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Ein Kampf um Rom

Felix Dahn: Ein Kampf um Rom - Kapitel 68
Quellenangabe
typefiction
booktitleEin Kampf um Rom
authorFelix Dahn
publisherVerlag Werner Dausien
addressHanau
isbn3-7684-4210-1
titleEin Kampf um Rom
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1876
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Zehntes Kapitel

Kaum hatten die Goten den Mauern Roms den Rücken gewendet, so berief Papst Silverius – es war am Tage nach seinem Eide – die Spitzen der Priesterschaft, des Adels, der Beamten und der Bürgerschaft der Stadt in die Thermen des Caracalla zu einer Beratung über Heil und Gedeihen der Stadt des heiligen Petrus. Auch Cethegus war geladen und erschienen.

Mit Unbefangenheit stellte Silverius darauf den Antrag, da endlich die Stunde gekommen sei, das Joch der Ketzer abzuwerfen, eine Gesandtschaft an Belisarius, den Feldherrn des rechtgläubigen Kaisers Justinian, des einzig rechtmäßigen Herrn Italiens, abzuordnen, ihm die Schlüssel der ewigen Stadt zu überreichen und ihm und seinem Heere den Schutz der Kirche und der Gläubigen gegen die Rache der Barbaren zu empfehlen.

Den Gewissenszweifel eines noch sehr jungen Priesters und eines ehrlichen Schmiedemeisters wegen des gestern geleisteten Eides beseitigte er lächelnden Mundes mit der Berufung auf seine apostolische Macht, wie zu binden, so zu lösen, und auf die offenbare Gewalt gotischer Waffen, unter deren Eindruck sie den Schwur geleistet. Darauf ging der Antrag einstimmig durch: und der Papst selbst, Scävola, Albinus und Cethegus wurden als die Gesandten gewählt.

Aber Cethegus widersprach. Schweigend hatte er die Verhandlung mit angehört und sich der Abstimmung enthalten, jetzt stand er auf und sprach: «Ich bin gegen den Beschluß. Nicht wegen des Eides. Ich brauche deshalb apostolische Lösungsgewalt nicht in Anspruch zu nehmen. Denn ich habe nicht geschworen. Aber um der Stadt willen. Das heißt: uns ohne Not dem gerechten Zorn der Goten aussetzen, die wohl einmal wiederkommen können und dann solch offnen Abfall nicht mit apostolischer Lösung entschuldigen werden. Laßt uns gebeten oder gezwungen werden von Belisar: wer sich wegwirft, wird mit Füßen getreten.»

Silverius und Scävola tauschten bedeutsam Blicke.

«Solche Gesinnung», sprach der Jurist, «wird dem Feldherrn des Kaisers gewiß sehr gefallen, kann aber an dem Beschluß nichts ändern. Du gehst also nicht mit uns zu Belisar?»

Cethegus stand auf: «Ich gehe zu Belisar. Aber nicht mit euch», sagte er und ging hinaus.

Als die übrigen die Thermen verlassen, sprach der Papst zu Scävola: «Das gibt ihm den Rest. Er hat sich vor Zeugen gegen die Übergabe erklärt!» – «Und er geht selbst in die Höhle des Löwen.» – «Er soll sie nicht mehr verlassen. Du hast doch die Anklageakte aufgesetzt?» – «Schon längst. Ich fürchtete, er werde die Gewalt in der Stadt an sich reißen: und er geht selbst zu Belisar! Er ist verloren, der Stolze.» – «Amen!» sagte Silverius. «Und so mag jeder untergehen, der in weltlichem Trachten dem heiligen Petrus widerstreitet. Übermorgen um die vierte Stunde machen wir uns auf.»

Aber er irrte, der Heilige Vater: diesmal sollte der Stolze noch nicht untergehen.

Cethegus war sofort nach seinem Hause geeilt, wo der gallische Reisewagen angeschirrt seiner wartete. «Gleich brechen wir auf», rief er dem Sklaven zu, der auf dem vordersten Rosse saß, «ich hole nur mein Schwert.»

Im Vestibulum traf er die Licinier, die ihn ungeduldig erwarteten. «Heut' kam der Tag», rief ihm Lucius entgegen, «auf den du uns so lang vertröstet!» – «Wo ist die Probe deines Vertrauens in unseren Mut, unser Geschick, unsre Treue?» fragte Marcus. – «Geduld!» sprach Cethegus mit erhobenem Zeigefinger und schritt in sein Gemach.

Alsbald kam er wieder, sein Schwert und mehrere Pergamente unterm linken Arm, eine versiegelte Rolle in der Rechten: sein Auge leuchtete: «Ist das äußerste Eisentor der Moles Hadriani fertig?» fragte er. – «Fertig», sprach Lucius Licinius. – «Ist das Getreide aus Sizilien in dem Kapitol geborgen?» – «Geborgen.» – «Sind die Waffen verteilt und die Schanzen am Kapitol vollendet, wie ich befahl?» – «Vollendet», antwortete Marcus. – «Gut. Nehmt diese Rolle. Entsiegelt sie morgen, sowie Silverius die Stadt verlassen, und erfüllt jedes ihrer Worte genau. Es gilt nicht nur mein Leben und das eure –: es gilt Rom! Die Stadt Cäsars wird eure Taten sehen. Geht: auf Wiedersehen!»

Und aus seinen Augen sprühte Feuer in die Herzen der jungen Römer. – «Du sollst zufrieden sein!» – «Du und Cäsar!» riefen sie und eilten hinweg. Mit einem Lächeln, das selten auf seinem Antlitz mit solcher Freudigkeit spielte, sprang Cethegus in seinen Wagen. «Heiliger Vater», sagte er zu sich selbst, «ich bin noch in deiner Schuld für die letzte Versammlung in den Katakomben: ich will sie zahlen! – Die Via latina hinab!» rief er rasch dem Sklaven zu, «und laß die Rosse jagen, was sie können.»

Der Präfekt hatte einen Vorsprung von mehr als einem Tag vor der langsamer reisenden Gesandtschaft. Und er nutzte ihn wohl.

Er hatte in seinem unermüdlichen Geist einen Plan ersonnen, trotz Belisars Landung in Italien doch in Rom Herr und Meister zu bleiben. Und er ging jetzt mit all seiner Umsicht an die Ausführung.

Kaum konnte er erwarten, bis er auf die Vorposten der Byzantiner bei Capua traf, deren Führer, Johannes, ihn durch einige Reiter und seinen eignen jüngeren Bruder, Perseus, nach dem Hauptquartier geleiten ließ. Im Lager angekommen fragte Cethegus nicht nach dem Feldherrn, sondern ließ sich sofort nach dem Zelt des Rechtsrats Prokopius von Cäsarea führen.

Prokopius war sein Studiengenosse in Berytus auf der Juristenschule gewesen: und die beiden bedeutenden Geister hatten sich mächtig angezogen. Aber nicht die Wärme der Freundschaft führte den Präfekten vor allem zu diesem Mann: dieser Mann war der beste Kenner von Belisars ganzer politischer Vergangenheit, wohl auch der Vertraute seiner Pläne für die Zukunft.

Mit Freuden empfing den Jugendfreund Prokopius.

Er war ein Mann von frischem, gesundem Menschenverstand, einer von den wenigen Gelehrten jener Zeit, denen die gekünstelte Bildung in den Rhetorenschulen nicht die Fähigkeit, einfach aufzufassen und gesund zu fühlen, unter den Schnörkeln byzantinischer Gelehrtheit erstickt hatte. Heller Verstand lag auf der offnen Stirn, und in dem noch jugendlich leuchtenden Auge glänzte die Freude an allem Guten.

Nachdem Cethegus Staub und Mühsal der Reise in einem sorgfältigen Bad abgespült, machte sein Wirt, ehe er ihn zur Abendtafel in sein Zelt führte, mit ihm die Runde durch das Lager, ihm die Quartiere der wichtigsten Truppenteile, der bedeutendsten Heerführer weisend und mit ein paar Worten deren Eigenart, Verdienste und oft bunt zusammengesetzte Vergangenheit erläuternd.

Da waren die Söhne des rauhen Thrakiens, Constantinus und Bessas, die sich aus rohem Söldnerhandwerk emporgerungen, tapfre Soldaten, aber ohne Bildung, mit dem ganzen Eigendünkel selbstgemachter Männer: – sie betrachteten sich als Belisars unentbehrliche Stützen und ihn voll ersetzende Nachfolger.

Daneben der vornehme Iberier Peranius, aus dem Königsgeschlecht der Iberier, der feindlichen Nachbarn der Perser, der aus Haß gegen die persischen Überwinder Vaterland und Hoffnung des Thrones aufgegeben und Dienste in des Kaisers Heer genommen hatte.

Dann Valentinus, Magnus und Innocentius, verwegne Führer der Reiterei, Paulus, Demetrius, Ursicinus, die Führer des Fußvolks, Enns, der isaurische Häuptling und Heerführer der Isaurier Belisars, Aigan und Askan, die Führer der Massageten, Alamundarus und König Abocharabus, die Sarazenen, Ambazuch und Bleda, die Hunnen, Arsakes, Amazaspes und Artabanes, die Armenier – der Arsakide Phaza war mit dem Rest der Armenier in Neapolis zurückgelassen worden – Azarethas und Barasmenes, die Perser, Antallas und Cabaon, die Mauren. Sie alle kannte und nannte Prokopius, karg sein Lob, reichlich und mit Behagen spitzen, aber geistvollen Tadel spendend.

Eben wandten sie sich zu dem Quartier des Martinus, des friedlichen Städteverbrenners, zur Rechten, da fragte Cethegus, stehen bleibend: «Und wessen ist das Seidenzelt dort auf dem Hügel, mit den goldnen Sternen und dem Purpurwimpel? Und seine Wachen tragen goldne Schilde?»

«Dort», sprach Prokop, «wohnt Seine unüberwindliche Köstlichkeit, des römischen Reiches Oberpurpurschneckenintendant, Prinz Areobindos, den Gott erleuchte.»

«Des Kaisers Neffe, nicht?»

«Jawohl, er hat des Kaisers Nichte, Projecta, geheiratet: sein höchstes und einziges Verdienst. Er ist hierher gesendet mit der Kaisergarde, uns zu ärgern und dafür zu sorgen, daß wir nicht so leicht siegen. Er ist Belisarius gleichgestellt, versteht vom Krieg so wenig wie Belisar von den Purpurschnecken und soll Statthalter von Italien werden.»

«So», sprach Cethegus.

«Er wollte beim Lagerschlagen sein Zelt durchaus zur Rechten Belisars haben. Wir gaben nicht nach. Zum Glück hat Gott in seiner Allweisheit jenen Hügel zur Lösung unsres Rangstreits schon vor Jahrtausenden hier aufgeworfen: nun lagert der Prinz zwar links, aber höher als Belisarius.» – «Und wessen sind die bunten Zelte dort, hinter Belisars Quartier? Wer wohnt darin?» – «Dort», seufzte Prokop, «ein sehr unglückliches Weib: Antonina, Belisars Gemahlin.» – «Sie unglücklich? Die Gefeierte, die zweite Kaiserin? Warum?» – «Davon ist nicht gut reden in offner Lagergasse. Komm mit ins Zelt, der Wein wird genug gekühlt sein.»

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