, hatte sich Aspa, die Numiderin, als Lohn treuer Dienste ausgebeten. «Denn diese ernsten, finstern Römer wissen ebensowenig wie die rauhen Goten, dem schönsten Weib der Erde das Brautbett zu bereiten: in Afrika, im Land der Wunder, lernt man das.»

Und wohl war ihr's gelungen, wenn auch im Sinn der schwülen, phantastischen Üppigkeit ihrer Heimat. Sie hatte das enge und niedre Gemach wie zu einem kleinen Zauberkistchen umgeschaffen! Wände und Decke waren von glänzend weißen Marmorplatten gefügt.

Aber Aspa hatte den ganzen Raum mit drei- und vierfach aufeinandergelegten Gehängen von dunkelroter Seide verhüllt, die in schweren Falten von den Wänden niederfloß, sich über die Getäfeldecke wie ein Rundbogen wölbte und den Marmorbogen so dicht verhüllte, daß jeder Tritt lautlos drüber hinglitt und alles Geräusch sich im Entstehen brach. Nur an der Fensterbrüstung sah man den schimmernd weißen Marmor sich prachtvoll von der Glut der Seide heben.

Das Fenster von weißem Frauenglas war mit einem Vorhang von mattgelber Seide verhangen, und alles Licht in dem kleinem Raum strömte aus von einer Ampel, die von der Mitte der Decke aus niederhing: eine Silbertaube mit goldnen Flügeln schwebte aus einem Füllhorn von Blumengewinden, in den Füßen trug sie eine flache Schale aus einem einzigen großen Karneol, der, ein Geschenk des Vandalenkönigs, in den aurassischen Bergen gefunden, als ein seltenes Wunder galt.

Und in dieser Schale glühte ein rotes Flämmchen, genährt von stark duftendem Zedernöl. Ein gebrochenes, träumerisches Dämmerlicht ergoß sich von hier aus über das phantastische Doppelpfühl, das, halb von Blumen verschüttet, darunterstand. Aspa hatte sich das bräutliche Lager als die aufgeschlagenen Schalen einer Muschel gedacht, die an der inneren Seite zusammenhängen, zwei ovale, muschelförmige Klinen von Citrusholz erhoben sich nur wenig von dem Teppich des Bodens. Über die weißen Kissen und Teppiche hin war eine Linnendecke von orangegoldnem Glanz gegossen.

Aber der eigenste Schmuck des Gelasses war die Fülle von Blumen, welche die Hand der Numiderin mit poesiereichem, wenn auch phantastischem Geschmack über das ganze Gemach verstreut und über die Wände, Decken, Vorhänge, die Türe und das Lager verteilt hatte.

Ein Bogen von starkduftigen Geißblattranken überwölbte laubenartig die einzige Türe, den schmalen Eingang. Zwei mächtige Rosenbäume standen zu Häupten des Lagers und streuten ihre roten und weißen Blüten auf die Teppiche. Die Ampel hing, wie erwähnt, aus einem kunstvoll gewundnen Füllhorn von Blumen herab. Und überall sonst, wo eine Falte, eine Biegung der Teppiche das Auge zu verweilen lud, hatte Aspa eine seltene Blume glücklich angeschmiegt. Der Lorbeer und der Oleander Italiens, die sizilische Myrte, das schöne Rhododendron der Alpen und die glühenden Iriaceen Afrikas mit ihren reichen Kelchen: alle lauschten je am gelegensten Ort und doch, wie es schien, vom Zufall hingeworfen. –

Schon standen die Sterne am Himmel.

Es dämmerte draußen: im Gemach hatte Aspa die Flamme in der veilchendunkeln Schale entzündet und war nur noch beschäftigt, hier und da eine Falte zu glätten, indes sie eine römische Sklavin anwies, in den Silberkrügen auf dem Bronzekredenztisch den Palmwein mit Schnee zu kühlen, eine andre, das Gemach mit Balsam zu durchsprengen.

«Reichlicher die Narden, reichlicher die Myrrhen gesprengt! So!» rief Aspa, eine volle Libation über das Lager spritzend.

«Laß ab», mahnte die Römerin, «es ist zu viel! Schon der Duft der Blumen betäubt. Die Rose und das Geißblatt berauschen fast die Sinne: mir würde schwindeln hier.»

«Ah», lachte Aspa, «wie singt der Dichter: ‹Nüchternen nimmer nahet das Glück: nur in seligem Rausche.› Laß uns jetzt das Fenster schließen.» – «Nur ein wenig noch laß mich lauschen», bat eine dritte junge Sklavin, die dort lehnte. «Es ist schön! Komm, Frithilo», sprach sie zu einer gotischen Magd, die neben ihr stand, «du kennst ja all die stolzen Männer und Frauen. Sage, wer ist der zur Linken der Königin mit dem goldnen Schuppenpanzer? Er trinkt dem König zu.» – «Herzog Guntharis von Tuscien, der Wölsung. Sein Bruder, Graf Arahad von Asta... wo mag der sein zu dieser Stunde?»

«Und der Alte neben dem König, mit dem grauen Bart?»

«Das ist der Graf Grippa, der die Goten in Ravenna befehligt. Er spricht die Fürstin an. Wie sie lacht und errötet! Nie war sie so schön.» – «Ja, aber auch der Bräutigam – welch herrlicher Mann! Der Kopf des Mars, der Nacken des Neptun. Aber er sieht nicht fröhlich – vorhin starrte er lange sprachlos in seinen Becher und furchte die Stirn – die Königin sah es – bis der alte Hildebrand, gegenüber, ihm zurief. Da sah er seufzend auf. Was hat der Mann zu seufzen neben diesem Götterweib?»

«Nun», sprach die Gotin, «er hat dann doch nicht ein steinern Herz. Er denkt dann vielleicht an die, die sein rechtes Weib vor Gott und Menschen, die er verstoßen.»

«Was? Wie? Was sagst du?» riefen die drei Sklavinnen zugleich. Aber urplötzlich fuhr Aspa zwischen die Mädchen: «Willst du wohl schweigen mit dem dummen Gerede, Barbarin! Mach', daß du fortkommst! Ein solches Wort: eine Silbe, daß es die Königin hört, und du sollst der Afrikanerin gedenken.»

Frithilo wollte erwidern. «Still», rief eine der Römerinnen. «Die Königin bricht auf.» – «Sie wird hier heraufkommen.» – «Der König bleibt noch.» – «Nur die Frauen folgen ihr.» – «Sie geben ihr das Geleit bis hierher», sprach Aspa. «Gleich kann sie hier sein: bereitet euch sie zu empfangen.»

Bald nahte der Zug, von Fackelträgern und Flötenbläsern eröffnet. Darauf eine Auswahl der gotischen Edelfrauen: neben Mataswintha, der Braut oder jungen Frau, schritt Theudigotho, die Gattin Herzogs Gunthar's, und Hildiko, die Tochter Grippas. Die vornehmen Frauen von Ravenna schlossen den Zug.

An der Schwelle der Brautkammer verabschiedete Mataswintha ihr Gefolge, an die jungen Mädchen ihren Schleier, an die Frauen ihren Gürtel verschenkend.

Die meisten zogen sich wieder zu dem Fest in den Garten, andre nach Hause zurück. Sechs Gotinnen aber, drei Frauen und drei Jungfrauen, ließen sich als Ehrenwache vor der Tür des Brautgemaches nieder, wo Teppiche für sie bereitet lagen. Dort hatten sie mit einer gleichen Zahl gotischer Männer, die den Bräutigam geleiteten, die Nacht zu verbringen: so wollt es die gotische Sitte.

Mataswintha überschritt die Schwelle mit einem Ausruf des Staunens. «Aspa», rief sie, «das hast du schön gemacht – zauberisch!»

Die Afrikanerin kreuzte selig die Arme über die Brust und beugte den Nacken. Sie an sich ziehend, flüsterte die Braut:

«Du kanntest mein Herz und seine Träume! Aber», fuhr sie aufatmend fort, «wie schwül! Deine glühenden Blumen berauschen.»

«In Glut und Rausch nahen die Götter!» sprach Aspa.

«Wie schön jene Violen, und dort die Purpurlilie; mir ist, die Göttin Flora flog durchs Zimmer und dachte einen Liebestraum und verlor darüber ihre schönsten Blumen. Es ist ein ahnungsvolles Wunder, das ich hier erlebe. Es durchrieselt mich heiß. Es ist schwül. Nehmt mir den schweren Prunk ab.» Und sie nahm die goldne Krone aus dem Haar.

Aspa strich ihr die vollen, dunkelroten Flechten hinter das feine Ohr und zog die goldne Nadel heraus, die sie am Hinterkopf zusammenhielt: frei wallte das Haar in den Nacken. Die andern Sklavinnen lösten die Spange, die in Gestalt einer geringelten Schlange den schweren Purpurmantel mit seinen reichen Goldstreifen auf der linken Schulter zusammenhielt. Der Mantel fiel und zeigte die edle, hochschlanke Gestalt der Jungfrau in dem ärmellosen, wallenden Unterkleid von weißer, persischer Seide. Ihre schimmernden Arme umzirkten zwei breite, goldne Armreife: Erbstücke aus dem alten Schatz der Amalungen, grüne Schlangen von Smaragden waren darin eingelegt.

Mit Entzücken schaute Aspa auf die Gebieterin, wie diese vor den in den Marmor eingelassenen Metallspiegel trat, das lose Haar mit goldnem Kamm zu schlichten.

«Wie schön du bist! Wie zauberschön! – Wie Astraroth, die Liebesgöttin – nie warst du so schön, wie in dieser Stunde.» Mataswintha warf einen raschen Blick in den Spiegel. Sie sah, noch mehr, sie fühlte, daß Aspa recht hatte, und sie errötete.

«Geht», sagte sie, «laßt mich allein mit meinem Glück.» – Die Sklavinnen gehorchten. Mataswintha eilte ans Fenster, das sie rasch öffnete, wie um ihren Gedanken zu entfliehen. Ihr erster Blick fiel auf Witichis, der unten vom Schein der Hängelampen im Garten voll beleuchtet war.

«Er! Wieder er. Wohin entflieh' ich vor ihm, dem süßen Tod?»

Sie wandte sich rasch: da an der Wand, gerade dem Fenster gegenüber glänzte im Ampellicht eine weiße Marmorbüste. Sie kannte sie wohl: Aspa hatte den Areskopf nicht vergessen, den treuen Begleiter lang harrender Sehnsucht. Heute aber schlang sich ein Kranz von weißen und roten Rosen um sein Haar. «Und wieder du!» flüsterte die Braut, süß erschrocken, und legte die weiße Hand vor die Augen. «Und schließ' ich die Augen und wend' ich sie nach innen, so seh' ich wieder ein Bild, sein Bild allein im tiefsten Herzen. Ich werde noch untergehn in diesem Bilde! Ach, und ich will's!» rief sie, die Hand fallen lassend und dicht vor die Büste tretend: «ich will's! Wie oft, mein Ares, wann der Abend kam, hab' ich zu dir aufgeblickt, wie zu meinem Stern, bis Frieden und Ruhe aus deinen klaren, großen Zügen drang in die schwanke Seele. Wie wunderbar hat dieses Ahnen, dieses Sehnen, dieses Hoffen sich erfüllt! Wie er einst dem weinenden Kinde die Tränen getrocknet und die Ratlose nach Hause geführt, so wird er auch jetzt all mein Klagen stillen und mir die wahre Heimat bauen in seinem Herzen. Und durch all diese öden Jahre, durch all die letzten Monate voll Gefahr und Angst trug ich in mir das sichere Gefühl: ‹Es wird! Dir wird geschehen, wie du glaubst! Dein Retter kommt und birgt dich sicher an der starken Brust.› Und, o Gnade, unaussprechliche reiche Gnade des Himmels: es ward. Ich bin sein! Dank, glühenden, seligen Dank, wer immer du bist, beglückende Macht, die über den Sternen die Bahn der Menschen lenkt mit weiser, mit liebender, mit wunderbar segnender Hand. Oh, ich will's verdienen, dieses Glück. Er soll im Himmel wandeln. Sie sagen, ich bin schön; ich weiß es, daß ich's bin, ich weiß es ja durch ihn – ich will's für ihn sein. Laß mir, Himmel, diese Schöne. Sie sagen: ich habe einen mächtigen, schwungvollen Geist. Oh, gib ihm Flügel, Gott, daß ich seiner Heldenseele folgen kann in alle Sonnenhöhen. Aber, o Gott, laß mich auch abtun meine Fehler, den spröden, stolzen, leicht gereizten Sinn, den Trotz des zornigen Eigenwillens, den unbändigen Drang nach Freiheit... Oh, fort damit: beuge dich, beuge dich, hochmütiger Geist; ihm sich zu beugen ist edelster Ruhm. Gib dich gebunden, Herz, und verloren auf ewig an ihn, deinen starken und herrlichen Herrn. O Witichis», rief sie und sank fortgerissen vom Gefühl halb aufs Knie, sich an das Lager lehnend und zu der Büste aufblickend mit schwimmenden Augen – «ich bin dein. Tu, wie du willst mit meiner Seele! Vernichte sie! Nur gesteh, daß du glücklich durch mich.»

Und sie beugte das schöne Haupt vor, nach den gefalteten Händen.

Doch plötzlich fuhr sie empor. Licht, helles Licht floß ins Gemach. An der offenen Türe stand der König: draußen auf dem Gang zeigten sich zahlreiche Goten und Ravennaten mit hellen Fackeln.

«Dank, meine Freunde», sprach der König mit ernster Stimme. «Dank, für das Festgeleit. Geht nun und vollendet die Nacht», und er wollte die Türe schließen.

«Halt», sprach Hildebrand, mit der Hand die Türe wieder öffnend, so daß Mataswintha sichtbar ward, «hier seht ihr, alles Volk: der Mann und das Weib, die heut' wir vermählt, sind glücklich geeint im Ehegemach. Ihr sehet Witichis und Mataswintha und ihren ersten ehelichen Kuß.»

Mataswintha erbebte. Sie wankte und schlug erglühend die Augen nieder.

Unschlüssig stand der König in der Tür. «Du kennst der Goten Brauch», sprach Hildebrand laut, «so tu danach.»

Da wandte sich Witichis rasch, ergriff die zitternde Linke Mataswinthens, führte sie schnell einen Schritt vorwärts und berührte mit den Lippen ihre Stirn. Mataswintha zuckte.

«Heil euch!» rief Hildebrand. «Wir haben gesehen den bräutlichen Kuß. Wir bezeugen hinfort den ehelichen Bund! Heil König Witichis und seinem schönen Weib, der Königin Mataswintha.»

Der Zug wiederholte den Ruf, und Hildebrand, Graf Grippa, Herzog Guntharis, Hildebad, Aligern und der tapfere Bandalarius (Bannerträger) des Königs, Graf Wisand von Volsinii, lagerten sich neben den sechs Frauen und Mädchen vor der Türe des Brautgemachs, welche Witichis nun schloß.

Sie waren allein.

Witichis warf einen langen, prüfenden Blick durch das Gemach. Das erste, was Mataswintha tat, war – sein Kuß brannte auf ihrer Stirn –, daß sie unwillkürlich so weit als möglich von ihm hinwegglitt. So war sie – sie wußte nicht wie – in die fernste Ecke des Zimmers, an das Fernster, gelangt. Witichis mochte es bemerken. Er stand hart an der Schwelle, die Hände auf das mächtige, breite und fast brusthohe Schwert gestützt, das er, aus dem Wehrgehäng genommen, in der Scheide, wie einen Stab in der Rechten führte.

Mit einem Seufzer trat er einen Schritt vor, das Auge ruhig auf Mataswintha gerichtet. «Königin», sprach er, und seine Stimme drang ernst und feierlich aus seiner Brust, «sei getrost, ich ahne, was du fürchtend fühlst in zarter Mädchenbrust. Es mußte sein. Ich durfte dein nicht schonen. Das Wohl des Volkes gebot's: ich griff nach deiner Hand, sie muß mein sein und bleiben. Doch hab' ich schon in allen diesen Tagen dir gezeigt, daß deine Scheu mir heilig. Ich habe dich gemieden – und wir sind jetzt zum erstenmal allein. Auch diese gepreßte, bange Stunde hätt' ich dir gern erspart: es ging nicht an. Du kennst, glaube ich, die alte Sitte des Brautgeleits. Und du weißt, in unserem Fall liegt alles daran, sie nicht zu verletzen. Als ich in dies Gemach trat und die Röte in deinen Wangen aufflammen sah – lieber hätt' ich im ödesten Berggeklüft dieses müde Haupt auf harten Fels zur Ruhe gelegt. Es ging nicht: Hildebrand und Graf Grippa und Herzog Guntharis hüten diese Schwelle. Sonst ist kein Ausgang aus diesem Gemach.

Wollt' ich dich verlassen, es gäbe Lärm und Spott und Streit: und neuen Zwist vielleicht. Du mußt mich diese Nacht in deiner Nähe dulden.»

Und er trat einen Schritt weiter vor und nahm die schwere Krone ab; auch den Purpurmantel, den er, ähnlich dem Mataswinthens, über der Schulter trug, warf er ab.

Zitternd, sprachlos lehnte Mataswintha an der Wand.

Witichis drückte dies Schweigen; so schwer er selber litt, ihn dauerte des Mädchens. «Komm, Mataswintha», sprach er. «Verharre nicht in unversöhntem Zorn. Es mußte sein, sag' ich dir. Laß uns, was sein muß, edel tragen und nicht durch Kleinheit uns verbittern. Ich mußte deine Hand nehmen – dein Herz bleibt frei.

Ich weiß, du liebst mich nicht: du kannst, du sollst, du darfst mich nicht lieben. Doch glaub' mir: redlich ist mein Herz, und achten sollst du immerdar den Mann, mit dem du diese Krone teilst. Auf gute Freundschaft, Königin der Goten!»

Und er trat zu ihr und bot ihr die Rechte.

Nicht länger hielt sich Mataswintha: rasch ergriff sie seine Hand und sank zugleich zu seinen Füßen nieder, daß Witichis überrascht zurücktrat.

«Nein, weiche nicht zurück, du Herrlicher!» rief sie. «Es ist doch kein Entrinnen vor dir! Nimm alles hin und wisse alles. Du sprichst von Zwang und Furcht und Unrecht, das du mir getan. O Witichis, wohl hat man mich gelehrt, das Weib soll immer klug verbergen, was es fühlt, soll sich bitten lassen und erweichen und nur genötigt geben, was es aus Liebe gibt, auch wenn ihr ganzes Herz danach verlangt. Sie soll niemals... Hinweg mit diesen niedrigen Plänen armer Klugheit! Laß mich töricht sein! Nicht töricht! Offen und groß, wie deine Seele!

Nur Größe kann dich verdienen, nur das Ungewöhnliche. Du sprichst von Zwang und Furcht? Witichis, du irrst! – Es brauchte keines Zwangs – gern...»

Staunend hatte sie Witichis eine Zeitlang angesehen.

Jetzt endlich glaubte er, sie zu verstehen. «Das ist schön und groß, Mataswintha, daß du feurig fühlest für dein Volk, die eigene Freiheit ohne Zwang ihm opfernd. Glaub' mir, ich ehre das hoch und schlage das Opfer darum nicht niedriger an. Tat ich doch desgleichen! Nur um des Gotenreiches willen griff ich nach deiner Hand, und nun und nie kann ich dich lieben.»

Da erstarrte Mataswintha.

Sie ward bleich wie eine Marmorstatue, die Arme fielen ihr schlaff herab, sie starrte ihn mit großen, offnen Augen an. «Du liebst mich nicht? Du kannst mich nicht lieben? Und die Sterne logen doch? Und es ist doch kein Gott? Sag', bin ich denn nicht Mataswintha, die du das schönste Weib der Erde genannt?»

Aber der König beschloß, dieser Aufregung, die er nicht verstand und nicht erraten wollte, rasch ein Ende zu machen. «Ja, du bist Mataswintha, und teilst meine Krone, nicht mein Herz. Du bist nur die Gemahlin des Königs, aber nicht das Weib des armen Witichis. Denn wisse, mein Herz, mein Leben ist auf ewig einer andern gegeben. Es lebt ein Herz, ein Weib, das sie von mir gerissen, und dem doch ewig mein Herz zu eigen bleibt. Rauthgundis, mein Weib, mein treues Weib im Leben und im Tod!»

«Ha!» rief Mataswintha, wie von Fieber geschüttelt und beide Arme erhebend, «und du hast es gewagt...»

Die Stimme versagte ihr. Aber aus ihren Augen loderte Feuer auf den König. «Du wagst es!» rief sie nochmals – «Hinweg, hinweg von mir!»

«Still», sprach Witichis, «willst du die Lauscher draußen herbeirufen? Fasse dich, ich verstehe dich nicht.»

Und rasch zog er das mächtige Schwert aus der Scheide, trat damit an das Doppelpfühl und legte es auf den Rand der beiden Lager, wo sie eng aneinanderstießen.

«Sieh hier das Schwert! Es sei die ewige, scharfe, eherne, kalte Grenze zwischen uns! Zwischen deinem Wesen und dem meinen.

Beruhige dich doch nur. Es soll uns ewig scheiden.

Ruhe du hier zur Rechten seiner Schneide – ich bleibe links. So teile, wie ein Schwertschnitt, diese Nacht für immer unser Leben!»

Aber in Mataswinthens Busen wogten die mächtigsten Gefühle, furchtbar ringend, drohend: Scham und Zorn, Liebe und glühender Haß. Die Stimme versagte ihr. «Nur fort, fort aus seiner Nähe», konnte sie noch denken. Sie eilte gegen die Tür.

Aber mit fester Hand ergriff Witichis ihren Arm.

«Du mußt bleiben.» Da zuckte sie zusammen: das Blut schoß in ihr auf, bewußtlos sank sie nieder.

Ruhig sah Witichis auf sie herab. «Armes Kind», sprach er, «der schwüle Duft in diesem Gelaß hat sie ganz verwirrt! Sie wußte nicht, was sie sinnlos sprach!

Was ist deine kleine, mädchenhafte Verwirrung gegen Rauthgundens Herzzerreißung und die meine.»

Und leise legte er die Besinnungslose auf das Pfühl zur Rechten des Schwertes.

Er selbst setzte sich nun, in seinen Waffen klirrend, auf den Bodenteppich zur Linken und lehnte den Rücken an das Lager.

Lang saß er so, das Haupt vorgebeugt und die Lippen auf ein blondes Haargeflecht gedrückt, das er in kleiner Kapsel auf dem Herzen trug. Es kam kein Schlaf in seine kummervollen Augen. –

Mit dem ersten Hahnenschrei verließ die Brautwache ihren Posten, von Flötenbläsern abgeholt. Gleich darauf schritt der König aus dem Gemach, in voller Rüstung.

Die Flöten hatten auch Mataswintha geweckt.

Aspa, die sich leise heranschlich, hörte plötzlich einen dumpfen Schlag. Sie eilte in das Gemach. Da stand die Königin, auf des Königs langes Schwert gestützt, und starrte vor sich zur Erde.

Der Areskopf lag zertrümmert zu ihren Füßen.

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