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Ein Kampf um Rom

Felix Dahn: Ein Kampf um Rom - Kapitel 73
Quellenangabe
typefiction
booktitleEin Kampf um Rom
authorFelix Dahn
publisherVerlag Werner Dausien
addressHanau
isbn3-7684-4210-1
titleEin Kampf um Rom
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1876
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Fünfzehntes Kapitel

Schweigend verließen die beiden Goten das Zelt und schritten draußen, den Ausgang abwartend, die Lagergasse auf und nieder. Aus dem Zelt drang hin und wieder Hildebrands Stimme, der in langer Rede den König zu ermahnen und zu drängen schien, und hin und wieder ein Ausruf des Königs.

«Was kann nur der Alte sinnen?» fragte Hildebad, stillhaltend, «weißt du's nicht?» – «Ich ahn' es», seufzte Teja, «armer Witichis!» – «Zum Teufel, was meinst du?» – «Laß», sagte Teja, «es wird bald genug auskommen.»

So verging geraume Zeit.

Heftiger und schmerzlicher klang die Stimme des Königs, der sich der Reden Hildebrands mächtig zu erwehren schien.

«Was quält der Eisbart den wackern Helden?» rief Hildebad ungeduldig. «Es ist, als wollt' er ihn ermorden. Ich will hinein und helf' ihm.»

Aber Teja hielt ihn an der Schulter.

«Bleib», sagte er. «Es muß wohl sein.»

Während sich Hildebad losmachen wollte, nahte Lärm von Stimmen aus dem oberen Ende der Lagergasse. Zwei Wachen bemühten sich vergebens, einen starken Goten zurückzuhalten, der, mit allen Zeichen langen und eiligen Rittes bedeckt, sich gegen das Zelt des Königs drängte.

«Laß mich los», rief er, «guter Freund, oder ich schlage dich nieder.»

Und drohend hob er eine wuchtige Streitaxt.

«Es geht nicht. Du mußt warten. Die großen Heerführer sind bei ihm im Zelt.»

«Und wären alle großen Götter Walhalls samt dem Herrn Christus bei ihm im Zelt, ich muß zu ihm. Erst ist der Mensch Vater und Gatte und dann König. Laß los, rat' ich dir.»

«Die Stimme kenn' ich», sagte Graf Teja, nähertretend – «und den Mann. Wachis, was suchst du hier im Lager?»

«O Herr», rief der treue Knecht, «wohl mir, daß ich euch treffe. Sagt diesen guten Leuten, daß sie mich loslassen. Dann brauch' ich sie nicht niederzuschlagen. Ich muß gleich zu meinem armen Herrn.»

«Laßt ihn los, sonst hält er Wort: ich kenne ihn. Nun, was willst du bei dem König?»

«Führt mich nur gleich zu ihm. Ich bring' ihm schwarze, schwere Kunde von Weib und Kind.»

«Von Weib und Kind?» fragte Hildebad erstaunt. «Ei, hat Witichis ein Weib?»

«Die wenigsten wissen es», sagte Teja. «Sie verließ fast nie ihr Gut, kam nie zu Hof. Fast niemand kennt sie: aber wer sie kennt, der ehrt sie hoch. Ich weiß nicht ihresgleichen.»

«Da habt ihr recht, Herr, wenn ihr je recht gehabt», sprach Wachis mit erstickter Stimme. «Die arme, arme Frau und ach, der arme Vater. Aber laßt mich hinein. Frau Rauthgund folgt mir auf dem Fuß. Ich muß ihn vorbereiten.»

Teja, ohne weiter zu fragen, schob den Knecht in das Zelt und folgte ihm mit Hildebad.

Sie trafen den alten Hildebrand ruhig, wie die Notwendigkeit, auf dem Lager des Königs sitzen, das Kinn mit dem mächtigen Bart in die Hand und diese auf das Steinbeil gestützt. So saß er unbeweglich und richtete fest die Augen auf den König, der, in höchster Aufregung, mit hastigen Schritten, auf und nieder ging und im Sturm seiner Gefühle die Eintretenden gar nicht bemerkte: «Nein! nein! niemals!» rief er, «das ist grausam, frevelhaft, unmöglich!»

«Es muß sein», sagte Hildebrand, ohne sich zu rühren.

«Nein, sag' ich», rief der König und wandte sich.

Da stand Wachis dicht vor ihm. Er starrte ihn wirr an: da warf sich der Knecht laut weinend vor ihm nieder.

«Wachis», rief erschreckend der König, «was bringst du? Du kommst von ihr! Steh auf – was ist geschehen?»

«Ach Herr»,.jammerte dieser, immer noch kniend, «euch sehen, zerreißt mein Herz! Ich kann nichts dafür! Ich hab's vergolten und gerächt nach Kräften.»

Da riß ihn Witichis bei den Schultern auf: «Rede, Mensch, was ist zu rächen? Mein Weib –?»

«Sie lebt, sie kommt hierher, aber euer Kind...»

«Mein Kind», sprach er erbleichend, «Athalwin, was ist mit ihm –?»

«Tot, Herr – ermordet!»

Da brach ein Schrei wie eines Schwerverwundeten aus des gequälten Vaters Brust. Er bedeckte das Antlitz mit beiden Händen, teilnehmend traten Teja und Hildebad näher. Nur Hildebrand blieb unbeweglich und sah starr auf die Gruppe.

Wachis ertrug die lange Pause des Schmerzes nicht. Er suchte die Hände seines Herrn zu fassen. Da senkte sie dieser von selbst. Zwei große Tränen standen auf den braunen Wangen des Helden: er schämte sich ihrer nicht.

«Ermordet!» sagte er, «mein schuldlos Kind! Von den Römern!»

«Die feigen Teufel», rief Hildebad.

Teja ballte die Faust und seine Lippen bewegten sich lautlos.

«Calpurnius!» sprach Witichis mit einem Blick auf Wachis.

«Ja, Calpurnius! Die Nachricht von deiner Wahl war aufs Gut gelangt und dein Weib und Sohn in dein Lager entboten. Wie jauchzte jung Athalwin, daß er nun ein Königssohn sein werde, wie Siegfried, der den Drachen schlug! Nun wolle er bald ausziehen auf Abenteuer und auch Drachen schlagen und wilde Riesen. Da kam der Nachbar von Rom zurück. Ich merkt' es wohl, daß er noch finsterer sah und neidischer als je, und hütete dir Haus und Stall. Aber das Kind hüten – wer hätte daran gedacht, daß Kinder nicht mehr sicher!»

Witichis schüttelte schmerzlich das Haupt.

«Der Knabe konnte nicht erwarten, daß er seinen Vater sehen solle im Kriegslager und all die Tausende von gotischen Heermännern, und daß er Schlachten solle in der Nähe sehen. Er warf sein Holzschwert weg von Stund' an und sagte: ein Königssohn müsse ein eisernes tragen, zumal in Kriegszeiten. Und ich mußte ihm ein Jagdmesser suchen und schleifen dazu.

Mit diesem seinem Schwert nun rannte er Frau Rauthgunden jeden Morgen früh davon. Und fragte sie, ‹wohin?› so lachte er: ‹auf Abenteuer, lieb' Mutter!› und sprang in den Wald. Dann kam er mittags müd und zerrissenen Gewandes heim: und ausgelassen stolz. Aber er sagte kein Wort und meinte nur, er habe Siegfried gespielt.

Ich hatte aber meine eigenen Gedanken. Und als ich gar einst an seinem Schwert Blutflecken bemerkte, schlich ich ihm nach zu Walde. Richtig, es war, wie ich gedacht. Ich hatte ihm einst warnend eine Höhle im schroffen Felsgeklüft gezeigt, das steil über den Gießbach hangt, weil dort die giftigen Vipern zu Dutzenden nisten.

Er fragte mich damals nach allem aus, und als ich sagte, jeder Biß sei tödlich, und gleich gestorben sei eine arme Beerensammlerin, die der Beißwurm in den nackten Fuß gestochen, da zog er flugs sein Holzschwert und wollte mitten darunter springen. Mit Mühe und schwer erschrocken hielt ich ihn damals ab.

Und jetzt fielen mir die Vipern ein, und ich zitterte, daß ich ihm eine Eisenwaffe gegeben. Und bald fand ich ihn im Walde, mitten im Steingeklüft, unter Dornen und Gestrüpp: da holte er einen mächtigen Holzschild hervor, den er sich selbst gezimmert und dort versteckt hatte. Und eine Krone war frisch drauf gemalt.

Und er zog sein Schwert und sprang laut jauchzend in die Höhle.

Ich sah mich um: da lag das lang mächtige Gewürm zu halben Dutzenden von frühern Schlachten her mit zerhauenen Häuptern umhergestreut. Ich folgte, und so besorgt ich war, ich konnt' ihn nicht stören, wie er so heldenmütig focht! Er trieb eine dickgeschwollene Natter mit Steinwürfen aus ihrem Loch, daß sie sich züngelnd aufringelte: gerade wie sie zischend gegen ihn sprang, warf er blitzschnell den Schild vor und hieb sie mit einem Streich mitten entzwei. Da rief ich ihn an und schalt ihn herzhaft aus. Er aber sah trotzig drein und rief: ‹Sag's nur der Mutter nicht, denn ich tu's doch, bis der letzte der Drachen tot ist!› Ich sagte, ich würde ihm sein Schwert nehmen. ‹Dann fecht' ich mit dem hölzernen, wenn dir das lieber ist!› rief er. ‹Und welche Schmach für einen Königssohn!›

Da nahm ich ihn die nächsten Tage mit mir zum Einfangen der Rosse auf die Wildweide. Das vergnügte ihn sehr: und nächstens, dacht' ich, brechen wir ja auf.

Aber eines Morgens war er mir wieder entschlüpft, und ich ging allein an die Arbeit. Den Rückweg nahm ich den Fluß entlang, gewiß, ihn an der Felshöhle zu finden. Aber ihn fand ich nicht. Nur das Gehäng seines Schwertes, zerrissen, an den Dornen hangen und seinen Holzschild zertreten auf der Erde. Erschrocken sah ich umher und suchte, aber –»

«Rascher, weiter», rief der König.

«Aber?» fragte Hildebad.

«Aber in den Felsen war nichts zu sehen. Da gewahrte ich große Fußspuren eines Mannes im weichen Sande. Ich folgte ihnen.

Sie führten bis an den steilen Rand des Felsens. Ich sah hinab. Und unten» –

Witichis wankte.

«Ach, mein armer Herr! Da lag am Ufer des Flusses hingestreckt die kleine Gestalt.

Wie ich die steilen Felsschroffen hinabkam, ich weiß es nicht, im Flug war ich unten. – Da lag er, das kleine Schwert noch fest in der Hand, von den Felsspitzen zerrissen, das lichte Haar von Blut überströmt –»

«Halt ein», sprach Teja, die Hand auf seine Schultern legend, indes Hildebad des armen Vaters Hand faßte, der stöhnend auf sein Lager sank.

«Mein Kind, mein süßes Kind, mein Weib!» rief er.

«Ich fühlte das kleine Herz noch schlagen. Wasser aus dem Fluß brachte ihn nochmal zu sich. Er schlug die Augen auf und erkannte mich. ‹Du bist herabgefallen, mein Kind›, klagte ich.

‹Nein›, sagte er, ‹nicht gefallen, geworfen.› Ich war starr vor Entsetzen. ‹Calpurnius›, hauchte er, ‹trat plötzlich um die Felsecke, wie ich auf die Vipern einhieb, ‹Komm mit mir›, sagte er und griff nach mir. Er sah bös aus und falsch. Ich sprang zurück. ‹Komm›, sagte er, ‹oder ich binde dich.› ‹Mich binden!› rief ich. ‹Mein Vater ist der Goten König und der deine. Wag' es und rühr mich an!› Da ward er ganz wütig und schlug nach mir mit einem Stock und kam näher; ich aber wußte, daß in der Nähe unsere Knechte Holz fällten, und schrie um Hilfe und wich zurück bis an den Rand der Felsen. Erschrocken sah er sich um. Denn die Leute mußten mich gehört haben: ihre Axtschläge ruhten plötzlich. Doch plötzlich vorspringend, sagte er: ‹Stirb, kleine Natter!› und stieß mich über den Fels.›»

Teja biß die Lippen. «O der Neidling», rief Hildebad. Und Witichis riß sich mit einem Schrei des Schmerzes los.

«Mach's kurz», sagte Teja. – «Er verlor wieder die Sinne. Ich trug ihn auf meinen Armen nach Hause zur Mutter. Noch einmal schlug er die Augen auf, in ihrem Schoß. Ein Gruß an dich war sein letzter Hauch.»

«Und mein Weib – ist sie nicht verzweifelt?»

«Nein, Herr, das ist sie nicht: die ist von Gold, aber auch von Stahl. Wie der Knabe die Augen geschlossen, zeigte sie schweigend zum Fenster hinaus, nach rechts.

Ich verstand sie: dort stand des Mörders Haus.

Und ich waffnete alle deine Knechte und führte sie hinüber zur Rache: wir legten den ermordeten Knaben auf deinen Schild und trugen ihn in unsrer Mitte zur Mordklage. Und Rauthgundis ging mit, ein Schwert in der Hand, hinter der Leiche. Vor dem Tor der Villa legten wir den Knaben nieder.

Calpurnius selbst war entflohn auf dem schnellsten Roß zu Belisar. Aber sein Bruder und sein Sohn und zwanzig Sklaven standen im Hof: sie wollten eben zu Pferd steigen und ihm folgen. Wir erhoben dreimal den Mordruf. Dann brachen wir ein.

Wir haben sie alle erschlagen, alle, und das Haus niedergebrannt über den Bewohnern. Frau Rauthgundis aber sah dem allen zu, an der Leiche Wacht haltend, auf ihr Schwert gestützt, und sprach kein Wort. Und mich schickte sie tags darauf voraus, nach dir zu suchen. Sie folgte mir bald darauf, sowie sie die kleine Leiche verbrannt. Und da ich einen Tag verloren, durch die Empörer vom nächsten Wege abgesperrt, so kann sie stündlich da sein.»

«Mein Kind, mein Kind, mein armes Weib! Das ist der erste Ertrag, den mir diese Krone bringt. Und nun», rief er mit aller Heftigkeit des Schmerzes den Alten an, «willst du noch das Grausame fordern, das Untragbare?»

Hildebrand stand langsam auf: «Nichts ist untragbar, was notwendig ist. Auch der Winter ist tragbar. Und das Alter. Und der Tod. Sie kommen, ohne zu fragen, wollt ihr's tragen? Sie kommen. Und wir tragen's. Weil wir müssen. Aber ich höre Frauenstimmen und rauschende Gewande. Gehen wir.»

Witichis wandte sich von ihm zur Tür.

Da stand, unter dem Zeltvorhang, in grauem Gewand und schwarzem Schleier Rauthgundis, sein Weib, eine kleine, schwarze Marmorurne an die Brust drückend.

Ein Ruf liebereichen Schmerzes und schmerzreicher Liebe: – – und die Gatten hielten sich umfangen.

Schweigend verließen die Männer das Zelt.

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