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Ein Kampf um Rom

Felix Dahn: Ein Kampf um Rom - Kapitel 74
Quellenangabe
typefiction
booktitleEin Kampf um Rom
authorFelix Dahn
publisherVerlag Werner Dausien
addressHanau
isbn3-7684-4210-1
titleEin Kampf um Rom
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1876
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Sechzehntes Kapitel

Draußen hielt Teja den Alten leise am Mantel zurück: «Du quälst den König umsonst», sagte er. «Er wird nie darein willigen. Er kann's auch nicht. Jetzt am wenigsten.»

«Woher weißt du...?» unterbrach der Greis. – «Still; ich ahn' es: wie ich alles Unglück ahne.» – «Dann wirst du auch einsehen, daß er muß.» – «Er, er wird's nie tun.» – «Aber – du meinst sie selbst?» – «Vielleicht!» – «Sie wird», sagte Hildebrand.

«Ja, sie ist ein Wunder von einem Weib», schloß Teja.

Während in den nächsten Tagen das jetzt kinderlose Paar seinem stillen Schmerze lebte und Witichis kaum sein Zelt verließ, geschah es, daß die Vorposten der königlichen Belagerer und die Außenwachen der gotischen Besatzung von Ravenna, den eingetretenen tatsächlichen Waffenstillstand benutzend, in mannigfachen Verkehr traten.

Sie warfen sich, scheltend und zankend, gegenseitig die Schuld an diesem Bürgerkrieg vor.

Die Belagerer klagten, daß die Besatzung in der höchsten Not des Reiches dem gewählten König der Goten seine Königsburg verschlossen. Die Ravennaten schmähten auf Witichis, der der Tochter der Amaler nicht gönne, was ihr gebühre.

Einer solchen Unterredung hörte unbemerkt der alte Graf Grippa von Ravenna selber zu, der die Runde auf den Wällen machte. Plötzlich trat er vor und rief zu den Leuten des Witichis hinunter, die ihren König lobten und rühmten:

«So? Ist das euch edel und königlich gehandelt, daß er statt aller Antwort auf unsern billigen Spruch Sturm lief wie ein Rasender? Und hatte doch ein so leichtes Mittel, das Gotenblut zu sparen! Wir wollen ja nur, daß Mataswintha Königin sei! Nun, kann er deshalb nicht König bleiben? Ist's ein zu hartes Opfer, mit dem schönsten Weib der Erde, mit der Fürstin Schönhaar, von deren Reiz die Sänger singen auf den Straßen, Thron und Lager zu teilen? Mußten lieber soviel tausend tapferer Goten sterben? Nun, er soll nur so fortstürmen! Laß sehn, was eher bricht: sein Eigensinn oder diese Felsen.»

Diese Worte des Alten machten den größten Eindruck auf die Goten vor den Wällen.

Sie wußten nichts zu erwidern zu ihres Königs Verteidigung. Von seiner Ehe wußten sie so wenig wie das ganze Heer, daran hatte auch Rauthgundens Anwesenheit im Lager wenig geändert; denn, wahrlich, nicht gleich einer Königin war sie eingezogen.

In großer Erregung eilten sie zurück ins Lager und erzählten, was sie vernommen, wie der Eigensinn des Königs ihre Brüder hingeopfert. «Darum also hat er die Botschaft aus der Stadt verheimlicht!» riefen sie.

Bald bildeten sich in jeder Gasse des Lagers Gruppen, lebhaft bewegte, die anfangs leiser, bald immer lauter die Sache besprachen und auf den König schalten. Die Germanen jener Zeit behandelten ihre Könige mit einem Freimut der Rede, der die Byzantiner entsetzte.

Hier wirkten der Verdruß über den Rückzug von Rom, die Schmach der Niederlage vor Ravenna, der Schmerz um die geopferten Brüder, der Zorn über sein Geheimtun zusammen, einen Sturm des Unwillens gegen den König zu erregen, der deshalb nicht minder mächtig, weil er noch nicht offen ausgebrochen.

Nicht entging diese Stimmung den Heerführern, wann sie durch die Gassen des Lagers schritten und bei ihrem Nahen die Drohworte kaum mehr verstummten. Aber sie konnten die Gefahr nur entfesseln, wenn sie strafend sie beim Namen nannten.

Und oft, wann Graf Teja oder Hildebad beschwichtigend einschreiten wollten, hielt sie der alte Waffenmeister zurück.

«Laßt es nur noch anschwellen», sagte er, «wenn's genug ist, werd' ich's dämmen. Die einzige Gefahr wäre», murmelte er halblaut vor sich hin –

«Daß uns die drüben im Rebellenlager zuvorkämen», sagte Teja.

«Richtig, du alles Erratender. Aber das hat gute Wege. Überläufer erzählen, daß sich die Fürstin standhaft weigert. Sie droht, sich eher zu töten als Arahad die Hand zu reichen.»

«Pah», meinte Hildebad, «daraufhin würd' ich's wagen.»

«Weil du das leidenschaftliche Geschöpf nicht kennst, das Amalungenkind. Sie hat das Blut und die Feuerseele Theoderichs und wird auch uns am Ende böses Spiel machen.»

«Witichis ist ein anderer Freier als jener Knabe von Asta», flüsterte Teja. «Darauf vertrau' ich auch», meinte Hildebad. «Gönnt ihm noch einige Tage Ruhe», riet der Alte. «Er muß seinem Schmerz sein Recht antun: eh' ist er zu nichts zu bringen. Stört ihn nicht darin: laßt ihn ruhig in seinem Zelt und bei seinem Weibe. Ich werde sie bald genug stören müssen.»

Aber der Greis sollte bald genötigt sein, den König früher und anders, als er gemeint, aus seinem Schmerz aufzurufen.

Die Volksversammlung zu Regeta hatte gegen diejenigen Goten, die zu den Byzantinern übergingen, ein Gesetz erlassen, das schimpflichen Tod drohte. Solche Fälle kamen zwar im ganzen selten, aber doch in den Gegenden, wo wenige Germanen unter dichter Bevölkerung lebten und häufige Mischheiraten stattgefunden hatten, häufiger vor.

Der alte Waffenmeister trug diesen Neidingen, die sich und ihr Volk entehrten, ganz besonderen Zorn. Er hatte jenes Gesetz beantragt gegen Heereslitz und Fahnenwechsel. Noch war eine Anwendung desselben nicht nötig gewesen, und man hatte der Bestimmung fast vergessen.

Plötzlich sollte man ernst genug daran gemahnt werden.

Belisar selbst hatte zwar Rom mit seinem Hauptheer noch nicht verlassen. Aus mehr als einem Grunde wollte er vorläufig noch diese Stadt zum Stützpunkt all seiner Bewegungen in Italien machen.

Aber er hatte den weichenden Goten zahlreiche Streifscharen nachgesandt, sie zu verfolgen, zu beunruhigen und insbesondere die zahlreichen Kastelle, Burgen und Städte zu übernehmen, in welchen die Italier die barbarischen Besatzungen vertrieben oder erschlagen hatten oder, von keiner Besatzung im Zaum gehalten, einfach zum «Kaiser der Romäer», wie er sich auf griechisch nannte, abgefallen waren.

Solche Vorfälle ereigneten sich, besonders seit der gotische König in vollem Rückzug und nach Ausbruch der Empörung die gotische Sache halb verloren schien, fast alle Tage. Teils mit dem Druck, teils ohne den Druck oder die Erscheinung byzantinischer Truppen vor den Toren ergaben sich viele Schlösser und Städte an Belisar.

Da nun die meisten doch lieber den Schein einer Nötigung abwarteten, um, falls die Goten gleichwohl unverhofft wieder siegen sollten, eine Entschuldigung zu finden, war dies für den Feldherrn ein weiterer Grund, solche kleinen Abteilungen, meist aus Italiern und Byzantinern gemischt, unter Führung der Überläufer, die der Gegend und der Verhältnisse kundig waren, auszusenden. Und diese Scharen, ermutigt durch den fortgesetzten Rückzug der Goten, wagten sich weit ins Land; jedes gewonnene Kastell wurde ein Ausgangspunkt für weitere Unternehmungen.

Eine solche Streifschar hatte jüngst auch Castellum Marcianum gewonnen, das bei Cäsena, ganz in der Nähe des königlichen Lagers, eine Felshöhe oberhalb des großen Pinienwaldes krönte. Der alte Hildebrand, an den Witichis seit seiner Verwundung den Oberbefehl abgegeben, sah diese gefährlichen Fortschritte der Feinde und den Verrat der Italier mit Ingrimm: und da er ohnehin die Truppen nicht gegen Herzog Guntharis oder gegen Ravenna beschäftigen wollte – er hoffte auf eine friedliche Lösung des Knotens –, beschloß er, gegen diese kecken Streifscharen einen züchtigenden Streich zu tun.

Späher hatten gemeldet, daß, am Tage nach Rauthgundens Ankunft im Lager, die neue, byzantinische Besatzung von Castellum Marcianum sogar Cäsena, diese wichtige Stadt im Rücken des gotischen Lagers, zu bedrohen wagte.

Grimmig schwur der alte Waffenmeister diesen Frechen das Verderben. Er selbst stellte sich an die Spitze einer Tausendschaft von Reitern, die in der Stille der Nacht, Stroh um die Hufe der Rosse gewickelt, in der Richtung gegen Cäsena aufbrachen.

Der Überfall gelang vollkommen.

Unbemerkt gelangten sie bis in den Wald, an den Fuß des hoch auf dem Fels gelegenen Kastells. Hier verteilte Hildebrand die Hälfte seiner Reiter auf alle Seiten des Waldes, die andere Hälfte ließ er absitzen und führte sie leise die Felswege des Kastells hinan. Die Wache am Tor ward überrascht, und die Byzantiner, von einer überlegenen Macht überfallen, flohen nach allen Seiten den Fels hinab in den Wald, wo der große Teil von den Berittenen gefangen wurde. Die Flammen des brennenden Schlosses erleuchteten die Nacht.

Eine kleine Gruppe aber zog sich fechtend über das Flüßchen am Fuß des Felsens zurück, über das nur eine schmale Brücke führte. Hier wurden die verfolgenden Reiter Hildebrands von einem einzelnen aufgehalten, einem Anführer, nach dem Glanz der Rüstung zu schließen.

Dieser hochgewachsene und schlanke, wie es schien noch junge Mann – sein Visier war dicht geschlossen – focht wie ein Verzweifelter, deckte die Flucht der Seinen und hatte schon vier Goten niedergestreckt.

Da kam der alte Waffenmeister zur Stelle und sah eine Weile den ungleichen Kampf mit an.

«Gib dich gefangen, tapferer Mann!» rief er dem einsamen Krieger zu, «dein Leben sichr' ich dir.»

Bei diesem Ruf zuckte der Byzantiner zusammen: einen Augenblick senkte er das Schwert und sah auf den Alten. Aber schon im nächsten Moment sprang er wütend vor und wieder zurück; er hatte dem vordersten Angreifer mit gewaltigem Streich den Arm vom Leibe geschlagen. Entsetzt wichen die Goten etwas zurück.

Hildebrand ergrimmte. «Drauf!» schrie er, vorspringend, «jetzt keine Gnade mehr! Zielt mit den Speeren.» – «Er ist gefeit gegen Eisen!» rief einer der Goten, ein Vetter Tejas, «dreimal hab' ich ihn getroffen – er ist nicht zu verwunden.»

«Meinst du, Aligern?» lachte der Alte grimmig, «laß sehen, ob er auch gegen Stein gefeit ist.»

Und er schleuderte seinen steinernen Wurfhammer – er war fast der einzige, der nicht von dieser heidnisch alten Waffe gelassen – sausend gegen den Byzantiner.

Die wuchtige Steinaxt schlug krachend grad auf den stolz geschweiften Helm, und wie blitzgetroffen fiel der Tapfere nieder. Zwei Männer sprangen rasch hinzu und lösten ihm den Helm.

«Meister Hildebrand», rief Aligern erstaunt, «das war kein Byzantiner.» – «Und kein Italier», sagte Gunthamund. «Sieh die Goldlocken – das war ein Gote!» meinte Hunibad. Hildebrand trat hinzu – – und schrak zusammen.

«Fackeln her», rief er – «Licht! – – Ja», sprach er finster, seinen Steinhammer wieder aufhebend, «das war ein Gote. Und ich – ich hab' ihn erschlagen», fügte er mit eisiger Ruhe hinzu. Aber seine Faust zitterte am Hammerschaft.

«Nein, Herr», rief Aligern, «er lebt. Er war nur betäubt! Er schlägt die Augen auf.»

«Er lebt?» fragte der Alte mit Grauen, «das woll'n die Götter nicht!» – «Ja, er lebt!» wiederholten die Goten, ihren Gefangenen aufrichtend. «Dann weh über ihn und mich! Aber nein! Ihn senden die Götter der Goten in meine Gewalt! Bind ihn auf dein Roß, Gunthamund, aber fest! Und wenn er entwischt, gilt es deinen Kopf statt des seinen. Auf, zu Pferd und nach Hause!»

Im Lager angelangt, fragte die Bedeckung den Waffenmeister, was sie für diesen Gefangenen rüsten sollten.

«Einen Bund Stroh für heute nacht», sagte der, «und für morgen früh – einen Galgen.» Mit diesen Worten ging er in das Zelt des Königs und berichtete den Erfolg seines Zuges.

«Wir haben unter den Gefangenen», schloß er finster, «einen gotischen Überläufer. Er muß hängen, ehe die Sonne morgen niedergeht.» – «Das ist sehr traurig», sagte Witichis seufzend. – «Ja, aber notwendig. Ich berufe das Kriegsgericht der Heerführer auf morgen. Willst du den Vorsitz führen?» – «Nein», sagte Witichis, «erlaß mir's: ich bestelle Hildebad an meiner Statt.» – «Nein», sagte der Alte, «das geht nicht an. Ich bin Oberfeldherr, solang du im Zelte liegst: ich fordere den Vorsitz als mein Recht.» Witichis sah ihn an: «Du siehst grimmig und so kalt! Ist's ein alter Feind deiner Sippe?» – «Nein», sprach Hildebrand. – «Wie heißt der Gefangene?» – «Wie ich, Hildebrand.» – «Höre, du scheinst ihn zu hassen, diesen Hildebrand! Du magst ihn richten, aber hüte dich vor übertriebener Strenge. Vergiß nicht, daß ich gern begnadige.»

«Das Wohl der Goten fordert seinen Tod», sagte Hildebrand ruhig, «und er wird sterben.»

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