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Ein Kampf um Rom

Felix Dahn: Ein Kampf um Rom - Kapitel 62
Quellenangabe
typefiction
booktitleEin Kampf um Rom
authorFelix Dahn
publisherVerlag Werner Dausien
addressHanau
isbn3-7684-4210-1
titleEin Kampf um Rom
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1876
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Viertes Kapitel

Alle Tage zweimal traten so Uliaris und Totila zusammen, berichteten ihre Erfolge, ihre Verluste und prüften ihre Aussichten zur Rettung der Stadt.

Aber am zehnten Tage der Belagerung etwa rasselte Uliaris vor Tagesanbruch auf das Verdeck von Totilas «Admiralschiff», eines morschen Muränenfängers, wo der Seegraf von Neapel, von einem zerfetzten Segel gedeckt, schlief. «Was ist?» rief Totila auffahrend, noch im Traum, «der Feind? Wo?» – «Nein, mein Junge, diesmal ist's noch Uliaris, nicht Belisar, der dich weckt. Aber lange, beim Strahl, wird's nicht mehr dauern.» – «Uliaris, du blutest – dein Kopf ist verbunden!» – «Bah, war nur ein Streifpfeil! Zum Glück kein giftiger. Ich holt' ihn mir heut' nacht. Du mußt wissen: die Dinge stehen schlecht, schlechter als je seit gestern. Der blutige Johannes, Gott hau' ihn nieder, gräbt sich wie ein Dachs an unser Kastell Tiberii, und hat er das, dann gute Nacht, Neapolis! Gestern abend hat er eine Schanze auf dem Hügel über uns vollendet und wirft uns Brandpfeile auf die Köpfe. Ich wollt' ihn heute nacht aus seinem Bau werfen, ging aber nicht. Sie waren sieben gegen einen, und ich gewann nichts damit als diesen Schuß vor meinen grauen Kopf.»

«Die Schanze muß weg», sagte Totila nachsinnend.

«Den Teufel auch, aber sie will nicht!

Allein mehr. Die Bürger, die Einwohner fangen an, schwierig zu werden. Täglich schießt Belisar hundert stumpfe Pfeile mit seinem ‹Aufruf zur Freiheit› herein. Die wirken mehr noch als die tausend scharfen. Schon fliegt hier und da ein Steinwurf von den Dächern auf meine armen Burschen. Wenn das wächst – –! – Wir können nicht mit tausend Mann vierzigtausend Griechen draußen abhalten und dreißigtausend Neapolitaner drinnen: drum meine ich» – und sein Auge blickte finster –

«Was meinst du?»

«Wir brennen ein Stück der Stadt nieder! Die Vorstadt wenigstens...» –

«Damit uns die Leute lieber gewinnen? Nein, Uliaris, sie sollen uns nicht mit Recht Barbaren schelten. Ich weiß ein besser Mittel – sie hungern: ich habe gestern vier Schiffsladungen Öl und Korn und Wein hereingeführt, die will ich verteilen.» – «Ö1 und Korn, meinethalben! aber den Wein, nein! Den fordre ich für meine Goten, die trinken schon lang Zisternenwasser, pfui Teufel!» – «Gut, durstiger Held, ihr sollt den Wein für euch haben.» – «Nun? Und noch keine Botschaft von Ravenna? Von Rom?» – «Keine! Mein fünfter Bote ist gestern fort.» – «Gott hau' ihn nieder, unsern König.»

«Höre Totila, ich glaube nicht, daß wir lebendig aus diesen wurmstichigen Mauern kommen!»

«Ich auch nicht!» sagte Totila ruhig und bot seinem Gast einen Becher Wein.

Uliaris sah ihn an, dann trank er und sagte: «Goldjunge, du bist echt und dein Cäkuber auch. Und muß ich hier umkommen, wie ein alter Bär unter vierzig Hunden, mich freut's doch, daß ich dich dabei so gut kennengelernt: dich und deinen Cäkuber.» Mit dieser rauhen Freundlichkeit stieg der graue Gote vom Verdeck.

Totila schickte den Leuten im Kastell Wein und Korn, und sie labten sich herzlich daran. Als aber Uliaris am andern Morgen aus dem Turm des Kastells lugte, rieb er sich die Augen. Denn auf der Hügelschanze wehte die blaue gotische Fahne. Totila war in der Nacht im Rücken der Feinde gelandet, und hatte das Werk in kühnem Anlauf genommen.

Aber diese neue Keckheit reizte den ganzen Zorn Belisars. Er schwur, den verwegnen Planken ein Ende zu machen um jeden Preis. Höchst erwünscht trafen ihm zur Stunde die vier Kriegsschiffe von Sizilien her auf der Höhe von Neapolis ein. Er befahl, sie sollten sofort in den Hafen von Neapolis dringen und den Seeräubern das Handwerk legen. Stolz rauschten noch am Abend des gleichen Tages die vier mächtigen Trieren heran und legten sich an der Einfahrt des Hafens vor Anker, Belisar selbst eilte mit seinem Gefolge an die Küste und freute sich, die Segel von der Abendsonne vergoldet zu sehen: «Die aufgehende Sonne sieht sie in den Hafen der Stadt fahren trotz jenem Tollkopf», sprach er zu Antoniana, die ihn begleitete, und wandte seinen Schecken zurück nach dem Lager.

Noch hatte er am andern Morgen das Feldbett nicht verlassen – Prokopius, sein Rechtsrat, stand vor ihm und las ihm den entworfenen Bericht an Justinian – da erschien in seinem Zelt Chanaranges, der Perser, der Führer der Leibwächter, und rief: «Die Schiffe, Feldherr, die Schiffe sind genommen.»

Wütend sprang Belisar aus den Decken und rief: «Der soll sterben, der das sagt.»

«Besser wäre es», meinte Prokopius, «der stürbe, der es getan.» – «Wer war es?» – «Ach Herr, der junge Gote mit blitzenden Augen und dem leuchtenden Haar.» – «Totila!» sprach Belisar, «schon wieder Totila.»

«Die Bemannung lag zum Teil am Strand, bei meinen Vorposten, zum Teil schlaftrunken unter Deck. Plötzlich, um Mitternacht, wird's lebendig ringsum, als wären hundert Schiffe aus der Tiefe des Meeres getaucht.» – «Hundert Schiffe! Zehn Nußschalen hat er!» – «Im Augenblick und lang, eh' wir vom Strand zu Hilfe kommen können, sind die Schiffe geentert, die Leute gefangen, eine der Trieren, deren Ankertau nicht rasch zu kappen war, in Brand gesteckt, die andern drei nach Neapolis geführt.»

«Sie sind noch früher in den Hafen gekommen, als du dachtest, o Belisar», sprach Prokopius. Aber Belisar hatte sich jetzt wieder ganz in der Gewalt. «Nun hat der kecke Knabe Kriegsschiffe! Nun wird er unerträglich werden. Jetzt muß ein Ende werden.» Er drückte den prächtigen Helm auf das majestätische Haupt: «Ich wollte die Stadt, die römischen Einwohner schonen: es geht nicht länger. Prokopius, geh und entbiete hierher die Feldherrn Magnus, Demetrius und Constantianus, Bessas und Ennes, und Martinus, den Geschützmeister; ich will ihnen zu tun geben vollauf. Sie sollen ihres Sieges nicht froh werden, die Barbaren, sie sollen Belisar kennenlernen.»

Alsbald erschien im Zelte des Oberfeldherrn ein Mann, der trotz des Brustpanzers, den er trug, mehr einem Gelehrten als einem Krieger glich. Martinus, der große Mathematiker, war eine friedliche, sanfte Natur, die lange im stillen Studium des Euklid ihre Seligkeit gefunden. Er konnte kein Blut sehen und keine Blume knicken. Aber seine mathematischen und mechanischen Studien hatten ihn eines Tages dahin geführt, eine neue Wurfmaschine von furchtbarer Schleuderkraft, wie im Vorbeigehen, zu erfinden; er legte den Plan Belisar vor, und dieser, entzückt, ließ ihn gar nicht mehr in sein Studierzimmer zurück, sondern schleppte ihn sofort zum Kaiser und zwang ihn, «Geschützmeister des Magister Militum per Orientem», d. h. eben Belisars, zu werden; er erhielt einen glänzenden Sold und war kontraktlich verpflichtet, jedes Jahr eine neue Kriegsmaschine herzustellen. Mit Seufzen ersann nun der sanfte Mathematiker jene gräßlichen Zerstörungswerkzeuge, welche die Wälle der Festen, die Tore der Burgen niederschmetterten, unlöschbares Feuer in die Städte der Feinde Justinians schleuderten und Menschen zu vielen Tausenden niederrafften. Er hatte wohl jedes Jahr seine Freude an der mathematischen Aufgabe, die er in unermüdlichem Fleiß sich stellte. Aber war nun die Aufgabe gelöst, so dachte er mit Schaudern an die Wirkungen seiner Gedanken. Mit trauriger Miene erschien er deshalb vor Belisar.

«Martinus, Zirkeldreher», rief dieser ihm zu, «jetzt zeige deine Kunst! Wie viele Katapulten, Ballisten, Wurfmaschinen im ganzen haben wir?» – «Dreihundertfünfzig, Herr!» – «Gut! Verteile sie um unsre ganze Belagerungslinie! Oben im Norden, bei der Porta Capuana und bei dem Kastell, die Mauerbrecher gegen die Wälle! Sie müssen nieder und wären sie Diamant. Vom Mittellager aus richte die Geschosse von oben, im Bogenwurf, in die Straßen der Stadt. Biete alle Kraft auf, setze keinen Augenblick aus, vierundzwanzig Stunden lang! Laß die Truppen sich ablösen. Laß alle Werkzeuge spielen.»

«Alle, Herr?» sprach Martinus. «Auch die neuen? Die Pyroballisten, die Brandgeschosse?» – «Auch die! Die zumeist!» – «Herr, sie sind gräßlich! Du kennst noch ihre Wirkung nicht.» – «Wohlan! Ich will sie kennenlernen und erproben.» – «An dieser herrlichen Stadt? An des Kaisers Stadt? Willst du Justinian einen Schutthaufen erobern?» Die Seele Belisars war edel und groß.

Er war unwillig über sich, über Martinus, über die Goten. «Kann ich denn anders?» zürnte er, «diese eisenköpfigen Barbaren, dieser tolldreiste Totila zwingen mich ja. Fünfmal hab' ich ihnen Ergebung angeboten. Es ist Wahnsinn! Nicht dreitausend Mann stecken in den Wällen. Beim Haupte Justinians! Warum stehen die dreißigtausend Neapolitaner nicht auf und entwaffnen die Barbaren?»

«Sie fürchten wohl deine Hunnen ärger als ihre Goten», meinte Prokop. «Schlechte Patrioten sind sie! Vorwärts Martinus! In einer Stunde muß es brennen in Neapolis.»

«In kürzerer Zeit», seufzte der Geschützmeister, «wenn es denn doch sein muß. Ich habe einen kundigen Mann mitgebracht, der uns viel helfen kann und die Arbeit vereinfachen: er ist ein lebendiger Plan der Stadt. Darf ich ihn bringen?»

Belisar winkte, und die Wache rief einen kleinen, jüdisch aussehenden Mann herein. «Ah, Jochem, der Baumeister!» sprach Belisar. «Ich kenne dich wohl, von Byzanz her. Du wolltest ja die Sophienkirche bauen. Was ward daraus?» – «Mit eurer Gunst, Herr: nichts.» – «Warum nichts?»

«Mein Plan belief sich nur auf eine Million Centenare Goldes: das war der kaiserlichen Heiligkeit zu wenig. Denn je mehr eine Christenkirche gekostet, desto heiliger und gottgefälliger ist sie. Ein Christ forderte das Doppelte und erhielt den Auftrag.»

«Aber ich sah dich doch bauen in Byzanz?»

«Ja, Herr, mein Plan gefiel dem Kaiser doch! Ich änderte ein wenig, nahm die Altarstelle heraus und baute ihm danach eine Reitschule.» – «Du kennst Neapolis genau? Von außen und innen?»

«Von außen und innen. Wie meinen Geldsack.»

«Gut, du wirst dem Strategen die Geschütze richten gegen die Wälle und in die Stadt. Die Häuser der Gotenfreunde müssen zuerst nieder. Vorwärts! Mach deine Sache gut, sonst wirst du gepfählt. Fort!» – «Die arme Stadt!» seufzte Martinus. «Aber du sollst sehen, Jochem, die Pyroballisten, die sind höchst genau – und sie gehen so leicht – ein Kind kann sie loslassen! Und sie wirken allerliebst.»

Und nun begann entlang dem ganzen Lager eine ungeheure und verderbenschwangere Tätigkeit. Die Gotenwachen auf den Zinnen sahen herab, wie die schweren Kolosse, die Maschinen mit zwanzig bis dreißig Rossen, Kamelen, Eseln, Rindern bespannt längs den Mauern hingezogen und auf der ganzen Linie verteilt wurden. Besorgt eilten Totila und Uliaris auf die Wälle und suchten Gegenmaßregeln zu treffen. Säcke mit Erde wurden an den von den Mauerbrechern bedrohten Stellen herabgelassen: Feuerbrände bereitgehalten, die Maschinen, wann sie nahten, in Brand zu stecken; siedendes Wasser, Pfeile, und Steine gegen die Bespannung und die Bedienung gerichtet, und schon lachten die Goten der feigen Feinde, als sie bemerkten, wie die Maschinen, weit außer der gewohnten Schußweite und den Belagerten völlig unerreichbar, Halt machten.

Aber Totila lachte nicht.

Er erschrak, wie die Byzantiner ruhig die Bespannung abschirrten und ihre Maschinen spannten. Noch war kein Geschoß entsandt.

«Nun?» spottete der junge Agila neben Totila. «wollen sie uns von da aus beschießen? Doch lieber gleich von Byzanz her übers Meer! Es wäre noch sicherer!» Er hatte noch nicht ausgeredet, als ein vierzigpfündiger Stein ihn und die ganze Zinne, auf der er stand, herunterschmetterte: Martinus hatte die Tragweite der Ballisten verdreifacht. Totila sah ein, daß sie völlig widerstandslos sich von den Feinden mit Geschossen überhageln lassen mußten.

Entsetzt sprangen die Goten von den Wällen herab und suchten Schutz in den Straßen, den Häusern, den Kirchen. Vergebens! Tausende und Tausende von Pfeilen, Speeren, schweren Balken, Steinen, Steinkugeln sausten und pfiffen im sichern Bogenschuß auf ihre Köpfe: ganze Felstrümmer kamen geflogen und schlugen krachend durch Holzwerk und Getäfel der festesten Dächer, während im Norden, gegen das Kastell unaufhörlich der Sturmbock mit seinen zermürbenden Stößen donnerte. Indes der dichte Hagel der Geschosse buchstäblich die Luft verfinsterte, betäubte das prasselnde Niederfallen der Steine, das brechende Gebälk, die zerschmetterten Zinnen und der Weheschrei der Getroffenen das Ohr mit furchtbarem Lärm. Erschrocken flüchtete die zitternde Bevölkerung in die Keller und Gewölbe ihrer Häuser, Belisar und die Goten um die Wette verfluchend.

Aber noch hatte die bebende Stadt das Ärgste nicht erfahren.

Auf dem Marktplatz, dem Forum des Trajan, nahe dem Hafen, stand ein ungedecktes Haus, eine Art Schiffsarsenal, mit altem wohlgetrocknetem Holz, Werg, Flachs, Teer und dergleichen vollgefüllt. Da kam zischend und dampfend ein seltsames Geschoß gefahren, traf in das Holzwerk, und im Augenblick, da es niederfiel, schlug hellauflodernd die Flamme hervor und verbreitete sich, von dem Schiffsmaterial genährt, mit Windeseile. Jubelnd begrüßten draußen die Belagerer den hochaufwirbelnden Qualm und richteten eifrig die Geschosse nach der Stelle, das Löschen zu hindern.

Belisar ritt zu Martinus heran. «Gut», rief er, «Mann der Zirkel, gut! Wer hat das Geschoß gerichtet?» – «Ich», sprach Jochem, «o ihr sollt zufrieden sein mit mir. Gebt ach! Seht ihr da, rechts von der Brandstätte, das hohe Haus mit den Statuen auf flachem Dach? Das ist das Haus der Valerier, der größten Freunde des Volkes von Edom. Gebt acht! Es soll brennen!»

Und sausend fuhr der Brandpfeil durch die Luft, und bald darauf schlug eine zweite Flamme aus der Stadt gen Himmel.

Da sprengte Prokop heran und rief: «Belisarius, dein Feldherr Johannes läßt dich grüßen: das Kastell des Tiberius brennt, der erste Wall liegt nieder.» Und so war es, und bald standen vier, sechs, zehn Häuser in allen Teilen der Stadt in vollen Flammen.

«Wasser!» rief Totila, durch die brennende Straße nach dem Hafen sprengend, «heraus, ihr Bürger von Neapolis! Löscht eure Häuser. Ich kann keinen Goten von dem Wall lassen. Schafft Fässer aus dem Hafen in alle Straßen! Die Weiber in die Häuser! – Was willst du, Mädchen? Laß mich – du bist's, Miriam? Du hier? Unter Pfeilen und Flammen? Fort, was suchst du?»

«Dich», sprach das Mädchen. «Erschrick nicht. Ihr Haus brennt. Aber sie ist gerettet.»

«Valeria! um Gott, wo ist sie?» – «Bei mir. In unserm dichtgewölbten Turm: dort ist sie sicher. Ich sah die Flammen aufsteigen. Ich eilte hin. Dein Freund mit der sanften Stimme trug sie aus dem Schutt: er wollte mit ihr in die Kirche. Ich rief ihn an und führte sie unter unser Dach. Sie blutet. Ein Stein hat sie verletzt, an der Schulter. Aber es ist ohne Gefahr. Sie will dich sehen. Ich kam, dich zu suchen!»

«Kind, Dank! Aber komm! Komm fort von hier!»

Und rasch faßte er sie und schwang sie vor sich auf den Sattel. Zitternd schlang sie beide Arme um seinen Nacken. Er aber hielt schützend mit der Linken den breiten Schild über ihr Haupt, und im Sturm sprengte er mit ihr durch die dampfende Straße nach der Porta Capuana.

«O jetzt – jetzt sterben – sterben an seiner Brust, wenn nicht mit ihm!» betete Miriam.

Im Turme traf er Valeria, auf Miriams Lager gestreckt, unter Julius' und ihrer Sklavinnen Hut. Sie war bleich und geschwächt vom Blutverlust, aber gefaßt und ruhig. Totila flog an ihre Seite: hochklopfenden Herzens stand Miriam am Fenster und sah schweigend hinaus in die brennende Stadt.

Kaum hatte sich Totila überzeugt, daß die Verwundung ganz leicht, als er aufsprang und rief: «Du mußt fort! Sogleich! In dieser Stunde! In der nächsten vielleicht erstürmt Belisar die Wälle. Ich habe alle meine Schiffe nochmals mit Flüchtenden gefüllt, sie bringen dich nach Cajeta, von da weiter nach Rom. Eile dann nach Taginä, wo ihr Güter habt. Du mußt fort! Julius wird dich begleiten.»

«Ja», sprach dieser, «denn wir haben einen Weg.»

«Einen Weg? Wohin willst du?»

«Nach Gallien, in meine Heimat. Ich kann den furchtbaren Kampf nicht länger mit ansehn. Du weißt es selbst: ganz Italien erhebt sich gegen euch, für eure Feinde: Meine Mitbürger fechten unter Belisar: soll ich gegen sie, soll ich gegen dich meinen Arm erheben? Ich gehe.»

Schweigend wandte sich Totila zu Valeria.

«Mein Freund», sagte diese, «mir ist: der Glückstern unsrer Liebe ist erloschen für immer! Kaum hat mein Vater jenen Eid mit vor Gottes Thron genommen, so fällt Neapolis, die dritte Stadt des Reichs.»

«So traust du unserm Schwerte nicht?»

«Ich traue eurem Schwert, – nicht eurem Glück! Mit den stürzenden Balken meines Vaterhauses sah ich die Pfeiler meiner Hoffnung fallen. Leb' wohl, zu einem Abschied für lange. Ich gehorche dir. Ich gehe nach Taginä.»

Totila und Julius eilten mit den Sklaven hinaus, Plätze in einer der Trieren zu sichern.

Valeria erhob sich vom Lager: da eilte Miriam herzu, ihr die glänzenden Sandalen unter die Füße zu binden.

«Laß, Mädchen! Du sollst mir nicht dienen», sprach Valeria. – «Ich tue es gern», sagte diese flüsternd. «Aber gönne mir eine Frage.» Und mit Macht traf ihr blitzendes Auge die ruhigen Züge Valerias. «Du bist schön und klug und stolz – aber sage mir, liebst du ihn? – Du kannst ihn jetzt verlassen! – Liebst du ihn mit heißer, alles verzehrender, allgewaltiger Glut, liebst du ihn mit einer Liebe wie –»

Da drückte Valeria das schöne, glühende Haupt des Mädchens wie verbergend an ihre Brust: «Mit einer Liebe wie du? Nein, meine süße Schwester! Erschrick nicht! Ich ahnt' es längst nach seinen Berichten über dich. Und ich sah es klar bei deinem ersten Blick auf ihn. Sorge nicht; dein Geheimnis ist wohl gewahrt bei mir; kein Mann soll darum erfahren. Weine nicht, bebe nicht, du süßes Kind. Ich liebe dich sehr um dieser Liebe willen. Ich fasse sie ganz. Glücklich, wer, wie du, in seinem Gefühl ganz aufgehen kann im Augenblick. Mir hat ein feindlicher Gott den vorschauenden Sinn gegeben, der stets von der Stunde nach der Ferne blickt. Und so seh' ich vor uns dunklen Schmerz und einen langen, finstern Pfad, der nicht in Licht endet. Ich kann dir aber den Stolz nicht lassen, daß deine Liebe edler sei als meine, weil sie hoffnungslos. Auch meine Hoffnung liegt in Schutt. Vielleicht wäre es sein Glück geworden, die duftige Rose deiner schönen Liebe zu entdecken: denn Valeria, – fürcht' ich – wird die Seine nie. Doch leb' wohl, Miriam! Sie kommen. Gedenke dieser Stunde. Gedenke mein als einer Schwester und habe Dank, Dank für deine schöne Liebe.»

Wie ein entdecktes Kind hatte Miriam gezittert und vor der Allesdurchschauenden fliehen wollen. Aber diese edle Sprache überwältigte die Scheu ihres Herzens: reich flossen die Tränen über die glühendroten Wangen und heftig preßte sie, vor Scheu und Scham und Weinen bebend, das Haupt an der Freundin Brust.

Da hörte man Julius kommen, Valeria abzurufen.

Sie mußten sich trennen: nur einen einzigen raschen Blick aus ihren innigen Augen wagte Miriam auf der Römerin Antlitz. Dann sank sie rasch vor ihr nieder, umfaßte ihre Knie, drücke einen brennenden Kuß auf Valerias kalte Hand und war im Nebengemach verschwunden.

Valeria erhob sich wie aus einem Traum und sah um sich.

Am Fenster in einer Vase duftete eine dunkelrote Rose.

Sie küßte sie, barg sie an ihrer Brust, segnete mit rascher Handbewegung die trauliche Stätte, die ihr ein Asyl geboten, und folgte dann rasch entschlossen Julius in einer gedeckten Sänfte nach dem Hafen, wo sie noch von Totila kurzen Abschied nahm, ehe sie mit Julius das Schiff bestieg. Alsbald drehte sich dieses mit mächtiger Wendung und rauschte zum Hafen hinaus.

Totila sah ihnen wie träumend nach.

Er sah Valeriens weiße Hand noch Abschied winken: er sah und sah den fliehenden Segeln nach, nicht achtend der Geschosse, die jetzt immer dichter in den Hafen zu rasseln begannen. Er lehnte an einer Säule und vergaß einen Augenblick die brennende Stadt und sich und alles.

Da weckte ihn der treue Thorismut aus seinen Träumen.

«Komm, Feldherr», rief ihm dieser zu, «überall such' ich dich: Uliaris will dich sprechen. – Komm, was starrst du hier in die See unter klirrenden Pfeilen?»

Totila raffte sich langsam auf: «Siehst du», sagte er, «siehst du das Schiff? – Da fahren sie hin! –»

«Wer?» fragte Thorismut.

«Mein Glück und meine Jugend», sprach Totila und wandte sich, Uliaris zu suchen.

Dieser teilte ihm mit, daß er, Zeit zu gewinnen, soeben einen Waffenstillstand auf drei Stunden, den Belisar, um Unterhandlungen zu führen, angetragen, angenommen habe. «Ich werde nie übergeben! Aber wir müssen Ruhe haben, unsere Wälle zu flicken und zu stützen. Kommt denn nirgends Entsatz? Hast du noch keine Nachricht auf dem Seeweg vom König?»

«Keine.»

«Verflucht! Über sechshundert von meinen Goten sind von den höllischen Geschossen gefallen. Ich kann gar die wichtigsten Posten nicht mehr besetzen! Wenn ich nur wenigstens noch vierhundert Mann hätte!»

«Nun», sprach Totila nachsinnend, «die kann ich dir schaffen, denk' ich. In dem Castellum Aurelians auf der Straße nach Rom, liegen vierhundertfünfzig Mann Goten. Sie haben bisher erklärt, vom König Theodahad den unsinnigen, aber strengen Befehl zu haben, nicht Neapolis zu verstärken. Aber jetzt in dieser höchsten Not! – Ich selbst will hin, während des Waffenstillstandes, und alles aufbieten, sie zu holen.»

«Geh nicht! Du kommst erst nach Ablauf des Stillstandes zurück, und die Straße ist dann nicht mehr frei. Du kommst nicht durch.»

«Ich komme durch, mit Gewalt oder mit List, halte dich nur, bis ich zurück bin! Auf, Thorismut, zu Pferd.»

Während Totila mit Thorismut und wenigen Reitern zur Porta Capuana hinausjagte, war der alte Isak, der unermüdlich auf den Wällen ausgeharrt hatte, die Pause des Waffenstillstandes benutzend, in seine Turmklause zurückgekehrt, die Tochter wiederzusehen und sich an Trank und Speise zu laben. Als Miriam Wein und Brot gebracht hatte und ängstlich dem Bericht Isaks von den Fortschritten der Feinde lauschte, erscholl ein hastiger, unsteter Schritt auf der Treppe, und Jochem stand vor dem erstaunten Paar.

«Sohn Rachels, wo kommst du her zu übler Stunde, wie der Rabe vor dem Unglück? Wie kommst du herein? Zu welchem Tor?» – «Das laß du meine Sorge sein. Ich komme, Vater Isak, noch einmal zu fordern deiner Tochter Hand: – zum letztenmal in diesem Leben.»

«Ist jetzt Zeit zu freien und Hochzeit zu machen?» fragte Isak unwillig, «die Stadt brennt, und die Straßen liegen voll Leichen.»

«Warum brennt die Stadt? Warum liegen voll Leichen die Straßen? Weil die Männer von Neapolis halten zu dem Volk von Edom. Ja, jetzt ist Zeit zu freien. Gib mir dein Kind, Vater Isak, und ich rette dich und sie. Ich allein kann's.» Und er griff nach Miriams Arm.

«Du mich retten?» rief diese, mit Ekel zurücktretend. «Lieber sterben!»

«Ha, Stolze!» knirschte der grimmige Freier, «du ließest dich wohl lieber retten von dem blondgelockten Christen? Laß sehen, ob er dich retten wird, der Verfluchte, vor Belisar und mir. Ha, bei den langen, gelben Haaren will ich ihn durch die Straßen schleifen und spucken in sein bleich Gesicht.»

«Hebe dich hinweg, Sohn Rachels», rief Isak, aufstehend und den Spieß fassend. «Ich merke, du hältst zu denen, die da draußen liegen! Aber das Horn ruft, ich muß hinab; das jedoch sag' ich dir; noch mancher unter euch wird rücklings fallen, eh' ihr steigt über diese morscher Mauern.»

«Vielleicht», grinste Jochem, fliegen wir drüber wie die Vögel der Luft. Zum letztenmal, Miriam, ich frage dich: laß diesen Alten, laß den verfluchten Christen: – ich sage dir, der Schutt dieser Wälle wird sie bald bedecken. Ich weiß, du hast ihn getragen im Herzen: – ich will dir's verzeihen –, nur werde jetzt mein Weib.» Und wieder griff er nach ihrer Hand. – «Du mir meine Liebe verzeihn? Verzeihn, was so hoch über dir wie die leuchtende Sonne über dem schleichenden Wurm? Wär ich's wert, daß ihn je mein Auge gesehen, wenn ich dein Weib würde? Hinweg, hinweg von mir!»

«Ha», rief Jochem, «zu viel, zu viel! Mein Weib – du sollst es nimmer werden! Aber winden sollst du dich in diesen Armen, und den Christen will ich dir aus dem blutenden Herzen reißen, daß es zucken soll in Verzweiflung. Auf Wiedersehen.»

Und er war aus dem Hause und alsbald aus der Stadt verschwunden.

Miriam, von bangen Gefühlen bedrängt, eilte ins Freie. Es trieb sie zu beten: aber nicht in der dumpfen Synagoge, sie betete ja für ihn: und es drängte sie, zu seinem Gott zu beten. Sie wagte sich scheuen Fußes in die nahe Basilika Sankt Mariä, aus der man an Friedenstagen oft die Jüdin mit Flüchen verscheucht hatte. Aber jetzt hatten die Christen keine Zeit zu fluchen.

Sie kauerte sich in eine dunkle Ecke des Säulenganges und vergaß in heißem Gebet bald sich selbst und die Stadt und die Welt: sie war bei ihm und bei Gott. –

Inzwischen verlief die letzte Stunde der Waffenruhe; schon neigte sich die Sonne dem Meeresspiegel zu. Die Goten flickten und stopften nach Kräften die zertrümmerten Mauerstellen, räumten den Schutt und die Toten aus dem Wege und löschten die Brände. Da lief die Sanduhr zum drittenmal ab, während Belisar vor seinem Zelte seine Heerführer versammelt hielt, des Zeichens der Übergabe auf dem Kastell des Tiberius harrend. «Ich glaub' es nicht!» flüsterte Johannes zu Prokop. «Wer solche Streiche tut, wie ich von jenem Alten gesehen, gibt die Waffen nicht ab. Es ist auch besser so: da gibt's einen tüchtigen Sturm und dann eine tüchtige Plünderung.»

Und auf der Zinne des Kastells erschien Graf Uliaris und schleuderte trotzig seinen Speer unter die harrenden Vorposten.

Belisar sprang auf «Sie wollen ihr Verderben, die Trotzigen; wohlan, sie sollen's haben. Auf, meine Feldherrn, zum Sturm. Wer mir zuerst unsre Fahne auf den Wall pflanzt, dem geb' ich ein Zehntel der Beute.»

Nach allen Seiten eilten die Anführer auseinander: Ehrgeiz und Habsucht spornten sie. Eben bog Johannes um die zerstörten Bogen des Aquädukts, welchen Belisar durchbrochen, den Belagerten das Wasser zu entziehen, da rief ihn eine leise Stimme.

Schon dämmerte es so stark, daß er nur mit Mühe den Rufenden erkannte. «Was willst du, Jude?» rief Johannes eilig. «Ich habe keine Zeit! Es gilt harte Arbeit! Ich muß der Erste sein in der Stadt.»

«Das sollt, ihr, Herr, ohne Arbeit, wenn ihr mir folgt.»

«Dir folgen? Weißt du einen Weg über die Mauer durch die Luft?»

«Nein! Aber unter der Mauer, durch die Erde. Und ich will ihn euch zeigen, wenn ihr mir tausend Solidi schenkt und ein Mädchen zur Beute zusprecht, das ich fordre.»

Johannes blieb stehen: «Was du willst, sei dein. Wo ist der Weg?» – «Hier!» sagte Jochem und schlug mit der Hand auf die Steine. – «Wie? die Wasserleitung? Woher weißt du?» – «Ich habe sie gebaut. Ein Mann kann, gebückt, durchschleichen; es ist kein Wasser mehr drin. Eben komme ich auf diesem Wege aus der Stadt. Die Leitung mündet in einem alten Tempelhaus an der Porta Capuana; nimm dreißig Mann und folge mir.»

Johannes sah ihn scharf an. «Und wenn du mich verrätst?»

«Ich will zwischen euren Schwertern gehen. Lüge ich, so stoßt mich nieder.» – «Warte!» rief Johannes und eilte hinweg.

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