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Ein Kampf um Rom

Felix Dahn: Ein Kampf um Rom - Kapitel 69
Quellenangabe
typefiction
booktitleEin Kampf um Rom
authorFelix Dahn
publisherVerlag Werner Dausien
addressHanau
isbn3-7684-4210-1
titleEin Kampf um Rom
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1876
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Elftes Kapitel

Im Zelte fanden sie die zierlichen Polster des Feldbetts um einen niedern Bronzetisch von durchbrochner Arbeit gelegt, den Cethegus lobte.

«Das ist ein afrikanisches Beutestück aus dem Vandalenkrieg: ich nahm es aus Karthago mit. Und diese weichen Kissen lagen einst auf dem Bett des Perserkönigs: ich erbeutete sie in der Schlacht von Dara.»

«Du bist mir ein praktischer Gelehrter!» lächelte Cethegus. «Wie bist du so anders geworden seit den Tagen von Athen.»

«Das will ich hoffen!» sprach Prokop und zerschnitt selbst – er hatte die aufwartenden Sklaven entfernt – die dampfende Hirschkeule vor ihm. «Du mußt wissen: ich wollte Philosophie zu meinem Beruf machen, Weltweiser werden. Drei Jahre hörte ich die Platoniker, die Stoiker, die Akademiker zu Athen, – und studierte mich krank und dumm. Auch blieb es nicht bei der Philosophie. Nach löblicher Sitte unsres frommen Jahrhunderts mußte auch die Theologie beigezogen werden, und ein weiteres Jahr hatte ich darüber nachzudenken, ob Christus, als Gott Vater, zugleich seiner eignen jungfräulichen Mutter Vater, also sein eigner Großvater sei. Nun, über all diesen Studien drohte mir mein von Natur gar nicht zu verachtender Verstand abhanden zu kommen.

Zum Glück ward ich sterbenskrank, und die Ärzte verboten mir Athen und alle Bücher. Sie schickten mich nach Kleinasien. Ich rettete nur einen Thukydides in meinen Reiseranzen. Und dieser Thukydides rettete mich.

Ich las und las in der Langeweile der Reise seine herrliche Geschichte von der Hellenen Taten in Krieg und Frieden, und nun bemerkte ich mit Staunen, daß der Menschen Tun und Treiben, ihre Leidenschaften, ihre Tugenden und Frevel eigentlich doch viel anziehender und denkwürdiger seien als alle Formeln und Figuren heidnischer Logik – von der christlichen Logik vollends zu schweigen!

Und wie ich nach Ephesos gelangte und durch die Straßen schlenderte, kam plötzlich über mich eine wunderbare Erleuchtung. Denn ich wandelte über einen großen Platz: da stand vor mir die Kirche des heiligen Geistes, und war erbaut auf den Trümmern des alten Dianatempels. Und zur Linken stand ein zerfallner Altar der Isis, und zur Rechten ragte das Bethaus der Juden.

Da ergriff mich plötzlich der Gedanke: ‹Die alle glaubten und glauben nun steif und fest, sie allein wüßten das Rechte von dem höchsten Wesen.

Und das ist doch unmöglich: das höchste Wesen hat, wie es scheint, gar kein Bedürfnis, von uns erkannt zu werden – ich hätte es auch nicht, an seiner Statt! – und es hat die Menschen geschaffen, daß sie leben, tüchtig handeln und sich wacker umtreiben auf Erden. Und dies Leben, Handeln, Genießen und Sichumtreiben ist eigentlich alles, worauf es ankommt. Und wenn einer forschen und denken will, so soll er der Menschen Leben und Treiben erforschen.›

Und wie ich so stand und sann, da schmetterten Trompeten: ein glänzender Reiterzug trabte heran. An seiner Spitze ein herrlicher Mann auf einem Rotscheck, schön und stark wie der Kriegsgott. Und ihre Waffen blitzten, und die Fahnen flogen, und die Rößlein sprangen. Und ich dachte mir: ‹Die wissen, warum sie leben, und brauchen keinen Philosophen darum zu fragen.›

Und wie ich mit verwunderten Augen den Reitern zusah, schlug mich ein Bürger von Ephesos auf die Schulter und sprach: ‹Ihr scheint nicht zu wissen, wer das war, und wohin sie ziehen? Das ist der Held Belisarius, der zieht in den Perserkrieg.› – ‹Gut›, sagte ich, ‹Freund! Und ich ziehe mit!› Und so geschah's zur selben Stunde.

Und Belisarius bestellte mich bald zu seinem Rechtsrat und Geheimschreiber. Und seither habe ich einen doppelten Beruf: bei Tage mach' ich Weltgeschichte oder helfe sie machen, und bei Nacht schreibe ich Weltgeschichte.» – «Und welches ist deine bessere Arbeit?» – «Freund, leider das Schreiben! Und das Schreiben wäre noch besser, wenn die Geschichte besser wäre. Denn ich bin meistens gar nicht einverstanden mit dem, was wir tun: und tu's nur mit, weil's doch besser ist, als gar nichts tun oder philosophieren. Bringe den Tacitus, Sklave!» rief er zu Zelttür hinaus.

«Den Tacitus?»

«Ja, Freund, vom Livius haben wir jetzt genug getrunken. Du mußt wissen: ich nenne meine Weine je nach ihrer geschichtlichen Eigenart. – Zum Beispiel dieses lärmende Stück Weltgeschichte, das wir hier aufführen, dieser Gotenkrieg ist ganz gegen meinen Geschmack: Narses hat ganz recht, erst sollten wir die Perser abwehren, eh wir die Goten angreifen.»

«Narses! Was treibt mein kluger Freund?»

«Er beneidet Belisar und läßt sich's selbst nicht merken. Außerdem macht er Kriegs- und Schlachtenpläne. Ich wette, er hatte Italien schon erobert, ehe wir landeten.»

«Du bist nicht sein Freund. Er ist doch ein hoher Geist. Warum ziehst du Belisar vor?»

«Das will ich dir sagen», sprach Prokop, den Tacitus einschenkend. «Mein Unglück ist, daß ich nicht Geschichtsschreiber Alexanders oder Scipios geworden. Mein ganzes Herz sehnt sich, seit ich der Philosophie – und Theologie! – genesen, nach Menschen, nach dem vollen ganzen Menschen, mit Fleisch und Blut. Da widern mich diese spindeldürren Kaiser und Bischöfe und Feldherrn an, die alles mit dem Verstand erklügeln; wir sind ein verkrüppeltes Geschlecht geworden: die Heroenzeit liegt hinter uns! Nur Belisarius, der Biedre, ist noch ein Heros, wie aus der alten Zeit. Er könnte mit Agamemnon vor Troja liegen. Er ist nicht dumm; er hat Verstand; aber nur den Naturverstand des edlen, wilden Tieres zu seinem Beutefang, zu seinem Handwerk. Belisars Handwerk nun ist die Heldenschaft!

Und ich habe meine Freude an seiner breiten Brust und seinen blitzenden Augen und den mächtigen Schenkeln, mit denen er die stärksten Hengste zwingt. Und mich freut's, wenn ihm manchmal die blinde Lust, dreinzuschlagen, durch alle seine Feldherrnpläne braust. Mich freut's, wenn ich ihn in der Schlacht mitten unter die Feinde jagen sehe und kämpfen, wie ein schäumender Eber haut.

Freilich, sagen darf ich's ihm nicht, daß mir das gefällt; denn sonst wär's nicht auszuhalten: in drei Tagen wär' er in Stücke gehauen. Im Gegenteil; ich halte ihn zurück, ich bin sein Verstand, wie er mich nennt. Und er läßt sich meine Verständigkeit gefallen, weil er weiß, daß sie nicht Feigheit ist. Hab' ich ihn doch mehr als einmal mit meiner Laienklugheit aus einer Verlegenheit ziehen müssen, in die ihn der Trotz seines Heldentums gebracht! Die lustigste dieser Geschichten ist die von Horn und Tuba.»

«Welche von beiden bläsest du, o mein Prokopius?»

«Keine, nur die Posaune des Ruhms und die Pfeife des Spottes!»

«Aber was war's mit Horn und Trompete?»

«Ei, wir lagen vor einem Felsennest in Persien, das wir haben mußten, weil es die Straße beherrscht. Wir hatten uns aber schon mehrmals unsere heroischen Köpfe übel daran zerstoßen, und mein zorniger Herr schwor, ‹bei dem Schlummer Justinians› – das ist nämlich sein höchstes Heiligtum –, er werde nie vor dieser Burg Anglon zum Rückzug blasen lassen. Nun wurden aber unsre Vorposten sehr oft aus der Festung überfallen: wir, im hochgelegenen Lager, konnten die Angreifer aus der Burg brechen sehen, nicht aber konnten das unsre Vorposten am Fuße des Berges. Ich riet nun, daß wir vom Lager aus unsern Leuten das Zeichen zum Rückzug geben lassen sollten, so oft wir die Gefahr ihnen drohen sahen.

Aber da kam ich übel an!

Der Schlummer Justinians sei ein solches Heiligtum, daß man an einem darauf geleisteten Schwur nicht makeln dürfe! Und so mußten sich denn unsre armen Burschen von den Persern unversehens überrumpeln lassen! Bis ich auf den scharfsinnigen Ausweg kam, meinem Helden vorzuschlagen, er solle, um die Unsern zum Rückzug zu mahnen, das Angriffszeichen mit dem Horn, statt mit der Tuba, blasen lassen.

Das leuchtete ihm ein, dem biedern Belisarius.

Und wenn wir nun lustig die Hörner zum Angriff schmettern ließen, liefen unsre Leute schleunigst wie geschreckte Hasen davon! Es war zum Totlachen, jene mutigen Klänge so schnöde wirken zu sehen! Aber es half: Justinians Schlummer und Belisars Eid blieben ungeschwächt, unsre Vorposten wurden nicht mehr abgeschlachtet, und das Felsnest fiel endlich. Also schelt' ich ihn immer spottend aus für seine Heroentaten. Aber im stillen erwärme und erfreue ich mein tiefstes Herz dran: er ist der letzte Heros!»

«Nun», meinte Cethegus, «bei den Goten findest du gar manchen solchen Schlagetot.»

Prokop nickte bedächtig: «Kann auch nicht leugnen, daß ich großes Wohlgefallen habe an diesen Goten. Sind aber doch zu dumm.»

«Wie? Warum?»

«Dumm sind sie, daß sie, anstatt hübsch langsam, Schritt für Schritt, im Zusammenhang mit ihren gelbhaarigen Brüdern, sich gegen uns vorzuschieben – sie wären unaufhaltsam! – in dieses Italien sich ohne allen Verstand vereinzelt hereingedrängt haben, wie ein Stück Holz mitten in einen glimmenden Herd. Daran werden sie untergehen: sie werden verbrennen, du wirst es sehen.» – «Ich hoffe, es zu sehen. Und was dann?» fragte Cethegus ruhig.

«Ja», antwortete Prokop verdrießlich, «was dann! Das ist das Ärgerliche! Dann wird Belisar Statthalter von Italien – denn mit dem Schneckenprinzen dauert es kein Jahr – und er verliert hier seine schönste Kraft, während es Arbeit vollauf gäbe bei den Persern. Und ich werde dann als sein Hofhistoriograph nur zu schreiben haben, wie viele Schläuche Wein wir jährlich vertilgen.»

«Du willst also, wenn die Goten beseitigt sind, Belisar wieder fort haben aus Italien?»

«Freilich! Im Perserland blühn seine Lorbeern und die meinen! Ich sinne schon lange auf ein Mittel, ihn von hier dann wieder fortzubringen.»

Cethegus schwieg. Er freute sich, einen so wichtigen Bundesgenossen für seinen Plan gefunden zu haben. «Und so beherrscht also sein Verstand Prokopius den Löwen Belisar», sagte er laut. – «Nein»! seufzte Prokop, «vielmehr sein Unverstand, sein Weib.» – «Antonina! Sage, weshalb nanntest du sie unglücklich.»

«Weil sie halb ist und ein Widerspruch. Die Natur hat sie zu einem braven, treuen Weib angelegt: und Belisar liebt sie mit der vollen Kraft seiner Heroenseele. Da kam sie an den Hof der Kaiserin. Theodora, diese schöne Teufelin, ist von Natur ebenso zur Buhlschaft angelegt wie Antonina zur Tugend. Die Zirkusdirne hat gewiß noch nie einen Stachel des Gewissens empfunden. Aber ich glaube, sie erträgt es nicht, ein ehrsam Weib in ihrer nächsten Nähe zu haben, das sie verachten müßte. Sie ruhte nicht, bis es ihr gelungen, durch ihr höllisches Beispiel Antoninas Gefallsucht zu wecken. Gewissensqual empfindet diese über ihr Spiel mit ihren Verehrern: denn sie liebt ihren Mann, sie betet ihn an.»

«Und doch? Wie mag ihr ein Held, wie Belisar, nicht genügen?»

«Eben, weil er ein Held ist! Er schmeichelt ihr nicht, bei all seiner Liebe. Sie konnt' es nicht tragen, die Buhler der Kaiserin in Versen, Blumen, Geschenken sich erschöpfen zu sehen und selbst solcher Huldigung zu entbehren. Eitelkeit war ihr Fallstrick. Aber es ist ihr gar nicht wohl bei all dem Getändel.»

«Und ahnt Belisar?» –

«Keinen Schatten! Er ist der einzige im ganzen römischen Kaiserreich, der es nicht weiß, was ihn doch zumeist angeht. Ich glaube, es wäre sein Tod. Und auch deshalb schon darf Belisar nicht hier im Frieden Statthalter von Italien werden. Im Lager, im Getümmel des Krieges, da fehlen dem gefallsüchtigen Weib die Schmeichler und auch die Muße, sie zu hören. Denn, gleichsam zur freiwilligen Buße für jene süßen Verbrechen der heimlichen Gedichte und Blumen – gröberer Schuld ist sie gewiß nicht fähig – überbietet Antonina alle Frauen an Pflichtstrenge; sie ist Belisars Freund, sein Mitfeldherr; sie teilt die Beschwerden und Gefahren des Meeres, der Wüste, des Krieges mit ihm: sie arbeitet mit ihm Tag und Nacht, wenn sie nicht gerade Verse andrer auf ihre schönen Augen liest! – Schon oft hat sie ihn gerettet aus den Schlingen seiner Feinde am Hofe zu Byzanz. Kurz, nur im Krieg, im Lager tut sie gut, da, wo auch seine Größe allein gedeiht.»

«Nun», sprach Cethegus, «weiß ich genug, wie die Dinge hier stehen. Laß mich offen mit dir reden: du willst Belisar nach seinem Sieg aus Italien wieder forthaben; ich auch: du um Belisars, ich um Italiens willen. Du weißt, ich war von jeher Republikaner...»

Da schob Prokop den Becher zur Seite und sah seinen Gast bedeutsam an: «Das sind alle jungen Leute zwischen vierzehn und einundzwanzig Jahren. Aber daß du's noch bist – find' ich sehr – sehr – unhistorisch. Aus diesem italischen Gesindel, unsern höchst liebwerten Bundesgenossen gegen die Goten, willst du Bürger einer Republik machen? Sie sind zu nichts mehr gut als zur Tyrannis!»

«Ich will darüber nicht streiten!» lächelte Cethegus. «Aber vor eurer Tyrannis möcht' ich mein Vaterland bewahren.»

«Kann dir's nicht verdenken!» lächelte Prokop, «die Segnungen unserer Herrschaft sind – erdrückend!»

«Ein eingeborner Statthalter unter dem Schutz von Byzanz genügt zunächst.»

«Jawohl. und dieser würde Cethegus heißen!»

«Wenn's sein muß, – auch das!»

«Höre», sprach Prokop ernsthaft, «ich warne dich dabei nur vor einem. Die Luft von Rom heckt stolze Pläne aus. Man ist dort, als Herr von Rom, nicht gern der Zweite auf Erden. Und glaube dem Historikus: es ist doch nichts mehr mit der Weltherrschaft Roms.»

Cethegus ward unwillig. Er gedachte der Warnung König Theoderichs. «Historikus von Byzanz, meine römischen Dinge kenne ich besser als du. Laß dich jetzt einweihen in unsre römischen Geheimnisse; dann verschaffe mir morgen früh, eh' die Gesandschaft von Rom anlangt, ein Gespräch mit Belisar und – sei eines großen Erfolges gewiß.» Und nun begann er, dem staunenden Prokop mit raschen Strichen ein Bild der Geheimgeschichte der jüngsten Vergangenheit und seine Pläne der Zukunft zu entwerfen, sein letztes Ziel wohlweislich verhüllend.

«Bei den Manen des Romulus!» rief Prokop, als er geendet hatte. «Ihr macht noch immer Weltgeschichte an dem Tiber. Nun, hier meine Hand. Meine Hilfe hast du! Belisar soll siegen, doch nicht herrschen in Italien; darauf laß uns noch einen Krug herben Sallustius leeren!»

Früh am andern Tage vermittelte Prokop seinem Freunde eine Unterredung mit Belisar, von welcher jener sehr befriedigt zurückkam.

«Nun, hast du ihm alles gesagt?» fragte der Historiker.

«Nicht eben alles!» sprach Cethegus mit feinem Lächeln: «Man muß immer noch etwas zu sagen übrig behalten.»

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