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Ein Kampf um Rom

Felix Dahn: Ein Kampf um Rom - Kapitel 61
Quellenangabe
typefiction
booktitleEin Kampf um Rom
authorFelix Dahn
publisherVerlag Werner Dausien
addressHanau
isbn3-7684-4210-1
titleEin Kampf um Rom
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1876
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Drittes Kapitel

In diesen ersten Tagen der Belagerung empfand auch Miriam die höchsten Freuden und die höchsten Schmerzen ihrer Liebe.

Häufiger als je konnte sie sich in des Geliebten Anblick sonnen: denn die Porta Capuana war ein wichtiger Punkt der Befestigung, den der Seegraf oft besuchen mußte. In der Turmstube des alten Isak hielt er täglich mit Graf Uliaris den traurigen Kriegsrat. Dann pflegte Miriam, wann sie die Männer begrüßt und das schlichte Mahl von Früchten und Wein auf den Tisch gestellt, hinunterzuschlüpfen in das enge Gärtlein, das dicht hinter der Turmmauer lag. Der Raum war ursprünglich ein kleiner Hof im Tempel der Minerva, der Mauerbeschützerin, gewesen, der man gern an den Haupttoren der Städte einen Altar errichtete.

Seit Jahrhunderten war der Altar verschwunden: aber noch ragte hier der alte, mächtige Olivenstamm, der einst die der Göttin geweihte Statue beschattet hatte: und ringsum dufteten die Blumen, die Miriams liebevolle Hand hier gepflegt und oft für die Braut des Geliebten gebrochen hatte. Gerade gegenüber dem riesigen Ölbaum, dessen knorrige Wurzeln über die Erde hervorstarrten und eine dunkle Öffnung in den Erdgeschossen des alten Tempels zeigten, war von dem Christentum ein großes, schwarzes Holzkreuz angebracht über einem kleinen Betschemel, der aus einer Marmorstufe des Minervatempels gebildet war – man liebte, die Stätten des alten Gottesdienstes dem neuen zu unterwerfen und die alten Götter, die jetzt zu Dämonen geworden, durch die Sinnbilder des siegreichen Glaubens zu verscheuchen.

Unter diesem Kreuz saß das schöne Judenmädchen oft stundenlang mit der alten Arria, der halbblinden Witwe des Unterpförtners, die, nach dem frühen Tod von Isaks Weib, wie eine Mutter das Heranblühen der kleinen Miriam mit ihren Blumen in dem öden Gestein der alten Mauern überwacht hatte. Da hatte diese viele Jahre lang still lauschend zugehört, wie die fromme Alte in fleißigem Gebet zu dem Gott der Christen flehte: und unwillkürlich war so mancher Strahl der mildern, hellern Liebeslehre des Nazareners in das Herz der Heranwachsenden gedrungen.

Jetzt, da Alter und Erblindung die Witwe hilfsbedürftig gemacht, vergalt Miriam mit liebevoller Treue der Pflegerin ihrer Kindheit. Mit Rührung nahm Arria diese Treue hin, ihr altes Herz umschloß mit Dank und Liebe und Mitleid das herrliche Geschöpf, dessen mächtige Liebe zu dem jungen Goten sie längst erkannt und beklagt, aber nie gegenüber der scheuen Jungfrau berührt hatte.

Am Abend des dritten Tages der Belagerung schritt Miriam nachdenklich die breiten Mauerstufen nieder, die von der Turmpforte in den Garten führten: ihr edles, seelentiefes Auge glitt, in ernstes Sinnen verloren, über die duftigen Blumen der Beete hin: auf der letzten Stufe blieb sie träumend stehen, die linke Hand auf den Mauerrand lehnend. Arria kniete auf dem Betschemel ihr den Rücken wendend, und betete laut. Sie würde die Nahende nicht bemerkt haben, wenn nicht geflügeltes Leben plötzlich den stillen Hof beseelt hätte: denn in den breiten Zweigen der Olive nisteten die schönsten, weißen Tauben, der einsamen Miriam einzige Gespielinnen. Als diese die vertraute Gestalt auf den Stufen erscheinen sahen, erhoben sie sich alle, in schwirrendem Flug ihr Haupt umschwärmend; eine ließ sich auf des Mädchens linke Schulter nieder, die andre auf das feine Gelenk der Rechten, die Miriam, aus ihrem Traume geweckt, lächelnd ausstreckte.

«Du bist's, Miriam! Deine Tauben verkünden dich!» sprach Arria sich wendend. Und das schöne Mädchen stieg die letzte Stufe nieder, langsam, die Vögel nicht zu verscheuchen; die Abendsonne fiel durch die Blätter der Olive auf ihre pfirsich-roten Wangen: es war ein lieblich Bild.

«Ich bin's, Mutter!» sagte Miriam, sich zu ihr setzend. «Und ich hab' eine Bitte. Wie lautet», fragte sie leiser, «dein Spruch vom Leben nach dem Tode, dein Glaubensspruch? – ‹ich glaube an die Gemeinschaft›.»

«An die Gemeinschaft der Heiligen, Auferstehung des Fleisches und ein ewiges Leben. – Wie kommst du auf diese Gedanken?

«Ei nun», sagte Miriam, «mitten im Leben stehen wir im Tode, sagt der Sänger von Zion. Und jetzt wir besonders! Fliegen nicht täglich Pfeile und Steine in die Straßen. Aber ich will noch Blumen pflücken!» sprach sie wieder aufstehend.

Arria schwieg einen Augenblick. «Jedoch der Seegraf war heute schon da, mir ist, ich hätte seine helle Stimme gehört.»

Miriam errötete leicht. «Sie sind nicht für ihn» sprach sie dann ruhig «für sie.» – «Für sie?» – «Ja, für seine Braut. Ich habe sie heute zum erstenmal gesehen. Sie ist sehr schön. Ich will ihr Rosen schenken.» – «Du hast sie gesprochen? Wie ist sie geartet?»

«Nur gesehen, sie bemerkte mich nicht. Ich schlich schon lange um den Palast der Valerier, seit sie hier ist. Heute ward sie in die Sänfte gehoben, sie ward in die Basilika getragen. Ich lehnte hinter der Säule ihres Hauses.»

«Nun, ist sie seiner würdig?»

«Sie ist sehr schön. Und vornehm. Und klug sieht sie aus: auch gut. Aber», seufzte Miriam, «nicht glücklich. Ich will ihr Rosen schenken. Mutter», sagte sie, nach einiger Zeit sich wieder mit ihren duftigen Blumen zu ihr setzend, «was bedeutet das: die Gemeinschaft der Heiligen. Sollen nur die Christen dann beisammen leben? Nein, nein!» fuhr sie fort, ohne die Antwort abzuwarten, «das kann nicht sein. Entweder alle, alle Guten oder» – und sie seufzte. «Mutter, in den Büchern Mosis steht nichts davon, daß die Menschen erwachen aus dem Tode. Oh, und es wäre auch so schrecklich nicht», sprach sie, die Rosen zusammenfügend, «endlich ausruhn! Ganz ausruhn! In süßer, stiller, traumloser Nacht. Ausruhn vom Leben! Denn gibt es Leben ohne Schmerz? Ohne Sehnen? Ohne leisen, niegestillten Wunsch? Ich kann's nicht denken.»

Und sie hielt inne im Flechten ihres Kranzes und stützte das Haupt auf das Handgelenk. Die Tauben flogen weg: denn die Herrin achtete ihrer nicht.

«Den Seinen hat der Herr», sprach Arria feierlich, «die selige Stätte bereit: sie werden nicht mehr hungern noch dürsten. Es wird auch nicht auf sie fallen die Sonne, oder irgendeine Hitze. Denn Gott der Herr wird sie leiten zu dem lebendigen Wasserbrunnen und abwischen alle Tränen von ihren Augen.»

«Alle Tränen von ihren Augen», sprach Miriam nach. «Rede weiter. Es klingt so gut.»

«Dort werden sie leben, wunschlos, den Engeln gleich, und sie werden Gott schauen, und sein Friede wird Palmenschatten über sie breiten, sie werden vergessen Haß und Liebe und Schmerz und alles, was ihre Herzen bewegt auf Erden. Und ich habe viel gebetet, Miriam, für dich; und auch deiner wird sich der Herr erbarmen und dich versammeln zu den Seinen.»

Aber Miriam schüttelte leise das Haupt. «Nein. Arria, da ist fast besserer Trost der ewige Schlaf. Denn wie kann deine Seele lassen von dem, was deiner Seele Leben ist? Wie kannst du abtun dein tiefstes Sein und doch dieselbe bleiben? Wie soll ich selig sein und vergessen, was ich liebe? Ach, nur das, daß wir lieben, ist ja des Lebens wert. Und hätt' ich zu wählen: hier alle Seligkeit des Himmels und sollte abtun meines Herzens einzig Gut, oder behalten meines Herzens Liebe mit all ihrer ewigen Sehnsucht – ich neidete den Seligen ihren Himmel nicht. Ich wählte meine Liebe und mein Weh.»

«Kind, sprich nicht so! Lästre nicht. Sieh, was geht über Mutterliebe? Nichts auf Erden! Doch wird auch die im Himmel nicht mehr leben! Die Liebe, die das Mädchen zieht zum Mann, sie ist ein Traum von Gold. Mutterliebe ist ein ehern Band, das ewig schmerzend bindet. O mein Jucundus, mein Jucundus! Möchtest du bald wiederkommen, daß ich dich noch schauen kann hienieden, eh meine Augen volle Nacht bedeckt. Denn droben im Himmelreich wird auch die Mutterliebe untergehen in der ewigen Liebe Gottes und der Heiligen. Und doch möcht ich ihn noch einmal fassen und umfangen und mit den Händen betasten sein geliebtes Haupt. Und höre nur, Miriam: ich hoffe und vertraue, bald, bald werd' ich ihn wiedersehen.»

«Du darfst mir nicht sterben, Arria.» – «Nein, so mein' ich's nicht! Hier auf Erden noch muß ich ihn wiedersehen. Ich muß ihn wiederkommen sehen des Weges, den er gegangen.»

«Mutter», sagte Miriam sanft, wie man einem Kinde einen Wahn ausredet, «wie magst du noch immer daran glauben! Dein Jucundus ist seit dreißig Jahren verschwunden!»

«Und doch kann er wiederkommen! Es ist nicht möglich, daß der Herr all meiner Träume nicht achtet, all meiner Gebete. Was war er für ein braver Sohn! Mit seiner Hände Arbeit ernährte er mich, bis er erkrankte und Axt und Schaufel nicht mehr führen konnte, und wir litten Not. Da sprach er: ‹Mutter, ich kann's nicht mehr ansehen, daß du darbest. Du weißt, in den Gängen des alten Tempels, dort unter dem Olivenstamm, sind Schätze der Heidenpriester vergraben: der Vater drang einmal hinein und brachte eine goldene Spange zurück. Ich will hineinschlüpfen, so tief ich kann, ob ich von dem verborgnen Gold nichts finde, und Gott wird mich beschützen.› – Und ich sagte Amen. Denn die Not war schwer: und ich wußte wohl, der Herr werde den frommen Sohn der Witwe behüten.

Und wir beteten miteinander eine Stunde, hier vor dem Kreuz. Und dann erhob sich mein Jucundus und drang in die Höhlung dort unter den Wurzeln der Olive. Ich horchte dem Schall seiner Bewegungen, bis er verhallte.

Er ist noch immer nicht zurückgekommen.

Aber tot ist er nicht! O nein! Kein Tag vergeht, daß ich nicht denke: heut' führt ihn Gott zurück. War nicht auch Joseph fern lange Jahre im Ägyptenland? Und doch haben Jakobs Augen ihn wiedergesehen. Und mir ist, heut' oder morgen sehe ich ihn wieder. Denn heut nacht im Traum hab' ich ihn gesehen, wie er im weißen Gewand heraufschwebte aus der Höhlung dort: und beide Arme breitete er aus, und ich rief ihn beim Namen, und wir waren vereint auf ewig. Und so wird's werden: denn der Herr erhöret das Flehen der Betrübten, und wer ihm traut, wird nicht zuschanden werden.»

Und die Alte erhob sich, drückte Miriams Hand und ging in ihr kleines Häuschen.

Allmählich war der Mond voll aufgegangen und erhellte zauberisch das enge Gärtchen, in das des Turmes schwere Schatten fielen: und stark dufteten die Rosen. Miriam stand auf und blickte an dem Kreuz empor. «Welch mächtiger Glaube! Welch lebendiger Trost! Welch milde Lehre! Ist es so? Ist der Mann, der dort am Kreuz in Todesweh das Haupt gebeugt, ist es der Messias? Ist er aufgefahren gen Himmel und sorget für die Seinen, wie ein Hirt, der seine Lämmer weidet? – – – Ich aber zähle nicht zu seiner Herde! An jenem Trost hat Miriam keinen Teil. Mein Trost ist meine Liebe mit all ihrem Weh: sie ist meine Seele selbst geworden. Und ich sollte einst dort oben über den Sternen hinschweben, ohne diese Liebe? Dann wär' ich nicht Miriam mehr! Oder soll ich sie mit hinauftragen, und wieder zurückstehen? Und wieder durch alle Ewigkeit die Römerin an seiner Seite sehen? Sollen sie dort wohnen und wandeln in der Fülle des Glanzes und ich im trüben Nebel einsam folgen und nur von ferne leuchten sehen den Saum seines weißen Gewandes? Nein, o nein, viel besser, wie meine Blumen hier, erblühen am Sonnenblick der Liebe, duften und glühen eine kurze Weile, bis sie die Sonne versengt, die sie geweckt und geopfert hat, und verwehen in ewige Ruhe, nachdem der weiche, süße, unselige Drang nach dem Lichte gebüßt...» –

«Gute Nacht, Miriam, lebe wohl!» rief eine melodische Stimme.

Und fast erschrocken blickte sie auf: und sah noch des Goten weißen Mantel vor der Treppe um die Ecke verschwinden. Uliaris ging nach der entgegengesetzten Seite. Rasch sprang sie die Stufen hinan und sah dem weißen Mantel, der silbern im Mondlicht glänzte, nach, lang, lang, bis er verschwand im fernen Schatten.

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