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Ein Kampf um Rom

Felix Dahn: Ein Kampf um Rom - Kapitel 76
Quellenangabe
typefiction
booktitleEin Kampf um Rom
authorFelix Dahn
publisherVerlag Werner Dausien
addressHanau
isbn3-7684-4210-1
titleEin Kampf um Rom
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1876
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Achtzehntes Kapitel

Am andern Morgen noch vor Hahnenschrei ritt ein verhülltes Weib aus dem Gotenlager. Ein Mann im braunen Kriegermantel schritt neben ihr, das Roß am Zügel führend und immer wieder in ihr verschleiertes Antlitz schauend. Einen Pfeilschuß hinter ihnen ritt ein Knecht, ein Bündel hinter sich auf dem Sattel, an dem die schwere Streitaxt hing.

Lange verfolgten sie schweigend ihren Weg.

Endlich hatten sie eine Waldhöhe erreicht: hinter ihnen die breite Niederung, in der das Gotenlager und die Stadt Ravenna ruhten, vor ihnen die Straße, die nach der Villa Aemilia im Nordwesten führte.

Da hielt das Weib den Zügel an.

«Die Sonne steigt soeben auf: ich hab's gelobt, daß sie dich frei und ledig findet. Leb' wohl, mein Witichis.» – «Eile nicht so hinweg von mir», sagte er, ihre Hand drückend. – «Wort muß man halten, Freund, und bricht das Herz darob. Es muß sein.» – «Du gehst leichter, als ich bleibe.» Sie lächelte schmerzlich. «Ich lasse mein Leben hinter dieser Waldhöhe: Du hast noch ein Leben vor dir.» – «Was für ein Leben!» – «Das Leben eines Königs für sein Volk, wie dein Eid es gebeut.» – «Unseliger Eid.» – «Es war recht, ihn zu schwören: es ist Pflicht, ihn zu halten. Und du wirst mein gedenken in den Goldsälen von Rom, wie ich dein in meiner Hütte tief im Steingeklüft. Du wirst sie nicht vergessen, die zehn Jahre der Lieb' und Treu, und unsern süßen Knaben.»

«O mein Weib, mein Weib», rief der Gequälte und umschlang sie mit beiden Armen, das Haupt auf den Sattelknopf gedrückt. Sie beugte das Haupt über ihn und legte die Rechte auf sein braunes Haar.

Inzwischen war Wachis herangekommen: er sah der Gruppe eine Weile zu, dann hielt er's nicht mehr aus. Er zog leise seinen Herrn am Mantel: «Herr, paßt auf, ich weiß euch guten Rat, hört ihr nicht?»

«Was kannst du raten?»

«Kommt mit, auf und davon! Werft euch auf mein Pferd und reitet frisch davon mit Frau Rauthgundis. Ich komme nach. Laßt ihnen doch, die euch so quälen, daß euch die hellen Tropfen im Auge stehen, laßt ihnen doch den ganzen Plunder von Kron' und Reich. Euch hat's kein Glück gebracht: sie meinen's nicht gut mit euch: wer will Mann und Weib scheiden um eine tote Krone? Auf und davon, sag' ich! Und ich weiß euch ein Felsennest, wo euch nur der Adler findet oder der Steinbock.»

«Soll dein Herr von seinem Reich entlaufen, wie ein schlechter Sklave aus der Mühle? Leb' wohl, Witichis, hier nimm die Kapsel mit dem blauen Band: des Kindes Stirnlocken sind darin und eine», flüsterte sie, ihn auf die Stirn küssend und das Medaillon umhängend, «und eine von Rauthgundis. Leb' wohl, du mein Leben!»

Er richtete sich auf, ihr ins Auge zu sehen.

Da trieb sie das Pferd an: «Vorwärts, Wallada», und sprengte hinweg: Wachis folgte im Galopp, Witichis stand regungslos und sah ihr nach.

Da hielt sie, ehe die Straße sich ins Gehölz krümmte – nochmals winkte sie mit der Hand und war gleich darauf verschwunden.

Witichis lauschte wie im Traum auf die Hufschläge der eilenden Rosse. Erst als diese verhallt, wandte er sich.

Aber es ließ ihn nicht von der Stelle.

Er trat seitab der Straße, dort lag jenseits des Grabens ein großer moosiger Felsblock: darauf setzte sich der König der Goten und stützte die Arme auf die Knie, das Haupt in beide Hände. Fest drückte er die Finger vor die Augen, die Welt und alles draußen auszuschließen von seinem Schmerz.

Tränen drangen durch die Hände, er achtete es nicht. Reiter sprengten vorüber, er hörte es kaum. So saß er stundenlang regungslos, so daß die Vögel des Waldes bis dicht an ihn heran spielten.

Schon stand die Sonne im Mittag.

Endlich – hörte er seinen Namen nennen. Er sah auf: Teja stand vor ihm.

«Ich wußt' es wohl», sagte dieser, «du bist nicht feig entflohn. Komm mit zurück und rette das Reich. Als man dich heut' nicht in deinem Zelte fand, kam's gleich im ganzen Lager aus: du habest, an Krone und Glück verzweifelnd, dich davongemacht.

Bald drang's in die Stadt und zu Guntharis: die Ravennaten drohen einen Ausfall, sie wollen zu Belisar übergehn. Arahad buhlt bei unsrem Heer um die Krone. Zwei, drei Gegenkönige drohn. Alles fällt in Trümmer auseinander, wenn du nicht kommst und rettest.»

«Ich komme», sagte er, «sie sollen sich hüten! Es brach das beste Herz um diese Krone; sie ist geheiligt, und sie soll'n sie nicht entweihn. Komm, Teja, zurück ins Lager.»

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